Wann werden Kinder endlich über Heterosexualität aufgeklärt?

Seit mehr als einem Jahr läuft die Initiative „Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt“ der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung. Zu dieser Initiative gehört ein umfangreiches Maßnahmenpaket, das unter anderem diese fragwürdigen Plakate hervorgebracht hat. Jetzt soll auch in Berliner Grundschulen darüber aufgeklärt werden, dass Homosexuelle „ganz normale Menschen“ sind:

Es gehe um die Normalität des Anders-Seins, um Akzeptanz, um Geschlechterrollen. Die Kinder sollen soziale Kompetenz, Empathie und Sensibilität lernen. Dazu stellt die Bildungsverwaltung den Grundschulen neue Unterrichtsmaterialien zur Verfügung – ein Koffer voll, insgesamt 25 Bilderbücher, ein Memory-Spiel und eine Hör-CD mit Begleitbuch.

[…]

Die Schulen sollen das Thema fächerübergreifend unterrichten und dabei eine positive Einstellung zu Liebe und Sexualität vermitteln, wobei auch auf Homo-, Bi- und Transsexualität eingegangen werden soll. Über sexuelle Vielfalt könnten die Lehrer zum Beispiel im Ethik-, Sachkunde- oder Deutschunterricht mit den Kindern sprechen.

Fehlt da nicht was? Wann werden Kinder endlich über Heterosexualität aufgeklärt, statt beigebracht zu bekommen, dass „Anders-Sein“ irgendwie auch voll okay ist? Diskriminierung fängt schließlich nicht erst bei körperlicher Gewalt und dummen Sprüchen aufgrund von Homo- und Trans*phobie an. Ausgrenzung und Gewalt beginnen dort, wo Abweichungen von der heteronormativen Matrix als anders identifiziert, markiert und dieser untergeordnet werden.

Solange der Konstruktionscharakter von Heterosexualität und die Wirkmächtigkeit von Heteronormativität nicht mitreflektiert werden, bleiben solche Hierarchisierungsprozesse unsichtbar. Das hat zur Folge, dass die Ursachen für Homo- und Trans*phobie nicht geklärt werden können. Denn die liegen viel tiefer als in der fehlenden Akzeptanz des vermeintlich Anderen.

Weiterhin ärgerlich an diesem Projekt ist die Ineinssetzung von sexuellem Begehren und Gender. Es impliziert, dass Transsexuelle und Transgender keine heterosexuellen Beziehungen führen können. Auch die Reproduktion des Stereotyps, die sexuelle Orientierung sei den Menschen „an der Nasenspitze anzusehen“, wird damit eifrig vorangetrieben. Das (biologische) Geschlecht, die Geschlechterrolle oder Genderperformanz haben rein gar nichts mit der sexuellen Orientierung eines Menschen zu tun.

Wenn Kinder mit Bildungsangeboten sensibilisiert und selbstbestimmt in die Welt entlassen werden sollen, dann gilt es die vermeintliche Normalität von Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität zu hinterfragen. Ihnen beizubringen, dass sie „denen da“ Toleranz entgegenbringen sollen, hilft jedenfalls nicht.

35 Kommentare zu „Wann werden Kinder endlich über Heterosexualität aufgeklärt?

  1. Bei einer Tagung im letzten Jahr zum Thema „Tabubrüche in aktueller Kinder- und Jugendliteratur“ (sinngemäß, weiß den Titel gerade nicht mehr) habe ich einen sehr interessanten Workshop zum Thema Kinder- und Jugend-Ratgeber/Sachbücher zu Sexualität, Liebe und Körper besucht – der ergab im wesentlichen, dass alles aktuell auf dem Markt befindliche ziemlicher Mist ist. Aufklärungsversuche zum Thema Homosexualität etc. fanden da, wenn überhaupt, auch nur sehr halbherzig statt (nach dem Motto „Was es sonst noch so gibt“). Klar, besser als nichts – aber einen Mehrwert hatte das nicht. Von daher: auch in diesem Bereich gibts deutlichen Verbesserungsbedarf…

    Und, weil ich gerade drüber gestolpert bin (passt jetzt nur um die Ecke rum): „No country for queers. In Italien ist Homophobie in den letzten Jahren sozial akzeptabel geworden“, aus der NZZ:
    http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/no_country_for_queers_1.11008620.html

