Enthüllt!

24. Januar 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 55 von 55 der Serie Meine Meinung

Bilder in Magazinen sind bearbeitet. Das ist kein Geheimnis. Ebenso neu ist die Erkenntnis, dass insbesondere Fotografien, auf denen Frauen dargestellt werden, durch Programme wie Photoshop einem dominanten Schönheitsideal angepasst werden. Da wird die Haut Schwarzer Frauen aufgehellt, Oberschenkel verkleinert und Taillen modelliert, die eigentlich nur mit Korsett möglich sind. All das wird zu Recht kritisiert, meistens mit einem Fokus auf die konkreten Fotostrecken und Zeitschriften, leider zu selten im Gesamtkontext aus Kapitalismus, Sexismus, Rassismus und Ableismus, der diese „Schönheitsideale“ und deren Vermarktung mitformt.

Um das Argument zu stärken werden Vorher-Nachher-Bilder gezeigt, die deutlich machen, wie (vor allem) mit Photoshop Fotos manipuliert werden. Die ersten dieser „Beweise“ fand ich noch sehr hilfreich, haben sie doch verdeutlich, was überhaupt möglich ist, einiges was die naive Vorstellungskraft sprengte. Sie ermöglichten das kritische Lesen von (Mode-/Star-)Fotografien und das Einordnen. Doch muss es immer mehr dieser Beispiele geben? Wem nützen sie dann noch? Ist die Aussage nicht irgendwann hinlänglich illustriert und die Kritik könnte sich breiter und tiefer aufstellen? Immer wieder stellt sich mir die Frage, wer denn nun eigentlich noch „enthüllt“ werden soll. Die Medien™ ? Oder nicht doch viel mehr die Frauen, die abgebildet und retouchiert sind?

Ein Beispiel, was perfekt mein über die Jahre gewachsenes Unwohlsein zusammenfasst: In der letzten Woche schrieb das sich selbst als feministisch positionierende Blog Jezebel ein „Kopfgeld“ von 10.000 Dollar aus auf die unretouchierten Vogue-Fotos von Lena Dunham. Die Begründung lautete: “Her body is real. She is real. And for as lovely as the Vogue pictures are, they’re probably not terribly real.” (Ihr Körper ist echt. Sie ist echt. Und egal wie hübsch die Vogue-Bilder aus sind, sie sind wahrscheinlich nicht sehr echt.)

Doch auch wenn Jezebel versucht deutlich zu machen, dass es ja nicht um Dunham ginge, sondern eben um Vogue, wird dieses Argument nicht einleuchtender nur dadurch, dass es ausgeschrieben wird. Beim Bitch Magazine analysiert Kelsey Wallace sehr passend:

If this were really about Vogue, wouldn’t the offer extend to unretouched photos of any celebrity and not just Dunham? The last and only other time Jezebel offered cash for unaltered pics was in 2007, and that time it was for any magazine with any celebrity on its cover—because that time it really was about calling the fashion industry out for retouching women, not calling out the women themselves for being retouched.

(Übersetzung: Ginge es wirklich um Vogue, wäre dann das Angebot nicht ausgeweitet auf unretouchierte Fotos von irgendeiner Berühmtheit und nicht nur Dunham? Das letzte und einzige Mal, dass Jezebel Geld für unberarbeitet Fotos angeboten hat, war 2007, und zu dieser Zeit ging es um alle Magazine und alle Celebreties auf den Covern – Denn damals ging es wirklich darum die Fashion-Industrie dafür anzuprangern, dass sie Frauen retouchieren, und nicht die Frauen selbst dafür, dass sie retouchiert werden.

Die große “Enthüllung” durch Jezebel – es dauerte nur zwei Stunden bis sie Bilder vorliegen hatten – zeigte dann, dass die Fotos gar nicht so sehr bearbeitet worden waren. Nach Wallace enthüllt die Geschichte vor allem, dass “Jezebel Dunham ausgewählt hat aus dem gleich Grund wie ihre anderen Gegner_innen: Weil sie nicht glauben, dass sie in ein Modemagazin gehört.” Und noch mehr: Dadurch das Dunham sich immer wieder körperpositiv äußert, wurde ihr durch Jezebel sämtliche Autonomie abgesprochen, stattdessen schien es ein Recht auf die „ungeschönte Wahrheit“ zu geben. Eine “Wahrheit”/ “Echtheit”, die an keiner Stelle hinterfragt wird und somit implizit ebenfalls alle normativen Vorstellungen von “Schönheit” mitträgt.

