Einträge der Rubrik ‘Aktivismus’


Servicewüste Feminismus Ep. 2: Aktion gegen Vergewaltiger, mit Rechten reden, Fa(t)shionista sein

23. Oktober 2017 von Charlott

Servicewüste Feminismus? Einmal im Monat – quasi auf dem Silbertablett präsentiert – sprechen Mädchenmannschafts-Redakteur_innen über aktuelle Themen, Ideen für feministische Interventionen und Dinge, die wir gerade super finden. Ihr könnt den RSS-Feed oder direkt bei iTunes den Podcast abonnieren.

In der zweiten Folge diskutieren Magda und Charlott, welche Interventionen gegen Täter_innen sexualisierter Gewalt sinnvoll sind und wann das Mantra „Nicht mit Rechten reden“ angemessen und wann fehlgeleitet ist. Außerdem spricht Magda über ihr bald erscheinendes Buch „Fa(t)shionista. Rund und glücklich durchs Leben“, den Schreibprozess und Zielgruppen. Anschließend empfehlen Charlott und Magda ein paar weitere Bücher, die sie in diesem Jahr mit Freude gelesen haben. (Aufnahme: 17.10./ Download)

Feministische Intervention: Demos vorm Haus und Plakataktion gegen Vergewaltiger (0O:00-11:02)

Thema 1: Mit Rechten reden? (11:03-28:26)


Thema 2: Fa(t)shionista (28:27-42:16)

Lieblingsdinge: Buchempfehlungen (42:17-52:31)


Facebook | |


#metoo – Wichtige Aktion zur Sichtbarmachung oder Aktivismus-Sackgasse?

17. Oktober 2017 von Charlott

Der Hashtag #metoo war gestern überall auf Twitter und Facebook. (Vor allem) Frauen teilten den Hashtag um zu signalisieren, dass sie sexualisierte Gewalt erlebt haben und beschrieben oftmals in Details ihre spezifischen Erlebnisse. Ich stehe dieser Aktion mit gemischten Gefühlen gegenüber.

Zunächst an alle, die ihre Geschichten geteilt haben und/oder sich selbst sichtbar gemacht haben als Personen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, und in diesem Akt (oder zum Beispiel dann nachfolgenden Gesprächen) Empowerment gefunden haben: Das ist großartig und wichtig.

Aber ich habe einige Fragen und Bedenken:

1) Ich verstehe prinzipiell den Wunsch danach aufzuzeigen, wie weit verbreitet sexualisierte Gewalt ist. Einige Menschen (vor allem cis Männer) mögen sich gestern sehr überrascht durch ihre Timelines gescrollt haben und festgestellt haben wie viele Menschen, die sie kennen, Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt haben. Ich hingegen war überhaupt nicht überrascht – genauso wenig wie die meisten, die jemals etwas zu sexualisierter Gewalt gelesen haben, die zuhören, wenn Menschen aller Geschlechter um sie herum etwas erzählen (und manchmal flüstern), oder die einfach nicht als cis Männer in dieser Welt leben. Ich frage mich, wie sich dieser Hashtag unterscheidet von der Anrufung an Männer sich vorzustellen, was wäre, wenn es um ihre Mütter, Töchter, Frauen ginge (denn genau das wird der Effekt für viele sein: sie stellen fest, dass Frauen in ihrem Umfeld sexualisierte Gewalt erleben)? Es gibt so viele Belege für die Geläufigkeit sexualisierter Gewalt, aber Männer müssen nur verstehen, dass es so geläufig ist, dass sogar Menschen, die sie mögen, betroffen sind? (Ich wäre viel erfreuter, wenn Typen (und auch Frauen, die häufig das System mitstützen) realisieren würden, dass sie nicht nur viele Betroffene sexualisierter Gewalt kennen, sondern beste Kumpels sind mit Tätern.) Bei sexualisierter Gewalt geht es um Macht. Es ist Teil des Systems, dass Menschen entscheiden können nichts über dieses Thema zu wissen, dass sie Erlebtes nicht als Gewalt anerkennen und dass sie Gewalt normalisieren. Ich schätze, dass so etwas wie #metoo verdampfen wird sobald ein paar Think Pieces geschrieben wurden (vielleicht am besten von Männern, für die andere Perspektive!).

2) Ich habe häufig das Gefühl bei solchen Hashtag-Aktionen, dass Menschen unter Druck gesetzt werden sich zu positionieren, sich als Überlebende/ Betroffene zu „outen“. Manche mögen das Gefühl haben sie schulden Leuten ihre Erzählung. Manche mögen das Gefühl haben, sie könnten nur noch über Gewalt sprechen, wenn sie ganz genau ausführen, wie ihre persönlichen Erfahrungen hinsichtlich dieser Gewalt sind. Es ist natürlich sehr wichtig Betroffenen zuzuhören und deren Perspektiven zu zentrieren, aber dies kann im Umkehrschluss nicht bedeuten, dass Menschen nur dann sprechen können/ als zuhörenswert angesehen werden, wenn sie all ihre Traumata offen legen. Wer ist die anvisierte Zielgruppe für diese Erzählungen? Warum benötigen wir Details? Wann und wem hören wir zu – und in welchen Fällen lassen wir es? (Wieviel hat dies mit den komplexen Positionierungen von Personen zu tun und wie nah sie an dem „perfekten Opfer“-Bild (weiß, schlank, cis, ableisiert, hetero) sind?) Wer entscheidet, welche Erzählungen als valide gelten und welche nicht? Wer kann überhaupt erzählen? Welche Erzählungen werden somit wiederholt und sichtbarer? (Außerdem wer kann sich durch so eine Hashtag-Aktion vor allem empowert fühlen?)

3) Sexualisierte Gewalt ist nicht neu, noch ist es neu, dass Menschen darüber sprechen. Frage deine lokalen Femminist_innen dir „Vergewaltigungskultur“ zu erklären und ich bin mir sicher, sie werden mit den Augen rollen und dich zum Googeln schicken: Denn Leute haben das Phänomen wieder und wieder erklärt und (hier wiederhole ich mich gern) es gibt einfach so viel zu dem Thema: Studien, Essays, persönliche Erzählungen. Organisationen und Gruppen arbeiten gegen sexualisierte Gewalt und unterstützen Opfer (so zum Beispiel auch die Organisation von Tarana Burke, einer Schwarzen Aktivistin, die den Hashtag erstmals vor zehn Jahren verwandte und darauß wesentlich mehr machte, als Alyssa Milano, die nun für die Verwendung des Hashtags gefeiert wird) . Wie bezieht sich die gestrige Hashtag-Aktion auf deren Arbeit/ auf feministische Theorie und Praxis/ zum Hände schmutzig machen?