  2. @hopey

    Die Plakate markieren Menschen als Andere mit dieser schrecklichen Banderole, während die anderen Personen unmarkiert bleiben (also „normal“ gelten). Warum das nicht so cool ist, habe ich ja im Text erläutert. Desweiteren wird auch hier Transsexualität als Form nicht-heterosexuellen Begehrens dargestellt, weil es neben schwul und lesbisch steht. Anders herum impliziert dies, Homosexuelle wären an ihrem Aussehen erkennbar (siehe hierzu auch meinen Text). Ob Transsexuelle überhaupt „erkennbar“ sind, ist noch mal eine ganz andere Frage.

    Diese Plakate sind in ihrer Darstellung und Konstellation der beteiligten Personen arg konstruiert. Erstmal werden durch die Anzahl der Personen Mehr- und Minderheiten konstruiert. Die Problematik daran habe ich auch im Text erläutert. Hinzu kommt, dass diese Konstellationen auch mit der Stimmung, die das Bild rüberbringen soll, nun mal nicht die Realität und Alltäglichkeit von Diskriminierungsformen abbildet. Die Lebenssituationen dieser Personen werden nicht dargestellt, sondern sie werden einem von Vorurteilen und Stereotypen geprägtem Publikum als Freaks präsentiert. Wie Lucie sagt: „was es noch so gibt“

  3. Danke Nadine,
    das gibt so ziemlich meine Gefühle beim Betrachten der Plakate wider.
    Vor allem diese Banderolen! Was sollte das?

  4. @hopey: Also ich persönlich finde an den Plakaten ziemlich fragwürdig, einen in die Mitte zu setzen und mit einer Scherpe zu versehen – so nach dem Motto „Seht her, das ist der Exot auf dem Bild!“

  5. Wow, wie plakativ im wahrsten sinne des wortes…
    sexualität sollte als das unterrichtet werden, was es ist: kein schubladendenken, und wenn…

    die plakate sind übrigens grausam! und diskriminierend – wie häufig-…die leute haben immer noch nicht dazugelernt :/

  6. Für alle, die es interessiert. Aus der Initiative stammt auch diese Kampagne hier >> http://www.stopp-homophobie.de/

    Zuschreibungen, Rassifizierungen, Homophobie=Trans*phobie, keine strukturelle Fassung von Diskriminierung (Diskriminierung nur als stereotype Einstellung von Leuten, die irrationale Ängste haben), ach…was erzähl ich eigentlich ;)

  7. Hallo Nadine,

    auf den ersten Blick fand ich die Plakate sogar ziemlich gelungen, muss ich zugeben. Da hier mal nicht nur junge, weiße und gesunde Personen abgebildet sind, sondern wirklich durch alles gemischt.
    Allerdings kann ich deine Kritik teilweise nachvollziehen. Mich würde interessieren wie du Plakate für eine solche Kampagne gestalten würdest, da ich mir das äußerst schwierig vorstelle…

  8. Ich habe diese Woche – in der U-Bahn stehend – noch daran gedacht, wann ihr hier diese seltsame Kampagne ansprecht. Kennzeichnung der sexuellen Orientierung mit Schärpe. Das ist nicht nur ein WItz, das ist auch noch eine verdammt schlechte Werbeagentur, wo die verantwortlichen Auftraggeber einen Schreikrampf hätten bekommen sollen. Ich finde die Kampagne eher kontraproduktiv. SIe suggieriert, dass es okay sei, Menschen zu labeln.

  9. die plakate (die sicher nicht das sprichwörtlich gelbe vom ei sind) habe ich jetzt nicht so wahrgenommen. fand die abgebildeten personen auch subjektiv nicht derart klischeehaft, um da irgendeine implikation bzgl der vermeintlichen optischen erkennbarkeit von lgbt zu vermitteln. könnte daran liegen, dass ich die restlichen abgebildeten personen nicht unbedingt als cis / heten eingeordnet habe. aber es mag auf andere durchaus eine andere wirkung haben, das stimmt.

  10. @hopey

    ich habe keine aussagen über das aussehen der personen im bild getroffen. es geht nicht um klischeehaftes aussehen, sondern um stereotypenhafte bildkomposition, die wunderbar heteronormativität und deren wirkungsweisen spiegelt.

