Einträge der Rubrik ‘Körper’


Bitte anschnallen, hier kommt die Flash Crew! #Samstagabendbeat

14. Oktober 2017 von Magda

In Zusammenarbeit mit dem Wiener Flash Mädchen*cafe entstand das Musikvideo NOT ASHAMED im Rahmen von drei Workshop Nachmittagen mit Mädchen* und jungen Frauen* zwischen 14 und 20 Jahren.

 


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„Du siehst aber gar nicht krank aus!“ ist KEIN Kompliment

9. August 2017 von Charlott

Würde ich diesen Text jetzt schreiben, wenn ich in allen Situationen, in denen ich „Du siehst aber gar nicht krank aus!“ oder ähnliche Sätze gehört habe, (für mich) angemessen reagiert hätte? Wahrscheinlich nicht. Und ihr fragt euch vielleicht – nach der Frage, was denn so schlimm an diesen Satz ist, er ist doch nett gemeint – warum ich nicht direkt in den Situationen reagiert habe. Ja, die Sache ist die, dieser und verwandte Sätze (oft bleibt es nicht bei einem und es kommen Sätze zwischen Aufmunterung und Bewunderung dazu) sind meistens sehr nett gemeint und auch wenn es im Internet schnell anders wirkt, so bin ich doch meist ein quasi freundlicher ™ Mensch. Da sitze/ stehe ich dann und nicke und lächele.

Ich käme natürlich seltener überhaupt in die Situation solche Sätze zu hören, wenn ich nicht immer wieder über chronische Krankheiten und Schmerzen sprechen würde. Ich mache das sehr gezielt, unter anderem um Menschen daran zu erinnern, dass Lebensrealitäten (und Körper) komplex sind und um an der angenommenen Realität zu kratzen, dass alle Menschen um eine_n herum super fit und gesund sind – außer es gibt ganz starke klare Marker, die das Gegenteil verkünden. Dafür halte ich keine langen Vorträge, sondern erwähne ab und an Dinge aus meinem Leben. Dieses Sprechen ist ein Balanceakt auf einem sehr, sehr dünnen Seil (über einem ziemlichen hohen Abrund, um die etwas faule Metapher wenigstens auszuschlachten). Sonya Huber beschreibt in einem ihrer Essays in Pain Woman Takes Your Keys. And Other Essays From a Nervous System (das Buch habe ich vor hier besprochen) wie sie von einem Bekannten auf ihre Facebook-Posts zu Schmerzen/ Krankheit angesprochen wird, die er als das wahrnahm, was sie die ganze Zeit quasi postet. Vollkommen irritiert – da sie aktiv versucht nicht so viel dazu zu posten um die gesellschaftlichen Konsequenzen wissend – geht sie nach Hause und checkt ihr letztes Jahr auf Facebook, nur um festzustellen, dass sie vielleicht vier Mal etwas zum Thema geschrieben hatte.

Häufig scheint es mir als gebe es nur zwei Möglichkeiten: entweder nehmen andere dich wahr als DIE Krankheit, du hast nicht nur Krankheiten, du bist diese (und konsequenterweise bist du nur noch wenig anderes), oder aber – gerade auch wenn du mehr und mehr schweigst und andere Faktoren das ermöglichen – vergessen Menschen schnell wieder, dass wenn du chronisch erkrankt bist und du vor drei Wochen krank warst, du es auch in sieben Monaten noch sein wirst. Für Nicht-Betroffene scheint letzteres das bessere Ergebnis zu sein. Doch in der gelebten Realität bedeutet das auch sich ständig fragen zu müssen, ob Menschen gleich irritiert reagieren werden, wenn man darauf hinweist aus Krankheitsgründen bestimmte Dinge gerade beispielsweise nicht machen zu können, oder für etwas Unterstützung zu benötigen (obwohl man das doch schon einmal vor vier Monaten eingefordert hat! Ist nicht mal irgendwann gut!?).

Ich kann chic angezogen sein. Bei einer Filmpremiere. Und es sagt nicht viel über meinen Gesundheitsstatus.

Es gibt so unterschiedliche Gründe, warum eine Person, die eine oder mehrere chronische Krankheiten hat, nicht krank aussieht. Der einschlägigste Grund ist natürlich, dass wir nur sehr begrenzte Bilder davon haben, wie kranke Menschen aussehen. Davon abgesehen gibt es viele Symptome, die nicht direkt als solche sichtbar sind und das macht es auch häufig schwer Verständnis für diese zu bekommen. Elaine Scarry schreibt in ihrem Buch The Body in Pain über Schmerzen (nicht nur als Ergebnis von Krankheiten sondern allgemein) und stellt fest, dass Schmerz, für die Person, die ihn erfährt, die realste Erfahrung ist, für die Person, die nur vom Schmerz erzählt wird, die irrealste, unfassbare. Denn selbst wenn es eine Wunde als Ursache des Schmerzes gibt, so sieht man die Wunde, aber nicht den Schmerz an sich. Und wenn es dann nicht einmal eine Wunde gibt… Ein anderes (teils) nicht direkt sichtbares Symptom wäre Erschöpfung und Müdigkeit. Ich persönlich kann beides bis zu einem bestimmt Grad übergehen/ überspielen – mit dem Wissen mit großer Wahrscheinlichkeit später (am Tag/ in der Woche) Konsequenzen davon zu tragen, aber diese sehen dann die Personen, die mich munter, fit und voller Elan erlebt haben, ja nicht.

