Entweder… Oder?

5. Dezember 2012 von accalmie
Dieser Text ist Teil 52 von 53 der Serie Meine Meinung
 
Dieser Text erschien gestern auf Englisch bei “Stop! Talking.” Für die wunderbare Übersetzungs-Zusammenarbeit vielen Dank an Anna-Sarah!

Alice Schwarzer ist gerade 70 Jahre alt geworden. Alice Schwarzer ist die offizielle Ikone der deutschen Frauen­bewegung der 1970er Jahre und ist seit einigen Jahr­zehn­ten die Chef­redak­teurin der EMMA, dem ält­esten fe­mi­nisti­schen Ma­ga­zin in Deutsch­land. Alice Schwarzer hat un­be­streit­bare femi­ni­sti­sche Ver­dienste, zum Bei­spiel den öffent­lichen und wirk­samen Kampf gegen §218, der im deutschen Straf­recht Ab­trei­bungen il­lega­lisiert. Sie hat maß­geb­lich dazu bei­ge­tragen, dass femi­nistische Per­spek­tiven in Deutsch­land auf die poli­tische und mediale Agenda kamen. Alice Schwarzer ist 40 Jahre lang heftigst kritisiert, auf das Übelste beschimpft und beleidigt, bedroht und angeschrien worden. Dass sie noch immer eine feministische Aktivistin ist, halte ich für ein Zeichen von Mut und Behar­rlic­hkeit, und Kritik an ihren politischen Posi­tionen und Prak­tiken sollte all dies nicht zunichte machen.

Allerdings ist Alice Schwarzer auch eine Aktivistin, die die Bevor­mundung anderer Frauen zu einem zentralen Bestandteil ihres Femi­nismus’ gemacht hat, und die in­zwischen fast zu einer Art Kari­katur einer reue­losen Zweite-Welle [sic]-Femi­nistin geworden ist, die darauf besteht, dass alle Frauen auf­grund ihres Geschlechts die gleichen grund­legenden Lebens­er­fahr­ungen teilen und dass Femi­nismus™ eine komplett ein­heit­liche Be­we­gung sein kann und sollte, die alle Frauen auf diesem Planeten umfasst und für sie spricht (…ob sie wollen oder nicht). In ihrem neuesten Blog-Artikel, „Wieder mal zurück auf Null?“, beklagt Schwarzer die „sektiererischen“ Ten­denzen einiger femi­nistischer Strö­mungen und glaubt, dass anti­ras­sisti­sche Aktivist_innen versuchten, die femi­nistischen zu sabotieren.

Schwarzer glaubt, es gäbe Feminist_innen (die Guten) auf der einen Seite, und auf der anderen Seite Gruppen von Frauen (die Bösen), die versuchen, die Feministinnen zum Schweigen zu bringen. So weit, so vielleicht nachvollziehbar. Allerdings findet Schwarzer, dass diese Gruppen von Frauen, insbesondere die Blogger_innen der Mäd­chen­mann­schaft (ja, schon wieder, wie immer, bla… – Nadia hat auf Shehadistan einen tollen Kommentar zu einem anderen EMMA-Artikel veröffentlicht, der in die gleiche Kerbe haut) sowie andere feministische Blogger_innen und Aktivist_innen in Berlin (auch wenn die meisten jener Blogger_innen überhaupt nicht in Berlin leben, aber dann käme ja das Bild ins Wanken, das andere Zeitungen und Zeitschriften bereits aufgebaut haben, insofern…) versuchen, feministischen Aktivismus zum Schweigen zu bringen, indem sie besagte Feminist_innen nach dem Gießkannenprinzip des Rassismus’ bezichtigten (einen Vorwurf, den Schwarzer abstreitet), und dass selbst­er­klärte PoC darauf be­stünden, “erstmal Recht” zu haben, während “alle Weißen” automatisch falsch lägen (ich übertreibe nicht, sie hat es so geschrieben).

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Man kann schließlich von keinem Mann erwarten, dass er „Nein ich will keinen Sex“ versteht!

