Einträge der Rubrik ‘Zeitgeschehen’


Servicewüste Feminismus Ep. 2: Aktion gegen Vergewaltiger, mit Rechten reden, Fa(t)shionista sein

23. Oktober 2017 von Charlott

Servicewüste Feminismus? Einmal im Monat – quasi auf dem Silbertablett präsentiert – sprechen Mädchenmannschafts-Redakteur_innen über aktuelle Themen, Ideen für feministische Interventionen und Dinge, die wir gerade super finden. Ihr könnt den RSS-Feed oder direkt bei iTunes den Podcast abonnieren.

In der zweiten Folge diskutieren Magda und Charlott, welche Interventionen gegen Täter_innen sexualisierter Gewalt sinnvoll sind und wann das Mantra „Nicht mit Rechten reden“ angemessen und wann fehlgeleitet ist. Außerdem spricht Magda über ihr bald erscheinendes Buch „Fa(t)shionista. Rund und glücklich durchs Leben“, den Schreibprozess und Zielgruppen. Anschließend empfehlen Charlott und Magda ein paar weitere Bücher, die sie in diesem Jahr mit Freude gelesen haben. (Aufnahme: 17.10./ Download)

Feministische Intervention: Demos vorm Haus und Plakataktion gegen Vergewaltiger (0O:00-11:02)

Thema 1: Mit Rechten reden? (11:03-28:26)


Thema 2: Fa(t)shionista (28:27-42:16)

Lieblingsdinge: Buchempfehlungen (42:17-52:31)


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Auch eine Obergrenze, die nicht Obergrenze heißt, ist rassistischer Mist

9. Oktober 2017 von Charlott

Damit ist CSU-Mann Horst Seehofer in den Wahklkampf gezogen: Es braucht eine Obergrenze für die Aufnahme geflüchteter Menschen. In der Wahlkabine hat diese Forderung schon einmal nur so halb gut funktioniert, da dann die Leute doch lieber gleich das Orginal, die AfD, gewählt haben, aber so schön eingerichtet rechts außen, lässt es sich auch schwer wieder woanders hingehen. Die Obergrenze ist und bleibt das, wofür die Seehofer-CSU stehen möchte.

Gestern nun haben sich CDU und CSU geeinigt. Das Wort Obergrenze ist raus, aber die Zahl 200.000, die Seehofer mantramäßig vortrug, ist drin. Nun heißt es konkret:

Wir wollen erreichen, dass die Gesamtzahl der Aufnahmen aus humanitären Gründen (Flüchtlinge und Asylbewerber, subsidiär Geschützte, Familiennachzug, Relocation und Resettlement, abzüglich Rückführungen und freiwillige Ausreisen künftiger Flüchtlinge) die Zahl von 200.000 Menschen im Jahr nicht übersteigt.

CDU/CSU formulieren also „wollen erreichen“ anstatt des starren Worts Obergrenze, es gibt Argumentationsspielraum, wenn die 200.000 aus Gründen überstiegen wird. Doch sich über diese marginale Anpassung zu freuen, wäre absolut falsch. Dass wir heute so nonchalant über Obergrenzen und konkrete Zahlen diskutieren, zeigt weiter, wie es in Deutschland um Asylpolitik bestellt ist. Dass eigentlich Asyl ein Grundrecht, ein Menschenrecht ist, daran mag sich hier so ziemlich niemand mehr erinnern. Und muss ja auch nicht: Die 90er-Jahre bereits brachten die de facto Abschaffung des Rechts auf Asyl in Deutschlands mit sich, seitdem wird munter weiter reguliert, Länder als sicher definiert, auf FRONTEX gesetzt, Menschen als unglaubwürdig befunden. Asyl wird selten als Recht der Geflüchteten diskutiert, sondern eigentlich immer als etwas einzuschränkendes und abzuwendenes.

Dass die Zahlen der Menschen, die in Deutschland sich als Geflüchtete registrieren, nach einem Hoch im Jahr 2015, eh bereits in 2016 und noch mehr in 2017 gesunken sind, soll dabei nur eine Fußnote bleiben. Denn bei der Forderung um eine Obergrenze (und auch bei der „weicheren“ Formulierung) geht es zum einen wenig um konkrete Realitäten, zum anderen sind und bleiben Menschenleben offensichtlich Verhandlungssache. Mit solchen Politiken und Rhetoriken geht es vor allem ums Zeichensetzen mit Blick nach Rechts. Und weiter nach rechts. Und ganz rechts außen.

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Deutschland ist sich einig.

3. Oktober 2017 von Nadine

Jedes Jahr klopft man sich zum Tag der Deutschen Einheit wieder auf die Schulter, dass es die DDR zum Glück nicht mehr gibt, wird sich „mmmmhhh“-nend zunicken bei der Aussage, dass die Angleichung zwischen Ost und West noch nicht vollständig vollzogen ist und wird im Fernsehen mit Dokumentationen zugeschüttet von jubelnden Menschen an und auf der Mauer oder Genscher auf dem Balkon. Theoretisch kann feminist_in jedes Jahr zum 3.10. oder 9.11. May Ayim zitieren. Deutschland, eine Feier in weiß.

Und auch in diesem Jahr, wenige Tage nachdem das erste Mal seit der NS-Zeit wieder Nazis mit eigener Fraktion im Bundestag sitzen und man überall das Problem vermutet, nur nicht im gesamtdeutschen Rassismus, seiner Geschichte und dem unverantwortlichen Umgang damit. Deutschland ist sich einig.