In den meisten Fällen handelt es sich zu dem bei den abgebildeten Frauen um Personen, die auch unretouchiert sehr nah am Schönheitsideal sind oder es gar nahezu perfekt repräsentieren. Ein Fokus auf die Vorher-Nachher-Bilder hinterfragt selten, wer_welche überhaupt dargestellt wird. Also eben jene Punkte, die eine tiefergehende Analyse, wie oben angerissen, leisten sollte. Die Aussage bleibt dann unklar. Schöne ™ Frauen werden noch schöner ™ gemacht? Die unveränderte Schönheit aber ist erreichbar und erstrebenswert? Guck mal, selbst diese Frau, die für andere Schönheitsvorstellungen eintreten möchte, lässt sich ja retouchieren!? In jedem Fall bleibt der Fokus bei den involvierten Frauen, nicht auf dem System.

(Und dann denken wir alle noch einmal darüber nach, was für wundervoller, wichtiger feministischer Aktivismus mit 10.000 Dollar hätte finanziert werden können.)


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Jenseits von “choosing my choice” und “käuflichem Geschlecht” – feministische Debatten über Sexarbeit

1. November 2013 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 54 von 55 der Serie Meine Meinung

Es ist ein feministischer Dauerbrenner: das Thema Sexarbeit, sex work, Prostitution. Auch wenn wir hier im Blog etwas dazu schreiben oder auch nur verlinken, ist ein überdurchschnittlich hohes Kommentaraufkommen vorprogrammiert.  Die Kommentare sind oft sehr ausführlich, sehr meinungsstark, nicht selten auch emotional engagiert – das Thema bewegt. Und meistens prallen dabei relativ schnell zwei gegensätzliche Auffassungen aufeinander, unter denen in feministischen Kontexten über den emanzipatorischen Wert, die Schädlichkeit oder die Daseinsberechtigung von Sexarbeit diskutiert wird. Manchmal in Anwesenheit, häufiger in Abwesenheit von (ehemaligen) Sexarbeiter_innen, die – welch Überraschung! –  zu diesen Gelegenheiten nicht immer mit einer Stimme sprechen.

Auf der einen Seite findet sich eine Position wie die Alice Schwarzers.  Diese hat gerade, supportet von inzwischen an die 1700 teilweise prominenten Mitstreiter_innen, einen “Appell gegen Prostitution” verfasst, wo unter anderem zu lesen ist:

Doch genau das tut Deutschland mit der Prostitution: Es toleriert, ja fördert diese moderne Sklaverei (international „white slavery“ genannt). [...] Das System Prostitution degradiert Frauen zum käuflichen Geschlecht und überschattet die Gleichheit der Geschlechter. Das System Prostitution brutalisiert das Begehren und verletzt die Menschenwürde von Männern und Frauen – auch die der sogenannt „freiwilligen“ Prostituierten.

Allein dass Schwarzer sich dafür entschieden hat, Prostitution pauschal als “moderne Sklaverei (international „white slavery“ genannt)” zu bezeichnen, spricht Bände: ahistorischer, verharmlosender und ignoranter kann wohl selbst die Axt im Walde nicht zu Werke gehen.  “White slavery” – laut Wikipedia “A term for sexual slavery, used to distinguish it from the system of slavery that had been imposed on black people in the Americas”. Das ist in etwa zu übersetzen mit  “ein Ausdruck für sexuelle Sklaverei, der verwendet wird, um diese von dem System der Sklaverei zu unterscheiden, welchem Schwarze Menschen auf dem amerikanischen Kontinent unterworfen wurden”. Diese Definition sowie Schwarzers Bezug auf diesen Begriff sind bezeichnend und strotzen nur so vor white supremacy, denn sexualisierte Ausbeutung und Gewalt stellten einen Grundpfeiler des Systems der Sklaverei in den Staaten der heutigen USA (und sicher genauso anderswo) dar – nachzulesen z.B. aktuell in Akiba Solomons Filmbesprechung zu “12 Years A Slave”. Und als ob sowohl  heutige Sklaverei und Menschenhandel als auch Sexarbeit nur weiße Personen betreffen würden… Als ob eine Gleichsetzung von Sklaverei und bezahlter Arbeit überhaupt Sinn ergeben könnte. Abgesehen davon, wie geflissentlich ignoriert wird, dass Sexarbeiter_innen weltweit sich immer wieder gegen eine solch undifferenzierte Darstellung aussprechen. (mehr …)


