Ganz bewusst und aktivistisch shoppen gehen?

von Charlott
Dieser Text ist Teil 14 von 15 der Serie Ökonomie_Kritik

Jeden Tag treffen die meisten von uns – mal mehr mal weniger bewusst, mal mehr mal weniger frei – Konsumentscheidungen. Der Kaffee zum Frühstück: Bio? Fairtrade? Oder lieber ein günstigerer, der den Weg in die roten Zahlen nicht auch noch beschleunigt? Und sonst auf den Teller: Vegane Kost oder doch ein bißchen Hackfleisch? Im Kleiderschrank: Textilien von Primark oder Zara? Und wo bekomm ich eigentlich Kleidung in meiner Größe her?

In der letzten Woche erschienen ein paar Texte, die sich kritisch mit Konsumkritik auseinandersetzen und auch fragen, an wen diese Kritik denn häufig gerichtet wird. So heißt es bei RiotMango unter dem Titel „pseudo konsumkritik, my fat ass!„: „und ja, ich finde eine kapitalismus- und konsumkritische perspektive auch wichtig. aber ich finde es auch auffällig, dass… 1.) konsumkritik vor allen dingen an menschen gerichtet wird, die im kapitalismus häufig nicht mal mitgedacht werden #klassismus #fatshaming 2.) und konsumkritik sich fast nie auf zigaretten, alkohol oder drogen bezieht (würde wohl auch das linke selbstverständnis zerstören)“. Puzzlestücke fokussiert sich in ihrem Beitrag auf das beliebte Argument, dass Menschen mit weniger ökonomischen Ressourcen eben Second Hand Kleidung kaufen sollten anstatt bei billigen Bekleidungsketten wie Primark. Sie macht deutlich, dass nicht alle Menschen überhaupt Zugang zu solchen Läden haben, dort passende Kleidung finden und gleichermaßen anerkannt werden für ihren Second Hand Style.

Gerügt für ihre Konsumentscheidungen werden meistens jene, die eh schon beschränktere Auswahlmöglichkeiten haben. Menschen, deren dicke_fette Körper von der Bekleidungsindustrie selten mitgedacht werden. Die aber gerade deswegen durch gut sitzende, bequeme, schöne Mode auch Empowerment erfahren. Oder_und Personen, die aufgrund ihrer Ressourcen (ökonomischen, zeitlichen etc.) ebenfalls nicht aus dem vollen Angebot des glitzernden Kapitalismus schöpfen können. Neben empowernden Momenten, die Mode auch mit sich bringen kann (siehe auch dieses Interview zu Kleidung für Menschen, die sich außerhalb der dominanten Geschlechterbinarität bewegen), wird in solchen Diskussionen gern übersehen, dass es für Menschen (über)lebenswichtig sein kann, die „richtige“ Kleidung zu tragen, das „Styling“ zu perfektionieren.

Neben Kleidung wird „guter“ vs. „schlechter“ Konsum oft am Beispiel von Ernährung ausgetragen – vegan, bio, Fairtrade, lokal (nicht unbedingt in der Kombination, gern auch als einzelne Themen). Die Problematiken, die dabei häufig außer Acht gelassen werden, sind auch hier mannigfaltig:  Unverträglichkeiten und andere körperliche Voraussetzungen, die bestimmte Ernährungsweisen bestimmen_ausschließen. (Ökonomischer und sonstiger) Zugang zu Nahrungsmitteln (Stichwort beispielsweise: Essensmarken für asylsuchende Menschen in Deutschland). Anbauauswirkungen und -umstände bestimmter (Trend-)Ernährungsmittel. Dass nicht immer alles gleichzeitig im Blick ist, liegt auch daran, dass diese Fragen komplex sind, aber nur allzuhäufig wird trotzdem „guter Konsum“ als einfache Antwort angeboten.

Eine ähnlich „einfache“ Antwort scheint mir ein starker Fokus auf Kritik an Werbung. Natürlich prägen große Plakate und Werbespots im TV und Kino unsere Umwelt. Sie re_produzieren und normalisieren Gewalt und_oder *Ismen am laufenden Band, bzw. im laufenden Bild. Dies einzuschränken ist wichtig. Doch sollte bei diesen konkreten Auseinandersetzungen der Kontext nicht aus dem Blick geraten. Sonst stehen wir irgendwann mit weniger *istischen Werbungen aber immer noch ausbeuterischem Kapitalismus da. Und wem ist da am Ende geholfen? Jenen, die auch jetzt schon ihre Kaufkraft (die ja auch häufig auf privilegierten Positionen in einer rassistischen_hetero_sexistischen_ableistischen Gesellschaft beruht) für den Wandel ™ einsetzen können?

