Ein lauter #Aufschrei gegen Sexismus

von Magda

Seit mehreren Tagen ist in Deutschland ein #aufschrei zu hören, insbesondere in dem sozialen Netzwerk twitter und in den Mainstream-Medien: Deutschland diskutiert (mal wieder), ob es hier­zulande ein Sexismus-Problem gäbe – wie auch gestern auf ARD bei Günter Jauch. Aber mal von vorn: Um was geht es bei der Aktion #aufschrei? Gibt’s da was zu kritisieren? Und was war bei Jauch gestern Abend so los? Ich versuche mich mal an einer Ein­schätzung:

#aufschrei

Von Donnerstag auf Freitag fingen Frauen* auf twitter an, ihre Erfahrungen mit Sexismus, Grenz­über­schreitungen und sexualisierter Gewalt zu teilen – alles in 140 Zeichen, denn mehr Zeichen sind in einer Twitter­nachricht nicht erlaubt. Alle diese Nach­richten sind ein­sehbar unter dem Schlag­wort #Aufschrei. Zehn­tausende Geschichten mit teils sehr gewalt­vollem Inhalt sprechen eine unmiss­verständliche Sprache: Sexismus, sexualisierte Gewalt und Über­griffe waren und sind Alltag in Deutschland. Wer das leugnet, ist entweder nicht betroffen oder offen antifeministisch.

Als ich vergangenen Freitag früh den Laptop öffnete, gab es bereits hunderte dieser Mini-Erfahrungsberichte auf twitter. Ich musste erst einmal tief durch­atmen, denn eine geballte Ladung dieser krassen Geschichten sind viel­leicht neu und schockierend für einige (die – so verstehe ich eine Intention der Aktion – wach­gerüttelt werden sollten), für andere (in diesem Fall Betroffene von sexistischer Gewalt) bitterer Alltag. Mich begleitete (wie Charlott auch) eher ein ungutes Gefühl, weil mir bei dieser Form des feministischen Aktivismus die empowerende Perspektive fehlte. Nur sehr selten wurden auf Initiativen oder Vereine hin­gewiesen, die Betroffene von (sexualisierter) Gewalt Schutz oder Hilfe anbieten, kaum eine_r erwähnt One Billion Rising, es wurde wenig Bezug auf ältere oder ähnliche Kampagnen genommen. Vielmehr flogen un­gefiltert die Geschichten um die Ohren. Ich hielt mich also eher wenig im Netz auf, konnte aber nachvollziehen, dass das Teilen von Erfahrungen und das Erkennen von (gesellschaftlichen) Mustern (für einige wahr­scheinlich auch erst­malig) für viele eine Form des Empowerment dar­stellten.

Ein anderer Grund, warum diese Aktion für mich schwierig war, hatte mit meinem Gefühl zu tun, dass das Kritisieren von z.B. homo­phoben oder anti­feministischen Tweets, die leider auch Teil dieser Aktion waren, als unsolidarisch der Aktion gegenüber ein­geschätzt wurde. Genervt hat mich auch das grenzen­lose Abfeiern von Typen, die nun das Thema Sexismus für sich entdeckten und trotzdem keinen Widerspruch darin sahen, Frauen* weiterhin zu belehren. Oder groß­zügig mit­teilten, wie sie die Frauen* in “ihrem” Kampf unterstützen. Für solche Tweets können feministische Aktivist_innen nichts, aber kritisiert haben es auch nur wenige.

@fraeulein_tessa schrieb dann etwas, was meine diffusen Gefühle zu der Aktion perfekt zusammenfasste: “Letztlich ist die #aufschrei-Debatte eine Chance: Frauen und Männer näher zueinander zu bringen. Eine Antwort auf Homophobie, Trans­feindlichkeit und Rassismus ist sie nicht.” Bei solchen Aussagen wird deutlich, dass Männer der Referenz­rahmen bleiben und die Kämpfe gegen z.B. Rassismus oder Homophobie als unab­hängig von Sexismus verstanden werden. Das ist schade, weil somit die Er­fahrungen von vielen Frauen* hinten­an­gestellt werden und davon ausgegangen wird, das alle Lust haben, Männern von ihren Erfahrungen zu erzählen und näher zu ihnen gebracht zu werden.

#aufschreien & solidarisch bleiben
Ich fordere nicht, dass Aktivismus immer und gleicher­maßen alle Unter­drückungs­verhältnisse thematisiert – das halte ich für unmöglich. Die SlutWalks mit ihrem Label “antisexistisch, antirassistisch, anti-hetero­normativistisch…” haben bewiesen, dass es gar nicht so einfach ist, den eigenen all­um­fassenden Anspruch zu erfüllen. Was ich mir aller­dings erhoffte von einer feministischen Aktion wie dieser, die die unterschiedlichen (!) Erfahrungen von Frauen* abbilden möchte, dass sie sich solidarisch mit Kämpfen z.B. gegen Hetero­sexismus zeigt. Das heisst konkret: Homophobe Tweets kritisieren und nicht so tun, als hätte das eine nichts mit dem anderen zu tun. Und versuchen, Sexismus nicht unabhängig von anderen Diskriminierungen zu sehen. Eine Aktion mag sich primär auf Sexismus konzentrieren, das ist voll okay. Aber dann sollte wenigstens klar sein, dass in dieser Bewegung andere Formen der Diskriminierung nichts zu suchen haben. Ich kann in meinem Leben Sexismus und Homophobie nicht von­einander trennen. Wer das nicht erkennt oder zweiteres für-die-Sache™ einfach so ignoriert, kann nicht mein_e Bündnis­partner_in sein. Kritik sollte nicht gleich am Anfang reflexartig niedergeschlagen werden. Kritik ist wichtig für feministische Aktionen und ein “alle-können-mitmachen” heisst nicht, dass die, die von verschiedenen Diskriminierungen betroffen sind, sich dagegen wehren, sondern dies alle gemeinsam auf ihre Agenda setzen.

@vonhorst, die unter den ersten war, die mit dem Hashtag #aufschrei über alltäglichen Sexismus twitterte, hat mit einem gestern aufgesetzten Blog allerdings gezeigt, dass unter­schiedliche Unter­drückungs­verhältnisse zusammen­gehören: Auf alltagssexismus.de könnt ihr eure Geschichten teilen, denn dort werden “Erlebnisse zu Sexismus, Homo-, Queer- und Trans­feindlichkeit und zu Rassismus und Ableismus, den Frauen erleben, gesammelt”. Dort sind auch erste Ressourcen auf­gelistet, wie z.B. Hollaback Berlin oder Wildwasser – gegen sexuelle Gewalt. Wie es weitergeht mit #aufschrei werden wir in der nächsten Zeit sehen.