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Kaffeekränzchen bei der Frauenärztin

15. August 2013 von Charlott
Dieser Text ist Teil 53 von 55 der Serie Meine Meinung

Seit März dieses Jahres schreibt Nils Pickert eine monatliche Kolumne bei dieStandard. Seitdem habe ich jeden Monat einen neuen Termin zum vehementen Kopfschütteln. Das liegt nicht (ausschließlich) daran, dass ich es nicht besonders bereichernd finde, dass nun endlich mal ein Typ regelmäßig in einem feministischen Medium über Feminismus schreibt, sondern an den konkreten Inhalten, denen dort Platz eingeräumt werden. Als im Mai eine Reihe von Feminist_innen berechtigte Kritik an Pickerts Artikel zu Sex übten, zeigte sich dieStandard nicht sonderlich einsichtlich und kritisierte lieber “gewisse theoretische Strömungen” (Queer-Feminismus?). Seit dieser Auseinandersetzung facepalmte ich im Ruhigen, ob er nun über Vaterschaft oder Dustin Hoffman schrieb.

Doch dann wurde die gestrige Kolumne unter dem Titel “Nicht wirklich krank” veröffentlicht. In dieser widmet sich Pickert eigentlich dem Thema “Männergesundheit”. Sein Ansatz, der etwa so ausdifferenziert ist wie “Warum Männer nicht zu hören und Frauen schlecht einparken”, sagt: Alle Männer ™ (ausgehend von dem passenden Sample “alle Männer, die Nils Pickert kennt”) gehen nicht gern zum Arzt. Sie wollen nicht mit ihrer eigen Sterblichkeit konfrontiert werden. Usw. Wäre das alles in dem Artikel, hätte ich mich zwar sehr über sehr platte Argumentation geärgert, aber der Tab in meinem Browser wäre schnell geschlossen gewesen.

Doch Nils Pickert reicht es nicht Halbgares zu (Cis-)Männern zu verbreiten, er muss auch einen Absatz einbauen, in dem er erklärt, warum es bei Frauen ganz anders ist. Die Gründe? Ganz offensichtlich:

Mit dem Einsetzen der Menstruation werden Mädchen aus informierten Elternhäusern zu einer Frauenärztin oder einem Frauenarzt geschickt, weil sie dort nicht zuletzt auch die Rezepte für Pillen zur hormonellen Verhütung von Schwangerschaften erhalten. Darüber hinaus werden dort regelmäßig Themen wie Krebsvorsorge, Fertilität und Sexualität besprochen und behandelt. Im besten Fall bietet sich die ÄrztInnen als kompetente GesprächspartnerInnen an, mit denen die Mädchen über die schulische und elterliche Sexualaufklärung hinaus schwierige und schambesetze Themen besprechen können. Im schlechtesten Fall erfahren sie eine Pathologisierung und Problematisierung ihres Körpers sowie den Eindruck, dass es ihnen allein obliegt, sich um das Thema Verhütung zu kümmern.

Ich weiß nicht, wie Nils Pickert zu dieser Einschätzung kommt. Ich hoffe sehr, dass er eine Frau gefragt hat und freue mich sehr über deren doch positive Erlebnisse. Klar ist, dass Pickert in seiner feministische Kolumne es mal wieder schafft, jedes bisher erarbeitete kritische feministische Wissen zu ignorieren.

