Einträge der Rubrik ‘Medienkritik’


Bury Your Gaze Ep. 1: The Bold Type

7. Oktober 2017 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 35 von 35 der Serie Die Feministische Videothek

Wir haben es in unserer Serien Top 10 angekündigt! Jetzt kommt sie, die Rezension zu…

The Bold Type

und damit die Premiere unseres Serien-Podcasts „Bury Your Gaze“. Serien-Nerds werden erkennen, dass es sich um eine Abwandlung des TV-Tropes „Bury your gays“ handelt. Während uns in 99% aller Serien Heten und deren (oft hochproblematische) Beziehungen entgegen geworfen werden, als gäbe es keinen Morgen, haben die wenigen lesbischen, bisexuellen und schwulen Charaktere kaum Überlebenschancen, geschweige denn werden sie als Hauptcharaktere oder mindestens als facettenreiche, tiefe Charaktere geschrieben, die ohne heterosexistische Klischees auskommen. Im Frühjahr 2016 führte der Tod von Lexa (The 100) und später Poussey (Orange Is The New Black) zu einem lauten „Es reicht“ unter LGBT-Fans und zu einer aufsehenerregenden Kampagne in den USA, zu der sich auch Produzen_tinnen und Drehbuch-Autor_innen von Serien äußerten und eine Konferenz ins Leben rief, die 2018 bereits in die zweite Runde geht.

Unsere Antwort: Bury your gaze! (etwa: Begrab dein Blickregime!). In unserem neuen Podcast wird es um Serien und (manchmal) Filme gehen bzw. um Aspekte, die darin vorkommen. Wir werden Serien und Charaktere vorstellen, die uns vom Hocker gehauen haben. Wir werden uns Repräsentations- und Produktionspolitiken vorknöpfen, Fankulturen und ihre transformative Kraft feiern. Kurz: All things series. Ihr habt Wünsche, womit wir uns im Laufe der nächsten Folgen beschäftigen sollten? Lieblingsserien, die mehr Aufmerksamkeit verdienen? Charaktere, die bei euch Schnappatmung auslösen? Dann ab damit in die Kommentare!

Bury Your Gaze, Ep. 1: The Bold Type

 

 

Spoilerfreier Teil:

0:00 – 22:46 – Eine kurze Liebeserklärung

  • Worum geht’s bei The Bold Type? Was macht die Serie für uns besonders?
  • Wir sprechen über Freund_innenschaft, positive Bezugnahmen von Frauen auf einander, Arbeit und was wir zu Herangehesweisen bei Konflikten lernen können.

Hemmungslos voller Spoiler:

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Hidden Figures? Schräger Schinken!

30. August 2017 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 34 von 35 der Serie Die Feministische Videothek

Pasquale Virginie Rotter ist Erziehungswissenschaftlerin, Empowermenttrainerin, Performerin und Autorin. Sie lebt in Berlin und schreibt am liebsten über den Schwarzen Körper in sexistischen und rassistischen Machtverhältnissen. Pasquale fragte sich nach Hidden Figures: „Wenn wir so Kick Ass sind, warum zum Teufel sind wir eigentlich (noch) unterdrückt?“ und schluckte dabei ein, zwei Tränen.

Ja ja, die drei Protagonistinnen aus Hidden Figures sind empowernd und allet! Doch, dass Schwarze Frauen* intelligent sind, ass kicken, cool sind, schlau sind, schön sind, schlagfertig sind, Mütter sind, Style sind, Ehrgeiz sind, Überlebende sind und überhaupt – das wusste ich schon vorher. Doch das hab‘ ich nicht aus Hollywoodfilmen gelernt, sondern mir hart erarbeitet. Möglicherweise ist dieser Film für die U.S.A auf einer repräsentativen und anerkennungskulturellen Ebene ja wirklich räwolüssionär. Vielleicht. Obwohl nein, schließlich hat er ja auch jede Menge Geld eingebracht und vermutlich nicht ’nem black owned business oder Schwarzen Widerstandsbewegungen.