Als kranke Person Auswirkungen der eigenen Krankheiten zu übertünchen oder Dinge zu tun, die dazu führen, dass eine_r als weniger/ nicht krank wahrgenommen hat, kann verschiedene Motivationen haben: Nicht ausschließlich als DIE_DER Kranke wahrgenommen zu werden (da dies in unserer ableistischen Gesellschaft keine sehr flexible und voll ausgestattete Subjektposition ist). Aus Angst als nicht produktiv (genug) gesehen zu werden – was ja durchaus sehr negative finanzielle, berufliche, soziale Auswirkungen haben kann (Hallo, kapitalistische Verwertungslogiken!). Weil es nicht sonderlich viel Spaß macht krank zu sein und man das auch gern mal vergessen möchte. Wenn man sich an einem Tag nicht besonders gut fühlt, kann es (für einige/ manchmal) sich gut anfühlen sich besonders nett anzuziehen/ herzurichten.

„Du siehst aber gar nicht krank aus!“ ist kein Kompliment, weil ungesagt mitschwingt „und das ist etwas Gutes“.
„Du siehst aber gar nicht krank aus!“ ist kein Kompliment, weil es lobt, dass du es geschafft hast dich in eine Norm zu pressen.
„Du siehst aber gar nicht krank aus!“ ist kein Kompliment, weil es gar nicht den Preis kennen möchte, den du dafür zahlst um in die Norm zu passen.
„Du siehst aber gar nicht krank aus!“ ist kein Kompliment, weil es unter Umständen Anstrengungen lobt, die du nicht einmal freiwillig auf dich genommen hast.
„Du siehst aber gar nicht krank aus!“ ist kein Kompliment, weil es so sehr an Lebensrealitäten vorbei geht.
„Du siehst aber gar nicht krank aus!“ ist kein Kompliment, weil es viel mehr über die aussprechende Person sagt als über die adressierte Person.
„Du siehst aber gar nicht krank aus!“ ist kein Kompliment, weil es dich oft mit dem Gefühl hängen lässt, dafür gelobt worden zu sein, nicht negativ aufzufallen.
„Du siehst aber gar nicht krank aus!“ ist kein Kompliment, weil es die Frage in den Raum wirft, was eigentlich mit Personen ist, die krank sind und krank ™ aussehen. Und auf diese Frage keine guten Antworten findet.

Uns (und da nehme ich mich gern mit ein) fällt es nicht leicht mit kranken Menschen umzugehen. Das Ideal unserer Gesellschaft ist Gesundheit. Bevor wir geboren werden heißt es „Hauptsache gesund!“ (obwohl das natürlich auch meist eine Lüge ist). Und jedes Jahr werden werden wir am Geburtstag erinnert mit „Alles Gute, aber vor allem auch ganz viel Gesundheit“ – oder aber auch bei jedem Niesen. Gesundheit!* Einerseits ist das verständlich: krank sein ist nicht toll. Wir wünschen anderen Personen nicht, dass sie krank werden. Doch trotz dieses Wunsches muss es Umgänge damit geben, dass es immer Menschen gibt, die krank sind – und vor allem auch damit, dass es Menschen gibt, die immer krank sind (wobei dieses sehr unterschiedlich aussehen kann). Ein guter Anfang wäre es sich immer wieder selbst zu hinterfragen, wo wir gesunde Körper als positive, unter allen Umständen anzustrebende Norm (voraus)setzen. Z.B. in so scheinbar harmlosen Aussagen wie „Du siehst aber gar nicht krank aus!“ (oder anderen).

*(Kleiner Exkurs: Mein „Gesundheit!“-Ruf-Reflex ist sehr stark ausgeprägt. Ich bin manchmal froh in einem Kontext zu arbeiten, wo (aufgrund der Sprache) „Bless you!“ die Standardreaktion ist. Nur ist die Frage, ob es heuchlerischer ist als kranke Person ständig passiv-aggressiv Gesundheit zu rufen, oder als nicht-religiöse Person Leute zu segnen/ preisen. Ich weiß, Schweigen wäre auch eine Möglichkeit. Ich arbeite dran.)


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Schmerzensfrau. Vom Leben mit chronischen Schmerzen.

18. Juli 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 129 von 131 der Serie Die Feministische Bibliothek

„So, jetzt sagen Sie mal, wie würden Sie Ihren Schmerz kategorisieren auf einer Skala von 1 bis 10?“ Häufig, wenn ich diese Frage gestellt bekommen habe, war mein erster Gedanke: „Was soll meine Aussage bringen, wenn ich nicht einmal regelmäßig gefragt werde und es wenigstens einen Verlauf zu dokumentieren gebe?“. In anderen Situationen aber war der Schmerz so groß, dass ich zu elaborierten Gedanken nicht mehr fähig war und irgendeine Zahl, die sich für mich in diesem Moment richtig anfühlte, genannt habe. Das erwies sich auch selten als richtig, denn kaum jemals wurde meine Zahl unkommentiert aufgenommen. Beispiel: Ich liege im Krankenwagen, nachdem ich in einem Zug vor Schmerzen fast zusammengebrochen bin. Ich kann gerade seit etwa einer Minute wieder Worte formulieren, der Schmerz klingt also etwas ab. Ich sage eine relativ hohe Zahl. Der Sanitäter lacht etwas: „Naja, das ist eine Zahl, die Frauen bei der Geburt nennen.“