Trotz aller (noch) bestehenden Unterschiede. Nach der Wahl haben alle Parteien bis auf die Linke beschlossen, dass man sich jetzt doch (endlich!!) den Problemen der „Flüchtlingsfrage“ und inneren Sicherheit zuwenden müsse. Deutschland schreit nach mehr Rassismus, Deutschland liefert ihn. Pflichtbewusst, ordentlich, pünktlich, effizient. Rassismus gegen Rechts und wem das aus der bürgerlichen Mitte an manchen Stellen dann doch etwas zu krass ist, der bemüht sich halt um einen positiven Heimatbegriff. Die Heimat der Aufrechten weißen statt die Heimat der Rechten. Sich aufrichtig den Problemen der Menschen widmen, die die AfD gewählt haben, die in Zukunft die AfD wählen könnten. Wie im Frühjahr 2019, wenn in Sachsen ein neuer Landtag zur Wahl steht und die AfD realistische Chancen auf den Wahlgewinn hat, während die christlich sächsische Union ein paar Tage Bedenkzeit und vielleicht eine Mitgliederbefragung einfordern wird, um eine Antwort auf die Frage zu finden, ob man im Jahr 2019 eigentlich mit Nazis koalieren sollte oder nicht. Besonders in Deutschland…

… dem mächtigsten Staat der EU und in Europa. Doch das interessiert die Einwohner aus Dorfchemnitz nicht, der 1500-Menschen-Gemeinde aus Mittelsachsen, in der es „nichts gibt außer einen Fleischer und einen Bäcker“, in der sich die Menschen abgehängt fühlen in ihren (enteigneten) Häuschen auf ihren großen (enteigneten) Grundstücken, von denen jeder Zweite die AfD wählte, auf Nachfrage es aber niemand gewesen sein will. „Frau Petry war die Einzige, die sich hier hat blicken lassen“, lässt erahnen, dass die weiße deutsche Seele gestreichelt werden will. Rassistische Gesetze reichen nicht. Ökonomischer Aufstieg von weißen Deutschen dank Ausbeutung, Enteignung und Völkermord reicht nicht. Rassistische Terrorgruppen, die unbehelligt mordend durch Deutschland ziehen können reichen nicht. Rassistischer Alltag reicht nicht. Weiße Enklaven reichen nicht. Man will hören, wie sehr man Opfer ist, jammern können und Mitleid bekommen, politisches Unwissen als politischen Unmut zelebrieren. Deutschland ist sich einig.

…dass es noch mehr Studien und Analysen braucht, um herauszufinden, warum denn nun so viele Leute die AfD gewählt haben. Aber bitte nicht von extern, das sind maximal Gesprächsbeiträge. Nicht objektiv. Angst dagegen, die ist objektiv. Solange sie weiß ist. Deutschland ist sich einig.

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Wer schweigt, stimmt zu. Notizen zur Bundestagswahl.

25. September 2017 von Charlott

„Wer schweigt, stimmt zu! Gegen die Normalisierung des Hasses“. Anti-AfD Kundgebung vor deren Wahlparty in Berlin, 24.09.2017.

Mit 12,6% ist gestern die AfD als drittstärkste Partei in den Bundestag eingezogen. Daran lässt sich Nichts schön reden und nein, es ist nun wahrlich nicht die Zeit für aufbauende Memes, in denen es heißt, dass 87% der Wähler_innen nicht diese Nazipartei gewählt haben. Zum einen haben die übrigen Prozent nun auch nicht unbedingt für emanzipatorische, anti-rassistische Politik gestimmt (CDU/CSU 33,0; SPD 20,5; FDP 10,7; Linke 9,2; Grüne 8,9), zum anderen sind 12,6% genau 12,6% zu viel.

Eine vollständige Analyse der Wahl und politischen Gesamtsituation kann und möchte ich hier heute Vormittag gar nicht leisten (letzteres erschließt sich ja auch eigentlich durch die Gesamtheit der Beiträge hier im Blog, nicht erst seit gestern). Stattdessen gibt es hier – wie bereits vor vier Jahren – einige Gedankensplitter zur Wahl und dem gestrigen Abend.

