Einträge der Rubrik ‘Gewalt’


#metoo – Wichtige Aktion zur Sichtbarmachung oder Aktivismus-Sackgasse?

17. Oktober 2017 von Charlott

Der Hashtag #metoo war gestern überall auf Twitter und Facebook. (Vor allem) Frauen teilten den Hashtag um zu signalisieren, dass sie sexualisierte Gewalt erlebt haben und beschrieben oftmals in Details ihre spezifischen Erlebnisse. Ich stehe dieser Aktion mit gemischten Gefühlen gegenüber.

Zunächst an alle, die ihre Geschichten geteilt haben und/oder sich selbst sichtbar gemacht haben als Personen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, und in diesem Akt (oder zum Beispiel dann nachfolgenden Gesprächen) Empowerment gefunden haben: Das ist großartig und wichtig.

Aber ich habe einige Fragen und Bedenken:

1) Ich verstehe prinzipiell den Wunsch danach aufzuzeigen, wie weit verbreitet sexualisierte Gewalt ist. Einige Menschen (vor allem cis Männer) mögen sich gestern sehr überrascht durch ihre Timelines gescrollt haben und festgestellt haben wie viele Menschen, die sie kennen, Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt haben. Ich hingegen war überhaupt nicht überrascht – genauso wenig wie die meisten, die jemals etwas zu sexualisierter Gewalt gelesen haben, die zuhören, wenn Menschen aller Geschlechter um sie herum etwas erzählen (und manchmal flüstern), oder die einfach nicht als cis Männer in dieser Welt leben. Ich frage mich, wie sich dieser Hashtag unterscheidet von der Anrufung an Männer sich vorzustellen, was wäre, wenn es um ihre Mütter, Töchter, Frauen ginge (denn genau das wird der Effekt für viele sein: sie stellen fest, dass Frauen in ihrem Umfeld sexualisierte Gewalt erleben)? Es gibt so viele Belege für die Geläufigkeit sexualisierter Gewalt, aber Männer müssen nur verstehen, dass es so geläufig ist, dass sogar Menschen, die sie mögen, betroffen sind? (Ich wäre viel erfreuter, wenn Typen (und auch Frauen, die häufig das System mitstützen) realisieren würden, dass sie nicht nur viele Betroffene sexualisierter Gewalt kennen, sondern beste Kumpels sind mit Tätern.) Bei sexualisierter Gewalt geht es um Macht. Es ist Teil des Systems, dass Menschen entscheiden können nichts über dieses Thema zu wissen, dass sie Erlebtes nicht als Gewalt anerkennen und dass sie Gewalt normalisieren. Ich schätze, dass so etwas wie #metoo verdampfen wird sobald ein paar Think Pieces geschrieben wurden (vielleicht am besten von Männern, für die andere Perspektive!).

2) Ich habe häufig das Gefühl bei solchen Hashtag-Aktionen, dass Menschen unter Druck gesetzt werden sich zu positionieren, sich als Überlebende/ Betroffene zu „outen“. Manche mögen das Gefühl haben sie schulden Leuten ihre Erzählung. Manche mögen das Gefühl haben, sie könnten nur noch über Gewalt sprechen, wenn sie ganz genau ausführen, wie ihre persönlichen Erfahrungen hinsichtlich dieser Gewalt sind. Es ist natürlich sehr wichtig Betroffenen zuzuhören und deren Perspektiven zu zentrieren, aber dies kann im Umkehrschluss nicht bedeuten, dass Menschen nur dann sprechen können/ als zuhörenswert angesehen werden, wenn sie all ihre Traumata offen legen. Wer ist die anvisierte Zielgruppe für diese Erzählungen? Warum benötigen wir Details? Wann und wem hören wir zu – und in welchen Fällen lassen wir es? (Wieviel hat dies mit den komplexen Positionierungen von Personen zu tun und wie nah sie an dem „perfekten Opfer“-Bild (weiß, schlank, cis, ableisiert, hetero) sind?) Wer entscheidet, welche Erzählungen als valide gelten und welche nicht? Wer kann überhaupt erzählen? Welche Erzählungen werden somit wiederholt und sichtbarer? (Außerdem wer kann sich durch so eine Hashtag-Aktion vor allem empowert fühlen?)

3) Sexualisierte Gewalt ist nicht neu, noch ist es neu, dass Menschen darüber sprechen. Frage deine lokalen Femminist_innen dir „Vergewaltigungskultur“ zu erklären und ich bin mir sicher, sie werden mit den Augen rollen und dich zum Googeln schicken: Denn Leute haben das Phänomen wieder und wieder erklärt und (hier wiederhole ich mich gern) es gibt einfach so viel zu dem Thema: Studien, Essays, persönliche Erzählungen. Organisationen und Gruppen arbeiten gegen sexualisierte Gewalt und unterstützen Opfer (so zum Beispiel auch die Organisation von Tarana Burke, einer Schwarzen Aktivistin, die den Hashtag erstmals vor zehn Jahren verwandte und darauß wesentlich mehr machte, als Alyssa Milano, die nun für die Verwendung des Hashtags gefeiert wird) . Wie bezieht sich die gestrige Hashtag-Aktion auf deren Arbeit/ auf feministische Theorie und Praxis/ zum Hände schmutzig machen?

4) Nun gibt es sicher Leute, die argumentieren, dass #metoo symbolischen Wert hat, aber nicht einmal dessen bin ich mir sicher oder anders: Was soll dieser symbolische Wert sein? Wer wird von diesem profitieren?

5) Ich bin müde. Ich bin es müde über erlebte Gewalt nachzudenken und zu wissen, wie viel Menschen betroffen sind. Ich bin aber auch diese Art von symbolischen Bekenntnis-Aktivismus müde, der häufig auch von jenen Leuten genutzt wird, die ansonsten jegliche andere Form von Aktivismus gegen sexualisierte Gewalt abtun oder die niemals Menschen in ihrem Freund_innenkreis, Arbeitskolleg_innen oder Familienmitglieder hinterfragen und kritisieren würden. Die meisten von uns – ob wir nun sexualisierte Gewalt erlebt haben oder nicht – haben an irgendeinem Punkt unseres Lebens diese Gewalt normalisiert, haben Menschen nicht ernst genommen oder selbst eine Form sexualisierter Gewalt ausgeübt. Ich möchte wissen, wie wir Betroffene unterstützen, Gemeinschaften aufbauen, in denen Menschen zur Rechenschaft gezogen werden und uns tagtäglich einsetzen.

