Wie viele andere war auch ich am Samstag beim Slutwalk dabei. Über den Sinn der Slutwalks wurde und wird viel diskutiert. Was mich dabei besonders bestürzt und gleichzeitig wütend macht ist die Tatsache, dass einige anscheinend immer noch nicht verstanden haben oder verstehen wollen, worum es geht. Der Tenor dieser Diskutant_innen (oder auch Journalist_innen) ist, dass das ja alles gut und schön sei und sexuelle Übergriffe auch nicht okay und so, aber an und für sich, also, wenn man ganz ehrlich wäre und so… also an sich stimmt es doch schon, wenn eine Frau sich „schlampig“ anziehe, dann bräuchte sie sich eben auch nicht zu wundern, wenn sie Aufmerksamkeit errege und vielleicht eben auch belästigt würde. Sicher, man wolle das nicht gut heißen und verteidigen, aber …
Eine genaue Defintion dessen, was „schlampig anziehen“ sei, bleiben diese Menschen schuldig.
Nachdem ich einige dieser Diskussionen unter anderem bei twitter verfolgt habe, dachte ich, es ist mal an der Zeit festzuhalten, was Frauen (und alle, die sich als Frauen definieren) denn so an hatten, als sie sexuell belästigt wurden. Damit ein für alle Mal klar wird, dass es genau darum eben nicht geht. Es ist völlig egal, was jemand an hat, ob es vorher schon einen Flirt gegeben hat oder die Signale vielleicht „uneindeutig“ waren. Sexuelle Belästigung und Vergewaltigungen passieren. Sie passieren aufgrund von mangelndem Respekt und nicht vorhandener Selbstbeherrschung. Sie passieren aufgrund der bestehenden Machtverhältnisse, aufgrund von verschrobenen Frauen- (und Männer-)bildern, sie passieren, weil es einfach zu viele Arschlöcher auf dieser Welt gibt. Die Kleidung der belästigten Person hat damit nichts zu tun!
Als ich das erste Mal ungefragt von einem Fremden berührt wurde (als zufällig getarnte Grabschereien in öffentlichen Verkehrsmitteln mal außer Acht gelassen) trug ich Jeans, Winterpulli, Jacke und Turnschuhe. Ich war wenn überhaupt, dann nur dezent geschminkt. Ein fremder Mann griff mir um Vorbeigehen an die Brust und lief danach weiter, als sei nichts geschehen.
Das zweite Mal ereignete sich ein paar Wochen später auf einer Party. Wieder trug ich Jeans und Turnschuhe, dazu ein T-Shirt. Ein betrunkener männlicher Gast betatschte im Vorbeigehen meinen Hintern. Ich war gerade in ein Gespräch vertieft und hatte ihn nicht einmal kommen sehen.
Ich habe diese zwei Episoden bisher kaum jemand erzählt. Den Partygrabscher habe ich später am Abend immerhin noch bei meinen Freunden „verpfiffen“, aber trotz besseren Wissens waren mir beide Geschichten anfänglich vor allem peinlich, später habe ich sie dann verdrängt und eigentlich auch vergessen. Als ich sie vorhin in verkürzter Form bei Twitter thematisierte, begannen auch andere Frauen von Übergriffen dieser Art zu berichten. Da ich mir nicht sicher bin, ob sie ihre Geschichten so prominent lesen möchten, gebe ich jedoch die entsprechenden Tweets jetzt nicht wieder.
Aber wir möchten euch ermutigen, eure Geschichten in den Kommentaren zu erzählen! Schreibt auf, was euch passiert ist und schreibt auch auf, was ihr an hattet. Wir müssen über diese Dinge reden und wir müssen vor allem darüber reden, dass es schon reicht, als Frau das Haus zu verlassen, um „irgendwie auch selber schuld“ zu sein. Einfach eine Frau zu sein reicht aus, um „irgendwie selber schuld“ zu sein.
Und deswegen werde ich auch nächstes Jahr wieder beim Slutwalk dabei sein.

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