  • Die Wahlbeteiligung lag etwa 5 Prozentpunkte höher als bei der letzten Bundestagswahl. Die Partei aber, die (im Verhältnis zu den Stimmen, die sie insgesamt erhielt) am meisten Nichtwähler_innen mobilisieren konnte, war die AfD. Ein Phänomen, wie es auch bereits bei den letzten Landtagswahlen zu beobachten war. Hohe/ Höhere Wahlbeteiligung an sich ist also – wie unüberraschend – kein Garant gegen Rechte. „Wenn mehr Leute wählen, hat die AfD weniger Prozent!“, stellt sich wie zuvor als falsch heraus. Der Umkehrschluss sollte natürlich nicht sein „Ja dann lieber alle nicht wählen gehen“, aber politische Diskussionen dürfen nicht bei „Geh wählen“ aufhören.
  • Bei all dem Gerede von einer Zäsur und Nazis im Bundestag, sollten wir unsere Blicke schärfen für Kontinuitäten. Mit der AfD ziehen nicht erstmals seit 1949 Nazis in den Bundestag. Bei Wikipedia gibt es eine handliche Übersichtstabelle mit ehemaligen NSDAP-Mitgliedern, die nach 1945 politisch aktiv waren – zum Beispiel bei der CDU/ CSU, SPD und FDP. Dass es aber eine gesamte Partei mit klar völkischem, rechten Programm in den Bundestag schafft, ist neu. Dies hat ganz spezifische Auswirkungen, denn nicht nur beeinflusst das den politischen Diskurs, auch gibt es ganz handfest Geld für Nazistrukturen und eine Fülle an Jobs für Rechte.
  • In den letzten Tagen war häufig zu lesen, dass die AfD nun die Masken fallen lassen würde. Dies war natürlich Hohn für all jene, die seit Gründung der Partei gegen diese anreden, denn versteckt haben sie sich nun wahrlich nicht. Nach der Bekanntgabe der ersten Prognose, knüpfte ADFler Gauland direkt und unverblümt an: „Wir werden sie jagen, Angela Merkel oder wen auch immer, und wir werden uns unser Land zurückholen.“
  • Gauland war (je nach dem welchen Sender man verfolgte) gleich die erste Stimme, die es nach der Bekanntgabe zu hören gab. Rechte Hetze auf dem besten Sendeplatz. Vor vier Jahren schrieb ich hier an dieser Stelle: „Das politische Klima ist eindeutig rechts-konservativ. Dass dabei im Fernsehen bei der Wahlberichterstattung vollkommen neutral über den möglichen Einzug der AfD gesprochen wird, spiegelt dies vielleicht auch einfach nur perfekt wieder.“ Die Normalisierung der AfD und ihrer Positionen hat auch unter Unterstützung vieler Medien (auch wenn diese bei der AfD-Anhängerschaft ja eher unbeliebt sind) stattgefunden. Unter dem Mantel der „Entzauberung“ wurde der AfD der rote Teppich zur Aufmerksamkeits-Bühne ausgerollt. Über „Themen, die die Bürger_innen bewegten“ wird so gesprochen, als seien diese naturgegeben und nicht auch mitbeeinflusst von medialer Berichterstattung und Themensetzung. Auch am gestrigen Abend wurden Politiker_innen vieler Parteien zunächst gefragt, ob sie nicht besser der AfD hätten ihre Themen abnehmen können. Eine Journalistin bei Phoenix sagte zur Linken: „Die AfD macht ihnen ja das Thema soziale Gerechtigkeit streitig.“ Gauland hingegen wurde gefragt, ob sie weiter mit dem „Stilmittel“ der „gezielten Provokation“ arbeiten werden.
  • Erkärungen zum Wahlerfolg der AfD wurden gestern auch gleich einige geliefert, doch Konzepte wie Rassismus, Antisemitismus, Hetero_Cis_Sexismus und Ableismus waren abwesend. Dies ist nicht zufällig so, müssten sich sonst doch auch strukturellere, gesamtgesellschaftliche Fragen gestellt werden und könnte die „Schuld“ nicht an einen „unzufriedenen“, rechten Rand geschoben werden, der äußerst wenig mit einer als nicht rassistischen, liberal wahrgenommenen „Mitte“ zu tun hat. Wenig überraschend, aber trotzdem nicht weniger erwähnenswert, dass die AfD in weitaus größerem Maße von Männern gewählt wurde. Das Gender-Gap ist bei keiner anderen in den Bundestag gewählten Partei so groß.
  • „Wir haben verstanden, dass wir die rechte Flanke schließen müssen“, kommentierte Alexander Dobrindt das CSU-Ergebnis. Menschen müssten schneller abgeschoben werden, hieß es ebenfalls. Das erinnert nicht nur daran, wie allgemein eh schon in der letzten Zeit agiert wurde, sondern auch ganz stark an die 1990er als die Antwort auf Gewalt gegen Geflüchtete die de facto Abschaffung des Asylrechts war. Ganz ohne AfD übrigens. Auch aus diesem Grund ist ein Feiern der 87% vollkommen unangebracht, denn menschenfeindliche Politik wird nicht nur von einer Partei allein gemacht. In Sachsen, wo seit langem vor allem von der CDU der rechte Flügel weit offen gehalten wird um „besorgte Büger_innen“ abzuholen, ist die AfD nun die mit 27% die stärkste Partei. In Bayern, wo die CSU gern über „Obergrenzen“ spricht und auch sonst nicht zurück hält mit rassistisch-motivierten Politiken ist die AfD so stark wie in keinem anderen anderen alten Bundesland. Eigentlich wäre nun mal Zeit den Ängsten jener zuzuhören, die geflüchtet sind, die Rassismus und Antisemitismus erfahren, die durch Behindertenfeindlichkeit eingeschränkt werden, deren reproduktive Rechte beschnitten werden, die mit Hartz4 leben müssen, deren körperliche Selbstbestimmung verletzt wird.
  • Richtig feiern konnte gestern die FDP. „Ab jetzt gibt es wieder eine Fraktion der Freiheit“, jubelte Lindner, so als wäre nicht gerade eine rechte Partei mit zweistelliger Prozentzahl in den Bundestag eingezogen. Aber gut, stilecht fand die Wahlparty ja auch in der Parteizentrale, die nach einem ehemaligen NSDAP-Mitglied benannt ist. #Kontinuitäten
  • Die SPD hat gestern direkt angekündigt, dass sie in die Opposition gehen wird. Damit wäre sie die stärkste Partei in der Opposition und die Oppositionsführung läge nicht etwa bei der AfD. In seiner ersten Rede nach der Hochrechnung bezeichnete Schulz die AfD konkret als rechtsextreme Partei, der sich mit aller Kraft entgegengesetzt werden muss. Hoffen wir, dass davon viel in der Praxis ab heute zu sehen sein wird.
  • Gegen den AfD-Wahlerfolg und das gesamte politische Klima gingen gestern direkt – in verschiedenen Städten – Menschen auf die Straße, ob mit Demozügen oder Protestveranstaltungen direkt vor den AfD-Wahlpartys. Dieser sichtbare Widerstand war gestern wichtig (war immer wichtig) und wird in Zukunft wichtig bleiben. Die Reaktionen auf die Proteste aber erinnerten auch direkt daran, dass wir es mit einer rechts-konservativen Gesamtlange zu tun haben und nicht unerklärlichen Ausreißern. Oftmals wird linker Protest als zu laut, zu falsch, zu gewaltvoll (?), zu radikal wahrgenommen, eingordnet, dargestellt. Linker Aktivismus wird immer wieder illegalisiert (zuletzt fallen da G20 und linksunten ein. Menschen, die sich gern als „gute Mitte“ inszenieren und rein gar nichts mit rechten Gedankengut zu tun haben wollen, sind sehr schnell dabei sich von Linken ebenfalls zu distanzieren. „Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda.“, skandierten gestern die Demonstrand_innen in Berlin und das sollte doch der mindeste Mindestkonsens sein.

Die Kommentare hier sind offen für eure ersten Analysen, Ängste und Ideen zum Widerstand.


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Wie viele Nazis im Bundestag sitzen, entscheidest du!

