„Was vom Manne übrig blieb. Krise und Zukunft des starken Geschlechts“ lautet der Titel eines ziemlich düsteren Buches, das Walter Hollstein, langjähriger Männerforscher, bereits Anfang des Jahres auf den Markt brachte.
In Männerfragen ist er eine Koryphäe, vor allem, wenn es zur Abwechslung mal wissenschaftlich unterlegt und differenziert sein soll. Der Autor legt in seinem jüngsten Werk definitiv seinen Finger auf eine Wunde, ja: Das Buch kann gar als Weckruf an eine scheinbar schlafende Gesellschaft und Politik gesehen werden.
Die Hauptbotschaft lautet: Vergesst die Männer nicht, seht euch ihre Probleme und Nöte an oder die Krise der Männer wird sich bald als gesamtgesellschaftliches Problem ausweiten. Hollstein grast akribisch alle gesellschaftlichen Bereiche nach Problemen von Jungen und Männern ab und wird im Grunde überall fündig: Schon früh in der Erziehung werden Jungen signifikant häufiger mit Härte statt Liebe, erzogen; an sie wird bereits in frühen Jahren ein Männlichkeitsideal angelegt, dem sie zu entsprechen haben, sonst gelten sie als Versager. „Im Gegensatz zu einer stark veränderten Sozialisation von Mädchen ist die Sozialisation von Jungen traditionell geblieben,“ erklärt Hollstein. Außerdem seien die Erziehungseinrichtungen von Frauen nur so überfüllt, was für Jungen nicht gerade förderlich sei, wie Studien und WissenschaftlerInnen zeigten „so vaterlos die Junge Generation heute erzogen wird, so weiblichkeitsüberfrachtet ist sie“.
Hollstein schafft es, daraus keinen Vorwurf an die Frauen oder Mütter zu machen: Der Gesellschaftliche Plan für „Männlichkeit“ und seine Modernisierung hinkten eben der modernen „Weiblichkeit“ hinterher: Diese hat längst erkannt, dass es neben Familie und Haushalt weitere sinnstiftende Tätigkeiten gibt, von denen frau nicht ausgeschlossen werden möchte. Dass die Familie und der Haushalt neben der Arbeitswelt auch ein befriedigendes und sinnstiftendes Tätigkeitsfeld für Männer sein könnte, das wird nur langsam erkannt.
Daneben listet er weitere wichtige Probleme auf:
- Männer haben wachsende Schwierigkeiten in Beziehungen und Familie
- Männer vermissen Freundschaften und soziale Netze
- Männer vermissen gerechte Regelungen beim Sorgerecht
- Männer klagen über emotionale Probleme
Natürlich kann Hollstein nicht umhin, die sogenannte deutsche Gleichstellungspolitik zu kritisieren. Er nimmt sie als reine Frauenpolitik wahr. Im Gegensatz zu anderen allerdings dreht Hollstein aus dieser Beobachtung den Frauen keinen Strick. Im Gegenteil: Fast könnten seine Ausführungen als Weckruf an einen modernen Feminismus wahrgenommen werden, so schreibt er:
„… weil Frauenpolitik nicht ohne Männerpolitik vorankommen kann. Wenn Männer kein Terrain räumen und keine Machtaufgaben mit Frauen teilen, wenn Männer sich nicht auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zum Thema machen, dann können sich Frauen nicht wirklich befreien.“
Und:
„dass es zwischen Männern und Frauen nicht nur einen starken Zusammenhang per se gibt, sondern auch eine dialektische Entwicklung, der zufolge die Veränderung des einen Geschlechts auch die Veränderung des anderen verlangt, blieb der Politik im deutschsprachigen Raum seltsamerweise verborgen.“
Ganz anders sei dies in Skandinavien. Dort habe man sich bei der Umsetzung der neuen Frauenpolitik extra auch um die Belange der Männer gekümmert, um einen Geschlechterkampf zu vermeiden. Mit Erfolg. Dass dies in Deutschland ausgeblieben sei mache sich in hohen Scheidungsraten (die Geschlechter tragen den Kampf auch in ihre privaten Beziehungen), hohe Jungen- und Männerkriminalität oder eine nur geringfügigere Beteiligung von Männern an Haus- und Erziehungsarbeit bemerkbar.
Doch das alles ist nur der Anfang. Auf sage und schreibe 255 Seiten schildert der Autor die Krise der Jungen und Männer. Eindrücklich, mitunter anklagend. Ein bisschen erschreckend sind seine Schilderungen – wahrscheinlich, weil sie so geballt in ein Buch gepackt wurden. Manches Mal überkam mich das Gefühl, dass der werte Herr vielleicht ein bisschen paranoid sei, ein bisschen ängstlich und zu wenig mutig. Doch alle seine Berichte und Analysen haben Hand und Fuß. Auf Seite 256 kommt dann endlich die Erlösung, wenn er versucht, einen gemeinsamen Weg für Frauen und Männer der Zukunft zu skizzieren. In Kürze zusammengefasst:
- Gleichstellungspolitik muss sich ihren Namen verdienen, indem sie die Männer nicht vernachlässigt, sondern jetzt auch einmal verstärkt in den Blickwinkel rückt
- Die misogynen Hasstiraden und Pamphlete von manndat.de (die Hollstein eindruckend zitiert) und einiger neuer Männerparteien sind ein Weg in – wie Hollstein sagt – einen „männlichen Narzissmus, der jenseits der Männergruppe alles beim Alten lässt“
- „Die Idealisierung des eigenen Geschlechts und die Diabolisierung des je fremden […] verhindert den wahren Blick auf das Andere. Das gilt für Männer wie für Frauen.[…]“
- Alle Erziehungseinrichtungen sind gefragt, Jungen und Mädchen miteinander zu solidarisieren, anstatt sie zu Gegenpolen zu erklären; sie müssen Jungen lehren, auch für Binnenbereiche Verantwortung zu übernehmen und gleichzeitig beide Geschlechter stärken
- Neue Partnerschaften müssen her: Diskurs statt Regeln; Geschlechterdemokratie statt Ungleichheit; weg von den alten Mustern; Neues wagen; „Beziehung ist heute Dauerdiskussion“
- Väter: übernehmt Verantwortung in Haus und Familie sonst werden die Frauen nachweisbar derart unzufrieden, dass sie mehr als drei Viertel der Scheidungen einreichen; Schwedische Untersuchungen zeigen, dass die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern in allen Bereichen ein Garant für signifikant größere Ehezufriedenheit ist.
- Ausgestaltung und Flexibilisierung außerfamiliärer Erziehungs- und Betreuungseinrichtungen
- All das macht uns nicht nur glücklicher und unseren Beziehungen sondern wird sich auch ökonomisch auszahlen: Vaterschaftsurlaub macht nämlich loyaler gegenüber dem Unternehmen und fördert eine größere Arbeitsmotivation, er vermittelt größere soziale und kommunikative Kompetenz, reduziert die Fehlzeiten (!), Krankheitstage und Frühpensionierungen genauso wie Burn-Out-Syndrom; weniger Mobbing, besseres Arbeitsklima usw… (alles Ergebnisse einer österreichischen Studie im Auftrag der Arbeitskammer von 2003)
Männer und Frauen bräuchten, so schließt der Autor sein Buch ab, neue Bilder, die sie jenseits der getrennten Sphären und der kämpferischen Leidenschaft tragen. Hollstein möchte mit seinem Buch vor allem eines sagen: Dafür bräuchte es „einen Empathieschub für Jungen und Männer, der es überhaupt ermöglicht, sie endlich so wahrzunehmen, wie sie wirklich sind.“
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