Samstagabendbeat: Versuchen cool zu sein mit Ilgen-Nur

27. Mai 2017 von Charlott

Ilgen-Nur „is still figuring it out“, wie sie in Cool singt, aber diesem Prozess hört man doch sehr gern zu, wenn er in solch eingängigen Songs mündet wie denen der Debüt-EP No Emotions. Auf der FB-Seite werden Künstler_innen wie Soko, Kate Nash und Sonic Youth als Einflüsse genannt und genau diese Echos kann man auch in den fünf Songs der EP hören.




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ohne Inspirationporn bleibt nur die Geduld (?)

22. Mai 2017 von Hannah C.

„Hannah hatte ja selbst gesagt, dass sie nie gelernt hat freundlich zu sein – dann soll sie es jetzt mal langsam lernen.”.

Natürlich hatte Hannah das nicht gesagt.
Hannah hat gesagt, dass sie soziale Kommunikation nicht gut lesen, verstehen, performen kann und deshalb oft nicht so wirkt, als wäre sie an Freundschaften oder Kontakt interessiert.
Aber sei’s drum.
Nerviges Wörtergeklaube. Rumgewühle. Gekratze. Voll autistisch, ey.

Nur für etwas Wahrheit.
Wen kümmerts. Außer mir.
Uns*.

Geduld beginnt da, wo man glaubt, man hätte keine mehr.
Das ist ein guter Satz.
Ich habe ihn aus einem Video, in dem ein Poetry Slam–Text [YT-Link] vorgetragen wird, den ich erst lustig und dann schräg an der 10 von 10 Punktemarke vorbeifliegen sah.
Er beginnt als slice of life mit einem Geschwist, das behindert ist wird und einem Moment, in dem die Person mit dem Wort “behindert” als Synonym für “mag ich nicht/scheiße/wertlos/schlecht/verachtenswert” konfrontiert wird.
Es endet mit dem gleichen Sermon aus: „Wir hier – die da – das muss doch nicht sein – guckt doch mal, wie toll die sind und was wir uns nehmen, wenn wir uns so von ihnen abschotten…” wie ich ihn schon so oft gehört habe.

Ich habe Geduld mit diesem Poetry Slammer.
Ich habe Geduld mit meinen Mitschüler_innen.
Ich habe Geduld mit meinen Lehrer_innen.
Ich habe Geduld für all die Menschen, die welche Rolle auch immer in meinem unserem Leben spielen.
Obwohl ich jeden Tag glaube, keine mehr zu haben.
Und von Zeit und Zeit auch keine mehr aufbringen will.

Manchmal überflutet mich die Selbstverständlichkeit mit der die Norm nicht hinterfragt wird, sondern einfach lieber gleich abgeschafft und für irrelevant erklärt werden will. Mir – uns, dem Fremden, Anderen, Behinderten – zu liebe. Natürlich immer uns zu liebe und dem, was wir mit den Menschen teilen. Das macht man immer nur für uns, weil es für niemanden sonst wichtig erscheint – man selbst passt ja hinein. Leidlich bis üblich.

Neulich hatte ich einen Moment mit eine Freundin, die uns auf einen Text, in dem wir uns mit der Behinderung in unserem Leben befassten, sagte, dass ja alle Menschen anders seien.
Und ich war geduldig. Ihr zuliebe. Unserem Kontakt zuliebe.
Wie soll ich denn formulieren, dass ich nicht “wie andere Menschen, aber mit diesem einen kleinen Extra bin, das ja dann doch aber jede_r irgendwie ein bisschen hat”, ohne an etwas zu rühren, was nicht mit ganz grundlegender Definition von Norm, Andersartigkeit und auch Behinderung und Menschsein zu tun hat. Mal eben so.

Obwohl es nur in diesem einen Moment wehgetan hat. Nur an dieser Stelle irgendwie macht, dass ich mich fern, fremd, allein, ungesehen … behindert fühle und denke: Geduld. Atmen. Es ist egal. Das ist es nicht wert.
Mein Fühlen ist es nicht wert. Das so viel kaputt geht.

Letzte Woche hatten wir ein Gespräch mit der Klasse, bei dem mein begleitender Unterstützer versuchte näher zu bringen, was Autismus bedeutet.
In diesem Gespräch fiel der Satz, mit dem ich diesen Artikel begonnen habe und der mir schmerzhaft aufzeigte, wie viel mehr Geduld noch von mir aufgebracht werden muss.

Ich verließ das Gespräch und dachte, dass es gut so wäre. Denn eigentlich ist dieses Gespräch nicht für mich passiert. Natürlich sehen das die Lehrer_innen und Schüler_innen anders. Und wer weiß noch.

Aber.
Wäre es um mich gegangen, wäre ich mit mehr als dem Wissen dort rausgegangen, dass allein meine Anwesenheit und das Nichtverschweigen von etwas reicht, um Angst und Fremdheitsgefühle auszulösen, die mit Ausschluss belegt werden.
Wäre es um mich gegangen, dann hätte man mir mehr gezeigt, als die Ansprüche, die man an mich stellt, weil man sie an sich selbst stellen kann.

Wäre es um mich gegangen, hätte man sich bei mir entschuldigt und mich in meinem Sein und Fühlen als in Ordnung, als üblich, als auch normal anerkannt.

Aber nein.
So läuft das nicht.
In diesem Spiel geht es darum, sich möglichst lange nicht zu widmen. Möglichst lange meine Fremdheit zu markieren, ohne je zu sehen, dass das eine Art negative Wirkung haben könnte.
Nämlich die, dass ich sie immer weiter aus meiner Norm herausdefinieren kann.
Nur ohne ihre Möglichkeiten und Chancen, das aufzulösen.

