Ein Buch nach dem anderen: Gelungene und weniger gelungene Jugendbücher

von Charlott
Dieser Text ist Teil 102 von 118 der Serie Die Feministische Bibliothek

Auf Papier gelesen

Poisoned Apples: Poems for You, My Pretty (2014, Greenwillow Books) von Christine Heppermann versprach eigentlich eine interessante Prämisse: Gedichte, die feministische Ideen und fantastische, märchenhafte Stoffe miteinanderverweben und direkt an Teenager-Mädchen gerichtet sind. Doch wirklich weiter empfehlen kann ich es leider nicht, denn letzten Endes wiederholen sich die Inhalte sehr, manche Gedichte sind kaum unterscheidbar und (der wichtigere Aspekt) Heppermanns zugrundeliegenden Analysen von Körperbildern und Essgewohnheiten sind sehr stark simplifizierend. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass Heppermann beim Schreiben eine ganz konkrete Gruppe von Mädchen im Kopf hatte: weiß, hetero (Hallo, Mächenprinzbezug) und konventionell hübsch, die sich aber auch mit den dominanten Vorstellungen von guten, schönen Körpern herumschlagen.

Wenn etwas aus der Jugendbuch-Ecke, dann doch lieber das großartige Akata Witch (2011, Viking Children’s) von Nnedi Okorafor. In diesem dreht sich alles um die zwölf-jährige Sunny. Geboren wurde sie in den USA, aber seit drei Jahren lebt sie mit ihrer Familie in Nigeria. Sie ist eine herausragende Fußballerin, da sie aber Albinismus hat, kann sie meist nur abends mit ihren Brüdern kicken. Als sie dann eines Tages eine dystopische Szene im Licht einer Kerze sieht, ist dies nur das erste Zeichen, dass sich für Sunny bald eine magische Welt eröffnen wird. Das Buch ist nicht nur spannend und voller großartiger Einfälle, sondern immer auch gesellschaftskritisch, so werden Themen wie Stigmatisierung von Menschen mit Behinderungen und rassistische Polizeigewalt gegen Schwarze Jugendliche thematisiert und gleichzeitig gezeigt, dass auch die magische Welt keine ohne Machtgefälle ist. Besonders gut: Nächstes Jahr wird der zweite Teil erscheinen.

Schon länger wollte ich mal etwas ausführlicheres zum Thema Impfen lesen. Letztes Jahr auf vielen us-amerikanischen Bestenliste landete On Immunity: An Inoculation (2014, Graywolf Press) von Eula Biss und ich habe es nun gelesen. Biss hatte sich vor der Geburt ihres ersten Kinds angefangen intensiver mit der Thematik zu beschäftigen und entstanden ist ein Buch, welches differenziert und tiefgehend ist, Ängste und Gefühle ernst nimmt, aber vor allem auch Diskursen rund um Impfungen nachspürt. Sie zeigt, wie Impfungen entstanden und durchgesetzt wurden (und wer dabei – in einer Zeit, wo Impfungen noch wesentlich gefährlicher waren als heute – die Bevölkerungsgruppen waren, die zwangsgeimpft wurden), geht verschiedenen Studien nach, spricht mit Wissenschaftler_innen und verknüpft dies mit eigenen Erfahrungen (so z.B. der Aussage ihres Arztes, dass eine bestimmte Impfung für „Leute wie sie“ nicht nötig sei – und ihre Erkenntnis, dass er damit nur weiß und Mittelklasse gemeint haben kann). Zum Ende hin verliert das Buch etwas den Fokus und sicher werden nicht alle Aspekte beleuchtet, aber ein interessanter Einstieg ist es auf jeden Fall.

Noch ziemlich neu ist Das Licht ist weder gerecht noch ungerecht (2015, w_orten und meer) von Jayrôme C. Robinet, der auch Mädchenmannschafts-Autor ist und hier bereits das Buch vorstellte. In dem Buch (und auf der dazugehörigen CD) sind kurze Geschichten, Gedichte, ein Theatermonolog und Spoken Word Stücke versammelt, die nachdenklich, humorvoll, präzise und poetisch ganz schnell ins Herz gehen.

Außerdem habe ich endlich auch Janet Mocks Redefining Realness: My Path to Womanhood, Identity, Love & So Much More (2014, Atria Books) gelesen und möchte die Chance nutzen, allen nochmals Magdas Rezension ans Herz zu legen.

Ein von @half_book_and_co gepostetes Foto am

Im Netz gelesen

Über Sexismus auf allen Ebenen des Literaturbetriebs schrieb Dana Buchzik bei der taz. (Deutsch)

Im deutschsprachigen Feuilleton wird immer mal wieder bemängelt, wie unpolitisch doch aktuelle deutschsprachige Literatur sei. Bei der ak analyse& kritik argumentiert Wolfgang Frömberg, dass dies auch damit zusammenhänge, wessen Bücher im Feuilleton Beachtung finden, präsentiert Gegenbeispiele und diskutiert die Möglichkeiten von Fiktion. (Deutsch)

Traditionell gibt es bei der New York Times eine Leseliste für den Sommer. Dieses Jahr tatsächlich einfach ausschließlich mit weißen Autor_innen bestückt. TheGrio hat eine Gegenliste entworfen.

Dazed stellt fünf Spoken Word Poetinnen („Women Who Spit„) vor: Vanessa Kisuule, Cecilia Knapp, Deanna Roger, Megan Beech und Jemima Foxtrott.

Es wird einen Film über die Dichterin Emily Dickinson geben mit dem Titel „A Quiet Passion“ und Bust freut sich bereits.

17 Pathbreaking Non-Binary and Gender-Fluid Novels“ stellt Flavorwire vor und Autostraddle präsentiert 9 queere kanadische Dichter_innen.

Colorlines berichtet, dass Claudia Rankines Buch „Citizen“ für den Forward Poetry Award auf der Shortlist steht.

Und wo wir bei Awards sind: Nicht nur, dass Autorinnen viel seltener preisgekrönt werden als ihre Kollegen, auch Bücher, in denen es um Frauen geht haben an sich schlechtere Karten, zeigt Nicola Griffith auf.

Neuerscheinungen

Women in Clothes, welches ich letztes Mal besprach, ist nun uf Deutsch als Frauen und Kleider bei S.Fischer erschienen.

Diesen Sommer wird noch von Iman Attia, Swantje Köbsell und Nivedita Prasad herausgegeben Dominanzkultur reloaded. Neue Texte zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen und ihren Wechselwirkungen bei transcript erscheinen.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 12. Juni 2015 um 15:08 Uhr unter Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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