4) Nun gibt es sicher Leute, die argumentieren, dass #metoo symbolischen Wert hat, aber nicht einmal dessen bin ich mir sicher oder anders: Was soll dieser symbolische Wert sein? Wer wird von diesem profitieren?

5) Ich bin müde. Ich bin es müde über erlebte Gewalt nachzudenken und zu wissen, wie viel Menschen betroffen sind. Ich bin aber auch diese Art von symbolischen Bekenntnis-Aktivismus müde, der häufig auch von jenen Leuten genutzt wird, die ansonsten jegliche andere Form von Aktivismus gegen sexualisierte Gewalt abtun oder die niemals Menschen in ihrem Freund_innenkreis, Arbeitskolleg_innen oder Familienmitglieder hinterfragen und kritisieren würden. Die meisten von uns – ob wir nun sexualisierte Gewalt erlebt haben oder nicht – haben an irgendeinem Punkt unseres Lebens diese Gewalt normalisiert, haben Menschen nicht ernst genommen oder selbst eine Form sexualisierter Gewalt ausgeübt. Ich möchte wissen, wie wir Betroffene unterstützen, Gemeinschaften aufbauen, in denen Menschen zur Rechenschaft gezogen werden und uns tagtäglich einsetzen.

6) Und all jene (vor allem cis Typen), die noch nie sexualisierte Gewalt erlebt haben und angesichts der #metoo-Posts überrascht und überwältigt waren, stellt sicher, dass ihr versteht, was es bedeutet davon überrascht sein zu können. Und dann fangt an Dinge zu lesen, Leuten zuzuhören, zieht endlich eure Freunde zur Rechenschaft und gebt Geld (so viel Geld wie möglich) an Organisationen, die gegen sexualisierte Gewalt und für andere feministische Themen kämpfen.


Facebook | |


born to center cis dudes oder: lesbische politiken sind uncool 

29. September 2017 von Nadine

in vielen aktivistischen kontexten herrscht die überzeugung vor, dass die gesellschaft, in der wir leben, durch machtverhältnisse sozial konstruiert wird. kurz: durch verschiedene formen von diskriminierung geformt wird. strukturen, institutionen, weltbilder, handlungen, denkweisen, medien, kulturelle normen, wie menschen miteinander umgehen (oder sich so gut wie nie begegnen), wissen über die eigene geschichte, wissen über diskriminierung und machtverhältnisse allgemein. es wird sich (richtigerweise, denn ich teile diese überzeugung aus vollstem herzen) gegen jeden versuch gewehrt diese sozialen konstruktionen als etwas natürliches, biologisches, unschuldig-ursprüngliches, war schon immer so – wird immer so sein, unveränderbares, unhinterfragbares vorzustellen, denn: menschen haben die welt geschaffen in der wir leben, gestalten sie täglich und tragen verantwortung für ihr handeln. der versuch, das als etwas wertfreies, folgen- und harmloses oder unpolitisches zu interpretieren, macht, dass diskriminierung (wenn überhaupt) irgendwo herrührt, aber sicher nicht von menschen. maximal wurden „natürliche gegebenheiten“ merkwürdig gedeutet. überholter scheiß eben diese diskriminierung.

die welt auch als kontinuierliche soziale konstruktion von machtverhältnissen zu begreifen und die eigenen entscheidungsmöglichkeiten und handlungsspielräume darin wahrzunehmen, sich die eigenen zugänge zum leben bewusst zu machen und ggf. zu erweitern, für andere zu nutzen oder gegen ihr versperrt sein anzukämpfen ist teil (nicht nur explizit) feministischer politiken.

bis typen ins spiel kommen.

es gibt grenzen, die zu übertreten nach wie vor ein no-go zu sein scheint, nicht nur, aber vor allem in explizit feministischen kontexten: begehren von typen zu politisieren.

es ist natürlich okay, dass LGBT gegen diskriminierung ankämpfen. nicht okay ist es auch im eigenen alltag zu schauen, in der eigenen praxis, mit wem ich mein leben gestalte, wem und damit oft verbunden welchen themen ich aufmerksamkeit widme, mit wem ich beziehungen (jeglicher art) knüpfe, wie wir fürweneinander da sind, schlicht: welchen einfluss haben meine politischen perspektiven und haltungen auf meinen alltag, aktivistisch oder auch nicht. das private ist politisch eben. schon gar nicht okay ist es, zu hinterfragen, warum ich eigentlich – obwohl feminist_in – mein handeln (auch) auf typen ausrichte. im bett, im plenum, im job, im freund_innenkreis.

die dezentrierung von cis typen scheint nach wie vor eine ziemlich radikale forderung zu sein, auch wenn immerzu mit begriffen wie patriarchat und heteronormativität um sich geschmissen wird. dies als lesbische politik zu rahmen, auch. besonders wenn’s dann mal auch nicht um menschen geht, die typen begehren. sofort wird mensch oder die eigenen politiken wahlweise als bifeindlich, monosexistisch, (wahrnehmungs)gestört, transfeindlich, unrealistisch, männerfeindlich, gewaltvoll, verkürzt, altbacken oder abwertend als lesbe/lesbisch/dyke bezeichnet. in diesen vorwürfen in diesem kontext stecken so viele lesbenfeindliche und insgesamt hetero_cis_sexistische wie pathologisierende annahmen, die vollkommen geschichtslos, kontextbefreit und kritiklos durch den raum schwirren dürfen.

klassiker in der diskussion: darauf reduziert werden, wen mensch datet oder vögelt oder dass es einem_einer ja eigentlich nur darum gehen würde (eine bestimmte sexualität als „moralisch besser“ zu definieren). weil begehren mit sexueller orientierung gleichgesetzt wird (sexuelle orientierung ist als konzept enorm problematisch, da es nix mit machtverhältnissen oder wie begehren hergestellt wird zu tun hat, teilweise als „harmloser“ nachfolger von eugenischen konzepten zu gender- und sexualitätsidentitäten, die von der hetero_cis_norm abweichen, unhinterfragt übernommen). die entpolitisierung / reduzierung von begehren ist deshalb so daneben, weil sie a) lesbische politiken und lesbische bewegungs-/geschichte komplett negiert und b) der vorstellung auf den leim geht, nach dem alle nicht-heten hypersexualisiert anderen ihre sexualität oder „lebensweise“ grenzüberschreitend (oh gays als predatory – the next trope) auf die nase binden und ihren „lifestyle“ ausbreiten wollen (oh gays als spreading disease – hello fellows!). offenbar ist es nicht nur unvorstellbar, sondern auch richtig ängstigend, typen nicht (auch) attraktiv zu finden. hetero_cis_sexismus und lesben/biphobie 101.

