Burkaverbote verhindern Emanzipation

13. September 2011 von Magda
Dieser Text ist Teil 10 von 10 der Serie Frauen & Religion

Im Zuge der so genannten “Burka-Verbote” in Frankreich, Belgien und in Teilen Spaniens im letzten Jahr führten wir auf der Mädchenmannschaft heiße Diskussionen über den Sinn und Unsinn solcher gesetzlichen Vorstöße. In der Diskussion um das Ver­mummungs­verbot in Belgien fragte ich mich, wer eigent­lich von diesen Gesetzen profitiert: Sind es die Niqab- und Burkaträgerinnen, die sich nach dem Ab­legen der angeblich so unliebsamen Ganz­körper­verhüllung plötzlich in einer ach-so-emanzipierten Gesell­schaft befinden oder ist es nicht viel mehr die Mehr­heits­ge­sell­schaft, die sich eines un­liebsamen Kleidungs­stückes entledigt, das ihrer Meinung nach für den “gefährlichen” Islam und Frauenverachtung steht – ohne, dass die Trägerinnen selbst dazu befragt werden.

Kriker_innen der Verbote waren und sind sich einig: Gesetz­liche Maß­nahmen in Form von Verboten führen nicht zu Emanzipation, sondern zu erhöhter Stigmatisierung der Burka- und Niqabträgerinnen und nähren die bereits existierenden gesamt­gesell­schaft­lichen anti-islamischen Ressentiments. Nicht nur die Verbote, sondern bereits die Debatten um “den Islam”, “die verschleierten Frauen” oder “die unter­drückten Muslima” führen zu einer Verschärfung der klischee­beladenen und ein­dimensionalen Zu­schreibungen an Muslima und/oder Frauen mit (Voll-)Verschleierung, die teils zu skurrilen Koalitionen von zum Beispiel Rechts­populist_innen und diversen Frauen­rechtler_innen führt.

Eine vor einigen Monaten veröffentlichte Studie mit 32 Burka- und Niqab­trägerinnen in Frankreich be­stätigt die An­nahmen der Kritiker_innen: Die unter der Lei­tung von Naima Bouteldja und von der Open Society Foundation durch­ge­führte Studie beschreibt die zum Teil entwürdigenden Erlebnisse der Teil­nehmerinnen nach dem In­kraft­treten des Ver­bots in Frankreich. Fast alle Studien­teil­nehmerinnen berichten von sexistischen und rassistischen Be­leidi­gungen, wenn sie in der Öffent­lich­keit unterwegs sind – teils auch von anderen Muslim_innen. Einige erlebten gar körperliche Angriffe, z.B. das Herunter­reißen der Schleier. Durch die medial an­ge­heizte Diskussion und das Verbot werden Mitmenschen auf der Straße also plötzlich zu Hüter_innen von Recht und Ordnung. Die mögliche Konsequenz: Jene Frauen, die vom Gesetz betroffen sind, meiden öffentliche Ein­richtungen und Plätze, um den An­feindungen aus dem Weg zu gehen. Die Möglichkeiten zur Aus­übung eines Berufes oder einer ehrenamtlichen Tätigkeit sind dadurch enorm ein­ge­schränkt: Voll­verschleiert fallen diese Optionen weg.

Das Fazit der Studie: Durch das französische Ver­bot sind Niqab- und Burkaträgerinnen einer erhöhten Stigmatisierung ausgesetzt, hören vermehrt diskriminierende Äußerungen, sind teilweise von körper­lichen Über­griffen und von (räumlicher) Isolation betroffen. Emanzipation? Sieht wohl nicht so aus.

Links und Beiträge zum Thema:


Facebook | |


Eltahawy: “Für ein Burka-Verbot!”

20. Juli 2010 von Magda
Dieser Text ist Teil 9 von 10 der Serie Frauen & Religion

Mit großer Mehrheit hat das französische Parlament letzten Dienstag ein Vermummungsverbot verabschiedet, in dem die Worte Burka und Niqab zwar gar nicht vorkommen, das aber recht eindeutig auf Ganzkörperverhüllungen abzielt. Im September wird die Entscheidung mit höchster Wahrscheinlichkeit vom französischen Senat bestätigt und somit in Kraft treten (wir berichteten).

Frankreich hat die größte muslimische Bevölkerung Europas (Schätzungen zufolge fünf bis sechs Millionen), wovon ca. 2.000 Frauen die Niqab oder die Burka tragen und somit direkt von dem neuen Gesetz betroffen sind.

Bereits als in Belgien über ein ähnliches Gesetz entschieden wurde, diskutieren wir über dessen Sinn oder Unsinn. Während ein Burka-Verbot in vielen europäischen Ländern Zustimmung findet (Deutschland: 71%, Frankreich: <80%), plädieren zwei Drittel der US-Amerikaner_innen für ein Recht auf Vollverschleierung. Aus den USA kommen aber auch Stimmen, die die neuen Gesetze in Belgien und Frankreich gutheißen: Mona Eltahawy, eine ägyptisch-amerikanische Journalistin, die sich als “liberale, muslimische Feministin” beschreibt, erklärt in einem Interview mit Broadsheet@Salon, warum sie ein Burka-Verbot befürwortet.

(mehr …)


Facebook | |


“Soldatinnen Gottes – Die Frauen der Hamas”

3. September 2010 von Magda
Dieser Text ist Teil 8 von 10 der Serie Frauen & Religion

Schon Anfang August lief die sehenswerte Dokumentation “Soldatinnen Gottes – Die Frauen der Hamas“. Die palästinensische Regisseurin Suha Arraf begleitete vier Frauen der Hamas in ihrem Alltag und zeigt, was jene Frauen bewegt, die selbst die Märtyrer-Tode der eigenen Söhne feiern.

