Hoyerswerda ist…

16. Januar 2017 von Nadine

Hoyerswerda ist…

Hoyerswerda ist die Stadt, in der ich geboren bin und bis zu meinem 19. Lebensjahr gelebt habe.

Hoyerswerda ist die Stadt, von der die Schriftstellerin Brigitte Reimann in ihrem 1974 erschienenen Roman Franziska Linkerhand berichtet, es sei die Stadt im Osten mit der höchsten Suizidrate.

Hoyerswerda ist das sozialistische Großmosaik, das noch immer die Lausitzhalle ziert, die bis heute von den meisten Hoyerswerdschen nicht Lausitzhalle, sondern HBE genannt wird. Haus der Berg- und Energiearbeiter.

Hoyerswerda ist Lausitzer Seenlandschaft, rundherum geflutete Tagebaue, wunderschöne Radwege, viel Wald.

Hoyerswerda ist eine Stadt, die kämpft, weil man verpasst hat, neben dem Braunkohleabbau Arbeitsplätze, Ausbildungsmöglichkeiten, ausreichend Lebensqualität zu schaffen.

Hoyerswerda ist alt. Das Durchschnittsalter seiner Bewohnerinnen liegt weit über 50. die Jungen ziehen weg. So wie ich.

Hoyerswerda ist klein. Von ehemals 80.000 Einwohner_innen kurz vor der Wende leben in Hoyerswerda heute vielleicht noch 25.000.

Hoyerswerda ist Stadtumbau Ost. Rückbau. Lücken und Leere im Stadtbild. Dafür viele Grünflächen.

Hoyerswerda ist die Frau Mitte 50 auf dem Balkon, die den Arm zum Hitlergruß in die Höhe reißt und hasserfüllt auf die Menschen herabschreit, die 2011 gegen das Vergessen demonstrieren.

Hoyerswerda ist die Biografie meiner Eltern, in der die Seite 1991 fehlt.

Hoyerswerda ist das entnervte Brummen meiner Oma, nachdem ich ihr schon wieder klarmachen muss, dass Geflüchtete Menschen sind.

Hoyerswerda ist mein Cousin, der in den 90ern in der Neonazi-Szene aktiv war und im Knast gesessen hat, weil er zusammen mit anderen Nazis einen Obdachlosen ins Krankenhaus geprügelt hat (oder schlimmeres) und später seine Frau. Über den meine Oma sagt, er hätte ja nur daneben gestanden und trinkt halt. Wie sein Vater.

Hoyerswerda ist die befreundete Aktivistin, die im letzten Jahr beruflich die Zweigstelle der RAA Sachsen besucht, um die Mitarbeiter_innen zu beraten, was man in Hoyerswerda in Sachen interkultureller Öffnung tun könnte oder gegen die „Ängste der Bevölkerung“. Wir treffen uns an einem Sonntagmittag vor dem Jugendclubhaus Ossi, in dem auch die RAA ihre Büros hat und ich hab keine Ahnung, wie der Laden mittlerweile eigentlich heißt. Ich frage sie, was sie alles über 1991 erfahren hat. Nichts sagt sie. Wie jetzt? frage ich. Darum gibt’s die RAA hier doch überhaupt. Wart ihr wenigstens an den Orten? Thomas Müntzer Straße, Albert Schweitzer Straße? Nein. Wie nein? Kannst du mich hinfahren, Nadine? Klar.

Wir setzen uns ins Auto und fahren durch die Stadtumbau Ost Lücken, vorbei an Brach- und Grünflächen, an verlassenen Supermärkten, unsanierten Schulen. Sag mal Nadine, weißt du wie viele PoC hier leben? Abgesehen von den Menschen in der Unterkunft? Ja. Hm. Keine? Wie meinst du das? Wenige. Ok. Ehemalige Vertragsarbeiter_innen und deren Kinder leben hier nicht mehr, die wurden zusammen mit Asylsuchenden nach den Pogromen aus der Stadt geschafft. Einige wenige mögen geblieben sein. Meine engste Schulfreundin Tam zog Ende der 90er mit ihrer Familie nach Berlin. Yosbani habe ich nach der Grundschule nie wieder gesehen. Schau. Hier habe ich früher gewohnt. Wo denn? Na da drüben. Das Haus ist aber abgerissen worden. Und hier fanden die Angriffe statt. Hier standen überall Menschen und haben Steine geschmissen. Molotovs. Wie in Lichtenhagen später. Wo denn? Na hier, aber die Häuser sind auch abgerissen worden. Für wen wollen die dann eigentlich interkulturelle Öffnung betreiben? Ich habe keine Ahnung.

Hoyerswerda ist die Dokumentation von 1994 über Hoyerswerda 1991, bei der ich immer wieder nach bekannten Gesichtern suche.