zweiter klassiker in der diskussion, nachdem diese darauf reduziert wurde, mit wem ich vögele oder wen ich date: DAS KANN MAN SICH DOCH NICHT AUSSUCHEN!!1!1 zunächst wäre hier noch einmal anzumerken, dass es bei begehren nicht nur ums anhimmeln, knutschen und ficken geht, sondern in erster linie, wem ich meine aufmerksamkeit und zuwendung in allen lebensbereichen schenke, welche gesellschaftsanalyse für mich passt, welche utopie ich vorstelle und mit wem ich dafür kämpfen möchte. dann: hatten wir das mit der sozialen konstruktion nicht geklärt? warum die eigene sexualität davon ausklammern? klar, wer möchte schon zugeben, dass er_sie im herzen dabei ist (literally), welche körper und identitäten als begehrenswert vorgestellt und hergestellt werden oder welche menschen objekte deines creepy fetischs sind?! wer möchte schon gerne zugeben, sich berechtigterweise über typen von mansplainer bis mörder und vergewaltiger und die normalität von patriarchalen gewalt/verhältnissen aufzuregen, aber kein problem damit zu haben typen in unserem leben raum zu geben und ihre existenz in unserem leben mit kackscheiße als feministisch zu verteidigen. aber die rechtfertigung „ich bin halt so“??? wow, stell dir vor, du bist so ignorant, dass deine kognitive dissonanz dir nix anhaben kann.

drittens wäre an dieser stelle auch noch einmal anzumerken, dass die haltung typen zu begehren etwas wäre, was unveränderbar sei, schlichtweg auf hetero_cis_sexistischen, eugenischen, völkisch-rassistischen und biologistischen konzepten von menschsein und beziehung zu anderen beruht. wir alle werden in einer welt sozialisiert, die diese konzepte unhinterfragt als norm setzt und durchsetzt. wir internalisieren diese konzepte. unsere „begehrensbiografie“ erleben wir trotzdem sehr unterschiedlich. manchmal scheint das eigene begehren als etwas, das lange zeit so war. manchmal sind wir unsicher, welche haltung wir dazu einnehmen. manchmal schämen wir uns oder entwickeln gepflegten selbsthass, weil wir begehren, wie wir es gerade tun. manchmal wissen wir nicht, wie und wen wir begehren. manchmal stehen wir nicht zu unserem begehren, weil wir diskriminierung fürchten oder erstmal die innere zwangsheterosexualität auseinander klamüsern müssen. manchmal verändern sich dinge gefühlt ohne unser eigenes zutun. manchmal merken wir, dass wir bestimmte dinge nicht (mehr) wollen. manchmal treten diese dinge gemeinsam in unterschiedlichen nuancen zu unterschiedlichen zeiten in unserem leben auf. ungeachtet dessen treffen wir immer wieder entscheidungen in diesem kontext und finden umgänge damit. handlungsmacht. agency. verantwortung. „i was born this way“ rhetoriken zu bemühen, negiert das.

in einer hetero_cis_sexistischen und patriarchalen gesellschaft zu leben und keine cis typen zu begehren, sich aktiv dagegen zu entscheiden, den raum von cis typen im eigenen leben auf das mir momentan mögliche minimum zu reduzieren und auch mein sprechen darüber zu verändern, ist ein akt des widerstands. in dieser gesellschaft mein begehren auf marginalisierte identitäten zu richten oder stärker auszurichten ist ein akt des widerstands. denn diese menschen sind die einzigen potentiellen mitstreiter_innen, die ein ehrliches und aufrichtiges interesse am ende dieser zustände haben (abgesehen von den heteras, die es schon als errungenschaft feiern, wenn ihr BF mal keine scheiße erzählt oder das kind kurz hält, während sie den abwasch macht). das alles ist teil lesbischer politiken und lesbischer identitäten, nicht exklusiv, aber eben auch.

kann mensch selbstverständlich nicht teilen diese perspektive, aber dann bitte: werft nicht bei jeder sich (nicht) bietenden gelegenheit ein, dass typen auch noch da sind. wissen wir alle, die wir atmen.


Facebook | |


87 Euro statt #87Prozent

26. September 2017 von Charlott

Es gibt so viele Dinge, die jetzt (und eigentlich immer) zu tun sind: Demonstrieren, Blockieren, Texte schreiben, Bildungsarbeit machen, mit Menschen sprechen, Aktionen planen, unterstützen, lernen. Nicht zu unterschätzen aber ist es Geld zu geben. Wer einige Euro entbehren kann, könnte diese an Organisationen, für Projekte oder konkrete Aktivist_innen geben, die (teils) seit Jahren wichtige Arbeit leisten. Viele freuen sich gerade auch über Daueraufträge, die, wenn auch nur mit kleinen Summen, eine Beständigkeit bieten. Zur Inspiration, wohin denn Geld gegeben werden könnte, gibt es hier eine sehr unvollständige Zusammenstellung. Ergänzt doch gern in den Kommentaren!

Flucht und Asyl waren ein großes Thema dieses Wahlkampfs und bereits am Sonntagabend hieß es von der CSU, dass „Obergrenzen“ nun ganz bestimmt diskutiert werden müssten. Das Sterben vieler Menschen, die versuchen über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, wird nicht erst seit Sonntag billigend von Politiker_innen vieler Parteien hingenommen, eine Verbesserung der Politiken ist nach diesen Wahlergebnissen mehr als unwahrscheinlich. Ihr könntet also konkret an Organisationen spenden, die mit Booten im Mittelmeer unterwegs sind und dort Menschen retten, wie beispielsweise Sea-Watch e.V. und Mission Lifeline. PRO ASYL setzt sich seit 1986 für die Rechte geflüchteter Menschen ein, damals gegründet um der „rechten und rassistischen Hetze gegenüber Asylsuchenden entgegenzutreten“, ist deren Arbeit heute nicht minder wichtig. Oder ihr guckt mal nach dem Flüchtlingsrat eures Bundeslandes, in Berlin beispielsweise gibt es dort einen Fonds, der unbürokratische Nothilfe für Geflüchtete leistet. Die Arbeit von Women in Exile haben wir hier bereits einmal in einem zweiteiligen Interview (Teil 1/ Teil 2) vorgestellt. Zu letzt haben sie die Women Breaking Borders Konferenz vom 22.-24.09. in Berlin organisiert, die auch im Nachgang noch finanziell unterstützt werden kann.

