Ein Buch nach dem anderen: Mädchengeschichten, das Phänomen Köln und Umgang mit Trauer

25. Juli 2017 von Charlott

Kurzrezensionen

Die (sexualisierten) Übergriffe/ Gewalttaten auf der Kölner Domplatte in der Silvesternacht 2015/16 rückten auf einmal Debatten um sexualisierte Gewalt in den Mittelpunkt – geführt vor allem von Leuten, die bisher nicht aufgefallen waren als Verfechter körperlicher Selbstbestimmung und feministisch-informierter Anti-Gewalt-Arbeit. Als Feministin, die unterschiedliche Gewaltformen und deren Verschränkungen offen legen und angehen möchte, hatte man häufig das Gefühl, sich in jede Richtung abgrenzen zu müssen oder Grundlegendes (wieder) zu erklären. Sabine Hark und Paula-Irene Villa wenden sich in Unterscheiden und herrschen: Ein Essay zu den ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart (transcript, 2017) der Frage zu, wie „Köln“ zu so einem Objekt werden konnte, wie über die Geschehnisse gesprochen wurde bzw. wie sie medial dargestellt wurden, welche Positionen eingenommen wurden (und an welche zuvor bereits bestehenden Diskurse diese anknüpften). Herausgekommen ist ein Buch, was zum einen weniger ist als ein Buch über Köln – denn die konkreten Ereignisse und vor allem auch die Erfahrungen der Betroffenen sind hier hintenangestellt – und weit mehr als ein Buch über Köln – denn über die Silvesternacht hinausweisend bietet der Essay Unmengen an Stoff um darüber nachzudenken, wie konkret feministische Analysen und feministischer Aktivismus Hetero_Cis_Sexismus, Rassismus, Ableismus etc. fokussierend aussehen könnte. Der Text ist dabei sehr dicht, es lohnt sich aber inne zuhalten und über einzelne Gedanken selbst zu reflektieren, auch mal einen Abschnitt zweimal zu lesen. Besonders gut gefallen hat mir das letzte Kapitel vor dem Epilog. In diesem in Gesprächsform gehaltenen Textteil tauschen sich Villa und Hark über den Essay, Problemfelder, Unsicherheiten, Schreibentscheidungen aus. Diese angehangene (und doch elementare) Reflexion des eigenen Geschriebenes weist auf den achtsam analysierenden, sich selbst immer hinterfragenden Feminismus, den sie im Rest des Buchs bereits vortragen und spontan würde ich mir solche Kapitel auch in einer ganzen Reihe anderer Bücher wünschen.

Im Juni hatte ich das Glück bei der Buchveröffentlichungsfeier von Wir sind Heldinnen! Unsere Geschichten (w_orten & meer, 2017) dabei sein zu können und so auch einigen des Herausgeberinnenkollektivs SVK – Selbstverteidigungskurs mit Worten, ein Zusammenschluss von Berliner Mädchen zwischen 6 und 16 – beim Vorlesen ihrer Geschichten zuzuhören. Das Buch versammelt zehn Geschichte, mal gemalt, mal fotografiert, mal geschrieben von zehn Autorinnen, die – so die Verlagsbeschreibung – „die Erfahrung teilen, durch Fremdzuschreibungen geandert zu werden“. Es gibt einige Themen, die in vielen den Geschichten auftauchen vor allem Freund_innenschaft aber auch Mobbing, doch so unterschiedlich die Formen der Präsentation sind, so verschieden sind auch die erzählten Stoffe, die zwischen Realismus und magischen/ fantastischen Elementen wechseln, in denen es um verstecke Türen, Rassismuserfahrungen, den Horror zu kurzer Umziehzeiten für den Sportunterricht, unheimliche Träume, seltene Vögel, Kinder-Erwachsenen-Beziehungen oder Flucht geht. Das Buch bietet Geschichten zum Nachdenken, Lachen und voller Spannung. Es wäre schön, wenn es einen festen Platz in Schulbibliotheken findet – aber natürlich auch in den Bücherregalen und auf den Nachttischen Menschen jeglicher Altersgruppen.


„Girls with fire in their bellies will be forced to drink from a well of correction till the flames die out.“

Lesley Nneka Arimahs Kurzgeschichtenband What It Means When a Man Falls from the Sky (Riverhead, 2017) ist ein großartiges Debut und ich bin jetzt schon gespannt, was sie als nächstes schreiben wird. Ihre Geschichten, die alle ein präziser, wundervoller Schreibstil eint, varieren von sehr realistischen Darstellungen, über magischen Realismus und Allegorien hin zu SciFi. Bereits die erste Geschichte („The Future Looks Good“) lässt das Leser_innen-Herz kurz stocken und auch der Rest des Buchs bleibt emotional ohne aber effektheischend zu sein. In „Wild“ treffen zwei Cousinen aufeinander, wenn die eine aus den USA als Strafe für ihr Verhalten zur Familie der anderen in Lagos geschickt wird. Da ist die junge Frau in „Second Chances“, deren verstorbene Mutter plötzlich wieder den Alltag mitgestaltet. In der für den Caine Preis nominierten Geschichte „Who Will Greet You At Home“ kreieren Frauen ihre Babys, in dem sie sie aus Materialien, die ihnen zugänglich sind bauen und sie (im besten Fall) von ihren Müttern segnen lassen. Doch die Protagonistin der Geschichte, die ein zerrüttetes Verhältnis zu ihrer Mutter hat, scheitert immer wieder. Und in „What It Means When a Man Falls From the Sky“ gibt es Mathematiker_innen, die Schmerz/Verlust/Trauer von Menschen wegnehmen können, doch die Kosten dieser Rechnung erfahren die Protagonistin und ihre (Ex)Freundin nach und nach.
Kurzgeschichtenbände lese ich sonst häufig über einen längeren Zeitraum verteilt, immer mal wieder ein oder zwei Geschichten, Arimahs Band hingegen konnte ich kaum aus den Händen legen. Ein abwechslungsreiches Buch, welches Leser_innen mit unterschiedlichen sonstigen Lesegewohnheiten ansprechen könnte.

