Die Kosten von „umsonst“

26. Juni 2012 von Charlott
Dieser Text ist Teil 4 von 4 der Serie Bericht aus Kenia

Charlott, Autorin von Afrika Wissen Schaft, ist zur Zeit auf einem Blogger­_innen-Trip in Kenia, der vom Inter­national Reporting Project organisiert wird.

Oft habe ich in den letzten sieben Tagen gehört, dass ein bestimmter Service „free“, also umsonst, wäre. Grund­schule ist natürlich „free“. Und selbst Verhütungs­mittel gäbe es so. Doch immer wenn ich mich mit Menschen unterhalten habe, die von diesem Service und vor allem dessen Kosten­freiheit abhängig sind, stellte sich das Bild anders da.

„Ich kann meine Kinder nicht zur Schule schicken. Dafür ist kein Geld da“, sagt Rose Kagwa. Sie lebt in Kibera, einem der größten Slums Afrikas (auch wenn die Zahlen je nachdem wer gefragt wird, stark variieren). Grund dafür ist, dass es für die Grund­schul­bildung in den staatlichen Schulen zwar kein Schul­geld bezahlt werden muss, statt­dessen aber eine Reihe Kosten entstehen. Für viele Menschen ist so zum Beispiel eine Schul­uniform, welche Vor­raussetzung für den Schul­besuch ist, schlicht­weg nicht erschwinglich.

Oftmals werden diese Kinder aber einfach übersehen, da sie auf dem Papier nichts für die Schule bezahlen müssten. Dieses Problem zieht sich weiter durch. Ol Pejeta, ein Tier­schutz­gebiet, welches verschiedene Projekte hat, um mit den umliegenden Gemein­schaften zusammen­zu­arbeiten, bietet derzeitig 60 volle Stipendien für die weiter­führenden Schulen an. Davon abgesehen, dass 60 Stipendien angesichts der vielen Kinder nicht besonders viel ist, werden auch hier wieder nur Schul­gebühren über­nommen. Für alles andere müssen die Familien auf­kommen. Und dahinter steckt sogar System. So höre ich von Nancy Ingutia, Mitarbeiterin bei Ol Pejeta, die oft gehörten neo­liberalen Sätze „Die Eltern müssen beteiligt werden, sonst werden sie faul.“ Es kommen also meist nur jene Kinder bis zur Stipendien­bewerbung, deren Familien die anfallenden Kosten für die Grundschule aufbrachten, die den Antrag ausfüllen konnten und deren Familien genug Geld für wenigstens einen Teil der weiteren Bildung haben.

Auch Verhütungsmittel sind nicht kostenfrei, auch wenn es diese offiziell umsonst geben soll. Alle Ärzt­_innen und andere Mit­arbeiter­_innen in Kliniken erzählten, dass sie Gebühren für die Mittel nehmen, um die Kliniken an sich am Laufen zu halten. Eines der Probleme ist nämlich, dass selbst bei staat­lichen Kliniken die Regierung nur die Honorare der Mit­arbeiter­_innen übernimmt und einen Teil der Medi­kamente, nicht aber die weiteren Kosten, die für den Betrieb notwendig sind. So kommt es dann, dass Frauen, die im Kranken­haus entbinden, selbst für die Gummi­hand­schuhe, die verwendet werden, bezahlen müssen.


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Die Angst vor Mitt Romney

22. Juni 2012 von Charlott
Dieser Text ist Teil 3 von 4 der Serie Bericht aus Kenia

Charlott, Autorin von Afrika Wissen Schaft, ist auf einem Blogger_innen-Trip in Kenia, der vom International Reporting Project organisiert wird.