Beachtlich bisher ist, dass #aufschrei es geschafft hat, über die Debatte zu Brüderele hinaus Sexismus in Deutsch­land auf die journalistische Agenda zu bringen. Gestern Abend fand dazu auch eine Diskussions­runde bei Günter Jauch statt. Thema:

“Ein Herrenwitz mit Folgen – hat Deutschland ein Sexismus-Problem?”

Dazu fehlen mir – jetzt kurz nach der Sendung – echt die Worte. Es fängt schon bei dem absurden Titel an: ‘Herrenwitz’ ist im Kontext sexistischer Grenz­über­schreitungen mehr als eine Ver­harmlosung und die Frage, ob Deutschland ein Sexismus-Problem hat, ist angesichts der ekelhaften 60 Minuten, die gestern in der ARD liefen, eine boden­lose Frechheit (mit unseren GEZ-Gebühren übrigens, klingelingeling).

Günter Jauch lud in seine illustre Runde ein: Alice Schwarzer (Berufs­feministin und Journalistin), Thomas Osterkorn (Stern-Chefredakteur), Silvana Koch-Mehrin (FDP), Wibke Bruhns (erste westdeutsche TV Nachrichten­sprecherin), Hellmuth Karasek (Journalist) und Anne Wizorek (die den Hashtag #aufschrei erfand).

Hätte ich mir ein Bullshit-Bingo gebastelt, wäre es dreimal vollgewesen: Worte wie ‘Moralpolizei’ oder ‘Political Correctness’ wechselten sich ab mit Sätzen wie “Männer und Frauen sind unter­schiedliche Spezies” (Bruhns) oder “Frauen können sich ja aus­suchen, ob das jetzt Belästigung oder Flirt ist” (Karasek).

Noch nicht genug der Übelkeit? Es geht weiter: Opfer­beschuldigendes Verhalten (die Journalistin hatte sich ja an Brüderle “rangewanzt” laut Karasek), Verharmlosungen von Grenz­über­schreitungen von Politikern (“Gehört nun mal dazu!” laut Bruhns), Rassismen (Menschen “mit Migrationshintergrund” und ihr Ehr­gefühl seien ja die wahren Sexisten in Deutschland, laut Osterkorn), Sexismus (das Dirndl wurde ja erfunden, um “Frauen auf den Busen zu starren” laut Karasek), um­gedrehter Sexismus (“…and what about the menz?!”, eine von Jauchs Lieblingsfragen) und Hetero­sexismus (alles was Frauen tun, bezieht sich selbst­verständlich immer auf Männer, das hat leider keine/r der Diskussionsteilnehmer/innen hinterfragt). Angeführt wurde diese peinliche Parade von Jauch, der kaum hätte un­informierter sein können und als Moderator klar auf der Herrenwitz-Seite stand.

Koch-Mehrin (für mich die Stärkste in der Runde, und ja, ich kann nicht fassen, dass ich das mal über eine FDP-Politikerin sagen muss…), Schwarzer (von der übrigens diesmal keine rassistischen Äußerungen kamen, Über­raschungen sind doch was schönes), Wizorek (die öfter mal Bruhns und Karasek unter­brach und sagte, dass das, was sie sagen, einfach nicht stimme, sehr cool!) und (leider nur streckenweise) Osterkorn konterten teilweise sehr souverän gegen die absurden Aus­sagen von Jauch, Karasek und Bruhns.

Koch Mehrin verdeutlichte zum Beispiel, dass ihre persönliche Empfindlich­keit unerheblich sei bei der Ein­schätzung von sexistischen Grenz­über­schreitungen, die andere Frauen* erleben. Auch das von Bruhns vor­gebrachte Argument, dass Frauen* sich doch einfach wehren sollen, fegte sie weg mit dem Hinweis, dass es in einer gleich­berechtigten Gesell­schaft nicht darum gehen dürfe, wie schlag­kräftig eine ist. Warum sollen sich Frauen* eigentlich wehren müssen? Warum müssen sich junge Mädchen* ein Rüstzeug zurecht­legen?

Auch Schwarzer stellte fest, dass die “alte Kacke immer noch dampft” (sehr schön!) und Wizorek verwies auf die Tatsache, dass viele Männer* keine Ahnung hätten, welches Ausmaß Sexismus in der Gesell­schaft annähme – 60.000 Tweets zeigen, dass mensch es nicht ignorieren könne.

Die Diskussionsrunde war ein trauriger Beweis dafür, dass (fast) kein Wissen zu Sexismus, (Verharm­losung von) sexualisierter Gewalt und Grenzüberschreitungen existiert. Zu oft lachte das Publikum bei sexistischen Sprüchen, zu dämliche Fragen wurden gestellt. Was Deutschland dringend braucht, ist eine Sexismus­debatte, die verschiedene Macht­verhältnisse thematisiert, unterschiedlich sozial gelagerte Betroffene zu Wort kommen lässt und insbesondere jene, die gesell­schaftlich die Diskurs­hoheit besitzen, einfach mal dazu bringt, zuzuhören, um das eigene Verhalten kritisch zu beäugen.

Nach dieser Runde bin ich ziemlich auf­gebracht und wütend. Ich hoffe, dass ich die Wut für zukünftige Aktionen ein­setzen kann. Am 14. Februar findet welt­weit  One Billion Rising statt, ein Aktions­tag gegen Gewalt gegen Frauen*. Hoffent­lich verpufft eine (kritische) Debatte zu Sexismus bis dahin nicht im Twitter­universum. Kritisch diskutiert wurde die Sendung auf Twitter allemal. Hier ein paar Impressionen:

beweise

menz

jauchschmerzen feminist shitstorm schlechte laune sexismus aufzeigen kachelmann macht grenzen

rassistenweiter kaempfen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




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Eintrag geschrieben: Montag, 28. Januar 2013 um 9:30 Uhr unter Gewalt, Netz(kultur). RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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44 Kommentare

  1. tessa sagt:

