#metoo – Wichtige Aktion zur Sichtbarmachung oder Aktivismus-Sackgasse?

17. Oktober 2017 von Charlott

Der Hashtag #metoo war gestern überall auf Twitter und Facebook. (Vor allem) Frauen teilten den Hashtag um zu signalisieren, dass sie sexualisierte Gewalt erlebt haben und beschrieben oftmals in Details ihre spezifischen Erlebnisse. Ich stehe dieser Aktion mit gemischten Gefühlen gegenüber.

Zunächst an alle, die ihre Geschichten geteilt haben und/oder sich selbst sichtbar gemacht haben als Personen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, und in diesem Akt (oder zum Beispiel dann nachfolgenden Gesprächen) Empowerment gefunden haben: Das ist großartig und wichtig.

Aber ich habe einige Fragen und Bedenken:

1) Ich verstehe prinzipiell den Wunsch danach aufzuzeigen, wie weit verbreitet sexualisierte Gewalt ist. Einige Menschen (vor allem cis Männer) mögen sich gestern sehr überrascht durch ihre Timelines gescrollt haben und festgestellt haben wie viele Menschen, die sie kennen, Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt haben. Ich hingegen war überhaupt nicht überrascht – genauso wenig wie die meisten, die jemals etwas zu sexualisierter Gewalt gelesen haben, die zuhören, wenn Menschen aller Geschlechter um sie herum etwas erzählen (und manchmal flüstern), oder die einfach nicht als cis Männer in dieser Welt leben. Ich frage mich, wie sich dieser Hashtag unterscheidet von der Anrufung an Männer sich vorzustellen, was wäre, wenn es um ihre Mütter, Töchter, Frauen ginge (denn genau das wird der Effekt für viele sein: sie stellen fest, dass Frauen in ihrem Umfeld sexualisierte Gewalt erleben)? Es gibt so viele Belege für die Geläufigkeit sexualisierter Gewalt, aber Männer müssen nur verstehen, dass es so geläufig ist, dass sogar Menschen, die sie mögen, betroffen sind? (Ich wäre viel erfreuter, wenn Typen (und auch Frauen, die häufig das System mitstützen) realisieren würden, dass sie nicht nur viele Betroffene sexualisierter Gewalt kennen, sondern beste Kumpels sind mit Tätern.) Bei sexualisierter Gewalt geht es um Macht. Es ist Teil des Systems, dass Menschen entscheiden können nichts über dieses Thema zu wissen, dass sie Erlebtes nicht als Gewalt anerkennen und dass sie Gewalt normalisieren. Ich schätze, dass so etwas wie #metoo verdampfen wird sobald ein paar Think Pieces geschrieben wurden (vielleicht am besten von Männern, für die andere Perspektive!).

2) Ich habe häufig das Gefühl bei solchen Hashtag-Aktionen, dass Menschen unter Druck gesetzt werden sich zu positionieren, sich als Überlebende/ Betroffene zu „outen“. Manche mögen das Gefühl haben sie schulden Leuten ihre Erzählung. Manche mögen das Gefühl haben, sie könnten nur noch über Gewalt sprechen, wenn sie ganz genau ausführen, wie ihre persönlichen Erfahrungen hinsichtlich dieser Gewalt sind. Es ist natürlich sehr wichtig Betroffenen zuzuhören und deren Perspektiven zu zentrieren, aber dies kann im Umkehrschluss nicht bedeuten, dass Menschen nur dann sprechen können/ als zuhörenswert angesehen werden, wenn sie all ihre Traumata offen legen. Wer ist die anvisierte Zielgruppe für diese Erzählungen? Warum benötigen wir Details? Wann und wem hören wir zu – und in welchen Fällen lassen wir es? (Wieviel hat dies mit den komplexen Positionierungen von Personen zu tun und wie nah sie an dem „perfekten Opfer“-Bild (weiß, schlank, cis, ableisiert, hetero) sind?) Wer entscheidet, welche Erzählungen als valide gelten und welche nicht? Wer kann überhaupt erzählen? Welche Erzählungen werden somit wiederholt und sichtbarer? (Außerdem wer kann sich durch so eine Hashtag-Aktion vor allem empowert fühlen?)

3) Sexualisierte Gewalt ist nicht neu, noch ist es neu, dass Menschen darüber sprechen. Frage deine lokalen Femminist_innen dir „Vergewaltigungskultur“ zu erklären und ich bin mir sicher, sie werden mit den Augen rollen und dich zum Googeln schicken: Denn Leute haben das Phänomen wieder und wieder erklärt und (hier wiederhole ich mich gern) es gibt einfach so viel zu dem Thema: Studien, Essays, persönliche Erzählungen. Organisationen und Gruppen arbeiten gegen sexualisierte Gewalt und unterstützen Opfer (so zum Beispiel auch die Organisation von Tarana Burke, einer Schwarzen Aktivistin, die den Hashtag erstmals vor zehn Jahren verwandte und darauß wesentlich mehr machte, als Alyssa Milano, die nun für die Verwendung des Hashtags gefeiert wird) . Wie bezieht sich die gestrige Hashtag-Aktion auf deren Arbeit/ auf feministische Theorie und Praxis/ zum Hände schmutzig machen?

4) Nun gibt es sicher Leute, die argumentieren, dass #metoo symbolischen Wert hat, aber nicht einmal dessen bin ich mir sicher oder anders: Was soll dieser symbolische Wert sein? Wer wird von diesem profitieren?

5) Ich bin müde. Ich bin es müde über erlebte Gewalt nachzudenken und zu wissen, wie viel Menschen betroffen sind. Ich bin aber auch diese Art von symbolischen Bekenntnis-Aktivismus müde, der häufig auch von jenen Leuten genutzt wird, die ansonsten jegliche andere Form von Aktivismus gegen sexualisierte Gewalt abtun oder die niemals Menschen in ihrem Freund_innenkreis, Arbeitskolleg_innen oder Familienmitglieder hinterfragen und kritisieren würden. Die meisten von uns – ob wir nun sexualisierte Gewalt erlebt haben oder nicht – haben an irgendeinem Punkt unseres Lebens diese Gewalt normalisiert, haben Menschen nicht ernst genommen oder selbst eine Form sexualisierter Gewalt ausgeübt. Ich möchte wissen, wie wir Betroffene unterstützen, Gemeinschaften aufbauen, in denen Menschen zur Rechenschaft gezogen werden und uns tagtäglich einsetzen.