Hoyerswerda ist „Nationalsozialismus oder Untergang“, verziert mit Hakenkreuzen an der Hauswand, direkt neben dem Wohnhaus meiner Eltern.

Hoyerswerda ist dieser junge Typ, der mitten am Tag mit Reichskriegsflagge durchs Wohngebiet spaziert.

Hoyerswerda ist die Stadt, in der ich jede Ecke kenne, zum ersten Mal verliebt war, mit dem Fahrrad im Sommer zu Freund_innen fuhr und auch mal nachts betrunken mit dem Auto zurück.

Hoyerswerda ist eine halbe Stunde Autofahrt von Bautzen entfernt. Und eine von Dresden. Und auch nicht so weit von Chemnitz, Mittweida und Heidenau und Pirna und Freital und Görlitz.

Hoyerswerda ist Sachsen.




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Future Girls feat. Bernadette La Hengst

14. Januar 2017 von Magda

Ein Musikprojekt mit den ‚Future Girls‘ und Bernadette La Hengst, das den besten Satz der Musikgeschichte enthält: „Ich kann sehr gut Pizza essen“.

Durchgeführt von TRITTA e.V. – Verein für feministische Mädchenarbeit Freiburg.




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Wo kommen wir eigentlich her?

12. Januar 2017 von Nadine

Ziemlich vielen Menschen wird in diesem Land ziemlich häufig die Frage gestellt, wo sie eigentlich herkommen. Ziemlich viele Menschen in diesem Land wissen, dass das eine ziemlich rassistische Frage ist.

Ziemlich viele Menschen auf diesem Planeten wissen um ihre Geschichte, ihre Familien, ihre Vorfahren, ihre Kulturen und Traditionen, könnten dir ihre Geschichte erzählen, die ziemlich weit zurückreicht. Wo sie eigentlich herkommen und wie sie hierher kommen also nicht nur an den Ort sondern auch ins Jahr 2017, wissen ziemlich viele Menschen auf diesem Planeten ziemlich genau.

Wenn also ziemlich vielen Menschen in diesem Land ziemlich häufig die Frage gestellt wird, wo sie eigentlich herkommen und ziemlich viele Menschen in diesem Land wissen, dass das eine ziemlich rassistische Frage ist, die so lange weiter gestellt wird, bis sich ziemlich viele weiße Menschen in diesem Land ziemlich sicher sind, dass die befragte Person ziemlich wenig deutsch sein kann, frage ich mich: stellen sich weiße Deutsche eigentlich auch mal diese Frage?

Wo kommen wir eigentlich her?

Wenn wir in unsere eigene familiäre Vergangenheit schauen, wie weit reicht die eigentlich zurück? Was und wieviel wissen wir darüber? Wenn wir mal die Generationen durchleuchten, die vor uns liegen. Wo kommen wir eigentlich her? Wer kann mit ziemlicher Sicherheit behaupten zu wissen, was seine_ihre Vorfahren 1884 gemacht und gedacht haben? Oder 1789? Oder 1914? Oder 1938?

Wo kommen wir eigentlich her? Die Frage, die weißen Deutschen ziemlich leicht von den Lippen geht, führt auf sich selbst angewendet ziemlich oft ins Leere. Moment mal. Da muss ich nachdenken. Wann fängt meine Familiengeschichte an? Meine eigene zum Beispiel beginnt erst 1945. Eigentlich noch nicht mal genau in diesem Jahr, irgendwie so danach. So ein bisschen. Eine kleine Grauzone zwischen dem 8. Mai 1945 und dem Jahr, in dem mein Vater geboren wurde. 15 Jahre Grauzone. Klar, es gibt ein paar Erzählungen meiner Großmutter, die älteste ihrer 5 Schwestern, auf einem Bauernhof arbeitend, der Staat musste ihrem Vater Geld geben, damit sie wenigstens noch den 10. Klasse Abschluss machen konnte. Weil sich die Familie nicht leisten konnte, ihre Kinder nicht arbeiten zu schicken.

Aber vor 45? Da sind nur Sätze oder einzelne Worte. Luftschutzbunker, Schützengräben, als die Russen kamen, in der Schule haben wir Hakenkreuze auf Flaggen genäht. Onkel Adolf. Ich gehörte ja nie zu den Braunen. Ich bin desertiert und nach Polen geflüchtet und habe mich dort der Sowjetarmee angeschlossen. Heldengeschichten. Oder kurze kontextlose und harmlos vorgetragene Milisekunden aus dem NS-Alltag. Mehr ist da nicht.

Wo kommen wir eigentlich her?

Meine Familiengeschichte beginnt da, wo sich das weiße Deutschland nach 45 in die private Sphäre zurückzog, unfähig und unwillens über die eigene Täterschaft nachzudenken und Verantwortung zu übernehmen… Der Krieg? Wir hatten ja nichts, also danach. Das ist wichtig. Dass mensch nichts hatte. Ok, ich weiß immerhin, dass meine Familie nicht zu Großgrundbesitzern, zu Kapitalisten oder zur Bourgeoisie gehörte. Zumindest nicht bis 1935. Was davor war, darüber weiß ich nichts.

