Die Rollen autonom organisierter rechter Frauen (1)

[Dies ist der erste von zwei Teilen eines Beitrags zu autonom organisierten, extrem rechten Frauen. Unter „autonom organisiert“ werden hier Personen und Gruppen verstanden, die unabhängig von Parteistrukturen/-institutionen aktiv und organisiert/vernetzt sind. Nähe zu oder (indirekte) Unterstützung durch die NPD (PDF) bestand/besteht dennoch bei einigen „autonomen“ rechten Organisationen.]

„Ich bin nicht nur ein Anhängsel meines Freundes, sondern […] eine Kämpferin für Deutschland“ – so ließ sich vor elf Jahren ein Mitglied der „Mädelschar Deutschland“ zitieren, als Beate Zschäpe mit dem NSU bereits mordend durch die Republik zog.

Wie Charlott gezeigt hat, schließen sich Frau*sein und Rechtsextremismus (PDF; siehe auch die in Charlotts Beitrag verlinkte kritische Definition) nicht nur nicht aus, sondern zu „Geschlecht“  gibt es zum einen ausgeprägte Rollenvorstellungen in rechten Gruppierungen, zum anderen dient „Geschlecht“ als strategisches Mittel zum (Propaganda-)Zweck und führt somit auch zu Widersprüchen zwischen einer reaktionären Geschlechterideologie und gleichzeitigem Aktivismus rechter Frauen. Während die NPD einen Frauenanteil von etwa 27 Prozent hat und trotz eigener Frauenorganisation, dem 2006 gegründeten „Ring Nationaler Frauen“ (RNF, momentan unter dem Vorsitz der Diplom-Schauspielerin Ingrid Schüßler), männlich* dominiert bleibt, sind autonome Gruppen extrem rechter Frauen (oder mit substanzieller Mitwirkung jener) keine Neuerscheinung.

Wurden in den 1980er Jahren extrem rechte Frauengruppen noch meist als Rekrutierungs- und Propagandamittel von Männern gegründet (z.B. die „Deutsche Frauenfront“ und die Frauenschaft der „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei„, die beide Mitte der 1990er Jahre aufgelöst bzw. verboten wurden), begannen autonome rechtsextreme Aktivistinnen in den 1990er Jahren sich selbst zu organisieren. Bemerkenswert hierbei ist sowohl der quantitative Anstieg politisch aktiver Rechtsextremistinnen als auch die qualitative Neuerung innerhalb jenes Aktivismus, eigene Gruppen zu gründen und deren Interessen nach außen zu Vertreten.

antifa
Quelle: SamChills.

Wie zum Bei­spiel Kir­sten Döhr­ing und Re­na­te Feld­mann beschrieben, war der zwi­schen 1990 und 1991 ge­grün­de­te Skin­girl Freun­des­kreis Deutsch­land (SFD) die er­ste ei­gen­stän­di­ge Rechts­ex­tremist­innen­gruppe, die bun­des­weit or­ga­ni­siert war. Ziel des SFD wa­ren je­doch kei­ne ei­genen „Aktio­nen;“ im Mittel­punkt stand der An­spruch, extrem rechte Frauen noch stär­ker zu po­li­ti­sieren und ihnen Zu­sammen­halt zu bieten. Zu die­sem Zweck fan­den so­genannte „ge­mein­schafts­för­dern­de“ Treffen statt, und im SFD-Mit­tei­lungs­blatt „Wal­küre“ wur­den Tex­te zu deutschem Brauch­tum, „Ger­ma­nen­tum“, Ge­schichts­re­vi­sionisti­sches und „Mutter und Kind“ ver­öffent­licht. Wo­durch der SFD sich daher auszeichnete, war sein besonderer Grad der Vernetzung: es fanden kontinuierliche Treffen und „Schulungen“ statt, Rundbriefe wurden verschickt und der SFD unterhielt internationale Kontakte. 2000 löste sich die Gruppe aufgrund eines drohenden Verbots selbst auf; die Spaltung des SFD führte jedoch zur Neu-/Anschlussgründung anderer (extrem) rechter Frauenorganisationen.

Bemerkenswert ist hier die Kontinuitätsrolle, die gewisse Protagonistinnen einnehmen: Stella Hähnel beispielsweise, die bereits eine maßgebliche Rolle im SFD spielte, gründete im Herbst 2001 die „Gemeinschaft Deutscher Frauen“ (GDF), ist im RNF organisiert und mit dem NPD-Vorstandsmitglied (und ehemaligem Berliner NPD-Vorsitzenden) Jörg Hähnel verheiratet.