In ihrem Buch Pain Woman Takes Your Keys. And Other Essays From a Nervous System (University of Nebraska, 2017) schreibt Sonya Huber über das Leben mit chronischen Schmerzen und chronischen Krankheiten. Sie analysiert wie gerade frausierte Personen hinsichtlich von Schmerz nicht ernst genommen werden, das eigene Verhältnis zum schmerzenden (versagenden?) Körper, die Unterbehandlung von chronischen Schmerzpatient_in, die ewigen gut gemeinten Tipps (Hast du schon einmal Yoga probiert?), Sex oder die Abwesenheit von Sex, Schmerz-Selfies und eben auch unzureichende Schmerzskalen. Für letztere bietet Huber eine wunderbare Alternativskala an, die so perfekte Kategorien umfasst wie „2. Ich bin beschäfftigt-beschäfftigt-beschäfftigt, denn wenn ich mich schnell genug bewege, dann holt mich der Schmerz nicht ein! Und jetzt bin ich in Bewegung, aber sobald ich anhalte, wird die Couch mich wie ein Magnet anziehen.“*, „7. Fass mich verdammt noch mal nicht an.“ und den Abstufungen von ich kann nicht mehr lesen, über ich kann nicht mehr TV sehen zu ich kann keine Handyspiele mehr spielen. Selten habe ich mich in einem Text so wiedererkannt.

Huber wechselt zwischen unterschiedlichen Schreibstylen, mal sehr poetisch, häufig humorvoll, klar analysierend, mäandernd, Alltagsbeschreibungen, öffentliche Briefe, Listen. Viele der einzelnen Texte sind relativ kurz (was gerade, wenn man selbst beispielsweise Schmerzen erlebt, super ist). Insgesamt hat das Buch nur knap 180 Seiten, doch schafft es Huber diese prall zu füllen und viele unterschiedliche Ebenen anzureißen, von Kritiken am Gesundheitssystem (hier natürlich mit besonderem Fokus auf die USA), zu Annäherungen, was Schmerz eigentlich ist/ bedeutet/ macht, Blicke auf Diskurse rund um Krankheit/Gesundheit (zB zum Thema Dankbarkeit) und Analysen alltäglicher Situationen. Huber gibt Einblicke, was es für sie bedeutet mit chronischen Schmerzen/ Krankheiten lohnzuarbeiten und Mutter zu sein. Sie spricht offen über Versagensängste und Gedankenspiralen zu Produktivität, aus denen nur schwer ein Entkommen möglich ist.

In einem ihrer Essays schreibt Huber: „Schmerzensfrau hat dir Zeugs zu erzählen und sie hat nur eine Minute Zeit bevor sie dazu zu müde ist. Schmerzensfrau weiß Dinge“. Es lohnt sich Schmerzenfrau(en) zuzuhören. Als Person, die teilweise Diagnosen mit Huber teilt, habe ich bei Pain Woman Takes Your Keys viel genickt und genauso viel an Zitaten unterschrichen und notiert. Das Buch ist aber auch ein guter Einstieg für alljene ist, die bisher keine Erfahrungen mit chronischen Schmerzen und Krankheiten machen mussten. Und für alle, die weiter lesen wollen, führt Huber auf ihrer Webseite eine Liste mit Memoiren, Essays, Tagebüchern und weiteren Ressourcen zu Krankheit und Behinderungen.

*Alle Zitate aus dem Englischen von mir übersetzt.


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Fat Studies in Deutschland: Von Diskriminierung, Dickenaktivismus und kreativen Gegenstrategien

6. Mai 2017 von Magda
Dieser Text ist Teil 43 von 44 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Pünktlich zum Internationalen Antidiät-Tag ist vor wenigen Wochen der wissenschaftliche Sammelband „Fat Studies in Deutschland. Hohes Körpergewicht zwischen Diskriminierung und Anerkennung“ im Beltz Verlag erschienen.

Neben WissenschaftlerInnen kommen zu diesem Thema erstmals auch Sozialpädagoginnen, Expertinnen aus der Mädchenarbeit, Künstlerinnen und Fat Aktivistinnen zu Wort, was sich in der Themenvielfalt, der Sprache und den Perspektiven niederschlägt und die Lesefreude (für mich) erheblich erhöhte.

Nach einer Annäherung an das akademische und eher im englischsprachigen Raum angesiedelte Feld der Fat Studies thematisieren die AutorInnen Dicksein und Gewichtsdiskriminierung (in einem deutschen Kontext) und nehmen ökonomische und politische Verhältnisse, das (Antidiskriminierungs-)Recht, mediale Bilder oder die soziale Arbeit in den Blick. Auch zu finden sind Themen wie fette Kunst und Theater oder Sex. Die Beiträge stellen einen exzellenten Ausgangspunkt für weitere (intersektionale) politische, kulturelle und wissenschaftliche Analysen und Debatten dar.


