Es ist wieder so weit. Heute beginnt die Männer-Fußball-Weltmeisterschaft. Selbst als (Männer)Fußball-uninteressierte Person gibt es kaum ein Vorbeikommen: Fahnen und Wimpel hängen von Balkonen und an Autos, schwarz-rot-goldene Knicklichter und Partyschminke sind gezückt. Das Thema wird durch die sozialen Medien gedrückt, ist fester Bestandteil von journalistischer Berichterstattung, viele Cafés und Restaurants werden zu „Public Viewing“-Zonen und in der Bäckerei gibt es süße Teilchen mit Obst in Farben der deutschen Fahne.

Alle Jahre wieder zu den Sportgroßereignissen folgt auch die harsche Abwehr, wenn man anmerkt, dass „Party-Patriotismus“, wie er gern verniedlicht wird, ebenfalls ein Problem ist. Das Feiern der deutschen Mannschaft(en) hat natürlich nie aufgehört, aber spätestens 2006 sind alle Hemmungen gefallen, was das Tragen und Nutzen von Nationalsymboliken angeht. Dass dieses Normalisieren des Einkleidens und Schmückens in schwarz-rot-gold bei all jenen, die sich gern als „die Mitte“ der Gesellschaft verstehen, parallel verlief zum Erstarken rechter Strukturen und Parteien, ist kein banaler Zufall. Diese Dinge sind mit einander verknüpft.
Als vor einigen Wochen die AfD ihre Kundgebung in Berlin stattfinden ließ, verteilte sie an alle TeilnehmerInnen Deutschlandfahnen. Im Nachhinein wurden durch AfD-Accounts Bilder der Fußball-Fanmeile geteilt und als dokumentarische Fotos der Kundgebung ausgegeben. Der Schummel fiel auf, doch zeigt die Aktion auch: Prinzipiell ist an dem Einsatz der Symbole kein Unterschied zu erkennen. Überwiegend weiße Leute stehen rum, schwenken Fahnen und gröhlen. Das heißt natürlich nicht im Umkehrschluss, dass jede Person, die in den nächsten Wochen mit Deutschlandfarben rumläuft, AfD-Wähler_in oder auch nur AfD-Sympathisant_in ist. Doch trägt jede Person, die sich das Gesicht in deutschen Nationalfarben bemalt oder eine Fahne ans Auto heftet zu einem gesellschaftlichen Klima bei, in dem die positive Bezugsnahme auf Deutschland als Nation vollkommen unkritisch normalisiert wird/ bleibt. Eben jenes Klima, in dem rechte Rethoriken und Politiken blühen und gedeihen. (Davon abgesehen, dass für Person, die besonders Gewalt durch Rechte befürchten müssen, der Unterschied zwischen AfD-Patriot und Sonstiger-Freizeit-Patriot nun auch nicht direkt sichtbar ist – und sind die Grenzen doch zu dem auch fließend.)
Die letzten Wochen haben eine Unrühmlichkeit nach der anderen mit sich gebracht: In Themar haben sich wieder viele Nazis relativ ungestört treffen können. Groß diskutiert wurde stattdessen, ob man Rechten am Badesee die Klamotten klauen darf und ob das Ausschließen extrem rechter Stimmen aus Talkshows nicht quasi Zensur und Denkverbot wäre. Die Leben flüchtender Personen hingegen bleiben außerdem immer vehandelbar. Nun also weiter in den Nationalfarben-Taumel? Und dann in einigen Wochen ausgenüchtert und mit noch verschmierter Schminke im Gesicht vollkommen aufgelöst wundern, warum nur die AfD gewählt wird.
Dabei kann ein Vorgehen gegen die AfD und andere rechte AkteurInnen nur erfolgreich sein, wenn wir uns gleichzeitig mit dem jeweils eigenen Nationalismus, Rassismus, Hetero_Cis_Sexismus, Klassismus und Ableismus auseinandersetzen, verstehen lernen, wie dieser strukturell verankert ist (und damit jederzeit leichte Anknüpfungspunkte bietet) und eben auch dort ansetzen. Gleichzeitig gegen die AfD wettern und Deutschland als Land feiern wollen – das wird kein Erfolg.
Und wer sich fragt, wohin mit dem Budget, welches für den Partyzubehör eingeplant war? Hier ist eine Vorschlagsliste.

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