Hilfe, mein Hirn stirbt!

9. November 2010 von Stephanie
Dieser Text ist Teil 12 von 12 der Serie Frauen bewegen

Ein Absurditätenkatalog zum Thema Frauenquote

Wenn’s um die Quote geht, bittet mein Kopf häufig darum, nach bestimmten Argumenten gegen die Wand geschlagen zu werden. Vielleicht liegt’s an meinem Logikfaible oder an etwas anderem. Beurteilt selbst, hier mein „Best of“:

Platz 1: Terror!!!
Neulich im Gespräch mit einem SPD-Genossen fiel ich lachend von der Bank… zum Unverständnis meines Gegenübers, der mir gerade voller Ernst zu erklären versuchte, warum es in der SPD nur eine 40%-Frauenquote gäbe: „Weil sonst die Herren zuviel Terror machen.“
Das dies in einer Demokratie ein nicht besonders überzeugendes Argument ist, ist hoffentlich wenigstens für den Rest der Welt offensichtlich, denn wenn „Terror machen“ in einer Demokratie ein probates Mittel zur Durchsetzung wäre, könnten wir die Parlamente gleich dicht machen. Wir bräuchten nur einen Verwaltungsapparat, der misst, wer am lautesten schreit.  (weiterlesen …)


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Solidarität ist nicht essbar

28. September 2010 von Stephanie
Dieser Text ist Teil 11 von 12 der Serie Frauen bewegen

Jessica Valenti fragte jüngst „What is feminism worth?“. In ihrem Blog geht sie auf eine US-amerikanische Debatte um den Aktivisten Dan Choi ein, der für Reden eine Gage von zehntausend US-$ fordert.
Valenti plädiert für bezahlten feministischen Aktivismus. Sie weist auf dessen Kosten hin, der oft dazu führt, dass ein_e potentielle_r Aktivist_in nur so viel tun kann, wie es ihre / seine persönliche Finanzlage erlaubt. Weiterhin verweist sie auf den gesamtgesellschaftlichen Umgang mit Aktivismus: Einerseits werden Aktivist_innen wie Eigentum der Allgemeinheit behandelt, andererseits ruht der Einsatz für die Gesellschaft, gerade was Frauenrechte angeht, oft auf den Schultern von Ehrenamtlichen oder schlecht bezahlten (jungen) Menschen.

Eine derartige Debatte findet in Deutschland derzeit nicht statt, dabei ist das Thema für mich allzeit aktuell: Bei fast jedem feministischen Verein und Projekt treffe ich auf schlecht bezahlte Arbeitskräfte, eine nicht gefüllte Portokasse und eine Schar von Menschen, die ehrenamtlich arbeiten – häufig über das normale Maß neben einem Vollzeit-Job hinaus. Ich treffe auf verarmte Aktivistinnen der zweiten Frauenbewegung, deren Engagement sie eben nicht nur während ihrer „Berufstätigkeit“ kaum ernährte, sondern auch ihre Rente auf ein Minimum reduzierte und ihnen schlimmstenfalls auch noch Schulden hinterließ. (weiterlesen …)


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Das Problem der Mehrfachdiskriminierung in der Praxis

22. Juli 2010 von Stephanie
Dieser Text ist Teil 10 von 12 der Serie Frauen bewegen

„Wer weiß, wie sich Diskriminierung anfühlt, diskriminiert nicht.“ – Diese Idee von Gerechtigkeit dürften viele kennen. Es ist schwer sich vorzustellen, dass Menschen einander Dinge antun, die sie selbst als schmerzhaft oder als falsch erlebt haben. Dass Menschen die Marginalisierung erfahren, auch selbst diskriminieren, darauf hat zuletzt z.B. Judith Butler beim diesjährigen CSD Berlin öffentlich Aufmerksam gemacht.

Diskriminierung muss nicht immer Absicht sein, das wird bei der Diskussion darüber häufig vergessen. Vermutlich sind die meisten Fälle von Diskriminierung schlicht fehlender Aufmerksamkeit geschuldet. Das macht es jedoch nicht besser: Es hat etwas von „Oh, ich hatte vergessen, dass es für Kinder gefährlich ist, auf der Autobahn zu spielen.“ – Totschlag ist es trotzdem. Somit ist Aufmerksamkeit für (Mehrfach-)Diskriminierung eines der „Heilmittel“ zu einer netteren Welt.