Thandi wurde in den USA geboren und wuchs dort auf, ihre Mutter Südafrikanerin, ihr Vater US-Amerikaner. Als ihre Mutter an Krebs stirbt, fühlt sie sich so verloren, dahintreibend wie nie zu vor. Zinzi Clemmons hat mit What We Lose (Viking, 2017) einen leisen, tiefgreifenden ersten Roman über Verlust und Trauer, Zugehörigkeit(sgefühle) und Liebe vorgelegt. Die Geschichte um Thandis Aushandlungsprozesse ist in kurzen Vignetten erzählt, die verflochten sind mit Blogbeiträgen zu südafrikanischer Politik, Fotographie, Emails und Statistiken. Die in einer Aufzählung erst einmal disperat wirkenden Fragmente fügen sich in diesem Roman zu einem größeren Ganzen, einem breiteren Verständnis zusammen, geben Thandi und ihrer konkreten Positionierung und Erfahrung Tiefe. Im Kern aber bleiben Fragen danach, wie wir mit dem Verlust einer geliebten Person umgehen (und teils versuchen/ daran scheitern die Leere zu füllen), wie Familien, ein Zuhause und Zugehörigkeitsgefühl in komplexen Verhältnissen aufgebaut werden können.

Buchnews und -debatten

Olumide Popoolas neuer Roman When We Speak of Nothing ist bei Cassava Republic erschienen. In einem Gastbeitrag auf The Writes of Woman erklärt Olumide, warum sie in ihren Roman über LGBT Lebensrealitäten in Nigeria und UK schreibt. Am 02. September wird Popoola in Berlin lesen und sprechen, da gibt es nämlich die zweite Auflage von Elnathan Johns Literaturveranstaltung Elnathan’s BOAT (FB-Link).

Beim Merkur gibt es ein mittlerweile fünf-teiliges Dossier zu Sexismus an Schreibschulen im deutschsprachigen Raum. Es schreiben u.a. Absolvent_innen und Student_innen aus Hildesheim, Leipzig und Wien über ihre Erfahrungen.

Deutschlandfunk Kultur berichtet über das britische Dichterinnenkollektiv Octavia, welches sich gegen Sexismus und Rassismus im Literaturbetrieb um die Autorin Rachel Long formiert.

Das Leben unter Trump? Auf The Nib zeichnen Schwarze Comic-Macher_innen ihre Erfahrungen nieder.

Ich kann es kaum ewarten: HBO wird aus Nnedi Okorafors Roman Who Fears Death eine Serie machen! Wer mehr über die Okorafor und ihr Werk erfahren möchte, kann beispielsweise meinen analyse&kritik Artikel aus dem letzten Jahr lesen.

What nobody tells you about being a trans woman of colour author“ – Kai Cheng Thom schreibt auf Xtra über ihre Erfahrungen.

Wenn mal über Literatur von Native Americans gesprochen wird, dann leider nur über sehr wenige Autor_innen (um genau zu sein häufig ausschließlich über Sherman Alexie). Erika T. Wurth schreibt in ihrem Essay „The Rest of Us Have Always Been Here“ auf ROAR über die Unsichtbarmachung der vielfältigen Literatur(en) von Native Americans.

Katelan Dunn für das LSE US Centre Sarah Turnbulls Buch Parole in Canada: Gender and Diversity in the Federal System.

Im April berichtet der Guardian, dass in neu aufgetauchten Briefen von Sylvia Plath diese physische und psychische Gewalt durch ihren Mann den Dichter Ted Hughes beschreibt. Emily Van Duyne stellt bei Lithub fest, dass diese Briefe nur überraschend/ schockierend sind, wenn man bisher nichts von dem, was Plath geschrieben/ gesagt hat, ernstgenommen hat und fragt: „Why are we so unwilling to take Sylvia Plath by her word?




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Samstagabendbeat mit Alicia Keys

22. Juli 2017 von Charlott

Alicia Keys‘ letztes Album Here erschien zwar bereits im letzten November, aber ihre Hymne für unterschiedlichste Familienkonstellationen „Blended Family (What You Do For Love)“ lässt sich auch ganz wunderbar im Sommer hören:




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Freund_innenschaft, Konsensfragen und Polizeigewalt – kurz verlinkt

20. Juli 2017 von der Mädchenmannschaft

Deutschsprachige Links

Ein neues, spannendes Projekt ist diese Woche gestartet: Agent*In – ein kritisches Online-Lexikon zu Anti-Feminismus. Beim Gunda-Werner-Institut werden die Hintergründe und die Idee hinter dem Wiki erläutert.

