Interview mit Sabina England

Eine Punkerin mit rotem Iro und Jeansjacke vor einer weißen, besprayten Wand (Freedum/Ignorance is bliss) Sabina England ist Performance- und Video-Künstlerin, schreibt Theaterstücke und Lyrik. Sie ist in England aufgewachsen, lebt aktuell in den USA und setzt sich in ihren Arbeiten künstlerisch oft mit Herrschaftsdiskursen und weißer Majorität auseinander; außerdem ist sie fester Bestandteil der Taqwacore-Movement. Wir sprachen mit ihr über ihren Ansporn, Perspektiven und aktuelle Projekte.

Wann hast Du mit Deinen Arbeiten angefangen und was war Dein Ansporn? Und kannst Du kurz beschreiben, was deine aktuellen Projekte sind?

Das erste Mal Theaterluft habe ich mit 13 geschnuppert. Das war auch der Startschuss, selbst anzufangen Stücke zu schreiben. In meinen 20ern dann ging es weiter zum Film, und vor ungefähr zwei Jahren habe ich dann verstärkt angefangen Videos zu drehen und mich generell mehr für Multimedia-Art zu interessieren – ich hab also im Laufe der Zeit immer wieder neue Medien und verschiedene Kanäle ausprobiert. Momentan schreibe ich Gedichte, bin im Bereich Rap-Poetry unterwegs, mache digitale Kunst, experimentelle und Stummfilm-Videos. Und nächstes Jahr wird es ein Musik-Video geben.

Wie würdest Du Deine Arbeit beschreiben? Und generell den ganzen Prozess Deines Schaffens?

Wenn ich mich selbst beschreiben müsste, würde ich sagen: Dramatikerin, Filmemacherin, Multimedia-Künstlerin. Wobei meine Schaffensprozesse auch sehr mit meinen Stimmungen zusammen hängen. Wenn ich sauer oder angenervt bin, schreibe ich; wenn ich eher sentimentale Phasen habe, entwickle ich Bühnenstücke. Und wenn man es auf meinen Background runterbrechen möchte kann man sagen: Ich bin eine gehörlose indische muslimische anarchistische Dramatikerin und Filmemacherin. Einfach, weil das auch meine Hauptinteressen sind: Islam, Muslima sein, gehörlos sein, eine Woman of Color sein. Und: Punk Rock.

Man hat ja schon ein bisschen den Eindruck, dass Du vor allem für die Underdogs und Minderheiten sprichst. Würdest Du das selbst auch so sehen? Beziehungsweise: Ist das auch eine Intention von Dir, vor allem auch ausgeblendete Themen aufzugreifen?

Ja, das stimmt. Ich habe mich mein ganzes Leben lang ja selbst wie ein Underdog gefühlt. Als ich klein war gab es niemanden wie mich in Filmen oder auf Theaterbühnen oder in Büchern. Kennst Du irgendwelche bekannten gehörlosen süd-asiatischen Künstler oder Filmemacher oder zumindest fiktionale Charakter, die irgendwo vorkommen? Wahrscheinlich nicht, denn es gibt ja kaum welche. Als Woman of color und Tochter von indischen Einwanderern habe ich mich in Großbritannien und in den USA immer das gefühl gehabt. Naja, wir spielen eh keine Rolle. Ich hab mich immer ignoriert und unsichtbar gefühlt.

Deine Kunst ist sehr politisch. Wenn Du Dich jetzt so umguckst: Was macht Dich aktuell wütend? Was brennt Dir auf den Nägeln?

Da gibt`s natürlich viel Zeug, das mich wütend macht. Ganz allgemein machen mich soziale Ungerechtigkeit, Rassismus und Bigotterie wütend. Im Detial regt mich außerdem auf, dass die westliche Hegemonie und der Imperialismus immer noch die Obermacht hat. Das Apartheid-System im israel-Palästina-Konflikt macht mich wütend, es macht mich wütend, dass so viele Leute einfach ignorant und unwissend sind wenn es um Muslime, Islam oder Politik in der muslimischen Welt geht – obschon wir da unheimlich viele Diversitäten haben und einen absolut großen und vielfältigen Raum. Aber es wird halt oft alles über einen Kamm geschoren. Und eigentlich muss man sagen, dass diese Ignoranz ja fast schon nicht mehr zu ertragen oder zu tolerieren ist, weil wir ja schließlich im digitalen Informationszeitalter leben. Jede_r kann online gehen und im Netz alles Mögliche an Informationen heraussuchen, aber die meisten Menschen verstehen dieses Konzept halt nicht – zwar ein ganz normaler Sachverhalt, aber immer wieder sehr erstaunlich.

