Frauen, die in den letzten 50 Jahren Musikgeschichte geschrieben haben – diesem Topic nimmt sich ARTE an zehn Themenabenden im Juli und August an. Da geht einiges daneben, und die Hälfte wird auch noch vergessen. Deswegen, an dieser Stelle: Ein bisschen Entwicklungshilfe von uns.
Es hörte sich alles so hübsch an: Den weiblichen Koryphäen der Musikhistorie eine eigene Sommerreihe widmen, Judith Holofernes moderieren lassen und einen epochalen Rückblick auf fünf Jahrzehnte Frauen-Musik werfen – immer wieder dienstags. Eine ganz gute Idee hatte ARTE mit seinem „Summer of Girls“ – aber nicht überall, wo „Girls“ draufsteht, muss zwangsläufig auch was anderes außer Grütze drin sein. Gut, es gibt selbstverständlich Glanzmomente. Eine solide Kate Bush-Dokumentation zum Beispiel, oder den Janis Joplin-Themenabend inklusive des Highclass-Biopics „The Rose“ mit Bette Midler. Da kann man nicht meckern. Und trotzdem, manches scheint bei den ARTE-Menschen dann doch einigermaßen schief gewickelt zu sein. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man eine grobe Gesamtauswertung des Programms vornimmt.
Der schlimmste und unverzeihlichste Fehler ist auf jeden Fall, dass im Rahmen der gesamten Themenreihe Punk außen vor bleibt. Das ist natürlich Schlawickel-Fail der übelsten Sorte und wurde auch schon an anderer Stelle völlig zu Recht bemängelt: 1976 bis 1981 komplett weggeblendet, und auch die Riot-Grrrl-Bewegung der 90er Jahre fehlt durchgängig. The Slits, Bikini Kill, Babes in Toyland, Le Tigre, und so weiter, und so fort: Fehlanzeige. Autsch. Das ist nicht gut. Eine Reihe, die sich der Musik von Frauen widmen will, bleibt zwangsläufig auf einem Auge blind, wenn sie die feministischen Wegbereiterinnen der Musikszene so hart ignoriert.
Ebenso nur halbwegs gelungen ist, eine Wahl der „Queen of Pop“ zu starten und in die Liste der zehn Anwärterinnen auf den Titel Beyoncé, Mariah Carey und Britney Spears zu packen. Naja, okay, die Auswahl hat das ARTE-Publikum zusammen getackert, da kann man wahrscheinlich nicht viel sagen, aber ein schaler Beigeschmack bleibt. Vor allem, da wichtige Glanzfiguren und kommerziell hocherfolgreiche Künstlerinnen in der Sommerreihe überhaupt nicht berücksichtigt werden: Tori Amos, Melissa Etheridge, Cyndi Lauper, Sarah McLachlan, Alanis Morrisette, Tracy Chapman. Um nur einige zu nennen. Und Björk. Die Nichtbeachtung der Island-Queen ist fast schon eine Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes. Mindestens.
Und auch, dass wichtige Band-Fronterinnen keinen Raum bekommen, schmeckt nicht. Keine Nina Persson von den Cardigans, keine Skin von Skunk Anansie, keine Shirley Manson von Garbage. Und natürlich alle, die ich sonst noch vergessen habe. Und das Messer wird noch tiefer in die Wunde gedrückt, indem stattdessen an anderer Stelle vergleichsweise musikalische Band-Nullnumern wie die „No Angels“ oder „Atomic Kitten“ abgehandelt werden und zudem auf der ARTE-Webseite passagenweise völlig hinterwäldlerisch darauf rumgeritten wird, dass es ja sehr bemerkenswert sei, dass es auch weibliche Musik-Genies gibt. Hillbilly-Denken der bösesten Sorte.
Gleichermaßen beklagenswert: Einige der für die Themenabende produzierten Dokumentationen, die allein schon durch Flach-Titel wie „Kurz, knapp und sexy – der Minirock“ oder „Cheerleaders – Ein amerikanischer Mythos“ nichts Gutes verheißen. Da kommt schon leichter Grusel auf – verstärkt auch beispielsweise durch die große Frage, warum eine Künstlerin wie Madonna einen Abend lang in die Kategorie „It-Girl“ gepresst wird.
Nein, da muss man sagen, das hätte man sich in weiten Teilen dann doch anders gewünscht. Bleibt zu hoffen, dass das Ganze einen guten Ausgang findet – etwa, indem Kate Bush den Titel der „Queen of Pop“ abgreift. Aber das ist natürlich nur vage Hoffnung, denn Lady Gaga steht natürlich auch noch zur Debatte. Insofern rate ich dazu: Das Programm genau checken, selektiv die besten Programmperlen auswählen und im Falle des Falles dann doch nochmal lieber in die eigene Plattensammlung stieren – denn da scheint mit Sicherheit mehr Vollständigkeit garantiert, als die schöne TV-Glitzerwelt der ARTE-Macher_innen sich jemals zusammen basteln kann. Und an dieser Stelle zum Abschluss deswegen auch nochmal: Musik.

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