Am letzten Samstag fand in Berlin die 4. „behindert und verrückt feiern“ Pride Parade statt. Die Redebeiträge, beispielsweise von AbilityWatch und Rebecca Maskos, können jetzt online nachgelesen werden.

In der taz spricht Katharina König-Preuss über die Bedeutung des Konzerts in Themar am letzten Wochenende, nämlich die offensichtlich große Vernetzung unterschiedlicher extrem rechter Gruppierungen.

Das Leben ist so viel besser mit der richtigen Freund_innen-Crew. Bei i-D sprechen die Musikerin Ilgen-Nur (hier unser Samstagabendbeat mit ihr) und ihre Freund_innen über Zusammenhalt, Kritik und Erwachsenwerden.

Das Fuck Yeah Sexshopkollektiv will einen sex-positiven Shop mit Produkten zu Lust, Körper und Sexualität in Hamburg eröffnen. Unterstützen könnt ihr die Crowdfunding Kampagne bei StartNext.

Auch wenn Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz verlautet, dass bereits der Begriff Polizeigewalt gar nicht ginge, reißen die Berichte von eben dieser Gewalt bei den G20-Protesten nicht ab, so dass sogar die ZEIT nahelegt, dass man den Berichten nachgehen muss. Auch bei den G8-Protesten in Genua berichteten viele Aktivist_innen von Gewalt. Auch damals für viele Medien und Politiker_innen falsche linke Aussagen. Heute bestätigt die italienische Polizei, dass damals u.a. Folter ausgeübt wurde.

Das Videoprojekt Konsens in der Praxis hat mit unterschiedlichen Leute über (sexuellen) Konsens gesprochen. Im Interview mit der Schriftstellerin und Aktivistin SchwarzRund geht es u.a. um weiße queere Räume, Konsens mit sich selbst zu finden und das Hinterfragen einfacher starrer Regeln.

Am 07. Juli fand der 20. Fachdialog Gender von ver.di statt. Im Mittelpunkt stand die Evaluation zu 10 Jahren Antidiskriminierungsgesetz. Eine Dokumentation des Fachdialogs findet sich online. Dazu auch passend: Die gerade erschienene Studie „Out im Office?!“ zur LSBT*-Arbeitssituation.

Englischsprachige Links

Die großartige Autorin und Journalistin Janet Mock hat einen Podcast – da lohnt sich das Reinhöhren auf jeden Fall

Termine in Berlin, Bremen, Gersdorf, Würzburg:

14. bis 21. Juli in Würzburg: Aktionswoche Queere Kämpfe verbinden.

27. Juli in Berlin: Being queer in South Africa – Diskussion und Konzert mit Teilen des LGBTIQA Künstler*Innen Kollektivs Rainbow Riots. (FB-Link)

2. bis 9. August in Gersdorf: Das Wer lebt mit wem? Camp lädt zu Diskussionen und Austausch rund um verschiedenste Zusammenlebensformen.

7. bis 25. August in Bremen: Im August finden gleichzeitig die 20. Informatica Feminale und 9. Ingenieurinnen-Sommeruni statt.

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?




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Schmerzensfrau. Vom Leben mit chronischen Schmerzen.

18. Juli 2017 von Charlott

„So, jetzt sagen Sie mal, wie würden Sie Ihren Schmerz kategorisieren auf einer Skala von 1 bis 10?“ Häufig, wenn ich diese Frage gestellt bekommen habe, war mein erster Gedanke: „Was soll meine Aussage bringen, wenn ich nicht einmal regelmäßig gefragt werde und es wenigstens einen Verlauf zu dokumentieren gebe?“. In anderen Situationen aber war der Schmerz so groß, dass ich zu elaborierten Gedanken nicht mehr fähig war und irgendeine Zahl, die sich für mich in diesem Moment richtig anfühlte, genannt habe. Das erwies sich auch selten als richtig, denn kaum jemals wurde meine Zahl unkommentiert aufgenommen. Beispiel: Ich liege im Krankenwagen, nachdem ich in einem Zug vor Schmerzen fast zusammengebrochen bin. Ich kann gerade seit etwa einer Minute wieder Worte formulieren, der Schmerz klingt also etwas ab. Ich sage eine relativ hohe Zahl. Der Sanitäter lacht etwas: „Naja, das ist eine Zahl, die Frauen bei der Geburt nennen.“