22. September 2017 von Nadine
Gutes Wetter, schlechte Zeiten. Für den Feminismus fighten!

Gutes Wetter, schlechte Zeiten. Für den Feminismus fighten! Proteste gegen den Marsch für das Leben, Berlin 16.09.2017

Am 16. September war ich mit meinen MM-Kolleginnen Charlott, Magda und Anna auf den Gegenprotesten zum Marsch für das Leben, bei dem jährlich tausende Christenfundis, Abtreibungsgegner und Nazis ihre völkischen und menschenverachtenden Familien- und Reproduktionspolitikfantasien unter Polizeischutz im öffentlichen Raum ausleben dürfen. Es gab viel Erfreuliches: Der Marsch wurde mit Sitzblockaden, Pfeifkonzerten, Mittelfingern, Sprechchören, Bannern, Schildern, undercover-Agent_innen soweit gestört, dass er zwischendurch immer wieder ins Stocken geriet und die eigentliche Route um mindestens 2/3 verkürzt wurde. Und mit 1.500 weniger Menschenfeinden als im vergangenen Jahr waren die Gegenproteste das erste Mal seit Beginn zahlenmäßig fast gleichauf. Trotz mehreren Demonstrationen am gleichen Tag in der Stadt. Yeah!

Weniger erfreulich waren neben den obligatorisch brüllenden Antifa-Mackern („ALERTA ALERTA ANTISEXISTA“ LOL) die weißen Dudes einer weißen linken Dude Gruppe, die durch die Demozüge liefen und Flyer verteilten, die zum Wahlboykott aufriefen. Die parlamentarische Demokratie sei faschistisch und gehöre abgeschafft, Revolution geht nicht mit Parteien und Gewerkschaften, der 8h-Tag sei schließlich auch nicht durch Abstimmung erkämpft worden. Wer wählen geht, unterstütze faschistische und rechte Strukturen und die Linkspartei sei genauso schlimm wie die AfD. Wow. Kurz blinzeln, sich fragen, warum hier eigentlich Stroh liegt und die Grillen zirpen und dann haben wir ihn gemeinsam verbal zusammengefaltet. Später kam noch Magda dazu, die gerade erst einem dieser Dudes 15 Meter weiter eine Standpauke gehalten hatte.

Stop misusing the bible for your propaganda

I am Christian and pro choice. It’s not a contradiction. Stop misusing the bible for your propaganda! Proteste gegen den Marsch für das Leben, Berlin 16.09.2017

Es gibt sehr sehr sehr viele Gründe, die deutsche parlamentarische Demokratie zu kritisieren, die Parteien und ihr politisches Handeln, staatliches (Nicht)-Handeln und die Wirksamkeit des Grundgesetzes gegen faschistische und rechte Strukturen und das politische System in Deutschland allgemein, u.a. weil es zulässt, dass nach diesem Sonntag wieder (und wieder und wieder und wieder) Nazis im größten Parlament sitzen, ausgestattet mit netter Bezahlung, Strukturen, Netzwerken, Mitarbeitern und politischer Immunität. Die AfD in den Länderparlamenten und im Bundesparlament ist keine Ausnahme, kein Zeitgeist, sondern deutsche Normalität und Kontinuität. Deutscher Rassismus im Jahr 2017. Es gibt sehr viele Gründe deshalb ein anderes politisches System zu wollen. Und gleichzeitig gibt es sehr viele Gründe, am Sonntag eben das Kreuzchen informiert und kritisch zu setzen, wenn nicht für mich, dann für andere, die nicht wählen dürfen, oder viel massiver von rechter Politik und Nazis betroffen wären (schon jetzt sind) als ich selbst. Und es gibt sehr sehr viele Gründe, warum sich eine grundsätzliche Systemkritik und der Einsatz im Hier und Jetzt gegen rechte und rassistische Politik nicht ausschließen müssen. Etwas, dass die weißen linken Dudes mit ihrem Wahlboykott-Schmonz nicht begreifen. Einfach, weil die politischen Entscheidungen im Bundestag und in den Länderparlamenten bei Ihnen keinen Leidensdruck auslösen. Außer vielleicht ein paar inhaltsleere Phrasen auf A6 Format zu drucken und bräsig von Revolution zu schwafeln, ohne konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzeigen zu können oder überhaupt eine Vorstellung davon zu haben, dass politischer Widerstand im 21. Jahrhundert vielleicht nicht 1:1 jener des 19. und angehenden 20. Jahrhunderts sein kann. Schon gar nicht in diesem Land.

Der Gang zu Wahlurne ist ein Mittel, das mir Deutschland zur Verfügung stellt, mich wenigstens indirekt an politischen Entscheidungen zu beteiligen, die mindestens einige Millionen Menschen betreffen, die hier leben und noch viel mehr Menschen, die global gesehen von deutscher Politik betroffen sind. Und solange unser aller Leben durch staatliches Handeln strukturiert, gelenkt, reguliert wird, solange ist ein Gang an die Wahlurne genau so viel wert wie eine Demo in der Berliner Innenstadt oder die Schaffung von Erholungs- und Empowermenträumen zum Überleben, Durchschnaufen, Kraft tanken, Strategien austüfteln, Verbindungen spüren und knüpfen. Nicht alle müssen alles tun oder gut finden, jedoch tragen einige mehr Verantwortung als andere, wenn es um den Widerstand gegen Rassismus in Deutschland geht. Wo wir gerade dabei sind: Während wir vor wenigen Jahren noch den Mitläufern des Marsches für das Leben von Angesicht zu Angesicht den Marsch blasen konnten, werden nun schon beim Werfen von Glitzer-Konfetti in den eigenen Reihen Demonstrant_innen gewaltvoll festgenommen und Frauke Petry darf im Kinderprogramm des ZDF ihre Ansichten zum Besten geben. Wow. An dieser Stelle kein Grillenzirpen, sondern schrille Sirenen.

if you can't trust me with a choice - how can you trust me with a child?

if you can’t trust me with a choice – how can you trust me with a child? Proteste gegen den Marsch für das Leben, Berlin 16.09.2017

