Mein Körper ist kein witziger Sack, der sich an- und abstreifen lässt

Als ich vor ein paar Monaten von BARBARA angeschrieben wurde, ob ich gerne einen Beitrag zum Thema „Was ist eigentlich normal“ mit Fokus auf Dicksein und Körperabwertung schreiben wolle, war ich mega happy. Als Autorin gibt es fast nichts Dankbareres, als gut bezahlt zu einem wichtigen Thema für ein riesiges Publikum zu schreiben. So wie ein Sechser im Lotto eben, oder vier Wochen Urlaub am Stück!

Die BARBARA hatte ich schon ein paar mal gelesen und fand sie vergleichsweise gut: Locker, lebensnah und immer mit einem Spritzer Ironie und Witz. Klar, sie ist sehr weiß und heteronormativ. Ehrlicherweise habe ich nichts anderers erwartet.

Der Kontakt in die Redaktion war super-professionell, herzlich und unterstützend. Meine Perspektive wurde nicht ein einziges Mal hinterfragt, ganz im Gegenteil, ich wurde dazu ermuntert, einige kritische Punkte noch weiter auszuführen. Dass ich in meinem Text keine Heten-Beziehung beschrieb, hat zu keiner einzigen Nachfrage geführt („Na logo?!“ sagst du jetzt. Nicht so logo, glaub mir. Ich arbeite seit Jahren mit Medien zusammen.) Es gab einen Moment, wo ich ein kliiitzekleines bisschen in der Wohnung rumgetanzt bin und zu meiner Freundin sagte: „Krass ey, ich schreibe einen gut bezahlten Artikel und alle sind so cool. Life can be easy!“

Na ja, was soll ich sagen: Die Realität schlägt karatemäßig zurück und jetzt bin ich wieder auf dem Boden der bitteren Tatsachen gelandet.

Bevor das Belegexemplar der aktuellen Ausgabe in meinen Briefkasten flatterte, las ich den Artikel von Bobby auf ihrem Online-Magazin Curvect (Plus Size Blogazine). Bobby kritisiert in ihrem Text das Cover der aktuellen BARBARA, weil Barbara Schöneberger dort mit einem  yeah, wait for it Fat Suit zu sehen ist.

Foto: @thunder.khat auf Instagram

Ich war zwar hochgradig genervt, stellte mir aber die Frage, die ich mir in den letzten Jahren immer öfter stelle: Was bringt es, wenn wir uns immer und immer und immer wieder über Dinge aufregen? Ich nenne das einfach mal Kackscheiß-Kritik-Kackscheiß-Kritik-Kreislauf. Es hört nicht auf. Ich frage mich immer öfter: Was bringt die Kritik, wer profitiert, wer ist genervt und gestresst und wer zieht wieder einmal keine Konsequenzen? Und mache ich nicht auch wieder absurderweise Werbung für jene Unternehmen und Medien, die ich meinen Texten kritisiere? Es scheint oft so, als gäbe es im Kapitalismus keine gute oder schlechte Werbung, nur Werbung.

Die Antworten auf die obigen Fragen können vielfältig ausfallen. Nicht kritisieren ist auch keine Lösung, denke ich. Also hier noch einmal in aller Deutlichkeit:

Zum Thema „Was ist eigentlich normal?“ hatte ich nun echt nicht mit einem Bild gerechnet, das den dicken Körper als nackte Witzfigur darstellt, als bloßer Sack, der an- und ausgezogen werden kann. Dass eine Körperform kein Kostüm ist (genauso wenig wie eine Kultur oder Nationalität übrigens), wird seit vielen Jahren kritisiert. Das gilt nicht nur, aber ganz besonders dann, wenn das Kostüm  hier der so genannte Fat Suit  satirisch und degradierend benutzt wird. Dass die Medienwelt es nicht schafft, Körpervielfalt auf und in den Magazinen abzubilden, ist bitter genug. Dass Dicksein dann aber ausschließlich in Form eines (nackten) Fat Suits daherkommt, ist eine Frechheit.

(Aus dem Stegreif kann ich übrigens mindestens zehn dicke*fette Models nennen, die für ein Shooting bereit stehen. Ganz ohne Fat Suit, einfach nur mit hotten dicken Schenkeln und massigen Oberarmen.)

Nun kann man sagen: So ein Bild passiert mal. Ist diskriminierend, aber Menschen sind sich nicht immer ihrer diskriminierenden Handlungen bewusst. Die Wut im Bauch runterschlucken, freundlich darüber aufklären und gut ist.

