Wer war… Marianne Ferber?

Nachdem Christina an die Mädchenmannschaft eine E-Mail mit dem Hinweis schickte, dass Marianne Ferber, eine der „Mütter der Feminist Economics“, am 11. Mai 2013 verstorben war, baten wir die Politikwissenschaftlerin Sarah, Jahrgang 1985, für uns einen Gastbeitrag zu schreiben. Feministisches Teamwork!

Am 11. Mai 2013 verstarb die Mit­begründerin der Feministischen Ökonomie Marianne Ferber im Alter von 90 Jahren. Sie hatte sich erstmals in den frühen 1970er Jahren als Professorin der Wirtschafts­wissen­schaften in den USA mit der Entlohnung von Frauen in der Wissen­schaft beschäftigt und damit das Forschungs­thema gefunden, das sie fortan beschäftigen sollte.

Geboren 1923 in der damaligen Tschechoslowakei floh Ferber 1938 mit ihrer Familie vor der sich drastisch verschärfenden Entrechtung und Verfolgung europäischer Jüd_innen und wanderte nach Kanada aus. Dort begann sie mit 17 Jahren und zunächst spärlichen Englischkenntnissen ein Studium der Wirtschafts­wissenschaften. Nach ihrem Bachelor­abschluss wurde sie dazu ermuntert weiter­zustudieren und erhielt zwei Angebote für ein Promotionsstipendium. Da sie in Harvard als Frau keinen Zutritt zur Bibliothek der Wirtschafts­wissen­schaften gehabt hätte, ging Ferber 1944 an die University of Chicago. Zehn Jahre später, nach erster Berufs­tätigkeit, mehreren Umzügen und der Geburt eines Kindes erhielt sie schließ­lich ihren Doktortitel (PhD). Als jüdische Einwanderin war es für Ferber äußerst schwierig, in der Wirtschafts­wissen­schaft Fuß zu fassen. Erst 1955, als ein eklatanter Mangel an Lehr­personal herrschte, erhielt sie an der University of Illinois-Champaign, an der ihr Mann als Professor lehrte, eine Stelle. Insgesamt 15 Jahre lang wurde sie semester-, später jahreweise als Gast­dozentin eingestellt (offiziell wegen strenger Regeln gegen Vettern­wirtschaft), bis sie 1971 zur Assistenz­professorin ernannt wurde.

Screenshot via economics.illinois.edu
Screenshot via economics.illinois.edu

Zusammen mit der Statistikerin Jane Loeb begann sie, die Löhne des akademischen Personals an ihrer eigenen Universität zu erheben, und kam zu dem Ergebnis, dass Frauen deutlich geringere Gehälter als Männer erhielten. Dieses erste Projekt prägte Ferbers Forschungs­interesse nachhaltig. Der Zusammen­hang von Wirtschaft und Geschlecht, die Bedeutung und Entlohnung der Arbeit von Frauen und die kritische Perspektive einer Feministischen Ökonomie wurden zu ihrem Thema. In ihrem 1987 erschienenen Buch Women and Work, Paid and Unpaid (dt.: Frauen und Arbeit, Bezahlt und Unbezahlt) katalogisierte sie die vorhandene wirtschaftswissenschaftliche Literatur zu Frauen und Arbeit, um von dieser Basis aus die neue Perspektive der Feministischen Ökonomie zu begründen. 1992 entstand unter Ferbers Mitwirkung ein internationaler Zusammen­schluss feministischer Wirtschafts­wissenschaft (International Association for Feminist Economics (IAFFE)), der seither die Fachzeitschrift Feminist Economics herausgibt.

Neben vielen Artikeln veröffentlichte Ferber in den 80er und 90er Jahren, wie so oft in Zusammen­arbeit mit Kolleginnen, zwei zentrale Werke: Gemeinsam mit Francine Blau und Anne Winkler verfasste sie The Economics of Women, Men and Work (dt. etwa: Die Wirtschaftslehre von Frauen, Männern und Arbeit), das seither als Standard­werk zur Rolle von Frauen in der Wirtschaft gilt. 1993 gab Ferber zusammen mit Julie Nelson die wegweisende Anthologie Beyond Economic Man: Feminist Theory and Economics (dt. etwa: Jenseits des homo oeconomicus: Feministische Theorie und Wirtschaft) heraus, in der die dort vertretenen Autor_innen den in Wirtschaft und Wirtschafts­wissenschaft herrschenden Fokus auf den Mann und die damit einher­gehenden Prämissen kritisierten und sich selbst erstmals als feministische Wirtschafts­wissenschaftler_innen positionierten.

Ferber war keine Anhängerin eines bestimmten wirtschafts­wissen­schaftlichen Paradigmas und besaß ein deutlich größeres Interesse an empirischer Forschung als an Theorie­bildung (obwohl sie deren Bedeutung auch für die Feministische Ökonomie durchaus anerkannte). Sie beschrieb sich selbst als links­liberal und trat für soziale Gerechtigkeit und Umver­teilung ein. Als Vertreterin der Feministischen Ökonomie hinterfragte sie die Glaubenssätze des wirtschafts­wissen­schaftlichen Mainstreams, der sich für Wettbewerb statt Kooperation und für zahlen­mäßigen Output statt Lebensqualität interessierte. Damit nahm sie innerhalb der eigenen Disziplin eine Rand­position ein, über die sie jedoch nicht un­glücklich war, sondern die sie als Preis dafür akzeptierte, sich treu zu bleiben und un­gewöhnliche Fragen zu stellen.

Zum Weiterlesen: Ein lesenswerter (englischer) Nachruf: Marianne Ferber: A little giant.

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