In ihrem Buch Pain Woman Takes Your Keys. And Other Essays From a Nervous System (University of Nebraska, 2017) schreibt Sonya Huber über das Leben mit chronischen Schmerzen und chronischen Krankheiten. Sie analysiert wie gerade frausierte Personen hinsichtlich von Schmerz nicht ernst genommen werden, das eigene Verhältnis zum schmerzenden (versagenden?) Körper, die Unterbehandlung von chronischen Schmerzpatient_in, die ewigen gut gemeinten Tipps (Hast du schon einmal Yoga probiert?), Sex oder die Abwesenheit von Sex, Schmerz-Selfies und eben auch unzureichende Schmerzskalen. Für letztere bietet Huber eine wunderbare Alternativskala an, die so perfekte Kategorien umfasst wie „2. Ich bin beschäfftigt-beschäfftigt-beschäfftigt, denn wenn ich mich schnell genug bewege, dann holt mich der Schmerz nicht ein! Und jetzt bin ich in Bewegung, aber sobald ich anhalte, wird die Couch mich wie ein Magnet anziehen.“*, „7. Fass mich verdammt noch mal nicht an.“ und den Abstufungen von ich kann nicht mehr lesen, über ich kann nicht mehr TV sehen zu ich kann keine Handyspiele mehr spielen. Selten habe ich mich in einem Text so wiedererkannt.

Huber wechselt zwischen unterschiedlichen Schreibstylen, mal sehr poetisch, häufig humorvoll, klar analysierend, mäandernd, Alltagsbeschreibungen, öffentliche Briefe, Listen. Viele der einzelnen Texte sind relativ kurz (was gerade, wenn man selbst beispielsweise Schmerzen erlebt, super ist). Insgesamt hat das Buch nur knap 180 Seiten, doch schafft es Huber diese prall zu füllen und viele unterschiedliche Ebenen anzureißen, von Kritiken am Gesundheitssystem (hier natürlich mit besonderem Fokus auf die USA), zu Annäherungen, was Schmerz eigentlich ist/ bedeutet/ macht, Blicke auf Diskurse rund um Krankheit/Gesundheit (zB zum Thema Dankbarkeit) und Analysen alltäglicher Situationen. Huber gibt Einblicke, was es für sie bedeutet mit chronischen Schmerzen/ Krankheiten lohnzuarbeiten und Mutter zu sein. Sie spricht offen über Versagensängste und Gedankenspiralen zu Produktivität, aus denen nur schwer ein Entkommen möglich ist.

In einem ihrer Essays schreibt Huber: „Schmerzensfrau hat dir Zeugs zu erzählen und sie hat nur eine Minute Zeit bevor sie dazu zu müde ist. Schmerzensfrau weiß Dinge“. Es lohnt sich Schmerzenfrau(en) zuzuhören. Als Person, die teilweise Diagnosen mit Huber teilt, habe ich bei Pain Woman Takes Your Keys viel genickt und genauso viel an Zitaten unterschrichen und notiert. Das Buch ist aber auch ein guter Einstieg für alljene ist, die bisher keine Erfahrungen mit chronischen Schmerzen und Krankheiten machen mussten. Und für alle, die weiter lesen wollen, führt Huber auf ihrer Webseite eine Liste mit Memoiren, Essays, Tagebüchern und weiteren Ressourcen zu Krankheit und Behinderungen.

*Alle Zitate aus dem Englischen von mir übersetzt.




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Samstagabendbeat: 20 Jahre mit Missy Elliott

15. Juli 2017 von accalmie

Heute vor zwanzig Jahren erschien Missy „Misdemeanor“ Elliotts Debüt-Album „Supa Dupa Fly.“ Nicht nur musikalisch, sondern auch visuell setzte Missy Elliott von Beginn an neue Maßstäbe – das Video zur Single „Sock It To Me“ machte 1997 dabei keine Ausnahme. Happy Anniversary!




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Sexistische Anfeindungen bei G20-Protesten, Ehe gegen alle und das Wort „Nein“ – kurz verlinkt

13. Juli 2017 von der Mädchenmannschaft

Deutschsprachige Links

Über das G20 Treffen in Hamburg und vor allem die Proteste gegen dieses wurde in den letzten Tagen ohne Ende berichtet – auch wenn differenzierte Analysen leider gleich viel rarer waren. Ein paar Texte und Inhalte, in die sich ein Blick lohnt: Beim Missy Magazine hat Leyla Yenirce zehn Dinge, die über G20 gesagt wurden und die Ereignisse verzerren, knapp hinterfragt, Geschäfts- und Gewerbetreibende des Hamburger Schanzenviertels haben eine sehr differenzierte Beschreibung der Geschehnisse abgeliefert (FB-Link), Elsa Koester berichtet bei neues deutschland über sexistische Anfeindungen und Agressionen und in einem Youtube-Video spricht Daniel Loick über Polizei, Verkehrung demokratischer Grundprinzipien und Repressionen. Auf der Seite G20Doku werden nun Polizeigewalt und Grundrechtsverletzungen des Wochenendes zusammengetragen und dokumentiert.

Auf Facebook stellt sich die Berliner Kampagne „Ban! Racial Profiling – Gefährliche Orte abschaffen!“ vor.

„Ehe gegen alle“: Tove Tovesson schreibt beim Missy Magazine zur Öffnung der Ehe und queeren Forderungen. Gleichgestellt sind übrigens auch weiterhin nicht alle Paare, die nun dank der Öffnung der Ehe heiraten können, denn inbesondere für lesbische Frauen wird die rechtlich aufwendige Stiefkindadoption weiterhin Bestand haben: Denn wenn eine Person in der Ehe ein Kind gebiert und die andere Person in der Ehe weiblich ist, dann ist sie eben nicht automatisch als Mutter anerkannt – diese Anerkennung gibt es im Recht nur für Männer. Dazu schreibt auch Christian Rath bei der taz.