Die Hamas ist Partei, Terrororganisation und soziales Netzwerk zugleich. Wie alle radikal ideologisierten Gemeinschaften investiert sie viel Kraft in die Indoktrinierung nachfolgender Generationen. Es sind vor allem die Frauen – Mütter, Lehrerinnen und Studentinnen – die die nächste Generation von Hamas-Anhängern aufziehen und ihnen das ideologische Rüstzeug vermitteln.

Zur Annährung an das Thema ist ein Fokus auf die sozialen Probleme im Gazastreifen unerlässlich: Vier von fünf Bewohner_innen leben unterhalb der Armutsgrenze, die Abdeckung von Grundbedürfnissen wie Zugang zu Wasser ist nicht immer gewährleistet. Der Gazastreifen gehört zu den dichtestbesiedelten Gebieten der Welt (4000 Menschen pro Quadratkilometer) und ist seit der gewaltsamen Machtübernahme der Hamas 2007 nahezu vollständig durch Ägypten und Israel abgeriegelt. Die Situation im Palästinensergebiet bietet demnach einen idealen Nährboden für fatalistische Gruppierungen, die die Wut und Verzweiflung der im Durchschnitt sehr jungen Bevölkerung für sich auszunutzen wissen.

Teil 1 (weitere Teile findet ihr auf Youtube.)

Link via bubizitrone.


Facebook | |


Islam Konferenz 2010: Gleichberechtigung und deutsches Unrechtsempfinden

19. Mai 2010 von Magda
Dieser Text ist Teil 7 von 10 der Serie Frauen & Religion

Zur Zeit tagt das neue Plenum der 2006 ins Leben gerufenen Islam Konferenz. Das umstrittene “Prestigeprojekt der CDU” soll als Annäherungsversuch zwischen dem deutschen Staat und Muslim_innen fungieren und dient laut Initiator Wolfgang Schäuble (CDU) dazu, “dass Muslime [und Musliminnen] verstehen, dass sie in unserem (sic!) Land willkommen sind”.

Im Mittelpunkt der Islam Konferenz 2010 stehen insbesondere drei Themenkomplexe: Zum einen existiert der Wunsch nach einer “institutionalisierten Kooperation zwischen Staat und Muslimen”. Diskutiert wird auch die “Prävention von Extremismus, Radikalisierung und gesellschaftlicher Polarisierung”. Ebenfalls auf der Agenda befindet sich Geschlechtergerechtigkeit, anscheinend neue Herzensangelegenheit des Innenministers Thomas de Maizière (CDU).

Unter den Teilnehmenden sind die iranische Theologin Hamideh Mohagheghi und die in Deutschland geborene und in Bosnien-Herzegowina aufgewachsene Armina Omerika, Islamwissenschaftlerin an der Universität Bochum, welche im Vorfeld in der taz u.a. über das Kopftuch, die Auslegung des Korans, Gleichberechtigung und die teils problematischen Ansätze in der Islamdebatte in Deutschland diskutierten.

(mehr …)


Facebook | |


Burka-Verbot in Belgien: Wer profitiert eigentlich?

5. Mai 2010 von Magda
Dieser Text ist Teil 6 von 10 der Serie Frauen & Religion

Ich weiß: Die Verschleierung von Frauen ist ein ungemütliches Thema. Es ist noch nicht so lange her, da konnte ich mir kaum vorstellen, dass eine Frau ein Kopftuch oder gar die Burka freiwillig trägt, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass muslimische Frauen mit Kopf- bzw. Körperbedeckung in westlichen Medien häufig ausschließlich als Opfer eines unbeugsamen Patriarchats, als homogene Masse schwarzer Laken, und weniger als frei denkende Subjekte konstruiert werden. Da das freiwillige Tragen eines Kopftuches oder einer Burka in der Vorstellung vieler Menschen nicht vorhanden ist, fällt diese Möglichkeit von vornherein weg. Verschleierung ist und bleibt mit der Unterdrückung des weiblichen Geschlechts verknüpft.

So überrascht es vielleicht nicht, dass das belgische Parlament letzte Woche ohne Gegenstimmen und mit zwei Enthaltungen als erste Volksvertretung in Europa “das Tragen jedes Kleidungsstücks, welches das Gesicht ganz oder hauptsächlich verhüllt” beschloss verbot, welches nun noch vom Senat bestätigt werden muss. Dies betrifft die Burka und den Niqab, welche beide jeweils nur ein Stoffgitter bzw. einen Sehschlitz haben. Nach Gesetzesbeschluß drohen in Belgien bei Nichteinhaltung Geldstrafen von 140 Euro oder bis zu sieben Tage Gefängnis. Offiziell als Vermummungsverbot konzipiert, wird aber auch auf die Würde der Frau verwiesen, welche durch das Tragen einer Burka eindeutig verletzt scheint. Dass das gesetzliche Abarbeiten an geschlechtlich codierten Kleidungsstücken als Schritt in eine geschlechtergerechte Zukunft nur Symbolik sei, verdeutlicht Abgeordneter Georges Dallemagne (Cdh) mit seinem Ausspruch, dass Kleidungsstücke wie die Burka oder Niqab “den sichtbarsten Angriff auf die Rechte der Frau darstellen”. Sichtbar: ja. Aber wer profitiert eigentlich von diesem Verbot und wer wird bestraft?

