Ich stille nicht. Da steckt noch nicht einmal eine feministische Motivation dahinter. Aber meine Erfahrungen in den letzten sechs Monaten haben mir deutlich gezeigt, dass Stillen durchaus ein Politikum ist.
Feminismus bedeutet für mich in erster Linie, dass ich mein Leben selbstbestimmt gestalten kann und mich vor allem nicht irgendwelchen Rollenklischees (egal ob feministischen oder reaktionären) zu unterwerfen habe. Auf dieser Ebene erscheint mir die Diskussion „Stillen – Pro oder Contra“ deshalb auch müßig.
Aber wenn wir mal ehrlich sind, dann ist Feminismus ja nun leider nicht gerade der Mainstream in unserer Gesellschaft. Stillen hingegen ist heutzutage eine Selbstverständlichkeit. Und so kommt es, dass ich mich anfangs fast täglich, nach sechs Monaten noch wöchentlich dafür rechtfertigen muss, dass ich nicht stille und auch nie gestillt habe. Privatsphäre? Fehlanzeige. Meist läuft es folgendermaßen ab:
Frage: „Und, wie klappt es mit dem Stillen?“
Antwort: „Ich stille nicht.“
Frage: „Warum das denn nicht?!?“
Antwort: „Weil ich nicht kann.“
Frage: „Warum?“
Natürlich sind das nur Fragen, so schlimm kann das ja wohl nicht sein, mag sich vielleicht der/die einE oder andere LeserIn denken. Wenn ich meine rationalen Tage habe, kann ich damit auch ganz locker umgehen, aber als Eltern hat man plötzlich mit sehr starken Gefühlen zu tun und Emotionen sind selten rational. Landauf landab ist man der Meinung, dass Stillen das Beste für das Kind sei und das enthält man seinem Kind nun vor. Das penetrante Fragen unterfüttert die bohrenden Zweifel und/oder die Schuldgefühle. Hinzu kommt, dass die Entscheidung „Stillen oder nicht?“, im Gegensatz zu den meisten anderen familiären Entscheidungen, von mir alleine getroffen werden musste (mein Körper, meine Entscheidung).
Nicht jede Frau kann stillen, sei es aus physiologischen oder psychologischen Gründen. Die Gründe sind vielfältig und die Entscheidung gegen das Stillen sind in der heutigen Stimmung sicher nicht leichtfertig gefallen. Genau das impliziert aber das penetrante Nachfragen flüchtiger Bekannter. Keine Frau muss sich dafür rechtfertigen, dass sie stillt, stillt sie nicht, wird allerorten eine Begründung verlangt. Und an der Stelle frage ich mich dann, ob hinter dieser Selbstverständlichkeit zu Stillen nicht auch wieder der Masterplan steckt, um die Frauen beschäftigt und abhängig zu halten. Denn mir begegnen immer wieder Menschen, die nicht glauben wollen, dass ich mein Kind guten Gewissens dem Vater anvertraue. Die Argumentation geht immer folgendermaßen: Allein die Mutter ist in der Lage, das Kind zu ernähren, also sind sie und das Kind in den ersten Lebensmonaten ständig zusammen, also ist sie die Hauptbezugsperson, also ist es vollkommen natürlich, dass sie auch später diejenige ist, die sich um das Kind kümmert, weil sie es einfach besser kann.
Natürlich ist diese Argumentation Quatsch und natürlich kann man stillen und trotzdem in der Lage sein, das Kind dem Vater oder dem Babysitter zu überlassen. Die Vor- und Nachteile des Stillens wurden ja bereits hinreichend diskutiert, und ich denke, es wurde klar, dass es sehr individuell ist, ob man Stillen als mehr oder weniger Unabhängigkeit empfindet. Wenn aber Frauen, bei denen es mit dem Stillen nicht so recht klappen will, sich und ihrem Kind tagein tagaus einen Kampf ums trinken an der Brust liefern, weil sie, wenn sie mit Flaschennahrung zufüttern würden, das Gefühl hätten, als Mutter versagt zu haben, dann läuft etwas gewaltig schief. Und auch an mir beobachte ich, dass ich insgeheim etwas erleichtert bin, wenn ein gestilltes Kind mit drei Monaten erkältet ist, mein Sohn aber mit sechs Monaten die erste Erkältung hatte. Oder wenn das gestillte Nachbarskind Neurodermitis hat, mein Sohn aber eine Haut so weich wie ein Babypopo. Oder wenn der Kinderarzt felsenfest davon überzeugt ist, dass das Kind gestillt wird, so prächtig, wie es sich entwickelt. Ja, ich bin manchmal neidisch auf das leichte Gepäck, mit dem die stillende Mama unterwegs sein kann, ohne den Psychostress, ob sie genug zu Essen eingepackt hat, dass sie sich um abgekochtes Wasser und saubere Flaschen keine Gedanken machen muss. Dafür sind aber die stillenden Mamas neidisch auf mich, weil bei mir auch mehrtägige Reisen ohne Kind problemlos möglich sind und dass ich Alkohol, Koffein, Knoblauch, scharfes Essen, frische Tomaten usw. zu mir nehmen kann.
Nichts würde mir ferner liegen als eine (werdende) Mutter vom Stillen abhalten zu wollen. Warum nur meint alle Welt, sie müsse meine Entscheidung nicht zu stillen kommentieren?


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