Es gibt so viel Wissen um das Fremde – aber über die allgemein akzeptierte Norm verliert kaum jemand ein Wort.
Und doch erwarten alle ™, dass man sie kennt, ihr folgt, mit ihr umgehen kann.
Ich bin geduldig über diese Dissonanz.
Suche einfach weiter. Stelle meine kleinen Feldforschungen nicht ein. Wachse. Verstehe. Begreife.
Langsam – aufreibend langsam.
Aber stetig.

Die Lehrer_innen sagten nach dem Gespräch, dass sie nicht aufgeben wollen. Der unterstützende Begleiter will weiterhin unterstützen und helfen, wo es sinnvoll erscheint.
Ich bin neidisch auf ihre Ressourcen.
Will das auch gerne können. Geduldig sein und die Hoffnung nicht verlieren.

Daneben frage ich mich, was ich denn eigentlich will. Warum es mir immer noch so wichtig ist, nicht aufzuhören und diesen Weg weiter zu gehen.
Was haben sie mir denn zu geben. Diese Menschen, die so ganz anders aufgebaut sind als ich. Wir.
Was haben sie mir mehr zu geben, als ein Stück ihrer Macht über Ausschluss und Gruppenstärke.

Mir fällt spontan nichts ein.
Ich kann mich nicht irgendwo hinstellen und sagen, mir ginge so wahnsinnig viel wichtig wertvolles verloren, hätte ich nicht mehr so viel mit Menschen zu tun, die anders sind als ich.

Mich inspiriert es nicht, zu beobachten, wie sie sich durchs Leben bewegen. Mich ermutigt es nicht, zu sehen, was sie in einer Welt, die von ihnen für sie gemacht ist, für sich herausholen oder erreichen. Mir verlangt es keine Hochachtung ab, zu erfahren, wie der Lebensweg von Anneliese Müller ohne Gewalterfahrungen, ohne durchgehende Diskriminierungen und so weiter ausgesehen hat. Ich wüsste nicht, was ich für sie erstreiten, erkämpfen, erschaffen müsste, damit ihr Leben, die gleichen Chancen und Qualitäten wie meins haben kann.

Die ganze Schose mit der für den Umgang und die Gleichberechtigung für behinderte /Menschen/ mit Behinderung geworben wird, funktioniert für mich nicht am Leben von Menschen, die anders gebaut sind und anders leben als ich.

Wo ist er also. Mein Anreiz. Meine Motivationsquelle.
Meine Ressourcen für Geduld und Hoffnung.

Wo wenn nicht in dem Wunsch, dass es irgendwann auch mal aufhört, überwiegend Kampf, Schmerz, Zwang, Verletzung, Kränkung… Not zu sein.

 

 

*Steht hier für mich, als ein Mensch, di_er sich als viele begreift.




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8 Gründe, warum wir Hobbyhorse lieben

19. Mai 2017 von der Mädchenmannschaft

Das Internet ist manchmal wundervoll. Z.B. steht man morgens auf und auf einmal sind überall Videos von Mädchen, die mit ihren Steckenpferden tänzeln, springen, lachen. Das ganze nennt sich Hobbyhorse und in Finnland gibt es tatsächlich Meisterschaften. Nadia und Charlott waren gleich voll auf begeistert. Unseren Enthusiasmus wollen wir gern mit euch teilen. Darum nun hier zum Wochenende hin unsere Gründe, Hobbyhorse zu feiern:

1. „Hier können Mädchen frei sein. Hier gibt es keine Jungs, die ihnen sagen, was sie zu tun haben“, argumentiert Alisa Aarniomaki in einem Video. Denn auch wenn sich einige vielleicht lustig machen, beim Hobbyhorse haben sich Mädchen einen Raum geschaffen, den sie so ausgestalten, wie es ihnen gefällt.

2. Die kleine Reeta erzählt im Hobbyhorse Revolution-Trailer dass die meisten Leute ihr Hobby typischerweise als „Baby-like“ und „peinlich“ bezeichnen – eine typische Vorgehensweise wenn es darum geht eher Mädchen-besetzte Freizeitbeschäftigungen, Spielzeug und DIY zu deklassieren (etwas, worin auch vermeintliche Feminist_innen oft ganz groß sind). Die Hobbyhorse-Gang lässt sich davon nicht beirren, und auch wir finden: Feminitätsfeindlichkeit ist Dreck! Wir wollen lieber female Empowerment und Girl Power!

3. Hobbyhorse ist vielleicht ein Wettkampfsport, aber das hindert die Mädchen nicht daran, sich gegenseitig zu unterstützen, eigenes Wissen weiterzugeben und sich aufzubauen: „I am trying to bring out what is good in her. So she can see it, too.“

4. Hoch springen, ausgeklügelte Choreographien für die Dressur merken und dann basteln die Sportlerinnen ihre Pferde auch noch zu meist selbst. Anleitungsvideos auf Youtube können dann schon einmal über 28.000 mal angesehen werden.

5. „Hobbyhorse Revolution“ ist vor allem auch eine Ode an die Freund_innenschaft. „Du bist mit Deinen Freunden zusammen“, betont Elsa Salo, die nach der Scheidung ihrer Eltern jahrelang vor allem in ihrer Hobbyhorse-Squad Kraft und Halt gefunden hat. Wie sorgsam und unterstützend die Mädchen miteinander umgehen: Allein dafür haben wir ganz viel Liebe!