Wenn eine Frau eine Burka freiwillig trägt, wird ihr Recht auf Religionsausübung oder freie Kleiderwahl eingeschränkt. Wenn sie gezwungen ist, diese zu tragen, wird sie doppelt bestraft – von ihrer Familie und dem Staat. Es ist wohl stark anzuzweifeln, dass ein Verbot automatisch zum Ablegen der Burka oder der Niqab führt, sonderen eher zur Folge hat, dass jene Frauen, die gezwungen sind, sich voll zu verschleieren, ihr Haus einfach nicht mehr verlassen (dürfen). Hier entpuppt sich der auf den ersten Blick kaum vereinbar scheinende Zwang zum Tragen der Burka aus Tradition und die staatlich verordnete Enthüllung als zwei Seiten ein und der selben totalitären Methodik: Beides sind Zwänge, die an der Situation der Frauen kaum etwas ändert.

Profitieren wird in diesem Falle insbesondere die Mehrheitsgesellschaft, welche den angeblichen “Feind” klar ausgemacht zu haben scheint, sich zwar der sichtbaren Problematik annimmt, aber tieferliegende Unterdrückungsmechanismen und eigene, ernstzunehmende Ressentiments gegenüber dem Islam kaum hinterfragt.

In seinem Kommentar fasst Felix Neumann treffend zusammen:

Vordergründig geht es um die Burka, hintergründig um »den« Islam. Vordergründig geht es um die Würde der Frau, hintergründig um eine abendländische Leitkultur. Vordergründig um liberale Werte – hintergründig um konservative Ausschlußmechanismen. Um die burkatragenden Frauen geht es zuletzt.


Facebook | |


Feminismus hinter der Burka

4. Februar 2010 von Barbara
Dieser Text ist Teil 5 von 10 der Serie Frauen & Religion

Die Debatte über das Befinden von muslimischen Frauen in Deutschland und über den Islam an sich geht ja schon einige Zeit lang. Besonders die deutschen Feuilletons machen sich hier stark, etwa Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung:

“Die Muslime müssen sich von der Scharia lösen, sie müssen den politischen Islam ächten und sich vorbehaltlos zur Bürgergesellschaft und (zu) deren Rechten und Pflichten bekennen”, sagte die Berliner Soziologin Necla Kelek in der vergangenen Woche. “Es gibt keinen anderen Weg, außer man setzt auf Konfrontation.”Sie bemerkt offenbar nicht, dass die Forderung, die Muslime hätten dem Vertrauen in ihre religiösen Autoritäten und Führer abzuschwören, schon die Konfrontation ist, mit der sie erst droht.

Die Äußerungen von Necla Kelek gefallen auch der Psychologin Brigitte Rommelsbacher nicht, die ihr und anderen in der taz vorwirft (wir haben berichtet), sie würden den Islam zugunsten des Christentums abschaffen wollen:

Militanter hingegen gibt sich etwa Necla Kelek. Sie hält “den” Islam nicht für reformfähig und möchte ihn insgesamt zugunsten des Christentums abschaffen. Denn während “das Alte Testament und der Koran”, so Kelek, “Geschichten von Blut und Gewalt erzählen, ist das Neue Testament eine Botschaft der Liebe und Hoffnung”. Diejenigen, die angesichts der “Kriminalgeschichte des Christentums” Zweifel an dieser Lesart haben, wenden sich dann doch eher einer säkularistischen Position zu, die alle Religionen als patriarchal verurteilt und in ihrem Einfluss auf ein Minimum reduziert sehen möchte.

Da meldet sich dann noch der Freitag und schimpft über den antimuslimischen Feminismus, zu deren Vertreterinnen Necla Kelek und Seyran Ates gezählt wird:

Was den postkolonialistischen Feminismus so unangenehm macht, ist aber nicht nur seine Neigung zur Psycho­logisiererei, sondern vor allem die Tatsache, dass muslimische Frauen in ihm gar nicht vorkommen. Gebraucht werden sie lediglich als Stichwortlieferanten, sei es als selbsterklärte „Opfer“ oder irregeleitete „Verführte“ west­lichen Denkens.

Der wohl erhellendste Beitrag in der Debatte stammt von der Publizistin Hilal Sezgin. In der Frankfurter Rundschau fasst sie das, was bisher geschrieben wurde, zusammen:

… erst jetzt ist Deutschland im Feminismus geeint, wo es nur um eine Teilmenge der Bevölkerung geht. Da liegt der Verdacht nahe: eben weil es nur eine Teilmenge ist und diese Prise Feminismus dem allgemeinen deutschen Michel nichts abverlangt.

Nachtrag: Beim Posten ist dieser letzte Absatz irgendwie verloren gegangen, deshalb noch mal:

Ich gebe Hilal Sezgin recht: Es wird hier auch im “Namen des Feminismus” argumentiert, weil es gerade passt. Frauen, die in Burkas eingesperrt sind, sollen geschützt werden. Also weg mit den Burkas, weg mit den Minaretten, am besten per Gesetz. Doch sind Verbote, die den Ausschluss aus der bestehenden Gesellschaft mit sich bringen, der richtige Weg? Wie fühlt sich eine Frau unter einer Burka? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ihr Leben sicherlich nicht besser wird, wenn man ihr verbietet, mit dem Öffentlichen Nahverkehr zu reisen (eine Idee von Frankreichs Präsident Sarkozy). Wenn Frauenrechte gewahrt werden sollen, dürfen Frauen auch nicht in ihrem Recht auf Teilnahme an der Gesellschaft eingeschränkt werden. Und so plädiere ich für Vorsicht, für Langsamkeit. Für Unterstützung und für den Dialog.