Das Minderheiten und marginalisierte Gruppen meist in nur wenigen Merkmalen Gemeinsamkeiten haben, ist theoretisch offensichtlich. Dass Aufmerksamkeit für Unterschiedlichkeit, Diskriminierung vorbeugen kann, ist zumindest in der Diskussion um Mehrfachdiskriminierung bekannt. Wie schwierig sich dies jedoch in der Praxis leben lässt, hat mir beispielhaft die Frauenvollversammlung der Studentinnen der Uni Mainz im Sommersemester 2010 gezeigt: (weiterlesen …)


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Die feministische Armee

19. Mai 2010 von Stephanie
Dieser Text ist Teil 9 von 12 der Serie Frauen bewegen

Für jede Idee gibt es auch einen militanten Flügel. Fast alle Staaten sichern ihre Idee eines Staatskonstrukts mit einer Armee ab. Teilweise werden Ideen für ein Staatskonstrukt nicht nur auch militant gesichert, sondern auch eingefordert: Mal gegen, mal mit dem Willen der Bevölkerung.

Ist die Idee nicht Teil der staatstragenden Institutionen, wird der militante Flügel gerne als Gegenargument genutzt – als wäre Pazifismus allgemein anerkannt, was er bei weitem nicht ist.
Kritiker_innen der Militanz vernachlässigen oft, wie schwierig es eigentlich ist, Gewalt grundsätzlich abzulehnen oder zu rechtfertigen. Wenn Menschen unterdrückt werden, darf dann eine Armee geschickt werden, um sie zu befreien? Dürfen Menschen die sich als unterdrückt empfinden, zu Waffen greifen? Gilt Widerstand als solcher, wenn er nicht organisiert verläuft? Wie viele Menschen müssen in einem Staat der Meinung sein, dass es etwas institutionalisiert schlecht läuft, bevor sie sich mit Gewalt wehren dürfen? Müssen sie dafür in einer Diktatur leben oder kann es solche Fälle auch in einer Demokratie geben?
Bevor ein militanter Flügel einer Idee kritisiert wird, muss sich der oder die Kritiker_in sehr viele Fragen zu Gewalt im Allgemeinen stellen. Ist die eigene Position stringent, was Gewalt betrifft? (weiterlesen …)


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In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

20. April 2010 von Stephanie
Dieser Text ist Teil 8 von 12 der Serie Frauen bewegen

In meinem Blogbeitrag „Feuerspuckende Drachen“ habe ich von meiner ersten Morddrohung berichtet und was diese mit mir gemacht hat. Genau 6 Wochen nach der Ersten kam eine Zweite Morddrohung, diesmal mit Massenvergewaltigungsphantasien, die mit meinem Tod enden.

Inzwischen weiß ich, dass ich nicht die Einzige bin, die vom selben Täter gewalttätige E-Mails erhält. Seit über zwei Jahren tyrannisiert dieser verschiedene Feministinnen im Internet, häufig aus demselben Internetcafe in Innsbruck.

Den Mainzer Ermittlungsbehörden liegen 2 weitere Fälle desselben Täters vor. Wir hatten Hoffnung, dass die Vernetzung der Fälle zu verstärkter Aufmerksamkeit führen würde. Doch: Am 30.01. habe ich Anzeige erstattet, am 01.04. erhalte ich Nachricht, dass mein Verfahren eingestellt (StPO §170) wurde, da der Täter nicht ermittelt werden konnte. (weiterlesen …)


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Mit, gegen und im Patriarchat

25. Februar 2010 von Stephanie
Dieser Text ist Teil 7 von 12 der Serie Frauen bewegen

In der Grundschule wollte ich unbedingt beweisen, dass Mädchen sich auch prügeln können. Das führte zu mehreren grundschuladäquaten Schlägereien mit Klassenkameraden. Ich verlor immer, weil es mir schlicht  nicht behagte, meinen Gegnern weh zu tun. Mein Ziel hatte ich ja dennoch erreicht: Prügeleien waren keine reine Jungssache. Mein persönliches Erfolgserlebnis wurde jedoch nicht von meiner Klasse geteilt, für sie hatte ich einfach nur im Kampf verloren.
Heute werde ich diese Geschichte als meinen ersten Kampf mit dem Patriarchat. Dieser Kampf war weder gegen noch um das Patriarchat, sondern ein Ringen um eine Argumentationsgrundlage.

