Im folgenden Text wird viel von Hetero-Pärchen die Rede sein. Paar heißt in diesem Fall: zwei Menschen, die in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten mit einander austauschen. Es geht um Menschen, die in der Regel jeweils als weiblich und männlich gelesen werden und sich selbst auch so verorten, und von denen widerum vor allem um jene, die keine Sanktionen und kein Othering erfahren, wenn sie sich außerhalb des eigenen Privatbereichs als Paar zeigen. Dass diese Menschen individuelle Geschichten haben können, in denen (nicht nur gegendertes, sondern z.B auch rassifiziertes) Gelesenwerden, Passing und Selbstverortung keine unhinterfragten Selbstverständlichkeiten darstellen, bleibt bei einer solchen Einordnung schwierigerweise außen vor. Der Widerspruch, dass für individuelle Personen angesichts eigener biografischer Erfahrungen das öffentliche Paar-Sein ein Akt des widerständigen Empowerments sein kann, nach außen aber trotzdem auch oder vor allem als normbestätigend wirkt, lässt sich wohl unter den gegebenen Bedingungen nicht auflösen.
Die Perspektive, mit der ich selbst mich auskenne und von der aus dieser Text geschrieben ist, ist allerdings die einer Person, die es zeitlebens ganz überwiegend als selbstverständlich erlebt hat, ihr Begehren auch in die Öffentlichkeit tragen zu können, ohne dass darauf über den üblichen Sexismus hinaus merkbar reagiert würde – weder mit spezieller Neugier, die sich in distanzlos-übergriffigem „Interesse“ äußert, noch mit Kommentaren (seien sie abwertend oder vermeintlich anerkennend), noch mit verbalen oder körperlichen Angriffen. Dieses default setting gilt hierzulande für viele Menschen. An diese, an euch, richtet sich dieser Text.
Nachdem ich begonnen hatte ihn zu schreiben, stieß ich auf diesen Blogeintrag und musste feststellen, dass der Titel, den ich für meinen Text spontan ersonnen hatte, quasi 1:1 schonmal da war und der Begriff „Critical Hetness“, eine augenzwinkernde Anspielung an Critical Whiteness, offensichtlich nicht erst in einer informellen Konversation zwischen Mädchenmannschafstsautorinnen das Licht der Welt erblickt hat. Ich lass das jetzt aber so, weil ich die Begrifflichkeiten einfach passend finde, und danke Sanczny für die uns beiden unbewusste Inspiration :)
Die eigene Praxis zu reflektieren und gar zu ändern ist immer schwieriger als abstrakt „gegen Sexismus“ oder „gegen Homophobie“ zu sein – geschenkt. Wie schwer es auch innerhalb von Zusammenhängen ist, die sich selbst als progressiv, „links“, als explizit anti*istisch verorten, wurde kürzlich wieder anhand der neu entflammten Online-Debatte um fiktive „Knutschverbote“ deutlich. (Ob und wie in anderen Zusammenhängen darüber gesprochen wird, ist mir erstmal egal, da diese Kontexte für mich keinen Bezugsrahmen darstellen.)
Was war los? In verschiedenen Blogposts und Twitterkommentaren hatten vor allem Menschen, die nicht hetero begehren und_oder leben – nein, keine Knutschverbote verhängt. Wie könnten sie das auch tun, wie sollten sie ein solches Verbot gar durchsetzen [CW: rassistische Begriffe ausgeschrieben]? Nein, um Verbote ging es nie, und etwas nicht toll zu finden ist nicht das gleiche wie etwas zu verbieten: Sie haben sich darüber geäußert, dass das Unterlassen von Hetero-Pärchenperformances ein solidarischer Akt sein kann. Zur Paar-Performance gehören jene Handlungen, die – auch unbewusst, ganz unbeabsichtigt und nebenbei – dafür sorgen, dass bei anderen der Eindruck „Aha, ein Pärchen“ entsteht, also Küssen, Händchenhalten u.ä., egal wie gut die Beteiligten einander kennen oder ob und wie sie eine Beziehung zwischen sich definieren.
