Lügen, Vorurteile, Generalverdacht – So wird sexualisierte Gewalt im TV diskutiert

Beim ARD gönnt man sich was, nämlich heute den Themenabend zu „Sexuelle Nötigung, Lügen, Vorurteile“. Quasi als lauwarmer Aufguss des 2013er-Sexismus-Talkshow-Fails diskutiert Maischberger mit ihren Gästen dazu unter der Überschrift: „Sexuelle Nötigung – Männer unter Generalverdacht?“. Ihre Anmoderation aus #aufschrei-Zeiten kann sie da sicher auch direkt recyclen, hieß es damals so wunderbar am Kern vorbei: „Wir wollen ein Thema aufgreifen, bei dem man zwischendurch das Gefühl hatte, es gibt ein grundsätzliches Missverständnis zwischen Männern und Frauen.“

Lügen, Vorurteile, Generalverdacht. So werden Debatten rund um sexualisierte Gewalt in Deutschland gern gerahmt. Dazu möchte man gern eine Zahl in Erinnerung rufen: acht Prozent. Acht Prozent betrug im Jahr 2012 die Verurteilungsquote bei angezeigten Vergewaltigungen (von den vielen aus unterschiedlichsten Gründen nie angezeigten Fällen ganz zu schweigen). Accalmie schrieb dazu:

Pfeiffer [vom Kriminologischen Forschungsinstitut] begründet diesen Umstand zum einen mit der „Überlastung von Polizei und Staatsanwaltschaft“, zum anderen mit der vermehrten Anzahl von Vergewaltigungen im familiären Umfeld, die schwieriger zu beweisen seien. Darüber hinaus spricht Pfeiffer von „gesteigerter Anzeigebereitschaft“ von Frauen, die sich – so Pfeiffer – „nichts mehr gefallen lassen“ würden. Die Ironie, dass die Basis für die Normalisierung einer Kultur, in der Vergewaltigung nur dann als Straftat gilt, wenn das Vergewaltigungsopfer einen ganzen Katalog an Voraussetzungen erfüllt, die sich mit dem zuerst einsetzenden Victim Blaming vereinbaren lassen (…), auch in diesem Interview aufrecht erhalten wurde, blieb Pfeiffer dabei leider verborgen.

Ob Maischberger diesen Dingen heute auf den Grund gehen wird? Das Line-Up (und der gesetzte) Rahmen lässt da nur bedingt Hoffnung zu. Als Anti-Feministin, ist dieses Mal nicht Birgit Kelle in der Runde sondern die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen, die besonders dank ihres Einsatz für Jörg Kachelmann in schlechter Erinnerung ist. Die Rolle der älteren Feministin (?) wird statt mit Alice Schwarzer mit der ehmaligen Frauenbeauftragten Anja Keinath besetzt, die aber von einem Fall einer vermeintlichen Falschbeschuldigung, bei der sie sich für die Rehabilitierung des Verurteilten einsetzte, erzählen wird. Auf genau diesen Fall rekurriert übrigens auch der Spielfilm, der in den Themenabend einleitet. Denn theoretisch mögliche Falschbeschuldigungen werden immer sehr viel lieber diskutiert, als die wenigen Möglichkeiten, die Betroffene sexualisierter Gewalt haben, irgendeine Art von Gerechtigkeit zu erfahren. Nu damit dann in regelmäßigen Abständen alle ™ sich ganz überrascht gerieren, warum Betroffene nicht anzeigen oder zu mindestens etwas sagen.

Als Feministin einer jüngeren Generation wurde Katharina Messmer mit Teresa Bücker, der Chefredakteurin von Edition F, ersetzt. (Und jetzt träumen wir einmal von einer Talkshow in der ausschließlich Feminist_innen, die aus unterschiedlichen Positionierungen und mit unterschiedlichen Lebenswelten und Erfahrungen, über die Thematik diskutieren – gerade auch gegen den bereits heteronormativen Drall der Debatte, mit Blicke auf Rassismus, Ableismus und Transfeindlichkeit.) Auch wieder gibt es die Journalismus-Perspektive, dieses Mal aber glücklicherweise nicht mit einem Jan Fleischauer besetzt, sondern mit Marlene Lufen, die tatsächlich auch zum Thema sexualisierte Gewalt gearbeitet hat. Und dann gibt es den obligatorischen Schauspieler-Dude (denn eine Fernsehdebatte, in der kein Typ vorkommt ist und bleibt undenkbar): Heiner Lauterbach hat sich 2013 mit keinerlei Ruhm bekleckert, Hannes Jaenicke hingegen gibt wenigstens schon einmal zu Protokoll, dass er an Sexismus glaubt und das Problem erkennt, dass sich viele (aus guten Gründen) nicht trauen anzuzeigen.

Maischberger diskutiert gern ergebnisoffen über Gewalt, ob nun 2013 zu #aufschrei und Sexismus oder 2014 zu den hetero- und cissexistischen Diskussionen rund um den Bildungsplan. Hier geht es nicht um produktive Diskussionen, sondern darum, dass es möglichst knallt (immer schön auf dem Rücken der Betroffenen). Deshalb diskutiert man natürlich auch lieber über das Feld der Falschbeschuldigungen als darüber, was denn gegen die hohen Raten sexualisierter Gewalt und deren Normalisierung gemacht werden könnte. Wenn die Sender nun schon immer noch keine Lust haben auf solch sinnvolle Auseinandersetzungen, dann könnten sie doch wenigstens Nadias Vorschläge aus 2013 für Alternativsendungen umsetzen. Dann hätten wir zu mindest einen Abend lang was zu lachen.

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