Am Sonntag nicht wählen zu gehen oder den Wahlzettel ungültig zu machen, bedeutet in der Konsequenz, der AfD zu mehr Prozentpunkten zu verhelfen. Die Partei und ihre Anhänger damit symbolisch zu stärken, ebenso den rassistischen Grundkonsens weiter zu festigen. Was das mit Revolution oder politischer Verantwortung zu tun haben soll… Nun ja, der weiße Wahlboykott-Dude konnte uns auf diese Frage keine Antwort geben (surprise!). Auch wenn derzeit (hoffentlich) noch ausgeschlossen sein dürfte, dass die AfD eine Regierung stellt oder in einer Regierungskoalition beteiligt ist, zeigen die politischen Entscheidungen allein der vergangenen vier Jahre, dass weder SPD noch Grüne willens sind, sich ohne Wenn und Aber gegen den rassistischen Grundkonsens zu stellen, der unter weißen deutschen Bürger_innen herrscht und der AfD den Nährboden bietet, die sie für ihre rechte Politik braucht.

Die Aussichten sind auch ohne AfD nicht rosig. Entweder wird nach diesem Sonntag die Große Koalition fortgesetzt oder die CDU holt sich die Grünen und die FDP dazu. Eine starke AfD in der Opposition bedeutet jedoch, dass Opposition als notwendiges Korrektiv- und Interventionsinstrument für Regierungshandeln in einer parlamentarischen Demokratie massiv behindert und eingeschränkt werden wird. Mehr noch zeigen Länderparlamente mit AfD-Beteiligung, dass deren Fraktionen durch ihr Unwissen über bzw. ihre Ignoranz gegenüber parlamentarischen Abläufen und den föderalistisch geregelten Zuständigkeiten von Kommunen, Ländern und Bund durchaus in der Lage ist direkten Einfluss auf die politische Willensbildung in den hiesigen Parlamenten zu nehmen bei gleichzeitiger Stimmungsmache gegen Regierungen von Ländern und Bund in der Bevölkerung. Neben den versteckten und offenen Klüngeleien mit der CDU.

Go Homo

Go Homo, Proteste gegen den Marsch für das Leben, Berlin 16.09.2017

2013 erhielt die AfD 4,7 Prozent Stimmenanteil und verpasste den Einzug in den Bundestag nur knapp. Dieses Jahr werden es mehr Prozentpunkte werden. Wie viele Nazis letztlich im Bundestag sitzen, entscheidest du.

Zum Weiterlesen/-hören:


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Mädchenmannschafts-Podcast: Fundis stören und wählen gehen

12. September 2017 von Charlott

Ab jetzt sprechen einmal im Monat Mädchenmannschafts-Redakteur_innen über aktuelle Themen, Ideen für feministische Interventionen und Dinge, die wir gerade super finden. In der ersten Folge stellen Anna-Sarah und Charlott eine Möglichkeit vor Fundi-Märsche zu stören, diskutieren darüber ob Wikis über Anti-Feminist_innen, Rechte, etc. eine gute Idee sind, warum (und wen) sie wählen gehen und erzählen von einer super Ausstellung, die sie besucht haben. (Aufnahme vom 09.09.2017)

Feministische Intervention: Lärm machen

Thema 1: Zu linksunten und Die Agent_in

Thema 2: Bundestagswahl 2017

Lieblingsdinge: Der blinde Fleck


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ohne Inspirationporn bleibt nur die Geduld (?)

22. Mai 2017 von Hannah C.

„Hannah hatte ja selbst gesagt, dass sie nie gelernt hat freundlich zu sein – dann soll sie es jetzt mal langsam lernen.”.

Natürlich hatte Hannah das nicht gesagt.
Hannah hat gesagt, dass sie soziale Kommunikation nicht gut lesen, verstehen, performen kann und deshalb oft nicht so wirkt, als wäre sie an Freundschaften oder Kontakt interessiert.
Aber sei’s drum.
Nerviges Wörtergeklaube. Rumgewühle. Gekratze. Voll autistisch, ey.

Nur für etwas Wahrheit.
Wen kümmerts. Außer mir.
Uns*.

Geduld beginnt da, wo man glaubt, man hätte keine mehr.
Das ist ein guter Satz.
Ich habe ihn aus einem Video, in dem ein Poetry Slam–Text [YT-Link] vorgetragen wird, den ich erst lustig und dann schräg an der 10 von 10 Punktemarke vorbeifliegen sah.
Er beginnt als slice of life mit einem Geschwist, das behindert ist wird und einem Moment, in dem die Person mit dem Wort “behindert” als Synonym für “mag ich nicht/scheiße/wertlos/schlecht/verachtenswert” konfrontiert wird.
Es endet mit dem gleichen Sermon aus: „Wir hier – die da – das muss doch nicht sein – guckt doch mal, wie toll die sind und was wir uns nehmen, wenn wir uns so von ihnen abschotten…” wie ich ihn schon so oft gehört habe.

Ich habe Geduld mit diesem Poetry Slammer.
Ich habe Geduld mit meinen Mitschüler_innen.
Ich habe Geduld mit meinen Lehrer_innen.
Ich habe Geduld für all die Menschen, die welche Rolle auch immer in meinem unserem Leben spielen.
Obwohl ich jeden Tag glaube, keine mehr zu haben.
Und von Zeit und Zeit auch keine mehr aufbringen will.

Manchmal überflutet mich die Selbstverständlichkeit mit der die Norm nicht hinterfragt wird, sondern einfach lieber gleich abgeschafft und für irrelevant erklärt werden will. Mir – uns, dem Fremden, Anderen, Behinderten – zu liebe. Natürlich immer uns zu liebe und dem, was wir mit den Menschen teilen. Das macht man immer nur für uns, weil es für niemanden sonst wichtig erscheint – man selbst passt ja hinein. Leidlich bis üblich.