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Vom Scheiden und Scheitern

1. Juli 2013 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 52 von 55 der Serie Meine Meinung

Liebe Medien, liebe Familienpolitiker_innen, liebe Menschen so im allgemeinen,

ich wollte mal kurz aber nachdrücklich eins festhalten: Meine letzte Beziehung ist nicht gescheitert. Sie ist vorbei, aber nicht gescheitert.

Wobei, lasst mich vielleicht doch ein bisschen weiter ausholen.

Wenn ich hier “Beziehung” schreibe, meine ich damit eigentlich nur eine ziemlich klar festgelegte Form dessen, nämlich eine “herkömmliche” Paarbeziehung, zwei Personen (oftmals sind 1 Frau* und 1 Mann* gemeint), Romantik/Liebe/Erotik, verbindliches, meistens exklusiv zweiermäßiges Miteinander. Das ist ja schon so das, was landläufig meistens mit “Beziehung” gemeint ist. Warum es gerade im Kontext feministischen Handelns wichtig ist solche Eingrenzungen zu hinterfragen, dazu wird immer wieder viel Kluges gesagt, ich kann mir das an dieser Stelle also sparen, zumal ich mich hier jetzt auf Diskurse beziehe, die sich überwiegend um das oben beschriebene Beziehungskonzept drehen.

Worauf ich dabei hinaus will: Trennung und Scheitern sind nicht dasselbe. Jedenfalls für mich nicht, und ich weiß inzwischen dass es vielen so geht. (mehr …)


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Entweder… Oder?

5. Dezember 2012 von accalmie
Dieser Text ist Teil 51 von 55 der Serie Meine Meinung
 
Dieser Text erschien gestern auf Englisch bei “Stop! Talking.” Für die wunderbare Übersetzungs-Zusammenarbeit vielen Dank an Anna-Sarah!

Alice Schwarzer ist gerade 70 Jahre alt geworden. Alice Schwarzer ist die offizielle Ikone der deutschen Frauen­bewegung der 1970er Jahre und ist seit einigen Jahr­zehn­ten die Chef­redak­teurin der EMMA, des ält­esten fe­mi­nisti­schen Ma­ga­zins in Deutsch­land. Alice Schwarzer hat un­be­streit­bare femi­ni­sti­sche Ver­dienste, zum Bei­spiel den öffent­lichen und wirk­samen Kampf gegen §218, der im deutschen Straf­recht Ab­trei­bungen il­lega­lisiert. Sie hat maß­geb­lich dazu bei­ge­tragen, dass femi­nistische Per­spek­tiven in Deutsch­land auf die poli­tische und mediale Agenda kamen. Alice Schwarzer ist 40 Jahre lang heftigst kritisiert, auf das Übelste beschimpft und beleidigt, bedroht und angeschrien worden. Dass sie noch immer eine feministische Aktivistin ist, halte ich für ein Zeichen von Mut und Behar­rlic­hkeit, und Kritik an ihren politischen Posi­tionen und Prak­tiken sollte all dies nicht zunichte machen.

Allerdings ist Alice Schwarzer auch eine Aktivistin, die die Bevor­mundung anderer Frauen zu einem zentralen Bestandteil ihres Femi­nismus’ gemacht hat, und die in­zwischen fast zu einer Art Kari­katur einer reue­losen Zweite-Welle [sic]-Femi­nistin geworden ist, die darauf besteht, dass alle Frauen auf­grund ihres Geschlechts die gleichen grund­legenden Lebens­er­fahr­ungen teilen und dass Femi­nismus™ eine komplett ein­heit­liche Be­we­gung sein kann und sollte, die alle Frauen auf diesem Planeten umfasst und für sie spricht (…ob sie wollen oder nicht). In ihrem neuesten Blog-Artikel, „Wieder mal zurück auf Null?“, beklagt Schwarzer die „sektiererischen“ Ten­denzen einiger femi­nistischer Strö­mungen und glaubt, dass anti­ras­sisti­sche Aktivist_innen versuchten, die femi­nistischen zu sabotieren.

