Die Aufregung um das Geschlecht der Sportlerin Caster Semenya: Zwei Autorinnen haben sich Gedanken zu einem Thema gemacht.
Ist sie eine Frau? Oder ist sie ein als Frau getarnter Mann? Oder ist sie ein Mann, der denkt, er wäre eine Frau? Das denkt sich Barbara.
Die südafrikanische Sportlerin Caster Semenya hat am Mittwoch den 800-Meter-Lauf bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin gewonnen. Es kann jedoch passieren, dass ihr der Sieg aberkannt wird: Wenn sich nach mehreren Tests, die in den nächsten Tagen abgeschlossen werden, herausstellt, dass sie keine Frau ist. Sondern ein Mann. Geschaut wird überall, wo es nachweisliche Unterschiede gibt, also zwischen den Beinen und im Chromosomensatz der 18-Jährigen. In der Presse werden Beispiele angeführt (z. B. auf SPIEGEL online oder bei sueddeutsche.de, wie sich Sportlerinnen bei genauerem Hinsehen als Sportler entpuppten: ein trauriges Kapitel der Sportgeschichte, gleich neben dem mit dem Doping.
Intersexualität fern des privaten, intimen Bereichs empfinde ich als verstörend und erstaunend zugleich: In welcher Situation gibt eine Frau vor, ein Mann zu sein? Mir fällt beispielsweise der Streisand-Film „Yentl“ ein, in dem es um Bildung und Religion, den Talmud, die jüdische Religionsgeschichte geht, etwas, wozu nur Männer Zugang haben. Und viele Kriegsszenen, in denen Frauen sich in Uniformen zwängen, Haare und Brüste wegbinden, um mitkämpfen zu können, Seite an Seite mit ihren Männern, für das Land, die Ehre, die Zukunft und was sonst noch wichtig ist. Umgekehrt, wann gibt ein Mann vor, eine Frau zu sein? Von der Transvestie abgesehen denke ich vor allem an so Faschings-Klamauk à la „Some like it hot“, „Charley’s Tante“, oder Filme wie „Tootsie“. Hier geht es um Jobs (Männer im Frauenorchester, Männer besetzen Frauenrollen), oder um Anstandsdamen, die aufpassen, dass niemand etwas anbrennen lässt.
Zurück zu Caster Semenya. Sollte sich herausstellen, dass sie einen männlichen Chromosomensatz hat, dass ihre Geschlechtsorgane in Wahrheit doch männlich sind, dass ihrem Sieg ein Betrug zugrunde liegt, kann sie, die dann ein Er ist, Mitleid sicher gut gebrauchen. Ebenso, wenn sich herausstellt, dass sie einen weiblichen Chromosomensatz hat. Denn als „Nicht-Frau“ ist sie längst gebrandmarkt, durch Bemerkungen anderer Sportlerinnen, durch die Beteuerung ihrer Mutter, durch das Bereden ihres Aussehens, das mit straffem Bauch, flacher Brust und breiten Schulter nicht der weiblichen Norm entspricht. Was auch immer darunter zu verstehen ist – denn längst ist das, was als Norm verkauft wird, nicht mehr das, was natürlich ist.
Wo also liegt die Grenze: Die eine Frau lässt die Brüste vergrößern, die Vagina glätten, die Wangenknochen hervorheben, die Haut an den Armen straffen und die Taille verschlanken – und bleibt eine Frau. Die andere lässt all das auch machen – bleibt aber aufgrund des Chromosomensatzes ein Mann. Wer bestimmt, wie lange oder ab wann eine Frau eine Frau ist?
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Wann ist eine Frau eine Frau? Das fragt sich Helga beim selben Thema:
Ein Sprinter steigert sich zu unglaublichen Bestleistungen, seine Dopingtests sind negativ, er ist der neue Held.
Eine Sprinterin steigert sich zu unglaublichen Bestleistungen, ihre Dopingtests sind negativ, sie muss zum Geschlechtstest.
Caster Semenya siegte bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin beim 800 Meter-Lauf. Wie Usain Bolt im letzten Jahr, steigerte sie dabei ihre eigene Bestleistung enorm, die Dopingtests waren negativ. Doch Semenya muss nun eine Reihe weiterer Tests über sich ergehen lassen, die sie am Ende den Titel wieder kosten könnten. Denn die IAAF, Ausrichterin der Leichtathletik-WM, vermutet, sie sei in Wirklichkeit ein er.
Tests zur Bestimmung des Geschlechts wurden früher routinemäßig durchgeführt, vor einigen Jahren jedoch wieder abgeschafft. Sie werden in strittigen Fällen weiter angewendet. 2006 wurde der indischen Leichatlethin Santhi Soundarajan die Silbermedaille aberkannt, die sie bei den Asienspielen über 800 Meter errungen hatte. Ihr wurde ein männlicher Chromosomensatz trotz äußerlich weiblicher Geschlechtsorgane nachgewiesen. Später versuchte Soundarajan Selbstmord zu begehen, die Kontroverse um ihr Geschlecht war einer der Gründe.
Wie bei Soundarajan vermutet man auch bei Semenya eine Androgenresistenz. Dabei besitzt der Körper den (männlichen) XY-Chromosomensatz, die gebildeten männlichen Hormone werden aber nur teilweise, bzw. gar nicht verarbeitet. Bei einer vollständigen Resistenz sehen die äußeren Geschlechtsorgane weiblich aus, die Hoden sind im Körperinneren verborgen. Meist werden sie im Erwachsenenalter entfernt, um Krebs zu vermeiden. Die Betroffenen werden meist ihr Leben lang als Frauen betrachtet. Neben der Androgenresistenz gibt es noch weitere Variationen von Hormonen und Chromosomen, heute zusammgenfasst als Intersexualität oder Sexualdifferenzierungsstörung.
Hinter allem steht die Frage, was den Mann und die Frau ausmacht. Chromosomen? Erscheinungsbild? Hormonlevel? Wo genau verläuft die Grenze? Wieviel Hormone dürfen es sein, bevor die Chromosomen den Ausschlag geben?
Auffällig ist auch, dass lediglich Frauen beweisen müssen, „wirkliche“ Frauen zu sein. Unter den Athleten können sich auch Athletinnen verbergen, doch kein er hat sein Geschlecht bisher beweisen müssen.

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