Kusspause aus Rücksichtnahme? Knutschverzicht aus Solidarität?
Das nachzuvollziehen oder einfach nur zu akzeptieren, fällt vielen Menschen – naheliegenderweise anscheinend vor allem solchen, die sich selbst als heterosexuell begehrend und_oder lebend verorten – offensichtlich ziemlich schwer. Zweifelnde bis entrüstete Meinungsäußerungen sind schnell bei der Hand, Fragen werden aufgeworfen: Ist der Ausdruck von Zuneigung nicht etwas schönes, und die Möglichkeit, das nicht nur innerhalb der eigenen vier Wände unsanktioniert zu tun, eine kulturelle Errungenschaft, die von Offenheit, von Fortschritt und Freiheit zeugt? Brauchen wir angesichts der um sich greifenden neoliberalen Sozialkälte nicht all die Liebe(sbekundungen), die wir kriegen können? Ist jegliche Regung, das einzuschränken, nicht repressiv, lustfeindlich, atmet den Geist von überwunden geglaubter Prüderie und Tugendwächter_innentum? Sollten wir nicht, anstatt uns selbst Einschränkungen aufzuerlegen, dafür sorgen, dass alle diese Freiheiten genießen können? Wem ist damit geholfen, wenn ich meinen Boyfriend auf der Straße nicht mehr küsse – dadurch bekommen lesbische oder schwule Paare doch nicht automatisch mehr Rechte? Wer hat denn da was von?
Ich möchte versuchen, klar zu machen, wie sich diese Debatte aus meiner Perspektive darstellt. Dafür möchte ich zunächst nochmal ein paar Punkte festhalten:
- Unsere Gesellschaft ist u.a. heterosexistisch strukturiert. Das bedeutet nicht „Alle Heten sind böse“. Es bedeutet: Das gegenseitige v.a. erotische Auf-einander-bezogen-Sein von Männern* und Frauen* wird als selbstverständlich, als wichtig, als identitätsstiftend, oftmals auch als wünschenswert, vorausgesetzt. „Abweichungen“ davon werden – gesamtgesellschaftlich betrachtet – bestenfalls „toleriert„, schlimmstenfalls kosten sie die körperliche Unversehrtheit. Das zeigt sich nicht nur in der deutschen Familienpolitik, im Gesundheitswesen oder im Recht, sondern auch in Alltagssprache, Medienrhetorik, in Popsongs, auf Werbeplakaten und sicher auch noch in vielen anderen Settings. Hetero lebende kriegen das meist gar nicht mal mit – natürlich nicht, denn sie werden ja nicht permanent in Frage gestellt, unsichtbar gemacht und abgewertet, sondern in ihrer Lebensweise und_oder Gefühlswelt bestätigt. Von Nicht-Heteros jedoch weiß auch ich: Jeder Spruch, mag er auf die (selbst)kritische Hete noch so abgedroschen und unwahrscheinlich wirken, jede Frage, mag sie noch so distanzlos sein, jede gewaltvolle Beleidigung und bei Frauen*paaren jede sexistische Anzüglichkeit, die das pornifizierte Male-Gaze-Vokabular hergibt – sie sind Alltag.
- Die heterosexistische Struktur kommt nicht ausschließlich von irgendeiner ominösen höheren Kraft auf uns herab – wir sind die Struktur™, wir alle basteln daran mit (und oftmals gleichzeitig dagegen an), und wir alle tragen mit unserem Handeln dazu bei, wie sich diese Struktur in unserem kleinen Mikrokosmos – der sich, und das ist hier der Punkt, mit den Mikro- und Makrokosmen anderer Menschen überschneidet – ganz konkret niederschlägt. Und tragen dafür die Verantwortung.
- Wir – also ihr, an die sich dieser Text richtet, siehe oben, und ich, die ihn schreibe – finden das nicht gut mit diesem Heterosexismus und wollen was dagegen tun.