14. September 2012 von Helga
Dieser Text ist Teil 51 von 53 der Serie Meine Meinung

[Hinweise zum Inhalt: sexualisierte Gewalt und Ver­ge­walti­gungs­ent­schuldi­gungen]

„Man kann schließlich von keinem Mann erwarten, dass er ‚Nein ich will keinen Sex‘ versteht!“ Mehr fällt einer dieser Tage nicht ein, wenn sie die Geschichte des Frei­spruchs in Marl liest, bzw. der Bericht­er­stattung danach. Ein bereits durch Ver­ge­waltigungs­ent­schuldigungen auf­ge­fallener Recht­sanwalt und Blogger bestätigt, dass ein Gewalt­täter vom Vorwurf der Ver­ge­waltigung frei­ge­sprochen werden muss. Weil die Betroffene „nur“ „Nein, ich will nicht“ sagte, sich aber nicht „genug“ gewehrt hat. Und auch der Spiegel lässt den Anwalt des 15-Jährigen Mädchens erzählen, in einem Rechtsstaat habe das Gericht so entscheiden müssen. Denn der §177 des Strafgesetzbuches be­sagt:

“Wer eine andere Person

1. mit Gewalt,

2. durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder

3. unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist,

nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird mit Freiheits­strafe nicht unter einem Jahr bestraft.”

Dies, so der Anwalt, seien „objektive Kriterien“, ohne die „kaum bewiesen werden könne, ob eine Frau die Wahrheit sagt, wenn sie von dem Ge­schlechts­verkehr als Ver­ge­waltigung berichtet.“ Kotztüten raus, die Frauen als ständigen Lügnerinnen. Was für eine „objektive“ Definition von Gewalt und Drohungen haben wir hier eigentlich? Zählt da verbale Gewalt? Wie explizit müssen Drohungen sein? Ist „der Typ hat schon mal eine Frau verprügelt“ keine un­miss­verständliche Botschaft an alle anderen Frauen, die sich aus welchen Gründen auch immer, in seiner Nähe be­finden? Und dann der unsägliche Quatsch der „Schutz­losigkeit“. Die Betroffene hätte ja schreien können und war deshalb nicht „schutzlos“.

Doch ob es etwas bringt, sich zu wehren, oder im Gegenteil die Gewalt eskalieren lässt, ist für Betroffene schwer einzuschätzen. Immerhin geht es bei Ver­ge­walti­gungen nicht um Sex, sondern Macht­ausübung. Außer­dem, so erinnert die Emma, ist „Nichtstun“ eine völlig normale Reaktion. Noch schlimmer ist da nur noch die Angst besagten Bloggers, jeder ein­ver­nehm­liche Sex könne in eine Vergewaltigung umgedeutet werden. Weil ein „Nein“ so furchtbar schwer zu verstehen ist und alle Frauen Betroffenen lügen. Ist Eure Kotztüte auch schon so voll?

An dieser Stelle kann ich nur noch einmal die Lektüre des Interviews mit der Junior­professorin Ulrike Lembke empfehlen. Sie fordert, dass sich nur noch qualifizierte Kräfte mit Sexualdelikten beschäftigen, ansonsten würden Urteile vor allem mit „Ver­ge­waltigungs­mythen, Geschlechter­stereo­typen, opfer­be­schul­di­gen­dem All­tags­wissen, täter­ent­lastenden Gewalt­konstruk­tionen [und] der Ignoranz von Er­kennt­nissen der Trauma­forschung“ gefällt. Dies führe zu faktischer Straflosigkeit von sexualisierten Gewalt­delikten. Dieses Urteil ist leider das beste Beispiel für den traurigen Zustand unseres „Rechts­staates“.


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Unverheiratet und in der Politik? Homosexuell. Oder nicht?

17. Juli 2012 von Helga
Dieser Text ist Teil 50 von 53 der Serie Meine Meinung

Sind Politiker_innen der CDU homosexuell? Ich weiß es nicht und es ist mir ehrlich gesagt egal. Was mir nicht egal ist, ist die derzeitige Hetzjagd auf Menschen, die sich „nicht outen“ oder, genauer gesagt, einfach keine Angaben über ihre sexuelle Identität machen.