6) Und all jene (vor allem cis Typen), die noch nie sexualisierte Gewalt erlebt haben und angesichts der #metoo-Posts überrascht und überwältigt waren, stellt sicher, dass ihr versteht, was es bedeutet davon überrascht sein zu können. Und dann fangt an Dinge zu lesen, Leuten zuzuhören, zieht endlich eure Freunde zur Rechenschaft und gebt Geld (so viel Geld wie möglich) an Organisationen, die gegen sexualisierte Gewalt und für andere feministische Themen kämpfen.


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Deutschland ist sich einig.

3. Oktober 2017 von Nadine

Jedes Jahr klopft man sich zum Tag der Deutschen Einheit wieder auf die Schulter, dass es die DDR zum Glück nicht mehr gibt, wird sich „mmmmhhh“-nend zunicken bei der Aussage, dass die Angleichung zwischen Ost und West noch nicht vollständig vollzogen ist und wird im Fernsehen mit Dokumentationen zugeschüttet von jubelnden Menschen an und auf der Mauer oder Genscher auf dem Balkon. Theoretisch kann feminist_in jedes Jahr zum 3.10. oder 9.11. May Ayim zitieren. Deutschland, eine Feier in weiß.

Und auch in diesem Jahr, wenige Tage nachdem das erste Mal seit der NS-Zeit wieder Nazis mit eigener Fraktion im Bundestag sitzen und man überall das Problem vermutet, nur nicht im gesamtdeutschen Rassismus, seiner Geschichte und dem unverantwortlichen Umgang damit. Deutschland ist sich einig.

Trotz aller (noch) bestehenden Unterschiede. Nach der Wahl haben alle Parteien bis auf die Linke beschlossen, dass man sich jetzt doch (endlich!!) den Problemen der „Flüchtlingsfrage“ und inneren Sicherheit zuwenden müsse. Deutschland schreit nach mehr Rassismus, Deutschland liefert ihn. Pflichtbewusst, ordentlich, pünktlich, effizient. Rassismus gegen Rechts und wem das aus der bürgerlichen Mitte an manchen Stellen dann doch etwas zu krass ist, der bemüht sich halt um einen positiven Heimatbegriff. Die Heimat der Aufrechten weißen statt die Heimat der Rechten. Sich aufrichtig den Problemen der Menschen widmen, die die AfD gewählt haben, die in Zukunft die AfD wählen könnten. Wie im Frühjahr 2019, wenn in Sachsen ein neuer Landtag zur Wahl steht und die AfD realistische Chancen auf den Wahlgewinn hat, während die christlich sächsische Union ein paar Tage Bedenkzeit und vielleicht eine Mitgliederbefragung einfordern wird, um eine Antwort auf die Frage zu finden, ob man im Jahr 2019 eigentlich mit Nazis koalieren sollte oder nicht. Besonders in Deutschland…

… dem mächtigsten Staat der EU und in Europa. Doch das interessiert die Einwohner aus Dorfchemnitz nicht, der 1500-Menschen-Gemeinde aus Mittelsachsen, in der es „nichts gibt außer einen Fleischer und einen Bäcker“, in der sich die Menschen abgehängt fühlen in ihren (enteigneten) Häuschen auf ihren großen (enteigneten) Grundstücken, von denen jeder Zweite die AfD wählte, auf Nachfrage es aber niemand gewesen sein will. „Frau Petry war die Einzige, die sich hier hat blicken lassen“, lässt erahnen, dass die weiße deutsche Seele gestreichelt werden will. Rassistische Gesetze reichen nicht. Ökonomischer Aufstieg von weißen Deutschen dank Ausbeutung, Enteignung und Völkermord reicht nicht. Rassistische Terrorgruppen, die unbehelligt mordend durch Deutschland ziehen können reichen nicht. Rassistischer Alltag reicht nicht. Weiße Enklaven reichen nicht. Man will hören, wie sehr man Opfer ist, jammern können und Mitleid bekommen, politisches Unwissen als politischen Unmut zelebrieren. Deutschland ist sich einig.

…dass es noch mehr Studien und Analysen braucht, um herauszufinden, warum denn nun so viele Leute die AfD gewählt haben. Aber bitte nicht von extern, das sind maximal Gesprächsbeiträge. Nicht objektiv. Angst dagegen, die ist objektiv. Solange sie weiß ist. Deutschland ist sich einig.

Zum Weiterlesen:

 


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Opfer_Diskurs – Zeit für Mut zum Perspektivwechsel!

21. Februar 2017 von Hannah C.

Es ist ein Phänomen. Dieser “Opfer-Diskurs”. Der dann doch gar nicht der Diskurs der Opfer ist, sondern einer über sie und was das überhaupt ist: ein Opfer.

Mithu M. Sanyal, Kulturwissenschaftlerin und Autorin, hat sich etwas getraut und kaum jemand hats gemerkt. Sie hat mit Menschen gesprochen, die als Opfer bezeichnet werden, und deren Wunsch nach Selbstbestimmung um die Bezeichnung, in die Presse und damit den Diskurs selbst hineingetragen.
So heißt es in ihrem Artikel “Du Opfer!”:
“So wie vorher der Begriff „Überlebende“, nimmt „Erlebende“ eine Verschiebung vom Passiven zum Aktiven vor, allerdings ohne die damit einhergehende Wertung. Schließlich wird Erlebnis erst durch ein beigefügtes Adjektiv (wunderbares Erlebnis, grauenhaftes Erlebnis, langweiliges Erlebnis) näher bestimmt und lässt sogar Raum für Ambivalenzen (ein schreckliches, aber auch banales Erlebnis). Durch die Substantivierung „Erlebende sexualisierter Gewalt“ kann somit jede*r selbst bestimmen, wie er*sie das Erlebte bewertet. Gleichzeitig findet ein Perspektivwechsel statt: Die Formulierung lädt ein, über die Wahrnehmung der erlebenden Person nachzudenken, und nicht, was ein anderer Mensch mit dieser Person macht.”