[kleiner Einschub zum Wort „Hete“: Es mag sich doof anfühlen so bezeichnet zu werden, irgendwie abfällig. Ein diskriminierender Ausdruck ist „Hete“ allerdings nicht – Heterophobie gibt es nicht, so wenig wie es „umgekehrten Rassismus“ gibt. Warum nicht? Weil die strukturelle Machtkomponente fehlt, die eine individuelle Benachteiligung oder Abwertung zum Ausdruck eines *ismus macht. Angesichts der Tatsache, wie sorglos in der deutschen Sprache mit dem Prefix „Homo“ hantiert wird (Homo-Ehe, anyone?), sollte das bisschen Spieß-Umdrehen, was die Markierung angeht, zu verschmerzen sein. Womöglich wird es einigen Menschen aber dennoch aufstoßen, hier permanent als „hetero“ gelabelt zu werden, wo sie selbst doch ganz andere Merkmale viel wichtiger und aussagekräftiger fänden, um sich selbst zu charakterisieren. Die Frage, wer wen markiert, was benannt wird und was unbenannt bleibt und damit normalisiert wird, und wer daran gewöhnt ist, unmarkiert zu bleiben, spielt hier eine wichtige Rolle. Ich persönlich benutze „Hete“ einfach deswegen ganz gern, weil es kurz ist und sich einigermaßen geschlechtsneutral verwenden lässt.]
So weit, so einig? Schön. Denn wer diese Grundvoraussetzungen bestreitet, wird wohl auch die folgenden Schlüsse daraus nicht mitgehen.
Wenn ich in der Öffentlichkeit meinen Boyfriend küsse, führe ich damit anderen Menschen demonstrativ vor Augen, was ihnen versagt bleibt – zum Beispiel jenen, die einander jetzt auch gern küssen würden, es aber nicht tun, um Sanktionen zu vermeiden. Darauf Rücksicht zu nehmen fände ich als Argument für einen sensiblen Umgang mit der eigenen Paarsituation eigentlich schon ausreichend. Das ist aber gar nicht der Hauptpunkt, denn erstens geht es beim heteronormativen Normalzustand (und der Kritik daran) bei weitem nicht nur um öffentliches Knutschen, und zweitens wissen Nichtheten auch ohne meine kleine aber wirkungsvolle Demonstration von straight privilege bestens über diesen Normalzustand Bescheid.
Der springende Punkt ist: Ob ich will oder nicht – durch meine Hetero(pärchen)performance demonstriere ich nicht nur den Normalzustand und erinnere (schmerzhaft) an ihn, ich stelle ihn auch aktiv her und re_produziere ihn. Heteronormativität ist keine Einbahnstraße: Weil hetero „normal“ ist, stelle ich mein Hetendasein unhinterfragt zur Schau (nicht im Sinne von „seht alle her, ich bin hetero und finde das ganz toll!“, sondern im Sinne von „ich muss nicht verstecken, was selbstverständlich für mich ist“) und ermutige andere, dies auch zu tun – und weil so viele ihr Hetendasein unhinterfragt und selbstverständlich zur Schau stellen, ist hetero sein „normal“. Ich inszeniere mich – möglicherweise ungewollt – als einen Teil der „Normalität“ und schaffe sie damit erst. Ich trage aktiv dazu bei, ein Klima aufrecht zu erhalten, einen Raum zu schaffen, in welchem lesbische, schwule, queere Zärtlichkeit deutlich als „Abweichung“ sicht- und fühlbar ist. Selbst, wenn in der konkreten Situation vielleicht keine konkrete Gefährdung, aktive Ausgrenzung oder exotisiertende Kommentierung befürchtet wird – aber Diskriminierung ist mehr als verbale oder physische Gewalt. Mit meiner Hetero- und Paarperformance nehme ich anderen Ausdrucksformen und Beziehungsweisen den Raum. Auch wenn ich das gar nicht will. Auch, wenn ich „alternative“ Beziehungsformen gut finde oder gar lebe, ich mich selbst gar nicht als hetero verorte, Paarsein mir doch gar nicht so wichtig ist und_oder ich mich gegen Homophobie und Heterosexismus engagiere. Und auch, wenn ich das nicht hören will.