    Puh, ja. Ich bin aufgewacht und noch wütender als gestern Abend, weil die Sendung mich so fassungslos gemacht hat. Es gab auf Seiten des Senders und des Moderators und der Gäste, die hierzulande als Intellektuelle gelten (Karasek) keine Bereitschaft zu verstehen, kein Wissen.
    Und in der Tat ist der Referenzrahmen, wie du beschreibst, die Männer bzw. die heterosexuelle Matrix, da permanent argumentiert wird, dass ein bißchen Flirt, ein bißchen Anfassen, “Herrenwitze” zwischen Männern und Frauen ja schon okay wären. Damit wird unsichtbar gemacht, dass es nun einmal unzählige Frauen gibt, die sich für Männer sexuell kein Stück interessieren, die an dem, was hier als lockeres Spiel beschrieben wird, erst recht nicht teilnehmen wollen. Ich denke die Sendung hätte sogar an diesen Punkt kommen können, hätte Karasek nicht die ganze Redezeit verschwendet.
    Ich hoffe, dass die Debatte gerade erst am Anfang steht und daher auch thematisch wachsen kann. Ich bin noch unentschlossen, ob ich in den Mainstream-Medien Offenheit beobachten kann, die Debatte weiter zu verfolgen oder eher versucht wird, sie klein zu halten. Dass Journalist_innen die Bewegungen im Netz aufmerksam beobachten halte ich für eine Chance, die Diskussionen auch inhaltlich bereichern zu können.
    Ich würde jetzt gern etwas zu Empowerment lesen/machen. Ich kann gar nicht genau sagen wie und wo, aber die letzten Tage haben mich seelisch ziemlich mitgenommen. Ich weiß nicht wohin mit meiner Wut, weil ich das erste Mal seit langer Zeit das Gefühl habe, selbst mit kluger Argumentation nichts bewegen zu können. Oder jedenfalls viel zu wenig.

    Danke für den Text.

  2. [...] hat Magda recht und die #Aufschrei-Debatte ist für mich deswegen so schwer zu beobachten, weil ihr Ziel es ist [...]

  3. [...] Post-Privacy-Mem gelesen werden, dass eine umkämpften, emanzipatorische Idee verfolgt. Es ist der Versuch einer solidarische [...]

  4. Danke für diesen Text Magda!
    Bei mir gibt es noch einen Punkt, der mir ordentlich Bauchschmerzen bereitet. Die ganz Mythen nämlich, die mitreproduziert werden. Frauen ™ sind ja auch schwächer (besonders körperlich). Damit werden rape culture Motive mit reproduziert, auch in vielen tweets die fremden auf dem Heimweg. Natürlich kommt das vor und ist scheiße und braucht auch Raum, aber in der Gesamtheit der Tweets (nicht in denen von @vonhorst am Anfang) werden viele Klischees mitreproduziert.
    Wenn ich was lese mit “die Panik der Gewissheit: wenn er dich packen will, bist du eh zu schwach” ärger ich mich, weil das ist doch genau das, was immer versucht wird einzuimpfen “du kannst dich eh nicht wehren, Männer sind auf jeden fall stärker”. Nicht jeder Mann ist per Geschlecht stärker als ich! Das ist eine verdammt sexistische Annahme. (und dabei beziehe ich mich vor allem auf diesen Körperstärkemythos)
    ich möchte aufschreien wenn mir eine_r versucht einzureden, ich dürfte nachts nicht alleine durch den Park gehen. Dann kriege ich Wut, weil da so viele Mythen drinstecken… Ich verstehe, wenn es Frauen so geht. Rape culture eben. Aber mir geht das nicht so, und ich fände schön, wenn das so bleiben dürfte.
    Und die viele homophobe Scheiße die ich gelesen habe, macht mich auch sehr wütend. Dazu hast du aber schon was geschrieben. Volle Zustimmung.

  5. MidiGrrrl sagt:

    Danke fuer den Text!
    Das Bedarf fuer eine Debatte ist soooo mega gross aber fuer mich zeigt es auch den Bedarf für geschützer Raüme, die versuchen, diskriminierungs-arm Räume fuer FLTI* zu Verfügung zu stellen. Im Musik Bereich, wo ich hauptsächlich unterwegs bin, gibt es z.B. Ladyfesten und in Berlin der Ruby Tuesday E.V., der verschiedene musik camps fuer mädchen, trans und inter jugendliche organisiert.

    Ich habe auch den tag #outcry / #aufschrei verwendet und es ist mir nacher eingefallen, dass nicht eine tweet oder gedanken von mir sich auf ein ladyfest oder girls* rock camp erfahrung bezieht. Nicht, dass sie auch immer diskriminierung-frei sind (ich habe schon klassismus auf ein ladyfest erfahren) aber trotzdem es fehlt den spektrum an scheiss

  6. Jens sagt:

    In der Debatte über Sexismus lese ich häufig, dass mangelnde Reflexion über verschiedenste Verhalten kritisiert wird. Die Kritik vermischt sich Vermutungen, Unterstellungen, Glaubenssätzen, Anklagen, Beobachtungen, Analysen, Behauptungen, Abwehrhaltungen, An- und Entschuldigungen, etc.
    Vielleicht muss das jetzt erstmal so sein, damit mehr oder weniger reflektiert der Spannungsbogen des Konfliktes sichtbar wird.

    Reflektieren – ist das eine angeborene Kompetenz?

    Nach meiner Erfahrung nicht. Unser Verhalten orientiert sich überwiegend an den an uns gestellten Erwartungen, dass wir gar keinen Grund zum reflektieren haben. Allenfalls reflektieren wir darüber, ob unser Verhalten einer Erwartung entspricht oder nicht. Meist begnügen wir uns mit der Belohnung für das erwartungsorientierte / angepasste Verhalten.

    Mein Reflektieren über (mein) sexistisches Verhalten begann (vor ca. 25 Jahren – und ich entschuldige mich schon jetzt ggf. altkluge Formulierungen), als ich die Chance ergriff von einer Feministin und Sprachwissenschaftlerin etwas zu verstehen, zu begreifen und zu lernen. Sie lehrte mich, dass es sehr hilfreich ist die Begriffe, die für einen Diskurs gebraucht werden zu klären und ggf. von einander abzugrenzen. Wenn die eine Person vermutet, Feminismus sei irgendetwas, was sich gegen Männer richtet und eine andere Person mein es ginge um Selbstbestimmung, dann wird dieser Diskurs schnell an die Grenzen seiner Möglichkeiten kommen. Und diesen Eindruck habe ich im Moment (noch) in der aktuellen Debatte.