Wo kommen wir eigentlich her? Und wonach suchen wir, wenn wir uns als weiße Deutsche diese Frage stellen? Zählen wir uns bereitwillig zu Deutschen mit Faschismushintergrund? Oder suchen wir zunächst mal nach Zeichen von Verfolgung? Kennen wir in unserem Freund_innenkreis Menschen, für die die Shoa nicht nur ein Begriff ist?

In den politischen Kontexten, in denen ich unterwegs war und in Teilen heute noch bin, geht es in Sachen Identitätspolitik fast immer darum, zu werden. Endlich ich sein können. Selbstbestimmung. In diesem Bestimmungs- und Verortungsprozess wird das davor ziemlich häufig ausgeblendet. Die Dinge, die ich weiß und die Dinge, die ich in meiner Geschichte annehme, aber von denen ich nichts wissen will. Wer will schon einen Nazi-Opa haben, wenn sie_er sich auch über die Tante aufregen kann, die letztens am Kaffeetisch wieder rassistischen Müll geredet hat? Wer will sich schon mit Oma Erna beschäftigen, die ihre jüdischen Nachbar_innen an die Gestapo verpfiff oder Großtante Rosie, die in Buchenwald Menschen in noch und nicht mehr nützlich einteilte? Und wer war eigentlich Urgroßonkel Hermann, der in schicker Uniform mit Totenkopf auf der grauen – ich nenne sie – Mütze. Und was ist eigentlich mit Helmut, der mit Hitlerporträt und tickender Uhr an der Wand beim Sonntagsessen Sieg Heil statt Amen sagte? Wollen wir den kennen, zu unserer Verwandtschaft zählen, zu unserer Biografie? Wollen wir wissen, wo wir wirklich herkommen?

Wo komme ich eigentlich her? ist eine Frage, die sich weiße deutsche Aktivist_innen ziemlich selten stellen. Warum bekomme ich keine Antworten, wenn ich Fragen stelle? Wieso weiß ich so wenig über meine Familie, habe von ihr aber Sprichwörter und Begriffe gelernt, die ich das erste Mal in Viktor Klemperers „Lingua Tertia Imperii – Die Sprache des dritten Reichs“ schwarz auf weiß las? Warum kenne ich Wörter, deren Bedeutung nur weiße deutsche mit Faschismushintergrund kennen? Wo kommt all das Wissen und wo kommen all die Selbstverständnisse her, die ich unhinterfragt in mir trug weit mehr als 20 Jahre lang? Und wieso gehört das nicht so selbstverständlich zu meiner Identität, zu meinem Gewordensein und zu meinem Werden? Wieso beginnt unsere eigene Geschichte und unsere eigene bzw. unsere neue selbstbestimmte Identität ziemlich häufig erst ab dem Zeitpunkt unserer Politisierung? Wieso feiern wir unsere Geburtstage, die weit hinter dem Geburtsjahr liegen, das in unserem Personalausweis steht, aber nicht jene die weit weit davor liegen? Wieso können wir nur dann in die Vergangenheit schauen, wenn sie zu unserer Geschichte von Diskriminierung passt?




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Sexualisierte Gewalt: Wer wird gesehen?

10. Januar 2017 von Charlott


Das Bild davon, wie ein Opfer sexualisierter Gewalt aussieht, wer als Täter in Frage kommt und welche Wege des Umgangs mit der erfahrenen Gewalt akzeptabel sind, kennt nur wenige Nuancen. Opfer sind zumeist cis-weiblich, hetero, weiß und able. Täter sind männlich (und häufig rassifiziert, wie auch die aktuellen Debatten in Deutschland zeigen). Diese Vorannahmen gerade auch in (Mainstream) feministischen Diskursen, haben Auswirkungen darauf, wie Hilfsangebote strukturiert sind, wer Zugang hat, welchen Erzählungen Raum gegeben wird, welche als schädlich gelten und was als „heilende“ Ansätze akzeptiert werden kann. Obwohl LGBTQ Personen von Beginn an elementar waren im „anti-violence movement“ und sich vehement gegen sexualisierte Gewalt einsetzen und Betroffene unterstüzen, sind es oft ihre Erfahrungen, die marginalisiert werden. Die im letzten Jahr erschienene Anthologie Queering Sexual Violence: Radical Voices from Within the Anti-Violence Movement herausgegeben von Jennifer Patterson möchte dem etwas entgegensetzen.