6. Mutig sein. Und einfach mal einen Scheiß auf alles geben: „Andere Leute finden das erstmal sehr bizarr, vor allem wenn sie es zum ersten Mal sehen“, erklärt Taija Turkki, die als Hobbyhorse-Coach aktiv ist. „Die denken, dass wir denken, dass die Pferde echt sind – was wir natürlich nicht tun.“ Mariam Njie, in Hobbyhorse-Kreisen sehr bewundert und fast schon eine Sport-Veteranin in diesem Feld, schämte sich lange für den Sport und betrieb ihn vorwiegend heimlich. Die Doku schildert ihren Weg von „Shame“ zu „Pride“ und steht damit stellvertretend für etwas, was viele junge Mädchen durchleben.

7. Keine strikten Regeln, keine pompösen Zeremonien, stattdessen volle Kraft voraus in den sozialen Medien und eine ordentliche Portion female bonding: Es geht beim Hobbyhorsing insbesondere um kreative Freiheit und eine außerordentliche Vorstellungskraft betont Alisa Aarniomaki. Mehr Witchcraft in einer Sportart geht eigentlich kaum noch!

8. Selbst die Filmemacherin Selma Vihunen, deren Kurzfilm Pitääkö mun kaikki hoitaa? 2015 für einen Oscar nominiert war, hat sich anfangs noch über Hobbyhorse kaputt gelacht – gleichzeitig wollte sie aber mehr über dieses Phänomen erfahren, was letzten Endes zu ihrem Filmprojekt führte. Kaum steckte sie in den Dreharbeiten, verfiel sie dem Charme der Bewegung: „It kind of opened a whole new universe. It just was like a therapy for me and a second life.“ Heute lacht sie nicht mehr über Hobbyhorsing, sondern ist selbst Fan der Community, und das merkt man der Doku an: „There’s some special freedom in the community, I think. Maybe it’s the skill of using your imagination and also allowing other people to use theirs and kind of interacting in the level of people’s imaginations. Maybe there’s something in that that develops people’s ability to accept difference and just to be more open-minded.“

Die Doku über den Sport und seine Subkultur von Vihunen lief Ende März in Finnland im Kino an. Wir können zumindest den Trailer schon Mal genießen:




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Leidige Leitkulturdebatten, Forderungen von Lesben mit Behinderungen und Chelsea Manning kommt heute frei- kurz verlinkt

17. Mai 2017 von der Mädchenmannschaft

Deutschsprachige Links

Die Leipziger Bloggerin Nhi Le gab der Leipziger Volkszeitung ein lesenswertes Interview über Alltagsrassismus auf dem Campus. Nun wurde in der gleichen Zeitung ein sich darauf beziehender rassistischer und völkischer Kommentare abgedruckt.

„Ich rocke meine Schwangerschaftsstreifen mit Fakelashes“, schreibt Schwarzrund in ihrem Beitrag über Femmes.

Wieder mal Leitkulturdebatte? Lea Wohl von Haselberg, Max Czollek und Hannah Peaceman, Mitherausgeber_innen der neuen Zeitschrift Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart, verwahren sich dagegen.

Anlässlich des heutigen Internationalen Tags gegen Homo-, Trans- und Bifeindlichkeit fordert der Verein Weibernetz mehr Berücksichtigung von Lesben mit Behinderung und aller LSBTIQ* mit Behinderung im politischen Handeln. Bei kobinet finden sich einige der konkreten Forderungen.

neues deutschland berichtet über den F_Antifa-Kongress (feministische Antifa) in Potsdam.

Im ersten Video der neuen Staffel vom The Queer L-Vlog dreht sich alles um Verknüpfungen von Sexismus und Homofeindlichkeit.

Englischsprachige Links

Why I’m Helping to Bail Out Black Mamas„, Nnennaya Amuchie schreibt über die National Mama’s Bail Out Kampagne zum diesjährigen Muttertag in den USA.

Die Niederlande gilt häufig als ‚tolerant‘. Flavia Dzodan schreibt hingegen über Solidarität, die auch in den Niederlanden wohl nur für weiße Frauen gilt.

Harmonia Rosales malt Gemälde inspiriert von kalssischen Werken, aber mit einem Twist: Afro-Latinx painter Harmonia re–imagines art history.

Heute kommt endlich Chelsea Manning aus dem Gefängnis frei.

Termine u.a. in Berlin, Kiel, Leipzig, Hannover, Heidelberg

Heute anlässlich zum IDAHOT* hat queer.de eine Liste mit Demos, Diskussionen und Infoveranstaltungen in rund 60 Städten in Deutschland zusammengestellt.

24. Mai in Berlin: Endlich wieder eine Aufführung von Simone Dede Ayivis „First Black Woman in Space„! Eine zweite Vorstellung gibt es am 25. Mai.

1. Juni in Hannover: Simone Dede Ayivi bringt ihr Stück „First Black Woman in Space“ nach Hannover. Weitere Vorstellungen folgen direkt am 02. und 03. Juni.

2. – 5. Juni in Kiel: Lesbenfrühlingstreffen 2017.

9. – 11. Juni in Kiel: Save the Date! LaDIYfest Kiel.

13. Juni in Leipzig: Alle im Blick?! lgbtiq* Lebenswirklichkeiten in der Jugendhilfe. Der Fachtag richtet sich an interessierte Pädagog*innen, die in der Kinder- und Jugendhilfe arbeiten und ein Klima vermitteln wollen, welches alle Jugendlichen anspricht und Diskriminierung vermeidet.

15. – 18. Juni in Heidelberg: Das Lady*fest Heidelberg findet statt!