Medienkritik gab es in den letzten Tagen einige – und dies vollkommen zu Recht. Aber statt ausschließlich über die ganz großen Medien-Player zu meckern (was natürlich unbedingt weiter geschehen muss!), überlegt doch auch ob es feministischen, linken, emanzipatorischen Journalismus gibt, den ihr ab und an lest, aber bisher selten mit Geld honoriert. Denkt über Abos für Zeitschriften wie analyse&kritik (die übrigens vor nicht allzulanger Zeit eine Sonderbeilage mit dem Thema Was tun gegen die AfD? produziert haben), dem Missy Magazine und/ oder Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart nach. Auch unterstützenswert ist das aktuelle Fundraising zu freitext kultur- und Gesellschaftsmagazin.

Organisationen, die ständig Informations-/Bildungsarbeit leisten, Beratungsangebote bereitsstellen und Empowerment-Räume gestalten, können nie genug Geld haben um ihre Strukturen aufrecht zu erhalten. Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V. fördert u.a. ein Schwarzes Bewusstsein, Schwarze Projekte und zeigt die Diskriminierung und Benachteiligungen von Schwarzen Menschen auf und bekämpft diese. ADEFRA e. V. – Schwarze Frauen in Deutschland ist ein kulturpolitisches Forum von und für Schwarze Frauen. Im letzten Jahr konnten sie 30 Jahre Schwarze Frauenbewegung in Deutschland feiern. TransInterQueer e.V. bietet ein professionelles Beratungsangebot sowie Bildungs- und Aufklärungsarbeit. LesMigraS ist der Antidiskriminierungs- und Antigewaltbereich der Lesbenberatung Berlin e.V.. Unter anderem unterstützen sie lesbische und bisexuelle Frauen, Trans* und Inter* dabei, ihren Alltag gewaltfrei, diskriminierungsarm und selbstbestimmt zu entwickeln und zu leben. Sie bieten telefonische und persönliche Beratung, Workshops, Publikationen etc. Informations-/ Analyse-/ und Archivarbeit leistet apabiz. Seit 1991 informieren sie zur extremen Rechten und sind unter anderem Gründungsmitglied von NSU-Watch.

Auf Demos, bei Protestaktionen und für viele ständig im Alltag: Polizeigewalt jeglichen Formen und juristische Verfolgung sind wichtige Themen. Unterstützt doch beispielsweise die Rote Hilfe, die wiederum unter anderem Menschen, die als Linke wegen ihres politischen Handelns ihren Arbeitsplatz verlieren, vor Gericht gestellt, verurteilt werden, untersützt, oder die Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt, die sich unter anderem mit der Polizeipraxis des Racial Profiling -, der Dokumentation und Aufklärung rassistischer Polizeiangriffe und -übergriffe sowie der Begleitung der Opfer und die Vermittlung zu Beratungsstellen, befasst.

Auch großartig: Buch- und Kulturprojekte von marginalisierten Menschen unterstützen. Wir brauchen immer ein mehr an unterschiedlichen Stimmen, Meinungen, Perspektiven und Ideen, um zu wachsen, zu verstehen und weiterzudenken. Derzeitig läuft beispielsweise das Crowdfunding für eine barrierearme Produktion des Buchs I’m a Queerfeminist Cyborg, That’s Okay. Gedankensammlung zu Anti/Ableismus von Mika Murstein.

Es gibt noch so viel mehr wichtige Organisationen und Vereine, aber ihr könnt außerdem natürlich auch einzelne Personen unterstützen. Ihr lest von einigen ständig mit Gewinn die Tweetreihen, verfolgt deren Einsatz, Texte, Aktionen, Projekte? Viele Leute haben PayPal-Accounts, an die ihr direkt zahlen könnt, wie beispielsweise SchwarzRund (hier ihre Webseite) oder sind bei Patreon, wie etwa Hannah C. Rosenblatt (hier ihr Blog). Im Zweifelsfall, fragt doch eure Lieblings-Aktivist_innen einfach mal, wo und wie ihr sie (finanziell) unterstützen könnt.


Facebook | |


Mädchenmannschafts-Podcast: Fundis stören und wählen gehen

12. September 2017 von Charlott

Ab jetzt sprechen einmal im Monat Mädchenmannschafts-Redakteur_innen über aktuelle Themen, Ideen für feministische Interventionen und Dinge, die wir gerade super finden. In der ersten Folge stellen Anna-Sarah und Charlott eine Möglichkeit vor Fundi-Märsche zu stören, diskutieren darüber ob Wikis über Anti-Feminist_innen, Rechte, etc. eine gute Idee sind, warum (und wen) sie wählen gehen und erzählen von einer super Ausstellung, die sie besucht haben. (Aufnahme vom 09.09.2017)

Feministische Intervention: Lärm machen

Thema 1: Zu linksunten und Die Agent_in

Thema 2: Bundestagswahl 2017

Lieblingsdinge: Der blinde Fleck


Facebook | |


Mehr lesbische Perspektiven bitte!

16. August 2017 von Nadine

seit drei jahren ungefähr beobachte ich in der deutschsprachigen feministischen blogosphäre einen massiven rückgang an posts und debattenbeiträgen. das hat viele gründe, u.a. die veränderung von gesprächs- und debattenkultur durch technologische veränderungen und veränderungen des mediennutzungsverhaltens. viel hat sich in schland auf twitter verlagert, das wohl „unpraktischste“ medium für auseinandersetzung. nichts gegen kurz und prägnant statt ausgedehnte mit substantiven überbordende essays. dennoch haben sich bestimmte dogmen etabliert, was in frage gestellt werden kann und wie. der umgangston ist meistens rotzig, belehrend, selbstgerecht. die haltung häufig wenig zugänglich für andere perspektiven und widersprüche zu eigenen glaubenssätzen und wissensarchiven – und das obwohl wir in einer feministischen bubble agieren, also „unter uns“, und es nicht darum geht, ignoranten kackbratzen selbstverständlichkeiten des zwischenmenschlichen beizupulen ohne aussicht auf erfolg – sondern miteinander ins gespräch zu kommen, inspiration, lernen, bestärkung, veränderung. das ist nichts twitter-spezifisches, jedoch dort offensichtlicher aufgrund der formalen gegebenheiten des mediums.

hinzu kommt, dass viele themen kaum bis gar nicht vorkommen. wieso? liegts allein an den dominanten erfahrungswelten? bestehen hemmungen über bestimmte themen zu schreiben? was mich wieder zu den dogmen bringt. ich überlege seit vielen jahren, wie ich über ursachen von gewalt in lesbischen/queeren beziehungen schreiben kann ohne einen shitstorm loszutreten oder selbst vollumfänglich zeugnis meiner beziehungsbiografie abzulegen sowie öffentlich meine eigene identität zu analysieren und zu rechtfertigen. mir fällt seit beginn meiner blogger_innenzeit auf, dass lesbische perspektiven randerscheinungen sind und fast ausschließlich nicht-lesben darüber schreiben, was lesben sind (und was nicht), wie (ausschließend/diskriminierend) ihre politiken waren und sind.