Eröffnet wird die Sammlung von River Willow Fagans Essay „Fluctuations in Voice: A Genderqueer Response to Traumatic Violence“. Fagans beginnt:

My voice is probably husky, as I have been crying; either way, my voice sounds like a man’s voice. Her voice, emanating from the phone, is cold. „This number is only for survivors of sexual violence,“ she tells me.
„I know,“ I say. „I’m a survivor.“
„I’m sorry but this number is for people in crisis only,“ she say. „You’ll have to call the business line.“ She sounds angry, as if by calling I have invaded her space […].*

Bereits in diesen ersten Sätzen spiegeln sich einige der fundamentalen Problemfelder wider, die in den folgenden Texten in Variationen aufgegriffen werden: Wer gilt als potentiell betroffen? Wem wird geglaubt? Wer hat Zugang zu Unterstützung?

Insgesamt 36 sehr unterschiedlich positionierte Menschen schreiben in Essay- oder (seltener) Gedichtform über sexualisierte Gewalt. Die Texte sind vier Kapitel untergeordnet: Redefining (Neudefinieren), Reclaiming (Wieder Aneignen), Resisting (Widerstand), Reimaging (Neuvorstellen). Die Kapitelabgrenzungen sind teils etwas wage, aber sie machen deutlich, was das Ziel des Buchs ist: Gewaltformen, zu denen es dominante Vorstellungen gibt, sollen neudefiniert werden, der Blick für Betroffene geschärft werden und genau hingesehen werden, wer Gewalt erfährt, wer Gewalt ausübt, mit welchen Folgen. Die Autor_innen bekommen den Raum ihre diversen Erfahrungen offen zulegen, Fragen zu stellen und Vorschläge zu unterbreiten.

Das Buch versucht dabei nicht dem dominanten Diskurs einen in sich kohärenten Gegendiskurs gegenüber zustellen, sondern Vorannahmen aufzubrechen und Widersprüche stehen zu lassen. So kann in einem Text dargelegt werden, wie die schreibende Person ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt auch dazu beigetragen hat, wie sie ihr Geschlecht und ihre Sexualität wahrnimmt und lebt, und in einem späteren Text der_die Autor_in gegen die Vorannahme, dass sexualisierte Gewalt „Ursache“ für Queerness sei argumentieren. Die Anthologie legt nahe, dass beide – auf der Oberfläche konträr wirkende Aussagen – gleichermaßen wahr sein können. Autor_innen fragen auch, wie mit Täter_innen in der eigenen Community umgehen, die auch mal Opfer waren, wie selbst anerkennen, dass die eigene Erfahrung sexualisierter Gewalt nicht davor schützt selbst gewalttätig zu agieren. Die Sammlung in ihrer Gänze deutlich, dass es nicht immer einfache Antworten gibt, nicht immer eine Lösung, die für alle passend ist. Das zu akzeptieren wird zu einer wichtigen Grundlage, um gegen sexualisierte Gewalt und für Betroffene von dieser Gewalt zu arbeiten.

Queering Sexual Violence: Radical Voices from Within the Anti-Violence Movement ist ein wichtiges Buch: Es repräsentiert marginalisierte Erfahrungen, regt zum immer weiter kritisch hinterfragen ein. Die Vielfalt der Texte ist ein großer Gewinn, auch wenn eine etwas klarere Gliederung im Buch – gerade langfristig zum Nachschlagen – schön gewesen wäre. Viele Autor_innen beschreiben konkret (und teils relativ graphisch) ihre Gewalterfahrungen. Ich zu mindestens musste immer mal wieder Pausen machen beim Lesen – aber das Buch ist es wert.

Zum Weiterlesen:

________

* Übersetzung Zitat: Meine Stimme ist wahrscheinlich heiser, da ich geweint habe. In jedem Fall klingt meine Stimme wie eine Männerstimme. Ihre Stimme, die aus dem Telefon klingt, ist kalt. „Diese Nummer ist nur für Überlebende von sexualisierte Gewalt,“ sagt sie mir.
„Ich weiß,“ sage ich. „Ich bin Überlebende_r.“
„Tut mir Leid, aber diese Nummer ist nur für Menschen in einer Krise,“ sagt sie. „Sie müssen unsere Geschäftsnummer anrufen.“ Sie klingt wütend, als wäre ich durch meinen Anruf in ihren persönlichen Raum eingedrungen […].




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Racial Profiling, Aktivismus-Tipps und DIY-Abtreibungen – kurz verlinkt

4. Januar 2017 von der Mädchenmannschaft

deutschsprachige Links

Seit der Silvesternacht wird (vermehrt) über Racial Profiling diskutiert (und dieses leider häufig gerechtfertigt). Das Thema an sich ist natürlich aber nicht neu: Die ISD informiert seit Jahren über diese rassistische Praxis und setzt sich gegen diese ein. Viele Informationen, Aktionen und Unterstützung gibt es zu dem bei der Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt. Bei jetzt erzählen aktuell der Autor Temye Tesfu und die Daten-Journalistin Sandhya Kambhampati über ihre Erfahrungen mit Racial Profiling in Deutschland.

