Wie mein Kind ein Junge wurde – Teil 2

von Melanie
Dieser Text ist Teil 44 von 45 der Serie Muttiblog

Minime ist inzwischen dreieinhalb. Vor gut einem Jahr beschrieb ich meine Beobachtungen, wie aus ihm ein Junge gemacht wird: Durch Interpretation seines Verhaltens, Auswahl seiner Geschenke und Anziehsachen und so weiter. Inzwischen ist Minime ein kleiner Mensch, der durchaus selber kommunizieren kann und ich sehe plötzlich, dass es nicht nur „Erwartungen“ sind, die an ihn heran getragen werden, ich sehe oft deutlich, wie seine Bedürfnisse und Wünsche ignoriert werden, wenn sie nicht den geschlechtsspezifischen Anforderungen entsprechen. Oft tut es mir richtig weh, wenn ich sehe, wie er versucht, einen Wunsch oder ein Bedürfnis zu formulieren und dieses ignoriert, übergangen oder lächerlich gemacht wird. Ein paar konkrete Beispiele:

Im Schuhladen. Winterschuhe stehen auf dem Einkaufszettel. Wir sind in einem kleinen Laden für Kinderschuhe. Minime hat wenig Interesse, die Schuhe anzuprobieren, ihm gefallen scheinbar die tristen (Jungs!)Farben nicht. Neben ihm sitzt ein ca. 8 Jahre altes Mädchen und probiert Turnschläppchen an, wie wir (Mädchen) sie früher im Turnunterricht trugen. Mit Glitzer! Minime war fasziniert. „Ich will auch Glitzerschuhe!“ Ich merke sofort: Ich komm aus diesem Laden nicht raus und kriege ihn auch nicht dazu, was anderes anzuprobieren, bevor er solche Schuhe hat. Ich wende mich also an die Verkäuferin. Ihr Gesichtsausdruck überrascht mich: Sie wirkt peinlich berührt und versucht Minime zu überreden: „Aber probier doch hier mal die Schuhe, die sind besonders cool!“ Wie vermutet interessiert sich Minime grade nur noch für diese Glitzerschuhe. Ich sage „Ist schon ok, haben sie welche in seiner Größe?“ Jetzt kann ich den Gesichtsausdruck der Verkäuferin nicht mehr deuten. Glaubt sie, ich mein das nicht ernst? Ist sie verwirrt, schockiert? Sie versucht noch ein schwaches, an Minime gerichtetes „Komm, ich zeig Dir noch kurz…“ aber Minime steht schon wie versteinert vor dem Mädchen, dass die Glitzerschuhe anhat. Mit wunderschönen Glitzerschuhen verlassen wir doch noch den Laden.

Beim Kinderschminken. Minime möchte ein Schmetterling werden. Das sagt er, laut und deutlich. Der junge Mann, bei dem er sich zum Schminken anstellt, schaut – ja wie. Verdutzt? „Hier guck mal, möchtest Du ein Pirat sein?“ (Er deutet auf seine Vorlage). „Nein, ein Schmetterling!“ „Oder hier, hier habe ich einen Bären!“ Jetzt ist Minime überfordert. Er schaut wirklich so, als wenn er sich fragte, warum sein Gegenüber ihn nicht versteht. Ich werfe also ein: „Er möchte ein Schmetterling sein“ – Vielleicht braucht der junge Mann diese Legitimation meinerseits, aber endlich fängt er an, aus Minime einen Schmetterling zu machen.

Weihnachtszeit ist Geschenkezeit. Nikolaus waren wir bei Freunden zu einer Nikolausfeier. Die Eltern brachten kleine Geschenke mit, die in einen großen Beutel gesteckt wurden, die der „Nikolaus“ später verteilen sollte. Für Minime hatte ich ein Buch. Die Mädchen in der Runde bekamen fast ausnahmslos Feen und Pferde aus der Playmobil-Serie. Minime war hin-und-weg. Sein Buch fand er zwar auch toll, aber erst mal wollte er mit Feen und Pferden spielen. Es war gar nicht leicht, jemanden zu finden, der bereit ist, ihm Weihnachten eine kleine Fee mit Pferd zu schenken (wir hatten unsere Geschenke schon zusammen, sonst hätte ich es einfach selber gemacht).

Im Kindergarten. Ich hole Minime ab. Die Erzieherin und die Kita-Leiterin stehen neben uns und unterhalten sich über die kaputte Telefonanlage und wie sie weiter verfahren werden. Die Erzieherin sagt, sie würde noch einmal probieren, den Stecker rauszuziehen und wieder rein zu tun, ansonsten würde sie den Techniker anrufen. Die Kita-Leiterin dreht sich lachend um und ruft: „Ja ja, Frauen und Technik!“ Minime starrt ihr hinterher.

