Seit mehreren Tagen ist in Deutschland ein #aufschrei zu hören, insbesondere in dem sozialen Netzwerk twitter und in den Mainstream-Medien: Deutschland diskutiert (mal wieder), ob es hierzulande ein Sexismus-Problem gäbe – wie auch gestern auf ARD bei Günter Jauch. Aber mal von vorn: Um was geht es bei der Aktion #aufschrei? Gibt’s da was zu kritisieren? Und was war bei Jauch gestern Abend so los? Ich versuche mich mal an einer Einschätzung:
#aufschrei
Von Donnerstag auf Freitag fingen Frauen* auf twitter an, ihre Erfahrungen mit Sexismus, Grenzüberschreitungen und sexualisierter Gewalt zu teilen – alles in 140 Zeichen, denn mehr Zeichen sind in einer Twitternachricht nicht erlaubt. Alle diese Nachrichten sind einsehbar unter dem Schlagwort #Aufschrei. Zehntausende Geschichten mit teils sehr gewaltvollem Inhalt sprechen eine unmissverständliche Sprache: Sexismus, sexualisierte Gewalt und Übergriffe waren und sind Alltag in Deutschland. Wer das leugnet, ist entweder nicht betroffen oder offen antifeministisch.
Als ich vergangenen Freitag früh den Laptop öffnete, gab es bereits hunderte dieser Mini-Erfahrungsberichte auf twitter. Ich musste erst einmal tief durchatmen, denn eine geballte Ladung dieser krassen Geschichten sind vielleicht neu und schockierend für einige (die – so verstehe ich eine Intention der Aktion – wachgerüttelt werden sollten), für andere (in diesem Fall Betroffene von sexistischer Gewalt) bitterer Alltag. Mich begleitete (wie Charlott auch) eher ein ungutes Gefühl, weil mir bei dieser Form des feministischen Aktivismus die empowerende Perspektive fehlte. Nur sehr selten wurden auf Initiativen oder Vereine hingewiesen, die Betroffene von (sexualisierter) Gewalt Schutz oder Hilfe anbieten, kaum eine_r erwähnt One Billion Rising, es wurde wenig Bezug auf ältere oder ähnliche Kampagnen genommen. Vielmehr flogen ungefiltert die Geschichten um die Ohren. Ich hielt mich also eher wenig im Netz auf, konnte aber nachvollziehen, dass das Teilen von Erfahrungen und das Erkennen von (gesellschaftlichen) Mustern (für einige wahrscheinlich auch erstmalig) für viele eine Form des Empowerment darstellten.
Ein anderer Grund, warum diese Aktion für mich schwierig war, hatte mit meinem Gefühl zu tun, dass das Kritisieren von z.B. homophoben oder antifeministischen Tweets, die leider auch Teil dieser Aktion waren, als unsolidarisch der Aktion gegenüber eingeschätzt wurde. Genervt hat mich auch das grenzenlose Abfeiern von Typen, die nun das Thema Sexismus für sich entdeckten und trotzdem keinen Widerspruch darin sahen, Frauen* weiterhin zu belehren. Oder großzügig mitteilten, wie sie die Frauen* in „ihrem“ Kampf unterstützen. Für solche Tweets können feministische Aktivist_innen nichts, aber kritisiert haben es auch nur wenige.
@fraeulein_tessa schrieb dann etwas, was meine diffusen Gefühle zu der Aktion perfekt zusammenfasste: „Letztlich ist die #aufschrei-Debatte eine Chance: Frauen und Männer näher zueinander zu bringen. Eine Antwort auf Homophobie, Transfeindlichkeit und Rassismus ist sie nicht.“ Bei solchen Aussagen wird deutlich, dass Männer der Referenzrahmen bleiben und die Kämpfe gegen z.B. Rassismus oder Homophobie als unabhängig von Sexismus verstanden werden. Das ist schade, weil somit die Erfahrungen von vielen Frauen* hintenangestellt werden und davon ausgegangen wird, das alle Lust haben, Männern von ihren Erfahrungen zu erzählen und näher zu ihnen gebracht zu werden.