Für mich als Person, die zum Opfer von Gewalt wurde, ist es das, was ich mir seit Jahren in den Diskurs hineinwünsche.

Ich wünsche mir, dass ich anderen Menschen meine Erlebnisse mitteilen kann. Meine schönen, meine erhebenden, meine furchtbaren, meine schrecklichen. All die Erlebnisse, die zu meinen Erfahrungen mit mir, der Welt und anderen Menschen werden und den Lauf der Dinge bereichern.
Einfach, weil sie passieren. Weil das Leben nun einmal so ist.

Ich wünsche mir, über Gewalt, die sexualisiert wird, sprechen zu können, ohne dabei Rücksicht auf die Aufladungen derer nehmen zu müssen, die sie selbst nicht erlebt haben. Ich möchte erzählen können, wie das war, damals, als ich Gewalt erlebte. Ohne Füllwattensätze, die meinen Status als damals unterworfene Person ganz unübersehbar machen oder Auslassungen, die zu Zweifeln an der Wahrhaftigkeit meiner Erfahrung führen.

Ich wünsche mir die Freiheit, meine Erlebnisse sexualisierter Gewalt mit all den Wörtern be.greifbar zu machen, die es gibt.
Doch diese Freiheit muss ich mir im öffentlichen Raum erkämpfen und durch den Gewalt_Opfer-Diskurs bis heute als “gutes”  (rationales/reines/mutiges/tapferes) Opfer verdienen.
Denn die Wertung so mancher Diskutant_innen wird bis heute nicht umfassend genug mit der Wahrnehmung und Lebensrealität derer abgeglichen, über dessen Erfahrungen sich profiliert wird.

Ich möchte die Freiheit haben, meine Gewalt.erlebnisse individuell und meiner Identität entsprechend mit.teilen können, ohne, dass sie zur Waffe in einem Machtkampf instrumentalisiert werden.
Ich möchte meine Wahrnehmungsqualitäten sexualisierter Gewalt an mir teilen können, ohne als Frau, als Opfer, als all das, was für das Gegenteil von Selbst_bestimmt steht, gelesen oder gedacht zu werden.

Bis ich 21 Jahre alt war, war eine Vergewaltigung etwas, das ich in mein Leben zu integrieren hatte, wie ich heute schlechtes Wetter, unpünktliche Busse und Avocados, die sich als faul entpuppen, in den Lauf der Dinge integrieren muss.
Solche Dinge geschehen. Man muss damit umgehen.
Das ist eine Realität, die allein ich in ihren Qualitäten und Wirkungen auf mich zu bewerten habe, denn ich habe sie gelebt und ich lebe mit ihr bis heute.

Keine meiner Wertungen über die Ereignisse, die ich gelebt habe, kann und soll exemplarisch für alle Menschen gelten, die ähnliche oder gleiche Erfahrungen gemacht haben.
Aber sie können helfen, das Bild erweitern, das man von Menschen hat, die Gewalterfahrungen durchlebt haben.

Es gibt die vergewaltigten Männer. Die sexualisiert misshandelten Non-Binaries, Transmenschen und Queers.
Die sexualisierte Gewalt, die weit über die Verletzung durch oder an Genitalien hinausgeht.
Und es ist die Aufgabe eines Diskurses sich dem auch zu widmen.

Es ist an der Zeit, die Stimmen, die da sind, mit der Sprache und den Wahrheiten sprechen zu lassen, die sie einbringen können, statt sich auf ihre Kosten zu jemandem zu machen, der ihnen eine Stimme gibt.
Es ist an der Zeit, sich von den eigenen Vorstellungen über etwas, das man selbst nicht erlebt hat, zu trennen und durch Mut zur Erweiterung des eigenen Erfahrungshorizontes zu ersetzen.

Es ist Zeit für die Akzeptanz des Umstandes, dass man Gewalt mit allen möglichen Wahrnehmungsqualitäten erfahren und bewerten kann.
Es ist Zeit für die Etablierung der Idee, dass Opfer, Beteiligte, Erfahrene… auch ein eigenes Leben er_lebende Menschen sind. Vor der Gewalt, während der Gewalt, nach der Gewalt.

Es ist Zeit der Einladung in der Formulierung “Erlebende_r sexualisierter Gewalt” nachzukommen.

 

 

weiterlesen:
– zum Begriff des Überlebens sexualisierter Gewalt, H. C. Rosenblatt
– „last note – Opfer_Diskurs„, H. C. Rosenblatt
– Buchbesprechung „von Opfern reden„, A. Schrupp
– „rape culture – wir entmündigen vergewaltigte Frauen„, SZ-Artikel
Kulturgeschichte Vergewaltigung, M. M. Sanyal
– „Geschichten, die zählen„, Kampagne der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung „sexuellen Missbrauchs“ in familiären Kontexten
– „Weil es sagbar ist„, C. Emcke


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die Gefahren des Internet? – sicher nicht das Internet! – #sid2017

7. Februar 2017 von Hannah C.

Heute ist der “Save Internet Day” (oder auch „safer Internet day“ kurz: #sid2017).
Viele Organisationen und Vereine informieren darüber, wie man sich am Besten vor dem Internet schützt und geben Tipps zur Netznutzung, die unterm Strich dazu führen, am Besten in klitzekleinen gated online communities zu bleiben.
Ich halte das für nicht sehr sinnvoll.
Und das, obwohl ich sogenannte „safe spaces“ unterstütze und wichtig finde.

Was ist also für mich problematisch an so manchen Ansagen, die zum save Internet day (aber allgemein auch immer wieder mal) auftauchen?
Ich sehe die größte Gefahr des Internet im Missverstehen des Internet und damit den Gefahren, die mit der Nutzung einhergehen.

First of all: das Internet als Ort
Das Internet ist ein Kommunikationsnetz!
Früher gab es die Post und das Telefon. Doch als sich diese Netze als Verbreitungsweg von Propaganda, Werbeflut und mitunter Grenzüberschreitung darstellten, gab es noch keine save Briefpost/Telefon-Tage. Warum?
An der globalen Verbreitung des Netz und der Möglichkeit auch anonym eine Nachricht abzusenden, kann es wohl kaum gelegen haben.