Dass der Antrag auf Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare Ende Juni im Bundes­tag scheiterte, war keine Überraschung. Dass dabei die FDP gegen einen Par­tei­tags­be­schluss stimmte, war auch keine Über­raschung. Dass vermutlich auch homo­sexuelle Ab­geordnete gegen das Gesetz stimmten, sollte niemanden über­raschen – der­zeit arbeitet auch das Familien- und Frauenministerium nicht daran, die Lage von Familen und Frauen zu verbessern.

Das alles ist aber kein Freifahrtschein, jetzt Menschen zwangsweise zu outen, bzw. Gerüchte über ihre sexuelle Orientierung zu verbreiten. Das ist kein „neuer Um­gang“ mit Homosexualität, der diese nicht länger tabuisiert, wie Niggemeier schwafelt. Es ist Sensationsgeilheit und Respektlosigkeit. Und in dem Moment wo ein vermeintlich schwuler Mann als „Klemmschwester“(!) bezeichnet wird, ist es auch Beleidigung. Ein „befreiter Umgang mit Schwulen und Lesben“ bedeutet zu re­spek­tieren, wenn Menschen sich nicht als solche bezeichnen wollen.

Warum sie das nicht tun, ist ihre Entscheidung. Vielleicht ist es ihnen unangenehm. Vielleicht sind die Label falsch und sie sind asexuell oder bisexuell oder… Vielleicht haben sie noch nicht das passende gefunden. Vielleicht verweigern sie einfach nur die Einordnung ihrer sexuellen Identität. Ja, das private ist politisch. In einer Welt, in der der Standard Heterosexualität ist, die jederzeit und allerorten inszeniert wird, fällt die Abweichung auf. Trotzdem und gerade deshalb ist dies zu re­spek­tieren. Die Alter­native wäre, wieder Schub­laden aufzumachen und jeden Mensch in eine zu quet­schen, ob sie passt oder nicht. Dabei ist es für diskriminierte Grup­pen und Per­so­nen die Grund­lage ihrer Emanzipation, mit Selbst­be­schreibungen statt Fremd­zu­wei­sungen zu arbeiten.

Und am Ende ist es völlig egal, ob und mit wem Abgeordnete ins Bett gehen. Gegen die gleichen Rechte von homosexuellen Paaren zu stimmen ist diskriminierend, von allen Abgeordneten. 309 haben es getan, 12 sich „enthalten“ und 39 (aus allen Parteien) waren gar nicht erst gekommen. Schlimm genug.

(via Karnele)


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Gemeinsames Sorgerecht – die Sorge ums eigene Recht?

9. Juli 2012 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 49 von 53 der Serie Meine Meinung

Vor einigen Tagen hat das Bundeskabinett  den Gesetzentwurf zur Reform der elterlichen Sorge nicht miteinander verheirateter Eltern (heißt derzeit: eine Frau* und ein Mann*, die miteinander mindestens ein gemeinsam gezeugtes Kind haben) beschlossen. Bei unverheirateten Eltern liegt das Sorgerecht bisher automatisch bei der Mutter, für das gemeinsame Sorgerecht müssen die Eltern nach erfolgter Vaterschaftsanerkennung eine gemeinsame Erklärung beim Jugend- oder Standesamt abgeben. Dabei war bisher die Zustimmung der Mutter explizit erforderlich. Für den Vater soll es nun einfacher sein, auch dann gemeinsames Sorgerecht zu beantragen, wenn die Mutter des gemeinsamen Kindes das nicht möchte. Widerspruch ist nur innerhalb einer kurzen Zeitspanne und auch  nur dann möglich, wenn das Kindeswohl zur Debatte steht. Wenn es Streit um das Kindeswohl gibt, muss ein Familiengericht entscheiden.

Spontan könnte man ja jetzt erstmal denken: na, das ist doch prima – gemeinsames Sorgerecht, das klingt nach Fürsorge, Partizipation und Gleichberechtigung, und wenn ein Vater sich um sein Kind kümmern will, wer in aller Welt könnte etwas dagegen haben? In diese Kerbe schlagen auch die zahlreichen Medienkommentare, die den Beschluss als Meilenstein der Gleichberechtigung zugunsten der Väter preisen. Allerdings sollte man nicht übersehen, dass “Sorgerecht haben”, also vor allem das Recht und die Pflicht, bei bestimmten Entscheidungen, die das Kind betreffen, mitzureden, und “tatsächliches Kümmern” nicht dasselbe sind und noch nicht einmal etwas miteinander zu tun haben müssen. Denn das Umgangsrecht besteht unabhängig vom Sorgerecht, auch ein Elternteil ohne Sorgerecht hat grundsätzlich das Recht auf, ja sogar die Pflicht zum Umgang mit seinen Kindern.