Facebook | |


Eine eigene Entscheidung

11. August 2009 von Barbara
Dieser Text ist Teil 4 von 10 der Serie Frauen & Religion

Frauen und Religion. Feminismus und Christentum. Göttin und Gott. Wie soll ich glauben als Feministin? Und an wen? Auf meine Fragen hat die 1964 geborene Journalistin und Politologin Antje Schrupp geantwortet, die einige Semester evangelische Theologie studiert hat und sich selbst als “fromm” bezeichnet.

Liebe Antje,

dass wir nicht nur durch Herkunft und Umwelt sozialisiert, ja determiniert werden, das sehe ich genauso. Sonst wäre ja eigentlich alles umsonst, da der sogenannte freie Wille dann wirklich eine Farce wäre. Doch was fehlt, sind Vorbilder. Role models. An wen soll ich mich wenden, wenn ich einerseits ein Bedürfnis nach Glauben verspüre, andererseits mit dem patriarchalen Öffentlichkeitsbild des Christentums nicht zurechtkomme? Es ist von außen betrachtet schon schwer genug, die feinen Details zwischen Lutheranern und Katholiken zu unterscheiden, sieht man mal von fundamentalistischen Engstirnigkeiten ab. Und das Gros der Frauen studiert nicht Theologie, denke ich, kann also nicht auf Hintergrundinformationen und Spezialwissen zurückgreifen. Dagegen steht das Gros der in der Öffentlichkeit stehenden, agierenden, kommunizierenden christlichen Gläubigen nicht wirklich auf bei feministischen Themen und sagt ja zu Gleichberechtigung. Zum Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Macht euch nichts draus, dass Gott, Sohn und Heiliger Geist männlich konnotiert sind. Es gibt immerhin Maria und ein paar Heilige. Und ein paar andere Frauen. Und überhaupt ist das mit der Personifizierung des Gottes eh nicht so wichtig, eher gefährlich, siehe Goldenes Kalb. Verstehst du, was ich hier zu polemisieren versuche?

Ich weiß, dass ich jeden Weg gehen kann, dass ich individuell handeln und entscheiden kann. Doch der Kontinent des Glaubens, um mal beim Landkarten-Bild zu bleiben, ist auf den ersten Blick nicht attraktiv, da auch dort ein Patriarchat vorzuherrschen scheint. Oder irre ich hier?

***

Liebe Barbara,

darauf wirst du von mir keinen Widerspruch bekommen. Du hast vollkommen recht, der  „Kontinent“ des Glaubens ist insgesamt gesehen für Frauen nicht attraktiv. Aber genauso wenig attraktiv sind, für mich zumindest, die „Kontinente“ der institutionellen Politik, der Wissenschaft oder der Wirtschaft. Und ich kann zwar aus der Kirche austreten, aber nicht aus der ganzen Welt. Deshalb bin ich froh, dass es in all diesen Kontinenten schon Enklaven gibt, die von freiheitsliebenden Frauen begründet wurden, wo sie bereits eine andere Realität schaffen, die ihren Wünschen besser entspricht und wo ihre Erfahrungen ernst genommen werden. Da siedele ich mich an und finde meine Vorbilder. Und arbeite mit daran, dass diese Enklaven größer werden und sich ausbreiten.

Also ich würde deine Frage „An wen soll ich mich wenden?“ zurückgeben und fragen: „An wen willst du dich denn wenden?“ Wenn du eine interessante Frau findest, dann kann sie ja dein Vorbild sein, auch wenn sie nicht berühmt ist oder irgendeine amtliche Funktion hat. Du selber bist es, die das entscheidet, und auf diese Weise gibst du ihr Autorität (weil du das, was sie sagt, wichtig findest und darüber nachdenkst). Das heißt, du hast objektiv den Einfluss dieser Frau in der Welt vergrößert. Das ist dann kein individueller Weg mehr!

Deine Frage, wie eine Frau ihrem Bedürfnis nach Glauben nachgehen kann, obwohl das Christentum immer noch patriarchal ist, haben sich in den letzten dreißig Jahren ungeheuer viele Frauen gestellt, da gibt es jede Menge Literatur. Mich persönlich beschäftigt sie heute nicht mehr so. Ich rechne zwar mit diesen patriarchalen Strömungen (wie mit schlechtem Wetter) und ergreife gegebenenfalls Gegenmaßnahmen, aber emotional bin ich da völlig raus. Das ist mir bei den Diskussionen um die Bibel in gerechter Sprache klargeworden, ich weiß nicht, ob du davon gehört hast? Eine Bibel-Neuübersetzung, die die Erkenntnisse der feministischen Theologie aufnimmt. Daraufhin gab es eine ziemlich dämliche Debatte von Leuten, die sich darüber mokierten, dass zum Beispiel von „Jüngerinnen und Jüngern“ die Rede ist. Maßgeblich betrieben wurde das übrigens nicht so sehr von konservativen Kirchenmännern sondern vor allem von den angeblich so aufgeklärten Intellektuellen in den Feuilletons. Ich habe gemerkt, dass ich überhaupt keine Lust hatte, mich an dieser Debatte zu beteiligen. Man darf solchen Leuten nicht zu viel Aufmerksamkeit widmen, damit macht man sie nur wichtiger, als sie sind. Inzwischen haben die das Thema auch längst vergessen, und im wirklichen Leben wird die Bibel in gerechter Sprache rege benutzt und entfaltet ihre Wirkung.

Ich sehe es deshalb eher so: Wie käme ich denn dazu, meinem Bedürfnis nach Glauben nicht nachzugehen, bloß weil diese zurückgebliebenen, männlichen Religionsinstitutionen immer noch patriarchal sind?