Auch sonst war vieles an diesem Film sehr sehr schräg. Dass alle weißen Typen blond oder zumindest dunkelblond sind, zum Beispiel. Die Uniformiertheit of the white supremacists. Außer der Böse der ersten Stunde, der hat dunkle Haare, eh klar. Oder dieser fesche Astronaut, der farbenblinde Sunnyboy der Erzählung, der die Geschichte in der er mitspielt nicht peilt und seine Rakete erst startet, wenn „the girl“ – er sagt ja explizit nicht „colored“ – nochmal die Berechnungen überprüft hat. Oder dieser Moment, als der Oberheini mit der Brille (O Kevin! my Costner. Standing by Black women* since 1992. Where would we actually be without you?), der die zentrale Heldin der Erzählung noch im letzten Moment in die Kommandozentrale reinholt, damit auch sie ein Krümelchen vom Testosteronglückskuchen bekommt, während der Phallus ins All startet. Meine Güte.

http://nalianova.tumblr.com/post/157481983301

Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren darüber: Ist einfach die Realität die der Film beschreibt schräg? Nämlich die historische Realität der patriarchal geprägten Rassentrennung in den USA der frühen 60er Jahre und die historische Realität des kalten Krieges im All aka Space Race? Oder ist die Art und Weise, wie diese Geschichte erzählt wird einfach schräg? Ok, beides.

Die Krönung der Schrägheit jedenfalls war eindeutig die White Saviour-Szene vom Oberheini. So schräg, dass sie kippte und ich laut lachen musste. Die zentrale Heldin fühlt sich diesmal aber wirklich schlecht behandelt. Sie haut auf den Putz und der Oberheini erfährt dadurch, dass es keine „Colored Ladies“-Rooms in seinem Gebäude gibt. Oder erfährt er dadurch erst, dass es überhaupt „Colored Ladies“-Rooms in seiner Welt gibt? Nichts genaues weiß man. Wer den ganzen Tag in der NASA-Zentrale hinter Glas sitzt, dem entgeht vermutlich so einiges. Jedenfalls rastet er komplett aus und rammt vor versammelter Belegschaft inklusive Securitytypen, der natürlich nicht einzuschreiten wagt, mit einer Brechzange das ziemlich hartnäckige „Colored Ladies Room“-Schild vom Toiletteneingang. Und faselt dann irgendwas von: „Nix da, Frauenpippi ist Frauenpippi bzw. Frauenpippi hat keine Farbe. Hier gehen alle Frauen gefälligst auf dasselbe Klo.“ Meine Güte.

http://ridleydaisy.tumblr.com/post/161212293739/hidden-figures-2016-dir-theodore-melfi

Wie gesagt, ich weiß nicht, was der Film eigentlich beschreibt. Und ich interpretiere hier sowohl Inhalt als auch Form wie Kraut und Rüben. Doch augenfällig ist, wie viele wichtige Momente der Anerkennung, des Glücks, möglicherweise sogar des (trotzdem verhaltenen) Triumphs dieser Schwarzen Frauen*, vom Wohlwollen der weißen Akteure abhängt. Das war wohl auch die Realität. Doch der Film der schreit einfach nur: „O.K. passt auf, wir zeigen euch jetzt mal, wie intelligent Schwarze Frauen* sein können. Und außerdem sind wir die Größten mit den größten Raketen. Sagt Amen!“ Dem unkritischen weißen Publikum wird also gesagt: „Aaaaaaaalles gut. Puttputtputt. Es ist alles in Ordnung so wie es ist. Ihr seid die Größten mit den größten Raketen.“ Uns wird gesagt: „Ja, diese Zeit war echt beschissen. Aber hey, ohne die ganzen coolen mutigen anständigen aufrechten weißen Raketen – also ohne uns – wär sie noch beschissener gewesen. Dann hätten die Schwarzen (Frauen*) – also ihr – nämlich noch weniger zu melden gehabt, jawoll.“

http://rahfaelbarba.tumblr.com/post/149003474162/janelle-monáe-as-mary-jackson-hidden-figures

Und dann gibts noch einen dreiminütigen Auftritt eines Juden. So ziemlich der Einzige ohne Seitenscheitel. Ein Überlebender aus dem alten Europa. Der privilegierte Unterdrückte mit Herz. Ein Sympathieträger qua Biografie. Der Katalysator der Rassenspannungen. Kann man so machen, aber dann ist es halt Scheisse. Meine Güte.