    @elsbeth

    ich würde überhaupt keine Toleranz/Respekt-Kampagne gestalten.

  11. Genau das habe ich mich am letzten Wochenende auch gefragt. Die Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung war nämlich auf dem Lesbisch-schwulen Stadtfest mit einem Stand vertreten. Nicht nur, dass mensch sich auf dem sog. Lesbisch-Schwulen Stadtfest über ähnliche Fragen Gedanken machen konnte, war es an dem Stand möglich, sich das Bildungsmaterial (Handreichung allerdings für die weiterführenden Schulen) mal genauer anzusehen. Um auch noch einmal in Bezug auf das Bildungsmaterial nachzulegen – hier ist der Link:

    Bildung für Berlin – Lesbische und schwule Lebensweisen

  12. „ich würde überhaupt keine Toleranz/Respekt-Kampagne gestalten.“

    sondern?

    ich meine, ist ja nett, sätze wie „Solange der Konstruktionscharakter von Heterosexualität und die Wirkmächtigkeit von Heteronormativität nicht mitreflektiert werden“ schreiben zu können – aber was heißt das nun dafür, was man 8jährigen erzählen soll? hast du da zumindest grobe überlegungen?

  13. Meine Kinder wurden in dem Moment über Heterosexualität aufgeklärt, in dem sie nach ihrer Entstehung gefragt haben.

    Die Diskrepanz besteht also darin, dass Heterosexualität einen Fortpflanzungsaspekt hat (der Kinder brennend interessiert), während Homosexualität genau diesen Aspekt nicht hat. Deshalb findet Heteroaufklärung häufig früher und unter anderen Vorzeichen statt.

    Was Sexualität sonst noch für erwachsene Menschen bedeutet (außer dem eher ausweichenden „sich lieb haben“) verstehen kleine Kinder einfach nicht.

    Durch den zeitlichen Versatz entsteht dann zwangsläufig der Eindruck von normaler und abweichender Sexualität. Ich glaube nicht, dass sich das vermeiden lässt – die Herausforderung besteht eher darin, älteren Kindern zu vermitteln, dass diese Unterscheidung in die falsche Richtung geht und dass erwachsene Sexualität unabhängig von Fortpflanzung einfach das ist, was den einzelnen Menschen Spaß macht.

  14. @bigmouth

    Einer Grundschulklasse würde ich nicht erzählen, dass es neben Mann-Frau-Penis-in-Muschi (wir erinnern uns sicherlich noch genau an Sexualkunde im Biologieunterricht) auch noch „diese anderen lustigen Sachen“ gibt. Ich würde als Lehrerin (egal in welchem Fach das jetzt passieren soll) ganz selbstverständlich erstmal gendergerechte Sprache benutzen und alle Geschichten/Bilder/etc . vermeiden oder umschreiben, die einzig eine heterosexuelle Lesart zulassen. Über Mutti und Papi reden ja in den meisten Fällen schon Mutti und Papi zu Hause genug.

    Ich würde über Diskriminierung aufklären und nicht über Homosexualität. Ist die das Problem? Nein. Ich würde im Biologieunterricht selbstverständlich davon berichten, dass nicht alle Menschen eindeutig dem ein oder anderen Geschlecht zuordenbar auf die Welt kommen oder sich ihr Leben lang in ihrer (zugewiesenen) Geschlechtsidentität wohl fühlen. Ich würde das gar nicht dramatisieren. Das einzige, was es zu dramatisieren gilt, ist alles, was genau das einschränken möchte.

    Das ist natürlich mit einem Medienkoffer oder ein paar Schulungen nicht getan, das muss fächerübergreifend mitgedacht und reflektiert werden. Braucht Zeit, braucht Geld und Lehrer_innen, die darin geschult sind, aber wenn sich wirklich was verändern soll, dann muss mensch halt investieren. DIese Aktionen wie oben verpuffen. Kein Mensch braucht Toleranz und Respekt. Davon kann er_sie sich bei der nächsten strukturellen Benachteiligung, Bewerbungsabweisung, Faust im Gesicht und beschissenen Gesetzeslage nämlich auch nichts kaufen.

  15. @Jan

    Der Fortpflanzungsakt und „Kinder zeugen“ sind also heterosexuell? Ich kann also als lesbische Frau keine Kinder bekommen, nein? Bitte die beiden Sachen trennen. Zwar braucht es Samen und Eizelle, aber nicht zwangsläufig einen Penis und heterosexuelles Begehren.