In Hamburg möchte eine Gruppe einen neuen sex-positiven Shop mit feministischen Anspruch eröffnen. Derzeit gibt es eine Crowdfunding-Kampagne.

me, myself & child rantet kurz und knapp zum Unterhaltsvorschuss: „UV-Leistungen, die auf andere Sozialleistungen angerechnet werden, sind einen Dreck wert für arme Familien und helfen keineswegs aus der vermeintlichen Armutsfalle.“

Englischsprachige Links

Eine Erinnerung, dass der französische Präsident Macron auch bedingt Anlass zum Gutfinden gibt: In einem Interview schmiss er mit Afrika-Klischees um sich und sah als „Grundproblem“ afrikanischer Länder vor allem Frauen, die viele Kinder bekommen. Ja, super Analyse…

Sara Ahmed schrieb über das kleine, feine Wort „No“:
„But yes, we do know this about no:
You need more than a right to say no for no to be effective.
For feminism: no is political labour.“

Bea Bischoff schreibt bei Racked über das Navigieren des US-Rechtssystems als queere Anwältin, sie beschreibt Dresscodes, Perfomances und die zu Grunde liegenden hetero_sexistischen Strukturen.

Termine in Berlin, Bremen, Gersdorf, Würzburg:

13. Juli in Berlin: Finissage „Ihr dürft mehr als Ihr glaubt“ Irmela Mensah-Schramm.

14. bis 16. Juli in Berlin: Festival für ein offenes und solidarisches Neukölln.

14. bis 21. Juli in Würzburg: Aktionswoche Queere Kämpfe verbinden.

27. Juli in Berlin: Being queer in South Africa – Diskussion und Konzert mit Teilen des LGBTIQA Künstler*Innen Kollektivs Rainbow Riots. (FB-Link)

2. bis 9. August in Gersdorf: Das Wer lebt mit wem? Camp lädt zu Diskussionen und Austausch rund um verschiedenste Zusammenlebensformen.

7. bis 25. August in Bremen: Im August finden gleichzeitig die 20. Informatica Feminale und 9. Ingenieurinnen-Sommeruni statt.

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?




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Zwischen Frauen-Wrestling, 80s-Glam und Feminismus: Schaut GLOW!

10. Juli 2017 von Charlott

Gefühlt alle wunderbaren Serien durchgestreamt und Ihr wisst noch nicht so recht was Ihr als nächstes gucken sollt? Dann haben wir da was für Euch! Wir empfehlen: Die erste Staffel von GLOW, die seit 23. Juni bei Netflix on air ist und direkt unsere Herzen erobert hat.

Worum geht`s? Darum: In den 1980ern wird eine Gruppe von erfolglosen Schauspielerinnen und Außenseiterinnen für ein neues Fernsehformat gecastet – und zwar für eine Frauen-Wrestling-Show. Etwas, worauf die meisten der Gecasteten erstmal nicht besonders viel Lust haben – und das macht das Ganze natürlich umso unterhaltsamer. „Sie wrestlen mit weiblichen Stereotypen!“, versucht der etwas abgehalfterte Filmemacher Sam das Konzept zu verkaufen. Und dann kommt aber alles immer wieder ganz anders. Weiterlesen »




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Polizei zum G20-Treffen, vermeintliche Sprechverbote und antisemtische Werbung – kurz verlinkt

5. Juli 2017 von der Mädchenmannschaft

Deutschsprachige Links
In Hamburg anlässlich der Proteste gegen das G20-Treffen setzte sich die Polizei in den letzten Tagen einfach mal über Gerichtsentscheidungen hinweg und zweifelt die Legitmität von Anwält_innen an, die Mitglieder in linken Anwaltsorganisationen sind.

Auf verqueert gibt es eine ausführliche Kritik an der aktuellen Ausgabe der EMMA, die sich schwerpunktmäßig mit der Anthologie „Beißreflexe“ beschäftigt, einer Kritik an vermeintlichen Denk- und Sprechverboten innerhalb queerfeministischer Communitys.

Das aktuelle an.schläge-Magazin fragt, wie wir in Zukunft arbeiten werden. Judy Waycman spricht beispielsweise im Interview über ambivalente Beziehungen zu Technik und Judith Püringer zu Arbeit im Verborgenen.

Beim Missy Magazine schreibt Amelia Umuhire über einen Film-Workshop in Goma (Demokratische Republik Kongo), Grenzerfahrungen und weiße Helfer_innen.

Die neue Werbekampagne der Berlitz-Sprachschule fällt negativ durch ein antisemtisches Plakat auf. Mit dem Spruch „Enjoy life in full trains“, der auf so genannte falsche Freunde bei der Übersetzung anspielen soll, und der Bildersprache wird ein Meme übernommen, welches bei rechten Gruppen seit Jahren beliebt ist. Es berichtet darüber z.B. DerStandard. Die Werbeagentur hat sich mittlerweile geäußert und kann natürlich kein Problem erkennen, sie freuen sich sicher weiter über Kommentare bei Facebook.