Ich weiß nichts, als das was ich während des Films gesehen und währenddessen und danach gefühlt habe. Ich kenne die Drehbuchschreiber_innen nicht, ich weiß nichts über die regieführende Person oder die Produktionsfirma. Ich kenne ihre Perspektiven und ihre Intentionen nicht. Ich weiß nur, dass dieser Film unkritischen weißen Zuschauer_innen zeigt, was sie sehen wollen: Großartige Schwarze Frauen* die nur deshalb glänzen dürfen, weil sie sich vor der Kulisse weißer Selbstversicherung bewegen.

Wie gesagt, Schwarze Frauen sind Kick Ass und alles. Hirn und alles. Überleben und alles. Und klar, wenn wir uns zusammentun, when we free our minds and bodies, dann können wir die Welt aus den Angeln heben und sie richtig ‚rum wieder einsetzen. Dafür brauchen wir aber weder angewandte Mathematik noch blonde Scheitelträger. Auch keinen Gnadenakt aus Hollywood. Sondern einfach nur uns und unsere Verbindungen und unsere Geschichten und vor allem: von uns erzählt.

http://rachelmcadamses.tumblr.com/post/156565689363/the-shoulders-of-the-women-that-we-stand-on-are


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Sommer, Sonne, Serien – die Top 10 der Mädchenmannschaft

21. August 2017 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 33 von 35 der Serie Die Feministische Videothek

Wir lieben Listen. Und ihr auch. Deshalb haben wir abgestimmt über unsere aktuellen Lieblingsserien. Die mit den meisten Stimmen haben es in unsere gemeinsame Top 10 geschafft. Für alle, die bei gutem Wetter lieber vor der Glotze abhängen, ihre notwendige Dosis Eskapismus am liebsten mit Bewegtbild einnehmen oder Geschichten und Figuren suchen, die die Realität leider vermissen lässt. In welche Serien habt ihr euch verliebt? Ab damit in die Kommentare, denn sharing is caring. Los geht’s, alles ist spoiler-free.

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Wonder Woman zeigt, dass es für Erfolg noch immer Typen braucht

2. Juli 2017 von Nadine
Dieser Text ist Teil 30 von 35 der Serie Die Feministische Videothek

 

http://waverlyyearp.tumblr.com/post/161438365107/summary-of-the-wonder-woman-movie

Wonder Woman ist eine Revolution. Soviel sei schon mal gesagt, bevor ich dann doch wieder Feminist Killjoy spielen muss. Regisseurin Patty Jenkins hat etwas Außerordentliches mit diesem Film geschaffen. 12 Jahre kämpfte sie darum, den Film machen zu können, bis man ihr 150 Mio. Dollar in die Hand drückte und sagte: You go girl (ein vergleichsweise geringes Budget zu ähnlichen Filmen). Anstelle von Joss Whedon, dem Buffy-Erfinder, dessen Wonder Woman Script vor ein paar Wochen geleakt wurde. Hätte Whedon den Film wie geplant gemacht, es wäre ein sexistisches Höllenszenario geworden.

Patty Jenkins‘ Wonder Woman ist der bisher teuerste Film, bei dem eine Frau Regie führte und schon stellte mann(!) in Frage, ob das nicht ein zu hohes Risiko sei. Es ist zugleich der erfolgreichste Film, bei dem eine Frau Regie führte (case closed). Patty Jenkins‘ Wonder Woman hat damit Fifty Shades of Grey den Rang abgelaufen und allein deshalb ist Wonder Woman eine Revolution. Innerhalb seiner Genres und Franchises rangiert WW auf den vordersten Plätzen, Tendenz steigend, weil WW noch etliche Wochen in den Kinos laufen wird. Die bekannten Filmkritik-Portale Metacritic und Rotten Tomatoes zählen WW zu den besten Superheld_innen-Filmen aller Zeiten. Beifall gab’s auch aus Hollywood: Etliche Schauspielerinnen, darunter Viola Davis, Jessica Chastain und Lupita Nyong’o sowie Lynda Carter, die Wonder Woman in den 70ern für’s Fernsehen spielte, haben den Film im Zuge seiner Premierenfeier in höchsten Tönen gelobt.

Der Erfolg des Films zeigt, wie sehnsüchtig ein Superheldinnen-Film erwartet wurde, wie wichtig Repräsentation auf Bildschirmen und Kinoleinwänden nach wie vor ist. Der Erfolg ist wichtig, damit wir auch in Zukunft Regisseurinnen, Drehbuchautorinnen, Produzentinnen mitbekommen, die andere Zielgruppen im Blick haben und nicht durch ihren white male gaze Frauencharakter zeichnen und shooten.