sich von lesben abzugrenzen ist ja nichts neues, dies jedoch so ungebrochen im feministischen kontext immer wieder mitzubekommen, ist gelinde gesagt: tragisch. bezeichnend, dass ich mich unter clueless heten häufig genauso alienated fühle wie unter aktivist_innen, die sich LGBT* / queer verorten. die gründe vielfältig, jedoch auch: dogmen. mir fehlen lesbische deutschsprachige perspektiven sehr. ich finde sie bei älteren aktivist_innen, die schon in den 80ern an den verhältnissen gerüttelt haben und sage: danke. danke. danke. ich vermisse sie bei menschen in meinem alter. das hat auch damit zu tun, dass menschen sich nicht eingestehen können, wieviel lesbenfeindlichkeit und unwissen über lesbe als politische, feministische identität und lesbische bewegungsgeschichte auch bei ihnen selbst ist.

gründe, warum ich vor ein paar monaten meinen alten tumblr account reaktiviert und mich in die welt der serien fandoms begeben habe – für eine wohltuende mischung aus repräsentation, spaß, positiven bezügen. zugegeben finde ich dort kaum leute in meinem alter (die meisten fandom tumblr user sind zwischen 15 und 22 jahre alt), aber die selbstverständlichkeit, mit der in diesen spezifischen räumen dezentrierung von typen und heten und solidarität unter LGBT* unterschiedlichster herkunft stattfindet, ist beeindruckend. ich stoße auf debatten zu sexualität und begehren, die ich aus deutschland kenne und muss schmunzeln, weil diese völlig gegensätzlich zu den hiesigen verlaufen (#“monosexismus“ #fetischisierungvonLGBT #identitätenbingo #oppressionolympics). ich stoße auf debatten, die nicht typisch deutsch sind (#verweigerungvonagencyundverantwortung). ich stoße auf debatten, bei denen ich mir denke: realität (siehe zitat). aber wieso lese ich davon eigentlich nichts in meinen feministischen bubbles?

„so much of the media that is meant to be for women made by other women and just bonding between women in general revolves around talking about guys and relationships with men and so much of the concept of female empowerment is still centered around making guys want you and rejecting them or [whatever] and im glad you all have that but it isolates lesbians so entirely from womanhood and is often what makes it so hard for lesbians to relate and connect with other women“

(dt.) ein großer teil der medien, die für frauen gedacht und von frauen gemacht sind, und die verbundenheit von frauen im allgemeinen dreht sich um typen und beziehungen mit männern. und ein großer teil des konzeptes von weiblicher bestärkung fokussiert sich noch immer darauf, wie du es schaffen kannst, dass typen dich wollen und du sie zurückweist oder was auch immer. ich bin froh, dass du das alles hast, aber es isoliert lesben so komplett von frauen und deshalb ist es oft so schwer für lesben sich mit anderen frauen zu identifizieren und verbindungen mit ihnen herzustellen.


Facebook | |


Widerstand organisieren – Juni ist Black Lives Matter Monat in Berlin

30. Mai 2017 von Charlott

Der gesamte Juni steht in Berlin ganz unter dem Motto #BlackLivesMatter. Fast jeden Tag gibt es Filmvorführungen, Workshops, Lesungen, Konzerte, den Black Lives Matter Marsch am 24. Juni und vieles mehr. Als Ziel des Monats benennen die Organisator_innen bereits bestehende Initiativen zu vernetzen: „Wir verbinden existierende Räume, Ressourcen und Kontakte, um uns gemeinsam im Widerstand zu organisieren. Die Demo und die Veranstaltungen sind als Auftakt für eine langfristige Zusammenarbeit und das Schaffen gemeinsamer Strukturen gedacht.“

Eingeleitet wird der Monat am Freitag mit einem Storytelling-Abend im Savvy Comtemporary, wo u.a. Furat Abdulle, Bino Byansi (African Refugee Humanity Matters), Musa Okwonga (Journalist, Autor, Lyriker), Peggy Piesche (ADEFRA) und SchwarzRund lesen werden. Das gesamte Programm des Monats findet sich auf der Webseite von Black Lives Matter Berlin. Hier ein paar der vielen Veranstaltungen, die sich explizit mit feministischen Perspektiven auseinandersetzen (die Beschreibungen sind Auszüge aus den längeren Texten auf der Webseite):

08.06.: Color Stories: Schwarze Frauen sprechen über Colorism/Shadeism*
Colorism ruft für viele von uns schmerzhafte Erinnerungen hervor und festigt verletzende Erfahrungen in unserem alltäglichen Leben und trotzdem gibt es wenige Räume wo wir offen über Colorism sprechen. Durch verschiedene Übungen möchten wir die Vielschichtigkeit des Themas ansprechen und uns mit Fragen über Macht auseinander setzten.

08.06.: AUDREAM – black feminist perspectives
Eine Veranstaltung von der in*vision crew im Rahmen des #BLMmonth2017. Vortrag und Gespräch über die Hör-und Sichtbarkeit Schwarzer feministischer Perspektiven. Mit Natasha A. Kelly, Tupoka Ogette, Chima Ugwuoke, Menina Ugwuoke

17.06.: Frauen im Kolonialismus – Stadtrundgang
Nirgendwo in der Hauptstadt lassen sich mehr Spuren des Kolonialismus finden als in Berlin-Mitte. Nahezu unsichtbar ist in diesem Zusammenhang die Rolle von Frauen. Die Tour erkundet wichtige Orte der brandenburgisch-preußischen und deutschen Kolonialgeschichte und stellt Bezüge zur Lebensrealität von Frauen im Kolonialismus her.

22.06.: Reflections Unheard | Screening & Talk
Through the personal stories of several former black female Civil Rights activists, Reflections Unheard: Black Women in Civil Rights unearths the lesser-known story of black women’s political marginalization between the male-dominated Black Power movement, and the predominantly white and middle class Feminist movement during the 1960s and 70s, as well as the resulting mobilization of black and other women of color into a united Feminist movement.

29.06.: Afrofeminismen – Wer ist da mitgedacht? | Panel
In unser heutiges Podium laden wir Schwarze Aktivistinnen* ein, um Fragen wie diese zu beantworten:
Wie positionieren wir uns als Feministinnen* mit sehr spezifischen Lebenskonzepten und „Afro“-Identitäten in Deutschland?
Welche Erfahrungen bringen wir in die Auseinandersetzung mit Kolonialismus ein?
Wie verbinden wir unsere Auseinandersetzungen mit unserem täglichen Leben?
Worauf freuen wir uns am meisten?