#aufschreien & solidarisch bleiben
Ich fordere nicht, dass Aktivismus immer und gleichermaßen alle Unterdrückungsverhältnisse thematisiert – das halte ich für unmöglich. Die SlutWalks mit ihrem Label „antisexistisch, antirassistisch, anti-heteronormativistisch…“ haben bewiesen, dass es gar nicht so einfach ist, den eigenen allumfassenden Anspruch zu erfüllen. Was ich mir allerdings erhoffte von einer feministischen Aktion wie dieser, die die unterschiedlichen (!) Erfahrungen von Frauen* abbilden möchte, dass sie sich solidarisch mit Kämpfen z.B. gegen Heterosexismus zeigt. Das heisst konkret: Homophobe Tweets kritisieren und nicht so tun, als hätte das eine nichts mit dem anderen zu tun. Und versuchen, Sexismus nicht unabhängig von anderen Diskriminierungen zu sehen. Eine Aktion mag sich primär auf Sexismus konzentrieren, das ist voll okay. Aber dann sollte wenigstens klar sein, dass in dieser Bewegung andere Formen der Diskriminierung nichts zu suchen haben. Ich kann in meinem Leben Sexismus und Homophobie nicht voneinander trennen. Wer das nicht erkennt oder zweiteres für-die-Sache™ einfach so ignoriert, kann nicht mein_e Bündnispartner_in sein. Kritik sollte nicht gleich am Anfang reflexartig niedergeschlagen werden. Kritik ist wichtig für feministische Aktionen und ein „alle-können-mitmachen“ heisst nicht, dass die, die von verschiedenen Diskriminierungen betroffen sind, sich dagegen wehren, sondern dies alle gemeinsam auf ihre Agenda setzen.
@vonhorst, die unter den ersten war, die mit dem Hashtag #aufschrei über alltäglichen Sexismus twitterte, hat mit einem gestern aufgesetzten Blog allerdings gezeigt, dass unterschiedliche Unterdrückungsverhältnisse zusammengehören: Auf alltagssexismus.de könnt ihr eure Geschichten teilen, denn dort werden „Erlebnisse zu Sexismus, Homo-, Queer- und Transfeindlichkeit und zu Rassismus und Ableismus, den Frauen erleben, gesammelt“. Dort sind auch erste Ressourcen aufgelistet, wie z.B. Hollaback Berlin oder Wildwasser – gegen sexuelle Gewalt. Wie es weitergeht mit #aufschrei werden wir in der nächsten Zeit sehen.
Beachtlich bisher ist, dass #aufschrei es geschafft hat, über die Debatte zu Brüderele hinaus Sexismus in Deutschland auf die journalistische Agenda zu bringen. Gestern Abend fand dazu auch eine Diskussionsrunde bei Günter Jauch statt. Thema:
„Ein Herrenwitz mit Folgen – hat Deutschland ein Sexismus-Problem?“
Dazu fehlen mir – jetzt kurz nach der Sendung – echt die Worte. Es fängt schon bei dem absurden Titel an: ‚Herrenwitz‘ ist im Kontext sexistischer Grenzüberschreitungen mehr als eine Verharmlosung und die Frage, ob Deutschland ein Sexismus-Problem hat, ist angesichts der ekelhaften 60 Minuten, die gestern in der ARD liefen, eine bodenlose Frechheit (mit unseren GEZ-Gebühren übrigens, klingelingeling).
Günter Jauch lud in seine illustre Runde ein: Alice Schwarzer (Berufsfeministin und Journalistin), Thomas Osterkorn (Stern-Chefredakteur), Silvana Koch-Mehrin (FDP), Wibke Bruhns (erste westdeutsche TV Nachrichtensprecherin), Hellmuth Karasek (Journalist) und Anne Wizorek (die den Hashtag #aufschrei erfand).
Hätte ich mir ein Bullshit-Bingo gebastelt, wäre es dreimal vollgewesen: Worte wie ‚Moralpolizei‘ oder ‚Political Correctness‘ wechselten sich ab mit Sätzen wie „Männer und Frauen sind unterschiedliche Spezies“ (Bruhns) oder „Frauen können sich ja aussuchen, ob das jetzt Belästigung oder Flirt ist“ (Karasek).
