Nein, ich knete keine Vulva

18. August 2010 von Susanne
Dieser Text ist Teil 4 von 4 der Serie Die Farbe lila

Es gibt ein paar Dinge, die ich nicht wissen muss. Zum Beispiel, wie man einen Uterus strickt.

Das entscheide ich, als ich in einem Blog das Bild einer faustgroßen rosa-plüschigen Gebärmutter sehe. Mit zwei Eileitern als Armen sieht sie ganz witzig aus, aber irritiert mich sehr.

Nun könnte man sagen: Schau dir halt solche Blogs nicht an.

Aber ich bin gern dort, wo sich Feminismus und Do it yourself treffen. Feministisches Selbermachen hat nämlich einen vermeintlichen Widerspruch gelöst: Ich bin Feministin. Und ich nähe, stricke, koche, gärtnere gern. „Trotzdem“ habe ich immer gesagt, wenn das Gespräch darauf kam. „Ich bin trotzdem Feministin.“ Oder andersherum: „Ich backe trotzdem gern.“ Ich schämte mich ein bisschen für meine Hobbys. Ich fand, ich erfüllte damit ein altmodisches Frauenbild. Und jeden Schwiegermuttertraum – von einer haushaltlich begabten Schwiegertochter. Das Einzige, worauf ich mich immer herausreden konnte: dass ich nicht nur die Nähmaschine bedienen kann, sondern auch einen Schlagbohrhammer – dass ich einfach gern mit meinen Händen arbeite.

Brauner Hintergrund mit 2 Bäumen und 3 Pilzen. Ein Wolf liegt blutend auf dem Boden. Im Vordergrund steht ein Mädchen mit lila Käppchen und einem blutigen Messer in der Hand. Es sagt: I don't need to be saved. I can do that myself.

(c) Frl. Zucker

Dann entdeckte ich US-amerikanische Feministinnen, die Handarbeit ein neues Image verpassten, sie aus der bürgerlichen Umklammerung befreiten und stattdessen gegen Konsum und Kapitalismus anstrickten. Ich entdeckte auch: „revolutionäre Strickzirkel“ und „bad-ass“-Nähkränzchen und abonniere enthusiastisch all die Do it yourself-Blogs, die mir nicht marthastewartesk auf die Nerven gehen mit Vorschlägen wie, ich müsse mal wieder für meine Sofakissen neue Bezüge nähen, weil es doch da jetzt diese wunderschönen Rosenprints gibt. (weiterlesen…)


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Nippelfreie Zone

23. Juli 2010 von Susanne
Dieser Text ist Teil 3 von 4 der Serie Die Farbe lila

In den letzten Tagen wurde es immer unvorstellbarer, das Wochenende ohne Besuch am See überleben zu können. Ich brauchte dringend einen neuen Bikini, mein alter ist zehn Jahre alt. Also versuchte ich, einen zu kaufen. Bei dem Versuch blieb es allerdings. Dabei habe ich keinen ausgefallenen Geschmack und auch keine überzogenen Preisvorstellungen. Ich habe nur nicht den Wunsch, meinem Busen eine Rundumabdichtung zu verpassen – gepolstert und abgeschirmt gegen Gefahren jeder Art, die am See auf mich warten.

Aber das Designvorhaben der Bekleidungsindustrie scheint zu sein: meine Brüste zu beschützen. Warum sonst gibt es nur noch dick gepolsterte Bikinioberteile? Oder Büstenhalter. Auch hier das gleiche Bild, zum Beispiel im Prospekt, der mir aus der Zeitung entgegenflattert. Vermutlich wurden durch den frustrierenden Shoppingversuch meine Sensoren geschärft, normalerweise schmeiße ich Prospekte einfach ungesehen weg. Aber diesmal starren wir uns gegenseitig an: die gepolsterten Brüste mich und ich sie. Stramm stehen sie da, durch die unveränderliche Form der Schalen, wie eine Armee. Und neben den Dekolletés der Models steht die Erklärung für die Erfindung gepolsterter Unterwäsche: Es geht nicht um Schutz, sondern darum, etwas “unsichtbar” zu machen. Wer sich die Worte “T-Shirt-BH” und “Pulli-BH” ausgedacht hat, sollte mit ebensolchen geknebelt werden, der Erfinder von “unsichtbar” für seine Doofheit gleich mit. Ein unsichtbarer BH wäre: kein BH.

Brauner Hintergrund mit 2 Bäumen und 3 Pilzen. Ein Wolf liegt blutend auf dem Boden. Im Vordergrund steht ein Mädchen mit lila Käppchen und einem blutigen Messer in der Hand. Es sagt: I don't need to be saved. I can do that myself.