Schwarzer glaubt, es gäbe Feminist_innen (die Guten) auf der einen Seite, und auf der anderen Seite Gruppen von Frauen (die Bösen), die versuchen, die Feministinnen zum Schweigen zu bringen. So weit, so vielleicht nachvollziehbar. Allerdings findet Schwarzer, dass diese Gruppen von Frauen, insbesondere die Blogger_innen der Mäd­chen­mann­schaft (ja, schon wieder, wie immer, bla… – Nadia hat auf Shehadistan einen tollen Kommentar zu einem anderen EMMA-Artikel veröffentlicht, der in die gleiche Kerbe haut) sowie andere feministische Blogger_innen und Aktivist_innen in Berlin (auch wenn die meisten jener Blogger_innen überhaupt nicht in Berlin leben, aber dann käme ja das Bild ins Wanken, das andere Zeitungen und Zeitschriften bereits aufgebaut haben, insofern…) versuchen, feministischen Aktivismus zum Schweigen zu bringen, indem sie besagte Feminist_innen nach dem Gießkannenprinzip des Rassismus’ bezichtigten (einen Vorwurf, den Schwarzer abstreitet), und dass selbst­er­klärte PoC darauf be­stünden, “erstmal Recht” zu haben, während “alle Weißen” automatisch falsch lägen (ich übertreibe nicht, sie hat es so geschrieben).

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Man kann schließlich von keinem Mann erwarten, dass er „Nein ich will keinen Sex“ versteht!

14. September 2012 von Helga
Dieser Text ist Teil 50 von 55 der Serie Meine Meinung

[Hinweise zum Inhalt: sexualisierte Gewalt und Ver­ge­walti­gungs­ent­schuldi­gungen]

„Man kann schließlich von keinem Mann erwarten, dass er ‚Nein ich will keinen Sex‘ versteht!“ Mehr fällt einer dieser Tage nicht ein, wenn sie die Geschichte des Frei­spruchs in Marl liest, bzw. der Bericht­er­stattung danach. Ein bereits durch Ver­ge­waltigungs­ent­schuldigungen auf­ge­fallener Recht­sanwalt und Blogger bestätigt, dass ein Gewalt­täter vom Vorwurf der Ver­ge­waltigung frei­ge­sprochen werden muss. Weil die Betroffene „nur“ „Nein, ich will nicht“ sagte, sich aber nicht „genug“ gewehrt hat. Und auch der Spiegel lässt den Anwalt des 15-Jährigen Mädchens erzählen, in einem Rechtsstaat habe das Gericht so entscheiden müssen. Denn der §177 des Strafgesetzbuches be­sagt:

“Wer eine andere Person

1. mit Gewalt,

2. durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder

3. unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist,

nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird mit Freiheits­strafe nicht unter einem Jahr bestraft.”

Dies, so der Anwalt, seien „objektive Kriterien“, ohne die „kaum bewiesen werden könne, ob eine Frau die Wahrheit sagt, wenn sie von dem Ge­schlechts­verkehr als Ver­ge­waltigung berichtet.“ Kotztüten raus, die Frauen als ständigen Lügnerinnen. Was für eine „objektive“ Definition von Gewalt und Drohungen haben wir hier eigentlich? Zählt da verbale Gewalt? Wie explizit müssen Drohungen sein? Ist „der Typ hat schon mal eine Frau verprügelt“ keine un­miss­verständliche Botschaft an alle anderen Frauen, die sich aus welchen Gründen auch immer, in seiner Nähe be­finden? Und dann der unsägliche Quatsch der „Schutz­losigkeit“. Die Betroffene hätte ja schreien können und war deshalb nicht „schutzlos“.

Doch ob es etwas bringt, sich zu wehren, oder im Gegenteil die Gewalt eskalieren lässt, ist für Betroffene schwer einzuschätzen. Immerhin geht es bei Ver­ge­walti­gungen nicht um Sex, sondern Macht­ausübung. Außer­dem, so erinnert die Emma, ist „Nichtstun“ eine völlig normale Reaktion. Noch schlimmer ist da nur noch die Angst besagten Bloggers, jeder ein­ver­nehm­liche Sex könne in eine Vergewaltigung umgedeutet werden. Weil ein „Nein“ so furchtbar schwer zu verstehen ist und alle Frauen Betroffenen lügen. Ist Eure Kotztüte auch schon so voll?