Die Veränderung von Konsumgewohnheiten wird an allen möglichen Orten beschworen, von feministischen Kreise bis hin zur FAZ. In letzterer wird aber wenigstens gar nicht erst so getan, als ob es sich um eine Option für alle handelt, heißt es dort doch: “ Sie leben in einem der reichsten Länder der Erde, Sie sind hervorragend ausgebildet, Sie haben Spaß am Leben und finden sich ganz gut.“ Konsum kann schnell zum Ablasshandel werden: Wer mehr zahlt, die besseren ™ Produkte wählt, kann mit guten Gewissen durch unsere kapitalistische, zerstörerische Welt gehen. (Das Auto bleibt natürlich in der Garage.)

Ich habe kein Problem mit „bewusstem Konsum“ – wie auch immer dieser dann aussehen mag. Ich finde es aber problematisch, wenn dieser quasi zu Aktivismus deklariert wird und ein Lebensstil, den eine_r sich eben auch erst einmal (auf verschiedenen Ebenen) leisten können muss, zur moralischen Selbstüberhöhung instrumentalisiert wird. (Weniger/Anders) Shoppen gehen als Aktivismus-Ersatzhandlung. Eigentlich ist natürlich „bei sich selbst anfangen“ ein guter Start für Veränderungen. Das Konsumverhalten zu ändern, kann gerade auch die Vorstellung (Illusion?) geben, im kleinen Rahmen etwas zu ändern. Schließlich wird doch immer wieder betont, dass die (Nicht-)Nachfrage auf den Markt wirkt. Doch wenn die Systemkritik ausbleibt, stattdessen die (Konsum)Handlungen weniger privilegierter Personen zu den Ursachen von Ausbeutung erklärt werden, dann fehlt dem „bei sich selbst anfangen“ noch eine ordentliche Prise (selbst)kritischer Betrachtung.




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 30. Juli 2014 um 11:00 Uhr unter Aktivismus, Ökonomie. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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6 Kommentare

  1. nalea sagt:

    Hmm. Ja. Und nein.
    Ja zur kritischen Auseinandersetzung mit Ansprüchen jener die sich einen entsprechend moralischen/privilegierten Lebensstil leisten können. Ja zur Kapitalismuskritik.
    Nein zu der Möglichkeit hierdurch eine persönliche Legitimiation ableiten zu können!

    (Viele viele Menschen die sich einen überlegten Konsum finanziell und auch anderweitig leisten könnten finden auch irgendeine Legitimation…)

    In meiner Welt schaut das so aus: Jede_r sollte sich immer wieder aufs Neue entscheiden was möglich ist und was nicht. Das ist anstrengend. Sehr anstrengend manchmal. Und manchmal auch nicht möglich.
    Deshalb gehe ich Kompromisse ein mit denen ich irgendwie leben kann.
    Auch das ist anstrengend (und nicht das Gelbe vom Ei).
    Aber ich finds anstrengender diese Entscheidungen nicht bewusst zu treffen und dann alle 2 Monate Bilder von ausgebeuteten Menschen zu sehen die für meinen Lebensstil zahlen und dann für mich selbst ne Entschuldigung finden zu müssen…

  2. nalea sagt:

    Und um meine vllt arg aktivistisch rüber kommenden Worte ne andere Färbung zu geben: Manchmal kann Mensch nicht korrekt handeln für andere Lbeewesen sondern nur für sich selbst.
    Als Beispiel dafür fällt mir das Thema Essstörung vs vegan essen ein.

  3. […] ihr selber, dass das nicht geht). Welche_r gerechten Lohn für alle(TM) will, muss halt moralisch konsumieren (HA. HA.). Und welche_r da nicht reinpasst, muss sich eben anpassen. Man kann ja alles erreichen, […]

  4. […] Konsum, besonders das Kaufen von Kleidern, ist schon seit einiger Zeit in meiner Twittertimeline ein Thema, das immer wieder aufkommt und besprochen wird. Puzzlestücke hat bereits über die Parole “Kauft nicht bei Primark” gerantet und deren Implikationen und Konsequenzen besprochen, Riotmango ergänzte aus der fatactivistischen Perspektive und Charlott kritisierte bei der Mädchenmannschaft die Deklaration von “gutem Konsum” als A…. […]