Facebook | |


„Innerhalb des psychiatrischen Systems kann es keine echte Emanzipation geben“

4. Mai 2017 von Nadine

Peet Thesing ist Kulturwissenschaftlerin, Wendotrainerin für feministische Selbstverteidigung und Selbstbehauptung und Aktivistin. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Psychiatrie, der Konstruktion von psychischen Krankheitsbildern und feministischen Widerstandsstrategien. Im März erschien ihr Buch über feministische Psychiatriekritik im Unrast Verlag. Wir sprachen mit Peet über Anerkennung von Leid und Diagnosen und Alternativen zu Therapie und Psychiatrie.

Wer in dieser Gesellschaft welche Diagnose bekommt und wessen Situation und Verfassung medizinisch anerkannt wird, wird durch gesellschaftliche Machtverhältnisse und Diskriminierung bestimmt. Einerseits sind viele von uns permanenter Psycho_Pathologisierung ausgesetzt, andererseits werden bestimmte Wahrnehmungen, Verfassungen und Lebenssituationen von Mediziner_innen nicht ernst genommen. Braucht es diskriminierungssensible / machtkritische Diagnostik oder lehnst du psychiatrische Diagnosestellungen gänzlich ab?

Innerhalb des psychiatrischen Systems kann es keine echte Emanzipation geben, da immer zwischen den Gesunden und Kranken unterschieden wird und Vorstellungen von psychischer Normalität geschaffen werden. Die Verschiebung dieser Grenze verändert nicht die Problematik der Grenze. Im Gegenteil, Diagnostik die sich machtkritisch nennt, versteckt, wie sehr Psychiatrie und ihr System zu Aufrechterhaltung ebendieser Strukturen beiträgt, die Menschen verletzen, diskriminieren und ausschließen. Ich verstehe den Wunsch danach, denn wir müssen in dem System klar kommen in dem wir leben – aber den psychiatrischen Zugriff noch mehr ausweiten ist nicht die Lösung.

Feministische Psychiatriekritik kann sehr herausfordernd sein, auch weil (diskriminierungssensible) Hilfs- und Unterstützungsangebote außerhalb des psychiatrischen und psychotherapeutischen Komplexes rar und/oder für viele finanziell nicht möglich sind. Braucht es überhaupt medizinische, psychiatrische und psychotherapeutische Ansätze zum Umgang mit Belastung, Leid, Schmerz und Gewaltfolgen? Welche Alternativen hält die feministische Psychiatriekritik bereit?

Ich würde grundsätzlich einfach die Annahme in Frage stellen, dass in der Psychiatrie um Hilfe geht. Heute wie auch historisch wird Gewalt und Ausschluss ist argumentiert mit „Es ist zu deinem Besten.“ Natürlich ist in der Welt in der wir leben individuell der Rückgriff auf therapeutische Unterstützung oft nötig, weil es zu wenig alternative Strukturen gibt. Wir brauchen vor allem gesellschaftliche Konzepte zum Umgang mit Gewalt und ihren Folgen, zum Umgang mit Schmerz, Leid und Krisen. Wie reden wir miteinander? Wie wohnen wir? Wie unterstützen wir Freund_innen? Die Menschen mit denen wir politisch arbeiten? Es gibt den Trend statt in Gruppen in unverbindlichen, losen Zusammenhängen politisch zu arbeiten. Das wirkt erstmal offener und zugänglicher. Gleichzeitig werden so keine konstanten Strukturen geschaffen, und Einzelpersonen können sich in Krisen nur schwer begleiten. Communities, die dann nicht überfordert sein oder Krisen, Leid und Schmerz auslagern wollen, brauchen ein gewisses Maß an Commitment.

Auf der Umschlagsseite zu deinem Buch schreibst du, dass Psychiatriekritik aus dem Blickfeld feministischer Aktivist_innen verschwunden ist. Warum glaubst du, ist das so? Stand das Thema irgendwann auf der Agenda und wenn ja, welche Interventions- und Widerstandsformen gab es?

In den 80ern ist einiges an feministischer-psychiatriekritischer Literatur erschienen. Vor allem ging es um die grundpatriarchale Konstruktion von Frauen als verrückt, um Rebellion und patriarchale Gewalt. „Frauen, das verrückte Geschlecht“, „Krankheit Frau“ und „Frauenfalle Psychiatrie“ sind nur einige Beispiele, oder Kate Milletts „Klapsmühlentrip“. Psychiatrie wurde als Dienstleisterin von Kapitalismus und Patriarchat betrachtet. Es wurden Frauenzentren geschaffen, Unterstützungsangebote für Frauen erkämpft. Diese gibt es heute nicht mehr in dem Umfang. Und in queeren und feministischen Szenen ist es nicht mehr im gleichen Maße üblich, konkrete Räumlichkeiten in der Öffentlichkeit zu erkämpfen, neue Institutionen zu schaffen. Es wird sich zu sehr um sich selbst gedreht. Psychiatrie, das betrifft nur die anderen. Therapie, ja, Medikamente auch, mal eine psychosomatische Klinik. Aber über psychiatrische Gewalt wird nicht geredet, geschweige denn Flugblätter geschrieben und Psychiatrien blockiert. Ich glaube, es gibt zu wenig Bewusstsein über die eigene Wirkmächtigkeit und zu viel Abfinden mit den Bedingungen in denen wir Leben. Veränderung braucht die Bereitschaft, gewohnte Denkmodelle loszulassen und Hoffnung zu haben, dass es anders werden kann.

Seit einiger Zeit setzen sich feministische Aktivist_innen vermehrt für die Anerkennung sogenannter psychischer Krankheiten als Behinderung ein, auch um auf Barrieren innerhalb linker / feministischer Communities und Leerstellen aktivistischer Widerstandsformen aufmerksam zu machen. Was hältst du von der Strategie?

Auch hier würde ich sagen: Ich verstehe den Impuls, aber ich will nicht Anerkennung vom Patriarchat oder den rassistischen und kapitalistischen Strukturen, sondern die Auflösung von eben diesen. Das ist einfach ein grundlegend anderer Ansatz. Klar, manchmal ist pragmatische Politik notwendig, aus finanziellen Gründen zum Beispiel. Aber das sagt nicht, dass meine politische Zielsetzung nicht eine andere sein kann. Ich will mich nicht abfinden mit einem scheinbar verbesserten Status quo.