***

Liebe Antje,

wenn ich nun einmal unsere Gedanken zusammenfasse, dann springt mir da eine Hoffnung besonders ins Auge. Nämlich die, selbst zu entscheiden, woran ich glaube, und wie ich mich meinen individuellen Glauben lebe. Dass ich mir das aus dem Bestehenden nehme, mit dem ich mich identifizieren kann. Und dass ich mir die Personen als Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner nehme, von denen ich glaube, dass ein gleichberechtigter Austausch auch über den Glauben möglich ist.

Der Gedankenaustausch wird auch auf Antje Schrupps Website bzw-weiterdenken veröffentlicht.


Facebook | |


Gemeinsam für ein anderes Gottesbild

10. August 2009 von Barbara
Dieser Text ist Teil 3 von 10 der Serie Frauen & Religion

Frauen und Religion. Feminismus und Christentum. Göttin und Gott. Wie soll ich glauben als Feministin? Und an wen? Auf meine Fragen hat die 1964 geborene Journalistin und Politologin Antje Schrupp geantwortet, die einige Semester evangelische Theologie studiert hat und sich selbst als “fromm” bezeichnet.

Liebe Antje,

interessant, deine “Krücke” über die Bezeugung von Frauen. Aber dass Maria Magdalena die Auferstehung Christi als relevant und damit überlieferungswürdig erachtete, wissen wir ja hauptsächlich aus den von Männern geschriebenen Evangelien. Oder beziehst du dich auf ihr Evangelium (meines Wissens gibt es da eins, das ihr zugeschrieben wird, aber nicht zum “offiziellen” Kanon gehört)?

Katholisch, ja, das gefällt mir noch viel weniger als evangelisch, wegen des Ausschlusses von Frauen aus dem Priesteramt, aber auch wegen der vielen frauenfeindlichen Äußerungen des katholischen Kirchenoberhaupts (Beispiele spare ich mal aus). Bei den Musliminnen ist mein erster Reflex auch, die Deutung der Religion vor allem in fundamentalistischen Ländern als extrem frauenfeindlich zu sehen. Doch dann stoppe ich mich selbst, weil ich mir kein Urteil anmaßen möchte über die Frauen, die tatsächlich daran glauben, sei es nun der Katholizismus oder der Islam. Sie nehmen halt die Auslegung (z. B. in Form von strengen Regelnwerken) mit in Kauf, ordnen sich unter.

Wahrscheinlich ist es für sie einfach auch die passendste Idee, um noch mal diesen Begriff zu wählen. Ob sie sich selbst dafür entschieden haben oder sich von Geburt an daran gewöhnt haben, sei dahin gestellt. Da kommt wieder mein Dilemma: Zwar bin ich schon ans christliche Regelwerk gewöhnt, doch das liegt hauptsächlich am Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Wahrscheinlich hätte ich mich, wäre ich in Indien, Saudi-Arabien oder Ägypten aufgewachsen, auch an andere Religionen gewöhnt. Ich stimme dir zu, dass es keine bessere oder schlechtere Religion, keinen besseren oder schlechteren Gott gibt. Sondern nur bessere oder schlechtere Auslegung der Religion. Und das machen ja die Menschen.

Du fragst nach den Kriterien: Hier hilft mir wie oft die Identifikation durch Negation. Also es geht mir nicht darum, naturwissenschaftlich etwas belegen zu können. Ich bin durchaus bereit, an so was wie ein Wunder zu glauben. Dass Zufälle nicht zufällig sind, sondern vielleicht auch irgendwie geplant. Solche Geschichten mag ich gerne. Zweitens habe ich auch nichts dagegen, mich Regeln anzupassen. Da bin ich gerne auch konsequent – wenn die Regeln Sinn ergeben. Kein Lebewesen töten, ja. Aber wenn ich mich oder jemand anderes Leben verteidigen muss, dann kann ich auch die Tötung eines anderen Lebewesens dafür in Kauf nehmen. So in etwa. Es geht mir auch nicht um einen Gottesbeweis. Ich denke vielmehr, dass ich den Zugang zum Glauben in mir selbst finden muss, also auch dort beweisen kann. Vielleicht stoßen mich die Menschen drumherum oftmals zu sehr ab. Denn das ist in jedem Fall ein Problem: Ich kann schwer teilen. Wie soll ich lernen, meinen Glauben, meine spirituelle Idee, die doch der für mich persönlich der passendste sein soll, mit anderen zu teilen?

***

Liebe Barbara,

ich fange mal mit deiner letzten Frage an. Es ist ja eine Erkenntnis der Frauenbewegung, dass das, was eine Frau an persönlichen, subjektiven Erfahrungen hat, eine Bedeutung auch für andere Frauen und letztlich für die ganze Welt hat oder zumindest haben kann. In den Selbsterfahrungsgruppen haben Frauen zum Beispiel über ihre familiären Gewalterfahrungen gesprochen, und es hat sich gezeigt, dass die nicht nur privat waren, sondern dass andere Frauen ähnliches erlebt haben, und durch diese Debatten wurde das ein “objektives” Thema, das inzwischen zu einer ganzen Reihe von handfesten Gesetzesänderungen geführt hat. Warum sollte das beim Thema Glauben und Religion nicht auch so sein? Dass Frauen von dem, was für sie “passend” ist, erzählen und andere Frauen damit inspirieren und dass sie dann gemeinsam etwas bewegen, also zum Beispiel ein anderes Gottesbild in die Welt bringen? Das haben sie ja auch schon getan bis zu einem gewissen Grad. Voraussetzung ist natürlich, dass wir uns nicht nur einfach unsere persönlichen Meinungen erzählen und dann alles gleich-gültig nebeneinander stehen lassen, sondern dass wir uns gegenseitig auch kritisieren, auf Denkfehler hinweisen. Dass wir zwar von dem Subjektiven ausgehen, von den persönlichen Erfahrungen, aber sie dann auch dem Urteil anderer Frauen anvertrauen, uns in Frage stellen lassen. Der Weg dazu ist das Sprechen und Diskutieren, bei dem wir uns nicht nur gegenseitig kennenlernen, sondern auch die eigene Ansicht aufs Spiel setzen, weil wir uns vielleicht von anderen überzeugen lassen. Oder eben auch die anderen überzeugen. Ein endloser Prozess mit offenem Ausgang.