Auch bleibt die keineswegs rhetorische Frage, in wiefern eine verwalterische Zwangsmaßnahme den Weg zu einer guten familiären Lösung und befriedigenden Eltern-Kind-Beziehungen ebnen kann. Der Bundesverband alleinerziehender Mütter und Väter e.V. (VAMV) sieht den Beschluss entsprechend kritisch:

„Dass seit 1998 immer mehr nicht verheiratete Eltern gemeinsam die Verantwortung für ein Kind übernehmen wollen und dies durch eine übereinstimmende Sorgeerklärung ausdrücken, ist eine positive Entwicklung. Eine solche gemeinsame Entscheidung jedoch durch einen gerichtlichen Beschluss nach Aktenlage ohne Anhörung der Beteiligten zu ersetzen, ist der falsche Weg”, gibt [die Bundesvorsitzende des VAMV, Edith] Schwab zu bedenken. Denn geben nicht miteinander verheiratete Eltern keine gemeinsame Sorgeerklärung ab, sind oftmals Konflikte der Grund.  [...] “Die Hoffnung, dass diese durch das gemeinsame Sorgerecht vermieden werden können, ist trügerisch. Im Gegenteil, eine Auseinandersetzung schürt das Streitpotenzial weiter”, befürchtet Schwab.  [...] „Ein neues beschleunigtes Verfahren bei Sorgerechtsstreitigkeiten mit dem Ziel eines gemeinsamen Sorgerechts um jeden Preis geht ausgerechnet zu Lasten der Kinder, deren Eltern sich nicht einigen können”. (weiterlesen …)


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Feministinnen sind sauer. Mal wieder.

6. Juli 2012 von Helga
Dieser Text ist Teil 48 von 53 der Serie Meine Meinung

Liebe Zeit,

erst neulich mussten wir Euch schreiben, weil Ihr da was mit „dem Femi­nis­mus“ nicht verstanden hattet. Jetzt greift ihr die Kontroverse um Anne-Marie Slaughter auf und schon wieder stell’ ich fest: Griff in die Klischeekiste. In The Atlantic hatte Slaughter vor kurzem geschrieben „Why women still can’t have it all“ und da gingen tatsächlich bei Feministinnen die Alarmglocken an. Denn das ist meist bio­lo­gisti­scher Bullshit, wie ihn auch die New York Times in ihren Trendpieces regelmäßig aufgreift.

Neun Bilder mit weinenden Babies und überforderten weißen Müttern in schicker Arbeitskleidung.

Bullshitbilderbingo von Jessica Valenti

Der Artikel von Slaughter war nun erstaunlich gut, am Ende aber lief es auch wieder auf „Mütter wollen halt bei ihren Kindern sein“ hinaus. Klar, darüber regten sich Feministinnen auf, mit differenzierter Diskussion hat dieses Argument soviel zu tun wie die Mädchen­mannschaft mit Gleit­creme. Aber Feminist­innen hatten auch eine Reihe anderer Kritik­punkte, von denen Ihr leider keinen einzigen aufgreift. So hätte der Artikel lauten müssen „Warum eine weiße Frau ohne gesundheitliche Probleme, aber mit Ehemann und zwei Söhnen und extrem guter Aus­bildung eines Tages feststellt, dass trotz extrem guter Bezahlung ein Job doof sein kann, wenn er mindestens 60 Wochen­stunden erfordert und das sogar noch für humane Arbeits­zeit gehalten wird“. (weiterlesen …)


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Was passiert mit Deutschlands Schwangeren und Hebammen? Scheißegal.