In einer Untersuchung soll ermittelt werden, „ob Versicherungen in der Wahrnehmung von Versicherten alle Kund_Innen gleich behandeln, egal ob sie hetero-, homo- oder bisexuell sind, Trans* oder Nicht-Trans*.“. Noch kann man an der Umfrage teilnehmen.

Mentoringprogramm des Journalistinnenbundes ist in die 9. Runde gestartet.

Termine in Berlin, Bremen, Gersdorf, Köln, Mannheim, Wien, Würzburg:

6. Juli in Köln: Die Queer Roma Initiative hat eine Diskussion zu „Zwischen Intersektionalität & Asyl“ organisiert. (FB-Link)

6. Juli in Wien: Rechtliche Infos und praktische Tipps rund ums Plakatieren, Stickern und Sprayen gibt es ab 16 Uhr.

8./ 9. Juli in Mannheim: SPOKEN WORD Empowerment-Workshop für trans* Jugendliche und junge Erwachsene von 14-26.

11. Juli in Berlin: Ab 14 Uhr beginnt eine Informationsveranstaltung zum Hochschulzugang. Anmeldung per Email bis zum 2. Juli 2017 bei Yasmin Yassinat (yassinat(at)htw-berlin.de) (PDF)

14. bis 16. Juli in Berlin: Festival für ein offenes und solidarisches Neukölln.

14. bis 21. Juli in Würzburg: Aktionswoche Queere Kämpfe verbinden.

27. Juli in Berlin: Being queer in South Africa – Diskussion und Konzert mit Teilen des LGBTIQA Künstler*Innen Kollektivs Rainbow Riots. (FB-Link)

2. bis 9. August: Das Wer lebt mit wem? Camp lädt zu Diskussionen und Austausch rund um verschiedenste Zusammenlebensformen.

7. bis 25. August in Bremen: Im August finden gleichzeitig die 20. Informatica Feminale und 9. Ingenieurinnen-Sommeruni statt.

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?




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Wonder Woman zeigt, dass es für Erfolg noch immer Typen braucht

2. Juli 2017 von Nadine

 

http://waverlyyearp.tumblr.com/post/161438365107/summary-of-the-wonder-woman-movie

Wonder Woman ist eine Revolution. Soviel sei schon mal gesagt, bevor ich dann doch wieder Feminist Killjoy spielen muss. Regisseurin Patty Jenkins hat etwas Außerordentliches mit diesem Film geschaffen. 12 Jahre kämpfte sie darum, den Film machen zu können, bis man ihr 150 Mio. Dollar in die Hand drückte und sagte: You go girl (ein vergleichsweise geringes Budget zu ähnlichen Filmen). Anstelle von Joss Whedon, dem Buffy-Erfinder, dessen Wonder Woman Script vor ein paar Wochen geleakt wurde. Hätte Whedon den Film wie geplant gemacht, es wäre ein sexistisches Höllenszenario geworden.

Patty Jenkins‘ Wonder Woman ist der bisher teuerste Film, bei dem eine Frau Regie führte und schon stellte mann(!) in Frage, ob das nicht ein zu hohes Risiko sei. Es ist zugleich der erfolgreichste Film, bei dem eine Frau Regie führte (case closed). Patty Jenkins‘ Wonder Woman hat damit Fifty Shades of Grey den Rang abgelaufen und allein deshalb ist Wonder Woman eine Revolution. Innerhalb seiner Genres und Franchises rangiert WW auf den vordersten Plätzen, Tendenz steigend, weil WW noch etliche Wochen in den Kinos laufen wird. Die bekannten Filmkritik-Portale Metacritic und Rotten Tomatoes zählen WW zu den besten Superheld_innen-Filmen aller Zeiten. Beifall gab’s auch aus Hollywood: Etliche Schauspielerinnen, darunter Viola Davis, Jessica Chastain und Lupita Nyong’o sowie Lynda Carter, die Wonder Woman in den 70ern für’s Fernsehen spielte, haben den Film im Zuge seiner Premierenfeier in höchsten Tönen gelobt.

Der Erfolg des Films zeigt, wie sehnsüchtig ein Superheldinnen-Film erwartet wurde, wie wichtig Repräsentation auf Bildschirmen und Kinoleinwänden nach wie vor ist. Der Erfolg ist wichtig, damit wir auch in Zukunft Regisseurinnen, Drehbuchautorinnen, Produzentinnen mitbekommen, die andere Zielgruppen im Blick haben und nicht durch ihren white male gaze Frauencharakter zeichnen und shooten.

Der Erfolg des Films steht jedoch auch für einen anderen Aspekt im Film- und Fernsehbusiness: Dass stets ein gewisser Grad an Typenzentrierung und Heterosexualisierung nicht unterschritten werden darf, um gefällig für „alle“ zu sein. WW fällt durch den Bechdel-Test: Der Konflikt zwischen Zeus und Ares und dessen Folgen ist bestimmendes Gesprächsthema, daran ändern auch die kritischen bis abfälligen Bemerkungen der Protagonistinnen über Götter mit Allmachtsfantasien und Männer im Allgemeinen nichts. Und wenn es nicht gerade um griechische Mythologie und damit den Background von Amazonen und Halbgöttin Diana geht, ist General Ludendorff und sein hoffentlich baldiger Tod gern gesehen. Nun würde ich da sicherlich auch zwei Augen zudrücken, weil ich der Idee von gewalttätigen und bewaffneten Frauen gegen Typen im Kampf für Gerechtigkeit immer viel abgewinnen kann, doch unverzeihlich bleibt leider die Geschichte von Diana und Steve im Verlauf der Handlung.