Ein weiteres Missverständnis ist meiner Ansicht nach, die Auffassung zur Quelle der Gefahren, mit denen man es über das Internet zu tun hat.
Es ist nicht das Internet. Es ist nie das Internet.
Niemals ist ein Internet auf mich zugekommen und hat mir in die Twittermentions gekackt.
Niemals wird es das Internet sein, das es in Ordnung findet, meine persönlichen Daten auszuspähen und zu verkaufen.

Die Gefahren des Internet sind – as always – andere Menschen.

Menschen, die lügen und betrügen.
Ob bei Ebay, Amazon oder Facebook – viele Plattformen ermöglichen den Handel mit Waren oder Dienstleistungen. Und wo der Handel ist, da ist der Beschiss nicht weit.  Nur, weil wir in analogen Geschäften an Mondpreise und andere täuschende Aktionen gewöhnt sind, heißt das nicht, dass die gleichen Mechanismen über die Netzkommunikation gefährlicher für die Konsument_innen sind.
Wer macht solche Aktionen? – Menschen.
Warum? – weil sie es können.

Menschen, die Werbung für ein notwendiges Übel des kapitalistischen Internet halten.
Hier könnte jetzt viel darüber stehen warum Facebook und andere Plattformen aussehen wie ein Werbekatalog – es ist aber nicht nur die Werbung als solche, die der Gewalt übers Netz immer mehr Vorschub leistet.
Es ist die rücksichtslose Gier dahinter.

Schon lange bewege ich mich nicht mehr ohne (mehrere) Adblocker von Webseite zu Webseite. Zum Einen weil Werbegewackel mich vom Seiteninhalt ablenkt, zum Anderen aber, weil sich immer häufiger Miniprogramme hinter Werbeanzeigen verstecken, die sich meine Daten zum Frühstück und meinen Rechner zum Mittagessen reinziehen.

Man kann sich einreden, dass man gegen Internetwerbung immun ist. Der Wurm, der dir deine Mails wegfrisst, weil du nichts dagegen hast, während der Recherchen für ein Projekt auch noch über Schuhe, Klamotten und eine mögliche Karibikreise “informiert” zu werden, nutzt aber deine persönliche Konsequenz dieser Überzeugung aus.

Wo kommen solche Schädlinge her? – von Menschen.
Wer ermöglicht die Platzierung solcher Gefahren? – Menschen.

Was ist das Internet in diesem Szenario? – Das Medium. Und nichts weiter.

Wer macht so einen Scheiß?
Menschen, die (unter anderem) die technische Unversiertheit von User_innen ausnutzen.
In einer Sozialgemeinschaft, in der alle respekt- und rücksichtsvoll miteinander umgehen, sollte es nicht notwendig sein, einen Abschluss in Kommunikationstechnik oder was weiß ich zu benötigen, um sich der Nutzung des Internet gewappnet genug zu fühlen.
In der vorherrschenden Gewaltgesellschaft, die derzeit existiert jedoch, wird es zur Pflicht, die bei Nichterfüllung zu victim blaming und dem “Rat” das Internet nicht zu nutzen führt.

Jedes Mal, wenn dir dein Antivirenprogramm oder irgendjemand anderes einredet, du müsstest deinen Schutz aufrüsten, weil du sonst selbst schuld am Systemcrash deines PC bist, redet es gerade nicht auf jemanden ein, der einen Virus programmiert oder Spammails mit Trojanern im Anhang versendet.

Das Gleiche gilt für die Kommunikation mit anderen Menschen auf social media-Plattformen.
Wann immer dir jemand sagt, du sollst das Internet nicht nutzen, weil du darüber belästigt, bedroht, ausgenutzt, aussoiniert und benutzt wirst, wird nicht mit den Menschen gesprochen, die dir Gewalt über das Netz antun.

Das ist wichtig zu sehen.
Am Save Internet Day werden nicht die Menschen angesprochen, von denen sich ein Großteil der Nutzer_innen bedroht fühlen.

Warum? Weil mit Antivirenprogrammen, individuellen Schutzprogrammen und als safe spaces nutzbaren social media-Plattformen mehr Geld zu machen ist.
Weil Menschen in unserer Gesellschaft es verdammt nochmal gewohnt sind für ihren eigenen Schutz zu bezahlen, statt, dass sich Forderungen nach dem Ende einer Bedrohung als wirksam erweisen.

Ich halte es für falsch, sich immer weiter in diesem gewaltkulturell geprägten und kapitalistisch motiviertem Kreisel zu bewegen, wenn es um das Internet unserer Zeit geht.

Das Internet ist schon immer nichts weiter als ein Kanal, der von Menschen bedient wird.
Zum Guten wie zum Schlechten. Zum Konstruktiven wie zum Destruktiven.

Das Internet ist kein Ort, vor dem man so warnen sollte, wie man Frauen™ davor warnt, nachts allein durch einen Park zu gehen.
Es ist auch kein Ort, wo Fremde mit Süßigkeiten in der Hand nur darauf warten, dass kleine medieninkompetente Kinder an ihnen vorbei laufen.

Das Internet ist ein Kommunikationsmittel mit dem Menschen, die Gewalt ausüben (wollen), so geschützt wie sonst nirgendwo sind, weil das Internet an den entscheidenden Stellen schlicht missverstanden ist.

Hier also mein Senf zum Save Internet Day:

– sprecht über das Internet nicht als Ort, sondern als Kanal, der von Menschen mit unterschiedlichsten Interessen benutzt wird
– bringt euren Kindern bei, dass ein Posting eine Aussage ist und, dass man für das, was man aussagt, immer auch die Verantwortung tragen muss – analog, wie digital!
– bringt euch selbst bei, die Verantwortung für das zu tragen, was ihr wann wie wo postet, programmiert, als Plattform zur Verfügung stellt

und: (feministische) Netzpolitik ist ein Ding – macht mit, wenn ihr könnt, denn es ist unser aller Internet.


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Sexualisierte Gewalt: Wer wird gesehen?

