Als ich 14 Jahre alt war, stand ich das erste Mal auf einer Bühne. Vor Aufregung verknotete ich das ganze Konzert lang meine Hände ineinander; etwas, was ich heute noch tue, wenn ich nervös bin. Neben einem erwachsenen Bandleiter waren wir sechs junge Musikerinnen auf der Bühne, einige von uns lernten erst seit wenigen Monaten ihr Instrument. Mit zitternder Kopfstimme, einer Handvoll Akkorden und fast experimentell anmutenden Tempowechseln rumpelten wir uns durch unser erstes Konzert.

Das war vor ziemlich genau 13 Jahren. Ich wuchs im Ostteil Berlins auf und verbrachte fortan sehr viel Zeit im Jugendclub Linse, der meiner Band einen Proberaum und in den Folgejahren dutzende Auftrittsmöglichkeiten zur Verfügung stellte. Rockmusik, Metal, ein bisschen Hip Hop und Punk tönten aus den Proberäumen unserer (meist männlichen) Musikerkollegen. Ehe wir uns selbst eine Bandbeschreibung zulegten, waren wir „die Mädchenband“ und unsere Musikrichtung wurde als „Mädchenrock“ beschrieben. Wenige Jahre später übernahmen wir diese Zuschreibungen selbst und nannten unseren Musikstil „Female Art Rock“. In den männlich-dominierten Bereichen, in denen wir einen Großteil unserer Jugend verbrachten, lernten wir schnell, dass Geschlecht – vor allen Dingen von jenen, die von einer cis-männlichen Norm abweichen – irgendwie immer eine Rolle spielte, ob wir wollten oder nicht.
„Für eine Mädchenband seid ihr ganz gut“
Eine kleine Auswahl an Sprüchen gefällig, die viele Musikerinnen hören?*
- „Das ist hier kein Kaffeekränzchen“ – der genervte Tontechniker, weil der Soundcheck mal etwas länger dauert.
- „Hier musst du dein Kabel reinstecken“ – irgendein Musiker zur Bassistin, die eigentlich genau weiß, wohin sie das Kabel in ihren eigenen Bass-Amp stecken muss.
- „Oh cool, du bist in einer Band? Singst du?“ – irgendein Musiker, der sein Musiker-Dasein nie hinterfragen muss, aber automatisch annimmt, dass eine Frau singt. Obwohl sie Schlagzeugerin oder Gitarristin ist.
- „Warte, ich trage das“ – ein hilfsbereiter Musiker, der nur Musikerinnen (nicht anderen Musikern) seine Hilfe anbietet und sich vielleicht nicht vorstellen kann, dass wir seit Jahren unsere eigene Technik tragen.
- „Sorry, aber eigentlich dürfen hier nur Bandmitglieder in den Backstage“ – das letzte Mal habe ich das auf einem Festival vor ungefähr einem Jahr gehört (Hallo, 2013!), auf dem ich mit meiner Band spielte. Ich konnte ja unmöglich Musikerin sein und wurde wohl für einen Fan der Band gehalten.
- „Für eine Mädchenband seid ihr ganz gut“ – Klassiker. Hundertmal gehört.
Diese Erfahrungen bildeten den Nährboden für meine stetig voranschreitende Sensibilisierung für diskriminierende Strukturen, aber führten auch zu einer großen Portion Internalisierung: Oftmals mackerte ich einfach mit anderen Musikern um die Wette (kann ich immer noch gut!), wertete weiblich konnotierte Eigenschaften, Tätigkeiten oder Musikstile wie z.B. Popmusik ab (mache ich heute nicht mehr, Beyoncé saved my life) und fing erst an, bestimmte ausschließende Strukturen in non-professionellen Musikbereichen zu erkennen und zu hinterfragen, als ich mich mit feministischen Ideen vertraut machte.
Während das Prinzip „nicht labern, einfach Mucke machen“ in non-professionellen Rock, Metal und Hip Hop Kreisen oftmals dazu genutzt wird, um Diskussionen um ausschließende Strukturen mundtot zu machen, wurde mir irgendwann klar, dass dieses „einfach Mucke machen“ ganz bestimmten Menschen leicht fällt, während andere kaum auf der Bühne zu finden sind oder sich gar nicht erst trauen. „Einfach Mucke machen“ muss mensch sich leisten können. Und das nicht nur finanziell.
Linke Musik-Kontexte sind nicht zwangsläufig auch emanzipatorisch
Die oben aufgezählten Sprüche geben die ersten Hinweise: Auch in sich als links und progressiv verstehenden Musik-Kontexten herrschen ganz schön starre Normen und ziemlich ausschließende Ideen davon, was „gute“ Musik ist und wer „ein guter Musiker“ ist; ja, eigentlich bereits, wer überhaupt als musizierende Person vorstellbar ist: Alle, die nicht dem cis-männlichen, weißen, heterosexuellen und ableisierten Ideal entsprechen, wurden und werden exotisiert und in ihrer vermeintlichen „Andersartigkeit“ hervorgehoben.