Von daher finde ich auch die Frage, ob mich meine Herkunft und die Kultur, in der ich aufgewachsen bin, beeinflusst hat oder ob ich mir meine Ansichten selbst ausgedacht habe, eine falsche Alternative. Es stimmt immer beides. Klar bin ich beeinflusst, aber ich muss dabei ja nicht stehenbleiben. Zwar kann ich mich von der Beeinflussung nicht grundsätzlich frei machen, aber ich kann mir immerhin aktiv aussuchen, von wem ich mich beeinflussen lasse. Es gibt ja nicht “die Menschen”, sondern es sind immer konkrete Menschen, mit denen ich es zu tun habe. Das meine ich mit dieser Praxis der Frauenbeziehungen: Ich entscheide mich durch die Wahl meiner Beziehungen und meiner Gesprächspartnerinnen dafür, in welcher Weise ich geprägt werde. Mein Bild vom Islam ist natürlich ein anderes, wenn ich mich darüber von feministischen Musliminnen belehren lasse, als wenn einfach glaube, was darüber in der Zeitung steht. Und ich wäre ganz sicher keine Christin, wenn ich mich nicht von feministischen Theologinnen hätte belehren lassen. Das stimmt aber nicht nur für die Religion, sondern für alles, auch für die Politik.

Du hast recht, bei historischen Frauen ist das etwas erschwert dadurch, dass wir von ihnen nur durch die patriarchale Brille wissen. Deshalb ist es kein direkter Zugang, sondern vermittelt durch heutige Frauen, zum Beispiel solche, die über Maria Magdalena oder andere historische Frauen geforscht haben. Zum Glück haben wir da inzwischen ja sehr viel mehr Wissen als noch vor einigen Jahrzehnten, als die Unis noch reine Männerveranstaltungen waren.

Teil 4 erscheint am 11.8.2009.


Facebook | |


Teilhabe an etwas Größerem bringt Freiheit

9. August 2009 von Barbara
Dieser Text ist Teil 2 von 10 der Serie Frauen & Religion

Frauen und Religion. Feminismus und Christentum. Göttin und Gott. Wie soll ich glauben als Feministin? Und an wen? Auf meine Fragen hat die 1964 geborene Journalistin und Politologin Antje Schrupp geantwortet, die einige Semester evangelische Theologie studiert hat und sich selbst als “fromm” bezeichnet.

Liebe Antje,

ja, ich kann damit etwas anfangen. Muss aber noch mal zurückgehen zur Frage nach dem “fromm” werden. Was ist das denn in “deiner Welt”? Denn – um mal meine Definition vornweg zu äußern, ich verbinde mit Frömmigkeit eine Einschränkung, ja im weitesten Sinne die Verhinderung von Freiheit. Wie kommst du damit zurecht?

***

Liebe Barbara,

ja klar. Wer “fromm” ist, versucht, sich am Willen Gottes zu orientieren und nicht am eigenen, um es mal etwas pathetisch zu sagen. Wobei noch die Frage ist, ob beides solche Gegensätze sind, wie es die von Männern entwickelten westlichen Freiheitsvorstellungen behauptet haben. Diese Freiheit als Autonomie und Unabhängigkeit und als “eigener Wille” hat ja historisch die Freiheit der Frauen ohnehin größtenteils negiert, also ist sie für mich kein Maßstab. In der weiblichen Ideengeschichte, bei den Mystikerinnen etwa, gibt es viele Überlegungen dazu, wie eine Orientierung am “Anderen” möglich ist, obwohl es als “anderes” mir nicht verfügbar ist. Die Versuchung der Frauen ist dabei ja nicht so sehr, dass sie sich selbst und ihre eigene Freiheit absolut setzen, sondern eher laufen sie Gefahr, sich um “des lieben Friedens willen” den Erwartungen anderer, ihrer Ehemänner früher, heute ihrer Chefs oder “des Marktes”, anzupassen. Ich glaube, dass die unbefriedigende Situation von Frauen heute trotz Gleichstellung auch daher kommt, dass dieses “Ich-sagen” nicht das ist, was viele Frauen wollen (das zeigt sich ja in allen möglichen Studien über Unterschiede zwischen den Geschlechtern). Wenn sie hingegen nicht für sich selbst kämpfen, sondern für “eine gute Sache”, entwickeln Frauen oft eine ungeheure Stärke, Ausdauer, Konsequenz. Deshalb finde ich es für die feministische Praxis wichtig, diese Ausrichtung an etwas “Größerem” zu kultivieren und zu reflektieren (denn sie hat natürlich auch ihre problematischen Seiten). Ich glaube, das würde Frauen “freier” machen, als wenn sie versuchen, dem Idealbild des “autonomen Individuums” zu entsprechen. Aber vielleicht kommt meine Skepsis auch daher, dass ich als Kind und Jugendliche in den Siebzigern und Achtzigern durchaus noch zu hören bekommen habe, dass diese Art männlicher Freiheit für mich als Frau nur teilweise gilt. Vielleicht ist es für jüngere Frauen, die schon von klein auf “gleichberechtigt” waren, anders? Findest du diese Freiheit, die vom “Frommsein” eingeschränkt würde, attraktiv?