10. Januar 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 122 von 131 der Serie Die Feministische Bibliothek


Das Bild davon, wie ein Opfer sexualisierter Gewalt aussieht, wer als Täter in Frage kommt und welche Wege des Umgangs mit der erfahrenen Gewalt akzeptabel sind, kennt nur wenige Nuancen. Opfer sind zumeist cis-weiblich, hetero, weiß und able. Täter sind männlich (und häufig rassifiziert, wie auch die aktuellen Debatten in Deutschland zeigen). Diese Vorannahmen gerade auch in (Mainstream) feministischen Diskursen, haben Auswirkungen darauf, wie Hilfsangebote strukturiert sind, wer Zugang hat, welchen Erzählungen Raum gegeben wird, welche als schädlich gelten und was als „heilende“ Ansätze akzeptiert werden kann. Obwohl LGBTQ Personen von Beginn an elementar waren im „anti-violence movement“ und sich vehement gegen sexualisierte Gewalt einsetzen und Betroffene unterstüzen, sind es oft ihre Erfahrungen, die marginalisiert werden. Die im letzten Jahr erschienene Anthologie Queering Sexual Violence: Radical Voices from Within the Anti-Violence Movement herausgegeben von Jennifer Patterson möchte dem etwas entgegensetzen.

Eröffnet wird die Sammlung von River Willow Fagans Essay „Fluctuations in Voice: A Genderqueer Response to Traumatic Violence“. Fagans beginnt:

My voice is probably husky, as I have been crying; either way, my voice sounds like a man’s voice. Her voice, emanating from the phone, is cold. „This number is only for survivors of sexual violence,“ she tells me.
„I know,“ I say. „I’m a survivor.“
„I’m sorry but this number is for people in crisis only,“ she say. „You’ll have to call the business line.“ She sounds angry, as if by calling I have invaded her space […].*

Bereits in diesen ersten Sätzen spiegeln sich einige der fundamentalen Problemfelder wider, die in den folgenden Texten in Variationen aufgegriffen werden: Wer gilt als potentiell betroffen? Wem wird geglaubt? Wer hat Zugang zu Unterstützung?

Insgesamt 36 sehr unterschiedlich positionierte Menschen schreiben in Essay- oder (seltener) Gedichtform über sexualisierte Gewalt. Die Texte sind vier Kapitel untergeordnet: Redefining (Neudefinieren), Reclaiming (Wieder Aneignen), Resisting (Widerstand), Reimaging (Neuvorstellen). Die Kapitelabgrenzungen sind teils etwas wage, aber sie machen deutlich, was das Ziel des Buchs ist: Gewaltformen, zu denen es dominante Vorstellungen gibt, sollen neudefiniert werden, der Blick für Betroffene geschärft werden und genau hingesehen werden, wer Gewalt erfährt, wer Gewalt ausübt, mit welchen Folgen. Die Autor_innen bekommen den Raum ihre diversen Erfahrungen offen zulegen, Fragen zu stellen und Vorschläge zu unterbreiten.

Das Buch versucht dabei nicht dem dominanten Diskurs einen in sich kohärenten Gegendiskurs gegenüber zustellen, sondern Vorannahmen aufzubrechen und Widersprüche stehen zu lassen. So kann in einem Text dargelegt werden, wie die schreibende Person ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt auch dazu beigetragen hat, wie sie ihr Geschlecht und ihre Sexualität wahrnimmt und lebt, und in einem späteren Text der_die Autor_in gegen die Vorannahme, dass sexualisierte Gewalt „Ursache“ für Queerness sei argumentieren. Die Anthologie legt nahe, dass beide – auf der Oberfläche konträr wirkende Aussagen – gleichermaßen wahr sein können. Autor_innen fragen auch, wie mit Täter_innen in der eigenen Community umgehen, die auch mal Opfer waren, wie selbst anerkennen, dass die eigene Erfahrung sexualisierter Gewalt nicht davor schützt selbst gewalttätig zu agieren. Die Sammlung in ihrer Gänze deutlich, dass es nicht immer einfache Antworten gibt, nicht immer eine Lösung, die für alle passend ist. Das zu akzeptieren wird zu einer wichtigen Grundlage, um gegen sexualisierte Gewalt und für Betroffene von dieser Gewalt zu arbeiten.

Queering Sexual Violence: Radical Voices from Within the Anti-Violence Movement ist ein wichtiges Buch: Es repräsentiert marginalisierte Erfahrungen, regt zum immer weiter kritisch hinterfragen ein. Die Vielfalt der Texte ist ein großer Gewinn, auch wenn eine etwas klarere Gliederung im Buch – gerade langfristig zum Nachschlagen – schön gewesen wäre. Viele Autor_innen beschreiben konkret (und teils relativ graphisch) ihre Gewalterfahrungen. Ich zu mindestens musste immer mal wieder Pausen machen beim Lesen – aber das Buch ist es wert.

Zum Weiterlesen:

________

* Übersetzung Zitat: Meine Stimme ist wahrscheinlich heiser, da ich geweint habe. In jedem Fall klingt meine Stimme wie eine Männerstimme. Ihre Stimme, die aus dem Telefon klingt, ist kalt. „Diese Nummer ist nur für Überlebende von sexualisierte Gewalt,“ sagt sie mir.
„Ich weiß,“ sage ich. „Ich bin Überlebende_r.“
„Tut mir Leid, aber diese Nummer ist nur für Menschen in einer Krise,“ sagt sie. „Sie müssen unsere Geschäftsnummer anrufen.“ Sie klingt wütend, als wäre ich durch meinen Anruf in ihren persönlichen Raum eingedrungen […].


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Rechtsextreme Frauen: Analysen und Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit und Pädagogik

13. Dezember 2016 von Charlott
Dieser Text ist Teil 10 von 10 der Serie Gender und Rechts(extremismus)

LehnertRadvan.indd Was sollte passieren, wenn eine Mutter, die in rechten Organisationen aktiv ist, sich im Kindergarten zur Elternsprecherin wählen lassen möchte? Wie damit umgehen, wenn eine Frau im Frauenhaus Unterstützung aufgrund von Gewalt in ihrer Beziehung sucht und dann Flyer zu rechten Veranstaltungen auslegt? Oder wie reagieren, wenn sich die Kollegin in der Hilfseinrichtung oder Student_innen der Sozialen Arbeit als der extremen Rechten zugewandt herausstellen? Diesen und weiteren Fragen wenden sich Esther Lehnert, Professorin für Geschichte, Theorie und Praxis Sozialer Arbeit mit dem Schwerpunkt Rechtsextremismus, und Heike Radvan, Leitern der Fachstelle „Gender und Rechtsextremismus“ der Amadeu Antonio Stiftung, in dem am 07. November erschienen Buch Rechtsextreme Frauen – Analysen und Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit und Pädagogik zu.