Auch heute freut sich ein Teil von mir, dass Paris in den Gilmore Girls eine „asoziale, aufgeblasene, narzisstische Wichtigtuerin“ ist, über Frauen in der Bundeswehr oder beim Minenräumen, wenn Frauen, obwohl sie sich nicht geschlechtsstereotyp verhalten, die Heldinnen sind.
Doch ein anderer Teil von mir fragt, ob diese Heldinnen unabhängig von feministischen Zielen, auch an einer Gesellschaft arbeiten, die ich mir wünsche.
Angela Merkel ist hierfür ein perfektes Beispiel: Von der Durchsetzungsfähigkeit, über ihre Klamotten und ihren Humor,  bis zu ihrem Diskussionsstil hat sie jedes Potential mein persönliches Vorbild oder meine beste Freundin zu werden. Trotzdem ist sie für mich unwählbar. (weiterlesen …)


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Feuerspuckende Drachen

10. Februar 2010 von Stephanie
Dieser Text ist Teil 6 von 12 der Serie Frauen bewegen

Sobald ich einen feuerspuckenden Drachen finde der perfekt zu meinem scharlachroten Rächerinnen Outfit passt, werde ich die Welt solange mit Schrecken überziehen bis sie mir freiwillig die gesamte Regierungsgewalt überträgt.

Letzte Woche Samstag erhielt ich eine Morddrohung per E-Mail. Darin beschrieb der Verfasser oder die Verfasserin, wie er/sie gedenkt, mich umzubringen – schlagen, aufhängen und verbrennen, zuzüglich Sexualisierungen.

Doch: Trotz der Drohung lebe ich noch. Warum eigentlich? Es wäre vermutlich nicht so schwer, mich umzubringen. Möglicherweise weil eben eine Morddrohung kein Mord ist, sondern eine Drohung und damit anderes bezweckt. Die drohende Person will mich vermutlich in Angst und Schrecken versetzen. (weiterlesen …)


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Treten Sie zurück, Herr Conzen!

30. Januar 2010 von Stephanie
Dieser Text ist Teil 5 von 12 der Serie Frauen bewegen

Ab und zu wach ich morgens auf und denke: Ab heute ist alles gut. Du hast bestimmt schon acht Stunden keinen sexistischen Scheiß gehört, warum sollte es in Zukunft anders sein?
Diese Überzeugung hält normalerweise nicht lange, was ich jedoch am letzten Freitag des Januars zu lesen bekam, topt meine gewohnte Desillusionierung um Längen.

Das städtische Zuschüsse für frauenspezifische Vereine gekürzt werden, bin ich ja beinahe gewohnt. Das frauenspezifische Vereine ihre Angestellten unter Marktwert bezahlen müssen und das Geld ansonsten knapp ist auch.
Das die schuldenfreie Stadt Düsseldorf den Kulturzuschuss insgesamt nicht verringert, jedoch eine Kürzung beim Verein für Frauenkommunikation „kom!ma“ um 25% vornimmt, ist schon eine besondere Härte. Das die Kürzung des Zuschuss von „kom!ma“  die einzige Kürzung im Kulturhaushalt ist, ist einfach nur noch dreist.

Aber warum sich an Interpretationen abarbeiten, wenn der Vorsitzende des Kulturausschuss Friedrich G. Conzen seinen Sexismus auch noch niederschreibt und verschickt. (weiterlesen …)


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Versammeln wir uns!

18. Januar 2010 von Stephanie
Dieser Text ist Teil 4 von 12 der Serie Frauen bewegen

Eine deutschsprachige feministische Community mit viel Raum für Diskussion, Austausch und Aktionen? (M)Ein Traum wird wahr!

Anfang 2009 hatte ich mit der Gestaltung einer feministischen Community begonnen – das Projekt war mir allerdings eingeschlafen. Dann kam Ninas Kommentar, dass wir ein Campact für Feminismus brauchen und gab mir neue Energie und Motivation.

Unter www.feministisches-zentrum.de gibt es jetzt ein virtuelles feministisches Zentrum. Jede die sich anmeldet, kann sich mit anderen vernetzen – in Gruppen oder privat –, mit anderen diskutieren, z.B. im Forum, und vieles mehr.

Die Idee
FeministInnen im direkten Umfeld zu finden, ist vielerorts leicht – vor allem in größeren Städten. Viele finden jedoch in ihrem Ort keine feministische Infrastruktur vor, die es ihnen erleichtern würde, Kontakt zu knüpfen und zu diskutieren.
Auch in den größeren Städten besteht das direkte Umfeld oft vielleicht aus 10-20 feministisch Interessierten. Was aber wenn 40, 80, 150 oder 1000 FeministInnen gebraucht werden?