In manchen identitätspolitischen Ansätzen werden sogenannte psychische Krankheiten nicht nur als Folge von Diskriminierung und Gewalt, sondern als Teil der körperlichen und biochemischen Konstitution der jeweiligen Person definiert. Nach diesem Ansatz gibt es „neurotypische“ und „neurodiverse“ bzw. nicht-behinderte und behinderte Menschen…

Das soziale Modell von Behinderung als behindert werden durch die Gesellschaft war ein wichtiger Erkenntnisschritt. Durch die Idee eines neurotypischen oder „normalen“ Gehirns wird sich auf ganz dünnes Eis begeben und diese Erkenntnisse vernachlässigt. Ein Gehirn ist keine biologische Konstante. Unsere Erfahrungen verändern das Gehirn. Was soll ein neurotypisches Gehirn sein? Und wo bleibt die Gesellschaftskritik, die dies in Frage stellt und nicht nur Anerkennung von einem kaputtmachendem System sucht? Was ist das Ziel dieser Bewegung, die Neurodiversität quasi auf sämtliche nicht-konforme Formen von psychischen Zuständen ausweitet? Anerkennung von einem System, das aussondert? Ich glaube nicht, dass dadurch die Verhältnisse grundlegend verändert werden können.

Dem eigenen Nicht-Funktionieren oder der Nicht-Erfüllung eigener und Erwartungen anderer wird manchmal mit Selbstpathologisierung begegnet. „ich bin … / ich habe …, also kann ich … nicht tun.“ Es scheint, als ob die Erklärung bzw. Offenbarung eines Krankheitszustandes ein effektiver Weg ist, sich gesellschaftlichen Annahmen über Leistungsfähigkeit, Gesundheit und soziale Interaktion zu widersetzen. Warum plädierst du dennoch dafür, mehr darüber in Austausch zu gehen, was eine_r nicht will, statt was eine_r nicht kann?

Wenn ich nur darüber rede, was ich kann oder nicht, aus welchen Gründen auch immer, rede ich nicht mehr darüber was ich will. Diese Gesellschaft treibt uns das wollen so sehr aus, gerade Frauen und auch viele trans Personen lernen, dass sie nichts wollen dürfen. Veränderung werden erkämpft in dem eine_r mehr will, anderes bewusst ablehnt, nicht durch die Wiederholung des Glaubens an eigenes Nichtkönnen. Das soll überhaupt nicht heißen, dass es nicht manchmal Sachen gibt die nicht gehen, möglich sind, einfach auch strukturell. Es geht mir nicht um persönliche Allmachtsfantasien in dem Glauben an absolute Autonomie. Es geht mir um eine politische Strategie, in der es Träume und Handlungsmöglichkeiten gibt. In der gerade Frauen und trans Personen sich als selbstwirksam erfahren können und in denen es den Hunger nach mehr gibt. Nach mehr vom guten Leben. Nicht nur das bisschen, was einer_m angeboten wird.


Facebook | |


Wie können wir ein feministisches Leben leben?

15. März 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 126 von 131 der Serie Die Feministische Bibliothek

Alle Jahre (Monate) wieder geht ein Quiz um, was ungefähr wie folgt aufgebaut ist. Frage: Findest du, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sein sollten? Wenn du auf „Ja“ klickst, wird dir gratuliert. Toll, du bist Feminist_in! (Eine andere Variation gibt es auf Are you a feminist?) Menschen schicken sich diese Tests zu. „Siehst du, du bist doch auch Feminist!“ Der Test ist leichtverdaulich, für Menschen, die nah an der Norm sind. Der Test tut kaum weh – jedenfalls nicht den vorherrschenden Machtverhältnisse, denn in dieser einfachen Frage werden eine ganze Reihe von gefährlichen und gewaltvollen Annahmen und Normen reproduziert: Frauen werden in Bezug auf Männer gesetzt, Zweigeschlechtlichkeit bleibt unangetastet und „Gleichberechtigung“ übertüncht auch schnell wirkliche Macht- und Gewaltfragen. Was ist der Effekt dieses Tests? Mobilisiert er Menschen? Eher nicht, stattdessen können Leute zurück auf das Sofa fallen und sich auf die Schulter klopfen: Ich bin sogar voll feministisch (und im Hintergrund summen Annahmen wie „Ich bin sogar voll feministisch, dafür muss man(n) nämlich gar nicht so militant, männerhassend, humorlos, krass, etc. sein“). Ist es ein feministisches Leben, wenn einfach dieser Quiz-Prämisse zugestimmt wird und weitergelebt wird?

Sara Ahmeds neustes Buch Living a Feminist Life geht der Frage nach, wie denn ein feministisches Leben aussehen kann. Dankenswerterweise aber macht sie gleich zu Beginn deutlich: Ein feministisches Leben rüttelt an vielen Gesellschaftsnormen und greift unterschiedliche Machtverhältnisse und deren Verknüpfungen an. Mit einem einfachen „Ja ja, Männer und Frauen sollen voll gleiche Rechte haben.“ möchte sie sich gar nicht mehr auseinandersetzen. Sie wendet sich bewusst an die humorlosen (oder besser als humorlos verstandenen) Feminist Killjoys, einen Begriff den Ahmed vor Jahren prägte. Die Grundannahme des Buchs macht sie in der Einleitung deutlich: Der Feminismus, um den es ihr geht, setzt sich auseinander mit Heterosexismus, Cissexismus, Rassismus und anderen Diskriminierungsformen. Sie schreibt:

Eine Feminist_in bei der Arbeit zu sein handelt davon (oder sollte davon handeln), wie wir gewöhnlichen und alltäglichen Sexismus, inklusive akademischen Sexismus, anfechten. Das ist nicht optional: Das ist es, was Feminismus feministisch macht. Es ist ein feministisches Projekt Wege zu finden, in denen Frauen in Bezug auf Frauen existieren können; wie Frauen in Beziehung zu einander sein können. Es ist ein Projekt, weil wir noch nicht da sind. […] Wie können wir die Welt zerlegen, die so aufgebaut ist, dass sie nur manche Körper fasst? Sexismus ist ein solches Fassungs-System. Feminismus erfordert Frauen dabei zu unterstützen, in dieser Welt zu existieren. […] Teil der Schwierigkeit der Kategorie Frau ist, was daraus folgt sich in dieser Kategorie zu befinden, und ebenfalls was daraus folgt sich nicht in dieser Kategorie zu befinden aufgrund des Körpers, den du dir aneignest, dem Begehren, welches du hast, den Wegen, denen du folgst oder nicht folgst. Gewalt kann auf dem Spiel stehen, wenn man als Frau erkannt wird; Gewalt kann auf dem Spiel stehen, wenn man nicht als Frau erkennbar ist.