Die GDF gilt noch heute als die größte überregional organisierte Rechtsextremistinnengruppe und ist bemüht, einen martialischen Auftritt zu vermeiden, indem sie  die „Bildung einer harmonischen Gemeinschaft ähnlich denkender Frauen“ als den „Schwerpunkt“ ihrer Arbeit proklamiert. Welche Gemeinschaft welcher Frauen hier gemeint ist, macht die GDF indes schnell klar: ihr Selbstverständnis trieft von völkischer Ideologie und „Blut und Boden“-Romantik, die sich unter anderem auf der Homepage der Organisation in einem kruden Mix aus „Germanenbrauchtum“-Nachhilfe, „Empfängnis“-Tipps und „Ökofaschismus“/Esoterik darstellt. Laut GDF gehören Frauen* zwischen 20 und 45 Jahren der Gruppierung an, und Hähnel beschrieb zum zehnjährigen GDF-Jubiläum die eine Gemeinsamkeit: „Dennoch gibt es Grundsätzliches, das uns alle eint und zusammenhält. Das ist nicht zuletzt der Druck von außen auf alle Nationalen, das ist eben auch die Liebe zu unserem Volk und unserem Land. Nicht Haß treibt uns Frauen an, sondern Liebe. Und wenn Liebe der Motor für Bewegung ist, dann ist es gut.“

Es wird deutlich, dass die GDF zum einen essentialistischen Geschlechtervorstellungen anhängt, zum anderen diese für extrem rechte Propagandazwecke nutzt und sich klar in einer rechtsextremen Bewegung verortet, die sie mithilfe stereotyp-geschlechtsspezifischer Mittel und Rhetorik voranzubringen versucht. Hinter dem proklamierten Fokus auf germanelnde Tischsprüche, völkische Osterbräuche und „Heimatliebe“ steht immer die extrem rechte Ideologie, die bestimmte Gruppen von Menschen als „minderwertig“ begreift und deshalb bedroht und ermordet.

Der zweite Teil dieses Beitrags, in dem es um weitere Gruppen, Aktivitäten und Standpunkte extrem rechter Frauen (z.B. zu als „Frauenthemen“ Definiertem und weibliche* „Emanzipation“) geht, folgt nächsten Montag.

Vorschläge zum Weiter_Einlesen:

» A.G. Gender-Killer (2005): „Geschlechterbilder im Nationalsozialismus. Eine Annäherung an den alltäglichen Antisemitismus“, in: dieselben (Hrsg.): Antisemitismus und Geschlecht. Von „effeminierten“ Juden, „maskulinisierten Jüdinnen“ und anderen Geschlechterbildern, Münster: unrast, S. 9-67.
» apabiz (Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V.)
» Antifaschistisches Frauennetzwerk, Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus (Hrsg.) (2005): Braune Schwestern? Feministische Analysen zu Frauen in der extremen Rechten. Münster: unrast.
» Balbach, Sonja (1994): „Wir sind auch die kämpfende Front“: Frauen in der rechten Szene. Hamburg: Konkret Literatur Verlag.
» Birsl, Ursula (Hrsg.) (2011): Rechtsextremismus und Gender. Opladen: Verlag Barbara Budrich.
» Bitzan, Renate (Hrsg.) (1997): Rechte Frauen: Skingirls, Walküren und feine Damen. Berlin: Elefanten Press.
» Bitzan, Renate (2000): Selbstbilder rechter Frauen. Zwischen Antisexismus und völkischem Denken. Tübingen: edition diskord.
» Döhring, Kirsten/Feldmann, Renate (2002): Frauen(bilder) in rechten Subkulturen, in: Dornbusch, Christian/Raabe, Jan (Hrsg.): RechtsRock. Bestandsaufnahmen und Gegenstrategien. Münster: unrast. S. 187 – 214.
» Röpke, Andrea/Speit, Andreas (2009): „Die deutsche Frau“, in: dieselben (Hrsg.): Neonazis in Nadelstreifen. Die NPD auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft, Bonn: Ch. Links Verlag, S. 121-143.
» Wlecklik, Petra (Hrsg.) (1995): Frauen und Rechtsextremismus. Göttingen: Lamuv Verlag.

 

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