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Anti-Diät-Tag: Weltbeste Erdbeertorte

6. Mai 2017 von Charlott

Heute ist Anti-Diät-Tag. Magda hat bereits vor drei Jahren passend zusammengefasst, worum es an diesem Tag nicht geht (Beschämen individueller Diäterfahrungen) und worauf der Fokus liegen sollte (Strukturen kritisieren, dicke Körper feiern). Auch lohnt sich heute – wie auch die anderen 364 Tage im Jahr – ein Blick in unsere Reihe (Mein) Fett ist politisch.

Was auch politisch ist? Essen als dicke Person. Wenn schlanke Menschen zum Teil abgefeiert werden, wenn sie Pizza mampfen und Torte preisen (hallo, Lorelei und Rory Gilmore), so sieht das häufig sehr anders aus bei dicken Menschen, wenn sie sich (wohl möglich noch in aller Öffentlichkeit) Pommes oder besten Kuchen in den Mund schieben.

Das folgende Rezept macht meinen dicken Körper glücklich. Und vielleicht eure ja auch. Lasst es euch schmecken und bleibt widerständig!

Zutaten (ausreichend für eine 22cm-Springform):
Boden:
20 fein zerbröselte Oreo-Kekse
60g Butter, geschmolzen

Füllung und Dekoration:
50g Kokosflocken
680g Frischkäse, glatt gerührt
50g weißen Zucker
20g braunen Zucker
1 TL Vanille-Extrakt
1 TL Kokosnuss-Extrakt
100g zerbröselte Vanille-Waffeln
230g aufgeschlagene Sahne
Erdbeeren je nach Größe
etwas Erbeersauce zur Dekoration

Anleitung:
1. Kokosflocken auf Backpapier ausbreiten. Bei 160 Grad im Ofen für ca. 5-10 Minuten backen. Die Flocken sollten goldenbraun sein. Zum Kühlen zur Seite stellen.

2. Geschmolzene Butter mit Oreo-Keks-Krümeln verrühren und die Masse auf den Boden der Springform fest drücken.

3. Frischkäse mit weißem Zucker, braunen Zucker und den beiden Extrakten gut verrühren.
4. Zur Frischkäsemasse die Kokosflocken und zerbröselten Vanille-Waffeln hinzufügen und noch einmal verrühren.
5. Sahne unter die Masse geben und dann die Füllung auf dem Boden verteilen.
6. Die Torte muss etwa 4-5 Stunden im Kühlschrank fest werden. (Ja, das warten ist schwer.)

7. Torte mit Erdbeeren und Erdbeersauce dekorieren.
8. Essen!


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während sie streiken …

8. März 2017 von Hannah C.

Das feministische Netzwerk möchte den vom Womans March angeregten Generalstreik der Frauen* am Frauen*kampftag, mit einer Blogparade begleiten.
Alle Informationen findest du hier – meinen Beitrag gibt es hier:

Am Tag ohne Frauen stehe ich an der Straßenbahnhaltestelle und fühle den Wind mit den Raspelrüschen an meinem Rock spielen.
Heute hau ich auf die Kacke, denk ich mir. Heute zerschmettere ich die Idee von mir als Frau. Alles sollen es sehen. ICH BIN KEINE FRAU!

Als ich mir das kurz vorher in meiner Wohnung vornehme, zupfe ich mein Beanie auf dem Kopf zurecht, das meine Haare heute bedeckt.
Da stehe ich vor dem Spiegel und nicke dem Spiegelbild zu.
Heute ist der Tag ohne Frauen. Und alle, die keine Frauen sind, werden einander heute sehen.
Hoffentlich.

Oh bitte bitte hoffentlich.
Hoffentlich bin ich nicht die einzige als Frau misgenderte Person, die sich heute raustraut.

In meiner direkten Wohnumgebung kenne ich niemanden di_er queer, trans, non-binary … ist. So laufe ich allein wie immer los und denke, wie schade das ist.
Doch was weiß ich, welche Person mich gerade sieht, obwohl ich sie nicht sehe? Vielleicht tue ich hier etwas, das Mut fassen lässt?
Das rede ich mir ein, bis ich es mir fast glaube. Immerhin den Weg zur Bahn schaffe ich so.

Da stehe ich und warte.
“Aufgrund des Generalstreiks kommt es heute zu Verzögerungen auf allen Linien” schnarrt es aus dem Lautsprecher.

Ich zögere auch.
Um die Reaktionen der Menschen an der Haltestelle zu hören, müsste ich mir den Superpowersoundtrack aus den Ohren nehmen, der mir gerade mein ganzes Selbstvertrauen vermittelt.
Ach scheiß was drauf, denke ich. Irgendwie hört man es doch jeden Tag. Wie irgendwer irgendwas über “die Frauen” sagt.

“Was fürn Streik?”, fragt der eine und dreht sich eine Zigarette. “Frauenstreik”, antwortet der andere und setzt mit einem feinen Lächeln dazu: “Is meine auch mit dabei, ne.”.
Der eine guckt. Der andere nickt. “Ja ha.”.

Ich gucke weg. Stecke meine Köpfhörer zurück in die Ohren. Das lief jetzt zu okay, um noch irgendetwas mehr zu hören. Ich will mir einreden, dass der andere „seine“ Frau unterstützt, vielleicht sogar feiert, dass sie mitmacht. Vielleicht sogar ein tieferes Verständnis davon hat, warum es wichtig ist, dass es diesen Tag gibt.