    Mein konstruktiver Ansatz/Vorschlag wäre (gemeinsam) Begriffe zu klären, damit die Kommunikation konstruktiver wird – als Vorbereitung zum Reflektieren. Da Begriffsdefinitionen/-deutungen sich im Laufe der Zeit ändern können – je nach dem wer durch seine Macht die Deutungshoheit hat, frage ich mich, ob das, was ich gelernt habe, noch zutrifft und Konsens ist (sein könnte).

    Gelernt habe ich,
    - dass hinter Sexismus, Rassismus, Faschismus, etc. ein bewusstes oder unbewusstes diskriminierendes Verhalten steckt und die Begriffe damit einen gemeinsamen Aspekt haben.
    - dass mit diskriminierendes Verhalten das Sprechverhalten, Geesten, (Gesetzes)-Entscheidungen etc. gemeint sind, das die Benachteiligung, Abwertung, Einschränkung der Selbstbestimmung, ggf. Schaffung eines Abhängigkeitsverhältnisses eines Menschen “Aufgrund eines bestimmten Merkmals” beabsichtigt.

    • sexistisches Verhalten ist somit eine Diskriminierung Aufgrund des Merkmals “Geschlecht”
    • rassistisches Verhalten ist eine Diskriminierung Aufgrund des Merkmals “Zugehörigkeit einer ethnischen Gruppe”
    • faschistisches Verhalten ist eine Diskriminierung Aufgrund des Merkmals “politische Gesinnung”
    • etc.

    Gelernt habe ich weiter, dass es für die Beurteilung eines Verhaltens nicht darauf ankommt, ob es sich diskriminierend anfühlt oder nicht, sondern ob bzw. welche Diskriminierung beabsichtigt, ggf. durch unreflektierte Verhaltensmuster (Erwartungshaltungen) in Kauf genommen wird.

    Wenn das alles noch stimmen sollte, dann sähe ich Ansätze, wo Männer und Frauen gemeinsam erforschen könnten
    - in welchen Situationen Menschen ein diskriminierendes Verhalten zeigen
    - woher wir / von wem wir diskriminierendes Verhalten lernen
    - welche alternative Verhaltensweisen entwickelt, gelernt und kultiviert werden können

  7. sabine sagt:

    Ich hab das gestern auch gesehen. ALso nach viel Überlegen. Erst wollte ich nicht. ich hatte echt die Befürchtung, mich so aufzuregen dass ich den Fernseher kaputtmache. Hatte im Teletext gelesen dass Karasek (“What the… was hat der denn da zu suchen?”) der Stern-Mann und Koch-Mehrin (“Ohweh, die wird doch von der FDP geschickt worden sein um als Frau zu erklären dass das ja alles nich so schlimm ist..”) da sind. Und Jauch? Der vor n paar Wochen entspannt mit dem Kachelmann geplaudert hat, bei WWM jungen hübschen Frauen mehr Hilfestellung gibt und erst in der letzten Sendung was von “männliche Ratio versus weibliches Gefühl” gefaselt hat?
    Dann hab ich mal reingeschaltet (nach 5 Minuten) und gesehen dass Schwarzer da ist. Hat mich erstmal geärgert, weil ich mir dachte: “Es gibt doch auch andere Feministinnen und wenn immer nur eine sagt das Sexismus scheiße ist hat das nicht diesselbe Wirkung wie wenn es 20 verschiedene Frauen in verschiedenen Runden haben”
    Dann hab ich 5 Minuten später nochmal reingeschaltet und gesehen dass sie #Aufschrei aufgreifen und dachte…”okay, könnte in die richtige RIchtung gehen. Dann sagte Koch-Mehrin “Wieso müssen Frauen denn lernen sich zu wehren. Dass sollte in einer geleichberechtigten Gesellschaft nicht nötig sein!” und bin fast vom Stuhl gefallen. Als ich dann noch Wizorek gesehen habe hatte ich Hoffnung. (Unvergesslich auch die wunderschöne Bauchbinde “bezeichnet sich als Feministin” Hihi, dann möchte ich aber auch “Karasek – bezeichnet sich als Autor” und “Jauch- bezeichnet sich als Moderator” “Der Papst- bezeichnet sich als Katholik”)
    Ehrlich gesagt habe ich mich an vielen Stellen geärgert, aber da meine Befürchtungen riesig waren war ich auch oft positiv überrascht. Wizorek, Schwarzer und auch Koch-Mehrin haben einen tollen Job gemacht. Die Bruhns ist ja jenseits von irgendwelcher Logik gelaufen und Karasek ist-lassen wir das.
    Beschissen war v.a Jauch. Diese Abmoderation! mir ist die Galle hochgekommen. “Ich mach mal n Witz denn eigentlich ist das ja kein ernstzunehmendes Thema.” Gragh!
    Aber es war kein totaler Reinfall, wie ich das eigentlich erwartet habe. Es kamen vernünftige Stimmen zu Wort die sich auch nicht von der Jauch’schen Realtivierungstaktik zum Schweigen bringen liesen. Immerhin.

  8. Christiane sagt:

    Super Artikel! Ich bin froh, dass das Thema endlich mal wieder aufgegriffen wird, nachdem es jahrzehntelang diskreditiert wurde.

  9. [...] In einer idealen Welt würde so eine Masse an Meldungen über alltägliche Sexismen dazu führen, dass versucht wird, Maßnahmen gegen Sexismus zu setzen. Nur leider sind wir von einer idealen Welt weit entfernt … Stattdessen stand Günther Jauchs Diskussionssendung gestern in der ARD unter dem Thema „Herrenwitz mit Folgen – hat Deutschland ein Sexismus-Problem?“ und stellt damit die ganze Thematik in Frage und führt sie im Laufe der Sendung auch noch ad absurdum. [...]

  10. Magda sagt:

    Hallo Jens,

    ich kann dir zu deinen Fragen und Thesen jetzt keine lange Antwort geben, weil mir einfach die Zeit fehlt, habe aber bei einigen Sätzen gestutzt bzw. würde widersprechen. Du beschreibst z.B. Rassismus und Sexismus als “Diskriminierung auf Grund von …”, was mir zu wenig gesellschaftliche Prozesse, Strukturen und Sprechpositionen in den Blick nimmt. Ich stimme auch nicht zu, dass Diskriminierung immer was mit Intention zu tun hat (deshalb mein Verweis auf Strukturen).