Obwohl es kein Geheimnis ist, dass Wonder Woman (Comic und Superheldin) sehr viele queere Bezüge hat, werden diese im Film in der Storyline von Diana und Steve leider nach hinten gestellt. Die Liebesgeschichte der beiden wirkt unnötig, konstruiert und wenig emotional touchy. Warum sollte sich Diana, die ihr Leben bisher nur mit Frauen verbracht hat, Typen für „unnötig für sexuelle Befriedigung“ hält und auch sonst wenig Interesse an Liebesbeziehungen zeigt, sich in wenigen Tagen in einen Typen verlieben? Und zwar so tiefgreifend, dass sie seinen Tod mehr betrauert als den ihrer geliebten Tante, Kriegerin und Generälin des Amazonenheers Antiope? Mehr noch wird Steves Tod als Vehikel für ihr „Coming Out“ als menschheitsrettende Superheldin genutzt. Als Sidekick bekommt Steve im Gegensatz zu Superhelden und ihren Romantic Love Interests wesentlich mehr Screentime und eine eigene Story, die des heldenhaften Märtyrers. Immerhin mussten wir keinen Hetensex sehen (gute Entscheidung Patty) und lediglich ein „I love you“ und einen Kuss ertragen, der noch nicht mal ein anständiges CloseUp bekam (gute Entscheidung Patty), doch die Message war klar.

Auch glänzt der Film leider nicht durch ausgereiften Antagonismus: Ludendorff und Ares bleiben unterkomplex und farblos, Diana klatscht binnen weniger Sekunden alles weg, was ihr im Weg steht, sorgt quasi im Alleingang für das Ende des 1. Weltkriegs und ihr Halbbruder Ares, immerhin der Kriegsgott, sieht keine Sonne im Zweikampf. Schön für das Auge und das warme Gefühl in Herz- und Bauchgegend, weniger vorteilhaft für die philosophische Tiefe des Films: Ist die Menschheit es trotz ihrer Gewaltgeschichte wert, gerettet zu werden? Und wenn ja, warum?

Anders als das Missy Magazine sehe ich die Darstellung von Dianas Charakter als großen Gewinn für den Film. Ihre Unverblümtheit und ihr unbändiger Idealismus sind ihre größten Stärken. Ich weiß nicht, warum Frauen in anderen Frauen stets die Harten, Rationalen und Analytischen sehen wollen, wenn es um Macht und Stärke geht und andere Charakterzüge als Zeichen von Schwäche oder Unterlegenheit deuten. Ich erlebe in meinem Alltag und in der Popkultur, die ich konsumiere, sehr vielfältige Frauen, die mir immer wieder zeigen, dass ihr Wesen oder ihr Charakter nichts damit zu tun hat, wie intelligent, autonom, stark und selbstbewusst sie sind. Wenn das kein Empowerment sein soll

Noch in diesem Jahr werden wir Wonder Woman in einer nächsten Comic-Adaption bewundern können: Justice League. Justice League wurde bereits vor der Premiere von WW umgeschnitten, einige Szenen mit Gal Gadot nachgedreht, damit WW mehr Screentime als zuvor geplant erhält. Und Patty Jenkins soll bereits eine Zusage für den zweiten Teil von WW erhalten haben. Wer nicht so lange warten kann: Wynonna Earp, Jessica Jones, Kara Zor-El (Supergirl) und Peggy Carter (Agent Carter) sind eure Seriensuperfreundinnen.

Bonus und Grüße an Accalmie, Charlott und Magda (die mit mir im Kino saßen):

http://dcfilms.tumblr.com/post/161665584341/patty-jenkins-worked-really-hard-with-her-team-to

http://wonderswoman.tumblr.com/post/161655983859




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Fünf Wünsche. Jenseits von #EheFürAlle.

30. Juni 2017 von Magda

Über die #EheFürAlle wird gerade im Bundestag abgestimmt. Das finden manche „unwürdig“ und „überstürzt“, zum Beispiel die CDU. Was seit fast 30 Jahren diskutiert wird, geht der CDU also ein bisschen zu schnell. Außer der Merkel natürlich, die ihre „Unsicherheiten“ und ihr bauchgefühliges „Unbehagen“ in Bezug auf die Öffnung der Ehe sowie der Gleichstellung im Adoptionsrecht anscheinend überwunden hat. Good for her! Die Grünen und die Linken feiern die Abstimmung als regenbogenfarbenen Erfolg. Die SPD, die bei der Bundestagswahl 2013 „hundert Prozent Gleichstellung“ versprach und bisher eher mit hundert Prozent Nichtstun und Abstimmungsvertagung auffällt, prescht nun vor. Martin Schulz verkündete vor wenigen Tagen in einem dramatischen Tweet: „Wir werden die Ehe für alle beschließen. Diese Woche.“