***

Liebe Antje,

deiner Definition des Frommseins stimme ich zu. Und das ist schon auch ein wichtiger Punkt, an dem ich Schwierigkeiten mit dem Glauben entwickle. Wenn ich an einen christlichen Gott glaube, ordne ich mich einer Idee unter, die – von Menschen, von Männern überliefert, wenn nicht gar erfunden wurde. Und noch mehr: Eine Idee, von der es heißt, sie betreffe alle Menschen. Doch schon ein Blick auf die zehn Gebote (Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib …) lassen erkennen, dass Männer die Hauptadressen dieser Idee sind. Das stößt mir auf, und zwar nicht nur in feministischer Sicht, sondern auch in rein persönlicher. Denn obwohl ich an anderen Stellen ganz genau so funktioniere, wie du beschreibst, also dass ich im Kampf für eine Sache, hinter der ich stehe, gut bin, habe ich bei der Unterordnung an diesen Komplex namens Glauben, namens Gott, Probleme. Vielleicht ist das auch eine Trotzreaktion, auch bedingt durch meine anything-goes-Erziehung – ich bin in den frühen Siebzigern geboren und wuchs zwar behütet, aber doch mit vielen Möglichkeiten und Angeboten auf. Insofern ist es in der Tat ein attraktiver Gedanke für mich, dass ich meine Spiritualität, meine Neigung zum Glauben, der Idee schenken, unterordnen möchte, die ich für mich selbst als die passendste finde. Vielleicht ein Grund, warum andere Religionen (Buddhismus, Mystik, und auch der Göttinnen-Glaube) in letzter Zeit mehr und mehr en vogue kommen.

Und ganz recht: Auf dieses Problem mit der Unterordnung einer Idee treffen Frauen – ich gehe mal von mir selbst ins Allgemeine – nicht nur in religiöser Hinsicht, sondern natürlich auch in anderer. Zum Beispiel im Berufsleben – da sind ja die Vorbilder auch von Männern erfunden worden. Und schmecken vielen Frauen nicht; ja, auf diese Art und Weise wollen sie nicht Karriere machen.

Ein Beispiel aus den letzten Tagen, das mir – oberflächlich – recht entspricht, ist der Austritt Jimmy Carters aus der Kirche. Seine Begründung, “Women and girls have been discriminated against for too long in a twisted interpretation of the word of God”, kann ich gut nachvollziehen. Denn obwohl ich ja gelernt habe, ich solle mir kein Bildnis von Gott schaffen, werde ich doch in meiner Suche nach dem Glauben tagtäglich mit oftmals eher schlechten als rechten Bildern konfrontiert. Deshalb: Wie schaffe ich es, ein von schlechten Bildern und rein männlich konnotierten Ideen einen Weg zum Glauben zu finden?

***

Liebe Barbara,

die Schwierigkeit bezüglich der patriarchalen Traditionen, die du ansprichst, ist sehr groß. Ich kann gut verstehen, dass viele Frauen sich von den Religionen abgewendet haben. Meiner Ansicht nach gibt es aber nicht nur diese patriarchalen Fehldeutungen, sondern auch echte Wahrheiten in den religiösen Überlieferungen. Wie kann ich beides unterscheiden? Sicher nicht, indem ich einfach meine eigene Meinung dazu befrage. Denn ich muss doch damit rechnen, dass ich mich im Bezug auf Gottes Willen auch mal irre. Mein feministischer “Trick” ist, dass ich Männer nicht als Autoritäten gelten lasse, Frauen aber schon. Da eben ALLE Religionen vom Patriarchat “infiziert” sind (und übrigens auch der Buddhismus oder die Esoterik oder der Atheismus oder der Rationalismus) muss ich bei dem, was Jesus oder Mohammed oder irgendein Rabbi (oder ein Guru, ein Philosoph oder ein Wissenschaftler) sagen, immer damit rechnen, dass sie vielleicht nur von Männern reden und mich, eine Frau, gar nicht im Blick haben. So wie in dem Gebot, das du zitierst. An einem konkreten Beispiel: Dass Jesus auferstanden ist, glaube ich nicht, weil er es ist oder weil die Kirche das behauptet (vielleicht ist er ja nur für die Männer auferstanden), sondern weil Maria Magdalena es bezeugt hat (das heißt, sie war der Meinung, das sei auch für Frauen relevant). Natürlich kann es sein, dass sie sich geirrt hat. Aber das wäre dann wenigstens ein “weiblicher” Irrtum, und darüber müssten wir dann diskutieren…

Ich selbst würde zum Beispiel auf keinen Fall Mitglied in einer Kirche sein wollen, die Frauen vom Priesteramt ausschließt. Aber ich kenne sehr viele kluge und feministische Katholikinnen, das heißt, offenbar hat auch der Katholizismus aus weiblicher Sicht etwas Gutes (sie bezeugen das sozusagen.

Das Wort “Glaubenszeuginnen” gefällt mir gut – Frauen, die von ihren Erfahrungen mit dem Göttlichen erzählen). Ähnlich geht es mir mit kopftuchtragenden Musliminnen. Ich halte das für eine frauenfeindliche Praxis, aber vielleicht ist das nur mein westlich-evangelisches Vorurteil? Deshalb interessiere ich mich dafür, welche religiösen Erfahrungen sie haben und was sie Gutes in dieser Praxis sehen. Manches, was andere Frauen über ihr Verhältnis zu Gott sagen, inspiriert mich, anderes lehne ich ab oder verstehe ich nicht. Völlig uninteressant finde ich dabei die Frage, welche Religion die bessere ist. Es gibt keinen “christlichen” oder “jüdischen” oder “muslimischen” Gott, sondern Gott ist Gott, und dann gibt es viele verschiedene (menschengemachte) religiöse Traditionen und Erzählungen dazu. Mir gefällt übrigens deine Formulierung, dass du deine Spiritualität und deine Neigung zum Glauben einer Idee “schenken” möchtest. Einer Idee, die du für dich selbst als “die passendste” findest. Was mich interessieren würde, ist: Welche Kriterien hast du dafür? Woran machst du es fest, ob eine Idee für dich “passt”?