Der Erfolg des Films steht jedoch auch für einen anderen Aspekt im Film- und Fernsehbusiness: Dass stets ein gewisser Grad an Typenzentrierung und Heterosexualisierung nicht unterschritten werden darf, um gefällig für „alle“ zu sein. WW fällt durch den Bechdel-Test: Der Konflikt zwischen Zeus und Ares und dessen Folgen ist bestimmendes Gesprächsthema, daran ändern auch die kritischen bis abfälligen Bemerkungen der Protagonistinnen über Götter mit Allmachtsfantasien und Männer im Allgemeinen nichts. Und wenn es nicht gerade um griechische Mythologie und damit den Background von Amazonen und Halbgöttin Diana geht, ist General Ludendorff und sein hoffentlich baldiger Tod gern gesehen. Nun würde ich da sicherlich auch zwei Augen zudrücken, weil ich der Idee von gewalttätigen und bewaffneten Frauen gegen Typen im Kampf für Gerechtigkeit immer viel abgewinnen kann, doch unverzeihlich bleibt leider die Geschichte von Diana und Steve im Verlauf der Handlung.

Obwohl es kein Geheimnis ist, dass Wonder Woman (Comic und Superheldin) sehr viele queere Bezüge hat, werden diese im Film in der Storyline von Diana und Steve leider nach hinten gestellt. Die Liebesgeschichte der beiden wirkt unnötig, konstruiert und wenig emotional touchy. Warum sollte sich Diana, die ihr Leben bisher nur mit Frauen verbracht hat, Typen für „unnötig für sexuelle Befriedigung“ hält und auch sonst wenig Interesse an Liebesbeziehungen zeigt, sich in wenigen Tagen in einen Typen verlieben? Und zwar so tiefgreifend, dass sie seinen Tod mehr betrauert als den ihrer geliebten Tante, Kriegerin und Generälin des Amazonenheers Antiope? Mehr noch wird Steves Tod als Vehikel für ihr „Coming Out“ als menschheitsrettende Superheldin genutzt. Als Sidekick bekommt Steve im Gegensatz zu Superhelden und ihren Romantic Love Interests wesentlich mehr Screentime und eine eigene Story, die des heldenhaften Märtyrers. Immerhin mussten wir keinen Hetensex sehen (gute Entscheidung Patty) und lediglich ein „I love you“ und einen Kuss ertragen, der noch nicht mal ein anständiges CloseUp bekam (gute Entscheidung Patty), doch die Message war klar.

Auch glänzt der Film leider nicht durch ausgereiften Antagonismus: Ludendorff und Ares bleiben unterkomplex und farblos, Diana klatscht binnen weniger Sekunden alles weg, was ihr im Weg steht, sorgt quasi im Alleingang für das Ende des 1. Weltkriegs und ihr Halbbruder Ares, immerhin der Kriegsgott, sieht keine Sonne im Zweikampf. Schön für das Auge und das warme Gefühl in Herz- und Bauchgegend, weniger vorteilhaft für die philosophische Tiefe des Films: Ist die Menschheit es trotz ihrer Gewaltgeschichte wert, gerettet zu werden? Und wenn ja, warum?

Anders als das Missy Magazine sehe ich die Darstellung von Dianas Charakter als großen Gewinn für den Film. Ihre Unverblümtheit und ihr unbändiger Idealismus sind ihre größten Stärken. Ich weiß nicht, warum Frauen in anderen Frauen stets die Harten, Rationalen und Analytischen sehen wollen, wenn es um Macht und Stärke geht und andere Charakterzüge als Zeichen von Schwäche oder Unterlegenheit deuten. Ich erlebe in meinem Alltag und in der Popkultur, die ich konsumiere, sehr vielfältige Frauen, die mir immer wieder zeigen, dass ihr Wesen oder ihr Charakter nichts damit zu tun hat, wie intelligent, autonom, stark und selbstbewusst sie sind. Wenn das kein Empowerment sein soll

Noch in diesem Jahr werden wir Wonder Woman in einer nächsten Comic-Adaption bewundern können: Justice League. Justice League wurde bereits vor der Premiere von WW umgeschnitten, einige Szenen mit Gal Gadot nachgedreht, damit WW mehr Screentime als zuvor geplant erhält. Und Patty Jenkins soll bereits eine Zusage für den zweiten Teil von WW erhalten haben. Wer nicht so lange warten kann: Wynonna Earp, Jessica Jones, Kara Zor-El (Supergirl) und Peggy Carter (Agent Carter) sind eure Seriensuperfreundinnen.