Die Liste ließe sich endlos weiter führen. Minime hat inzwischen ein Gespür dafür entwickelt, was „Mädchen“ und „Jungen“ dürfen. Er scheint zu verstehen, dass bestimmte Sachen und Verhaltensweisen für Mädchen ODER Jungen sind. Dann sagt er zum Beispiel: „Mama, ich bin jetzt ein Mädchen“, wenn er Haarspangen möchte. Und ich weiß nicht, ob ich ihm sagen soll, dass er einfach ein Junge ist, der Haarspangen trägt, oder ihm die Option „ich bin ein Mädchen“ einfach lasse. Am liebsten wäre mir, dass das überhaupt kein Thema sein müsste.

 




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 6. Januar 2015 um 9:00 Uhr unter Ideen - Theorien, Körper. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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11 Kommentare

  1. Nicola sagt:

    Ich weiss was du meinst. Ständig höre ich von meinen Kindern und anderen Kindern, das sind Mädchenfarben… das sind Bubenfarben. Wie eine Gebetsmühle wiederhole ich: das sind einfach Farben, die haben nichts damit zu tun ob man im stehen pinkelt oder im sitzen. Aber es ist wie gegen Windmühlen zu kämpfen. Das Umfeld ist stärker als ich… :)

    Als meine Tochter bei Bekannten von deren Sohn einen Traktor zum Spielen angeboten bekam, warf sich die Mutter fast peinlich berührt lachend dazwischen: „Na ja, sie ist doch ein Mädchen…“ Sie hat nicht einmal die Reaktion meiner Tochter abgewartet, die sehr gerne Fahrzeuge fährt.

  2. squirrelista sagt:

    Mir ist das von meinem Patenkind bekannt. Die Eltern geben sich superviel Mühe, ihn genderneutral zu erziehen. Er liebt seine langen Haare, Haarspängchen, bunte Kleider, Glitzerfarben, gleichzeitig aber auch alles, was mit Technik und Autos zu tun hat – sozusagen das beste der verschiedenen Welten. So mit 3 wurde klar, dass der Kindergarten und die dortigen peers als Sozialisationsinstanz viel Einfluss ausüben, dass er von anderen Jungs blöd angemacht wird und die heterosexuelle Matrix mit aller Macht zuschlägt. Was damals geholfen hat, war die Erzieherinnen im Kindergarten zu überzeugen, an einem Gendertraining teilzunehmen – wäre das was?

  3. C. sagt:

    Ich finde es schön, dass du einfach versuchst, die Vorlieben deines Sohns zu unterstützen.

    „Und ich weiß nicht, ob ich ihm sagen soll, dass er einfach ein Junge ist, der Haarspangen trägt, oder ihm die Option “ich bin ein Mädchen” einfach lasse. Am liebsten wäre mir, dass das überhaupt kein Thema sein müsste.“

    Im Alter von dreieinhalb halten sich Kinder oft für alles mögliche und wollen auch alles mögliche werden, zum Beispiel diverse Tiere oder auch mal ein Auto, trotzdem finde ich es nicht falsch, wenn du deinem Sohn sagst, dass er ein Junge ist, aber männlich zu sein nicht heißt, dass er rosa doof finden muss, keine Haarspangen verwenden sollte etc etc. Männlichkeit =/= Maskulinität.

    Ich hab kürzlich eine Broschüre über die Bekämpfung von Stereotypen in Klassen für Lehrer gefunden, die sich aber vielleicht auch ganz gut für die Verwandtschaft eignet (leider englisch):

    http://www.teachers.org.uk/files/stereotypes-stop.pdf

  4. Ricarda sagt:

    Hallo,

    schöner Beitrag und es gruselt mich auch schon davor wie das wird wenn ich ein älteres Kind habe. Am liebsten würde ich die Leute garnicht wissen lassen welche offizielle Geschlechtszuschreibung mein Kind hat, aber das ist wohl nciht praktikabel :-/

    „Und ich weiß nicht, ob ich ihm sagen soll, dass er einfach ein Junge ist, der Haarspangen trägt, oder ihm die Option “ich bin ein Mädchen” einfach lasse. Am liebsten wäre mir, dass das überhaupt kein Thema sein müsste.“

    Der Satz hat mich etwas stutzig gemacht. Ich weiß nicht wie stark dein Kind ansonsten von sich aus kommuniziert(und in wie fern das selbstgeneriert ist oder nur von außen aufgeschnapptes), dass es sich als Junge identifiziert aber ich würde in dem alter noch nicht sicher davon ausgehen, dass dein Kind cis ist. Ich würde wohl sagen, dass er ein Junge sein kann und trotzdem haarspangen tragen aber wenn es ihr besser gefällt kann sie auch ein Mädchen sein und das ist auch völlig ok oder auch irgendwas dazwischen/anderes :). Wahrscheinlich ist das nur ausprobieren, dass dein Kind dank deiner tollen Erziehung sinnvoll ausleben kann, aber falls dein Kind sich als trans herausstellen sollten machst du ihm mit solchen kleinigkeiten das Leben und die (spätere) selbstfindung viiiiel einfacher. :)