Noch nicht genug der Übelkeit? Es geht weiter: Opferbeschuldigendes Verhalten (die Journalistin hatte sich ja an Brüderle „rangewanzt“ laut Karasek), Verharmlosungen von Grenzüberschreitungen von Politikern („Gehört nun mal dazu!“ laut Bruhns), Rassismen (Menschen „mit Migrationshintergrund“ und ihr Ehrgefühl seien ja die wahren Sexisten in Deutschland, laut Osterkorn), Sexismus (das Dirndl wurde ja erfunden, um „Frauen auf den Busen zu starren“ laut Karasek), umgedrehter Sexismus („…and what about the menz?!“, eine von Jauchs Lieblingsfragen) und Heterosexismus (alles was Frauen tun, bezieht sich selbstverständlich immer auf Männer, das hat leider keine/r der Diskussionsteilnehmer/innen hinterfragt). Angeführt wurde diese peinliche Parade von Jauch, der kaum hätte uninformierter sein können und als Moderator klar auf der Herrenwitz-Seite stand.
Koch-Mehrin (für mich die Stärkste in der Runde, und ja, ich kann nicht fassen, dass ich das mal über eine FDP-Politikerin sagen muss…), Schwarzer (von der übrigens diesmal keine rassistischen Äußerungen kamen, Überraschungen sind doch was schönes), Wizorek (die öfter mal Bruhns und Karasek unterbrach und sagte, dass das, was sie sagen, einfach nicht stimme, sehr cool!) und (leider nur streckenweise) Osterkorn konterten teilweise sehr souverän gegen die absurden Aussagen von Jauch, Karasek und Bruhns.
Koch Mehrin verdeutlichte zum Beispiel, dass ihre persönliche Empfindlichkeit unerheblich sei bei der Einschätzung von sexistischen Grenzüberschreitungen, die andere Frauen* erleben. Auch das von Bruhns vorgebrachte Argument, dass Frauen* sich doch einfach wehren sollen, fegte sie weg mit dem Hinweis, dass es in einer gleichberechtigten Gesellschaft nicht darum gehen dürfe, wie schlagkräftig eine ist. Warum sollen sich Frauen* eigentlich wehren müssen? Warum müssen sich junge Mädchen* ein Rüstzeug zurechtlegen?
Auch Schwarzer stellte fest, dass die „alte Kacke immer noch dampft“ (sehr schön!) und Wizorek verwies auf die Tatsache, dass viele Männer* keine Ahnung hätten, welches Ausmaß Sexismus in der Gesellschaft annähme – 60.000 Tweets zeigen, dass mensch es nicht ignorieren könne.
Die Diskussionsrunde war ein trauriger Beweis dafür, dass (fast) kein Wissen zu Sexismus, (Verharmlosung von) sexualisierter Gewalt und Grenzüberschreitungen existiert. Zu oft lachte das Publikum bei sexistischen Sprüchen, zu dämliche Fragen wurden gestellt. Was Deutschland dringend braucht, ist eine Sexismusdebatte, die verschiedene Machtverhältnisse thematisiert, unterschiedlich sozial gelagerte Betroffene zu Wort kommen lässt und insbesondere jene, die gesellschaftlich die Diskurshoheit besitzen, einfach mal dazu bringt, zuzuhören, um das eigene Verhalten kritisch zu beäugen.
Nach dieser Runde bin ich ziemlich aufgebracht und wütend. Ich hoffe, dass ich die Wut für zukünftige Aktionen einsetzen kann. Am 14. Februar findet weltweit One Billion Rising statt, ein Aktionstag gegen Gewalt gegen Frauen*. Hoffentlich verpufft eine (kritische) Debatte zu Sexismus bis dahin nicht im Twitteruniversum. Kritisch diskutiert wurde die Sendung auf Twitter allemal. Hier ein paar Impressionen:












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