Ich wende mein Gesicht der Sonne zu und richte mich aufs Warten ein.
Da dringt ein Geräusch an mich. Der eine spricht mich an. “Hey”, sagt er und schaut mich unter gerunzelten Augenbrauen an. “Und was is mit dir? Zu fein zum Streiken oder wat?”.

Was soll ich jetzt sagen? Ich habe mir keine Antwort auf diese Frage überlegt.
Klar – es hat so viel Kraft und Überwindung gekostet bis hier her zu kommen, dass noch gar kein Platz war darüber nachzudenken, wie ich meine Anwesenheit so erkläre, dass sie legitimiert wird. Und zwar sowohl vor den Frauen, die heute nicht da sind – aber morgen, als auch vor den Verbliebenen, die heute, wie morgen da sind.

”Nö.” antworte ich deshalb.
“Nö” ist so lang wie Ja, aber doch Widerspruch. Es ist mein Hosentaschenriot. Mein “Nö.”.

“Was “Nö”? Is doch hier Frauentag – macht ihr euch da man nen schönen Tach!”, sagt er und lächelt, als würde er mir ein Stück Torte gönnen.
“Ah lass man – passt schon.”, winke ich ab und drehe mich wieder in die Sonne. Diesmal um mich von ihr verbrutzeln zu lassen.

Was ich denn für ne Pfeife bin, denke ich. Erst voll zu sich stehen und dann doch alles runterschlucken? Was geht?!
Andererseits: So eine fremde Person ist jetzt auch niemand, den es etwas angeht, zu welchem Gender ich mich zuordne. Ich kann nichts dafür, dass meine Identität nicht gleichermaßen normalisiert ist, wie die von Männern und Frauen, die sich auch als solche empfinden und einordnen.
Andererseits: Kann die Person denn was dafür? Vielleicht weiß sie gar nicht, dass es mehr gibt als “die Männer” und “die Frauen”?

Andererseits: Ich kann nur meine eigene Haut, mein eigenes Leben, mein eigenes Sein als Beweis dafür herzeigen, dass es Menschen wie mich gibt – was in einer Welt, in der der Einzelfall nicht zählt, ein hoher Preis ist.
Andererseits: Wenn es niemand sagt oder zeigt, dann wird es nicht gesagt oder gezeigt

Als die Bahn endlich einfährt und meine Hand es ist, die uns allen, die wir auf sie gewartet haben, die Tür öffnet, denke ich, dass ich ja da bin.
Ich bin präsent und sichtbar für die, die mich heute sehen können.

Und als ich mich hinsetze, werde ich erkannt.
Von Maria. Die – oder der? oder di_er? oder..? – drei Straßen weiter wohnt.


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Opfer_Diskurs – Zeit für Mut zum Perspektivwechsel!

21. Februar 2017 von Hannah C.

Es ist ein Phänomen. Dieser “Opfer-Diskurs”. Der dann doch gar nicht der Diskurs der Opfer ist, sondern einer über sie und was das überhaupt ist: ein Opfer.

Mithu M. Sanyal, Kulturwissenschaftlerin und Autorin, hat sich etwas getraut und kaum jemand hats gemerkt. Sie hat mit Menschen gesprochen, die als Opfer bezeichnet werden, und deren Wunsch nach Selbstbestimmung um die Bezeichnung, in die Presse und damit den Diskurs selbst hineingetragen.
So heißt es in ihrem Artikel “Du Opfer!”:
“So wie vorher der Begriff „Überlebende“, nimmt „Erlebende“ eine Verschiebung vom Passiven zum Aktiven vor, allerdings ohne die damit einhergehende Wertung. Schließlich wird Erlebnis erst durch ein beigefügtes Adjektiv (wunderbares Erlebnis, grauenhaftes Erlebnis, langweiliges Erlebnis) näher bestimmt und lässt sogar Raum für Ambivalenzen (ein schreckliches, aber auch banales Erlebnis). Durch die Substantivierung „Erlebende sexualisierter Gewalt“ kann somit jede*r selbst bestimmen, wie er*sie das Erlebte bewertet. Gleichzeitig findet ein Perspektivwechsel statt: Die Formulierung lädt ein, über die Wahrnehmung der erlebenden Person nachzudenken, und nicht, was ein anderer Mensch mit dieser Person macht.”

Für mich als Person, die zum Opfer von Gewalt wurde, ist es das, was ich mir seit Jahren in den Diskurs hineinwünsche.

Ich wünsche mir, dass ich anderen Menschen meine Erlebnisse mitteilen kann. Meine schönen, meine erhebenden, meine furchtbaren, meine schrecklichen. All die Erlebnisse, die zu meinen Erfahrungen mit mir, der Welt und anderen Menschen werden und den Lauf der Dinge bereichern.
Einfach, weil sie passieren. Weil das Leben nun einmal so ist.

Ich wünsche mir, über Gewalt, die sexualisiert wird, sprechen zu können, ohne dabei Rücksicht auf die Aufladungen derer nehmen zu müssen, die sie selbst nicht erlebt haben. Ich möchte erzählen können, wie das war, damals, als ich Gewalt erlebte. Ohne Füllwattensätze, die meinen Status als damals unterworfene Person ganz unübersehbar machen oder Auslassungen, die zu Zweifeln an der Wahrhaftigkeit meiner Erfahrung führen.