(c) Frl. Zucker

Deswegen kann diese Erfindung nur heißen: Irgendjemand hat ein Problem mit Brüsten, wie die Natur sie wachsen lässt. Weibliche Nippel sollen unsichtbar werden. Und in wattierte Förmchen eingepackt, wird die weibliche Brust normiert. Kleine, große, spitze, hängende, runde, schiefe, lustige oder flache Brüste sieht man immer weniger. Mit Pulli- und T-Shirt-BH sieht jede Brust, die einem auf der Straße entgegenkommt, gleich aus: fest, rund und mittelgroß. So wird Frauen eingeredet, das, was sie schon haben, sei nicht ganz so super wie das, was sie haben können. Und ihnen wird auch eingeredet, auf keinen Fall dürfe man unter dem T-Shirt oder Pulli “etwas” sehen. Ein Pulli-BH muss her, denn egal ob normaler BH oder kein BH, solange keine Watteschicht eingebaut ist und auch nur ein kleiner Wind weht, sieht man bei Brüsten Nippel. Bei Frauen wie bei Männern. (weiterlesen…)


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Arschlecken!

24. Juni 2010 von Susanne
Dieser Text ist Teil 2 von 4 der Serie Die Farbe lila

Zurzeit öffne ich meinen Briefkasten sehr vorsichtig. Ich linse erst mal hinein. Sehe ich nur Werbeprospekte und Rechnungen, greife ich erleichtert zu. Klemmt aber zwischen den weiß-nüchternen Umschlägen von Banken und Behörden wieder einmal ein großes Kuvert aus Büttenpapier, atme ich tief ein und noch tiefer aus. Aber es hilft ja nichts, ich nehme den feinen Umschlag heraus. Also, wer zur Hölle stellt sich als nächstes in den sommerlichen nie enden wollenden Reigen der Heiratswilligen?

Brauner Hintergrund mit 2 Bäumen und 3 Pilzen. Ein Wolf liegt blutend auf dem Boden. Im Vordergrund steht ein Mädchen mit lila Käppchen und einem blutigen Messer in der Hand. Es sagt: I don't need to be saved. I can do that myself.

(c) Frl. Zucker

Nie hätte ich gedacht, schon mit Anfang 30 erste Alterserscheinungen zu bekommen, aber dass ich sommers meine Wochenenden auf Hochzeiten verbringe, ist genau eine solche altersbedingte Erscheinung. Und fast so lästig wie Akne in der Pubertät.

Anfangs dachte ich noch, mein einziges Problem mit Hochzeiten sei das Ding Ehe an sich – so ganz von dieser Einrichtung überzeugt bin ich immer noch nicht. Die Ehe als staatlich legitimierte und finanziell geförderte Form des Zusammenlebens: Was bitte ist daran romantisch? Und die Eheschließung als Moment, bei dem die Frau sich vom Vater an den Zukünftigen übergeben lässt und seinen Namen annimmt – weibliche Selbstbestimmung sieht anders aus. Aber je öfter ich den Wandel der Braut zwischen Einladung und Ja-Wort mitbekomme, desto mehr sehe ich noch ein anderes Problem: dass Hochzeiten für Frauen zur konsumfixierten Leistungsschau geworden sind.

Und zwar jetzt gar nicht einfach so: Wer hat die geilere Location, das bessere Geschirr, das schönere Kleid vom bekannteren Designer. Nein, viel subtiler, denn natürlich orientiert sich niemand an anderen Menschen, Stichwort Individualität und so. Der Wettbewerb läuft eher unter dem Motto: Wer schafft es, seinem Traum einer perfekten Hochzeit so nahe wie möglich zu kommen? Egal ob dieser Traum im Landhaus-, Mittelalter-, Romantik- oder irgendeinem anderen Stil gehalten ist. Die Hochzeitsindustrie ist auf jeden Geschmack vorbereitet und setzt mit der Realisierung dieser Träume jedes Jahr fast zwei Milliarden Euro um.

Früher zahlte der Vater der Braut die Hochzeit, wobei „früher“ relativ ist, auch auf so einer Hochzeit war ich im letzten Jahr. Heute jedenfalls zahlen viele Brautleute selbst, und da auch Frauen ganz selbstverständlich Geld verdienen, darf es gern etwas teurer werden. Dann leistet man sich bestickte Platzkärtchen, weiße Tauben und eine mehrstöckige Torte mit Marzipanrosen als absolute Basics für „den schönsten Tag im Leben“, „den man schließlich nur einmal feiert.“ Also gleich noch den spitzenumrangten Torbogen für die Freiluft-Hochzeit gemietet und das – heute wieder zwingend weiße – Kleid doch maßanfertigen lassen.