6) Und all jene (vor allem cis Typen), die noch nie sexualisierte Gewalt erlebt haben und angesichts der #metoo-Posts überrascht und überwältigt waren, stellt sicher, dass ihr versteht, was es bedeutet davon überrascht sein zu können. Und dann fangt an Dinge zu lesen, Leuten zuzuhören, zieht endlich eure Freunde zur Rechenschaft und gebt Geld (so viel Geld wie möglich) an Organisationen, die gegen sexualisierte Gewalt und für andere feministische Themen kämpfen.




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Bitte anschnallen, hier kommt die Flash Crew! #Samstagabendbeat

14. Oktober 2017 von Magda

In Zusammenarbeit mit dem Wiener Flash Mädchen*cafe entstand das Musikvideo NOT ASHAMED im Rahmen von drei Workshop Nachmittagen mit Mädchen* und jungen Frauen* zwischen 14 und 20 Jahren.

 




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Auch eine Obergrenze, die nicht Obergrenze heißt, ist rassistischer Mist

9. Oktober 2017 von Charlott

Damit ist CSU-Mann Horst Seehofer in den Wahklkampf gezogen: Es braucht eine Obergrenze für die Aufnahme geflüchteter Menschen. In der Wahlkabine hat diese Forderung schon einmal nur so halb gut funktioniert, da dann die Leute doch lieber gleich das Orginal, die AfD, gewählt haben, aber so schön eingerichtet rechts außen, lässt es sich auch schwer wieder woanders hingehen. Die Obergrenze ist und bleibt das, wofür die Seehofer-CSU stehen möchte.

Gestern nun haben sich CDU und CSU geeinigt. Das Wort Obergrenze ist raus, aber die Zahl 200.000, die Seehofer mantramäßig vortrug, ist drin. Nun heißt es konkret:

Wir wollen erreichen, dass die Gesamtzahl der Aufnahmen aus humanitären Gründen (Flüchtlinge und Asylbewerber, subsidiär Geschützte, Familiennachzug, Relocation und Resettlement, abzüglich Rückführungen und freiwillige Ausreisen künftiger Flüchtlinge) die Zahl von 200.000 Menschen im Jahr nicht übersteigt.

CDU/CSU formulieren also „wollen erreichen“ anstatt des starren Worts Obergrenze, es gibt Argumentationsspielraum, wenn die 200.000 aus Gründen überstiegen wird. Doch sich über diese marginale Anpassung zu freuen, wäre absolut falsch. Dass wir heute so nonchalant über Obergrenzen und konkrete Zahlen diskutieren, zeigt weiter, wie es in Deutschland um Asylpolitik bestellt ist. Dass eigentlich Asyl ein Grundrecht, ein Menschenrecht ist, daran mag sich hier so ziemlich niemand mehr erinnern. Und muss ja auch nicht: Die 90er-Jahre bereits brachten die de facto Abschaffung des Rechts auf Asyl in Deutschlands mit sich, seitdem wird munter weiter reguliert, Länder als sicher definiert, auf FRONTEX gesetzt, Menschen als unglaubwürdig befunden. Asyl wird selten als Recht der Geflüchteten diskutiert, sondern eigentlich immer als etwas einzuschränkendes und abzuwendenes.

Dass die Zahlen der Menschen, die in Deutschland sich als Geflüchtete registrieren, nach einem Hoch im Jahr 2015, eh bereits in 2016 und noch mehr in 2017 gesunken sind, soll dabei nur eine Fußnote bleiben. Denn bei der Forderung um eine Obergrenze (und auch bei der „weicheren“ Formulierung) geht es zum einen wenig um konkrete Realitäten, zum anderen sind und bleiben Menschenleben offensichtlich Verhandlungssache. Mit solchen Politiken und Rhetoriken geht es vor allem ums Zeichensetzen mit Blick nach Rechts. Und weiter nach rechts. Und ganz rechts außen.

Zum Weiterlesen:




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Bury Your Gaze Ep. 1: The Bold Type

7. Oktober 2017 von der Mädchenmannschaft

Wir haben es in unserer Serien Top 10 angekündigt! Jetzt kommt sie, die Rezension zu…

The Bold Type

und damit die Premiere unseres Serien-Podcasts „Bury Your Gaze“. Serien-Nerds werden erkennen, dass es sich um eine Abwandlung des TV-Tropes „Bury your gays“ handelt. Während uns in 99% aller Serien Heten und deren (oft hochproblematische) Beziehungen entgegen geworfen werden, als gäbe es keinen Morgen, haben die wenigen lesbischen, bisexuellen und schwulen Charaktere kaum Überlebenschancen, geschweige denn werden sie als Hauptcharaktere oder mindestens als facettenreiche, tiefe Charaktere geschrieben, die ohne heterosexistische Klischees auskommen. Im Frühjahr 2016 führte der Tod von Lexa (The 100) und später Poussey (Orange Is The New Black) zu einem lauten „Es reicht“ unter LGBT-Fans und zu einer aufsehenerregenden Kampagne in den USA, zu der sich auch Produzen_tinnen und Drehbuch-Autor_innen von Serien äußerten und eine Konferenz ins Leben rief, die 2018 bereits in die zweite Runde geht.

Unsere Antwort: Bury your gaze! (etwa: Begrab dein Blickregime!). In unserem neuen Podcast wird es um Serien und (manchmal) Filme gehen bzw. um Aspekte, die darin vorkommen. Wir werden Serien und Charaktere vorstellen, die uns vom Hocker gehauen haben. Wir werden uns Repräsentations- und Produktionspolitiken vorknöpfen, Fankulturen und ihre transformative Kraft feiern. Kurz: All things series. Ihr habt Wünsche, womit wir uns im Laufe der nächsten Folgen beschäftigen sollten? Lieblingsserien, die mehr Aufmerksamkeit verdienen? Charaktere, die bei euch Schnappatmung auslösen? Dann ab damit in die Kommentare!

Bury Your Gaze, Ep. 1: The Bold Type

 

 

Spoilerfreier Teil:

0:00 – 22:46 – Eine kurze Liebeserklärung

  • Worum geht’s bei The Bold Type? Was macht die Serie für uns besonders?
  • Wir sprechen über Freund_innenschaft, positive Bezugnahmen von Frauen auf einander, Arbeit und was wir zu Herangehesweisen bei Konflikten lernen können.