    Ich sehe überhaupt keinen Widerspruch darin, Kinder gleich so etwas mit an die Hand zu geben, wenn sie fragen, wo sie herkommen. Alles andere ist homophobe Rhetorik („Ihr könnt euch nicht fortpflanzen“)

  16. Respekt macht es also möglich, daß Homosexuelle lieben dürfen? Jedenfalls kommt die Botschaft so für mich an und ist damit wie auch die bildhafte Darstellung mit der Sichtbarmachung der „Andersartigen“ (was ja an sich schon grauenhafte Assoziationen auslöst) einfach nur daneben. Gut gemeint sicherlich, aber das ändert nichts.

    Inwieweit Kinder zuerst Fortpflanzung und nicht einfach den Wunsch nach Zweisamkeit als Fragegrund wie befriedigende Antwort auffassen sei mal dahingestellt – dazu kann ich keine Zahlen vorlegen, nach meiner Erinnerung war bei mir ein „weil sie sich lieben“ als Grund für ein Zusammensein als Kind ausreichend. Für Fortpflanzung braucht man, so ganz nebenbei, auch keine Partnerschaft, da reicht ein ONS ja auch schon aus… Oder anderes. Sprich: Kinderkriegen und aufziehen als Grund für eine Beziehung halte ich zur Erklärung gerade bei so vielen Alleinerziehenden für einseitig. Aber, wie gesagt, das nur nebenbei und ohne Allgemeingültigkeit.

    Warum so viele Menschen damit ein Problem haben, wenn zwei Menschen sich lieben, wird sich mir wohl nie erschließen.

    Danke für diesen erhellenden Beitrag.

  17. @Nadine: Ja, der Fortpflanzungsakt ist im Wortsinn heterosexuell, selbst bei einer technisch unterstützten Zeugung: Männlicher Samen, weibliche Eizelle. Das hat doch mit der individuellen sexuellen Orientierung nichts zu tun!

    Genau das meinte ich: Der Fortpflanzungsaspekt sollte nicht mit dem Aspekt des Begehrens vermischt werden.

    Aber muss ich deshalb meinem vierjährigen Sohn wirklich in allen Details erklären, was sexuelles Begehren bedeutet? Ich ziehe mich im Moment darauf zurück, dass es hetero- und homosexuelle Paare gibt, und dass die Partner_innen sich jeweils lieb haben.

  18. Als politische Bildnerin (schrecklicher Titel ^^) kann ich nur bestätigen, dass so ziemlich alles irgendwie Mist ist, was zum Thema Sexualität und/oder Geschlecht und Bildungsarbeit auf dem Markt ist.
    Vieles hat aber gute Ansätze, kann leicht umgeändert werden, oder es kommt am Ende sowieso auf die Diskussion an.

    Größeres Problem ist, dass Aufklärungsarbeit zu Diskriminierung (gerade dem Thema Sexualität/Geschlecht) einmal in der ganzen Schullaufbahn vorkommt. Als Projekttag – mal etwas ANDERES machen – juchei. Dann geht es zurück in den Schulalltag, mit den gleichen Kram der immer gelehrt wird, von den gleichen meist unreflektierten Lehrenden.

    Lehrer_Innen verweigern übrigens sehr gern Fortbildungen zu solchen speziellen Themen… was wollen wir denen schon beibringen können

  19. Diese „Aufklärung“ kommt mir bekannt vor, insbesondere der Teil mit „wir erzählen jetzt mal was über die Menschen die es sonst noch so gibt, aber WIR sind natürlich alle total „normal“.
    Wir hatten im Englsichunterricht mal eine Liste mit Themen, bei denen wir uns welche für das kommende Jahr raussuchen durften (leider wurden die Themen dann aber nie behandelt..). Neben Drogen und den üblichen Verdächtigen gab es auch das Thema: „Wie würdest du dich fühlen, wenn du neben einer Transperson sitzen würdest?“ Meine Klasse hat sich erstmal sofort dafür entschieden, meine Sitznachbarin sich fast vom Stuhl gehauen vor Lachen und ich mich als geouteter Transmann doch reichlich gewundert, da ich doch selten neben mit sitze.
    Ich fänd‘ es wirklich grandios, wenn „Aufklärung“ über die Diversität der Welt eingeplant würde und nicht für Wir-tolerieren-die-ANDEREN-Unterricht genutzt würde, sondern über Diskriminierungsprozesse an sich und Pluralität von Sex, Gender und Begehren gesprochen würde. Das kann doch nicht so schwer sein, wenn man gleichzeitig komplexe Matheaufgaben irgendwie hingebogen bekommt.