An dieser Stelle kann ich nur noch einmal die Lektüre des Interviews mit der Junior­professorin Ulrike Lembke empfehlen. Sie fordert, dass sich nur noch qualifizierte Kräfte mit Sexualdelikten beschäftigen, ansonsten würden Urteile vor allem mit „Ver­ge­waltigungs­mythen, Geschlechter­stereo­typen, opfer­be­schul­di­gen­dem All­tags­wissen, täter­ent­lastenden Gewalt­konstruk­tionen [und] der Ignoranz von Er­kennt­nissen der Trauma­forschung“ gefällt. Dies führe zu faktischer Straflosigkeit von sexualisierten Gewalt­delikten. Dieses Urteil ist leider das beste Beispiel für den traurigen Zustand unseres „Rechts­staates“.


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Unverheiratet und in der Politik? Homosexuell. Oder nicht?

17. Juli 2012 von Helga
Dieser Text ist Teil 49 von 55 der Serie Meine Meinung

Sind Politiker_innen der CDU homosexuell? Ich weiß es nicht und es ist mir ehrlich gesagt egal. Was mir nicht egal ist, ist die derzeitige Hetzjagd auf Menschen, die sich „nicht outen“ oder, genauer gesagt, einfach keine Angaben über ihre sexuelle Identität machen.

Dass der Antrag auf Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare Ende Juni im Bundes­tag scheiterte, war keine Überraschung. Dass dabei die FDP gegen einen Par­tei­tags­be­schluss stimmte, war auch keine Über­raschung. Dass vermutlich auch homo­sexuelle Ab­geordnete gegen das Gesetz stimmten, sollte niemanden über­raschen – der­zeit arbeitet auch das Familien- und Frauenministerium nicht daran, die Lage von Familen und Frauen zu verbessern.

Das alles ist aber kein Freifahrtschein, jetzt Menschen zwangsweise zu outen, bzw. Gerüchte über ihre sexuelle Orientierung zu verbreiten. Das ist kein „neuer Um­gang“ mit Homosexualität, der diese nicht länger tabuisiert, wie Niggemeier schwafelt. Es ist Sensationsgeilheit und Respektlosigkeit. Und in dem Moment wo ein vermeintlich schwuler Mann als „Klemmschwester“(!) bezeichnet wird, ist es auch Beleidigung. Ein „befreiter Umgang mit Schwulen und Lesben“ bedeutet zu re­spek­tieren, wenn Menschen sich nicht als solche bezeichnen wollen.

Warum sie das nicht tun, ist ihre Entscheidung. Vielleicht ist es ihnen unangenehm. Vielleicht sind die Label falsch und sie sind asexuell oder bisexuell oder… Vielleicht haben sie noch nicht das passende gefunden. Vielleicht verweigern sie einfach nur die Einordnung ihrer sexuellen Identität. Ja, das private ist politisch. In einer Welt, in der der Standard Heterosexualität ist, die jederzeit und allerorten inszeniert wird, fällt die Abweichung auf. Trotzdem und gerade deshalb ist dies zu re­spek­tieren. Die Alter­native wäre, wieder Schub­laden aufzumachen und jeden Mensch in eine zu quet­schen, ob sie passt oder nicht. Dabei ist es für diskriminierte Grup­pen und Per­so­nen die Grund­lage ihrer Emanzipation, mit Selbst­be­schreibungen statt Fremd­zu­wei­sungen zu arbeiten.

Und am Ende ist es völlig egal, ob und mit wem Abgeordnete ins Bett gehen. Gegen die gleichen Rechte von homosexuellen Paaren zu stimmen ist diskriminierend, von allen Abgeordneten. 309 haben es getan, 12 sich „enthalten“ und 39 (aus allen Parteien) waren gar nicht erst gekommen. Schlimm genug.

(via Karnele)


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Gemeinsames Sorgerecht – die Sorge ums eigene Recht?

