Heulen und kotzen und irgendwas kaputt hauen und denjenigen ins Gesicht schreien, die sich einmal alle zehn Jahre mit der Situation von Frauen weltweit beschäftigen, weil mal wieder der 8. März war – das möchte ich, wenn ich Artikel wie diesen hier lese, aus der New York Times von gestern.
Es geht darin um einen Vorfall in einer texanischen Kleinstadt. Ein elfjähriges Mädchen wurde dort in einem abgelegenen Trailer von einer großen Gruppe junger Männer offenbar stundenlang sexuell misshandelt. Die Täter machten – logo – Videoaufnahmen mit ihren Handys und zeigten diese dann wiederum an der örtlichen Schule jedem, der sie sehen wollte. So kam es auch, dass der Vorfall aufflog: Eine Fünftklässlerin erzählte ihrer Lehrerin, was sie gesehen hatte.
Und als wäre die Gewalt und die Demütigung, die dieses junge Mädchen erfahren musste, nicht grässlich genug, dürfen wir in dem Artikel nachlesen, wessen Schuld das Ganze ist:
Residents in the neighborhood where the abandoned trailer stands — known as the Quarters — said the victim had been visiting various friends there for months. They said she dressed older than her age, wearing makeup and fashions more appropriate to a woman in her 20s. She would hang out with teenage boys at a playground, some said.
“Where was her mother? What was her mother thinking?” said Ms. Harrison, one of a handful of neighbors who would speak on the record. “How can you have an 11-year-old child missing down in the Quarters?
Übersetzt: Anwohner in der Nachbarschaft, wo der Wohnwagen steht – als „The Quarters“ bekannt – sagten, dass Opfer habe hier seit Monaten verschiedene Freunde besucht. Sie sagten, dass sie sich älter als ihr Alter gekleidet habe, Schminke getragen und Moden, die einer 20-jährigen eher angemessen gewesen seien. Manche sagten, sie habe mit Teenagerjungs am Spielplatz abgehangen.
„Wo war ihre Mutter? Was hat ihre Mutter gedacht?“, sagte Ms. Harrison, eine von wenigen Nachbarn, die eine öffentlich zu dem Fall Stellung nehmen wollten. „Wie kann man eine Elfjährige in den Quarters vermissen gehen lassen?“
Was lernen wir: Wenn man eine junge Frauweibliche Person, die sich sexy kleidete, nicht für ihre Vergewaltigung selbst verantwortlich machen kann, weil sie minderjährig ist, dann macht man eben die Mutter verantwortlich. In jedem Fall ist eine Frau schuld. Vergewaltigt wurde dieses Kind nicht von sich selbst, und auch nicht von ihrer Mutter. Aber die 18 Männer, die es taten, die sollen einem laut Artikel leid tun:
“It’s just destroyed our community,” said Sheila Harrison, 48, a hospital worker who says she knows several of the defendants. “These boys have to live with this the rest of their lives.”
(…)
The students who were arrested have not returned to school, and it is unclear if they ever will. Ms. Gatlin said the girl had been transferred to another district. “It’s devastating, and it’s really tearing our community apart,” she said. “I really wish that this could end in a better light.”Übersetzt: „Es hat unsere Gemeinde einfach zerstört“, sagte Sheila Harrison, 48, eine Krankenhaus-Mitarbeiterin, die angab, mehrere der Angeklagten zu kennen. „Diese Jungs müssen damit für den Rest ihres Lebens leben.“
(…)
Die Schüler, die verhaftet wurden, sind nicht zur Schule zurück gekehrt und es ist unklar, ob sie das jemals werden. Ms. Gatlin sagte, das Mädchen sei in einen anderen Bezirk transferiert worden. „Es ist verheerend und es reisst unsere Gemeinde wirklich auseinander“, sagte sie. „Ich wünschte, das hier könnte alles in einem besseren Licht enden.“
Ja klar: Ich könnte mich beruhigen und sagen, das sind eben ignorante Landeier. Aber das wäre zu einfach. Denn es ist ein System, es ist genau diese Art von Umfeld, in dem Frauenverachtung, Menschenverachtung blühen und gedeien.
Die armen Jungs und was passiert jetzt mit unserer Gemeinde. Habt ihr es immer noch nicht gemerkt: Eure Gemeinde hat dieses Mädchen im Stich gelassen! So wie jeden Tag auf der ganzen Welt Frauen im Stich gelassen werden, weil ihr Verhalten den anderen nicht in den Kram passt. So wie die Gesellschaften jeden Tag versagen, wenn junge Frauen und Kinder sexuell belästigt werden, wenn sie vergewaltigt werden, wenn sie zu Tode gesteinigt werden, wenn sie aus „Ehrensache“ ermordet werden.
Und auch die Medien sind genau so eine Gemeinde. Denn es ist auch die Berichterstattung von seriösen Zeitungen wie der New York Times, die dem Opfer nicht einmal die Würde lassen, dass nicht über ihre Klamotten berichtet wird und über ihr Interesse an älteren Jungs. Genau solche Texte reproduzieren das immer gleiche Dreckswissen, das die Öffentlichkeit von sexueller Gewalt hat: Wenn die / der Leser_in bei dem Absatz angekommen ist, wo es um die Klamotten des Mädchens geht, denkt sie / er sich: Naja, das war ja klar. Das musste ja kommen.
Wo fängt man bloß an, das besser zu machen?

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