Bonus und Grüße an Accalmie, Charlott und Magda (die mit mir im Kino saßen):

http://dcfilms.tumblr.com/post/161665584341/patty-jenkins-worked-really-hard-with-her-team-to

http://wonderswoman.tumblr.com/post/161655983859


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Superstraight oder Supergay? Das Heterosexismus-Problem bei Supergirl und die Antworten ihrer queeren Fans

10. April 2017 von Nadine
Dieser Text ist Teil 29 von 35 der Serie Die Feministische Videothek

Es hätte so schön werden können: Feministische Botschaften mit einer gesunden Portion Selbstironie, Calista Flockheart aka Ally McBeal aka Cat Grant aka knallharte Chefin eines Medienimperiums und Mentorin der Hauptfigur Kara Danvers / Zor-El, Kara und ihre Schwester Alex im Orphan-Black-Sestra-Style und okaye Typen, die zumeist in der Friendzone von Kara ihr Zuhause fanden. Die Screentime gehörte in Staffel 1 den Frauen in Supergirl, die jeweils auf ihre Weise ass-kicking durchs Universum und National City streiften. Das alte Spiel von Gut vs. Böse bekam hin und wieder einen feministischen Twist, weil Kara sich weigerte, auf das Bitchfight-Pferd aufzuspringen und lieber nach Verbindungen zu ihren Widersacherinnen suchte, als in den frauenverachtenden Sonnenuntergang zu reiten.

Da die Darstellung von Beziehungen und romantischen Dynamiken zwischen Figuren als Vehikel genutzt werden, um Charaktere aufzubauen, wird das gemeine queere Serienhirn nicht selten gequält mit ausufernden hohlhetigen Liebesgeschichten, jeder Menge sexistischer Metaphern und Darstellungen und obendrein Note 6 im Bechdel-Text. Nicht so Supergirl. Die Hauptbeziehung in Staffel 1 war die zwischen Kara und ihrer älteren Adoptivschwester Alex Danvers, gefolgt von Cat Grant. Trotz der Folge 1-Positionierung von Kara „I’m not gay!“ Danvers wird die Coming-Out-Story von Kara als Supergirl mit ähnlichen Dynamiken und Metaphern erzählt. Kackscheiße? Äpfel mit Birnen? Naahh, so what! Dachte ich mir und akzeptierte die stellenweise Gleichsetzung von Superkräften mit Queerness #thisiswhatqueerreadinglookslike.

Ein Teil der queeren Supergirl-Fanbase stürzte sich frisch verliebt in homoerotische Lesarten der Dynamiken zwischen Cat und Kara und Kara und Lucy Lane, der Schwester von Lois. #Supercat und #Superlane ölten unsere von Heteronormativität und Typen-Bezogenheit im Fernsehen ausgetrockneten Kehlen mit Sätzen wie diesen:

Und Alex – ich sprenge dein Gaydar – Danvers? Abgesehen von Pseudo-Flirts mit Machoboy Nr. 1 war allen Zuschauer_innen mit Herz und Verstand klar, dass in Staffel 2 My Big Fat Gay Wedding ansteht. Alex‘ herzerwärmende Coming-Out Geschichte und ihre Beziehung zu Polizistin Maggie Sawyer (#Sanvers) verzückt seitdem die Fangemeinde. Doch was wären lesbische Storylines im TV ohne ihren hetero_sexistischen Dämpfer: Supergirl wechselte vor Ausstrahlung ihrer 2. Staffel zum Sender CW, der mit Arrow, The Flash und Legends of Tomorrow typenzentrierte Serien-Adaptionen aus dem Hause DC beheimatet. Im vergangenen Jahr killten die CW-Drehbuchautor_innen mehrere queere Figuren in ihren Serien #lexasideeye oder hielten sie dauerhaft im heterosexistischen Klischee-Eckchen gefangen. Feministische Serienjunkies prophezeiten, dass große Erwartungen auf große Enttäuschungen treffen werden. Supergirl scheint es nicht anders zu gehen.

