Vor einiger Zeit untersuchte Rachel McCarthy James von Deeply Problematic die Einträge der englischen Wikipedia-Startseite danach, ob Männer oder Frauen präsentiert werden. Das erschreckende Ergebnis: Im Schnitt kommt auf neun Männer gerade mal eine Frau. Zum Vergleich habe ich im Oktober eine Woche lang die deutsche Startseite durchgezählt – wer keinen eigenen Eintrag hatte, aber namentlich erwähnt wurde, zählte mit. Die Ergebnisse sind ähnlich vernichtend:
4. Oktober: 10 Männer, 2 Frauen
5. Oktober: 13 Männer, keine Frau
6. Oktober: 12 Männer, keine Frau
7. Oktober: 10 Männer, 3 Frauen
8. Oktober: 12 Männer, 1 Frau
9. Oktober: 15 Männer, keine Frau
10. Oktober: 11 Männer, 3 Frauen
Gleich an drei Tagen schaffte es keine einzige Frau auf die Startseite der Wikipedia, während Männer immer im zweistelligen Bereich vorgestellt wurden. Im Vergleich zur englischen Startseite also ein noch schlechteres Verhältnis. Eine volle zweite Woche habe ich seitdem leider nicht geschafft, aber sporadische Stichproben sehen ähnlich aus (31. Oktober: 13 Männer, 1 Frau, 18. November: 15 Männer, 1 Frau, 1 Fossil namens „Mungo Man“ dessen Geschlecht nicht abschließend geklärt ist).
Aber in der Geschichte waren nun mal öfter Männer an wichtigen Dingen beteiligt – was soll also daran schlimm sein?
Zunächst geht es Wikipedia auch um aktuelle Geschehnisse, an denen immer öfter und manchmal schon ausschließlich Frauen beteiligt sind. Wenn dann auf der Startseite keine Einzige erwähnt wird, wird schlicht die Hälfte der Welt und der Bevölkerung ausgeblendet. Sind „Frauensachen“ nicht relevant? Außerdem sollte heute klar sein, dass Geschichte oft von Männern geschrieben wurde, die die Bedeutung von Frauen einfach ausblendeten oder sogar Männern zuschrieben – ein Muster, das sich in der Wikipedia derzeit zu wiederholen scheint. Ein Punkt ist auch die geringe Beteiligung von Autorinnen an der Wikipedia. In einem neuen Werbevideo sind dann gleich zu Anfang zwei Frauen platziert (danach kommen aber nur noch Männer):
(via Girls Can Blog)
Stärker Autorinnen anzuwerben ist denn auch ein Vorschlag von McCarthy James, um die Geschlechter-Unausgeglichenheit in der Wikipedia anzugehen. Außerdem sollte pro Tag mindestens eine Frau erwähnt werden, um dem totalen Ausblenden entgegen zu wirken. Schließlich sollten Artikel über wichtige Frauen explizit ausgebaut und gepflegt werden, sowie die Repräsentation langsam angehoben werden, bis zu einer „Frauenquote“ von 40 Prozent. Forderungen, die wichtig sind, denn bisher gibt es bei den Macher_innen der Wikipedia und der verwandten Projekte kein Bewußtsein für Gender-Problematiken.
Auf der Leipziger Wikipedia-Konferenz „Critical Point of View“ im September kam dieser Aspekt anscheinend nicht zum Tragen, dort wurde lediglich allgemein über die immer größeren Kontroversen um Relevanz und interne Machtstrukturen debattiert. Wie schwierig es sein kann, sich als Neuautor_in inzubringen, stellte dann der theorieblog fest.
Ab heute gibt es dann noch mal eine Wikipedia Academy an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, zu Gender-Aspekten steht natürlich nichts im Programm. Außerdem sind bisher genau 2 Frauen und 17 Männer angekündigt.

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