„Oh ja, nachts schlafen wir nicht.“, kommentiert Rosemary Onyando-Muganda, stellvertretende Leiterin der kenianischen Abteilung von PATH Global Health Organisation, besorgt mit Blick auf die mögliche Wahl von Mitt Romney zum US-Präsidenten. Fast alle anderen Personen, die im Sektor für reproduktive Gesundheit arbeiten, artikulieren ähnliche Gefühle, oftmals gefolgt von einem Kopfschütteln und dem Satz: „Darüber versuche ich jetzt gar nicht nachzudenken.“

Doch woher kommt  diese Angst? Das Zauberwort hier heißt „Global Gag Rule“. „Global Gag Rule“ ist die weit verbreitete Bezeichnung für die „Mexico City Policy“, gag rule heißt dabei in etwa „Maulkorberlass“. Die Policy wurde 1984 unter Reagen verabschiedet und besagt, dass keine finanziellen Mittel der US-Regierung an Organisationen fließen dürfen, die sichere Schwangerschaftsabbrüche unterstützen, in dem sie z.B. sichere Abtreibungen durchführen, Beratungen zum Thema machen oder Regierungen versuchen von der Notwendigkeit dieser zu überzeugen. Einzige Ausnahme waren Schwangerschaftsabbrüche im Fall einer Vergewaltigung, Inzest oder wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr war. Unter Clinton und jetzt wieder unter Obama wurde die Regel außer Kraft gesetzt, aber mit Romney würde sie sicher wieder implementiert.

In Kenia waren Abtreibungen bis 2010 illegal und trotzdem waren viele NGOs betroffen. Mit der neuen Verfassung sind Schwangerschaftsabbrüche erlaubt, insofern mindestens ein_e skilled health worker (z.B. Ärtz_innen, Krankenpfleger_innen, Hebammen usw.) bestätigt,  dass das Leben oder die Gesundheit (und da startet die Grauzone) der Schwangeren in Gefahr sind. Ein erneutes Einsetzen der „Global Gag Rule“ könnte für viele Kenianer_innen fatale Folgen haben. Onyando-Muganda erklärt, dass in der letzten Phase viele Kliniken geschlossen wurden. Auch nahm der Zugang zu Verhütungsmitteln ab. Es war nicht immer klar, was nun genau unter die Regel fiel und viele Organisationen schränkten somit ihre Dienstleistungen stark ein. Caroline Nyandat vom „Kisumu Medical and Education Trust“ (K-MET) bestättigt, dass während der Gag Rule zum einen die ungeplanten Schwangerschaften zunahmen und proportional dazu auch Frauen die unsichere Abtreibungen (so genannte „backstreet abortions“) vornahmen.

Sam Owoko, ebenfalls von K-MET, weißt aber auch darauf hin, dass selbst jetzt unter Obama zwar Gelder an Organisationen wie den Trust fließen, diese aber explizit nicht für Dinge benutzt werden dürfen, die irgendetwas mit Abtreibungen zu tun haben. In der Praxis heißt dies: Ein Kittel der mit US-Regierungs-Geldern finanziert wurde darf nur getragen werden, wenn die Patientin Maleria-Medikamente bekommt, nicht aber, wenn sie sich zum Schwangerschaftsabbruch beraten lässt.


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Was mache ich hier eigentlich?

20. Juni 2012 von Charlott
Dieser Text ist Teil 2 von 4 der Serie Bericht aus Kenia

Charlott, Autorin von Afrika Wissen Schaft, ist auf einem Blogger_innen-Trip in Kenia, der vom International Reporting Project organisiert wird.

Sonntag: Ich sitze am Flughafen in Zürich. Es ist noch eine Stunde Zeit bis unser Flug nach Nairobi startet. Neben mir platziert sich eine Gruppe junger Frauen, vielleicht 18 bis 20 Jahre alt. US-Amerikanerinnen. Schnell bekomme ich mit, dass sie den gleichen Flieger nehmen werden, aber mit diesem noch weiter nach Dar es-Salam unterwegs sind. Bevor ich mich fragen kann, was sie dort vorhaben, kramt eine in ihrer Tasche und holt eine Hand voller kleiner Karten heraus. Bei näherer Betrachtung sehen diese fast aus wie Panini-Sammelbilder: Fotos von Gesichtern von Kindern und darunter die Namen. „Ich kann schon die Namen von all meinen Mädchen. Die sind soooo süß“, ruft eine der Frauen aus.