    Der Rest, den du schreibst, verbleibt sehr im Abstrakten bzw. wenig Konkreten, deshalb kann ich darauf schwer antworten. Für mich persönlich kann ich sagen: Ich brauche eher weniger kluge Ratschläge, sondern wünsche mir von Männern, dass sie eigene Vorannahmen, ihre Sprechposition, ihre Art und Weise in Diskussionen zu gehen oder wie sie sich im öffentlichen und privaten Raum bewegen, kritisch hinterfragen. Dann wäre das ein kritische Hinterfragen hinsichtlich Sexismus, mit dem ich was anfangen könnte.

  11. Magda sagt:

    An alle,

    ich werde hier keine Kommentare mit Verweisen auf “Sexismus gegen Männer” veröffentlichen. Sexismus ist in eine gesellschaftliche Struktur eingebettet, ein Machtverhältnis, das nicht Männer, sondern Frauen* gesellschaftlich eindeutig schlechter stellt. Die tausenden Erlebnisse von Frauen*, die gerade auf twitter geteilt werden, sprechen eindeutig dafür.

  12. femmeinista sagt:

    Vielen dank für den Text Magda!

    Alles was du geschrieben hast, bestätig alles was ich gut und schlecht an dieser Aktion und an die gestrige Sendung. Aber auch wenn tolle Stimmen zu Wort kamen fand ich es immerhin Schade was da ablief (Hallo?! Dirndl, Busen und ALLE applaudieren WTF?! als mini Beispiel ) da Leute die in unseren Gesellschaft keine Ahnung von andere Lebensrealitäten haben und noch dazu wenn konfrontiert tendieren Fakten zu relativieren oder bezeichnen das ganze als Einzelfälle (ja genau! mehr als 50, 000 Tweets => 50,000 Einzelfälle zu viel ), wurden gestern in ihre Denke bestätig und sogar von Panel belustig.

    Ich hatte seit lange nicht mehr das Gefühl gehabt, dass wir verlieren ( mit wir meine ich alle die gegen solche Ignoranz kämpfen) ich versuche immer zu denken das auch Sandkörnern (unsere gute Taten und die Versuche unseren Handeln immer wieder zu reflektieren und hinterfragen) am Ende einen schönen Strand schaffen können, aber gestern war es so als ein Orkan alles weggeblasen hätte. Ein ganz fiese Orkan der Realität namens Patriarchat gesponsored bei der deutschen Medien.

    Immerhin werde ich versuchen nicht aufzugeben und hoffentlich werden wir durch unsere Taten und Austausch unsere Wünsche für eine bessere und überhaupt für alle willkommene Gesellschaft was bewirken und diejenigen die uns zum Schweigen bringen wollen einfach zeigen, dass wir doch auf der gute Seite der Geschichte stehen, weil wie ich es gestern gesehen hab, sind nicht nur Jauch und Co. sondern noch viele mehr die es wirklich nötig haben.

  13. [...] hat Magda recht und die #Aufschrei-Debatte ist für mich deswegen so schwer zu beobachten, weil ihr Ziel es [...]

  14. Anonym sagt:

    Zur Richtigstellung: Ich meinte nicht, dass Männer in gleicherweise von Sexismus betroffen sind, den Begriff “Sexismus gegen Männer” halte ich auch für problematisch (je nach Sexismus-Definition), aber bestimmte marginalisierte Männlichkeiten sind zumindest auch von geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen und der Sanktionierung bei Abweichung betroffen. Außerdem auch von Homophobie, “Transfeindlichkeit, Rassismus, Klassismus und Ableismus”. Ich kann nachvollziehen, dass man das erst mal auf Frauen beschränkt, fände es aber schöner, wenn man das als ein gemeinsames Projekt begreifen könnte und zwar ohne strukturelle Machtverhältnisse und die jeweils spezifischen Mechanismen irgendwie gleichzusetzen. Ich weiß das ist schwierig bis unmöglich, aber so meine persönliche Utopie.
    Ein konkretes Beispiel wäre dieses TV-Format “Das Model und der Freak”, wo man sich in menschenverachtender Weise über die angeblich nicht vorhandene Männlichkeit der als abnormal konstruierten “Freaks” lustig macht. Die Erfahrung eines Teilnehmers dieser Show wäre IMHO durchaus ein Erlebnis das in den Kontext einer solchen Debatte passen würde.

  15. Caro sagt:

    Im Radio wird heute Abend in einer Talksendung ebenfalls über Sexismus gesprochen. Fraglich dabei ist der Moderator: In einem anderen Zusammenhang hat er eine Friseurin, die bei ihm zu Gast war, zehn Minuten darüber ausgefragt, wie es ist, wenn sie den Kunden zufällig mit ihrer Brust streift.

  16. [...] immer bekomme ich nicht ganz auf die reihe, welche wellen die #aufschrei aktion schlägt. ich glaube, das letzte mal, als mainstream-medien so groß und breit über sexismus [...]

  17. roggen sagt:

    Was mir zu dem Thema gesagt wurde (in einer Runde von Männern, von denen ich eigentlich dachte, dass sie anders ticken): “Mein alter Chef hat immer gesagt: Eine Dame, die nach Mitternacht noch mit einem Haufen Männern an der Theke steht, die will nicht wie eine Dame behandelt werden.” *schenkelklopfer, hohohoho, ja früher, da haben die alten Chefs sich noch getraut zu sagen, wie es ist, hohohahaha*

    WTF?!

    Da mangelt es leider gar nicht mal an Reflexion: Da betrachtet man durchaus das eigene Verhalten als sexistisch und herablassend, aber da ist sie halt selber schuld, wenn sie sich nicht so damenhaft schicklich benimmt. Dann wird sie halt auch nicht behandelt wie eine Dame, sondern halt _nur_ wie eine Frau… ich bin fassungslos…

  18. tarka sagt:

    verzeiht, wenn ich sehr dualistisch schreibe, aber das ist der alltag mit dem ich mich auseinandersetzen muss.

    Kann es sein, dass “Mann” im Aushalten von sexistischen Sprüchen härter im Nehmen ist? Oder sind die wirklich weniger? Wenn ein im klassischen Sinne “männlicher” Mensch Frauenwitze reißt, klassifizier ich ihn abwertend als Mann. Vorher war es mensch. Ist das ein gerechtfertigter Verteidigungsmechanismus? m.M.n. macht das Unterlassen einer re-diskriminierung die einseitige diskriminierung von “frauen” noch schlimmer.
    Das Buch von Lann Hornscheidt “feministische W_orte” kennt ihr sicher. Seitdem sehe ich Sexismus gegenüber “Männern”, die sich zuerst sexistisch verhalten, als weniger problematisch an.
    Wobei diese Leute ihr Verhalten nicht als sexistisch bezeichnen, sondern als durch die besonderen Merkmale von “Frauen” als naheliegend. Hm, macht es das nicht noch schlimmer? Ist doch dann erst recht Schulhof-Bully-Mentalität, oder? Sorry, viele unterschiedliche Gedankenfäden knapp zusammengefasst.