    Übrigens war ich vor ein paar Jahren noch Schüler_in und hatte bis zum Abitur sage und schreibe eine Stunde Sexualkunde o.ä. (wir sahen dann die ganze Stunde einen Film in dem man sah, wie ein Spermium sich zur Eizelle bewegt und dann ein Kind entsteht) – das war meine schulische sexuelle Aufklärung. Ich denke ich muss nicht erwähnen, dass Homosexualität in 12,5 Jahren Schule nicht ein einziges Mal behandelt wurde (außer natürlich durch renitente Schüler_innen, die keinen Bock mehr auf Hetero-Beispiele hatten).

  20. Das ist ärgerlich. Bitte erklärt mir mal, wie ihr das schafft sowas „Das (biologische) Geschlecht“ und dann ein paar Zeilen später sowas „vermeintliche Normalität von Zweigeschlechtlichkeit“ zu schreiben. Scheinheilige Paradoxie? Wie ist „Das (biologische) Geschlecht“ denn so? Woran macht der schreibende Mensch das fest? Hmmmmmmmm?

  21. @Kim

    Ich weiß gerade nicht, worauf sich deine Kritik konkret bezieht. Magst du genauer ausführen, was du problematisch findest?

  22. Nadine. Es scheint in Deutschland ja schick zu sein, laut gegen eine „Zweigeschlechterordnung“ zu sein, und zugleich ein „biologisches Geschlecht“ festzuschreiben, dass es in der Natur so eigentlich gar nicht gibt -> zumindest nicht so, wie Fans von Adam und Eva das immer noch glauben. Zwar haben die meisten Menschen die simple Gleichung xx=frau und xy=mann oder ähnliches in der Birne, dennoch berücksichtigt das nicht, dass Geschlecht nicht nur aus einem Merkmal besteht, sondern ziemlich vielen und alle diese biologischen Merkmale – ojemine – auch noch voneinander „geschlechtlich“ abweichen können. Das passiert sogar ziemlich häufig. Wenn also Menschen von „biologisches Geschlecht“ sprechen und dies dann als Abgrenzung zu z.B. „Geschlechtsrollen“ ausserhalb des „Zweigeschlechtersystems“ (o.ä.) verwenden, zurren sie sozusagen das biologische Geschlecht in eine Zweigeschlechtlichkeit, die aber mehr mit einer zweigeschlechtlichen Vorstellung von Biologie zu tun hat, als dass sie die Biologie wirklich unideologisiert abbilden würde.

    Da dies ziemlich häufig passiert in Deutschland, dass Menschen bunt, offen, voll-mega-und-so für die Abschaffung der Zweigeschlechterordnung sind, aber zugleich das „biologische Geschlecht“ dennoch anführen, wollte ich eben wissen, ob Du zur Adam-und-Eva-Fraktion gehörst oder nicht und wie Du denn das biologische Geschlecht verstehst.

  23. Ich hatte nach dem Lesen des Textes dieselbe Frage, wie bigmouth. Die Antwort hat mich überzeugt, dass es aber möglich sein könnte. Ich will jetzt auch nicht zu pragmatisch werden, weil das oft einer Ausrede gleichkommt, aber Zeit ist im Schulunterricht ja leider auch ein Faktor…
    Nur, ob es nun besser oder schlechter gewesen wäre den Berliner Ansatz in der Form wegzulassen, bin ich mir noch nicht sicher. Wäre ich selbst auf den puren Text gestoßen, dann hätte ich das wohl für ziemlich fortschrittlich gehalten.

  24. @Kim

    Danke für die ausführliche Antwort.

    Zunächst: Wenn Kritik geäußert wird, würde ich darum bitten, dies in einem angemessenen Ton zu tun. „Adam-und-Eva-Fraktion“ und Forderungen nach Selbstpositionierung gehören nicht dazu.