Auf gerade einmal 138 Seiten versuchen Lehnert und Radvan das Phänomen extrem rechte Frauen und Soziale Arbeit/ Pädagogik aus möglichst vielen Winkeln kritisch zu analysieren und Vorschläge für die Praxis zu unterbreiten. Als Rahmen für ihr Vorhaben, betten sie Soziale Arbeit/ Fürsorge kritisch historisch ein und zeigen auf, wie diese Arbeitsfelder verbunden sind mit der Herstellung von Differenz und wie sie beispielsweise während des Nationalsozialismus elementarer Teil der Durchsetzung und Erarbeitung rechter Ideologie waren (mit biographischen Beispielen zeigen sie zu dem Kontinuitäten bis weit nach 1945). Diese politische Einordnung zeigen sie als konträr stehend zu einer oft entpolitisierten Wahrnehmung Sozialer Arbeit – die auch in ihrer weiblich gegenderten Zuschreibung fußt. Gerade diese Wahrnehmung ist es auch nach Lehnert und Radvan, die dazu führt dass Sozialarbeiter_innen als rechte Täter_innen aus dem Blick geraten, oder dass in bestimmten Arbeitsfelder das Intervenieren bei rechten Haltungen von Personen, die auf sozialarbeiterische/ (sozial)pädagogischen Angebote zurückgreifen, als außerhalb der Zuständigkeit definiert wird. Dazu kommt, dass rechte Frauen sowieso häufig als wenig politisch kategorisiert werden.

In diesem Buch wird detailliert aufgeschlüsselt, wie Geschlecht und politische Wahrnehmung gekoppelt sind. Gezeigt wird dies auch am Beispiel von Beate Zschäpe, die bereits als Jugendliche regelmäßig Kontakt mit Sozialarbeiter_innen hatte, aber obwohl sie Gewalttaten verübte von diesen als „nettes Mädchen“ beschrieben wurde und als eine, die nur an den „Jungs der Szene“ interessiert gewesen sei. Lehnert und Radvan betonen, dass viele Frauen der extremen Rechten sich die entpolitisierte Wahrnehmung zu Nutze machen und strategisch einsetzen um Zugang zu/ Einfluss auf Gruppen zu gewinnen. Anhand von Fallbeispielen aus der langjährigen Beratungsarbeit der Autorinnen zeigen sie wie in verschiedenen Arbeitsfeldern (frühkindliche Pädagogik, Jugendarbeit, familienunterstützende Hilfen, Schutz vor häuslicher Gewalt, Pflege und Hochschulen) Frauen der extremen Rechten auftreten können (mal als Personen, die die Maßnahmen beanspruchen, mal als jene, die sie durchführen). Sie beschreiben und analysieren diese Situationen nicht nur, sondern entwickeln auch jeweils Handlungsvorschläge. Im Zentrum dieser steht, dass sich Soziale Arbeit/ Pädagogik als politisch engagiert verstehen muss und die Unterstützung von von Diskriminierung und Gewalt negativ betroffener Personen zentral sein muss.

Sehr gelungen machen die Autorinnen durchgehend deutlich, dass Handlungen der extremen Rechten nicht losgelöst gesehen werden können von breiteren rassistischen, ableististen, sexisistischen etc. Strukturen und Diskursen. Genau dieser Gedanke ist auch häufig Ansatzpunkt für Strategien – so fordern sie nicht nur dazu auf, rassistische Formulierungen niemals einfach stehen zu lassen, sondern warnen auch, dass Maßnahmen, die auf binären, biologistischen Geschlechtervorstellungen fußen, wichtige Ideologiepfeiler nicht hinterfragen und damit nicht langfristig wirksam sein können. Auch wird in dem Buch deutlich, dass Frauen der extremen Rechten als direkte und indirekte Empfänger_innen von sozialarbeiterischen Maßnahmen, als Sozialarbeiterinnen und als Studentinnen der Sozialen Arbeit auftreten und all diese Verknüpfungen gleichzeitig im Blick behalten werden sollten. Dies scheint wiederum nur möglich mit einer durchgehend kritisch-reflektierenden Auseinandersetzung mit Ideen der Fürsorge und Sozialen Arbeit, wie sie in dem Buch vorgeführt wird.

Durch die Vielzahl an Informationen und unterschiedlichen Herangehensweisen, gibt es in dem Buch einige Stellen, die sehr dicht sind, andererseits sind thematische Übergänge manchmal ein wenig abrupt und einige Gedanken werden etwas häufig wiederholt. Nichtsdestotrotz ist dies ein wichtiges und zugängliches Buch, welches nicht nur Personen, die direkt im sozial/pädagogischen Bereich tätig sind, Denkanstöße liefern kann.


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Typen dürfen nicht, wir schon – Gewalt in queeren Beziehungen und die Ignoranz des Umfeldes

11. Dezember 2016 von Nadine

Bei Typen sind wir immer ganz vorne dabei, wenn es um Gewalt geht. Zitieren Statistiken, werfen mit Zahlen, donnern mit berechtigten Urteilen. Vergewaltigung, häusliche Gewalt, Gewalt in Beziehungen. Da wissen wir, wie der Hase läuft. Da wissen wir ganz genau, wie das Patriarchat funktioniert. Da wissen wir, dass in rund 90% der Fälle der Täter der eigene Ehemann ist, oder der Freund, oder der Onkel, Vater, Cousin, Bruder. Der Kumpel, den wir schon ewig kennen und von dem wir nie dachten…

Bei queeren Personen sind wir immer ganz vorne dabei, wenn es um Gerechtigkeit geht. Zitieren Statistiken, werfen mit Zahlen, donnern mit berechtigten Forderungen. Da wissen wir ganz genau, wie der Hase läuft. Vertrauen, Nähe, Anerkennung. Wahrnehmen. Ernstnehmen. Da wissen wir ganz genau, wie Utopie funktioniert. Da wissen wir, dass in rund 90% der Fälle alles okay ist. Dass sich da kritische Menschen mit anderen kritischen Menschen zusammentun und an einer besseren Welt bauen. Die mit weniger Gewalt, Diskriminierung und Ausgrenzung auskommt. Eine Welt, in der Menschen sich wohl fühlen, ein Zuhause haben. Einen Ort, an dem sie sein können, wie sie sind.

