Gestern haben sich viele mal herzlich auf die Schenkel geklopft, ein ganz großer Witz wurde erzählt. So wusste die Tagesschau zu berichten: „Eine Frauenzeitschrift im Gerichtssaal, da können alle nur noch lachen.“
Für die Tagesschau (und viele andere) ist das auch selbsterklärend: Eine Frauenzeitschrift ™, hier die Brigitte, kann per Defintion gar nicht über Politik, hier der NSU-Prozess, berichten. Geschenkt, dass die Brigitte durchaus einen Politikteil hat. Der Witz ist doch klar?
Es ist sehr aussagekräftig, wenn Journalist_innen es unglaublich lustig finden, dass die Brigitte einen Platz in der Auslosung der Journalistenplätze beim Prozess ergattert hat, aber sie gleichzeitig anscheinend RTL2 und die BILD als sinnvolle Berichterstatter_innen erachten. Zumindest sind diese Medien keine Lacher wert. Das allein macht deutlich, worum es hier nicht geht: Qualität der berichtenden Medien. Und an der Brigitte gäbe es natürlich eine ganze Reihe von Dingen zu kritisieren. Dies geschieht aber nicht im Lachanfall der versammelten Journalist_innen-Crew. Gelacht wird über eine angenomme Absurdität, der Gedanke, dass ein Magazin, welches sich klar an Frauen richtet, auch über Politisches schreiben soll.
Aber dann auch die Frage: Welchen deutschsprachigen Medien kann mensch eine wirklich gute Berichterstattung zutrauen? Jenen, die monatelang den menschenverachtenden Begriff „Döner-Morde“ re_produzierten? Jenen Medien, die nun weiterhin die Debatte um die Journalist_innen-Plätze an erster Stelle sehen und dabei kaum mehr präsent halten, um was es eigentlich geht: den Prozess? Stattdessen Wundenlecken der deutschsprachigen Malestreammedien und etwas Nabelschau? Vielleicht der taz, die ja keinen Platz zugelost bekam? Aber gerade die ist ja nun in den letzten Woche (Monaten, Jahren) auch nicht immer als antirassistisch aufgefallen. Aber der NSU-Prozess wäre vielleicht einfacher, weil die linken Feindbilder klarer und einfacher sind, nämlich „Nazis“ und Verfassungsschutz?
Spiegel Online schrieb jedenfalls apokalyptisch: „Mit dieser Regelung hat das Gericht glücklicherweise viele türkische Leser hinzu gewonnen, aber Millionen deutsche Leser ausgesperrt. Das wäre nicht nötig gewesen.“. Ich bin fest davon überzeugt, dass es eine ganze Reihe deutscher Staatsbürger_innen gibt, die hervorragend türkisch können und sich über türkischsprachige Berichterstattung freuen. Das sagt aber auch schon viel über das Bild, welches der Spiegel Online von „Deutschen“ hat. Super Voraussetzung für diesen Prozess, oder? Und dann: suggeriert die Berichterstattung ständig, alle Medien hätten gleichermaßen um die Plätze konkuriert, dabei gab es unterschiedlichste Lostöpfe. Eine Brigitte hat somit schon einmal nicht den Platz der taz „weggenommen“. (Die Ruhrbarone wiesen auch darauf hin, dass die taz schlimmere Homestories über Beate Zschäpe als die Brigitte zu ihrer Anwältin schreibt.) Außerdem ist es auch durchaus möglich, dass Leser_innen unterschiedliche Medien konsumieren und sich nun beispielsweise bei der NZZ informieren. Aber das ist nur so ein Gedanke.
Vielleicht kommt überhaupt alles ganz anders, denn die Plätze dürfen auch weitergegeben werden. Eigentlich wird schon gemunkelt, dass statt einer Brigitte-Journalistin jemand vom Stern den Platz einimmt. Das Geschachere [Danke für den Hinweis.] Aushandeln, das Hin-und Herschieben von Plätzen hat also erst jetzt wirklich begonnen. Und das macht dieses ganze Verfahren noch unwürdiger, als es eh schon ist. Denn es ist ja nun auch von Anfang an nicht überraschend gewesen, dass eben dieser Prozess von großem – auch internationalem – Medieninteresse begleitet werden wird. Denken wir stattdessen an den Stammheim-Prozess gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Nicht nur, dass dort die Namen aller Angeklagten bekannt waren, für deren Prozess wurde eine eigene Halle errichtet. Dies geschah zum einen aus „Sicherheitsgründen“, zum anderen wurde so aber auch sehr viel Platz für berichtende Medienvertreter_innen geschaffen. Ein Vergleich der beiden Verfahren macht auch noch einmal deutlich, welchen Stellenwert scheinbar das Verfahren zur NSU hat. Das Gefühl, dass er klein gehalten werden soll, kann kaum verdrängt werden und passt einfach in das Bild, welches die bisherigen Arbeiten zu dem Fall erzeugt haben.
In dieser Debatte kommt also vieles zusammen. Wichtig aber wäre doch nicht zu vergessen, weswegen dieser Prozess geführt wird, in welchen Strukturen die Taten stattfanden, die Ermittlungsarbeit (nicht) durchgeführt wurde und eben auch um Sitzplätze gestritten wird. Und dann sind dort auch immer noch die Angehörigen der Mordopfer, die auf den Beginn des Prozesses harren.

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