28. Juni 2012 von Helga
Dieser Text ist Teil 47 von 53 der Serie Meine Meinung

Ich bin sauer. Seit einiger Zeit sitze ich an einem Text über die Situation der Hebammen. Deren Haftpflichtprämien werden am 1. Juli nämlich wieder einmal steigen und wieder einmal gibt es aus der Politik nur laue Worte und bei den Einigungen mit den Krankenkassen nur Minischritte. Wie 2010 und 2011. Wieder einmal haben über 100.000 Menschen ihre Unterstützung bekundet, in einer aktuellen Campact-Kampagne. Wieder einmal wird das nichts bringen, wie zuletzt die bis heute erfolgreichste Massenpetition folgenlos blieb. Was wieder einmal heißt: Frauen sind der deutschen Politik scheißegal.

Da redet die Familienministerin wieder und wieder von Wahlfreiheit. Aber wenn es um die Gestaltung der Geburt geht, um die Wahl zwischen Kranken­haus, Geburts­haus und Hausgeburt, dann ist Ende mit der Wahl­freiheit. Dass die Wege für die Schwangeren immer weiter werden ist genauso egal, wie die Tatsache, dass die Hebammen in den Krankenhäusern völlig überlastet sind. Ja, hm, Nachfrage nach 1:1 Betreuung ist da, müsste man was tun. Tut dann aber niemand. Ordentliche, ver­trauens­volle Begleitung von Müttern und Neu­ge­borenen bei der Geburt: scheißegal.

Wieder einmal geht es um die Bezahlung und Anerkennung eines typischen Frauenberufs. Schöne Worte und fehlende Unter­stützung durch wechselnde Ge­sundheits­minister zeigen da vor allem, wie scheißegal ihnen diese Frauen sind. Auch der Spitzen­verband der Kranken­kassen erdreistet sich noch, das jahrelange Ver­schleppen der Einigungs­pro­zesse damit zu begründen, dass Hebammen so wichtig für Schwangere seien. Wollt ihr uns verarschen?

Seit zwei Jahren schreiben wir nun schon darüber und es ist jedes Mal das Gleiche. Hebammen geben ihren Beruf auf, Schwangere haben es immer schwieriger und passiert ist – nichts. Seid doch einfach ehrlich, liebe Politik und liebe Kranken­kassen. Hier geht’s um Frauen und ihre Körper und ihre Arbeit. Und die sind auch 2012 weiter Gedöns. Oder einfach: Scheißegal.

Morgen, am 29. Juni demonstrieren schwangere Frauen und Hebammen vor dem Berliner Kanzleramt (und freuen sich natürlich über zahlreiche Unterstützung).


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Was Frauen wollen und warum Feministinnen damit nicht klarkommen. Oder so.

16. Mai 2012 von Helga
Dieser Text ist Teil 46 von 53 der Serie Meine Meinung

Ein paar Geschichten von Freundinnen, ein möglicher Trend und keine Fakten – aus diesem Zutaten kochen in der New York Times seit Jahren Autor_innen zweifelhafte Geschichten, die als „New York Times Trend Pieces“ bekannt geworden sind. Manchmal verniedlichen diese Trendgeschichten Rassismus; In den meisten Fällen aber machen Frauen entweder irgendwas falsch, irgendwas anders als früher (was sie wiederum unglücklich macht und damit falsch ist) oder alles wie früher und ärgern so die bösen Feminist_innen. Amanda Hess trug 2010 eine Reihe dieser Artikel zusammen.

Nun ist dieser Trend anscheinend in Deutschland angekommen. Passenderweise in der FAZ, die sich dabei tatsächlich nicht zu schade ist, auf die Times Bezug zu nehmen. Das Thema: Frauen, die auf dem Höhepunkt ihrer Karriere aus dem Hamsterrad ausbrechen und sich selbst verwirklichen. Dass es dazu keine Zahlen gibt, gibt der Artikel ebenfalls zu. Immerhin werden zwei Forscherinnen zitiert, die etwa zu „Karrierekorrekturen beruflich erfolgreicher Frauen in der Lebensmitte“ und der Motivation der „Aussteigerinnen“ arbeiten:

Die Frauen wollten ihre Interessen, Überzeugungen, Erfahrungen und Begabungen nunmehr in einem Umfeld der Sinnhaftigkeit und Wertschätzung zur Geltung bringen, außerhalb von großen unternehmerischen Strukturen.