  19. Anna-Sarah sagt:

    @tarka:

    Kann es sein, dass “Mann” im Aushalten von sexistischen Sprüchen härter im Nehmen ist? Oder sind die wirklich weniger?

    Sowohl als auch, würde ich sagen. Sie sind weniger. Sie sind, und das ist das eigentlich entscheidende und geht mit dem Wenigersein einher, aber auch nicht eigentlich sexistisch. Also klar gibt es männerfeindliche oder Männer* diskriminiernde Sprüche oder Handlungen. Da fehlt aber völlig die strukturelle Machtkomponente, weswegen man nicht von “Sexismus gegen Männer” sprechen kann. Und deshalb sind z.B. Männerwitze dann vielleicht unangenehm für anwesende Männer*, aber dennoch leichter als “doofer Spruch” auf einer persönlichen Ebene wegzustecken (oder von für Machtverhältnisse sensibilisierten Männern* als widerständisches Handeln zu erkennen & zu akzeptieren). Weil ein ganz anderer Kontext eine Rolle spielt.

    Ansonsten bin ich nicht ganz sicher, ob ich deinen Kommentar richtig verstanden habe, kannst du eventuelle Fragen vielleicht nochmal stellen? Danke.

  20. [...] Ein lauter #Aufschrei gegen Sexismus « Mädchenmannschaft [...]

  21. tarka sagt:

    @anna-sarah

    Ja, doch, du hast meinen kommentar schon richtig verstanden.

    ok, eine frage will ich doch noch genauer formulieren: wenn ich “zurückdiskriminiere” darf ich mir anhören, dass ich ja dann auch nicht besser bin (evtl. schlimmer, weil ich meinen eigenen Idealen nicht treu bleibe…). ich hab mich noch nicht entschieden: geht es denn ums besser sein?

    hm, das mit der strukturellen diskriminierung, ich weiß nie genau ab wann von sowas gesprochen werden kann und (ok glatteis, bitte erstmal nicht übel nehmen) ist die quote nicht, wenn sie gesetzlich ist, nicht instituionalisierte diskriminierung gegenüber männern? (ich selbst würd mich drüber freuen, aber im derzeitigen klima wird der schuss nach hinten losgehen, befürchte ich).

  22. Anna-Sarah sagt:

    @tarka:

    wenn ich “zurückdiskriminiere” darf ich mir anhören, dass ich ja dann auch nicht besser bin (evtl. schlimmer, weil ich meinen eigenen Idealen nicht treu bleibe…)

    Ja, das ist ein beliebter rhetorischer Trick, aber letztendlich nur ein Strohpuppenargument: “Zurückdiskriminieren” funktioniert in dieser Form ja gar nicht, eben wegen des strukturellen Machtgefälles, das sich nicht einfach mal so aufheben lässt. Die Verhältnisse lassen sich nicht einfach durch ein bisschen Zurückdiskriminieren (mal flapsig gesprochen) umkehren. Und was in dem einen Kontext Sexismus reproduziert, kann in einem anderen Kontext subversiv und widerständig sein – das ist was anderes als “einfach nur andersrum schlecht”.

    Klar, von der Sache her sind Frauenquoten institutionalisierte Diskriminierung gegenüber Männern – diese Diskriminierung ist aber nötig, um überhaupt erstmal gleiche Ausgangsbedingungen zu schaffen für Beteiligte, die bisher von sehr verschiedenen Positionen aus starten. Wenn die eine Gruppe erwiesenermaßen von der “benachteiligten” Position aus startet, ist die Position der anderen Gruppe (gehen wir der Einfachheit halber mal von einem System aus, in dem es nur Gruppe A und Gruppe B gibt – das mit den Privilegien und Diskriminierungen ist ja in Wirklichkeit wesentlich komplexer) nicht “neutral”, sondern “bevorteilt”. Den Nachteil der einen Gruppe zu beseitigen, führt nicht zu Benachteiligung der anderen Gruppe, sondern zu gerechteren Ausgangsbedingungen für beide. Deshalb würde ich dieses “Du willst ja nur zurück-unterdrücken”-Argument niemals gelten lassen :)

  23. [...] Überhaupt blieb Heterosexismus außen vor, diesbezüglich solltet ihr unbedingt die Texte von Magda und Nadine [...]

  24. [...] habe ich von http://alltagssexismus.de/ gelesen und wollte dazu etwas posten, aber die Mädchenmannschaft war schneller und besser. Viel habe ich zusätzlich zur Mädchenmannschaft nicht zu sagen, [...]

  25. tarka sagt:

    danke anna-sarah!

    Nur, die Angehörigen der strukturell bevorteilten Gruppe bringen selbst Einzelschicksale mit, die durch den Ausgleich ziemlich tragisch sein können. Wieviel Rücksicht auf die Einzelperson in dieser Gruppe kann genommen werden? (Das wär jetzt die Stelle für das “ich kenn da einen”, tu ich auch, aber geschichte kommt nicht, weil ich nur eine seite kenn und außerdem privat). Ich will nicht, dass alles beim alten bleibt, ne bestimmt nicht, aber ich versuch gerade so manches unter einen Hut zubringen, aber vielleicht führt das zu weit über das thema des thread hinaus und wäre an anderer stelle besser aufgehoben?