Das Gunda-Werner-Institut hat eine Studie zur TV-Berichterstattung in ARD und ZDF über die Silvesternacht 2015/16 in Köln veröffentlicht.

Auf der Webseite der Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs gibt es auch Informationen in Leichter Sprache. Darauf aufmerksam machte Hurraki in einem Blogbeitrag.

englischsprachige Links

It’s Time to Talk About DIY Abortions„, schreibt Amie Newman bei Medium.

Autostraddle hat fünf Tipps für Aktivist_innen zum Jahresbeginn zusammengestellt: Von der Auseinandersetzung mit Intersektionalismus hin zum Einsatz von Privilegien.

Lindy West hat ihrer Twitter-Account deaktiviert. Beim Guardian erklärt sie warum: „I hate to disappoint anyone, but the breaking point for me wasn’t the trolls themselves (if I have learned anything from the dark side of Twitter, it is how to feel nothing when a frog calls you a cunt) – it was the global repercussions of Twitter’s refusal to stop them. The white supremacist, anti-feminist, isolationist, transphobic “alt-right” movement has been beta-testing its propaganda and intimidation machine on marginalised Twitter communities for years now – how much hate speech will bystanders ignore? When will Twitter intervene and start protecting its users? – and discovered, to its leering delight, that the limit did not exist.“

Und perfekte Vorsätze für’s neue Jahr:

Termine in Berlin, Freiburg, Hamburg und Stuttgart

12.01. in Freiburg: Um 19.15. beginnt ein Vortrag zu „Poly101„.

21.01.-22.01. in Göttingen: „write & fight“ – Empowerment-Workshop für Menschen, die in Deutschland Rassismuserfahrungen machen

02.02. in Hamburg: Workshop „Queerkommunistische Beziehungsformen“ von 14 bis 18 Uhr mit Bini Adamczak. Anmeldung unter: ich@anti-id.de.

17.02. in Berlin: Fachgespräch: „Wer hat Angst vor Geschlechterforschung? Strategien für ein Forschungsfeld unter Druck„. Anmeldung bis zum 14.02. über die Webseite.

21. bis 25.02. in Stuttgart: meccanica feminale findet statt mit einer ganzen Reihe von Kursen, einige gehen einen Tage, andere eine halbe Woche.

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?




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Arabisch und nordafrikanisch aussehende Menschen™ (Teil II)

2. Januar 2017 von Nadia

Zunächst einmal: Frohes neues Jahr! Und dann aber nochmal zurück in die Vergangenheit:

Silvester 2016 in Köln, Deutschland. Wer filzt meine Brüder bei Nacht und Wind? Es sind Polizisten die Spezialisten im Racial Profiling sind! Das ZDF, das wundert sich – wussten denn die arabisch und (nord)afrikanisch aussehenden Menschen™ von der inoffiziellen Ausgangssperre für Nicht-Herkunftsdeutsche nichts?!

Selfies kann man auch zuhause machen! (Plan B für Ausgangssperren.)

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Samstagabendbeat: Bye bye, 2016.

31. Dezember 2016 von Charlott

Für die letzten Stunden dieses Jahres gibt es hier noch ein paar wunderbare Lieder, die allesamt auf Alben dieses Jahr erschienen sind. (Und wer noch mehr Musik aus 2016 sucht: Nadia hat auf Shehadistan auch eine feine Zusammenstellung vorbereitet.) Die Liste gibt es auch als Playlist vollständig bei Youtube und bei Spotify.

Tegan and Sara „Faint of Heart“ (aus dem Album „Love You to Death“)

Alsarah & The Nubatones „Ya Watan“ (aus dem Album „Manara“)

The Tuts „1982“ (aus dem Album „Update Your Brain“)

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Jahresrückblick: Von Köln zu Gina-Lisa Lohfink und von AfD zur US-Wahl

30. Dezember 2016 von Charlott

Das Jahr 2016 war furchtbar. So furchtbar, dass ich anfing hier Beispiele aufzuzählen, aber mir immer mehr und mehr einfiel, so dass jede Aufzählung jeden Rahmen sprengen müsste. Stattdessen gibt es hier nun zur Vorbereitung auf ein angemessen widerständiges 2017 noch einmal eine Reihe von Texten aus diesem Jahr.