Das nun, man glaubt es kaum, mache Feministinnen unglücklich. Schließlich hätten die Frauen immer dazu gedrängt, alle Karrierefrauen zu werden. So wenig Ahnung von Feminismen hatte zuletzt Kristina Schröder. Ihr, wie auch Autor¹ Inge Kloepfer, lege ich daher an dieser Stelle nahe, sich einmal mit Differenzfeminismus aus­ein­an­der­zusetzen. Dazu ein Zitat von Antje Schrupp von 1997:

Immer mehr Frauen merken, daß das Platznehmen auf dem Chefsessel eben kein Selbstzweck ist, zumindest für diejenigen nicht, denen es um mehr geht, als um ein gefülltes Bankkonto und um die bloße unkritische Teilnahme an den früher rein männlichen Ritualen der Macht. Diese Rituale werden nicht davon besser, daß sich Frauen an ihnen beteiligen. Die Bilanz des Emanzipationismus lautet: Das kann’s doch nicht gewesen sein?

Schließlich sinkt der Feminist_innenkopf nur noch ermattet auf den Tisch, wenn Kloepfer in einem einzigen Satz Sexismus und Diskriminierung beschreibt – ohne diese Worte in den Mund zu nehmen. Stattdessen heißt es, Frauen spürten, dass ihr Weg besonders mühsam sei „weil sie nun einmal weiblich sind“. So, Frau Kloepfer, haben wir Feministinnen wirklich nicht gewettet. Etwas mehr Recherche sollte drin sein. Und dass wir im Jahre 2012 Sexismus auch endlich als solchen benennen.

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¹ Bezeichnung übernommen von der FAZ.


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Scheiß auf Diäten (und auf heuchlerische Firmen)

10. April 2012 von Magda
Dieser Text ist Teil 45 von 53 der Serie Meine Meinung

Der Brüller! Als ich diesen Werbespot das erste Mal sah, dachte ich, dass dieses satirisch erstklassige Werk die perfekte Parodie auf diese dumm-dreisten Diätwerbungen sei, die ich ertragen muss, sobald ich mein Fernsehgerät anschalte.

Weit gefehlt. Du Darfst meint es ernst. Denn - haltet euch fest – Du Darfst positioniert sich mit ihrer neuen Kampagne „F*** the Diet“ (zu deutsch: „Scheiß auf Diäten“) gegen den Diätenwahn und stellt ganz schockiert fest:

Wir haben mit Frauen in Deutschland über ihre Diäterfahrungen gesprochen. Hättet ihr gedacht, dass rund 80 % der deutschen Frauen Diäten viel zu kompliziert und absolut nicht alltagstauglich finden?

Eine Diät ist nicht alltagstauglich? Waaas?! Kalorien zählen, schlechtes Gewissen haben, überteuerte Diätprodukte kaufen, das Kleid eine Nummer kleiner bestellen („da werde ich bald reinpassen!“), dumme Sprüche von anderen Diätwütigen ertragen… verdammt noch mal, ja, das nervt ganz schön im Alltag. Bis dato dachte ich, dass Du Darfst mit Diätenquatsch ihr Geld verdient, aber weit gefehlt, denn nun präsentiert sich die Marke im neuen Kleid: Diätprodukte einfach mit gute-Laune-Bildern und eigentlich lobenswerten Anti-Diät-Botschaften verpacken, dann wird’s schon gekauft. Getreu dem Motto: Mit Feminismus Light die Kasse klingeln lassen. Bewaffnet mit Gouda unter 10% Fettanteil und Halbfettmargerine tönt die Firma weiter:

Wir wissen, dass die Gedanken bei vielen Frauen häufig um Kalorien und Gewicht kreisen – richtig glücklich macht das nicht! Das kennt ihr doch sicherlich auch? Und deshalb möchte Du darfst sich gegen den Diätenwahn stark machen.