9. Juli 2012 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 48 von 55 der Serie Meine Meinung

Vor einigen Tagen hat das Bundeskabinett  den Gesetzentwurf zur Reform der elterlichen Sorge nicht miteinander verheirateter Eltern (heißt derzeit: eine Frau* und ein Mann*, die miteinander mindestens ein gemeinsam gezeugtes Kind haben) beschlossen. Bei unverheirateten Eltern liegt das Sorgerecht bisher automatisch bei der Mutter, für das gemeinsame Sorgerecht müssen die Eltern nach erfolgter Vaterschaftsanerkennung eine gemeinsame Erklärung beim Jugend- oder Standesamt abgeben. Dabei war bisher die Zustimmung der Mutter explizit erforderlich. Für den Vater soll es nun einfacher sein, auch dann gemeinsames Sorgerecht zu beantragen, wenn die Mutter des gemeinsamen Kindes das nicht möchte. Widerspruch ist nur innerhalb einer kurzen Zeitspanne und auch  nur dann möglich, wenn das Kindeswohl zur Debatte steht. Wenn es Streit um das Kindeswohl gibt, muss ein Familiengericht entscheiden.

Spontan könnte man ja jetzt erstmal denken: na, das ist doch prima – gemeinsames Sorgerecht, das klingt nach Fürsorge, Partizipation und Gleichberechtigung, und wenn ein Vater sich um sein Kind kümmern will, wer in aller Welt könnte etwas dagegen haben? In diese Kerbe schlagen auch die zahlreichen Medienkommentare, die den Beschluss als Meilenstein der Gleichberechtigung zugunsten der Väter preisen. Allerdings sollte man nicht übersehen, dass “Sorgerecht haben”, also vor allem das Recht und die Pflicht, bei bestimmten Entscheidungen, die das Kind betreffen, mitzureden, und “tatsächliches Kümmern” nicht dasselbe sind und noch nicht einmal etwas miteinander zu tun haben müssen. Denn das Umgangsrecht besteht unabhängig vom Sorgerecht, auch ein Elternteil ohne Sorgerecht hat grundsätzlich das Recht auf, ja sogar die Pflicht zum Umgang mit seinen Kindern.

Auch bleibt die keineswegs rhetorische Frage, in wiefern eine verwalterische Zwangsmaßnahme den Weg zu einer guten familiären Lösung und befriedigenden Eltern-Kind-Beziehungen ebnen kann. Der Bundesverband alleinerziehender Mütter und Väter e.V. (VAMV) sieht den Beschluss entsprechend kritisch:

„Dass seit 1998 immer mehr nicht verheiratete Eltern gemeinsam die Verantwortung für ein Kind übernehmen wollen und dies durch eine übereinstimmende Sorgeerklärung ausdrücken, ist eine positive Entwicklung. Eine solche gemeinsame Entscheidung jedoch durch einen gerichtlichen Beschluss nach Aktenlage ohne Anhörung der Beteiligten zu ersetzen, ist der falsche Weg”, gibt [die Bundesvorsitzende des VAMV, Edith] Schwab zu bedenken. Denn geben nicht miteinander verheiratete Eltern keine gemeinsame Sorgeerklärung ab, sind oftmals Konflikte der Grund.  [...] “Die Hoffnung, dass diese durch das gemeinsame Sorgerecht vermieden werden können, ist trügerisch. Im Gegenteil, eine Auseinandersetzung schürt das Streitpotenzial weiter”, befürchtet Schwab.  [...] „Ein neues beschleunigtes Verfahren bei Sorgerechtsstreitigkeiten mit dem Ziel eines gemeinsamen Sorgerechts um jeden Preis geht ausgerechnet zu Lasten der Kinder, deren Eltern sich nicht einigen können”. (mehr …)


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Feministinnen sind sauer. Mal wieder.

6. Juli 2012 von Helga
Dieser Text ist Teil 47 von 55 der Serie Meine Meinung

Liebe Zeit,

erst neulich mussten wir Euch schreiben, weil Ihr da was mit „dem Femi­nis­mus“ nicht verstanden hattet. Jetzt greift ihr die Kontroverse um Anne-Marie Slaughter auf und schon wieder stell’ ich fest: Griff in die Klischeekiste. In The Atlantic hatte Slaughter vor kurzem geschrieben „Why women still can’t have it all“ und da gingen tatsächlich bei Feministinnen die Alarmglocken an. Denn das ist meist bio­lo­gisti­scher Bullshit, wie ihn auch die New York Times in ihren Trendpieces regelmäßig aufgreift.