Das war aber kein naiv-ignoranter Ausrutscher, wie das Video auf der Instagram-Seite von Barbara Schöneberger zeigt, das die aktuelle Ausgabe bewirbt: Dort steht sie im Fat Suit vor einem Buffett und schaufelt sich kellenweise Essen ein, während sie lachend sagt: „Nichts gegen Dicke, bin selber eine.“

Schöneberger hat selbst schon öfter über Schlankheitsanforderungen im Showbusiness gesprochen, genauer gesagt: sich darüber beklagt, weswegen ihr die Stereotype nicht unbekannt sein sollten, ganz im Gegenteil. Mit dem Video zeigt sie unmissverständlich, dass sie es „witzig“ findet, dicke Leute als verfressen darzustellen und sagt mit Verweis auf ihren Fat Suit, dass sie selbst „eine Dicke“ sei. Mal davon abgesehen, dass sie nicht dick ist und somit kaum dickenfeindliche Erfahrungen macht, ändert diese Aussage nichts an seinem diskriminierenden Inhalt. Auch dicke Menschen können dickenfeindliche Argumente bedienen, sie schneiden sich damit nur selbst ins Bein.

Ein Fat Suit allein nervt, aber er ist deshalb auch diskriminierend, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der dicke Menschen pathologisiert, abgewertet, lächerlich gemacht, als faule Vielfraße dargestellt und schlicht nicht in ihren individuellen Krankheits- und Lebensgeschichten ernst genommen werden. Das alles schwingt mit, wenn ich einen Fat Suit sehe. Diesen Rattenschwanz an Gesellschaft kann mensch schlicht nicht wegdenken.

Dass Schöneberger auf diese ätzenden Klischees als (eher) schlanke Person anspielt, und das dann auch noch auf dem Cover eines viel gelesenen Magazins, macht mich wütend  zumal ich gerade für diese Ausgabe einen sehr persönlichen Artikel geschrieben habe, wie sich Körperabwertung und unhinterfragte Normen in der eigenen Beziehung, im Alltag, im Gesundheitsbereich zeigen.

Schade, dass ich es noch einmal deutlich ausführen muss: Mein Körper ist kein witziger Sack, der sich an- und abstreifen lässt. Mein Körper ist mein Körper und wenn wir uns schon inhaltlich nicht einigen können, auf ein Mindestmaß an Respekt sollten wir uns schon verständigen. Denn: #MeinKörperistkeinKostüm.

3 Kommentare zu „Mein Körper ist kein witziger Sack, der sich an- und abstreifen lässt

Gib deinen ab

  1. Hi, also generell gebe ich dir Recht. Ich denke, aber dass eine perspektive das Cover zu sehen auch wäre, dass auf Covern nunmal Promis stehen müssen um diese zu verkaufen. Natürlich gibt es tolle dicke Models, aber ohne Promifaktor funktioniert das glaube ich auf diesen Magazinen nicht, wenn man auf den Umsatz achten muss. Und das man dann versucht dem ganzen etwas Leichtigkeit zu geben finde ich in diesem Kontext auch nicht so schlimm. Als „Dicke“ finde ich es gut, dass man bewusstsein schafft und denke auch, dass man Kompromisse eingehen kann, wenn nötig.
    Wofür ich allerdings kein Verständnis habe ist der Verweis auf „individuelle Krankheitsgeschichten“ von Dicken. Wieso muss das denn angesprochen werden? In konkreten Fällen okay, aber ich möchte nicht generell in Krankheitsverdacht gestellt werden, nur weil ich mehr wiege als andere und verstehe nicht wieso du das ohne Kontext so schreibst.

  2. Hi Imani,

    ich verstehe deinen Einwand mit dem Promi-Faktor, aber der fällt ja nicht weg, wenn Schöneberger sich zB gemeinsam mit dicken Leuten auf einem Cover abbilden lässt. Ein bisschen mehr Kreativität und Mut wünsche ich mir von den Medien, gerade einem Heft wie diesem, das vorgibt, „kein normales Frauenmagazin“ zu sein, es aber mit so einem Cover doch irgendwie ist. Ich denke, dass es andere Lösungen gegeben hätte.

    Den Satz mit den „individuellen Krankheitsgeschichten“ sollte in dem Kontext gelesen werden, in dem ich ihn geschrieben habe. Vordergründig hat Gesundheit nix mit dem Cover und der Debatte zu tun, ja, da stimme ich dir zu – und natürlich auch, dass dicke Leute nicht automatisch unter Krankheitsverdacht gestellt werden sollten. Aber das sagt der Satz ja auch aus: In dem Absatz sage ich ja deutlich, dass dicken Menschen Faulheit, Krankheit, Gefräßigkeit immer angedichtet wird und dass das bei einem Fat Suit automatisch mitschwingt. Das lässt sich nicht trennen. Wenn die meisten Menschen über Dicksein sprechen, sprechen sie automatisch über das Kranksein. Ich finde das auch falsch, deshalb schreibe ich ja, dass wir individuell zu betrachten sind, nicht als Gruppe „vielfräßiger, fauler, kranker“ Menschen. Damit möchte ich mich nicht vom Faulsein, vielem Essen und Krankheiten abgrenzen, aber schon sagen: Als Klischee über Dicke ist das nicht in Ordnung.

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