Teil 3 erscheint am 10.8.2008.


Facebook | |


Fromm durch den Feminismus

8. August 2009 von Barbara
Dieser Text ist Teil 1 von 10 der Serie Frauen & Religion

Frauen und Religion. Feminismus und Christentum. Göttin und Gott. Wie soll ich glauben als Feministin? Und an wen? Auf meine Fragen hat die 1964 geborene Journalistin und Politologin Antje Schrupp geantwortet, die einige Semester evangelische Theologie studiert hat und sich selbst als “fromm” bezeichnet.

Liebe Antje.

Ich bin nach christlichen Grundsätzen erzogen worden, wenn ich an Werte wie Verzeihen können, Nächstenliebe zeigen und die Wahrheit sagen denke, die in meiner Erziehung eine große Rolle gespielt haben. Ich bin getauft und konfirmiert, bis ins Teenageralter in den Religionsunterricht gegangen, aber so gut wie nie mit meiner Familie in die Kirche. Ich habe nie Gebete gesprochen. Dennoch habe ich, als ich einmal sehr krank war, den Psalm 23 aufgesagt, ganz leise, immer wieder, eine ganze Nacht lang. Und fand Trost darin. Es waren mehr die Worte, die mich beruhigten, als der Inhalt. So frage ich: Wie soll ich glauben, wenn mir die Vorstellung von Gott als Person – “Der Herr ist mein Hirte” – unangenehm ist?

***

Liebe Barbara,

hm, mich interessiert, woher deine Vorstellung kommt, etwas glauben zu “sollen”? Offenbar doch nicht von deinen Eltern? Meine religiöse Entwicklung war ganz ähnlich wie deine. Mit ungefähr 11 Jahren hatte ich eine ernste Glaubenskrise. Ich hatte ein Buch über Indianer gelesen und dann einige Tage sehr intensiv zu Gott gebetet (wie man es mir im Kindergottesdienst beigebracht hatte), dass er mich bitte zur Indianerin macht. Als nichts geschah, war ich sehr enttäuscht. Offenbar war Gott nicht allmächtig, oder er interessierte sich nicht für mich. Seither war ich immer sehr kritisch gegenüber allen Versprechungen und Glaubensdogmen. Eigentlich hat mich erst später der Feminismus wieder “fromm” gemacht, als ich verstanden habe, dass es nicht darum geht, was ich glauben “soll”, sondern darum, was ich tatsächlich glaube. Also ohne Moral oder “du musst”. Wie interpretierst du zum Beispiel deine Erfahrung, dass das Psalm-Aufsagen dir geholfen hat? Wie alt warst du da? Hast du etwas Ähnliches später noch mal erlebt?

***

Liebe Antje,

ich denke, diesem “sollen” liegen zwei Quellen zugrunde. Einerseits die gängige Auffassung im christlichen Abendland, in dem ich ja sozialisiert wurde. Andererseits ein inneres Bedürfnis, das ich verspüre. Ich möchte an etwas glauben. Wäre da nichts, nichts Größeres, nichts, an das ich ein Stoßgebet richten kann, so würde mich das sehr frustrieren. Dass ich – im Erwachsenenalter während einer schlimmen Nacht voller Angst im Krankenhaus – den Psalm sprach, erkläre ich mir auch so. Ähnliches habe ich zuvor allerdings nicht mit dieser Heftigkeit erlebt; was sich aber auch über die Krise erklärt, in der ich mich befand. Wie kann ich mir vorstellen, dass dich der Feminismus “fromm” gemacht hat?

***

Liebe Barbara,

mir geht es mit diesem Bedürfnis nach etwas “anderem, größerem” genauso wie dir, und im Feminismus habe ich Frauen und Denkmöglichkeiten gefunden, dem nachzugehen, ohne in diesen alten patriarchal-religiösen “Du sollst”-Modus zu verfallen. Ich habe in den 1980er Jahren ein paar Semester Theologie studiert, also in den Anfangszeiten der Feministischen Theologie, und das war sehr aufregend mit all den christlichen Frauen, die wir in der Geschichte entdeckt haben und den falschen männlichen Übersetzungen, die zum Beispiel aus der Apostelin Junia den Apostel Junias gemacht haben und so weiter. Besonders wichtig fürs “fromm” werden war für mich aber ein Satz der Philosophin Luisa Muraro, die sagte, die größte Sünde der Männer sei es, dass sie sich den Frauen gegenüber an die Stelle Gottes gesetzt haben, und die größte Sünde der Frauen, dass sie das zugelassen haben. Dadurch ist mir klar geworden, dass es im Feminismus nicht um den Kampf gegen Männer oder die Suche nach Anerkennung der Männer (oder ihrer Institutionen) gehen kann, sondern um das Verhältnis der Frauen zu diesem “Mehr”. Das kann man “Gott” nennen, muss aber nicht. Ich verwende da je nach Kontext verschiedene Begriffe und Umschreibungen, zum Beispiel auch “gutes Leben für alle” oder “die ganze Welt”. Kannst du mit diesem Gedanken etwas anfangen?

Teil 2 erscheint am 9.8.2009.


Facebook | |



Anzeige