Hemmungslos voller Spoiler:

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Es ist immer noch eine Nazipartei in den Bundestag gewählt – kurz verlinkt

5. Oktober 2017 von der Mädchenmannschaft

Deutschsprachige Artikel

Müssen wir noch einmal über die Wahl reden? Aber sicher doch. Katrin Gottschalk schreibt bei der taz über Ost, West und das Problem namens Rassismus. Auch titel thesen temperamente stellt fest, dass sich zwar viel den Sorgen der AfD-Wähler_innen zugewandt wird, jedoch die Sorgen und Analysen jener, die durch Rassismus und andere Marginalisierungen negativ betroffen sind, kaum Gehör finden: Im Beitrag sprechen Ferda Ataman, Naika Foroutan, Idil Baydar und Simone Dede Ayivi.

Josephine Apraku hat beim Missy MagazineFünf Dinge, die du als weiße Person gegen Rassismus tun kannst.“ zusammengetragen und Amina schreibt bei KleinerDrei gegen die 87%-Besserwähler_innen-Bräsigkeit.

Eigentlich so gar nicht überraschend, aber ganz drei Gutachten bescheinigen nun, dass es sich beim Attentat in München um eine rechte Tat gehandelt hat.

„Die reproduktiven Rechte von Frauen mit Behinderung sind bis heute nicht gesichert – eine feministische Kernfrage“ sagen Kirsten Achtelik und Judyta Smykowski in ihrer Reportage im Missy Magazine, die jetzt beim Gunda Werner Institut erschienen ist.

Deutsche Gerichte nahmen lesbischen Müttern bis in die 80er-Jahre ihre Kinder weg – per Postkartenaktion werden nun Zeitzeug_innen gesucht.

Englischsprachige Artikel

Attentäter, die eine Geschichte mit so genannter häuslicher Gewalt hatten, gibt es sehr häufig, doch (außerhalb feministischer Kreise) wird dies selten diskutiert – und stattdessen lieber, wenn es um weiße Männer geht, von unauffälligen Einzelgängern erzählt. Auf Shakesville gibt es aber eine super Zusammenstellung zum Thema.

Daniil Turovsky schreibt bei Meduza über die spezifische Gewalt gegen Frauen in Tschetschenien: „Earlier this summer, Carthage activists announced that they would begin carrying out raids on the streets of Chechnya, targeting women dressed or behaving “inappropriately.” “

Termine in Berlin, Bremen, Dresden, Dortmund, Freiburg, Leipzig:

5. Oktober in Berlin: Gemeinsam_getrennt gekämpft: Feminismen vor und nach der Wende. Veranstaltung mit der Aktivistin Sanchita Basu (ReachOut Berlin) und Autorin, Aktivistin und Sängerin Stefanie-Lahya Aukongo. (FB-Link)

7. Oktober bis 9. Dezember in Dresden: e*vibes hat eine Reihe von spannenden Veranstaltungen in Dresden aufgelistet, unter anderem zur Lesbenbewegung, ein feministischer Spaziergang durch Dresden oder Kreatives Schreiben.

7. Oktober in Berlin: Seminar zur Suchmaschinenoptimierung, um feministische Inhalte besser zu platzieren.

ab 8. Oktober in Berlin: Hier beginnt die Workshopreihe Reclaim movement! für dicke_fette queere Körper. (FB-Link)

10. bis 15. Oktober in Bremen: 24. queerfilm Festival.

12. Oktober in Berlin: Ausstellungseröffnung von „Prekäre Kunst: Künstliche Grenzen„. Die Ausstellung an sich läuft bis zum 18. November.

13. Oktober in Berlin: Ab 19 Uhr beginnt der Booklaunch für „Decolonize the City! – Zur Kolonialität der Stadt„. (FB-Link)

13. bis 15. Oktober in Freiburg: Drei Tage LaDiY Fest!

18. Oktober in Berlin: Mussten´s denn die beiden sein!? Filmabend und Gespräch mit Pieke Biermann über Hilde Raduschs bewegtes Leben als Kommunistin und Lesbe, Widerstandskämpferin und Aktivistin in der Frauenbewegung der 1970er Jahre. (FB-Link)

19. bis 22. Oktober in Leipzig: Das 24. Meeting of Queer Lesbians* findet statt und es gibt über mehrere Tage ein volles Programm.

19. bis 22. Oktober in Dortmund: lauterglitzer – ein queerfeministisches spektakel. Über ein Wochenende gibt es Workshops, Kleidertausch, eine Stadtralley, Konzert und mehr.

21. Oktober in Dortmund: »Stand up and connect!« (Fb-Link) – Aktionstag für junge Queers of C-Link)

21. Oktober in Berlin: LesMIgraS bietet einen Selbstverteidigungsworkshop für BPoC und/oder trans*, nicht-binär, inter* Personen an. (FB-Link)

22. Oktober in Berlin: Noch ein Selbstverteidigungsworkshop. Dieses Mal für alle trans*, nicht-binär, oder inter* Personen. (FB-Link)

29. Oktober in Berlin: Queer migration and artistic practices. Workshop mit Saltanat Shoshanova. Anmeldung bis zum 24. Oktober. (FB-Link)

22. November in Dresden: „Lesbe, Lesbe, Lesbe. Ein Wort mit Kampfpotential, mit Stachel, mit Courage“ – Zur Entwicklung und Repression der Lesbenbewegung in der DDR.

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?




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Deutschland ist sich einig.

3. Oktober 2017 von Nadine

Jedes Jahr klopft man sich zum Tag der Deutschen Einheit wieder auf die Schulter, dass es die DDR zum Glück nicht mehr gibt, wird sich „mmmmhhh“-nend zunicken bei der Aussage, dass die Angleichung zwischen Ost und West noch nicht vollständig vollzogen ist und wird im Fernsehen mit Dokumentationen zugeschüttet von jubelnden Menschen an und auf der Mauer oder Genscher auf dem Balkon. Theoretisch kann feminist_in jedes Jahr zum 3.10. oder 9.11. May Ayim zitieren. Deutschland, eine Feier in weiß.

Und auch in diesem Jahr, wenige Tage nachdem das erste Mal seit der NS-Zeit wieder Nazis mit eigener Fraktion im Bundestag sitzen und man überall das Problem vermutet, nur nicht im gesamtdeutschen Rassismus, seiner Geschichte und dem unverantwortlichen Umgang damit. Deutschland ist sich einig.