Freundin P. jedenfalls, die in diesem Sommer ebenfalls heiratet, beschwerte sich bereits, dass es allein schon ziemliche Überwindung koste, eine einfache, handgeschriebene Einladungskarte zu verschicken. „Sogar meine Mutter redete mir ein, ich solle ins Grafikstudio gehen. Meine Mutter, die barfuß auf einem Acker geheiratet hat! Im Studio bekomme man auch das allertollste Papier, sogar parfümiertes“, erzählte sie augenverdrehend. „Arschlecken!“ schloss sie auf ihre von mir sehr geschätzte direkte Art, „ich klopp doch nicht mein sauer verdientes Geld für so einen reaktionären Scheiß raus.“

Ihre Parole Arschlecken! will ich seit unserem Gespräch jeder Braut zurufen, deren Einladung mich erreicht. Leider bin ich nicht abgebrüht genug, diejenige zu sein, die ihnen „den schönsten Tag im Leben“ versaut. Also gehe ich am Wochenende auf die nächste Hochzeit. Der schöne Sommer.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne in der SonnTaz)


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So hatte ich mir den Westen vorgestellt

6. Mai 2010 von Susanne
Dieser Text ist Teil 1 von 4 der Serie Die Farbe lila

„Germany’s Next Topmodel“ war in den letzten Jahren mein guilty pleasure – aus feministischer Sicht in keiner Weise zu rechtfertigen, aber trotzdem ein großer Spaß. An jedem einzelnen Donnerstagabend hatte für ein paar Stunden der Mensch in mir Ausgang, der Andere einfach „sauhässlich“ oder „strunzdumm“ finden durfte oder „Was für eine blöde Kuh!“ Richtung Fernseher rief. Feministin hin oder her.

Brauner Hintergrund mit 2 Bäumen und 3 Pilzen. Ein Wolf liegt blutend auf dem Boden. Im Vordergrund steht ein Mädchen mit lila Käppchen und einem blutigen Messer in der Hand. Es sagt: I don't need to be saved. I can do that myself.

(c) Frl. Zucker

Doch in diesem Jahr habe ich erst eine Folge geschaut, vergangene Woche, dann schaltete ich ab und beschloss, mir ein anderes unfeministisches Vergnügen zu suchen. Die Dauerbefeuerung der Kandidatinnen mit neoliberalen Kapitalismusweisheiten hat mir das Einschalten vermiest. Das ständige „Ihr müsst alles geben!“ von den Juroren und die ergebenen, gleichlautenden Antworten der Kandidatinnen: „Ich hab mein bestes gegeben, das war am wichtigsten.“

„Germany’s Next Topmodel“ ist zu einem Bühnenstück der Arbeitswelt geworden, wie sie junge Menschen heute vorfinden und die sie trotzdem lieben sollen. So kriegen die Mädchen bei jedem Casting, das heißt: auf Jobsuche, eingebläut: „Es ist eine Riesenehre, sich hier vorstellen zu dürfen“. Jaja, wir müssen alle wahnsinnig dankbar sein, wenn wir uns für irgendeinen Großkonzern abrackern dürfen. Es ist schon lange nicht mehr so, dass das ganze Ding „Arbeitsverhältnis“ auf Gegenseitigkeit beruhen würde: dass der Arbeitgeber froh ist, ambitionierte und kreative Menschen in seinem Team zu haben, und der Angestellte umgekehrt froh ist, für ein Unternehmen zu arbeiten, dass den Lebensunterhalt finanziert und halbwegs menschlich ist. Nein, heute muss jede und jeder dankbar sein, sich für irgendwen den Buckel krumm machen zu dürfen. Systemkritik war gestern.

Bei GNTM kommt noch hinzu, dass die Ladys wirklich alles machen müssen, wenn sie nicht rausfliegen wollen: Sei es, sechzehnjährig mit Typen in Badehose rumzumachen, ekliges Getier zur Schau tragen zu müssen oder bei Minusgraden in Sandalettchen herumzulaufen, als ob nichts wäre. Du lernst: Mach mit oder du bist ganz schnell raus aus dem Spiel um beruflichen Erfolg. So hatte ich mir als – propagandainfiltriertes – Ostkind immer den Westen vorgestellt: Die in der BRD müssen machen, was ihr Chef will oder werden gefeuert, obdachlos und traurig.

Steckt also vielleicht der Deutsche Arbeitgeberverband hinter Heidis Sendung, oder die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft? Vielleicht haben die sich vor ein paar Jahren gesagt: Margarine, Autos und Billigflüge werden mit knackigen, jungen Frauen beworben. Jungs, das können wir auch und zwar besser! Da machen wir was im Fernsehen. Für junge Frauen, die eh die besseren Schulabschlüsse machen. Die wollen wir haben! Die müssen wir vom Leistungsgedanken überzeugen, jedes Jahr ein kleines bisschen offensiver. Und wisst ihr was, haha, den bringen wir dann bei, dass sie auch noch Danke sagen müssen, Küsschen links und rechts, wenn sie rausfliegen. Wir müssen halt Stellen abbauen, jede Woche. So ist es nun mal, das Leben.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne in der SonnTaz)


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