Glücklicherweise sind auch ein paar gute Dinge passiert: Am 03. Juli gewann Sharon Dodua Otoo den Ingeborg-Bachmann-Preis

  • In der letzten Silvesternacht kam es zu einer Reihe (sexualisierter) Übergriffe/ Gewalttaten auf der Kölner Domplatte. Was passierte danach? Die Belange der Opfer rückten schnell in den Hintergrund und wichen rassistischen Verallgemeinerungen und Forderungen. Dieser Verdrehung und Instrumentalisierung wandte sich Hannah in ihrem Text „zu Gewalt legitimierender Gewalt“ zu und zählte zu dem Missstände hinsichtlich sexualisierter Gewalt auf. Nadia schrieb über „Arabisch und nordafrikanisch aussehende Menschen™„, die nach Silvester auf einmal alle direkt erkennen wollten. Als Antwort auf diese Ereignisse und Debatten gründete sich die Initiative ausnahmslos, die sich gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus einsetzt. Nadia stellte ausgehend von dem ersten ausnahmslos-Positionspapier einige Fragen zu Möglichkeiten und Grenzen aktivistischer, emanzipatorischer Arbeit. Wie feministische Forderungen dann für rassistische Gesetzgebungen instrumentalisiert werden können, zeigte sich konkret im Juli, wo die Bundesregierung die Maxime „Nein heißt Nein“ in das Sexualstrafrechts einfließen ließ, gleichzeitig aber auch die Möglichkeit für Abschiebungen vereinfachte.
  • Erst vor ein paar Tagen hat sich mal wieder Assange zu Wort gemeldet und lobte den russischen Staat. Anfang dieses Jahres analysierte accalmie, warum es perfide ist im Zusammenhang mit Assenges Unterschlupf in der ecuadorianischen Botschaft über Freiheitsentzug zu sprechen.
  • Im Februar legte Heiko Kunert in einem Gastbeitrag „Eine Liste des Versagens“ zu deutscher Behindertenpolitik vor. Dass in diesem Artikel erwähnte Teilhabegesetz wurde später im Jahr vorgelegt – und heftig dagegen protestiert, denn es reihte sich nahtlos in die Versagensliste ein. Hannah schrieb über #nichtmeingesetz und den sichtbaren Protest behinderter Menschen (und darüber, dass sich viele Menschen ohne Behinderungen wenig mit dem Thema „Teilhabe“ auseinandersetzen).
  • Die AfD hat in diesem Jahr in einigen Landtagswahlen und Kommunalwahlen sehr hohe Ergebnisse eingefahren. Andere Parteien versuchten der AfD die Wähler_innen streitig zu machen, in die sie einfach ähnlich rechts agi(ti)erten. Schuldig für die Wahlergebnisse wurden (wie so häufig) die Nicht-Wähler_innen gemacht – manchmal noch dann, wenn die Zahlen zeigten, dass viele ehemalige Nicht-Wähler_innen an der Urne ihre Stimme für die AfD abgaben. Anna-Sarah schrieb zu den Landtagswahlen „Wählen gehen gegen rechts? – Wahlbeteiligung, Demokratie und AfD-Erfolg“ und Accalmie betonte in ihrem Text „Bitte nicht lächeln: Zur AfD„: „Die AfD ist eine extrem rechte Partei. Sie wird nicht aus „Unwissenheit“ gewählt.“.
  • Wenn ein „Hör auf“ nichts mehr wert ist„, schrieb Nadia über Gina-Lisa Lohfink, die sich nach erlebter sexualisierter Gewalt auf einmal auf der Angeklagten-Seite wiederfand. Unter dem Hashtag #TeamGinaLisa sammelte sich Protest gegen das Verfahren, Vergewaltigungskultur in Deutschland und Unterstützung für Lohfink. Magda berichtete im Juni von einer Protestaktion vorm Amtsgericht Tiergarten. Doch dann wurde Lohfink wegen falscher Verdächtigung zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 250€. Ich beantworte daraufhin in einem Text die Frage nach wie Vergewaltigungskultur aussehe mit „Genau so„.
  • Wenn über sexualisierte Gewalt und Gewalt in Beziehungen gesprochen wird, dann liegt der Fokus häufig auf cis-männlichen Tätern und cis-weiblichen Opfern. Doch wie (wenig) über Gewalt in queeren Beziehungen gesprochen wird, darüber schrieb Nadine.
  • Was bleibt, ist Protest.„, stellte Magda fest nachdem die Ergebnisse der US-Wahl eingetrudelt waren und Donald Trump zum Gewinner der Wahl erkoren war.
  • Wisst ihr, was auch keine Verheißung ist? Feministische Männer. Nadia erklärt warum: „Wann immer es in meiner feministischen Laufbahn um feministische Cis-Männer ging, sie mir begegneten, ich mit ihnen sprach oder mir zum Feminismus konvertierte Mannsbilder via Telefon, Mail, Blog-Kommentarspalte oder Sprachnachricht mitteilten, sie hätten es jetzt begriffen und würden sich ab sofort »für die Sache« einsetzen, kam es zu gespenstischen Szenen und Erlebnissen, von denen ich die meisten gerne vergessen würde.“
  • Ein Blick in die Aktivismus-und-Bewegungs-Geschichte(n) ist so wichtig: Zu sehen und lernen, welche Debatten es bereits gab, welche Erkenntnisse weitergeführt werden könnten, aber auch um die Arbeit und den Einsatz jener anzuerkennen, die vor uns kamen. Tanja Abou schrieb in ihrem Gastbeitrag „Prololesben und Arbeiter*innentöchter“ über Interventionen in den feministischen Mainstream der 1980er und 1990er Jahre und deren Bedeutungen in heutigen Auseinandersetzungen und Magda blickte zurück auf die Gruppe „Fat Underground„, die sich in den 1970er Jahren gegen Dickenhass einsetzte.
  • Wie in jedem Jahr haben wir auch dieses Mal wieder die „Feministische Bibliothek“ weiter gefüllt mit einigen Buchtipps. Magda besprach beispielsweise „Und was sagen die Kinder dazu? Zehn Jahre später! Neue Gespräche mit Töchtern und Söhnen lesbischer, schwuler und trans* Eltern“ und „Alles Inklusive. Aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter„, ich las „Rechtsextreme Frauen: Analysen und Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit und Pädagogik“ und empfahl „10 Bücher für die Freibad-Tasche“ und in einem Gastbeitrag blickte SchwarzRund auf das literarische Jahr 2016 deutschsprachig aus Schwarzer Perspektive zurück.