Ich wünsche mir die Freiheit, meine Erlebnisse sexualisierter Gewalt mit all den Wörtern be.greifbar zu machen, die es gibt.
Doch diese Freiheit muss ich mir im öffentlichen Raum erkämpfen und durch den Gewalt_Opfer-Diskurs bis heute als “gutes”  (rationales/reines/mutiges/tapferes) Opfer verdienen.
Denn die Wertung so mancher Diskutant_innen wird bis heute nicht umfassend genug mit der Wahrnehmung und Lebensrealität derer abgeglichen, über dessen Erfahrungen sich profiliert wird.

Ich möchte die Freiheit haben, meine Gewalt.erlebnisse individuell und meiner Identität entsprechend mit.teilen können, ohne, dass sie zur Waffe in einem Machtkampf instrumentalisiert werden.
Ich möchte meine Wahrnehmungsqualitäten sexualisierter Gewalt an mir teilen können, ohne als Frau, als Opfer, als all das, was für das Gegenteil von Selbst_bestimmt steht, gelesen oder gedacht zu werden.

Bis ich 21 Jahre alt war, war eine Vergewaltigung etwas, das ich in mein Leben zu integrieren hatte, wie ich heute schlechtes Wetter, unpünktliche Busse und Avocados, die sich als faul entpuppen, in den Lauf der Dinge integrieren muss.
Solche Dinge geschehen. Man muss damit umgehen.
Das ist eine Realität, die allein ich in ihren Qualitäten und Wirkungen auf mich zu bewerten habe, denn ich habe sie gelebt und ich lebe mit ihr bis heute.

Keine meiner Wertungen über die Ereignisse, die ich gelebt habe, kann und soll exemplarisch für alle Menschen gelten, die ähnliche oder gleiche Erfahrungen gemacht haben.
Aber sie können helfen, das Bild erweitern, das man von Menschen hat, die Gewalterfahrungen durchlebt haben.

Es gibt die vergewaltigten Männer. Die sexualisiert misshandelten Non-Binaries, Transmenschen und Queers.
Die sexualisierte Gewalt, die weit über die Verletzung durch oder an Genitalien hinausgeht.
Und es ist die Aufgabe eines Diskurses sich dem auch zu widmen.

Es ist an der Zeit, die Stimmen, die da sind, mit der Sprache und den Wahrheiten sprechen zu lassen, die sie einbringen können, statt sich auf ihre Kosten zu jemandem zu machen, der ihnen eine Stimme gibt.
Es ist an der Zeit, sich von den eigenen Vorstellungen über etwas, das man selbst nicht erlebt hat, zu trennen und durch Mut zur Erweiterung des eigenen Erfahrungshorizontes zu ersetzen.

Es ist Zeit für die Akzeptanz des Umstandes, dass man Gewalt mit allen möglichen Wahrnehmungsqualitäten erfahren und bewerten kann.
Es ist Zeit für die Etablierung der Idee, dass Opfer, Beteiligte, Erfahrene… auch ein eigenes Leben er_lebende Menschen sind. Vor der Gewalt, während der Gewalt, nach der Gewalt.

Es ist Zeit der Einladung in der Formulierung “Erlebende_r sexualisierter Gewalt” nachzukommen.

 

 

weiterlesen:
– zum Begriff des Überlebens sexualisierter Gewalt, H. C. Rosenblatt
– „last note – Opfer_Diskurs„, H. C. Rosenblatt
– Buchbesprechung „von Opfern reden„, A. Schrupp
– „rape culture – wir entmündigen vergewaltigte Frauen„, SZ-Artikel
Kulturgeschichte Vergewaltigung, M. M. Sanyal
– „Geschichten, die zählen„, Kampagne der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung „sexuellen Missbrauchs“ in familiären Kontexten
– „Weil es sagbar ist„, C. Emcke


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Stinkefinger für Edeka: Euer Dickenhass ist scheiße

16. Februar 2017 von Magda
Dieser Text ist Teil 42 von 44 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Mit dem Satz „Mein Fett ist politisch“ zitiere ich die US-amerikanische Autorin Virgie Tovar oft und werde dann gefragt, was das genau bedeuten soll: Körperfett, politisch, hä?

Für mich bedeutet dieses Zitat, dass Körperfett heutzutage oft politisch instrumentalisiert wird, um Menschen zu beschämen und ihrem Gewicht Bedeutungen zuzuschreiben, die in der Regel negativ und verletzend sind. Somit werden dicke Menschen als faul(er), unattraktiv(er) oder ungesünder als schlanke Menschen dargestellt. Und weil die neoliberale Idee der Selbstoptimierung und des sich stets normgerechten Veränderns von Körper und Geist heute Teil unseres Lebens ist, aber eben nicht als Ideologie erkannt wird, spreche ich von Körpern als politische Orte: Auch an Körpern werden gesellschaftliche Ideen verhandelt. Mein Fett darf nicht einfach sein, mein Fett wird politisch aufgeladen.