    Liebe Grüße

  5. Lena sagt:

    Wer’s noch nicht kennt, Marianne Grabrucker hat vor 30 Jahren ein sehr gut zu lesendes Buch darüber geschrieben: http://www.amazon.de/Typisch-M%C3%A4dchen-Pr%C3%A4gung-Lebensjahren-Tagebuch/dp/359623770X

  6. Melanie sagt:

    @ricarda: mir ging es auch nicht darum, zu sagen, er IST ein junge, der mädchensachen mag. ich will trans gar nicht ausschließen, deshalb finde ich diese frage(n) ja so schwierig. meine – momentane – interpretation ist einfach: er „weiß“, dass er als junge gesehen wird und wenn er deshalb etwas mag, was für mädchen ist, dann wechselt er eher die kategorie (also junge -> mädchen), als zu sagen: dann darf ich das nicht, falls das so verständlicher ist?

  7. Nin sagt:

    Hallo,

    ich habe mich in der Geschichte deines Sohnes wiederentdeckt. Mir ging es vor 25 Jahren genauso, nur dass ich ein Mädchen war, das sich unheimlich gerne mit „Jungssachen“ beschäftigte und gab mir alle Mühe, wie ein Junge zu wirken. Ich hatte außerdem einen recht ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und habe mich schon im Kindergartenalter grün und blau geärgert, dass Jungs andere Fahrräder haben dürfen, keine Röcke anziehen müssen, nur Männer Priester sein dürfen…
    Mein Umfeld hatte damit seine Schwierigkeiten, meine Mutter hat mich aber recht ernst genommen. Das hat sehr gut getan, weil ich sein durfte, wer ich wollte.
    Ich denke, das ist das allerwichtigste. Dass man ernst genommen wird und die Fragen, die man an diese Welt hat, diskutiert werrden. Auch wenn man erst 4 ist. Oder gerade dann, weil man doch alles noch wesentlich objektiver betrachten kann.
    Da ist es doch auch vollkommen egal, was mal aus einem wird. Ich fühle mich heute wohl in meinem Körper, erfülle aber nicht in allem meine Geschlechterrolle. Außerdem fühle ich mich eher zu Frauen hingezogen.
    Ich kann mir vorstellen, dass dein Sohn mal ein selbstbewusster Mensch wird, der dieses Thema und noch viele andere Dinge in der Welt in Frage stellen kann:)

  8. Stefan sagt:

    .. und wir reden mal nicht über diverseste Werbungen im Fernsehen.
    Ich kann mich noch erinnern, dass ich (da muss ich so um die 10 gewesen sein) einen neuen Trainingsanzug gebraucht habe. Und da hing her im Geschäft, ballonseide, pink! Genau den wollte ich. Ich bin heute (inzwischen 38) noch irgendwie froh, dass er mir tatsächlich auch gekauft wurde (schließlich kann ich mich daran erinnern), die Reaktionen auf den Anzug waren allerdings recht gemischt ;-)
    Lustig ist bei uns zu Hause im Moment vor allem, dass unser Sohn (2) am liebsten mit einem lila-pinken Staubsauger spielt auf dem „Girls only“ steht (Das Ding wurde in der Farkkombi von uns genommen, da es auf einem Flohmarkt verschenkt wurde) und stundenlang in seiner Spielzeugküche steht und kocht, bzw. sauber macht und unsere Tochter (4) mit ihrem Lightning McQueen (Cars) Auto spielt und am liebsten NUR Klamotten mit eben diesem Auto tragen will. Und die Sachen gibt es ausschließlich in der Jungsabteilung eines Kaufhauses…
    Und nochmals wegen der Anziehsachen: Da der kleine eben eine große Schwester, sind manche Schuhe oder andere Anziehsachen halt mal nicht blau, schwarz oder grau. Und er KANN auch rosa Oberteile tragen ;-)

  9. judith sagt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich verstehe total, was Du meinst, dass es schon wehtut zu sehen, wie andere Leute einfach nicht verstehen wollen, was doch eigentlich ganz deutlich gesagt wird. Ich finde es wirklich schwierig sobald man sich quasi in den Alltag einer „normalen“ und leider damit auch wenig gender-sensiblen Kita bzw. Umwelt begibt. Ich habe einen Teil meiner Erfahrungen im Blog bei der Brigitte beschrieben: http://www.brigitte.de/frauen/stimmen/rosa-hellblau-1217996/

  10. […] Mutter schreibt über ihre Probleme der geschlechtsneutralen Erziehung. Vor allem über das Problem, dass andere Menschen diese so überzeugt ignorieren. Tatsächlich […]

  11. […] Wie mein Kind ein Junge wurde. Nun hat Melanie einen weiteren Artikel zu dem Thema geschrieben: Wie mein Kind ein Junge wurde – Teil 2. Diesmal geht es schwerpunktmäßig darum, wie die Wünsche oder Bedürfnisse von Jungs, sofern sie […]