Spitzenpolitikerinnen und Schwangerschaften
10. Februar 2011 von BarbaraHochschwanger hat die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles der Frauenzeitschrift Brigitte Ende 2010 ein Interview gegeben, Überschrift “Mein Job weckt Begehrlichkeiten”. Die mediale Resonanz auf das Interview war gewaltig, die Süddeutsche Zeitung schrieb “SPD: Karrierekämpfe Andrea Nahles – schwanger und Furcht um den Job”. Und die BILD titelte dasselbe: “Schwangere Nahles hat Angst um ihren Job”.
In einem eigenen Interview, das ich mit Andrea Nahles kurz darauf geführt habe, meint sie, dass es “nicht nur in meiner Partei ambivalent ist, wenn Frauen in Funktionen Kinder kriegen”. Sie stellt aber auch richtig, dass sie “zu keinem Zeitpunkt Angst” um ihren Job hatte.
Wir sind andere Spitzenpolitiker mit der Tatsache umgegangen, dass sie Kinder haben? Denken wir an die Politiker Willy Brandt und Helmut Kohl, die ihre Kinder “verwahrlost haben” – aktiv und von der ganzen Nation gesehen, vielleicht sogar akzeptiert, aber so gut wie nie kritisiert. Gerade ist das Buch des Altkanzler-Sohns Walter Kohl erschienen, das seine Sicht dieses Heranwachsens tragisch schildert.
Ich erachte die Mutterschaft von Andrea Nahles als große Chance für Frauen. Nahles als Spitzenpolitikerin gilt für viele als Vorbild. Wenn sie nun zeigt, dass es durchaus eine Vereinbarkeit von Kindern und Berufsleben geben kann, ist das eine Unterstützung vieler verzweifelter Frauen. Ich möchte keinesfalls die private Entscheidung von Andrea Nahles in irgendeiner Weise bewerten oder gar kritisieren. Doch wenn Partner und Großeltern sofort nach dem Mutterschutz die Kinderbetreuung aufgrund der Wichtigkeit, so schnell wie möglich wieder ins politische Amt zurückzukehren, übernehmen, kann das als eine Fortführung des männlichen Verhaltens der Altkanzler gesehen werden – ohne Nahles dabei die aktive Verwahrlosung zu unterstellen!
Die nächste Spitzenpolitikerin, deren Schwangerschaft derzeit von der Öffentlichkeit genauestens betrachtet und diskutiert wird, ist Familienministerin Kristina Schröder. Auch sie plant nach der gesetzlich vorgeschriebenen Mutterschutzfrist ein schnelles Comeback an den Ministerinnen-Schreibtisch.
Es muss möglich sein, emotionale Intelligenz in Politikkonzepte einzubinden. Vor allem dann, wenn Frauen zum ersten Mal einen Weg gehen, der vor ihnen nur von Männern beschritten wurde. Die Tatsache, dass Menschen in allen beruflichen Funktionen Kinder kriegen und haben, muss zur Normalität werden. In einem Kommentar des Bayerischen Rundfunks heißt es: “Warum gibt es keine Schwangerschafts-Vertretungsminister? Warum nehmen nicht mehr Spitzenpolitiker Vätermonate? Warum ist “Halbtagsministerin” in der Politik ein Schimpfwort?” und “Aber wenn flexible Arbeitszeiten in der Regierung nicht möglich sind, wie kann das die Politik dann von Unternehmen fordern?” Ganz genau!
Frauen wie Heidi Klum, deren finanzieller Wert als Supermodel direkt proportional mit ihrer Taillenweite zusammenhängt, kommen sofort nach der Geburt eines Kindes wieder zurück in die Gesellschaft ohne Baby-Handicap. Das liegt am Geld, das sie mit ihrem makellosen Körper verdienen. Bei Politikerinnen muss es da noch eine andere Möglichkeit geben. Das wünsche ich ihnen. Und allen anderen in diesem Land.
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