Sense8 Pride Szene

Nun ist es kein Geheimnis, dass ich die Ehe für alle für keine emanzipatorische Forderung halte. Nadine formuliert es noch ein Stück schärfer und spricht von „Illusion von Antidiskriminierung, eine Täuschung“ . Ich bin ehrlich: Müsste ich abstimmen, würde ich nicht gegen die Ehe für alle stimmen. Schon allein, um den konservativen Heten schlechte Laune zu bereiten. Utopisch geträumt, gehört die Ehe und all ihre Privilegien allerdings abgeschafft. Der medienwirksame Hahstag #EheFürAlle ist ein rhetorischer Trick. „Alle“ sind nicht gemeint. Und der Freudentaumel sollte nicht überdecken, dass die dringendsten queeren Kämpfe auch mit der Ehe für alle bestehen bleiben: Diskriminierung in allen Bereichen der Gesellschaft, Ausgrenzung, physische und psychische Gewalterfahrungen. Manche mutmaßen sogar, dass diese Themen nun noch unsichtbarer werden. So nach dem Motto: Wir können doch jetzt heiraten! Endlich gleichgestellt! Was gibt’s da noch zu meckern?!

Ich habe fünf Wünsche. Jenseits von Ehe für alle. Wer lesbische, schwule und bisexuelle Lebensrealitäten mitdenken, respektieren, feiern und supporten will, kann das tun. Jeden Tag. Es sind die regelmäßigen Handlungen, die einen Unterschied machen. Meine Vorschläge, insbesondere für hetero-lebende Menschen, die solidarisch sein wollen, aber keine Ahnung haben, wie:

1. Gehe nicht davon aus, dass alle hetero sind (oder Beziehungen wollen). 

Es ist nicht cool, anzunehmen, dass Frauen ausschließlich mit Männern und Männer ausschließlich mit Frauen zusammen sind bzw. zusammen sein wollen. Schon die Frage ist uncool. Manche wollen/können keine Beziehung haben. Und: Obwohl die Sexualisierung von Kindern kritisiert wird, spricht man selten von der permanenten Heterosexualisierung der Kids: „Ach guck mal, die Emma und der Adil sind ja ein süßes Paar. Na, warten wir mal ein paar Jahre ab, dann läuten die Hochzeitsglocken…!“ Vielleicht will Emma aber lieber mit Linh chillen. Oder mit niemandem.

2. Bitte nutze Sprache sensibel und sei solidarisch.

Schwul oder lesbisch sind keine Schimpfwörter, auch wenn so mancher Schulhof oder Jugendclub was anderes glauben lässt. Schön ist auch, zu intervenieren, wenn andere diskriminierende Sprache verwenden. Ein einfaches „Ich mag das nicht hören, das ist gemein“ kann schon sehr machtvoll sein. Und ein solidarisches Zeichen für diejenigen, die scheiß Sprüche oft hören müssen. Sprachkritik ist für manche müßig, aber ehrlich: Was sollen Kids und Jugendliche denn denken, wenn sie permanent hören, dass „schwul“ etwas schlechtes ist. Macht es nicht leichter, selbstbewusst zu sagen: Ich bin schwul. Oder lesbisch. Oder bi.

3. Vielfalt ist kein bloßes Lippenbekenntnis, sondern tägliche Praxis. 

Es gibt tolle Bücher, Filme, Serien oder Musik, in denen unterschiedliche Lebensrealitäten vorkommen und nicht alle hetero sind. Oder weiß, oder cis. Für alle zu empfehlen. Schlage deiner Kita, Schule, Bibliothek oder deinem Jugenclub vor, ein paar dieser Medien bereitzustellen.

4. Bitte objektifiziere queere Paare nicht. Hinterfrage deine Sicht auf die Welt.

Nervige Sätze, in denen lesbische, schwule und bisexuelle Menschen auf ihr Begehren reduziert bzw. in eine heteronormative Weltsicht gequetscht werden, sind zum Beispiel:

„Hach, Gerrit und Sören sind ja sooo niedlich.“
„Mein schwuler bester Freund sagt immer…“
„Guck mal, da ist Azadeh. Die kann sich nicht entscheiden, ob sie mit Männern oder Frauen zusammen sein will.“
„Lara ist der Mann und Sina die Frau in der Beziehung, das kann ja jeder sehen.“

Not cool. Kannste sein lassen.

5. Put your money where your mouth is. (Lass Taten sprechen.)

Falls du es dir finanziell leisten kannst, unterstütze queere Projekte und Crowdfunding Kampagnen. Check mal aus, welche Initiativen in deiner Stadt existieren. Gibt es Projekte für queere Geflüchtete und/oder Jugendliche und/oder obdachlose LGBTQ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans & Queers) oder für jene, die Gewalt erlebt haben? Befasse dich mit den Themen, die diese Gruppen und Initiativen behandeln. Meine Vermutung: Die Ehe für alle ist gar nicht das Brennpunktthema. Vielleicht schaffen es irgendwann noch andere queere Forderungen auf die politische Agenda.

Sense8 Pride Szene




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Geschrieben unter Familien_politik, Rechtsprechung | 2 Kommentare »



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