  5. Julia Stein sagt:

    Leicht dahingesagt von einem Standpunkt aus, der in einem privilegierten Erste-Welt-Land verankert ist, wo Armut bedeutet, nicht am sozialen Leben teilnehmen zu können, wo Armut NICHT bedeutet: Hunger leiden, nicht vorhandene Krankenversorgung/-Versicherung.
    Die Dimensionen von menschlichem Leid werden hier vollkommen verkannt. Nur, weil etwas auf der anderen Seite der Welt passiert, ist es weniger im Fokus der (antirassistischen, intersektionalen) Mädchenmannschaft!? Ebenso wird Tierleid wieder und wieder vollkommen ignoriert. Antispezisismus scheint ebenso unbekannt zu sein. Tiere können eben keine Internet-Community bilden…
    Hier wird „Aktivismus“ (und sei es das gelegentliche Verfassen von Blogposts) höher gewertet als eine ethische Lebensweise, und als Entschuldigung benutzt für egoistisches (Alltags-)Verhalten.
    Um das dann zu rechtfertigen, werden irrationale Angriffe gestartet auf die Menschen, die bewussten Konsumverzicht betreiben.

    Es ergibt keinen Sinn. Menschen, die so ein Weltbild vertreten, müssen eine ganze Menge daraus ausblenden, um ihre Ideologie trotzdem rechtfertigen zu können.

  6. Charlott sagt:

    @Julia Stein: Ich frage mich ganz ehrlich, ob du den gleichen Text gelesen hast, den ich (und nicht DIE Mädchenmannschaft) hier verfasst habe. An keiner einzigen Stelle schreibe ich „Macht euch keine Gedanken mehr!“, „Kauft alles was das Herz begehrt“ oder „Keine Rücksicht auf Verluste!“. Nur ein paar Punkte:

    1. Sicherlich gibt es unterschiedliche Abstufungen von Armut. Aber so zu tun als gebe es in Europa ausschließlich eine Art „Luxus-Armut“, die nicht erlaubt zweimal die Woche ins Kino zu gehen, ist a) falsch und b) führt genau zu dem Fokus, der besonders weniger priviliegierte Menschen für unterdrückende Strukturen verantwortlich macht und im Zweifelsfall jene noch gegeneinander ausspielt.

    2. Ich schrieb: „Dass nicht immer alles gleichzeitig im Blick ist, liegt auch daran, dass diese Fragen komplex sind, aber nur allzuhäufig wird trotzdem “guter Konsum” als einfache Antwort angeboten.“ > Dabei bezog ich mich gerade auch auf unterschiedliche Problematiken, die einhergehen mit der Profduktion von allerlei Konsumgütern. Dort steht NICHT, dass diese Problematiken nicht betrachtet werden sollen. Eigentlich im Gegenteil. Ich warne einzig davor sich mit zu einfachen Antworten zufrieden zu geben. (Und diese vermeintlich „einfachen“ Antworten dann auch noch anderen, die sich die geforderten Praxen aus unterschiedlichen Gründen nicht einmal leisten können, vorzuhalten.)

    3. Ich persönlich versuche in meinem Alltag meine Konsumentscheidungen zu hinterfragen, zu überlegen, woher Produkte kommen und welchen Preis sie haben. In dem Rahmen, den ich habe, versuche ich so zu handeln, wie ich es gerade als verantwortungsvoll empfinde (was natürlich keinerlei Fehlurteile oder Unwissenenheiten ausschließt). Dabei gilt es aber auch immer wieder abzuwegen und Widersprüche auszuhalten. Trotzdem halte ich diese Individualisierung für gefährlich, die suggeriert „Du allein mit deinem Einkaufswagen voller veganer Superprodukte wirst den Kapitalismus zerstören.“. Denn so läuft es nicht. Und Menschen, die es sich eben nicht leisten können, diesen Lifestyle zu zelebrieren, als die wahren Verursacher der systematischen Ausbeutung hinzustellen, wird dieses System gerade weiter erhalten.

    4. „ethische Lebensweise“… Wem wird die eigentlich zuerkannt? Wer entscheidet, was das bedeutet? Wessen Lebensmodelle werden damit abgedeckt? Und werden gleiche Praxen bei unterschiedlich positionierten Menschen auch gleich gelesen_anerkannt? (Das sind eher rethorische Fragen.)