  26. Anonym sagt:

    @Anna-Sarah:
    Dito was die Frauenquote angeht. Ich hab aber Probleme mit einem Sexismusbegriff, der nur vom großen Ganzen ausgeht. Gesellschaft besteht aus diversen Teilsystemen. Deren Eigenlogik und spezifische Einrichtung kann den Strukturprinzipien der Gesamtgesellschaft widersprechen oder sie zumindest überformen. Männer sind nicht nur auch von genderspezifischer Herabsetzung, sexueller Belästigung usw. betroffen – vor allem von anderen Männern – sondern das ist durchaus auch in asymmetrische Machtverhältnisse eingebettet. Mir leuchtet bisher nicht so recht ein etwas anders zu nennen, nur weil es quantitativ recht selten vorkommt und auf keiner gesamtgesellschaftlichen Struktur basiert, aber qualitativ genau das selbe Prinzip ist. Ein Blick in Wikipedia zeigt, dass sich die Wissenschaften hier auch nicht einig sind. (http://de.wikipedia.org/wiki/Sexismus)

  27. Anna-Sarah sagt:

    @Anonym: Ja sicher sind auch Männer* von asymmetrischen Machtverhältnissen betroffen – Rassismus betrifft auch Männer*, Cis- und Heterosexismus und Homophobie betreffen auch Männer*, Ableismus betrifft auch Männer*… Und sicher gibt es im Großen Ganzen noch Mikro- oder Mesostrukturen, auf denen sich Machtstrukturen addieren und überschmeiden. Das ändert aber nichts daran, dass Frauen* als gesellschaftliche Gruppe weniger Macht und Einfluss haben als Männer* als gesellschaftliche Gruppe, auch wenn manche individuelle Frauen* mehr Macht und Einfluss haben als manche individuelle Männer*. Ohne Mitdenken dieser Machtkomponente taugt Sexismus als Analysekategorie nicht viel. Und ohne das Mitdenken von Intersektionalität ebenfalls nicht.

    Zu der Begriffsdiskussion kann ich nur soviel sagen: Wikipedia ist nicht unbedingt die Quelle, auf die wir uns hier in diesem Blog berufen würden, wenn es um Sexismus geht (warum lässt sich leicht feststellen, wenn man hier im Blogsuchfeld mal den Begriff “Wikipedia” eingibt). Unser Verständnis von Sexismus basiert auf einer Definition wie dieser hier. Die muss mensch nicht teilen, allerdings werden Grundsatzdiskussionen, die dieses Begriffsverständnis in Frage stellen, hier nicht produktiv sein.

  28. tarka sagt:

    (wunder mich, wo mein Kommentar hin ist, der sagt so in etwa dasselbe wie anonym.)
    ich verfolg ja immer noch den ansatz, dass sich diskriminierungen ab einem gewissenen verteilungsgrad gegenseitig aufheben können, aber das ist vermutlich ebenso utopie wie das verschwinden von dkmng.

    @anonym

    “Ein konkretes Beispiel wäre dieses TV-Format “Das Model und der Freak”, wo man sich in menschenverachtender Weise über die angeblich nicht vorhandene Männlichkeit der als abnormal konstruierten “Freaks” lustig macht. Die Erfahrung eines Teilnehmers dieser Show wäre IMHO durchaus ein Erlebnis das in den Kontext einer solchen Debatte passen würde.”

    ja, das ist so ein thema, das sich nach “Limes-Diskussion” anhört (bitte versteht das auch ohne erklärung, weil sonst würd ich einen wortdreher kriegen ;) )

  29. Anna-Sarah sagt:

    @tarka: Das Diskriminierungen sich gegenseitig aufheben können, würde ich vehement bestreiten. Sie überschneiden und verflechten sich, sie addieren sich zuweilen auch auf (Mehrfachdiskriminierung). Aber meine Privilegien, die ich als weiße Person habe, lösen sich gegenüber einem Schwarzen Mann* nicht auf, weil er mir gegenüber male privilege besitzt.

    Das deutschsprachige Portal Intersektionalität – der Begriff wurde von der Schwarzen US-amerikanischen Juristin Kimberle Krenshaw geprägt - schreibt:

    Intersektionalität bzw. Intersectionality ist ein Paradigma, mit dem die Wechselbeziehungen von Dimensionen sozialer Macht-, Herrschafts- und Normierungsverhältnisse wie Geschlecht, soziales Milieu, “Migrationshintergrund” [Edit: Anführungszeichen von mir], Nation, Ethnizität, ‚Rasse‘, sexuelle Orientierung, Behinderung, Generation et_cet_era. fokussiert werden. Diese Dimensionen sozialer Ungleichheit werden als soziale Konstruktionen konzeptualisiert, welche nicht isoliert voneinander analysiert werden können, sondern in ihren Überschneidungen (intersections) oder Wechselverhältnissen (Interdependenzen/interdependenten Kategorien) untersucht werden müssen. Additive Perspektiven sollen überwunden werden, indem der Fokus auf das gleichzeitige Zusammenwirken von sozialen Ungleichheiten bzw. Positionierungen gerichtet [wird]

    – Ich würde gern die Begriffsdiskussionen an dieser Stelle beenden, da man sie prinzipiell immer wieder von neuem führen könnte und möglicherweise trotzdem keinen Konsens erzielt. Hier, also bei der Mädchenmannschaft, gilt im wesentlichen das o.g. zitierte Verständnis, ebenso die im Kommentar zuvor verlinkte Sexismusdefinition. Wie gesagt: Diese Konzepte müssen nicht geteilt werden, aber die Tatsache, dass sie unsere Arbeit hier im wesentlichen leiten, müsste bitte respektiert werden.

  30. tarka sagt:

    nein, so nicht, sicherlich nicht. die frage dabei ist doch auch, wie diskriminiert wird.

    ach so ja hier ein link aus der zeit: gedanken dazu??

    [Edit: Link entfernt, Begründung siehe unten]

  31. Anna-Sarah sagt:

    @tarka: Der von dir verlinkte Artikel thematisiert sexualisierte Gewalt gegen Männer* – leider in einer Weise, die krass Sexismus reproduziert, weswegen der Link hier nicht stehen soll (die ZEIT hat sich in letzter Zeit – ha ha – ohnehin nicht gerade positiv zu emanzipatorischen Debatten hervor getan, aber wer möchte, findet die Publikation auch leicht per Google, ohne dass wir ihr den Traffic bescheren müssen). Dass auch Jungen* und Männer* von Übergriffen und sexualisierter Gewalt betroffen sind, leugnet niemand – zumindest nicht hier in diesem Forum. Das ist aber kein Beleg für “umgekehrten Sexismus” (wie z.B. die ZEIT einfach mal behauptet). Wie gesagt: Ich bitte zu akzeptieren, dass unser feministisches Selbstverständnis hier die Arbeit mit einem konkreteren Sexismusbegriff gebietet (Infos dazu finden sich hier im Blog an vielen Stellen, auch in den hier im Thread und oben im Text gegeben Links) und würde diese Grundsatzdiskussion jetzt gern beenden – zumal sie vom Artikel, um den es hier eigentlich geht, komplett weg geführt hat. Magda hat sich weiter oben im Thread auch schon eindeutig positioniert, und wir (auch ich) sind darüber einfach mal nonchalant hinweg gegangen. Damit soll jetzt bitte Schluss sein.