Neulich hatte ich einen Moment mit eine Freundin, die uns auf einen Text, in dem wir uns mit der Behinderung in unserem Leben befassten, sagte, dass ja alle Menschen anders seien.
Und ich war geduldig. Ihr zuliebe. Unserem Kontakt zuliebe.
Wie soll ich denn formulieren, dass ich nicht “wie andere Menschen, aber mit diesem einen kleinen Extra bin, das ja dann doch aber jede_r irgendwie ein bisschen hat”, ohne an etwas zu rühren, was nicht mit ganz grundlegender Definition von Norm, Andersartigkeit und auch Behinderung und Menschsein zu tun hat. Mal eben so.

Obwohl es nur in diesem einen Moment wehgetan hat. Nur an dieser Stelle irgendwie macht, dass ich mich fern, fremd, allein, ungesehen … behindert fühle und denke: Geduld. Atmen. Es ist egal. Das ist es nicht wert.
Mein Fühlen ist es nicht wert. Das so viel kaputt geht.

Letzte Woche hatten wir ein Gespräch mit der Klasse, bei dem mein begleitender Unterstützer versuchte näher zu bringen, was Autismus bedeutet.
In diesem Gespräch fiel der Satz, mit dem ich diesen Artikel begonnen habe und der mir schmerzhaft aufzeigte, wie viel mehr Geduld noch von mir aufgebracht werden muss.

Ich verließ das Gespräch und dachte, dass es gut so wäre. Denn eigentlich ist dieses Gespräch nicht für mich passiert. Natürlich sehen das die Lehrer_innen und Schüler_innen anders. Und wer weiß noch.

Aber.
Wäre es um mich gegangen, wäre ich mit mehr als dem Wissen dort rausgegangen, dass allein meine Anwesenheit und das Nichtverschweigen von etwas reicht, um Angst und Fremdheitsgefühle auszulösen, die mit Ausschluss belegt werden.
Wäre es um mich gegangen, dann hätte man mir mehr gezeigt, als die Ansprüche, die man an mich stellt, weil man sie an sich selbst stellen kann.

Wäre es um mich gegangen, hätte man sich bei mir entschuldigt und mich in meinem Sein und Fühlen als in Ordnung, als üblich, als auch normal anerkannt.

Aber nein.
So läuft das nicht.
In diesem Spiel geht es darum, sich möglichst lange nicht zu widmen. Möglichst lange meine Fremdheit zu markieren, ohne je zu sehen, dass das eine Art negative Wirkung haben könnte.
Nämlich die, dass ich sie immer weiter aus meiner Norm herausdefinieren kann.
Nur ohne ihre Möglichkeiten und Chancen, das aufzulösen.

Es gibt so viel Wissen um das Fremde – aber über die allgemein akzeptierte Norm verliert kaum jemand ein Wort.
Und doch erwarten alle ™, dass man sie kennt, ihr folgt, mit ihr umgehen kann.
Ich bin geduldig über diese Dissonanz.
Suche einfach weiter. Stelle meine kleinen Feldforschungen nicht ein. Wachse. Verstehe. Begreife.
Langsam – aufreibend langsam.
Aber stetig.

Die Lehrer_innen sagten nach dem Gespräch, dass sie nicht aufgeben wollen. Der unterstützende Begleiter will weiterhin unterstützen und helfen, wo es sinnvoll erscheint.
Ich bin neidisch auf ihre Ressourcen.
Will das auch gerne können. Geduldig sein und die Hoffnung nicht verlieren.

Daneben frage ich mich, was ich denn eigentlich will. Warum es mir immer noch so wichtig ist, nicht aufzuhören und diesen Weg weiter zu gehen.
Was haben sie mir denn zu geben. Diese Menschen, die so ganz anders aufgebaut sind als ich. Wir.
Was haben sie mir mehr zu geben, als ein Stück ihrer Macht über Ausschluss und Gruppenstärke.

Mir fällt spontan nichts ein.
Ich kann mich nicht irgendwo hinstellen und sagen, mir ginge so wahnsinnig viel wichtig wertvolles verloren, hätte ich nicht mehr so viel mit Menschen zu tun, die anders sind als ich.

Mich inspiriert es nicht, zu beobachten, wie sie sich durchs Leben bewegen. Mich ermutigt es nicht, zu sehen, was sie in einer Welt, die von ihnen für sie gemacht ist, für sich herausholen oder erreichen. Mir verlangt es keine Hochachtung ab, zu erfahren, wie der Lebensweg von Anneliese Müller ohne Gewalterfahrungen, ohne durchgehende Diskriminierungen und so weiter ausgesehen hat. Ich wüsste nicht, was ich für sie erstreiten, erkämpfen, erschaffen müsste, damit ihr Leben, die gleichen Chancen und Qualitäten wie meins haben kann.

Die ganze Schose mit der für den Umgang und die Gleichberechtigung für behinderte /Menschen/ mit Behinderung geworben wird, funktioniert für mich nicht am Leben von Menschen, die anders gebaut sind und anders leben als ich.

Wo ist er also. Mein Anreiz. Meine Motivationsquelle.
Meine Ressourcen für Geduld und Hoffnung.

Wo wenn nicht in dem Wunsch, dass es irgendwann auch mal aufhört, überwiegend Kampf, Schmerz, Zwang, Verletzung, Kränkung… Not zu sein.

 

 

*Steht hier für mich, als ein Mensch, di_er sich als viele begreift.


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Wenn Angela Merkel jetzt Feministin ist, dann … ja was eigentlich?

26. April 2017 von Charlott

Miriam Meckel, die das Podium „Inspiring women: Scaling Up Women’s Entrepreneurship“ beim Women 20 Summit moderiert, dreht sich zu Angela Merkel und stellt die Frage, die mittlerweile zum Standard-Repertoire der unsinnigen Fragen an bekannte Frauen gehört: Versteht sich Angela Merkel als Feministin?