Zu Beginn von Staffel 2 verlässt Cat Grant The Ship of All Shippings, Lucy, die eigentlich das Alien-Abwehr-und-Surveillance-Department DEO mitführen sollte, scheint in der Phantomzone zu schlummern und Kara verlässt ihre Beziehung zu James Olsen, bevor sie überhaupt angefangen hatte. Im Übrigen nicht das einzige rassistische Repräsentationsproblem bei Supergirl: Maggie Saywer, die in Supergirl als Latina positioniert ist, wird von einer weißen gespielt (die wiederum eine Beziehung mit Casey Rapey Affleck führt). Mon-El, ein Alien in white male supremacy Gestalt und Sklavenhalter-Prinz, wird ohne Storyline direkt in eine Hauptrolle katapultiert. Kara , die sonst mit Autonomität und Solidarität zu Frauen glänzte, schwimmt in Staffel 2 fast nur noch in Mon-El-Tears . Winn und James gründen ihren eigenen Helden-Bro-Club, während das fierce Schwesternduo von ihren jeweiligen Beziehungs-Issues lamentiert und nur noch selten im Bae-Modus unterwegs ist.

Frauen, Lesben und Trans* scheinen für CW nicht zur bevorzugten Zielgruppe zu gehören, doch der Sender hat seine Rechnung ohne Lena Luthor, Schwester von Supermans Alltime-Widersacher Lex Luthor und CEO von L-Corp, und den (queeren) Fans der Serie gemacht. Offensichtlich als shady femme fatale angelegt, bei der sexualisierte und romantische Anspielungen in Richtung anderer Frauen oft nur heterosexistisches Mittel zum Zweck sind, gibt’s von Lena Luthor ausschließlich Commitment, Mund-Offen-Bemerkungen und jede Menge Blumen für Kara Zor-El. Und Kara?

Gal Pals, Bezzie Mates oder doch #supergay? Jedenfalls füllt Supercorp-Fanfiction die Bibliotheken des Vatikan, das Internet explodiert in Supercorp-Gif-Partys und Flame Wars mit Kara/Mon-El-Fans. Hier wird jedoch nicht nur widerständig gegen Heten aus der Hölle geshipped, die meisten Fans der Serie kritisieren die Richtungswechsel zugunsten eines straight male Gaze, der Mon-El in fast jeder Folge die reifen Bingo-Kärtchen vom Gewaltbeziehungs- und Male-Entitlement-Baum pflücken lässt. Es ist ja bekannt, dass Autor_innen, Darsteller_innen und Produzent_innen durchaus Perspektiven und Meinungen von Fans berücksichtigen. So hoffentlich auch für die dritte Staffel, die noch diesen Herbst an den Start gehen soll und in der Lena Luthor eine Hauptrolle erhält.

Zum süßen Abschluss noch diese Video-Edits, die zum Niederknien sind. Vor Lachen. Ich liebe das Internet. Und queere Serienfans.


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Stinkefinger für Edeka: Euer Dickenhass ist scheiße

16. Februar 2017 von Magda
Dieser Text ist Teil 42 von 44 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Mit dem Satz „Mein Fett ist politisch“ zitiere ich die US-amerikanische Autorin Virgie Tovar oft und werde dann gefragt, was das genau bedeuten soll: Körperfett, politisch, hä?

Für mich bedeutet dieses Zitat, dass Körperfett heutzutage oft politisch instrumentalisiert wird, um Menschen zu beschämen und ihrem Gewicht Bedeutungen zuzuschreiben, die in der Regel negativ und verletzend sind. Somit werden dicke Menschen als faul(er), unattraktiv(er) oder ungesünder als schlanke Menschen dargestellt. Und weil die neoliberale Idee der Selbstoptimierung und des sich stets normgerechten Veränderns von Körper und Geist heute Teil unseres Lebens ist, aber eben nicht als Ideologie erkannt wird, spreche ich von Körpern als politische Orte: Auch an Körpern werden gesellschaftliche Ideen verhandelt. Mein Fett darf nicht einfach sein, mein Fett wird politisch aufgeladen.