  32. [...] ist nahezu identisch. Viel beachtete Beiträge kamen u.a. von den Blogerinnen Meike Lobo, Magda Albrecht auf Mädchenmannschaft und @ruhepuls auf Kleinerdrei. Anders als in den Onlinemedien war Sexismus allerdings schon vor dem [...]

  33. tarka sagt:

    ich wollt keine grundsatzdiskussion, ich wollte das Zeit-Dingens nur einordnen können, weil nach so einer gegenumfrage das argumentieren noch schwerer fällt, jetzt regnet es bestimmt gleich, was stellt ihr frauen euch so an, kuckt mal “wir” männer gehen mit sowas total locker um…

  34. Elsa sagt:

    Mich regt an der Debatte immer auf, wenn jemand sagt: So schlimm kann Rainer Brüderle nicht sein, schließlich hat Laura Himmelreich ihn anschließend weiterhin berufich getroffen und ist sogar mit ihm im Auto gefahren. Hier meine Antwort darauf:
    http://deraufschrei.wordpress.com/2013/02/02/sexismus-ist-nur-wenn-das-opfer-seinen-job-kundigt/

  35. mel sagt:

    sorry mädels*, ohne einer gegen das schienbein treten zu wollen, sondern tatsächlich, weil ich es nicht nachvollziehen kann: wieso genau wurden beiträge von tarka freigeschaltet?
    jetzt diskutieren wir auch hier schon über befindlichkeiten der menz? :(

  36. Chris sagt:

    Whow, was für ein Chaos.
    Wurde auch Zeit.
    Auf einen Nenner gebracht:
    Jede Berührung meines Körper ohne meine Einwilligung ist übergriffig.
    Meine Einwilligung jemanden die Hand zu geben ist in dem Moment in dem ich die Hand ergreife erteilt worden.
    Flirten kann ich ohne Körperkontakt.
    Eine Frau ansehen und sich über ein tolles Dekollté freuen ist toll.
    Allerdings mag ich es schon nicht wenn meine Hunde rumsabbern, warum sollte das bei Männern anders sein?
    Die Frau mit dem tollen Dekollté freut sich übrigens auch über ihr Dekollté.
    Soll heißen, eine sexy gekleidete Frau zieht sich nicht unbedingt für irgendeinen Mann so an. Sie kann sich auch für sich selbst so kleiden. Staunen ist jetzt erlaubt.
    So wie im Handeln ist es aber auch im Verbalen.
    Ekelhafte Sprüche sind IMMER fehl am Platz.
    Alkohol ist NIEMALS eine Entschuldigung. Für nichts und niemanden auf dieser Welt.
    Das Frauen sich jetzt in den besagten 147 Zeichen Luft machen liegt daran, das sie keiner sieht während sie schreibt. Das erspart es uns, das jemand anderer als wir den roten Kopf vor Scham sehen. Auch wenn es für diese Scham keinen Grund gibt. Auch wenn der Grund für diese Scham in das Gefängnis gehört, wir sind ja “selber schuld” bis heute. Wenn dieser #Aufschrei uns die Scham nimmt darüber zu schreiben, dann nimmt er der nächsten Generation vielleicht die Scham davor, darüber zu sprechen.
    Ich hoffe es sosehr, dass könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Ich bin eine vergewaltigte Frau die über 25 Jahre gebraucht hat um mit einem Psychologen zu sprechen. Öffentlich? NICHT IN DIESEM LEBEN.

  37. tarka sagt:

    huh, ich diskutier über wessen befindlichkeiten? ne, sorry. Ich rede, was vielleicht genauso schlimm ist, über meine befindlichkeit. Was mach ich, wenn mir einer mit argument so und so kommt?
    Außerdem komplett die reaktionen der umwelt ausblenden… das führt nirgendwohin, ansonsten könnten alle beschwerden über sexismus stecken bleiben, weil dann wären alle möglichen sprüche tatsächlich egal.

  38. Hanna sagt:

    Vielen Dank für den Artikel!
    Und auch dafür, dass tarkas hier stehen dürfen und vor allem natürlich, @Anna-Sarah, für Deine Antworten. Ich werde auch oft mit denselben Fragen konfrontiert wie tarka und weiß dann auch nicht sofort, wie ich darauf reagieren soll oder wie ich dagegen argumentieren kann, selbst wenn mein Gefühl mir sagt, dass da irgendwas faul ist. Daher hat mir Euer Austausch sehr geholfen.

  39. Anna-Sarah sagt:

    @Mel , @Hanna:

    Danke für eure Rückmeldung. Da die Moderation des letzten Teils dieses Threads auf meinem Mist gewachsen ist, fühle ich mich angesprochen und möchte kurz etwas dazu sagen. Ich kann eure beiden Positionen gut nachvollziehen (besonders auch die Abneigung, im Kontext von #aufschrei männliche* Befindlichkeiten zu erörtern), und sie kennzeichnen genau das Spannungsfeld, in dem wir uns hier im Blog mit unserer Moderationspolitik bewegen – auf der einen Seite steht der Anspruch einen Raum zu schaffen, in dem den Teilnehmenden bestimmte Zumutungen weitgehend erspart bleiben, auf der anderen Seite das Wissen darum, dass es auch wichtig sein kann, gemeinsam Dinge zu klären, die nicht für alle immer sofort deutlich sind, zumal nicht alle vom gleichen Wissensstand, dem gleichen Erfahrungshintergrund etc. aus handeln. Wie wir uns beim moderieren jeweils entscheiden, hat was mit unseren eigenen Ressourcen und Schwerpunktsetzungen zu tun, aber auch mit (erfahrungs- & “gefühls”basierter) Einschätzung von den Motiven und Interessen der Beteiligten.

  40. tarka sagt:

    also zu ersteinmal möchte ich mich für den “angepissten” Kommentar entschuldigen (der letzte von mir). auch von mir ein Danke @anna-sarah.

  41. [...] durch die Brüderlegeschichte, den Sexismusartikel über die Piraten im Spiegel und die ganze Aufschreierei ziemlich aufgewirbelt. Ich begrüße das sehr, weil endlich mal wieder etwas auch von den [...]