Während ich gelangweilt gähne, mehren sich im Publikum laute „Ja!“/ „Yes!“-Rufe, angepeitscht durch Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds. Ich bin hochgradig irritiert, was Sinn und Zweck dieser Bekenntnis-Übung ist und Angela Merkel lässt sich gewohnt nicht aus der Ruhe bringen, bevor sie zu einer (ersten) Antwort kommt:

Die Geschichte des Feminismus ist eine, da gibt es Gemeinsamkeiten mit mir und es gibt auch solche, wo ich sagen würde, da gibt es Unterschiede. Und ich möchte mich auch nicht mit einem Titel schmücken, den ich gar nicht habe, denn ich möchte mal sagen Alice Schwarzer oder so haben ganz schwierige Kämpfe gekämpft. Und jetzt komme ich und setze mich auf die Erfolge und sage „Ich bin jetzt Feministin“, das ist doch absurd. Also, ich habe keine Angst, wenn Sie finden, dass ich eine bin, stimmen Sie ab, okay. Aber ich möchte mich nicht mit der Feder schmücken.

Dass Merkel für sich erkennt, dass sie wenig mit feministischen Kämpfen gemein hat, ist dann eine eigentlich sehr redliche Reaktion. Dass feministische Kämpfe für sie vor allem Alice Schwarzer bedeutet, ist auch keineswegs verwunderlich, ist sie der EMMA bereits seit ihren Zeiten als Ministerin durch ausführliche Interviews verbunden. Feminismus, der sich sinnvoll mit einer Vielzahl von Diskriminierungsformen und Gewaltsystemen auseinandersetzt, ist in jedem Fall kein Fokus. Die Frage aber bleibt, was genau ist überhaupt dadurch gewonnen Merkel zu fragen, ob sie Feministin ist, wenn eine Analyse ihre konkreten Politiken doch viel aufschlussreicher und wesentlicher wäre?

Ivanka Trump, die ebenfalls auf dem Panel saß, hatte weitaus weniger Scheu das Feminismus-Label für sich anzunehmen und argumentierte gar, dass ihr Vater feministisch sei und zu ihrer feministischen Erziehung beigetragen habe (sie wäre in einem Haushalt aufgewachsen, in dem sie immer gewusst hätte, dass sie alles erreichen kann – dass sehr viel Geld für diese Gefühlslage sicher auch nicht unwesentlich ist, blieb natürlich unerwähnt). Was bedeutet auf diesem Panel das Wort „Feminismus“ überhaupt noch? Es ist so ein leerer Container, das Gespräch wäre genau so schlüssig gewesen, ersetzte man „Feminismus“ mit jeder anderen beliebigen Buchstabenfolge. Ich möchte „Gfhrl“ vorschlagen. Angela Merkel, verstehen Sie sich als Gfhrl? Ivanka Trump, sind sie gfhrlig aufgewachsen?

Die niederländische Königin Máxima (ja auch sie war Teil dieses skurrilen Panels) bietet eine Definition von Feminismus an, mit der sie sich identifizieren kann: Feminismus bedeutet für sie, dass Frauen Wahlfreiheit und Möglichkeiten haben. Mit diesem Minimal-Verständnis kann sich auch Merkel anfreunden und – zur Freude des Publikums – stellt sie fest, dass sie dann auch Feministin sei.

Ich frage mich, was all jene, die laut „Ja!“ rufend vor der Bühne sitzen, sich davon erhoffen, wenn eine Person wie Angela Merkel von sich sagt, sie sei Feministin/ Gfhrl? Was ist jetzt gewonnen? Wird Angela Merkel nun wichtige feministische Forderungen in ihre Regierungsarbeit integrieren? Natürlich nicht. Wie so häufig, wenn berühmte Frauen dazu aufgefordert sind, sich zum Feminismus zu bekennen, ist die Feminismus-Identitäts-Frage eigentlich relativ ziellos. Die Frage (und Antwort) emotionalisiert vielleicht kurz, eine wirkliche Auseinandersetzung aber mit feministischen Praxen und Ideen findet nicht statt.


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Kund_innenkontakt und die Firma kann das Kopftuchtragen verbieten?

14. März 2017 von Charlott

Unter Umständen, so hat der Europäische Gerichtshof nun entschieden, können Arbeitgeber_innen ihren Mitarbeiter_innen das Tragen eines Kopftuchs untersagen. Dazu braucht das Unternehmen eine interne Richtlinie, die untersagt sichtbare religiöse (und andere weltanschaulichen) Symbole zu tragen, und gute Gründe.

Gute Gründe? Beim Europäischen Gerichtshof wird dort von Kund_innenkontakt und dem Firmenwunsch nach der Ausstrahlung von Neutralität gesprochen. Doch was ist Neutralität? Neutralität umschreibt zu meist eigentlich nur eine gesellschaftliche Norm, etwas das nicht benannt werden muss und darum „neutral“ scheint. Abweichung von der Norm gefährden dann ganz schnell die Neutralität. Interessanterweise hat das Bundesverfassungsgericht bei seinem Urteil zu einer Lehrerin, die ein Kopftuch während des Unterrichts tragen wollte, festgestellt, dass Neutralität an staatlichen Schulen auch als „übergreifend, offen und respektierend“ verstanden werden kann. Das wäre zu mindestens mal eine interessante Umdeutung von Neutralität.

Auf so eine Umdeutung aber geht der Europäische Gerichtshof nicht ein. Aber natürlich hat er gesagt, dass die Unternehmen keine spezifischen Symbole verbieten dürfen, sondern die Richtlinie sich auf alle Symbole gleichermaßen beziehe muss. Das in der Praxis nachzuweisen wird sicher schwierig. Es ist davon auszugehen, dass besonders Musliminnen mit Kopftuch betroffen sind. (Es ist ja auch kein Zufall, dass zwei Musliminnen ihre Verfahren bis zum Europäischen Gerichtshof gebracht haben und nicht etwa Männer, denen gekündigt wurde, weil sie eine Kette mit einem Kreuz trugen.)