Um es also nochmal kurz zusammen zu fassen: Es ging nie um ein Verbot, sondern um die Aufforderung, dass Hetero-Personen, zumal wenn sie sich als Verbündete von Nichtheteros verstehen, sich die Frage stellen sollten, wie sie mit ihrem eigenen persönlichen Handeln dazu beitragen, bestimmte Räume zu schaffen, bestimmte Strukturen zu unterstützen, bestimmten Normen zu bestätigen und festzuschreiben – selbst wenn sie diese „eigentlich“ ablehnen und an anderer Stelle bekämpfen. Das Argument „Ich mache xyz aber doch auch, also kann das nicht so schlimm sein, weil ich ja zu den ‚Guten‘ gehöre“ ist halt keines, sondern vielmehr ein emotionaler Impuls, um Kritik abzuwehren.
Und vielleicht noch kurz, was die Sache mit der sozialen Kälte angeht: Nicht alle freuen sich darüber, wenn sie Zeug_innen von Liebesbekundungen werden – ganz unabhängig vom eigenen Begehren. Höflichkeit, Freundlichkeit, gegenseitige Aufmerksamkeit und ja, eben Rücksichtnahme – das sind für mich Faktoren, die ein angenehmes soziales Klima ausmachen. Jederzeit und überall meinen erotischen Impulsen nachgehen zu können und ungefragt anderer Leute Intimitäten beizuwohnen hingegen nicht – und das kann unterschiedliche Gründe haben und ganz unabhängig davon sein, ob ich selbst gerade glücklich verliebt bin, gerne knutsche(n würde), mich als „sexpositiv“ verorte, die Beteiligten attraktiv oder sympathisch finde oder nicht. Turtelnde Pärchen haben keinen Default-Anspruch auf Bewunderung, Mitfreude oder anderweitige Anerkennung – auch wenn es zugegebenrmaßen angesichts der ominipräsenten Pärchenpropaganda vielleicht manchmal etwas schwer fallen mag, derartiges nicht zu erwarten…
„Na ja gut, aber irgendwen stört doch immer irgendwas, so ist es im öffentlichen Raum nunmal – darf ich jetzt deswegen meinen Freund nicht mehr küssen, weil es irgendwie irgendwen stören könnte?!“
Klar darfst du – wer sollte dich davon abhalten können? Aber: musst du unbedingt? Immer, überall? Oder möchtest du vielleicht einfach mal kurz innehalten und überlegen, wie du mit deinem eigenen, deinem ganz persönlichen Verhalten zum allgemeinen Klima beiträgst? Und dich dann entscheiden, ob du diesen Beitrag aktiv gestalten möchtest oder nicht? Du hast das Privileg: Du musst nicht, aber du kannst. Wenn du dich dagegen entscheidest, wird dir nichts, aber auch gar nichts passieren – im Gegensatz zu homophoben Attacken sind diese queer_feministischen Terrorsquads, die die Mehrheitsgesellschaft wegen deren angenommener Privilegien gewaltvoll drangsalieren, nämlich nichts als propagandistische Legende.
Eigentlich ist es logisch: Die Welt verändern, solidarisch sein und alles so machen wie ich es gewohnt bin oder es mir selbst am besten passt – manchmal geht das nicht alles gleichzeitig. Auch die sophisticatedste Argumentation, warum es jetzt gerade speziell in meinem Fall alles ganz anders ist, führt da nicht dran vorbei. Auch wenn’s keinen Spaß macht. So fühlen sich Machtstrukturen an. Und immer noch habe ich die Wahl, wieviel Critical Hetness ich in meinen Alltag lasse – immer noch bin ich auf der privilegierten Seite. Deshalb: bitte nicht über Knutschverbote lamentieren.
„Soll ich denn wirklich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich in der Öffentlichkeit meine Zuneigung bekunde?“
Nein, denn mit deinem Gewissen, ob gut oder schlecht, kann niemand was anfangen. Tu es oder lass es, aber erwarte weder für das eine noch für das andere Applaus.
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Edit: Helga hat heute auch nochmal dazu geschrieben.

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