Zwei Minuten pure Diskriminierung

Aktuelles Beispiel dafür ist der Edeka Werbespot, der von traurigen, grauen, vielessenden Dicken handelt. Und dann ist da ein Kind, das aus dieser traurigen, grauen, vielessenden Dickenwelt aussteigen möchte, um sich seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen: Anstatt undefinierbaren Brei zu essen, wie das alle traurigen, grauen, vielessenden Dicken machen, möchte er fliegen. Und auf einer grünen Wiese Beeren naschen. Weil er Beeren und nicht mehr Brei isst, nimmt er ab und kann schließlich federleicht über Wiesen gleiten und glücklich in der Natur rumliegen. Am Ende des Werbespots lesen wir den Spruch „Iss wie der, der du sein willst“. Mein erster Impuls:

Dieser Spot ist nicht nur die schlechteste (und peinlichste) Geschichte, die die Werbewelt je gesehen hat, es ist auch eine zutiefst diskriminierende Werbung, die es schafft, viele abwertende und schlichtweg falsche Annahmen über das Dicksein, dicke Menschen, über Ernährung und ihren Einfluss auf Körper(gewicht) in ein bisschen mehr als zwei Minuten zu packen. Dazu kommt, dass – ich nehme an: schlanke Menschen – mit so genannten Fatsuits ausgestattet werden, um Dicke zu spielen. Es ist ein ekelhafter Mix aus Dickenfeindlichkeit sowie klassistischen und rassistischen Ideen vom „guten Essen“.

Natalie von Gemischtwahnlädchen beschreibt die Botschaften, die in dem Spot transportiert werden, so:

Von Dicken wird ständig verlangt, dass sie sich ändern. Sprich, abnehmen.
Von Dicken wird ständig erwartet, dass sie unsichtbar, also ja nicht bunt sind.
Von Dicken wird ständig angenommen, dass sie sich nicht nur schlecht ernähren, sondern auch dauernd essen.
Von Dicken wird ständig erhofft, dass sie ihr Gewicht durch irgendeine besondere Fähigkeit wiedergutmachen.
Dicke dürfen nicht inspirierend sein, beziehungsweise nur dadurch, dass sie nicht mehr dick sein wollen.
Selbsthass ist super. Selbsthass ist der Status Quo.

Einfach mal beschweren…

Auf ihrer Facebook-Seite reagiert Edeka auf Kritik mit dem bekannten Spruch „Wir wollen ja niemanden diskriminieren“. Um nicht gähnen zu müssen, suche ich mal fix ein paar Adressen raus, wo ihr euch beschweren könnt: Bitte twittert, schreibt oder ruft doch mal an und sagt, was ihr davon haltet. Der Hashtag ist #issso.


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„Statt behinderte Kinder ‚abzuschaffen‘, würde ich gern unsere behindertenfeindliche Gesellschaft abschaffen.“

5. Dezember 2016 von Magda
Dieser Text ist Teil 121 von 131 der Serie Die Feministische Bibliothek

Buchvover von "Alles inklusive" von Mareice KaiserEin Kind wird geboren und benötigt mehr Aufmerksamkeit als die meisten Kinder, eine intensive Betreuung und spezielle Hilfsmittel zum Leben, ja, Überleben. Und damit nicht genug: Die Ärzt_innen, die Therapeut_innen und auch engste Familienmitglieder runzeln die Stirn, ignorieren permanent persönliche Grenzen und sagen: „Ich könnte das ja nicht.“ Die Rede ist von Greta, einem mehrfachbehindertem kleinen Mädchen, dass seine Eltern ab Geburt an auf Trab halten wird. Die vielen Tränen, die andauernden Streits mit der Krankenkasse oder die Geldknappheit gehen allerdings nicht auf das Konto von Greta, sondern sind einer Gesellschaft zuzuschreiben, die „Inklusion“ höchstens auf schöne Broschüren schreibt, aber nicht allumfassend verankern mag.

Die Journalistin Mareice Kaiser erzählt in ihrem vor wenigen Wochen erschienenen Buch „Alles Inklusive“ (Fischer, 2016) ohne Beschönigung aus dem Familienalltag mit ihrem Partner Thorben und ihrer ersten Tochter, Greta, später auch mit der Zweitgeborenen, Momo. Es ist ein Alltag, der aus Krankenhausaufenthalten, piepsenden Sauerstoffgeräten und Darmproblemen besteht. Mareice Kaiser lässt uns teilhaben an den Ängsten, Erschöpfungen und psychischen Krisen ihrer Familie und stellt doch immer wieder klar: Das Problem ist nicht Greta. Ab und zu blitzt der Wunsch nach einem „normalen“ Leben durch. Schwer verdaulich sind diese Sätze, weil sie verdeutlichen: Viele Menschen ohne (Mehrfach-)Behinderungen definieren „normal“ immer noch als Abwesenheit von Krankheiten und Behinderungen. Es gibt wenige gesellschaftliche Strukturen, die Eltern unterstützt, die mit Kindern leben, die (mehrfach-)behindet sind. Im Gegenteil: Krankenkassen lehnen regelmäßig lebensnotwendige Hilfsmittel ab. Und teilweise fremde Menschen teilen ohne Skrupel ihre behindertenverachtenden Überzeugungen. Andere wiederum nehmen aus einem liberalen Verständnis von Gleichheit heraus die besonderen Bedürfnisse von Greta nicht wahr und verharmlosen ihre Situation. Ein Schnupfen stecken andere Kinder vielleicht gut weg, kann aber für Greta lebensgefährlich sein.