14. bis 16. Juli in Berlin: Festival für ein offenes und solidarisches Neukölln. (Es werden noch Leute zum Mitmachen gesucht!)

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?




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Ein Buch nach dem anderen: Süße Zitronen und eine dicke Jugendbuch-Protagonistin

15. Mai 2017 von Charlott

Kurzrezensionen

Am Anfang ist ein Albtraum. Aber auch als Burcu Türkers Protagonistin der Graphic Novel Süße Zitronen (2016, JaJa Verlag) aus diesem erwacht, ist nicht alles wunderbar, denn ihre Mutter ist immer noch tot, die Trauer sitzt tief und mit ihrer Arbeit kommt sie auch nicht voran. In dem autobiographischen Stück schreibt und zeichnet Türker über Trauer, Mutter-Tochter-Beziehung(en), Kunst, Freund_innenschaften und das spannende Leben ihrer Mutter, die zunächst als Schauspielerin in Istanbul gearbeitet hatte, dann zu Türkers Vater in die deutsch Provinz zog, um dann – als die Kinder bereits älter waren – wieder in die Türkei zu gehen und nochmals eine Karriere als Schauspielerin anzugehen. Die Geschichte spielt nur an einem einzigen Tag und ist durchsetzt mit Erinnerungssequenzen und Szenen aus dem Leben der Mutter. Türker zeigt, wie das Leben der Protagonistin weiter geht aber geprägt ist durch den Verlust, die kleinen Stiche über den Tag (wenn beispielweise eine Freundin glücklich mit ihrer Mutter telefoniert) aber auch Freuden im Alltag. Die Farben fließen über die Seiten und immer wieder raus aus den Konturen, der Stil ist so prägnant und zart, wie auch die Geschichte die Türker erzählt.

„/stupid girl atlantic got your tongue/“ lamentiert Safia Elhillo im Gedichteband The January Children (University of Nebraska Press, 2017), in dem sie gleichermaßen kunstvoll und berührend zu Kolonialismus, Migration, Diaspora, Identität(en) und Heimat schreibt. Die titelgebenden Januar-Kinder bezeichnen jene Generation von Sudanes_innen, die während der britischen Okkupation aufwuchsen, deren Alter anhand ihrer Körpergröße festgelegt wurde und die alle den 1. Januar als offizielles Geburtstdatum zugewiesen bekommen haben. Elhillo fragt, was Heimat bedeuten kann, was Nationen eigentlich sind und wo/wie die Grenzen zwischen Identitäten gezogen werden. Sprachlich spiegelt sie diese Themen unter anderem in Verbindungen von Arabisch und Englisch wieder, Bezüge zu ägyptischer Popmusik wechseln sich ab mit US-Bezügen und Blicke auf Sudans Kolonialgeschichte. Ein Buch, was sich immer wieder mit Gewinn lesen lässt.

Molly ist siebzehn Jahre alt und war schon 26-mal verknallt – aber bisher hat sich noch nie etwas aus einer dieser Schwärmereien entwickelt. Doch dann verliebt sich ihre Zwillingsschwester Cassie Hals über Kopf in Mina, die ihren besten Freund Will im Schlepptau hat, der gut zu Schwarm Nummer 27 werden könnte, und zu dem beginnt Molly ihren Ferienjob und da ist Tolkien-Superfan Reid, bei dem sie einfach entspannt sie selbst sein kann. In Becky Albertallis zweitem Jugendbuch The Upside of Unrequited (2017, Balzer + Bray) dreht sich (wieder) alles rund um Liebe und Begehren und neben einer Prise Drama ist das einfach ein sehr flauschiges (und etwas vorhersehbares) Leseerlebnis. Dass Molly und ihre Freund_innen eigentlich gar kein anderes Thema haben mag vielleicht befremdlich sein (andere Leser_innen können sich aber eventuell auch mehr mit dieser Art des Teenagererlebens identifizieren), was aber dieses Buch von vielen anderen dieser Art unterscheidet, sind die vielen unterschiedlich positioniertern Charaktere (beispielsweise hinsichtlich Begehren, race, Religion) und eine Portagonistin, die dick ist (und nein, sie plant nicht abzunehmen und das einzige Mal, wo eine Person ihr direkt etwas dickenfeindliches gegenüber äußert, wird deutlich gemacht, dass das Problem die fatshamende Oma nicht etwa Mollys Körper ist).

Buchnews und -debatten

Es gibt ein Veröffentlichungsdatum für Magda Albrechts Buch über Dicksein und Empowerment: Am 02. Januar 2018 soll es so weit sein. Und ein (tolles!) Cover gibt es auf der Verlagsseite auch bereits zu sehen.

Weniger lang ist die Wartezeit für das neue Buch von Yori Gagarim. Why I stopped making merch for a revolution, that does not happen erscheint im Mai/Juni bei edition assemblage.

Falls ihr diesen Donnerstag Abend in Berlin seid: Ab 19 Uhr wird im Archiv der Jugendkulturen aus queeren Büchern (Klassikern und Neues) gelesen und dazu diskutiert. (FB-Link)

Im März erschien der Sammelband Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen über rechte Bewegungen, Gewalt und Rassismus. Auf trollbar schreibt Ali Schwarzer, der in dem Band mit seinem text „Eine unversöhnliche Abschiedsrede“ vertreten ist, über das Buch.

