Dass Feminist_innen und Aktivist_innen für soziale Gerechtigkeit auf nicht viel (zuweilen gar keine) Unterstützung der vermeintlichen Qualitätsmedien hoffen können, dürfte hinreichend bekannt sein. Auch zur Quotendebatte trug die selbsternannte vierte Gewalt im Staat nichts Neues oder Konstruktives bei. Während Zeit Online erst im Nachhinein an der peinlichen „Zickenzoff“-Überschrift (aka. drei Politikerinnen gehen ihrer Arbeit nach) herumdoktorte, schaffte es die Tagesschau, populistisch und plump Stimmung gegen Quotierungsregelungen zu machen. Die FAZ suhlte sich mal wieder in ihrem neoliberalen Duktus und fand doch tatsächlich heraus, dass staatliche Interventionen für mehr Chancengleichheit irgendwie gegen die Logik des freien Marktes seien (ach nee?!) und deshalb ungerecht. Gerechtigkeit ist also ungerecht. Hä? Außerdem seien die Quotenuschis der Ursula von der Leyen eigentlich gar nicht richtig qualifiziert. Diskriminierung gegen männliche Leistungsträger! An dieser Stelle habe ich als Feministin logischerweise wenig Verständnis für die Belange einzelner Privilegierter.
Immer, wenn die Quotendebatte aufflammt, weil die EU Druck macht, Deutschland im internationalen Vergleich in Sachen Geschlechtergerechtigkeit peinlich weit hinten platziert ist, Frauenministerin Schröder auch mal was sagen will oder die Telekom sich als furchtbar progressiv inszeniert, schmeiße ich mein Mixtape „vermeintliches Geschlechterwissen meets MC Phrasenschwein“ in den Player, drücke auf Play und widme mich Dingen, die Spaß machen. Zum Beispiel Theorien und Studien, die all das widerlegen, was da so aus den schlauen Köpfen vieler Journalist_innen purzelt, die allein aufgrund ihres Besitzes eines Geschlechts der Meinung sind, Expert_in auf dem Gebiet der Gleichberechtigung zu sein. Wie weit sind wir schon gekommen, dass Geschlecht als einziges Qualifikationsmerkmal zählt!
Heute morgen flatterte mir die neueste Zote von Josef Ackermann auf den Desktop, der sich nicht dafür schämt, Frauen allein deshalb in die Unternehmen schubsen zu wollen, weil sie gut aussehen und den Sugar Daddy der Finanzkrise kreativ befördern. Da werden sogar die konservativen Damen Aigner und Koch-Mehrin ausfällig. Und als ob all das, was da in den letzten Wochen an Absurdem im Namen des Alltagswissens und der Meinungsfreiheit hinauspostuliert wurde, zusammengenommen nicht schon Grund genug wäre, soziale Gerechtigkeit und Sensibilität in Genderfragen hierzulande für gescheiterte Projekte zu erklären, schwingt sich nun die Welt auf, den Geschlechterbacklash in astronomische Höhen zu katapultieren:
Ackermann hat sich einen Fehler erlaubt: Er war authentisch. Seine Sehnsucht nach dem Weiblichen ist nur vordergründig oberflächlich – der vermeintliche Versprecher war dafür ein Beweis: Schon der Gedanke an Frauen lässt Männer aufblühen, sich öffnen, poetischer werden.
[…]
Einige der aktuellen Erfolgsfrauen haben ihre Weiblichkeit an der Garderobe der Chefetagen abgegeben. Dagegen wendet sich Ackermann, wenn er gerade die stets unterschätzten weichen Faktoren des Erfolgs anspricht. Die Wertschätzung weiblicher Oberflächen ist kein Indiz für mangelnden Ernst bei der Frauenförderung: Es ist ein großes Kompliment. Der Banker weiß, dass neben der unerlässlichen Kompetenz ein feminines Flirren die oft säuerliche Routine männlicher Monokulturen bereichern wie verunsichern könnte. Als Lustgewinn könnte es Kreativität wie Innovation befeuern.
Da brat‘ mir doch eine_r ’nen Rilke! Soviel Sexismus und Chauvinismus, verpackt in ackermann’sche Poesie, bringt Ulf Poschardt glatt um den Verstand. Ich hatte schon fast vergessen, was meine weibliche Oberfläche so alles bei Männern auszulösen im Stande ist – sogar ein Posten im Aufsichtsrat wäre drin. Mein Traumberuf, Lustobjekt eines sabbernden, fleischgewordenen Altherrenwitzes zu werden, wird endlich Wirklichkeit!
Doch Halt! Vor einiger Zeit habe ich meine Weiblichkeit gegen feministische Perspektiven eingetauscht und begnüge mich nun lieber damit, den inhaltlichen Schund in Poschardts Artikel um „Der Markt wird es richten“, „Frauen führen Unternehmen gewinnreicher“, weil Frauen „von Natur aus wissen, was Frauen wollen“ zu widerlegen. Wir wollen ja schließlich sachlich argumentieren und den Kampf gegen Geschlechterblödsinn, patriarchale Strukturen und Sexismus nicht allzu emotionsgeladen führen. Hat Feminist_innen und Aktivist_innen schließlich schon genug Glaubwürdigkeit gekostet. Kein Wunder, dass Möchtegern-Powerfrauen wie Bascha Mika behaupten, dass Frauen selbst Schuld seien an der Misere und an den Poschardts und Ackermanns dieser Tage.
Kein Wunder, dass ich als Feministin ziemlich frustriert bin, bei soviel Backlash-Bullshit im Jahr 2011.

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