Trotz aller (noch) bestehenden Unterschiede. Nach der Wahl haben alle Parteien bis auf die Linke beschlossen, dass man sich jetzt doch (endlich!!) den Problemen der „Flüchtlingsfrage“ und inneren Sicherheit zuwenden müsse. Deutschland schreit nach mehr Rassismus, Deutschland liefert ihn. Pflichtbewusst, ordentlich, pünktlich, effizient. Rassismus gegen Rechts und wem das aus der bürgerlichen Mitte an manchen Stellen dann doch etwas zu krass ist, der bemüht sich halt um einen positiven Heimatbegriff. Die Heimat der Aufrechten weißen statt die Heimat der Rechten. Sich aufrichtig den Problemen der Menschen widmen, die die AfD gewählt haben, die in Zukunft die AfD wählen könnten. Wie im Frühjahr 2019, wenn in Sachsen ein neuer Landtag zur Wahl steht und die AfD realistische Chancen auf den Wahlgewinn hat, während die christlich sächsische Union ein paar Tage Bedenkzeit und vielleicht eine Mitgliederbefragung einfordern wird, um eine Antwort auf die Frage zu finden, ob man im Jahr 2019 eigentlich mit Nazis koalieren sollte oder nicht. Besonders in Deutschland…

… dem mächtigsten Staat der EU und in Europa. Doch das interessiert die Einwohner aus Dorfchemnitz nicht, der 1500-Menschen-Gemeinde aus Mittelsachsen, in der es „nichts gibt außer einen Fleischer und einen Bäcker“, in der sich die Menschen abgehängt fühlen in ihren (enteigneten) Häuschen auf ihren großen (enteigneten) Grundstücken, von denen jeder Zweite die AfD wählte, auf Nachfrage es aber niemand gewesen sein will. „Frau Petry war die Einzige, die sich hier hat blicken lassen“, lässt erahnen, dass die weiße deutsche Seele gestreichelt werden will. Rassistische Gesetze reichen nicht. Ökonomischer Aufstieg von weißen Deutschen dank Ausbeutung, Enteignung und Völkermord reicht nicht. Rassistische Terrorgruppen, die unbehelligt mordend durch Deutschland ziehen können reichen nicht. Rassistischer Alltag reicht nicht. Weiße Enklaven reichen nicht. Man will hören, wie sehr man Opfer ist, jammern können und Mitleid bekommen, politisches Unwissen als politischen Unmut zelebrieren. Deutschland ist sich einig.

…dass es noch mehr Studien und Analysen braucht, um herauszufinden, warum denn nun so viele Leute die AfD gewählt haben. Aber bitte nicht von extern, das sind maximal Gesprächsbeiträge. Nicht objektiv. Angst dagegen, die ist objektiv. Solange sie weiß ist. Deutschland ist sich einig.

Zum Weiterlesen:

 




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born to center cis dudes oder: lesbische politiken sind uncool 

29. September 2017 von Nadine

in vielen aktivistischen kontexten herrscht die überzeugung vor, dass die gesellschaft, in der wir leben, durch machtverhältnisse sozial konstruiert wird. kurz: durch verschiedene formen von diskriminierung geformt wird. strukturen, institutionen, weltbilder, handlungen, denkweisen, medien, kulturelle normen, wie menschen miteinander umgehen (oder sich so gut wie nie begegnen), wissen über die eigene geschichte, wissen über diskriminierung und machtverhältnisse allgemein. es wird sich (richtigerweise, denn ich teile diese überzeugung aus vollstem herzen) gegen jeden versuch gewehrt diese sozialen konstruktionen als etwas natürliches, biologisches, unschuldig-ursprüngliches, war schon immer so – wird immer so sein, unveränderbares, unhinterfragbares vorzustellen, denn: menschen haben die welt geschaffen in der wir leben, gestalten sie täglich und tragen verantwortung für ihr handeln. der versuch, das als etwas wertfreies, folgen- und harmloses oder unpolitisches zu interpretieren, macht, dass diskriminierung (wenn überhaupt) irgendwo herrührt, aber sicher nicht von menschen. maximal wurden „natürliche gegebenheiten“ merkwürdig gedeutet. überholter scheiß eben diese diskriminierung.

die welt auch als kontinuierliche soziale konstruktion von machtverhältnissen zu begreifen und die eigenen entscheidungsmöglichkeiten und handlungsspielräume darin wahrzunehmen, sich die eigenen zugänge zum leben bewusst zu machen und ggf. zu erweitern, für andere zu nutzen oder gegen ihr versperrt sein anzukämpfen ist teil (nicht nur explizit) feministischer politiken.

bis typen ins spiel kommen.

es gibt grenzen, die zu übertreten nach wie vor ein no-go zu sein scheint, nicht nur, aber vor allem in explizit feministischen kontexten: begehren von typen zu politisieren.

es ist natürlich okay, dass LGBT gegen diskriminierung ankämpfen. nicht okay ist es auch im eigenen alltag zu schauen, in der eigenen praxis, mit wem ich mein leben gestalte, wem und damit oft verbunden welchen themen ich aufmerksamkeit widme, mit wem ich beziehungen (jeglicher art) knüpfe, wie wir fürweneinander da sind, schlicht: welchen einfluss haben meine politischen perspektiven und haltungen auf meinen alltag, aktivistisch oder auch nicht. das private ist politisch eben. schon gar nicht okay ist es, zu hinterfragen, warum ich eigentlich – obwohl feminist_in – mein handeln (auch) auf typen ausrichte. im bett, im plenum, im job, im freund_innenkreis.

die dezentrierung von cis typen scheint nach wie vor eine ziemlich radikale forderung zu sein, auch wenn immerzu mit begriffen wie patriarchat und heteronormativität um sich geschmissen wird. dies als lesbische politik zu rahmen, auch. besonders wenn’s dann mal auch nicht um menschen geht, die typen begehren. sofort wird mensch oder die eigenen politiken wahlweise als bifeindlich, monosexistisch, (wahrnehmungs)gestört, transfeindlich, unrealistisch, männerfeindlich, gewaltvoll, verkürzt, altbacken oder abwertend als lesbe/lesbisch/dyke bezeichnet. in diesen vorwürfen in diesem kontext stecken so viele lesbenfeindliche und insgesamt hetero_cis_sexistische wie pathologisierende annahmen, die vollkommen geschichtslos, kontextbefreit und kritiklos durch den raum schwirren dürfen.