Wir respektieren ja Grenzen

Gewalt innerhalb queer_feministischer Communities, ja sogar Gewalt in Beziehungen, häusliche Gewalt, Vergewaltigung, das kann nicht sein. Das gibt es nicht. Denn wir respektieren ja Grenzen. Wir wissen ja um die Gewalt, die wir täglich erfahren. Aber nicht bei uns. Nicht unter uns. Niemals.

Wir interessieren uns brennend für die Gewaltgeschichten unseres_r Gegenüber. Wir wollen verstehen. Wir wollen unterstützen. Aber nur einen Teil. Den anderen blenden wir aus. Theoretisch besteht ja die Möglichkeit. Das haben wir in schlauen Büchern gelernt. Aber denken? Konsequenzen denken? Das können wir nur mit schlauen Büchern, Handreichungen. Community Accountability, Transformative Justice. Schlagworte in den Raum werfen. Workshops besuchen, Arbeitsgruppen bilden. Stuhlkreise.
Wir halten uns für so gut und so diskriminiert, dass wir es selten wagen zu denken, dass in 100% der Fälle, die andere Person der_die Täter_in, äähh Freund_in, äääh Aktivist_in, ääähhh die Person ist, von der wir niemals dachten, dass…

Die Beziehung als Therapiestunde

Menschen, die Gewalt erfahren haben, können Gewalt ausüben. Es ist so simpel und doch so schwer zu begreifen. Wir halten uns für Opfer, deswegen für gewaltfrei. Wir haben doch nur Wünsche und Bedürfnisse, auf die wir ein Recht haben, weil wir erlebt haben. Und wer uns diese Wünsche und Bedürfnisse nicht erfüllt, negiert unsere Erfahrungen, verhält sich ignorant, verletzend, diskriminierend, wiederholt Trauma.

Wenn die eigenen Erfahrungen dafür benutzt werden, um andere auszunutzen, zu manipulieren, zu kontrollieren, zu Handlungen und Entscheidungen zu zwingen bzw. zu „überreden“, ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, Selbsthass, Schuld- und Schamgefühle zu injizieren, um eigene Projektionen als ultimative Wahrheit zu verkaufen.

Wenn unsere eigene Beziehung mit einer Therapiestunde verwechselt wird, wenn mein_e Partner_in mein Leben auf die Reihe kriegen soll, meine Schmerzen ertragen soll, meine Trauer, meine Ängste und dafür die Verantwortung übernehmen. Wenn ich nicht akzeptieren kann, dass eine Beziehung nicht dafür da ist meine eigene Ohnmacht zu kompensieren. Dann fängt Gewalt an.

Typen dürfen nicht, wir schon

Aber wir sind doch so reflektiert… Wir sind doch so kritisch… Deshalb instrumentalisieren wir auch unser Wissen über Machtverhältnisse, soziale Positionen, Diskriminierung und Gewalt und rechtfertigen damit unsere Grenzüberschreitungen. Wir dürfen, weil wir erlebt und erfahren haben. Wir dürfen, weil wir ein Recht dazu haben. Wir dürfen, weil wir leiden… Inwiefern unterscheiden wir uns damit von dem rund 90% Täter. Der von dem wir niemals dachten, dass. Der, von dem wir schon immer wussten, dass.

Das Private ist politisch, heißt es doch. Aber nicht nur politisch ist ein sehr dehnbarer Begriff. Früher dachte ich, es wäre müßig Täter_innen zu outen in queeren Kontexten. Weil es dann einen Namen gibt. Wenige Namen gibt unter vielen. Und die vielen mit dem Finger auf die wenigen zeigen können, um sich selbst von dieser Form oder diesem Ort der Gewalt freizusprechen. Ich gebe zu, ich war naiv.  Denn so gut wie niemand interessiert sich für Namen. So gut wie niemand interessiert sich dafür, was überhaupt passiert, wenn wir von einer Demo oder Party nach Hause gehen, was in unseren eigenen 4 Wänden passiert.

Das Offensichtliche wird ignoriert

„Naja, so lange wir nicht alle Seiten der Geschichte kennen“ – „Woher hätte ich denn wissen sollen?“ „Für eine Einschätzung fehlen mir die Details…“ – Expert_innen, die wir in Fragen der hetigen Beziehungs- und häuslichen Gewalt, der sexualisierten Gewalt zweifellos sind, scheitern an den offensichtlichen Zeichen und Hinweisen, die Betroffene immer geben, wenn sie von ihrem Beziehungsalltag berichten.

Naaah, das sollen die mal schön unter sich klären…ihr „Beziehungsdrama“. Dramatisch, dass immer nur Typen Täter sein können. Dramatisch, dass es angeblich keine Täter_innen gibt unter allen anderen. Wer ein Opfer ist, kann kein_e Täter_in sein. Gewalt beginnt da, wo ich die Verantwortung für mich selbst an meine Beziehung abgebe. Gewalt hört nicht auf, wenn ich glaube, dass mich all das nicht betrifft.


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Wie sieht Vergewaltigungskultur aus? Genau so.

22. August 2016 von Charlott

Vielleicht ist es zynisch, aber wer in den letzten Wochen den Prozess gegen Gina-Lisa Lohfink beobachtet hat, überrascht der Ausgang nur bedingt. Und trotzdem ist er natürlich ein Schlag in die Magengrube. Für Lohfink selbst. Und für alle anderen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Am Ende des heutigen Prozesstages wurde Gina-Lisa Lohfink, die zuvor zwei Männer aufgrund einer Vergewaltigung angezeigt hatte, wegen falscher Verdächtigung zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 250€ verurteilt.

Das ist doppelt fatal, einmal für die Einzelperson (und allein das sollte schlimm genug sein), aber dann auch darüber hinaus als gesellschaftliches Zeichen: Sexualisierte Gewalt wird eh bereits nur sehr selten zur Anzeige gebracht. Neben den Gründen, die bisher dazu führten nicht anzuzeigen, kommt nun noch die offensichtliche Gefahr bei einer abgewehrten Anzeige zurück verklagt zu werden. Bei den katastrophalen Verurteilungsquoten für Vergewaltiger lassen sich die Konsequenzen leicht ausmalen.