Deirdre Coyle schreibt bei Electric Lit über David Foster Wallace und die Männer, die ihn vergöttern: „Wallace-recommending men are ubiquitous enough to be their own in-joke. (…) The men in my life who love Wallace also love legions of stylistically similar male writers I’m not interested in (Pynchon, DeLillo, Barth). I began checking out of literary conversations with them altogether.“

Casey Sanchez portraitiert die Iñupiaq Dichterin Joan Naviyuk Kane, deren Gedichtband Milk Black Carbon im Februar erschienen ist.

Amanda Arnold schreibt bei LitHub über die vergessene Geschichte us-amerikanischer Arbeiter_innen-Literatur.

BBC sprach mit der Autorin und Aktivistin Unoma Azuah. In ihrem neuen Buch Blessed Body, welches morgen als Ebook erscheint, sammelt sie autobiographische Geschichten von LGBT in Nigeria.

A Salon of One’s Own: Chaitali Sen erinnert sich an zwanzig Jahre des South Asian Women’s Creative Collective.

„Lately, I’ve been interested in finding other West African authors who are also unconventional in their portrayal of love and marriage, of gender and power.“, stellt Chinelo Okparanta fest und empfiehlt gleich sechs Bücher, in denen sie diese Darstellungen gefunden hat.

Nazly Sobhi Damasio hat bei Wear Your Voice eine Liste mit „8 Powerful Latinx Poets Who Are Shattering Stereotypes“ zusammengestellt.

BookRiot schreibt über die beiden Hashtags #ThingsOnlyWomenWritersHear und #WhatWoCWritersHear, die beide Sexismus, Rassismus und deren Verknüpfungen in der Buchindustrie illustrieren.

Und zum Schluss: „No, Marvel. We’re Out of Patience.“ Jessica Plummer kritisiert, die aktuellen Handlungsstränge im Marveluniversum, in denen u.a. eine (der wenigen überhaupt existierenden) jüdischen Figuren und ein Held, der von jüdischen Comic-Machern entwickelt wurde, einer quasi Nazi-Organisation beitritt, deren Marketing und Marvels Umgang mit Kritik.




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Eine Lanze für „13 Reasons Why“ und Anti-Diät-Tag forever – kurz verlinkt

11. Mai 2017 von der Mädchenmannschaft

deutschsprachige Links

In der ZEIT erschien ein Interview mit der Holocaust-Überlebenden Renate Lasker-Harpprecht.

„13 Reasons Why“ geguckt und noch nicht so sicher was Ihr damit anfangen wollt? Dann empfehlen wir Euch diesen superguten Beitrag von Steinmädchen. Wer die Serie noch nicht geguckt hat: Achtung, Spoiler!

Ausbildung als Privileg? Hannah veröffentlichte einen sehr lesenswerten Text auf ihrem Blog: in einem anderen Kampf.

Warum jeder Tag Anti-Diät-Tag sein sollte: Dazu sagt Hengameh ein paar Takte.

Geflüchteten Redakteur_innen von Freien Radios im deutschsprachigen Raum soll es ermöglicht werden, sich beim jährlichen Radiocamp am Bodensee auszutauschen und gemeinsam und voneinander zu lernen. Zur Kampagne geht es: Hier.

Das feministische Ökonominnennetzwerk efas vergibt den jährlichen Nachwuchsförderpreis, honoriert werden Diplomarbeiten, Bachelor- und Masterarbeiten oder Dissertationen. Bewerbungsunterlagen können bis Ende Juli gesendet werden. Weitere Infos: Hier.

In Duisburg wurde am 3. Mai eine Café-Inhaberin erschossen. Die Initiative NSU-Watch fordert die Sicherheitsbehörden auf, insbesondere in Richtung Rechtsextremismus zu ermitteln – dazu erschien ein Text im migazin.

englischsprachige Links

Die Mitgründerin des Blogs Women Are Boring, Grace McDermott, ist im Alter von 26 Jahren überraschend verstorben. Neben einem Nachruf wurde auf dem Blog zu einer Spendenaktion aufgerufen: „Charity Donations in Honour of Grace Mcdermott (1990-2017)„.

Wer vergewaltigt wurde, läuft in den USA Gefahr keine Krankenversicherung mehr zu erhalten. Mehr dazu nachlesen könnt Ihr hier.

Termine in Berlin, Heidelberg, Kiel und Potsdam

Vom 11. bis 14. Mai findet in Berlin das XPOSED International Queer Film Festival statt.

Vom 12. bis 14. Mai in Potsdam könnt Ihr den F_antifa-Kongress beehren.

Ebenfalls bis einschließlich Anfang Juni gibt es in Magdeburg eine F-Antifa-Veranstaltungsreihe, alle Termine findet Ihr hier.

13. Mai in Berlin: Das Queer Zine Fest Berlin steht wieder an. Table können noch angemeldet werden.

Dann waren da noch:

2. – 5. Juni in Kiel: Lesbenfrühlingstreffen 2017.

9. – 11. Juni in Kiel: Save the Date! LaDIYfest Kiel.

15. – 18. Juni in Heidelberg: Das Lady*fest Heidelberg findet statt!

14. bis 16. Juli in Berlin: Festival für ein offenes und solidarisches Neukölln. (Es werden noch Leute zum Mitmachen gesucht!)

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?




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Fat Studies in Deutschland: Von Diskriminierung, Dickenaktivismus und kreativen Gegenstrategien

6. Mai 2017 von Magda

Pünktlich zum Internationalen Antidiät-Tag ist vor wenigen Wochen der wissenschaftliche Sammelband „Fat Studies in Deutschland. Hohes Körpergewicht zwischen Diskriminierung und Anerkennung“ im Beltz Verlag erschienen.