klassiker in der diskussion: darauf reduziert werden, wen mensch datet oder vögelt oder dass es einem_einer ja eigentlich nur darum gehen würde (eine bestimmte sexualität als „moralisch besser“ zu definieren). weil begehren mit sexueller orientierung gleichgesetzt wird (sexuelle orientierung ist als konzept enorm problematisch, da es nix mit machtverhältnissen oder wie begehren hergestellt wird zu tun hat, teilweise als „harmloser“ nachfolger von eugenischen konzepten zu gender- und sexualitätsidentitäten, die von der hetero_cis_norm abweichen, unhinterfragt übernommen). die entpolitisierung / reduzierung von begehren ist deshalb so daneben, weil sie a) lesbische politiken und lesbische bewegungs-/geschichte komplett negiert und b) der vorstellung auf den leim geht, nach dem alle nicht-heten hypersexualisiert anderen ihre sexualität oder „lebensweise“ grenzüberschreitend (oh gays als predatory – the next trope) auf die nase binden und ihren „lifestyle“ ausbreiten wollen (oh gays als spreading disease – hello fellows!). offenbar ist es nicht nur unvorstellbar, sondern auch richtig ängstigend, typen nicht (auch) attraktiv zu finden. hetero_cis_sexismus und lesben/biphobie 101.

zweiter klassiker in der diskussion, nachdem diese darauf reduziert wurde, mit wem ich vögele oder wen ich date: DAS KANN MAN SICH DOCH NICHT AUSSUCHEN!!1!1 zunächst wäre hier noch einmal anzumerken, dass es bei begehren nicht nur ums anhimmeln, knutschen und ficken geht, sondern in erster linie, wem ich meine aufmerksamkeit und zuwendung in allen lebensbereichen schenke, welche gesellschaftsanalyse für mich passt, welche utopie ich vorstelle und mit wem ich dafür kämpfen möchte. dann: hatten wir das mit der sozialen konstruktion nicht geklärt? warum die eigene sexualität davon ausklammern? klar, wer möchte schon zugeben, dass er_sie im herzen dabei ist (literally), welche körper und identitäten als begehrenswert vorgestellt und hergestellt werden oder welche menschen objekte deines creepy fetischs sind?! wer möchte schon gerne zugeben, sich berechtigterweise über typen von mansplainer bis mörder und vergewaltiger und die normalität von patriarchalen gewalt/verhältnissen aufzuregen, aber kein problem damit zu haben typen in unserem leben raum zu geben und ihre existenz in unserem leben mit kackscheiße als feministisch zu verteidigen. aber die rechtfertigung „ich bin halt so“??? wow, stell dir vor, du bist so ignorant, dass deine kognitive dissonanz dir nix anhaben kann.

drittens wäre an dieser stelle auch noch einmal anzumerken, dass die haltung typen zu begehren etwas wäre, was unveränderbar sei, schlichtweg auf hetero_cis_sexistischen, eugenischen, völkisch-rassistischen und biologistischen konzepten von menschsein und beziehung zu anderen beruht. wir alle werden in einer welt sozialisiert, die diese konzepte unhinterfragt als norm setzt und durchsetzt. wir internalisieren diese konzepte. unsere „begehrensbiografie“ erleben wir trotzdem sehr unterschiedlich. manchmal scheint das eigene begehren als etwas, das lange zeit so war. manchmal sind wir unsicher, welche haltung wir dazu einnehmen. manchmal schämen wir uns oder entwickeln gepflegten selbsthass, weil wir begehren, wie wir es gerade tun. manchmal wissen wir nicht, wie und wen wir begehren. manchmal stehen wir nicht zu unserem begehren, weil wir diskriminierung fürchten oder erstmal die innere zwangsheterosexualität auseinander klamüsern müssen. manchmal verändern sich dinge gefühlt ohne unser eigenes zutun. manchmal merken wir, dass wir bestimmte dinge nicht (mehr) wollen. manchmal treten diese dinge gemeinsam in unterschiedlichen nuancen zu unterschiedlichen zeiten in unserem leben auf. ungeachtet dessen treffen wir immer wieder entscheidungen in diesem kontext und finden umgänge damit. handlungsmacht. agency. verantwortung. „i was born this way“ rhetoriken zu bemühen, negiert das.

in einer hetero_cis_sexistischen und patriarchalen gesellschaft zu leben und keine cis typen zu begehren, sich aktiv dagegen zu entscheiden, den raum von cis typen im eigenen leben auf das mir momentan mögliche minimum zu reduzieren und auch mein sprechen darüber zu verändern, ist ein akt des widerstands. in dieser gesellschaft mein begehren auf marginalisierte identitäten zu richten oder stärker auszurichten ist ein akt des widerstands. denn diese menschen sind die einzigen potentiellen mitstreiter_innen, die ein ehrliches und aufrichtiges interesse am ende dieser zustände haben (abgesehen von den heteras, die es schon als errungenschaft feiern, wenn ihr BF mal keine scheiße erzählt oder das kind kurz hält, während sie den abwasch macht). das alles ist teil lesbischer politiken und lesbischer identitäten, nicht exklusiv, aber eben auch.

kann mensch selbstverständlich nicht teilen diese perspektive, aber dann bitte: werft nicht bei jeder sich (nicht) bietenden gelegenheit ein, dass typen auch noch da sind. wissen wir alle, die wir atmen.




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Wirkliche Gründe für AFD-Erfolg, Phänomen „hepeated“, Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs – kurz verlinkt

28. September 2017 von der Mädchenmannschaft

Deutschsprachige Artikel

„Diese Grundsehnsucht nach völkischer Homogenität scheint allen historischen Erfahrungen zum Trotz nie ganz an Attraktivität verloren zu haben. Auf diese Ideologie kann man nicht allein mit Kitaplätzen und Rentenkonzept antworten“, schreibt Mely Kiyak in der ZEIT, denn den Wahlerfolg der AfD kann man ohne Rassismus und Nationalismus nicht erklären.

Wie sich die AfD ihre Politiken konkret umgesetzt vorstellt, konnte man die Woche zB in Brandenburg beobachten, wo sie die Förderung von LGBT-Projekten untersagt sehen wollten, da diese Heten diskriminiere, berichtet der Tagesspiegel.

Heute ist der Internationale Aktionstag für die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs. Konkrete Forderungen und Hinweise, wie diese unterstützt werden können, findet ihr beim Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung (wenn auch nicht mit transinkludierenden Formulierungen). Zum Thema auch noch passend: Fast die Hälfte der 56 Millionen Abtreibungen weltweit sind unsicher und die Frage, warum die Wienerin einen Artikel zu Schwangerschaftsabbrüchen einfach löschte.

Die taz schreibt über den UN-Bericht zu Rassismus in Deutschland, in dem klar rassistisch motivierte Gewalt und struktureller Rassismus angeklagt wird. Die Bundesregierung sieht den Bericht als „Diskussionsbeitrag“…

Mal eine gute Wahl: Maria Wersig wurde zur Prsäidentin des Deutschen Juristinnenbunds gewählt. Herzlichen Glückwunsch! Zu Feminismus und Recht hat sie auch bei der Mädchenmannschaft geschrieben.