Kannst Du etwas dazu sagen, wie sich Dein Publikum zusammensetzt? Und wer vor allem die Rezipient_innen Deiner Arbeiten sind?

Da denke ich, dass es vor allem die Underdogs sind die meine Kunst konsumieren. Viele Muslim_innen, leute südasiatischer Herkunft, natürlich auch Gehörlose. Und insgesamt Leute, die sich für Minority-Thematiken interessieren.

Woran arbeitest Du aktuell?

Ich werde hoffentlich in San Francisco ein Musikvideo für Micropixie drehen. Außerdem werde ich einige ASL-Projekte [Anm.: Amerikanische Zeichensprache] vorantreiben, unter anderem Rap-Videos – bleibt einfach dran.

Was sagst Du zur Entwicklung des muslimischen Feminismus?

Den gab es genau genommen „auf dem Papier“ ja schon immer, angefangen mit Khadijah, der Frau des Propheten. Der Unterschied ist, dass die Leute sich aber erst seit geraumer Zeit damit beschäftigen. Und durch das Internet wird diese Entwicklung – hoffentlich – noch weiter gehen.

24 Kommentare zu „Interview mit Sabina England

  1. Interessante Ansichten. Vor allem Der Israel-Apartheid-Vergleich. Wieso habt ihr bei dieser These nicht einmal nachgehakt? Oder wieso habt ihr sie nicht einmal zum Thema Islam und Imperialismus befragt? So wirkt das eher wie billige Promotion.

  2. @mettskillz:
    Ja, mit dem nachhaken hast Du Recht. Vielleicht kann man da noch ein Update hinterherschieben. Dauert dann aber, weil, Distanz und so.

  3. Da du meinen nicht freigeschalteten Kommentar lesen kannst, weißt du ja was ich eigentlich meine: wieso jemandem, der so offen antisemitische Positionen vertritt hier eine Plattform geboten?

  4. Da muss ich dann schon fragen wo meine Rhetorik antimuslimisch ist? Weil ich mich Frage wieso bei einer Frau die sich so bewusst als Muslima präsentiert und sich so entschieden gegen Imperialismus ausspricht nicht auf die offensichtliche Verbindung hingewiesen wird. Aber scheinbar habt ihr euch ja entschieden keine Gegenfragen zu stellen. Klar, warum auch. Israel, Apartheidsstaat scheint dann ja wohl eine Mehrheitsmeinung hier zu seinen. Journalismus at its best…

  5. @ nadine
    da magst du recht haben, aber mir geht es auch ziemlich auf den senkel, wie hier immer mal bemerkungen zu israel durchrutschen, wo ich mich frage, wo da ploetzlich der differenzierte blick bleibt, der hier sonst auch von jeder kommentatorin und jedem kommentatoren (voellig zurecht) gefordert wird.

    und im digitalen informationszeitalter koennte man sich, statt nur den anderen ignoranz vorzuwerfen, genauso selbst informieren, ob dieser beliebte apartheidsvergleich denn hand und fusz hat.

  6. Und again: „Ja, mit dem nachhaken hast Du Recht. Vielleicht kann man da noch ein Update hinterherschieben. Dauert dann aber, weil, Distanz und so.“ So.

  7. @puenktchen

    ja. nur: apartheidsvergleich ist die eine sache. antimuslimische ressentiments die andere. wenn kritik, dann bitte am thema und differenziert.

  8. Also darauf hinzuweisen, dass in den Jahren nach Mohammed der Islam sich in erster Linie durch das Schwert ausgebreitet hat, dann ist das ein antimuslimisches Ressentiment? Aber die einzige Demokratie im Nahen Osten als Apartheidstaat zu verunglimpfen ist weniger schlimm?

  9. Nee, wir sind ja noch bei „offensichtliche Verbindung“.
    Das mit „… in den Jahren nach Mohammed der Islam sich in erster Linie durch das Schwert ausgebreitet hat“ ist dann ´n neues Topic.

  10. Die „offensichtliche Verbindung“ ist im Gegensatz zu der Israel-Apartheids-Geschichte eine historische Tatsache. Und ich hätte es einfach interessant gefunden, wie eine Muslima die sich als Anti-Imperialistin bezeichnet zur Geschichte der eigenen Religion positioniert.