Neben WissenschaftlerInnen kommen zu diesem Thema erstmals auch Sozialpädagoginnen, Expertinnen aus der Mädchenarbeit, Künstlerinnen und Fat Aktivistinnen zu Wort, was sich in der Themenvielfalt, der Sprache und den Perspektiven niederschlägt und die Lesefreude (für mich) erheblich erhöhte.

Nach einer Annäherung an das akademische und eher im englischsprachigen Raum angesiedelte Feld der Fat Studies thematisieren die AutorInnen Dicksein und Gewichtsdiskriminierung (in einem deutschen Kontext) und nehmen ökonomische und politische Verhältnisse, das (Antidiskriminierungs-)Recht, mediale Bilder oder die soziale Arbeit in den Blick. Auch zu finden sind Themen wie fette Kunst und Theater oder Sex. Die Beiträge stellen einen exzellenten Ausgangspunkt für weitere (intersektionale) politische, kulturelle und wissenschaftliche Analysen und Debatten dar.




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Anti-Diät-Tag: Weltbeste Erdbeertorte

6. Mai 2017 von Charlott

Heute ist Anti-Diät-Tag. Magda hat bereits vor drei Jahren passend zusammengefasst, worum es an diesem Tag nicht geht (Beschämen individueller Diäterfahrungen) und worauf der Fokus liegen sollte (Strukturen kritisieren, dicke Körper feiern). Auch lohnt sich heute – wie auch die anderen 364 Tage im Jahr – ein Blick in unsere Reihe (Mein) Fett ist politisch.

Was auch politisch ist? Essen als dicke Person. Wenn schlanke Menschen zum Teil abgefeiert werden, wenn sie Pizza mampfen und Torte preisen (hallo, Lorelei und Rory Gilmore), so sieht das häufig sehr anders aus bei dicken Menschen, wenn sie sich (wohl möglich noch in aller Öffentlichkeit) Pommes oder besten Kuchen in den Mund schieben.

Das folgende Rezept macht meinen dicken Körper glücklich. Und vielleicht eure ja auch. Lasst es euch schmecken und bleibt widerständig!

Zutaten (ausreichend für eine 22cm-Springform):
Boden:
20 fein zerbröselte Oreo-Kekse
60g Butter, geschmolzen

Füllung und Dekoration:
50g Kokosflocken
680g Frischkäse, glatt gerührt
50g weißen Zucker
20g braunen Zucker
1 TL Vanille-Extrakt
1 TL Kokosnuss-Extrakt
100g zerbröselte Vanille-Waffeln
230g aufgeschlagene Sahne
Erdbeeren je nach Größe
etwas Erbeersauce zur Dekoration

Anleitung:
1. Kokosflocken auf Backpapier ausbreiten. Bei 160 Grad im Ofen für ca. 5-10 Minuten backen. Die Flocken sollten goldenbraun sein. Zum Kühlen zur Seite stellen.

2. Geschmolzene Butter mit Oreo-Keks-Krümeln verrühren und die Masse auf den Boden der Springform fest drücken.

3. Frischkäse mit weißem Zucker, braunen Zucker und den beiden Extrakten gut verrühren.
4. Zur Frischkäsemasse die Kokosflocken und zerbröselten Vanille-Waffeln hinzufügen und noch einmal verrühren.
5. Sahne unter die Masse geben und dann die Füllung auf dem Boden verteilen.
6. Die Torte muss etwa 4-5 Stunden im Kühlschrank fest werden. (Ja, das warten ist schwer.)

7. Torte mit Erdbeeren und Erdbeersauce dekorieren.
8. Essen!




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„Innerhalb des psychiatrischen Systems kann es keine echte Emanzipation geben“

4. Mai 2017 von Nadine

Peet Thesing ist Kulturwissenschaftlerin, Wendotrainerin für feministische Selbstverteidigung und Selbstbehauptung und Aktivistin. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Psychiatrie, der Konstruktion von psychischen Krankheitsbildern und feministischen Widerstandsstrategien. Im März erschien ihr Buch über feministische Psychiatriekritik im Unrast Verlag. Wir sprachen mit Peet über Anerkennung von Leid und Diagnosen und Alternativen zu Therapie und Psychiatrie.

Wer in dieser Gesellschaft welche Diagnose bekommt und wessen Situation und Verfassung medizinisch anerkannt wird, wird durch gesellschaftliche Machtverhältnisse und Diskriminierung bestimmt. Einerseits sind viele von uns permanenter Psycho_Pathologisierung ausgesetzt, andererseits werden bestimmte Wahrnehmungen, Verfassungen und Lebenssituationen von Mediziner_innen nicht ernst genommen. Braucht es diskriminierungssensible / machtkritische Diagnostik oder lehnst du psychiatrische Diagnosestellungen gänzlich ab?

Innerhalb des psychiatrischen Systems kann es keine echte Emanzipation geben, da immer zwischen den Gesunden und Kranken unterschieden wird und Vorstellungen von psychischer Normalität geschaffen werden. Die Verschiebung dieser Grenze verändert nicht die Problematik der Grenze. Im Gegenteil, Diagnostik die sich machtkritisch nennt, versteckt, wie sehr Psychiatrie und ihr System zu Aufrechterhaltung ebendieser Strukturen beiträgt, die Menschen verletzen, diskriminieren und ausschließen. Ich verstehe den Wunsch danach, denn wir müssen in dem System klar kommen in dem wir leben – aber den psychiatrischen Zugriff noch mehr ausweiten ist nicht die Lösung.