„Bundesgerichtshof missachtet die Lebenswirklichkeit von Kindern in trans* Familien“, stellt die Bundesvereinigung Trans* fest angesichts eines neuen transfeindlichen Beschlusses des Gerichts.

Eine richtig gute, lange Analyse zum diesjährigen „Marsch für das Leben“ und den Gegenprotesten gibt es bei apabiz.

Zwanzig Jahre ist nun der Film „Bandits“ schon alt. Jutta Pivecka schreibt bei bzw weiterdenken über die Jubiläumsveranstaltung in Frankfurt und was den Film bis heute auszeichnet: „Denn Fakt ist: „Bandits“ erzählt eine Geschichte über Frauen, die ihre eigene Relevanz nicht daran messen, wie relevant sie für Männer sind. “

Ihr sucht noch mehr Links? Jeden Dienstag gibt es jetzt Lese- und Ausgehtipps bei Feminismus im Pott.

Englischsprachige Artikel

How you can help hurricane victims in Puerto Rico„: PBS hat eine Übersicht veröffentlicht.

Eine Frau sagt etwas, es wird ignoriert. Ein Typ sagt das gleiche, Begeisterung. Endlich gibt es ein schönes Wort für dieses Phänomen „hepeated„.

Termine in Berlin, Bremen, Dortmund, Freiburg, Halle und Mühlheim

23. September – 1. Oktober in Berlin: Die Ausstellung „Bodies & E_Motions“ von SChwarzRund ist zu sehen. Am 23. gibt es auch eine feierliche Ausstellungseröffnung. (FB-Link)

28. September in Mühlheim: Buchvorstellung und Diskussion zur Anarchafeministin Rirette Maîtrejean (1887-1968). (Termin bei Facebook)

29. September in Halle: Tagung zu „Was ist das für 1 Männlichkeit? Männlichkeiten zwischen Selbst- und Fremdbildern„. Anmeldung bis zum 11. September möglich.

5. Oktober in Berlin: Gemeinsam_getrennt gekämpft: Feminismen vor und nach der Wende. Veranstaltung mit der Aktivistin Sanchita Basu (ReachOut Berlin) und Autorin, Aktivistin und Sängerin Stefanie-Lahya Aukongo. (FB-Link)

7. Oktober in Berlin: Seminar zur Suchmaschinenoptimierung, um feministische Inhalte besser zu platzieren.

ab 8. Oktober in Berlin: Hier beginnt die Workshopreihe Reclaim movement! für dicke_fette queere Körper. (FB-Link)

Das 24. queerfilm Festival findet vom 10. bis 15. Oktober in Bremen statt.

13. Oktober in Berlin: Ab 19 Uhr beginnt der Booklaunch für „Decolonize the City! – Zur Kolonialität der Stadt„. (FB-Link)

13. bis 15. Oktober in Freiburg: Drei Tage LaDiY Fest!

21. Oktober in Dortmund: »Stand up and connect!« – Aktionstag für junge Queers of Color https://www.facebook.com/events/276855912803571/

21. Oktober in Berlin: LesMIgraS bietet einen Selbstverteidigungsworkshop für BPoC und/oder trans*, nicht-binär, inter* Personen an. (FB-Link)

22. Oktober in Berlin: Noch ein Selbstverteidigungsworkshop. Dieses Mal für alle trans*, nicht-binär, oder inter* Personen. (FB-Link)

29. Oktober in Berlin: Queer migration and artistic practices. Workshop mit Saltanat Shoshanova. Anmeldung bis zum 24. Oktober. (FB-Link)

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?




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87 Euro statt #87Prozent

26. September 2017 von Charlott

Es gibt so viele Dinge, die jetzt (und eigentlich immer) zu tun sind: Demonstrieren, Blockieren, Texte schreiben, Bildungsarbeit machen, mit Menschen sprechen, Aktionen planen, unterstützen, lernen. Nicht zu unterschätzen aber ist es Geld zu geben. Wer einige Euro entbehren kann, könnte diese an Organisationen, für Projekte oder konkrete Aktivist_innen geben, die (teils) seit Jahren wichtige Arbeit leisten. Viele freuen sich gerade auch über Daueraufträge, die, wenn auch nur mit kleinen Summen, eine Beständigkeit bieten. Zur Inspiration, wohin denn Geld gegeben werden könnte, gibt es hier eine sehr unvollständige Zusammenstellung. Ergänzt doch gern in den Kommentaren!

Flucht und Asyl waren ein großes Thema dieses Wahlkampfs und bereits am Sonntagabend hieß es von der CSU, dass „Obergrenzen“ nun ganz bestimmt diskutiert werden müssten. Das Sterben vieler Menschen, die versuchen über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, wird nicht erst seit Sonntag billigend von Politiker_innen vieler Parteien hingenommen, eine Verbesserung der Politiken ist nach diesen Wahlergebnissen mehr als unwahrscheinlich. Ihr könntet also konkret an Organisationen spenden, die mit Booten im Mittelmeer unterwegs sind und dort Menschen retten, wie beispielsweise Sea-Watch e.V. und Mission Lifeline. PRO ASYL setzt sich seit 1986 für die Rechte geflüchteter Menschen ein, damals gegründet um der „rechten und rassistischen Hetze gegenüber Asylsuchenden entgegenzutreten“, ist deren Arbeit heute nicht minder wichtig. Oder ihr guckt mal nach dem Flüchtlingsrat eures Bundeslandes, in Berlin beispielsweise gibt es dort einen Fonds, der unbürokratische Nothilfe für Geflüchtete leistet. Die Arbeit von Women in Exile haben wir hier bereits einmal in einem zweiteiligen Interview (Teil 1/ Teil 2) vorgestellt. Zu letzt haben sie die Women Breaking Borders Konferenz vom 22.-24.09. in Berlin organisiert, die auch im Nachgang noch finanziell unterstützt werden kann.

Medienkritik gab es in den letzten Tagen einige – und dies vollkommen zu Recht. Aber statt ausschließlich über die ganz großen Medien-Player zu meckern (was natürlich unbedingt weiter geschehen muss!), überlegt doch auch ob es feministischen, linken, emanzipatorischen Journalismus gibt, den ihr ab und an lest, aber bisher selten mit Geld honoriert. Denkt über Abos für Zeitschriften wie analyse&kritik (die übrigens vor nicht allzulanger Zeit eine Sonderbeilage mit dem Thema Was tun gegen die AfD? produziert haben), dem Missy Magazine und/ oder Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart nach. Auch unterstützenswert ist das aktuelle Fundraising zu freitext kultur- und Gesellschaftsmagazin.