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Klassismus unterm Weihnachtsbaum, Sozialneid und jüdische Popmusik – kurz verlinkt

28. Dezember 2016 von der Mädchenmannschaft

Deutschsprachige Beiträge

Auch schon den Facebook-Post gesehen, in dem „lustig“ bestimmtes „Weihnachts-Verhalten“ verschiedenen Berliner Bezirken zugeordnet wurde? Class Matters schrieb dazu einen Rant: „Geige spielen mit Cheyenne„.

Pop, Punk, Prayer. Eine (kurze) Geschichte jüdischer Popmusik gibt es beim Missy Magazine.

Neue Ausschreiberunde von filia.die frauenstiftung: Bis zum 1. März 2017 können Anträge mit Ideen und Pläne für Projekte eingereicht werden. Die Projekte sollen dazu beitragen, dass Mädchen und junge Fauen frei von Gewalt leben und dass sie in der Gesellschaft mitentscheiden können. Unterstützt werden Projekte mit bis zu 5.000€. Die eingegangenen Anträge werden von den Mädchen und jungen Frauen des Mädchenbeirats gelesen und diskutiert.

DIE LINKE lobt anlässlich des Frauentages 2017 zum siebten Mal einen Preis aus, mit dem herausragende Leistungen von Frauen in Gesellschaft und Politik gewürdigt werden, den Clara Zetkin Frauenpreis (auch wir waren vor ein paar Jahren nominiert). Vorschläge können bis zum 15. Januar 2017 eingereicht werden.

Carolin Born schreibt im Freitag über den gewaltigen Backlash gegen den Zugang zu sicheren Abtreibungen: Ob nun in den USA, in Polen oder um die Ecke im niedersächsischen Landkreis Schaumburg.

Barbara Stellbrink-Kesy spricht mit Menschen. Das Magazin über das Leben und die Ermordung ihrer Großtante während der NS-Zeit und der Arbeit des „Förderkreis des Gedenkorts für die Opfer der nationalsozialistischen NS-‚Euthanasie‘-Morde“. Sie macht deutlich: „Wir leben in einer Konkurrenzgesellschaft, in der nur die „Nützlichen“ zählen. Das sieht man auch in der Flüchtlingsdebatte, und natürlich in den Debatten um Pränataldiagnostik und Sterbehilfe. Die Themen des Mahnmals sind hochaktuell.“

Deutschlandfahne cool neu besetzen (bzw. der AfD und Pegida als Symbol „wegnehmen“) und wieder stolz auf der Hipster-Trainingsjacke tragen? Das kann nicht funktionieren, schreibt Queer Vanity.

Seit Beginn des NSU-Prozesses begleitet NSU Watch diesen kritisch. haGalil schreibt über die bisherige Beweisaufnahme und die Bedeutung der Arbeit von NSU Watch: „Das linke Projekt protokolliert die Verhandlungstage und stellt die Aufzeichnungen online. Analytische Artikel zur extremen Rechten, zu institutionellem Rassismus, zum Handeln der Behörden, aber auch zu Positionen der Nebenklagevertretung, die die Opferseite repräsentiert, helfen den Leser_innen der Webseite des Projekts die Protokolle und das Verhandlungsgeschehen einzuordnen. Darüber hinaus leisten die bei NSU Watch Engagierten vielfältige Aufklärungsarbeit in Form von Vorträgen und Workshops.“ Das Projekt kann finanziell über eine startnext-Kampagne unterstützt werden.

Ein Blog von Vielen schreibt über Sozialneid.

Der i.d.a.-Dachverband e.V (i.d.a.=informieren, dokumentieren, archivieren), der seit 1983 die Zusammenarbeit der Lesben-/Frauenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen im deutschsprachigen Raum organisiert, sucht eine_n Projektkoordinator_in. Bewerbungsschluss ist der 31. Januar 2017.