Neun Bilder mit weinenden Babies und überforderten weißen Müttern in schicker Arbeitskleidung.

Bullshitbilderbingo von Jessica Valenti

Der Artikel von Slaughter war nun erstaunlich gut, am Ende aber lief es auch wieder auf „Mütter wollen halt bei ihren Kindern sein“ hinaus. Klar, darüber regten sich Feministinnen auf, mit differenzierter Diskussion hat dieses Argument soviel zu tun wie die Mädchen­mannschaft mit Gleit­creme. Aber Feminist­innen hatten auch eine Reihe anderer Kritik­punkte, von denen Ihr leider keinen einzigen aufgreift. So hätte der Artikel lauten müssen „Warum eine weiße Frau ohne gesundheitliche Probleme, aber mit Ehemann und zwei Söhnen und extrem guter Aus­bildung eines Tages feststellt, dass trotz extrem guter Bezahlung ein Job doof sein kann, wenn er mindestens 60 Wochen­stunden erfordert und das sogar noch für humane Arbeits­zeit gehalten wird“. (mehr …)


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Was passiert mit Deutschlands Schwangeren und Hebammen? Scheißegal.

28. Juni 2012 von Helga
Dieser Text ist Teil 46 von 55 der Serie Meine Meinung

Ich bin sauer. Seit einiger Zeit sitze ich an einem Text über die Situation der Hebammen. Deren Haftpflichtprämien werden am 1. Juli nämlich wieder einmal steigen und wieder einmal gibt es aus der Politik nur laue Worte und bei den Einigungen mit den Krankenkassen nur Minischritte. Wie 2010 und 2011. Wieder einmal haben über 100.000 Menschen ihre Unterstützung bekundet, in einer aktuellen Campact-Kampagne. Wieder einmal wird das nichts bringen, wie zuletzt die bis heute erfolgreichste Massenpetition folgenlos blieb. Was wieder einmal heißt: Frauen sind der deutschen Politik scheißegal.

Da redet die Familienministerin wieder und wieder von Wahlfreiheit. Aber wenn es um die Gestaltung der Geburt geht, um die Wahl zwischen Kranken­haus, Geburts­haus und Hausgeburt, dann ist Ende mit der Wahl­freiheit. Dass die Wege für die Schwangeren immer weiter werden ist genauso egal, wie die Tatsache, dass die Hebammen in den Krankenhäusern völlig überlastet sind. Ja, hm, Nachfrage nach 1:1 Betreuung ist da, müsste man was tun. Tut dann aber niemand. Ordentliche, ver­trauens­volle Begleitung von Müttern und Neu­ge­borenen bei der Geburt: scheißegal.

Wieder einmal geht es um die Bezahlung und Anerkennung eines typischen Frauenberufs. Schöne Worte und fehlende Unter­stützung durch wechselnde Ge­sundheits­minister zeigen da vor allem, wie scheißegal ihnen diese Frauen sind. Auch der Spitzen­verband der Kranken­kassen erdreistet sich noch, das jahrelange Ver­schleppen der Einigungs­pro­zesse damit zu begründen, dass Hebammen so wichtig für Schwangere seien. Wollt ihr uns verarschen?

Seit zwei Jahren schreiben wir nun schon darüber und es ist jedes Mal das Gleiche. Hebammen geben ihren Beruf auf, Schwangere haben es immer schwieriger und passiert ist – nichts. Seid doch einfach ehrlich, liebe Politik und liebe Kranken­kassen. Hier geht’s um Frauen und ihre Körper und ihre Arbeit. Und die sind auch 2012 weiter Gedöns. Oder einfach: Scheißegal.

Morgen, am 29. Juni demonstrieren schwangere Frauen und Hebammen vor dem Berliner Kanzleramt (und freuen sich natürlich über zahlreiche Unterstützung).


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