Organisationen, die ständig Informations-/Bildungsarbeit leisten, Beratungsangebote bereitsstellen und Empowerment-Räume gestalten, können nie genug Geld haben um ihre Strukturen aufrecht zu erhalten. Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V. fördert u.a. ein Schwarzes Bewusstsein, Schwarze Projekte und zeigt die Diskriminierung und Benachteiligungen von Schwarzen Menschen auf und bekämpft diese. ADEFRA e. V. – Schwarze Frauen in Deutschland ist ein kulturpolitisches Forum von und für Schwarze Frauen. Im letzten Jahr konnten sie 30 Jahre Schwarze Frauenbewegung in Deutschland feiern. TransInterQueer e.V. bietet ein professionelles Beratungsangebot sowie Bildungs- und Aufklärungsarbeit. LesMigraS ist der Antidiskriminierungs- und Antigewaltbereich der Lesbenberatung Berlin e.V.. Unter anderem unterstützen sie lesbische und bisexuelle Frauen, Trans* und Inter* dabei, ihren Alltag gewaltfrei, diskriminierungsarm und selbstbestimmt zu entwickeln und zu leben. Sie bieten telefonische und persönliche Beratung, Workshops, Publikationen etc. Informations-/ Analyse-/ und Archivarbeit leistet apabiz. Seit 1991 informieren sie zur extremen Rechten und sind unter anderem Gründungsmitglied von NSU-Watch.

Auf Demos, bei Protestaktionen und für viele ständig im Alltag: Polizeigewalt jeglichen Formen und juristische Verfolgung sind wichtige Themen. Unterstützt doch beispielsweise die Rote Hilfe, die wiederum unter anderem Menschen, die als Linke wegen ihres politischen Handelns ihren Arbeitsplatz verlieren, vor Gericht gestellt, verurteilt werden, untersützt, oder die Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt, die sich unter anderem mit der Polizeipraxis des Racial Profiling -, der Dokumentation und Aufklärung rassistischer Polizeiangriffe und -übergriffe sowie der Begleitung der Opfer und die Vermittlung zu Beratungsstellen, befasst.

Auch großartig: Buch- und Kulturprojekte von marginalisierten Menschen unterstützen. Wir brauchen immer ein mehr an unterschiedlichen Stimmen, Meinungen, Perspektiven und Ideen, um zu wachsen, zu verstehen und weiterzudenken. Derzeitig läuft beispielsweise das Crowdfunding für eine barrierearme Produktion des Buchs I’m a Queerfeminist Cyborg, That’s Okay. Gedankensammlung zu Anti/Ableismus von Mika Murstein.

Es gibt noch so viel mehr wichtige Organisationen und Vereine, aber ihr könnt außerdem natürlich auch einzelne Personen unterstützen. Ihr lest von einigen ständig mit Gewinn die Tweetreihen, verfolgt deren Einsatz, Texte, Aktionen, Projekte? Viele Leute haben PayPal-Accounts, an die ihr direkt zahlen könnt, wie beispielsweise SchwarzRund (hier ihre Webseite) oder sind bei Patreon, wie etwa Hannah C. Rosenblatt (hier ihr Blog). Im Zweifelsfall, fragt doch eure Lieblings-Aktivist_innen einfach mal, wo und wie ihr sie (finanziell) unterstützen könnt.




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Wer schweigt, stimmt zu. Notizen zur Bundestagswahl.

25. September 2017 von Charlott

„Wer schweigt, stimmt zu! Gegen die Normalisierung des Hasses“. Anti-AfD Kundgebung vor deren Wahlparty in Berlin, 24.09.2017.

Mit 12,6% ist gestern die AfD als drittstärkste Partei in den Bundestag eingezogen. Daran lässt sich Nichts schön reden und nein, es ist nun wahrlich nicht die Zeit für aufbauende Memes, in denen es heißt, dass 87% der Wähler_innen nicht diese Nazipartei gewählt haben. Zum einen haben die übrigen Prozent nun auch nicht unbedingt für emanzipatorische, anti-rassistische Politik gestimmt (CDU/CSU 33,0; SPD 20,5; FDP 10,7; Linke 9,2; Grüne 8,9), zum anderen sind 12,6% genau 12,6% zu viel.

Eine vollständige Analyse der Wahl und politischen Gesamtsituation kann und möchte ich hier heute Vormittag gar nicht leisten (letzteres erschließt sich ja auch eigentlich durch die Gesamtheit der Beiträge hier im Blog, nicht erst seit gestern). Stattdessen gibt es hier – wie bereits vor vier Jahren – einige Gedankensplitter zur Wahl und dem gestrigen Abend.