Englischsprachige Beiträge

Die Schauspielerin, Schriftstellerin und Script Doctor Carrie Fisher ist verstorben. Anne Thériault schrieb eine Tweetreihe zur „Importance of General Organa„.

Auch die Astro-Physikerin Vera Rubin, die die Existenz dunkler Materie bestätigte, starb. Den Nobelpreis hat sie nie erhalten. NPR erinnert an ihr Leben.

Was ist eigentlich trans Literatur? Jede Geschichte mit trans Protagonist_innen? Ausschließlich jene von trans Autor_innen? Jedes Buch von trans Autor_innen, egal zu welchem Thema und mit welchen Protagonist_innen? Bei LitHub schreibt Gabrielle Bellot zu diesem Thema.

In einem Comic bei Oh Joy Sex Toy erzählt Mady G über Transsein und Schönheit.

Termine

21.01.-22.01. in Göttingen: „write & fight“ – Empowerment-Workshop für Menschen, die in Deutschland Rassismuserfahrungen machen

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?




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Wer war… Lieselott Herforth? Kernphysikerin und erste Rektorin einer deutschen Universität

19. Dezember 2016 von Gastautor_in

Nach erfolgreichem (= abgeschlossenem) Lehramtsstudium in Musik und Physik arbeitet Julia-Josefine in der Physikdidaktik einer Berliner Uni. Und wenn sie gerade nicht die Studierenden mit Physik quält, liest sie gerne Bücher oder spielt Gitarre in der Band Totally Stressed. Für die Mädchenmannschaft hat sie die Biographie von Lieselott Herforth: Die erste Rektorin einer deutschen Universität von Waltraud Voss gelesen, erschienen im Transcript-Verlag (2016).

Dieses Jahr wäre Lieselott Herforth, Kernphysikerin und erste Rektorin an einer deutschen Universität, 100 Jahre alt geworden. Ein sehr guter Grund, sich mit dieser bemerkenswerten Frau zu beschäftigen. Das dachte sich auch Waltraud Voss und schrieb diese umfangreiche Biographie.

Buchcover: Lieselott Herforth. Die erste Rektorin einer deutschen Universität. Waltraud VossPhysik studieren und eine Frau sein, das ist auch heute noch mit einigen Vorurteilen verbunden. Ich musste leider hin und wieder die Erfahrung machen, nicht als kompetent genug betrachtet zu werden und wenn doch, dann wurde mir abgesprochen eine „richtige“ Frau zu sein. Wie muss es wohl zu Zeiten von Lieselott Herforth gewesen sein? Daher war ich sehr begierig darauf zu lesen, welche Erfahrungen sie gemacht hatte und wie ihr Umgang damit war. Immerhin hatte sie es bis zur Rektorin der Technischen Universität Dresden geschafft und war damit die erste Frau in Deutschland, die solch eine Stellung annahm.

Aber schon in der einleitenden Bemerkung wurde mir klar, dass diese Erwartungen wohl nicht erfüllt werden. Waltraud Voss stellt klar: Das Buch ist eine „Bestandsaufnahme“ ist. Was meinem Leseinteresse keinen Abbruch tat.

Das Buch ist eine umfangreiche und übersichtliche Darstellung von Lieselott Herforths Leben. Viele Originalquellen und Bilder sind zu sehen und Waltraud Voss nimmt sich ausreichend Zeit für alle Aspekte in Lieselotts Leben. So findet sich auch eine kleine und liebevoll ausgesuchte Zusammenstellung von Originalbriefen des Vaters an Lieselott.

Zu Beginn von jedem Kapitel findet sich ein gesellschaftlicher Abriss. Dies ist wichtig, denn Lieselott Herforth war Kernphysikerin. Der zweite Weltkrieg, der Bau der Atombombe, der Energiewechsel von Kohle zu Kernenergie, die Gründung der DDR bis hin zum Mauerbau, der Kalte Krieg: Das waren die Zeiten, in denen Lieselott in diesem Bereich tätig war, sich immer für eine friedliche Nutzung einsetzte und in entsprechenden Gremien vertreten war.

Wer sich nicht von diversen unerklärten physikalischen Begriffen wie „Strömungsionisationskammer“, „Szintillationszähler“ oder „Sekundärelektronenvervielfacher“ abhalten lässt und eine gut recherchierte und zusammengestellte Biografie lesen möchte, wird hier nicht enttäuscht. Denn auch ohne das physikalische Verständnis wird klar, dass diese Frau in Ihrem Gebiet viel geleistet hat. Als Wissenschaftlerin, aber auch als hervorragende Lehrerin und Reformatorin zur praxisnaheren Ausbildung. Das Buch ist eine angemessene Würdigung für das umfangreiche und beeindruckende Leben der Lieselott Herforth.




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