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Betreuungsgeld nur für die “Guten”

25. April 2012 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 45 von 53 der Serie Meine Meinung

Warum das sogenannte Betreuungsgeld nur aus einer sehr bestimmten Perspektive ein gutes Konzept ist, sollte inzwischen klar sein. Und es wird immer klarer. Heute morgen, als das Kind und ich gerade dabei waren, uns mehr oder weniger fröhlich und freiwillig (danke, emanzipiert sind wir nämlich selber, meine Familie und ich!)  für Fremdbetreuung und Erwerbsarbeit fertig zu machen, hörte ich es im Radio: Die Regierungskoalition hat sich auf einen “Kompromiss” geeinigt, was die Auszahlung des geplanten Betreuungsgeldes angeht. Und die Lösung ist total super und  einleuchtend, wenn auch kein Stück überraschend, passt auf.  Nämlich, Bezieher_innen von Alg II (“Hartz IV”) sollen das Geld zwar ausgezahlt kriegen. Wow! Es soll dann jedoch mit dem monatlichen Regelsatz verrechnet, sprich: davon abgezogen werden. Was also bedeutet, das Arbeitsministerium spart sich was ein, aber diese Familien können damit faktisch überhaupt nichts anfangen.

Sollen sie aber auch nicht. Denn wie wir ja wissen:  Menschen, die ihren Lebensunterhalt nicht komplett mittels eigener Erwerbstätigkeit erwirtschaften (oder halt nicht irgendwie von selber ganz viel Geld haben, geerbt oder so, was ja auch eine enorme Leistung ist, und Leistung muss sich bekanntermaßen lohnen, ist schließlich zugunsten der Gesellschaft), machen das auch nicht so gut mit ihren Kindern. Also, das sind halt prekäre Familien, die sind bildungsfern und können oft auch nicht ordentlich Deutsch und so, und da ist es auf jeden Fall besser, wenn man die nicht auch noch durch NOCH MEHR Geld dazu ermutigt, ihre Kinder rund um die Uhr selbst zu betreuen. (weiterlesen …)


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Ich will nicht mehr applaudieren!

16. März 2012 von Helga
Dieser Text ist Teil 44 von 53 der Serie Meine Meinung

Heute ist mal wieder so ein Tag. Wir schreiben das Jahr 2012, seit Jahrhunderten kämpfen Frauen für ihre Rechte und ihre Annerkennung als Menschen und trotzdem gibt es mehr Baustellen, als alleine dieses Blog aufzeigen kann. Aber ich darf nicht unzufrieden sein, „es geht doch voran“ heißt es. Wenn ich das nicht anerkenne, wenn ich trotzdem meckere und mich beschwere, dann bin ich wieder die ewig unzufriedene Emanze.

Endlich Kampagnen in Clubs, dass sexualisierte Übergriffe ernst genommen werden? Applaus! Männer, die auf ihre Podien und ihre Radiosendungen auch Frauen einladen? Applaus! Gesetzesvorlagen für 40 Prozent Frauenquote in Auf­sicht­sräten und Vorständen? Applaus!

Verdammt ich will nicht mehr applaudieren! Warum ist das alles noch nicht Selbstverständlichkeit? Warum soll ich mich denn freuen, dass ich Po-Grapscher melden kann und ernst genommen werde? Wie sehr haben wir uns eigentlich verarschen lassen, wenn wir derartig grundlegende Anerkennung noch als Fortschritt bejubeln, wenn wir diejenigen sind, die Anerkennung zollen müssen?

Die perfide Botschaft ist klar: Klatschen und freuen wir uns nicht genug, dann kriegen wir davon nichts mehr. Denn, so heißt es, die Einhaltung unserer Grundrechte hängt davon ab, ob wir nett genug sind. Davon haben wir uns einlullen lassen! Aber ob Wahlrecht oder Abtreibungsparagraph – alles was wir uns erkämpft haben, haben wir erkämpft! Indem wir unbequem waren, auf die Straße gingen und Radau gemacht haben!

Nein, ich werde nicht mehr applaudieren für Selbstverständlichkeiten. Denn ja, ich bin unzufrieden. Beschimpft mich ruhig, das zeigt nur, dass es dringend notwendig ist, wieder zu kämpfen. Meinen Applaus hebe ich mir auf für alle, die mit mir unbequem sind und die Welt ändern – über das Selbstverständliche hinaus!


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