Die Human Rights Watch Untersuchung über die verschiedenen Ländergesetze zum Neutralitätsgebot für deutsche Lehrer_innen und Angestellte des öffentlichen Dienstes aus dem Jahr 2009 war auch passenderweise überschrieben: „Diskriminierung im Namen der Neutralität“ und zeigte, wie insbesondere Musliminnen, die ein Kopftuch tragen, betroffen sind. Neutralität ist kein neuer Vorwand. Der Europäische Gerichtshof hat nun Firmen eine Tür zur Diskriminierung geöffnet.


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während sie streiken …

8. März 2017 von Hannah C.

Das feministische Netzwerk möchte den vom Womans March angeregten Generalstreik der Frauen* am Frauen*kampftag, mit einer Blogparade begleiten.
Alle Informationen findest du hier – meinen Beitrag gibt es hier:

Am Tag ohne Frauen stehe ich an der Straßenbahnhaltestelle und fühle den Wind mit den Raspelrüschen an meinem Rock spielen.
Heute hau ich auf die Kacke, denk ich mir. Heute zerschmettere ich die Idee von mir als Frau. Alles sollen es sehen. ICH BIN KEINE FRAU!

Als ich mir das kurz vorher in meiner Wohnung vornehme, zupfe ich mein Beanie auf dem Kopf zurecht, das meine Haare heute bedeckt.
Da stehe ich vor dem Spiegel und nicke dem Spiegelbild zu.
Heute ist der Tag ohne Frauen. Und alle, die keine Frauen sind, werden einander heute sehen.
Hoffentlich.

Oh bitte bitte hoffentlich.
Hoffentlich bin ich nicht die einzige als Frau misgenderte Person, die sich heute raustraut.

In meiner direkten Wohnumgebung kenne ich niemanden di_er queer, trans, non-binary … ist. So laufe ich allein wie immer los und denke, wie schade das ist.
Doch was weiß ich, welche Person mich gerade sieht, obwohl ich sie nicht sehe? Vielleicht tue ich hier etwas, das Mut fassen lässt?
Das rede ich mir ein, bis ich es mir fast glaube. Immerhin den Weg zur Bahn schaffe ich so.

Da stehe ich und warte.
“Aufgrund des Generalstreiks kommt es heute zu Verzögerungen auf allen Linien” schnarrt es aus dem Lautsprecher.

Ich zögere auch.
Um die Reaktionen der Menschen an der Haltestelle zu hören, müsste ich mir den Superpowersoundtrack aus den Ohren nehmen, der mir gerade mein ganzes Selbstvertrauen vermittelt.
Ach scheiß was drauf, denke ich. Irgendwie hört man es doch jeden Tag. Wie irgendwer irgendwas über “die Frauen” sagt.

“Was fürn Streik?”, fragt der eine und dreht sich eine Zigarette. “Frauenstreik”, antwortet der andere und setzt mit einem feinen Lächeln dazu: “Is meine auch mit dabei, ne.”.
Der eine guckt. Der andere nickt. “Ja ha.”.

Ich gucke weg. Stecke meine Köpfhörer zurück in die Ohren. Das lief jetzt zu okay, um noch irgendetwas mehr zu hören. Ich will mir einreden, dass der andere „seine“ Frau unterstützt, vielleicht sogar feiert, dass sie mitmacht. Vielleicht sogar ein tieferes Verständnis davon hat, warum es wichtig ist, dass es diesen Tag gibt.

Ich wende mein Gesicht der Sonne zu und richte mich aufs Warten ein.
Da dringt ein Geräusch an mich. Der eine spricht mich an. “Hey”, sagt er und schaut mich unter gerunzelten Augenbrauen an. “Und was is mit dir? Zu fein zum Streiken oder wat?”.

Was soll ich jetzt sagen? Ich habe mir keine Antwort auf diese Frage überlegt.
Klar – es hat so viel Kraft und Überwindung gekostet bis hier her zu kommen, dass noch gar kein Platz war darüber nachzudenken, wie ich meine Anwesenheit so erkläre, dass sie legitimiert wird. Und zwar sowohl vor den Frauen, die heute nicht da sind – aber morgen, als auch vor den Verbliebenen, die heute, wie morgen da sind.

”Nö.” antworte ich deshalb.
“Nö” ist so lang wie Ja, aber doch Widerspruch. Es ist mein Hosentaschenriot. Mein “Nö.”.

“Was “Nö”? Is doch hier Frauentag – macht ihr euch da man nen schönen Tach!”, sagt er und lächelt, als würde er mir ein Stück Torte gönnen.
“Ah lass man – passt schon.”, winke ich ab und drehe mich wieder in die Sonne. Diesmal um mich von ihr verbrutzeln zu lassen.

Was ich denn für ne Pfeife bin, denke ich. Erst voll zu sich stehen und dann doch alles runterschlucken? Was geht?!
Andererseits: So eine fremde Person ist jetzt auch niemand, den es etwas angeht, zu welchem Gender ich mich zuordne. Ich kann nichts dafür, dass meine Identität nicht gleichermaßen normalisiert ist, wie die von Männern und Frauen, die sich auch als solche empfinden und einordnen.
Andererseits: Kann die Person denn was dafür? Vielleicht weiß sie gar nicht, dass es mehr gibt als “die Männer” und “die Frauen”?

Andererseits: Ich kann nur meine eigene Haut, mein eigenes Leben, mein eigenes Sein als Beweis dafür herzeigen, dass es Menschen wie mich gibt – was in einer Welt, in der der Einzelfall nicht zählt, ein hoher Preis ist.
Andererseits: Wenn es niemand sagt oder zeigt, dann wird es nicht gesagt oder gezeigt

Als die Bahn endlich einfährt und meine Hand es ist, die uns allen, die wir auf sie gewartet haben, die Tür öffnet, denke ich, dass ich ja da bin.
Ich bin präsent und sichtbar für die, die mich heute sehen können.

Und als ich mich hinsetze, werde ich erkannt.
Von Maria. Die – oder der? oder di_er? oder..? – drei Straßen weiter wohnt.


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