Eine Beispiel: Eine Freundin, Verena, hat immer jede Menge Aktionsfelder auf dem Schirm. Für diese sucht sie beständig nach Menschen, die mitmachen und/oder mitorganisieren wollen. Momentan sind das vor allem zwei Themen: Prostitution und Preisgestaltung bei FriseurInnen. Beide hat sie bereits ins Forum geposted um Mitstreiterinnen zu finden und neue Ideen zu entwickeln, wie das jeweilige Ziel am Besten erreicht werden kann.

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Duck Dich oder Streck Dich

19. Dezember 2009 von Stephanie
Dieser Text ist Teil 3 von 12 der Serie Frauen bewegen

In jungen Jahren musste ich eine wichtige Entscheidung treffen: Will ich aufrecht durchs Leben gehen oder lieber mit meinem ArtgenossInnen auf gleicher Augenhöhe sein?
Welche hinter diese Fragestellung Tiefsinniges vermutet, hat zwar nicht unbedingt Unrecht, dennoch ist diese hier zunächst sehr plastisch gemeint: Ich bin 1,90m groß und das seit meinem 13. Lebensjahr.

Viele Frauen mit Überlänge entscheiden sich für die „Augenhöhe“-Variante und gehen gekrümmt durch’s Leben. Damit büßen sie zwar die Selbstsicherheit über Körperhaltung ein, genießen jedoch den Vorteil halbwegs zur Masse zu gehören.

Ich nutze meine körperliche Präsenz und gehe aufrecht. Damit gehöre ich zum potentiell stärkeren Gesellschaftsteil: Bis mir jemand krumm kommt, dauert es wesentlich länger als bei kleinen Frauen. Dumme Anmachen? Nur von waghalsigen Idioten. Sexuelle Belästigung? Extrem selten.
Mir einen Opferstempel auf die Stirn zu drücken ist wesentlich schwerer, da die Meisten einfach nicht dran kommen.

Was mich ein bisschen wundert ist, dass einige Frauen dazu neigen, Beschreibungen zur sozialen Situation von Frauen anhand der eigenen Erfahrungen zu evaluieren. Bevor ich auf die Idee komme meine eigenen Erfahrungen als Evaluierung zu nutzen, muss ich mir sicher sein, dass diese auch aus den gleichen Grundbedingungen entstanden sind. Allein wegen meiner Körpergröße ist dies häufig nicht der Fall.

Spannend und sinnig finde ich es, auch die Grundbedingungen zu analysieren, die nicht der Regel entsprechen, und daraus Folgerungen zu ziehen, wie die beschriebene soziale Situation so verbessert werden kann, dass es andere Frauen für sich nutzen können.
In meinem Fall halte ich die Ausgangsfrage für äußerst relevant: „Duck Dich oder Streck Dich“. Das metaphorische Moment in dieser Frage ist meines Erachtens voll auszuschlachten:

Wie wir alle 1,90m groß werden

„Duck Dich“ ist populär, denn damit wird die Fähigkeit bewiesen, sich in eine Gruppe einzugliedern. Eingliederung als Aspekt der Teamfähigkeit ist natürlich durchaus positiv, aber nicht generell. Nicht jedes „Team“ ist mein Team. Vor allem nicht, wenn es darauf aufbaut, dass ich mich ducke – ich also verheimlichen soll, wer ich bin.

Mit „Streck Dich“ wird immer wieder gewisse Arroganz und Aggressivität verbunden.
Selbstachtung wird gerne mit Arroganz verwechselt. Sich Raum zuzugestehen und zu erobern zeigt, dass Eine es sich selbst wert ist. Der Raum dafür  muss allerdings erobert und verteidigt werden. Das Kriegsvokabular ist gleichzeitig ein klarer Hinweis darauf, warum Menschen auf die Idee kommen, es handele sich dabei um Aggressivität.
Inwiefern die beiden Begriffe schlicht für „feministisches“ Verhalten abgelehnt, umgedeutet oder als Notwendigkeit akzeptiert werden, bleibt jeder selbst überlassen.

Mit meinen 1,90m kann ich natürlich gebeugt leben und mich auf gleicher Augenhöhe bewegen – allerdings nur solange wie mein Rücken mitmacht. Spätestens wenn die Rückenschmerzen zu groß werden, ist mir das Ducken nicht mehr möglich.


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