    Du unterstellst mir Dinge, die ich so nicht gesagt habe. Dass vielleicht die ein oder andere Formulierung missverständlich sein kann, okay. Da du zu unseren regelmäßigen Leser_innen gehörst und wir ähnliche Diskussionen um unklare Begriffe schon ab und zu hier geführt haben (und auch schon kritische Texte zum „biologischen Geschlecht“ veröffentlicht haben), verwundert es mich, von dir in die „Adam-und-Eva-Fraktion“ geworfen zu werden.

    Ich habe nicht umsonst biologisch in Klammern gesetzt, weil mir bewusst ist, dass dahinter eine bestimmte Ideologie steckt, die du richtigerweise noch einmal erläuterst. Dass mit der Kritik an Zweigeschlechtlichkeit nicht automatisch eine Kritik an der „biologischen“ Konstruktion von Geschlecht erfolgen muss, ist mir bewusst. Ich sehe das ähnlich wie du. Gerade deshalb formulierte ich so und nicht anders. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Menschen aufgrund bestimmter Merkmale in eine Cis- oder Trans*Kategorie geworfen werden, um Geschlecht „biologisch“ zu reproduzieren und zu rechtfertigen und bestimmte Machtverhältnisse zu stützen.

    Ich bin selbst keine Freundin von sex-gender-Trennung, ist aber nun mal nicht für alle common-sense. Auch nicht zwangsläufig für alle, die mit den neueren Theorien der Gender Studies vertraut sind. Ich bin der Meinung, dass mensch die radikale Kritik am „biologischen Geschlecht“ (mit oder ohne Zwang zur Zweigeschlechtlichkeit) nicht allen rüberstülpen kann, weil das für einige sicher ein sensibles und schmerzhaft besetztes Thema ist. Das sollte jede_r für sich entscheiden dürfen, wie sie sich dazu positionieren möchten oder eben auch nicht. Darauf wollte ich letztlich mit meiner Formulierung hinaus. Wenn das so nicht rüberkam, nehme ich die Kritik absolut an, würde mich aber in Zukunft um Verbesserungsvorschläge freuen (wir wollen alle dazulernen), statt über Vorwürfe und Unterstellungen.

  25. Liebe Nadine,

    einen Menschen zu Fragen ob er „zur Adam-und-Eva-Fraktion gehört oder NICHT“ steckt einen Menschen nicht eine Schublade, sondern fragt nach. Du solltest es schon ernst nehmen, wenn ein Mensch eine Frage stellt, und ihm abnehmen, dass es wirklich eine Frage war. So viel zu Deiner Einleitung.

    Danke, dass Du dann noch geantwortet hast. Du sagst, dass eine „radikale Kritik am ‚biologischen Geschlecht'“ nicht jedem rüberstülpbar ist. Das sehe ich anders und würde sogar die Sache an sich „herumdrehen“: Ideologien sollten immer kritisiert werden, wenn Ideologien zu Menschenrechtsverletzungen an anderen Menschen führen. Wer z.B. sagt eine transsexuelle Frau sei „ein biologischer Mann, der sich wie eine Frau fühlt“ ist transphob (genauso wie es homophob wäre zu sagen, ein homosexueller Mensch wäre „biologisch hetereosexuell“). Es ist ziemlich krass, wo diese Reduzierung der Biologie überall stattfindet in Deutschland; eben auch im Zusammenhang mit vermeintlicher Buntheit der Protagonisten.

    Ich finde man kann eben nicht gleichzeitig die Zweigeschlechterordnung in Frage stellen und dann doch wieder von einem „Biologischen Geschlecht“ sprechen. Dann ist da nämlich irgendwo irgendwas nicht ganz ehrlich.

    Liebe Grüsse, Kim

  26. Danke für diesen Eintrag – ich habe schon lange darauf gewartet – ich kriege echt das Kotzen bei dieser Kampagne: labeln ist kontraproduktiv und das herausstellen des vermeintlich „Anderen“ ist auch übel…

  27. gibt es eigentlich noch nirgends ein ‚alternatives‘ aufklärungsbuch bzw -ebook mit queer-progressivem ansatz?
    wär doch mal ne coole sache und dank internet theoretisch gar nicht so furchtbar schwierig umzusetzen, wenn genug huManpower vorhanden wäre….

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