Feministische Psychiatriekritik kann sehr herausfordernd sein, auch weil (diskriminierungssensible) Hilfs- und Unterstützungsangebote außerhalb des psychiatrischen und psychotherapeutischen Komplexes rar und/oder für viele finanziell nicht möglich sind. Braucht es überhaupt medizinische, psychiatrische und psychotherapeutische Ansätze zum Umgang mit Belastung, Leid, Schmerz und Gewaltfolgen? Welche Alternativen hält die feministische Psychiatriekritik bereit?

Ich würde grundsätzlich einfach die Annahme in Frage stellen, dass in der Psychiatrie um Hilfe geht. Heute wie auch historisch wird Gewalt und Ausschluss ist argumentiert mit „Es ist zu deinem Besten.“ Natürlich ist in der Welt in der wir leben individuell der Rückgriff auf therapeutische Unterstützung oft nötig, weil es zu wenig alternative Strukturen gibt. Wir brauchen vor allem gesellschaftliche Konzepte zum Umgang mit Gewalt und ihren Folgen, zum Umgang mit Schmerz, Leid und Krisen. Wie reden wir miteinander? Wie wohnen wir? Wie unterstützen wir Freund_innen? Die Menschen mit denen wir politisch arbeiten? Es gibt den Trend statt in Gruppen in unverbindlichen, losen Zusammenhängen politisch zu arbeiten. Das wirkt erstmal offener und zugänglicher. Gleichzeitig werden so keine konstanten Strukturen geschaffen, und Einzelpersonen können sich in Krisen nur schwer begleiten. Communities, die dann nicht überfordert sein oder Krisen, Leid und Schmerz auslagern wollen, brauchen ein gewisses Maß an Commitment.

Auf der Umschlagsseite zu deinem Buch schreibst du, dass Psychiatriekritik aus dem Blickfeld feministischer Aktivist_innen verschwunden ist. Warum glaubst du, ist das so? Stand das Thema irgendwann auf der Agenda und wenn ja, welche Interventions- und Widerstandsformen gab es?

In den 80ern ist einiges an feministischer-psychiatriekritischer Literatur erschienen. Vor allem ging es um die grundpatriarchale Konstruktion von Frauen als verrückt, um Rebellion und patriarchale Gewalt. „Frauen, das verrückte Geschlecht“, „Krankheit Frau“ und „Frauenfalle Psychiatrie“ sind nur einige Beispiele, oder Kate Milletts „Klapsmühlentrip“. Psychiatrie wurde als Dienstleisterin von Kapitalismus und Patriarchat betrachtet. Es wurden Frauenzentren geschaffen, Unterstützungsangebote für Frauen erkämpft. Diese gibt es heute nicht mehr in dem Umfang. Und in queeren und feministischen Szenen ist es nicht mehr im gleichen Maße üblich, konkrete Räumlichkeiten in der Öffentlichkeit zu erkämpfen, neue Institutionen zu schaffen. Es wird sich zu sehr um sich selbst gedreht. Psychiatrie, das betrifft nur die anderen. Therapie, ja, Medikamente auch, mal eine psychosomatische Klinik. Aber über psychiatrische Gewalt wird nicht geredet, geschweige denn Flugblätter geschrieben und Psychiatrien blockiert. Ich glaube, es gibt zu wenig Bewusstsein über die eigene Wirkmächtigkeit und zu viel Abfinden mit den Bedingungen in denen wir Leben. Veränderung braucht die Bereitschaft, gewohnte Denkmodelle loszulassen und Hoffnung zu haben, dass es anders werden kann.

Seit einiger Zeit setzen sich feministische Aktivist_innen vermehrt für die Anerkennung sogenannter psychischer Krankheiten als Behinderung ein, auch um auf Barrieren innerhalb linker / feministischer Communities und Leerstellen aktivistischer Widerstandsformen aufmerksam zu machen. Was hältst du von der Strategie?

Auch hier würde ich sagen: Ich verstehe den Impuls, aber ich will nicht Anerkennung vom Patriarchat oder den rassistischen und kapitalistischen Strukturen, sondern die Auflösung von eben diesen. Das ist einfach ein grundlegend anderer Ansatz. Klar, manchmal ist pragmatische Politik notwendig, aus finanziellen Gründen zum Beispiel. Aber das sagt nicht, dass meine politische Zielsetzung nicht eine andere sein kann. Ich will mich nicht abfinden mit einem scheinbar verbesserten Status quo.

In manchen identitätspolitischen Ansätzen werden sogenannte psychische Krankheiten nicht nur als Folge von Diskriminierung und Gewalt, sondern als Teil der körperlichen und biochemischen Konstitution der jeweiligen Person definiert. Nach diesem Ansatz gibt es „neurotypische“ und „neurodiverse“ bzw. nicht-behinderte und behinderte Menschen…

Das soziale Modell von Behinderung als behindert werden durch die Gesellschaft war ein wichtiger Erkenntnisschritt. Durch die Idee eines neurotypischen oder „normalen“ Gehirns wird sich auf ganz dünnes Eis begeben und diese Erkenntnisse vernachlässigt. Ein Gehirn ist keine biologische Konstante. Unsere Erfahrungen verändern das Gehirn. Was soll ein neurotypisches Gehirn sein? Und wo bleibt die Gesellschaftskritik, die dies in Frage stellt und nicht nur Anerkennung von einem kaputtmachendem System sucht? Was ist das Ziel dieser Bewegung, die Neurodiversität quasi auf sämtliche nicht-konforme Formen von psychischen Zuständen ausweitet? Anerkennung von einem System, das aussondert? Ich glaube nicht, dass dadurch die Verhältnisse grundlegend verändert werden können.