Ich hörte oft genug, wie Musiker andere Musikerinnen auf der Bühne nach ihrem Aussehen bewerteten; die „Ausziehen“-Rufe sind kein schlechtes Klischee, sondern immer noch Realität; Schwarze Musiker_innen werden mit Beschreibungen versehen, die auf ihre Hautfarbe anspielen und sie somit darauf reduzieren; Jungs/Männer, die als schwul gelesen werden oder es sind, werden abgewertet und verlieren Männlichkeits-Credibility; lesbische/bisexuelle Liebe wird nur so lange geduldet wie sie dem männlichen hetero-Blick dient; Menschen, deren Körper nicht in die Norm des als „kraftvoll“ und „gesund“ markierten Idealkörpers passen, erfahren Spott. Für diesen Text musste ich nicht recherchieren, keine anderen Musiker_innen befragen: Alles mehrfach erlebt, gesehen, gehört; manchmal selbst mitgemacht. Wer in solchen Kontexten aufwächst, verinnerlicht ganz schön viel Mist. Hast du drei Stunden Zeit? Ich habe hundert Anekdoten.
Diese Erlebnisse haben mich ziemlich kritisch, wütend und (manche würden sagen: hyper-)sensibel gemacht: Sobald ich in einen Raum reinkomme, der sich als links und progressiv versteht, aber in dem nur weiße Typen mit Gitarren sitzen und sich als Außenseiter dieser Gesellschaft stilisieren (no joke, read their lyrics), möchte ich die PA aufdrehen und in das Mikro reinkreischen, bis die Ohren bluten. Oder die Poster mit den nackten Frauenkörpern abreißen, die ganz normal in „linken“ Proberäumen dieser Stadt hängen. „Ist kein Sexismus, ist nur Sex“ erklärte mir mal einer. Traurig ist, dass da auch manche der wenigen Frauen mitmachen, die sich in diesen Kontexten bewegen.
Manchmal möchte ich einfach mitten in den Proberaum kotzen, wenn einer dieser Typen wieder „schwul“ als Schimpfwort verwendet. „Ist doch nicht homophob gemeint, eher so ne Metapher, ey! Hab dich mal nicht so, bekämpfe lieber die richtige Homophobie, nicht nur so’n Sprachkram, da wird’s mit der Revolution nix“ sagt dann irgend so ein weißer Dreadlock-tragender Dude, der immer nur andere Dudes abfeiert. Einer, der auf die Frage, warum ihm keine Schlagzeugerin einfällt, antwortet, dass es halt nicht so viele gibt, dafür „könne er ja jetzt nix“. Denn: „Auf die Qualität kommt es ja an, nicht auf das Geschlecht.“ Aber rein zufällig sind es immer Typen, die mit Qualität in Zusammenhang gebracht werden.
Wie viele Schlagzeugerinnen kennst du denn? Nicht viele? Das ist kein Zufall, sondern Resultat von ausschließenden Strukturen und unterschiedlichen Erwartungshaltungen: Jungs sind Schlagzeuger und Gitarristen, Mädchen spielen Flöte und singen. Und da sitzen die Musik-Dudes dann, umgeben von anderen Musik-Dudes und nackten Frauenkörpern an der Wand, philosophierend und „no homo“ Witze machend, während sie andere Musiker abfeiern, und sich über die wenigen Schlagzeugerinnen lustig machen, die sie kennen: „Haha, voll die langweiligen Beats!“. Und trotzdem finden sie nicht, dass ihr Verhalten irgendetwas damit zu tun hat, dass z.B. viele junge musikinteressierte Mädchen wenig Mut entwickeln, selbst zum Instrument zu greifen.
Es gibt Alternativen!
Gerade weil auch in sich als links verstehenden non-professionellen Musik-Kontexten immer noch solch ein Klima herrscht, ist es wichtig, Angebote für Kinder und Jugendliche zu schaffen, die ermutigend sind und verschiedene soziale Grenzen herausfordern: In den letzten Jahren haben sich auch in Deutschland und Österreich alternative Musikcamps entwickelt. In Berlin gibt es das Rock und Hip Hop Camp für Mädchen, Trans* und Inter* und seit letztem Jahr auch das Mädchen-Kreativ Projekt Lauter Mädchen mit dem Schwerpunkt Musikmachen (am 24. Mai 2014 findet das Mädchenfestival statt); in München gibt es das Rock Camp für Mädchen und Frauen und in Graz das Girls Rock Camp für Mädchen und junge Frauen. In unserer Serie Wann Disco? Listen Up! stellen wie euch viele spannende Musiker_innen vor.
Alle diese Initiativen sind stets auf Spenden angewiesen und freuen sich über Unterstützer_innen. Damit uns irgendwann, wenn wir ans Schlagzeug spielen denken, nicht immer nur Typen einfallen, die dahinter sitzen.
* Mehr zum Thema Musik machen als Frau_Lesbe findet ihr im Buch „Queer_Feminismus. Label & Lebensrealität“ von Nadine Lantzsch und Leah Bretz oder auf dem Blog der feministischen Punkband Respect My Fist.

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