Zwei Minuten pure Diskriminierung

Aktuelles Beispiel dafür ist der Edeka Werbespot, der von traurigen, grauen, vielessenden Dicken handelt. Und dann ist da ein Kind, das aus dieser traurigen, grauen, vielessenden Dickenwelt aussteigen möchte, um sich seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen: Anstatt undefinierbaren Brei zu essen, wie das alle traurigen, grauen, vielessenden Dicken machen, möchte er fliegen. Und auf einer grünen Wiese Beeren naschen. Weil er Beeren und nicht mehr Brei isst, nimmt er ab und kann schließlich federleicht über Wiesen gleiten und glücklich in der Natur rumliegen. Am Ende des Werbespots lesen wir den Spruch „Iss wie der, der du sein willst“. Mein erster Impuls:

Dieser Spot ist nicht nur die schlechteste (und peinlichste) Geschichte, die die Werbewelt je gesehen hat, es ist auch eine zutiefst diskriminierende Werbung, die es schafft, viele abwertende und schlichtweg falsche Annahmen über das Dicksein, dicke Menschen, über Ernährung und ihren Einfluss auf Körper(gewicht) in ein bisschen mehr als zwei Minuten zu packen. Dazu kommt, dass – ich nehme an: schlanke Menschen – mit so genannten Fatsuits ausgestattet werden, um Dicke zu spielen. Es ist ein ekelhafter Mix aus Dickenfeindlichkeit sowie klassistischen und rassistischen Ideen vom „guten Essen“.

Natalie von Gemischtwahnlädchen beschreibt die Botschaften, die in dem Spot transportiert werden, so:

Von Dicken wird ständig verlangt, dass sie sich ändern. Sprich, abnehmen.
Von Dicken wird ständig erwartet, dass sie unsichtbar, also ja nicht bunt sind.
Von Dicken wird ständig angenommen, dass sie sich nicht nur schlecht ernähren, sondern auch dauernd essen.
Von Dicken wird ständig erhofft, dass sie ihr Gewicht durch irgendeine besondere Fähigkeit wiedergutmachen.
Dicke dürfen nicht inspirierend sein, beziehungsweise nur dadurch, dass sie nicht mehr dick sein wollen.
Selbsthass ist super. Selbsthass ist der Status Quo.

Einfach mal beschweren…

Auf ihrer Facebook-Seite reagiert Edeka auf Kritik mit dem bekannten Spruch „Wir wollen ja niemanden diskriminieren“. Um nicht gähnen zu müssen, suche ich mal fix ein paar Adressen raus, wo ihr euch beschweren könnt: Bitte twittert, schreibt oder ruft doch mal an und sagt, was ihr davon haltet. Der Hashtag ist #issso.


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Arabisch und nordafrikanisch aussehende Menschen™ (Teil II)

2. Januar 2017 von Nadia

Zunächst einmal: Frohes neues Jahr! Und dann aber nochmal zurück in die Vergangenheit:

Silvester 2016 in Köln, Deutschland. Wer filzt meine Brüder bei Nacht und Wind? Es sind Polizisten die Spezialisten im Racial Profiling sind! Das ZDF, das wundert sich – wussten denn die arabisch und (nord)afrikanisch aussehenden Menschen™ von der inoffiziellen Ausgangssperre für Nicht-Herkunftsdeutsche nichts?!

Selfies kann man auch zuhause machen! (Plan B für Ausgangssperren.)

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Who you gonna call? GHOSTBUSTERS!

12. August 2016 von Magda
Dieser Text ist Teil 26 von 35 der Serie Die Feministische Videothek

Zu meinen Kindheitserinnerungen gehört der grün-klebrige Schleim der Ghostbusters. Hilfreich dabei war wahrscheinlich auch der gleichnamige Hit von Ray Parker, Jr., der auch heute noch Glücksgefühle in mir auslöst. Deshalb habe ich mich riesig gefreut, als ich hörte, dass in diesem Jahr ein Remake erscheinen soll. Und bitte festhalten, denn dieses Mal soll es nicht vier Helden, sondern vier Heldinnen geben. Das hat ziemlich viele Leute (hust, hust, Typen) aufgeregt, weil die Kindheitserinnerungen nun anscheinend entheiligt würden. Jetzt wollen Frauen auch noch Ghostbusters sein!!!1 Was bleibt da noch übrig für die Jungs? Traurig, aber wahr: Kein anderer Trailer in der Geschichte von YouTube erhielt mehr Dislikes. Die Jungs sind sauer.

