Erna und ich werden uns nun mit dieser Kolumne abwechseln, so dass ihr sogar zwei Mal im Monat in den Genuss des Muttiblogs kommen werdet.
Letztes Mal hatte Erna bereits über die Einmischung der Umwelt während der Schwangerschaft berichtet. Und in den Kommentaren klang ja bereits an, dass es nach der Geburt nicht besser wird.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
Da sind zum einen diese wildfremden Menschen, die plötzlich so kommunikativ werden, sobald man einen Säugling dabei hat. Es fängt an mit unverhohlenem Anstarren (und manchmal sogar antatschen), Babys haben scheinbar keinerlei Recht auf Privatsphäre. Ganz mutige ZeitgenossenInnen zwingen mir dann ein Gespräch auf, meist Belangloses, manchmal aber auch Unverschämtes: Beispielsweise wollte eine Frau mich davon überzeugen, dass ich mein Kind bloß nicht zu früh in die Krippe geben solle. Auch wenn SoziologInnen und PädagogInnen behaupten, dass das den Kindern guttue, das würden die nur auf Grund des politischen Drucks behaupten (äh, lebt diese Frau in einem anderen Deutschland als ich?). Sie sei vom Fach und wisse, dass das unglaublich schädlich für die kindliche Entwicklung sei. Mein Einwurf, dass ich nicht mehrere Jahre in meine akademische Ausbildung investiert habe, um nun als Doctora materna ausschließlich dafür zu sorgen, dass mein Kind irgendwann mal einen Nobelpreis bekommt, wurde quittiert mit „Ach, Karriere machen können Sie ja immer noch, aber die ersten Lebensjahre des Kindes sind doch viel wichtiger!“
Dann gibt es da noch die professionellen RatgeberInnen, z.B. in der Krabbelgruppe, angeleitet von einer Motopädin. Die Kursleiterin schnappt auf, dass eine Mutter ihrem vier Monate alten Sohn schon seit ein paar Wochen Brei zu essen gibt. Das nimmt sie gleich zum Anlass, während der Krabbelstunde den anwesenden Müttern einen Vortrag über richtige Säuglingsernährung zu geben. Dass man ja erst nach sechs Monaten voll stillen beginnen solle, den Kindern Brei zu geben, dass man sie dabei auf keinen Fall in eine Wippe setzen dürfe (was besagte Mutter vorher auch „gebeichtet“ hatte) und das aller Beste: Man solle den Kindern von vornherein einen eigenen Löffel in die Hand geben, damit sie mitessen könnten. Als hätte man nach dem Essen nichts besseres zu tun, als auch noch die Wohnung zu putzen, nachdem man das Kind und sich gewaschen und komplett umgezogen hat. Wenn ich anfällig für Verschwörungstheorien wäre, dann würde ich dahinter einen Masterplan vermuten, wie man Mütter so auf Trab hält, dass sie nicht auf dumme Gedanken kommen. Ich hab mich während dieses Vortrages irgenwie im falschen Film gewähnt, denn ich dachte bis zu diesem Zeitpunkt, dass ich in einer Krabbelgruppe, in der es vor allem um die motorische Entwicklung der Kinder geht, vor solcherlei Übergriffen gefeit sei. Und um ganz ehrlich zu sein, gehe ich eigentlich auch nur zu dieser Krabbelgruppe, um wenigstens ab und zu mal aus dieser Isolationshaft namens Mutterschaft herauszukommen. Leider muss diese Beschäftigungstherapie für Mütter ja heutzutage immer irgendwie so verpackt werden, dass es fast unentbehrlich für die Entwicklung des Kindes sei. Aber spätestens seit diesem Erlebnis weiß ich, dass ich als Mutter sowieso immer irgendwas falsch mache, denn mein Einwurf, dass es ja auch noch sowas wie Intuition bei der Kinderpflege gäbe (die der Vater meines Sohnes im Übrigen genauso hat wie ich), löste sofort die nächste Salve an Ratschlägen aus.
Da viele dieser Ratschläge auf „Cargo-Kult-Wissenschaften“* beruhen, wird bei mir als Naturwissenschaftlerin natürlich gleich der Trieb ausgelöst, herauszufinden, was denn da wirklich dran ist. Fakt ist: Muttermilch und auch der Speichel des Säuglings enthalten Amylase, ein Enzym zur Aufspaltung von Stärke, welche aber in der Muttermilch nicht enthalten ist. Ein Säugling ist also vom ersten Lebenstag an in der Lage, etwas anderes als Muttermilch zu verdauen. Aber das nur nebenbei, ich will hier nicht schon wieder diese Diskussion über die richtige Säuglingsernährung führen. Durchaus interessanter ist in diesem Zusammenhang schon, dass auch immer wieder gerne pseudo-wissenschaftlich argumentiert wird, dass ein Kind zur Mutter gehöre und dass Mütter auf Grund eines erhöhten Prolaktinspiegels von Natur aus für die Brutpflege prädestiniert seien. Was gerne verschwiegen wird: Auch bei Männern löst ein erhöhter Prolaktinspiegel Brutpflegeverhalten aus. Interessanterweise ist der Prolaktinspiegel des Vaters bei der Geburt des Kindes erhöht, da der Mensch zu den Spezies gehört, die die Brutpflege gemeinsam übernehmen, aber darüber später mehr.
* vergl. Richard P. Feynman „Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman!“

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