„Seitenwechsel“: Der Vorzeige-Homo ist nicht die Lösung


Schwarzer Buchtitel mit weißem Fußball und pinker Schrift: Seitenwechsel. Coming-out im FußballEs stehen viele wichtige Dinge drin in Tanja Walther-Ahrens‘ Buch Seitenwechsel. Coming-out im Fußball. Auf 176 Seiten geht es hier ein­mal durch die schwul-lesbische, queere Sport- und Lebenswelt, durch die homophoben und sexistischen Strukturen insbesondere des Fuß­balls, persönliche Erfahrungen von Sportler­_innen, Schiedsrichter_innen und Journalisten, garniert mit kleinen Crashkursen zu Judith Butler oder den europäischen Anti­dis­krimi­nie­rungs­richt­linien und eingeleitet mit einem Vor­wort von Theo Zwanziger, Präsident des Deut­schen Fußball-Bundes.

Tanja Walther-Ahrens weiß, wovon sie schreibt. Sie ist selbst ehemalige Bundesligaspielerin, arbeitet heute hauptberuflich als Lehrerin, ist „neben­bei“ als Aktivistin bei der EGLSF (Euro­pean Gay and Lesbian Sports Federation) unter­wegs. Dass Homophobie nicht nur beim DFB, sondern auch in der Fanszene und in den Medien inzwischen ein Thema und nicht mehr nur ein Tabu ist, ist zu einem nicht geringen Teil ihr Verdienst. Irgend­wann dazwischen hat sie dann noch Zeit gefunden, dieses Buch zu schreiben, das sich nicht nur an ein Nischenpublikum richtet, wie sie selbst im Interview sagt:

Ich habe das Buch für eine breitere Masse geschrieben: für diejenigen aus der Community, die selbst mit Sport zu tun haben, und für die, die sagen „Nee, Sport, damit kannst du mich jagen.“ Aber eben auch für Leute, die aus dem Sportbereich kommen und denen das Thema Homo­sexualität nur wegen Martina Navratilova über den Weg gelaufen ist.

Für die Letztgenannten gibt es daher zunächst Einblicke in die „lesbisch, schwul, trans*“-Lebenswelten inklusive Erklärungen zu Christopher Street Day, Coming-out und Regenbogenflagge. Weiter geht es mit Homophobie im Profi- und Breiten­sport­bereich und dem lesbisch-schwulen Sport, seinen Vereinen und Ver­bänden. Seitenwechsel plädiert klar für die positive Wirkung lesbisch-schwuler Sport­organisationen und gegen Gettoisierungsvorwürfe:

Und was spricht dagegen, dass Lesben, Schwule und Trans* nach einem Tag in der ‚heterosexuellen Welt‘ am Arbeitsplatz, in der Schule oder beim Studium einfach mal mit FreundInnen ganz entspannt beim geliebten Sport schwitzen und lachen?

Ein großes Verdienst von Walther-Ahrens‘ Buch ist ein differenzierter Blick auf die Unterschiede (und Gemeinsamkeiten) von Männerfußball und Frauenfußball, auf die Konstruktion der Geschlechterverhältnisse und die Situation von Lesben und Schwulen in ihren Sportarten: Schwule Profifußballer wird es mit Sicherheit geben, die homophoben Strukturen und Rollenbilder des Fußballs zwingen sie jedoch in ein schmerzhaftes Doppelleben. Lesbische Spielerinnen hingegen leben privat „out“, nur einige wenig auch öffentlich. Eltern treibt weiterhin die Sorge um, ihre Tochter könnte sich im Fußballverein mit Homosexualität infizieren, Trainer_innen fürchten Zickenterror von lesbischen Paaren im Team und Medien und Sponsoren bevorzugen ohnehin den „femininen Pferdeschwanz-Look“. Tanja Walther-Ahrens kritisiert mangelndes Engagement von Offiziellen und Aktiven und nimmt homo­phobe Fantasien wie die von Verführungen unter der Dusche entspannt und ohne moralischen Zeigefinger, aber in der Sache klar und deutlich auseinander.

Ergänzt werden die verschiedenen Kapitel durch Interviews mit bekannten und weniger bekannten Menschen, wobei letzteres oft interessanter ist. Insbesondere die Chefin des WM-Organisationskomitees, Steffi Jones, gibt eher holzschnittartige Antworten, andere Interviews liefern dagegen spannende Erkenntnisse, etwa die Gespräche mit zwei Schiedsrichter_innen über ihre persönlichen Erfahrungen oder mit Basketballer John Amaechi. Auch Mark Chapman und Aljoscha Pause, ein britischer und ein deutscher Journalist, die jeweils Dokumentationen über Homo­sexualität im Fußball bzw. Sport gedreht haben, berichten von ihren Er­fahrungen. Etwa die, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender von dem Thema sofort begeistert war, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass zwei Bundes­liga-Coming-outs mitgeliefert werden.

Diese Anekdote zeigt: Das Coming-out, und zwar das eines prominenten schwulen Fußballers, ist letztlich immer wieder der Fluchtpunkt der Diskussionen zum Thema Homosexualität im Sport. So wünschenswert es in mancher Hinsicht wäre, dem Tabu endlich ein Gesicht, dem Kampf gegen Homophobie einen Schub und jungen Homosexuellen ein Vorbild zu geben – die Verantwortung dafür darf nicht auf den Schultern der Betroffenen liegen. Oder, wie Tanja Walther-Ahrens schreibt:

„Nicht das Coming-out sollte im Vordergrund stehen, sondern das Umfeld der SportlerInnen. Es geht um Aufklärung, nicht um Enthüllung! Es wird kein Vorzeige-Homo gesucht, sondern die Auseinandersetzung mit dem Thema Homophobie.“

Tanja Walther-Ahrens: Seitenwechsel. Coming-out im Fußball. Gütersloher Verlagshaus. 176 Seiten. 14,99 Euro.

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3 Kommentare zu „„Seitenwechsel“: Der Vorzeige-Homo ist nicht die Lösung

  1. Tanja Walther-Ahrens ist eine von vielen, die sich mit dem Thema Homosexualität im Fußball auseinander setzt. Dafür hat sich allein schon einmal meinen ganzen respekt verdient. Sie spricht öffentlich aus, was viele denken – in der Männerdomäne Fußball jedoch weitestgehend totgeschwiegen wird. Selbstverständlich gibt es homosexuelle Fußballer – warum auch nciht. die Leistung auf dem Platz stehen in keinster Weise im zusammenhang mit der sexuellen Orientierung eines Spielers.
    Leider ist dieses Denken in den Köpfen der MEnschen noch nciht angekommen. Danke für diejenigen – Wie Tanja Walther-Ahrens – die dies zu änder zu versuchen.

    Mehr zum Thema und den Beweis, dass es schwule Fußballer tatsächlich gibt, findet Ihr hier: http://blog.gays.de/6956/ich-bin-schwul-und-spiele-fussball/

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