Gestern habe ich dann endlich Ghostbusters geschaut, seit über einer Woche läuft er in den deutschen Kinos. Überraschend fand ich den erstaunlich leeren Kinosaal. Wie kann es denn sein, dass so viele den Titelsong nachts um drei besoffen auswendig schmettern können – den Film also sehr wohl kennen – aber keinen Bock haben in den Remake reinzugehen? Sind weibliche Hauptfiguren für die deutschen Befindlichkeiten zu boring? Wahrscheinlich, denn der deutsche Trailer gibt der männlichen Nebenrolle eine echt große Bühne, während der englische Trailer darauf verzichtet und ausschließlich mit den vier Hauptdarstellerinnen glänzt: Kristen Wiig, Melissa McCarthy, Kate McKinnon und Leslie Jones.

Eine umfassende Rezension kann ich leider nicht bieten (dazu bin ich zu wenig Film-Nerd), aber zwei Aspekte, die ich erwähnenswert finden, möchte ich gerne anreißen: Zum einen die Rolle von Patty (gespielt von Leslie Jones) und zum anderen das queere Potential des Films. Es folgen ein paar kleinere Spoiler.

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Gina-Lisa Lohfink: Wenn ein „Hör auf“ nichts mehr wert ist

6. Juni 2016 von Nadia

Triggerwarnung. Für alles.

Was ist das „Nein“ einer Frau wert? Was sind – wenn eine Frau vergewaltigt, die Tat gefilmt, das Video im Internet hochgeladen wird – alle „Neins“ dieser Welt wert? Darf eine Frau leben und arbeiten und sich kleiden wie sie möchte, oder beeinflusst das den Wert einer Frau, den Wert ihres Körpers, ihr Recht auf Unversehrtheit und Schutz in jeder Hinsicht?

Wenn man verfolgt hat, wie Gina-Lisa Lohfinks Vergewaltigung in den Medien seit Tagen bagatellisiert wird, kennt man die Antworten: Nichts. Nichts. Nein. Ja.

Gina-Lisa Lohfink (via Neue Presse)

Gina-Lisa Lohfink (via Neue Presse)

Sexuelle Gewalt wird ausgeübt, wird gefilmt, wird im Internet hochgeladen. Konsens wird verletzt, wird verletzt, wird verletzt. Interessiert aber keinen, denn was Konsens heißt versteht man in Deutschland wahrscheinlich immer noch nicht, auch nicht nach den Vorfällen in Köln an Silvester, obschon die uns ja angeblich zur Antisexismus-Nation Nummer 1 gemacht haben. (mehr …)


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vom Luxus über #armeLeuteessen zu fantasieren

7. März 2016 von Hannah C.
Dieser Text ist Teil 58 von 59 der Serie Meine Meinung

Selbstversuche und Sozialexperimente – es gibt wenig mehr, das als Missachtung wie eine Ohrfeige auf konkret betroffene Menschen wirken kann.

Da ist das “einen Tag im Rollstuhl”-Experiment, von Menschen, die keinen Rollstuhl benötigen, um sich selbstbestimmt von A nach B zu bewegen, genauso unangebracht, wie der “eine Woche obdachlos”-Selbsterfahrungstrip von Menschen, die ein Obdach haben.
Es ist unangebracht, weil die sinnhaftere Variante ein “Ich höre den konkret betroffenen Menschen zu, die mir etwas über ihre Lebensrealität erzählen”-Experiment wäre, das bis heute noch viel zu wenig Medienmachende wagen.

Aktuell gibt einen Selbstversuch im Magazin “Biorama” für nachhaltigen Lebensstil.
Nachhaltig befeuert werden in diesem Selbstversuch vor allem Stereotype und Vorurteile. Schlagwortartige Phrasen werden recycled, um konkret Betroffenen die eigenen Argumente und Er_Lebensrealitäten abzusprechen und umzudeuten. Man will nicht glauben, dass Armut mehr sein könnte, als eine Frage des Geldes, des Bildungshintergrundes oder der allgemeinen kognitiv geprägten Entscheidungsfindung. Darum setzt sich nun also ein Mensch hin, gibt sich ein Budget für seine Mahlzeiten und hält das für den richtigen Weg sich Fragen nach Luxus zu stellen.

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