  11. „Weil ich mich Frage wieso bei einer Frau die sich so bewusst als Muslima präsentiert und sich so entschieden gegen Imperialismus ausspricht nicht auf die offensichtliche Verbindung hingewiesen wird“, und das ist für Dich eine historische Tatsache? Ähm, reden wir grad aneinander vorbei?

  12. Mal ein anderes Thema: Dieser Stummfilm, den ihr verlinkt habt, ist absolut genial gemacht, mit so wenigen Mitteln. Toll.

  13. ne, enttäuschend ist nur wie erschreckend hier mancher kommentator („mit dem schwert…“) seine ressentiments verbreitet.

    sofern ich noch des lesens mächtig bin, wurde hier direkt in comment zwei da angeboten, die apartheidsklärung aufzunehmen. außer eines klärungswürdigen begriffs keine billigen effekte.

    und wittert man „primitive anti-israel-rhetorik“ denn auch bei massive attack, coldplay, desmond tut, julie christie, coldplay? hach, wobei, entschuldigt, sowas liegt ja nur auf der hand wenn jemand sich „bewusst als muslim_a“ präsentiert. herrje.

    schönen tach noch!

  14. Ach Helena. Magst du mir erklären, seit wann historische Tatsachen Ressentiments sind? Hier ein Link zum selber nachlesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Islamische_Expansion

    Ich finde es gut und es zeugt ja auch von einer gewissen Einsicht, dass von Seiten der maedchenmanschaft zugesagt wurde da einmal nachzuhaken. Ich frage mich aber, wieso man da nicht von alleine drauf kommt – es wurde ja nicht in verklausuliert dargestellt sondern ganz explizit erwähnt. Ich frage mich das vor allem, da es hier eine sehr große Sensibilität bezüglich dem gewählten Vokabular geht und man für viel kleinere „Vergehen“ zurechtgewiesen wird.

    Und ja. Auch Coldplay, Desmond Tutu und nochmal Coldplay bedienen sich primitiver Anti-Israel-Rethorik. Das brauchst du gar nicht in Anführungszeichen zu setzen.

  15. „und wittert man “primitive anti-israel-rhetorik” denn auch bei massive attack, coldplay, desmond tut, julie christie, coldplay?“

    Wenn die auch von „Apartheid-System“ und dergleichen sprechen/singen, dann ist das natürlich primitive Anti-Israel-Rhetorik. Was denn auch sonst?

  16. Ach, mettskillz. Magst Du mir erklären, seit wann Wikipedia-Artikel Tatsachen sind? Es steht ganz schön viel dort, u.a. auch zur Israeli_West_Bank_barrier. Und? Sind dadurch Du oder ich Expert_innen? Kann man durch Google einen derart komplexe Konfliktregion in den Griff bekommen, meinungstechnisch? Haben wir überhaupt irgendeine Ahnung davon, was Israelis oder Palästineser_innen durchmachen jeden Tag? Und – letzten Endes – ist dass das Interviewthema?

    Ich hoffe Ihr merkt es selbst: Wir haben hier ein Interview. Da fällt ein diskussionswürdiger Begriff und die Redaktion bietet direkt Klärung an. Und Ihr kommt mit „Islam&Schwerter“-Geschichten? Mensch… Und wenn Ihr dann hier Sensibilität für Vokabular einfordert, dann bitte die Islam-Panik im Schrank lassen.

  17. „Haben wir überhaupt irgendeine Ahnung davon, was Israelis oder Palästineser_innen durchmachen jeden Tag?“

    Nein. Denn individuelles Leiden ist immer individuell. Das hat aber nichts damit zu tun, dass Anti-Israel-Rhetorik abzulehnen ist.

    „Ich hoffe Ihr merkt es selbst: Wir haben hier ein Interview. Da fällt ein diskussionswürdiger Begriff und die Redaktion bietet direkt Klärung an. Und Ihr kommt mit “Islam&Schwerter”-Geschichten?“

    Ich habe nichts zum Islam geschrieben. Wenn ich das richtig sehe, war das nur ein Kommentator.

  18. Zunächst: es geht überhaupt nicht um „Islam-Panik“ – es geht um, aus meiner Perspektive, interessante Zusammenhänge. Wäre eine, sagen wir katholische Feministin, der Interviewpartner und würde sich zustimmend zur Frauen-Quote äußern fänd ich es auch spannend da mal themenübergreifend nachzuhaken.

Kommentare sind geschlossen.

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