Im Flugzeug dann neben dieser Gruppe, viele, viele Menschen, die zu irgendwelchen christlichen Gruppen gehören, die zum „Helfen“ nach Afrika unterwegs sind. Einige der Personen sind gerade einmal Teenager. Mitten drin sitze ich mit meinem eng gestricktem Programm-Plan, der unter anderem Besuche in Kibera, einem der größten Slums Afrikas, und einer Geburtsklinik vorsieht. Ich schaue in die aufgeregten Gesichter um mich und höre zu, wie von zukünftigen guten Taten geschwärmt wird. Dabei beiße ich mir auf die Lippen, um nicht zynische Dinge plötzlich von mir zu geben. Denn warum ausgerechnet unausgebildete Teenies in Regionen mit großer Arbeitslosigkeit die Retter sein sollen, wird sich mir nie erschließen.

Aber was genau unterscheidet mich von ihnen? Erstmal nicht viel. Ich stehe auch im Slum und nehme Zeit und Informationen von Menschen in Anspruch. Das einzig Positive: Ich nehme niemanden einen potentiellen Job weg. Stattdessen eröffnen sich aber einige Chancen. So sitzen wir montags tatsächlich in Kibera und schauen über die schier unendliche Größe des Gebiets als einer meiner Mitreisenden zu mir sagt: „Es wäre so einfach, ein typisches ‚Afrika-Stück‘ nach so einem Besuch zu schreiben.“ Das Bewusstsein aber über jene „Möglichkeit“ und die implizite Ablehnung zwingen uns andere Geschichten zu suchen, mehr Informationen zu sammeln, tiefere Gespräche zu führen und damit die bestehende Afrika-Berichterstattung, welche Binyavanga Wainaina so passend kritisierte, zu ergänzen.

In meinem nächsten Text werde ich dafür aufzeigen, wie Kämpfe um reproduktive Rechte in den USA und in Kenia zusammen hängen.


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Es geht nach Kenia!

14. Juni 2012 von Charlott
Dieser Text ist Teil 1 von 4 der Serie Bericht aus Kenia

Ab Sonntag wird es hier an dieser Stelle eine ganz besondere „Aus­lands­korrespondenz“ geben. Für zehn Tage werde ich, Charlott von Afrika Wissen Schaft, in Kenia verweilen und von dort aus den einen oder anderen Text verfassen. Eingeladen hat das International Reporting Project. Neben mir werden elf weitere Blogger_innen mit dabei sein, die eben­falls aus Europa, aber auch aus (Nord- und Süd-) Amerika, Asien und Afrika kommen. Für uns wurde ein enges Pro­gramm mit Podiums­diskussionen, Vor-Ort-Besuchen und Interviews gestrickt.

Thematisch werden wir uns in erster Linie mit Gesundheit und Familienplanung auseinandersetzen. Dabei soll es beispielsweise um folgende Fragen gehen: Welche Möglichkeiten/Zugänge haben vor allem Frauen zu Familienplanung in städtischen und ländlichen Gebieten? Wie gehen Familien mit HIV/AIDS um? Welche Kritik gibt es an Familienplanungs-Kampagnen?

Eine Frage, die aber über allem thront: Wie angemessen berichten über Afrika? Auch wenn unsere Gruppe divers ist, ist sie doch mehrheitlich weiß-europäisch/us-amerikanisch und oftmals werden wir nur wenig Zeit an bestimmten Orten/ in bestimmten Einrichtungen verbringen. Ich hoffe trotzdem, dass es mir gelingen wird, verschiedene Stimmen wiederzugeben und einen Einblick jenseits der Klischees und üblichen Bilder zu geben.


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