Dem eigenen Nicht-Funktionieren oder der Nicht-Erfüllung eigener und Erwartungen anderer wird manchmal mit Selbstpathologisierung begegnet. „ich bin … / ich habe …, also kann ich … nicht tun.“ Es scheint, als ob die Erklärung bzw. Offenbarung eines Krankheitszustandes ein effektiver Weg ist, sich gesellschaftlichen Annahmen über Leistungsfähigkeit, Gesundheit und soziale Interaktion zu widersetzen. Warum plädierst du dennoch dafür, mehr darüber in Austausch zu gehen, was eine_r nicht will, statt was eine_r nicht kann?

Wenn ich nur darüber rede, was ich kann oder nicht, aus welchen Gründen auch immer, rede ich nicht mehr darüber was ich will. Diese Gesellschaft treibt uns das wollen so sehr aus, gerade Frauen und auch viele trans Personen lernen, dass sie nichts wollen dürfen. Veränderung werden erkämpft in dem eine_r mehr will, anderes bewusst ablehnt, nicht durch die Wiederholung des Glaubens an eigenes Nichtkönnen. Das soll überhaupt nicht heißen, dass es nicht manchmal Sachen gibt die nicht gehen, möglich sind, einfach auch strukturell. Es geht mir nicht um persönliche Allmachtsfantasien in dem Glauben an absolute Autonomie. Es geht mir um eine politische Strategie, in der es Träume und Handlungsmöglichkeiten gibt. In der gerade Frauen und trans Personen sich als selbstwirksam erfahren können und in denen es den Hunger nach mehr gibt. Nach mehr vom guten Leben. Nicht nur das bisschen, was einer_m angeboten wird.




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Rechte Gewalt, Problematiken um den Eurovision und wütende Jüdinnen- kurz verlinkt

3. Mai 2017 von der Mädchenmannschaft

deutschsprachige Links

Heute würde May Ayim 57 Jahre alt werden. Sônia Kewan vom Missy Magazine spricht mit Natasha A. Kelly über die Performance „M(a)y Sister“, die heute aufgeführt wird, und inwiefern May Ayims Werk und Engagement bis heute für Schwarze Frauen in Deutschland relevant ist.

Bell Tower hat eine Presseschau zum 1. Mai zusammengestellt: Unter anderem geht es um den versuchten Todschlag durch Rechte nach der Verhinderung ihres Aufmarschs in Halle.

Welche (bildlichen) Darstellungen von Jüd_innen gibt es eigentlich? Debs wünscht sich auf Don’t Degrade, Debs mehr Optionen: „Wir brauchen Bilder von Jüdinnen, die nicht (mehr) nett und „nur“ klug sind. Ich will die Abwehr und die Abneigung, den Frust, die Verletzung sehen, weil sie da sind. Ich will wütende Jüdinnen in Kampfpose. Nicht nett sondern aufbegehrend, nicht (nur) intellektuell, nicht vergeistigt sondern als Verkörperung von Kraft und Stärke, physisch, greifbar, schmerzhaft. Ich will schreiende Jüdinnen, mit erhoben Fäusten, wütenden Blicken, kampfbereit, widerständig.“

„1991 schrieb Donna ihre Autobiografie, “Nobody Nowhere”, das erste von neun Büchern. Es war die erste autistische Autobiografie, die zum internationalen Bestseller wurde.“ – Colin Müller schreibt auf Autismus Kultur einen Nachruf auf Donna Williams, deren Autobiografie “Nobody Nowhere” die erste autistische Autobiografie war, die zum internationalen Bestseller wurde .

„Eurovision ist eine Herausforderung für die verwundbarste Bevölkerung in Kyiv. Während Medien „das Fest der Vielfalt“ besingen, haben wir als unabhängige aktivistische Gruppe eine Quelle geschaffen, um über unsere Sorgen zu informieren. Homophobie, Rassismus, Ableism – ist die einzige Vielfalt, die wir bei der Vorbereitung auf die Eurovision sehen.“ schreiben die Aktivist_innen auf dem Blog eurovisionsongcontest.noblogs.org

Claire Horst war in der Berliner Landeszentrale für politische Bildung zur Buchvorstellung „Die Deutschen und ihre Kolonien“ – und fand Narrative, in denen Rassismus nicht einmal erwähnt wurde, aber Raum für die positiven Seiten des Kolonialismus war und der Mord an zehntausenden Herero und Nama als „Auseinandersetzung“ deklariert wurde. Ihre Beschwerde an die Verantwortlichen dokumentiert sie auf ihrem Blog.

Hab keine Angst“ von Dr. Zahide Özkan-Rashed ist ein berührendes und
authentisches Buch über Interkulturalität, Migration und das
Miteinander verschiedener Nationen.

Termine in Berlin, Halle, Heidelberg und Kiel

5.-7. Mai in Halle: Konferenz junger politischer Frauen mit Workshops und Diskussionen.

11. bis 14. Mai in Berlin: XPOSED International Queer Film Festival.

13. Mai in Berlin: Das Queer Zine Fest Berlin steht wieder an. Table können noch angemeldet werden.

2. – 5. Juni in Kiel: Lesbenfrühlingstreffen 2017.

9. – 11. Juni in Kiel: Save the Date! LaDIYfest Kiel.

15. – 18. Juni in Heidelberg: Das Lady*fest Heidelberg findet statt!

14. bis 16. Juli in Berlin: Festival für ein offenes und solidarisches Neukölln. (Es werden noch Leute zum Mitmachen gesucht!)

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?




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