Das Leben mit Greta, und später auch mit ihrer nicht-behinderten Schwester Momo, lässt Mareice und Thorben wachsen. Mareice thematisiert zunehmend die behindertenfeindlichen Verhältnisse, den Sexismus, der hinter der Annahme steckt, dass sie sich voll und ganz für ihre Tochter aufgeben müsse (während im Alltag Thorben die meisten Pflegetätigkeiten übernimmt) und reflektiert ihre eigenen Annahmen, wie ein Familienleben zu sein hat. Letztendlich bringt sie es auf den Punkt: „Statt behinderte Kinder ‚abzuschaffen‘, würde ich gern unsere behindertenfeindliche Gesellschaft abschaffen.“


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Was Hillary Clintons Gesundheitszustand mit deinen Krankentagen zu tun hat

13. September 2016 von Charlott

Sonntag. Es ist warm in New York. Hillary Clinton befindet sich auf einer Gedenkveranstaltung zum 11. September. Sie verlässt diese frühzeitig. Wenige Zeit später ist überall ein Video zu sehen, wie Clinton kurz vorm Einsteigen in ein Auto zusammen sackt und gestützt wird. Eien Frage, die unverholen in den Raum geworfen wird: Kann Clinton überhaupt Präsidentin werden, wenn sie doch so offensichtlich (gesundheitliche) Schwäche zeigt?

Hillary Clintons Gesundheitszustand ist nicht erst seit Samstag Thema, bereits seit längerem brodelt die Gerüchteküche ihrer politischen Gegner_innen und Diagnose nach Diagnose wird in den Topf geworfen. Die Episode am Wochenende aber ließ diese Debatten erneut aufflammen – nicht nur auf rechten Nischen-Blogs oder einer neuen Trump-Rede, sondern unter einem weit verbreiteten Hashtag und in den landesweiten Tagesmedien. Auch deutschsprachige Medien halten nicht zurück, berichten von einem „Malheur“ und finden die Spekulationen verständlich, da es in New York warm aber doch nicht „tropisch heiß“ gewesen wäre.

Eine Frage, die nicht gestellt wird: Warum ist der Gesundheitszustand überhaupt so ein Politikum? Die Antwort auf diese Frage nämlich betrifft bei weitem nicht nur eine Hillary Clinton oder andere Politiker_innen, die sich auf Machtpositionen bewerben, sondern rüttelt an grundsätzlichen Vorstellungen. Eine Antwort auf diese Frage könnte auch den Blick dafür öffnen, dass während viele Menschen voller Verve darüber diskutieren, wie krank der Körper von Politiker_innen sein darf, bei anderen Menschen an der Seitenlinie sich die Bauchschmerzen verstärken (oder auch Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, das Schwindelgefühl).

Präsident_innen sollen ein Land führen und gleichzeitig repräsentieren – nach innen und nach außen. Eigenschaften, die dafür als positiv besetzt gelten: durchsetzungsstark, viril, kraftvoll, leistungsfähig, jederzeit einsatzbereit. Das alles ist schon besonders schwer zu verkörpern für Frauen, ein gesunder Körper aber (und was genau gesund ist, wäre einen weiteren Artikel wert) ist in jedem Fall dafür Voraussetzung. Gesund sein wird gleichgesetzt mit Leistungsfähigkeit; Leistungsfähigkeit (zu dem noch oft gleichgesetzt mit Leistungswillen) ist eine Grundqualifikation. Und das gilt eben bei weitem nicht nur für Präsidentschaftskandidat_innen, sondern zum Beispiel auch für Arbeitnehmer_innen, die nicht zu viele Krankentage nehmen wollen oder Menschen mit Kinderwunsch und körperlichen Einschränkungen, denen nahe gelegt wird keine Kinder zu bekommen, da sie als „zu schwach“, „zu anfällig“ wahrgenommen werden. Ohne gesunden Körper lässt sich so ein Wettlauf in unserer Leistungsgesellschaft kaum (langfristig) gewinnen.

Diese Prämissen sind so fest etabliert, dass eben die Frage danach, ob der Gesundheitsstatus einer Präsidentschaftskandidatin genutzt werden sollte, um über ihre Fähigkeit das Amt auszuüben zu diskutieren, gar nicht erst gestellt wird und weiterreichende Fragen, wie jene danach, was überhaupt wünschenswerte Eigenschaften sind und wodran Leistung fest gemacht wird, noch viel weniger. (Und auch Clintons Kampagne wirft diese Fragen nicht wirklich auf, sondern Clinton zeigt sich stattdessen schnellstmöglichst wieder fröhlich in der Öffentlichkeit und macht deutlich, dass es ihr blendend geht.)

Die Debatte macht wieder einmal deutlich, gesunde Körper sind die anzustrebende Norm (was um so absurder scheint, um so länger eine_r darüber nachdenkt, könnte doch jede Person jederzeit erkranken, egal was healthy lifestyle Gurus uns versuchen weiszumachen). Gesunde Körper sind nicht nur gesund, sondern gelten als fähig und gut. Die neoliberale Leistungsgesellschaft hingegen muss sich mal wieder keine unbequemen Fragen stellen lassen.


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