  • Die Wahlbeteiligung lag etwa 5 Prozentpunkte höher als bei der letzten Bundestagswahl. Die Partei aber, die (im Verhältnis zu den Stimmen, die sie insgesamt erhielt) am meisten Nichtwähler_innen mobilisieren konnte, war die AfD. Ein Phänomen, wie es auch bereits bei den letzten Landtagswahlen zu beobachten war. Hohe/ Höhere Wahlbeteiligung an sich ist also – wie unüberraschend – kein Garant gegen Rechte. „Wenn mehr Leute wählen, hat die AfD weniger Prozent!“, stellt sich wie zuvor als falsch heraus. Der Umkehrschluss sollte natürlich nicht sein „Ja dann lieber alle nicht wählen gehen“, aber politische Diskussionen dürfen nicht bei „Geh wählen“ aufhören.
  • Bei all dem Gerede von einer Zäsur und Nazis im Bundestag, sollten wir unsere Blicke schärfen für Kontinuitäten. Mit der AfD ziehen nicht erstmals seit 1949 Nazis in den Bundestag. Bei Wikipedia gibt es eine handliche Übersichtstabelle mit ehemaligen NSDAP-Mitgliedern, die nach 1945 politisch aktiv waren – zum Beispiel bei der CDU/ CSU, SPD und FDP. Dass es aber eine gesamte Partei mit klar völkischem, rechten Programm in den Bundestag schafft, ist neu. Dies hat ganz spezifische Auswirkungen, denn nicht nur beeinflusst das den politischen Diskurs, auch gibt es ganz handfest Geld für Nazistrukturen und eine Fülle an Jobs für Rechte.
  • In den letzten Tagen war häufig zu lesen, dass die AfD nun die Masken fallen lassen würde. Dies war natürlich Hohn für all jene, die seit Gründung der Partei gegen diese anreden, denn versteckt haben sie sich nun wahrlich nicht. Nach der Bekanntgabe der ersten Prognose, knüpfte ADFler Gauland direkt und unverblümt an: „Wir werden sie jagen, Angela Merkel oder wen auch immer, und wir werden uns unser Land zurückholen.“
  • Gauland war (je nach dem welchen Sender man verfolgte) gleich die erste Stimme, die es nach der Bekanntgabe zu hören gab. Rechte Hetze auf dem besten Sendeplatz. Vor vier Jahren schrieb ich hier an dieser Stelle: „Das politische Klima ist eindeutig rechts-konservativ. Dass dabei im Fernsehen bei der Wahlberichterstattung vollkommen neutral über den möglichen Einzug der AfD gesprochen wird, spiegelt dies vielleicht auch einfach nur perfekt wieder.“ Die Normalisierung der AfD und ihrer Positionen hat auch unter Unterstützung vieler Medien (auch wenn diese bei der AfD-Anhängerschaft ja eher unbeliebt sind) stattgefunden. Unter dem Mantel der „Entzauberung“ wurde der AfD der rote Teppich zur Aufmerksamkeits-Bühne ausgerollt. Über „Themen, die die Bürger_innen bewegten“ wird so gesprochen, als seien diese naturgegeben und nicht auch mitbeeinflusst von medialer Berichterstattung und Themensetzung. Auch am gestrigen Abend wurden Politiker_innen vieler Parteien zunächst gefragt, ob sie nicht besser der AfD hätten ihre Themen abnehmen können. Eine Journalistin bei Phoenix sagte zur Linken: „Die AfD macht ihnen ja das Thema soziale Gerechtigkeit streitig.“ Gauland hingegen wurde gefragt, ob sie weiter mit dem „Stilmittel“ der „gezielten Provokation“ arbeiten werden.
  • Erkärungen zum Wahlerfolg der AfD wurden gestern auch gleich einige geliefert, doch Konzepte wie Rassismus, Antisemitismus, Hetero_Cis_Sexismus und Ableismus waren abwesend. Dies ist nicht zufällig so, müssten sich sonst doch auch strukturellere, gesamtgesellschaftliche Fragen gestellt werden und könnte die „Schuld“ nicht an einen „unzufriedenen“, rechten Rand geschoben werden, der äußerst wenig mit einer als nicht rassistischen, liberal wahrgenommenen „Mitte“ zu tun hat. Wenig überraschend, aber trotzdem nicht weniger erwähnenswert, dass die AfD in weitaus größerem Maße von Männern gewählt wurde. Das Gender-Gap ist bei keiner anderen in den Bundestag gewählten Partei so groß.
  • „Wir haben verstanden, dass wir die rechte Flanke schließen müssen“, kommentierte Alexander Dobrindt das CSU-Ergebnis. Menschen müssten schneller abgeschoben werden, hieß es ebenfalls. Das erinnert nicht nur daran, wie allgemein eh schon in der letzten Zeit agiert wurde, sondern auch ganz stark an die 1990er als die Antwort auf Gewalt gegen Geflüchtete die de facto Abschaffung des Asylrechts war. Ganz ohne AfD übrigens. Auch aus diesem Grund ist ein Feiern der 87% vollkommen unangebracht, denn menschenfeindliche Politik wird nicht nur von einer Partei allein gemacht. In Sachsen, wo seit langem vor allem von der CDU der rechte Flügel weit offen gehalten wird um „besorgte Büger_innen“ abzuholen, ist die AfD nun die mit 27% die stärkste Partei. In Bayern, wo die CSU gern über „Obergrenzen“ spricht und auch sonst nicht zurück hält mit rassistisch-motivierten Politiken ist die AfD so stark wie in keinem anderen anderen alten Bundesland. Eigentlich wäre nun mal Zeit den Ängsten jener zuzuhören, die geflüchtet sind, die Rassismus und Antisemitismus erfahren, die durch Behindertenfeindlichkeit eingeschränkt werden, deren reproduktive Rechte beschnitten werden, die mit Hartz4 leben müssen, deren körperliche Selbstbestimmung verletzt wird.
  • Richtig feiern konnte gestern die FDP. „Ab jetzt gibt es wieder eine Fraktion der Freiheit“, jubelte Lindner, so als wäre nicht gerade eine rechte Partei mit zweistelliger Prozentzahl in den Bundestag eingezogen. Aber gut, stilecht fand die Wahlparty ja auch in der Parteizentrale, die nach einem ehemaligen NSDAP-Mitglied benannt ist. #Kontinuitäten
  • Die SPD hat gestern direkt angekündigt, dass sie in die Opposition gehen wird. Damit wäre sie die stärkste Partei in der Opposition und die Oppositionsführung läge nicht etwa bei der AfD. In seiner ersten Rede nach der Hochrechnung bezeichnete Schulz die AfD konkret als rechtsextreme Partei, der sich mit aller Kraft entgegengesetzt werden muss. Hoffen wir, dass davon viel in der Praxis ab heute zu sehen sein wird.
  • Gegen den AfD-Wahlerfolg und das gesamte politische Klima gingen gestern direkt – in verschiedenen Städten – Menschen auf die Straße, ob mit Demozügen oder Protestveranstaltungen direkt vor den AfD-Wahlpartys. Dieser sichtbare Widerstand war gestern wichtig (war immer wichtig) und wird in Zukunft wichtig bleiben. Die Reaktionen auf die Proteste aber erinnerten auch direkt daran, dass wir es mit einer rechts-konservativen Gesamtlange zu tun haben und nicht unerklärlichen Ausreißern. Oftmals wird linker Protest als zu laut, zu falsch, zu gewaltvoll (?), zu radikal wahrgenommen, eingordnet, dargestellt. Linker Aktivismus wird immer wieder illegalisiert (zuletzt fallen da G20 und linksunten ein. Menschen, die sich gern als „gute Mitte“ inszenieren und rein gar nichts mit rechten Gedankengut zu tun haben wollen, sind sehr schnell dabei sich von Linken ebenfalls zu distanzieren. „Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda.“, skandierten gestern die Demonstrand_innen in Berlin und das sollte doch der mindeste Mindestkonsens sein.

Die Kommentare hier sind offen für eure ersten Analysen, Ängste und Ideen zum Widerstand.




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Geschrieben unter Zeitgeschehen | 4 Kommentare »



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