Ahmed offeriert keine einfachen Antworten, kein „du denkst a, also bist du b“. Vielmehr geht es um die Erfahrungen und Tätigkeiten (aus denen wieder neue Erfahrungen erwachsen), die Feminist_in-Sein immer wieder herstellen. Sie gibt also keine simple Gebrauchsanleitung an die Hand, sondern beschreibt, lässt Gedanken wandern, stößt Gedanken an. Das Buch ist nach der Einleitung in vier weitere Teile aufgeteilt. Zunächst schreibt Ahmed in „Becoming Feminist“ über die Wege, die dazu führen sich feministisch zu positionieren, feministisch zu handeln und die Welt durch eine feministische Analyse-Linse wahrzunehmen. Im nächsten Teil („Diversity Work“) geht es konkret um „Diversitäts-Arbeit“, zum einen von Personen, die beispielsweise in Universitäten dazu konkret beauftragt sind, zum anderen aber auch um die alltägliche „Diversitäts-Arbeit“, die Menschen verrichten, die sich in Räumen aufhalten, deren Normen sie nicht (ganz) erfüllen. Im dritten Teil („Living the Consequences“) dann geht es Ahmed um die Konsequenzen im weitesten Sinne, die es hat oder haben könnte ein feministisches Leben zu führen. Anstatt einer einfachen Schlussfolgerung bietet Ahmed gleich zwei Dinge in ihrem letzten Kapitel an: Ein Überlebenskit für Feminist Killjoys und ein Killjoy Manifesto.

(mehr …)


Facebook | |


während sie streiken …

8. März 2017 von Hannah C.

Das feministische Netzwerk möchte den vom Womans March angeregten Generalstreik der Frauen* am Frauen*kampftag, mit einer Blogparade begleiten.
Alle Informationen findest du hier – meinen Beitrag gibt es hier:

Am Tag ohne Frauen stehe ich an der Straßenbahnhaltestelle und fühle den Wind mit den Raspelrüschen an meinem Rock spielen.
Heute hau ich auf die Kacke, denk ich mir. Heute zerschmettere ich die Idee von mir als Frau. Alles sollen es sehen. ICH BIN KEINE FRAU!

Als ich mir das kurz vorher in meiner Wohnung vornehme, zupfe ich mein Beanie auf dem Kopf zurecht, das meine Haare heute bedeckt.
Da stehe ich vor dem Spiegel und nicke dem Spiegelbild zu.
Heute ist der Tag ohne Frauen. Und alle, die keine Frauen sind, werden einander heute sehen.
Hoffentlich.

Oh bitte bitte hoffentlich.
Hoffentlich bin ich nicht die einzige als Frau misgenderte Person, die sich heute raustraut.

In meiner direkten Wohnumgebung kenne ich niemanden di_er queer, trans, non-binary … ist. So laufe ich allein wie immer los und denke, wie schade das ist.
Doch was weiß ich, welche Person mich gerade sieht, obwohl ich sie nicht sehe? Vielleicht tue ich hier etwas, das Mut fassen lässt?
Das rede ich mir ein, bis ich es mir fast glaube. Immerhin den Weg zur Bahn schaffe ich so.

Da stehe ich und warte.
“Aufgrund des Generalstreiks kommt es heute zu Verzögerungen auf allen Linien” schnarrt es aus dem Lautsprecher.

Ich zögere auch.
Um die Reaktionen der Menschen an der Haltestelle zu hören, müsste ich mir den Superpowersoundtrack aus den Ohren nehmen, der mir gerade mein ganzes Selbstvertrauen vermittelt.
Ach scheiß was drauf, denke ich. Irgendwie hört man es doch jeden Tag. Wie irgendwer irgendwas über “die Frauen” sagt.

“Was fürn Streik?”, fragt der eine und dreht sich eine Zigarette. “Frauenstreik”, antwortet der andere und setzt mit einem feinen Lächeln dazu: “Is meine auch mit dabei, ne.”.
Der eine guckt. Der andere nickt. “Ja ha.”.

Ich gucke weg. Stecke meine Köpfhörer zurück in die Ohren. Das lief jetzt zu okay, um noch irgendetwas mehr zu hören. Ich will mir einreden, dass der andere „seine“ Frau unterstützt, vielleicht sogar feiert, dass sie mitmacht. Vielleicht sogar ein tieferes Verständnis davon hat, warum es wichtig ist, dass es diesen Tag gibt.

Ich wende mein Gesicht der Sonne zu und richte mich aufs Warten ein.
Da dringt ein Geräusch an mich. Der eine spricht mich an. “Hey”, sagt er und schaut mich unter gerunzelten Augenbrauen an. “Und was is mit dir? Zu fein zum Streiken oder wat?”.

Was soll ich jetzt sagen? Ich habe mir keine Antwort auf diese Frage überlegt.
Klar – es hat so viel Kraft und Überwindung gekostet bis hier her zu kommen, dass noch gar kein Platz war darüber nachzudenken, wie ich meine Anwesenheit so erkläre, dass sie legitimiert wird. Und zwar sowohl vor den Frauen, die heute nicht da sind – aber morgen, als auch vor den Verbliebenen, die heute, wie morgen da sind.

”Nö.” antworte ich deshalb.
“Nö” ist so lang wie Ja, aber doch Widerspruch. Es ist mein Hosentaschenriot. Mein “Nö.”.

“Was “Nö”? Is doch hier Frauentag – macht ihr euch da man nen schönen Tach!”, sagt er und lächelt, als würde er mir ein Stück Torte gönnen.
“Ah lass man – passt schon.”, winke ich ab und drehe mich wieder in die Sonne. Diesmal um mich von ihr verbrutzeln zu lassen.

Was ich denn für ne Pfeife bin, denke ich. Erst voll zu sich stehen und dann doch alles runterschlucken? Was geht?!
Andererseits: So eine fremde Person ist jetzt auch niemand, den es etwas angeht, zu welchem Gender ich mich zuordne. Ich kann nichts dafür, dass meine Identität nicht gleichermaßen normalisiert ist, wie die von Männern und Frauen, die sich auch als solche empfinden und einordnen.
Andererseits: Kann die Person denn was dafür? Vielleicht weiß sie gar nicht, dass es mehr gibt als “die Männer” und “die Frauen”?

Andererseits: Ich kann nur meine eigene Haut, mein eigenes Leben, mein eigenes Sein als Beweis dafür herzeigen, dass es Menschen wie mich gibt – was in einer Welt, in der der Einzelfall nicht zählt, ein hoher Preis ist.
Andererseits: Wenn es niemand sagt oder zeigt, dann wird es nicht gesagt oder gezeigt

Als die Bahn endlich einfährt und meine Hand es ist, die uns allen, die wir auf sie gewartet haben, die Tür öffnet, denke ich, dass ich ja da bin.
Ich bin präsent und sichtbar für die, die mich heute sehen können.

Und als ich mich hinsetze, werde ich erkannt.
Von Maria. Die – oder der? oder di_er? oder..? – drei Straßen weiter wohnt.


Facebook | |



Anzeige