Bereits vor zwei Monaten fragte Nadia Shehadeh in einem Artikel:

Was ist das „Nein“ einer Frau wert? Was sind – wenn eine Frau vergewaltigt, die Tat gefilmt, das Video im Internet hochgeladen wird – alle „Neins“ dieser Welt wert? Darf eine Frau leben und arbeiten und sich kleiden wie sie möchte, oder beeinflusst das den Wert einer Frau, den Wert ihres Körpers, ihr Recht auf Unversehrtheit und Schutz in jeder Hinsicht?

Die Antwort wurde heute wieder einmal glasklar gegeben: Es ist nichts wert. Daran ändert auch erst einmal nichts, dass in der Zwischenzeit im Hauruck-Verfahren ein Gesetz erlassen wurde, welches ein „Nein“ als solches gelten lassen möchte (und gleichzeitig die Lage für Asylsuchende verschärfte). Das Problem sind nicht ausschließlich die einzelnen Gesetze. Sondern vielleicht auch die Grundstruktur dieses Rechtssystems. Es ist eine Vergewaltigungskultur, wie sie sich in den Gerichtssälen zeigt, auf den Titelseiten vieler Zeitungen und im alltäglichen Gespräch.

Die Verteidigung von Gina-Lisa-Lohfink hat angekündigt in Berufung zu gehen. Die Proteste und Unterstützung für sie werden hoffentlich weiter stattfinden. Für heute Abend bleibt nur die Wut. Und das Lesen einiger Tweets:


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Wenn die Justiz dich zum Opfer macht #NiUnaMenos

8. August 2016 von Gastautor_in

Stefany ist Latin@ Femme aus Peru und studiert Romanistik und Politikwissenschaft an der Freien Universität in Berlin. Sie lebt seit 14 Jahren in Deutschland, liebt Make Up, malen und Erdbeeren und bloggt auf femmeinista u.a. über Feminitätsfeindlichkeit. Sie ist außerdem bei Instagram und Twitter aktiv. Wir dürfen ihren Beitrag zu den Protesten #NiUnaMenos gegen geschlechtspezifische Gewalt crossposten – vielen Dank!

“Tengo miedo, mucho miedo, qué seguridad puedo tener ahora; esto es muy injusto. No sé cómo va a ser mi vida de hoy en adelante, puedo esperar cualquier cosa de una persona que ha intentado matarme“. – Cindy Arlette Contreras, La República.

(Übersetzung: “Ich habe Angst, große Angst, welche Art von Sicherheit kann ich jetzt haben; das ist sehr unfair. Ich weiß nicht, wie mein Leben von nun an sein wird, ich erwarte alles von einer Person, die versucht hat, mich zu töten.“ – Cindy Arlette Contreras)

Die Angriffe – erlitten von der Peruanerin Cindy Contreras am 13. Juli 2015 – empören das ganze Land. Ein Sicherheitsvideo eines Hotel in Ayacucho erfasst den Moment, indem sie von ihrem ehemaligen Partner geschlagen wurde. Adriano Pozo Arias, ihr Aggressor, wurde zu einem Jahr auf Bewährungsstrafe wegen nicht schwerwiegenden Verletzungen verurteilt und zu S./5,000 Soles (ungefähr €1,300) Schadenersatz.

Auch dieser Fall erlangte mediale Aufmerksamkeit: Lady Guillén wurde 2012 brutal von ihrem Partner geschlagen. Ihr Fall wurde zu einem Symbol für den Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Doch trotz der Beweise wurde ihr Angreifer Ronny García so gut wie entlassen – er wurde zu vier Jahren Haft auf Bewährung wegen Verbrechen gegen das Leben, Körper und Gesundheit verurteilt und musste Schmerzensgeld in Höhe von S./ 28,000 Soles (ungefähr €7,500) zahlen.

Feminicidio-2009-2015

Feminicidio Peru 2009-2015 (zum Vergrößern anklicken: PDF)

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Eindrücke von der Protestaktion #TeamGinaLisa

28. Juni 2016 von Magda

Das Gerichtsdrama (mir fällt kein anderes Wort ein) um Gina-Lisa Lohfink ist ein trauriges, wütend machendes Paradebeispiel, wie sehr Verharmlosung von Gewalt und Lächerlichmachung von Menschen, die Gewalt erleb(t)en – kurz: Vergewaltigungskultur – in den Köpfen der Justiz, der Medien, ja, des Durchschnittsdeutschen verankert ist. „Mutmaßliche Vergewaltigung“ schreiben eifrige Journalist_innen und ich wundere mich, was „mutmaßlich“ an dieser Gewalttat ist, die auf Video mit Ton festgehalten wurde. Ich frage mich, wie ein mehrmals formuliertes und deutliches „Hör auf“ überhaupt Gegenstand von Diskussion sein kann, als verstünden deutschtümelnde und auf sprachliche Korrektheit beharrende EntscheidungsträgerInnen kurze Befehlsformen nicht mehr. (Wie undeutsch das wäre!)

Ich habe Kopfschmerzen, als ich gestern morgen aufstehe und zum Amtsgericht Tiergarten fahre. Meine Freund_innen und ich treffen uns um halb neun, mit Bauchgrummeln und Unwohlsein. Einige, weil dieser Fall eigene schmerzvolle Erinnerungen zurückholt, alle, weil wir #TeamGinaLisa sind und die feministischen Aktionen vor Ort trotzdem mit kritischem Abstand betrachten. Manche (wenige?) der Organisator_innen, die zur Protestaktion aufriefen – so genannte „Abolitionistinnen“ – sind bekannt für ihre Sexarbeiter_innen und transfeindlichen Positionen, die ausgestattet mit Sklavereivergleichen an rassistischer Ignoranz kaum zu übertreffen sind. Das Bündnis #ausnahmslos rief bezugnehmend darauf zu einer „inklusiven Soliaktion für Gina-Lisa Lohfink“ auf, was ich begrüße, weil sie sich solidarisch in die Protestaktionen einreihen und trotzdem klar Position beziehen.

#TeamGinaLisa vor Gericht 27.06.2016. Foto: Tim Lüddemann

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