Einträge mit dem Tag ‘Bücher’


Über Verlust und Trauer – Bücher und Zines zu Trauer, Suizid und Unterstützung für Trauernde

23. Juni 2015 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 104 von 106 der Serie Die Feministische Bibliothek

Die Autorin ist Mitte der 1980er geboren, lebt in Berlin und hat sich mit Literatur rund um Trauer, Suizid und Unterstützung für Trauernde befasst. Im ersten Teil, der gestern erschien, beschrieb sie Gefühle und Erfahrungen mit dem Tod von Eltern. In diesem Teil geht es um konkrete Empfehlungen für Bücher, Blogartikel, Zines und Videos zum Thema Trauer, Suizid und Unterstützung für Trauernde.

Gestern schrieb ich, dass es gerade in Trauerphasen sehr wichtig ist, genau in sich hinein zu fühlen, welche Unterstützung (z.B. in Form von Büchern, Freund_innen, Trauergruppen, Therapie…) sich gut anfühlt oder nicht. Es ist total OK, die Trauergruppe nach zwei Sitzungen zu verlassen, weil du dich nicht wohl fühlst. Oder den Kontakt mit einigen Mitmenschen zu verringern, die deinen Schmerz nicht verstehen. Gerade in so einer schweren Zeit ist es enorm wichtig auf sich zu hören. In diesem Text stelle ich zwei Bücher und zwei Zines vor, die mir sehr geholfen haben. Es kann sein, dass diese für dich wenig hilfreich sind. Deshalb liste ich weiter unten weitere Bücher, (Blog)Artikel und Videos auf, die mich begleitet haben, auch wenn ich persönlich nicht alles empfehlen würde – vielleicht ist es für dich kraftspendend.

Zwei Bücher von Chris Paul möchte ich vorstellen, weil sie sehr viele Ressourcen beinhalten, zum Beispiel Übungen und Listen mit Beratungsangeboten. Chris Paul, die selbst ihre Partnerin durch Suizid verloren hat, ist Trauerbegleiterin und Autorin. Sie hat viele Bücher und Aufsätze geschrieben und bietet Seminare und Fortbildungen an.

Chris Paul: „Warum hast du uns das angetan? Ein Begleitbuch für Trauernde, wenn sich jemand das Leben genommen hat“, Goldmann, 2012, 3. Auflage

Chris Paul: „Warum hast du uns das angetan? Ein Begleitbuch für Trauernde, wenn sich jemand das Leben genommen hat“In diesem Buch thematisiert Chris Paul die Vielfalt der Gefühle und Trauerreaktionen von Menschen, die einen nahen Menschen durch Suizid verloren haben. Suizid – oder wie Paul es nennt: Selbsttötung – sei die „am stärksten tabuisierte Todesursache in unserer Gesellschaft“. Während in der Trauerforschung noch häufig Bezug auf recht starre und linear gedachte Trauerphasen-Modelle genommen wird, spricht Paul eher von „Aufgaben des Trauerns“, die sie anhand von Zeitabschnitten („Die ersten Stunden“, „Die ersten Tage und Wochen“, „Das erste Jahr“ und „Trauerjahre/Lebensjahre“) vorstellt. Paul geht also nicht davon aus, dass in bestimmten Zeitabschnitten ganz bestimmte Gefühle stattfinden oder es ein klares Ende von Trauerprozessen gibt, wenn bestimmte Phasen durchlaufen sind. Vielmehr glaubt sie, dass jeder Zeitabschnitt eine Vielzahl an Gefühlen mit sich bringen kann und folgende vier Aufgaben immer wieder bewältigt werden (mal schneller, mal langsamer): 1. Die Wirklichkeit des Todes begreifen; 2. Die Vielfalt der Gefühle durchleben; 3. Veränderungen in der Umwelt wahrnehmen und gestalten und 4. Der oder dem Toten einen neuen Platz zuweisen. Ein Extrakapitel befasst sich außerdem mit Kindern und Jugendlichen als Trauernde nach einem Suizid. Zwischendrin finden sich immer wieder Übungen, die mensch relativ leicht in den Alltag einbauen kann und die helfen können, sich zu entspannen, zu erinnern oder zu reflektieren.

Ich finde das Buch unglaublich gut, weil es ehrlich und leicht verständlich auf viele Themen eingeht, die überlebende Angehörige oftmals beschäftigen: Trauer, Wut, Schuldgefühle, Angst, Suizidgedanken, körperliche und psychische Beeinträchtigungen, aber auch bürokratische und finanzielle Hürden unmittelbar nach dem Suizid. Besonders das Kapitel zu Schuld (und deren Funktion) war für mich ein wichtiger Perspektivwechsel. Kurz nimmt Paul auch Bezug darauf, wie Angehörige von Menschen, die von gesellschaftlichen Normen abweichen (z.B. in Bezug auf Begehren, Hautfarbe, Gesundheitszustand), häufig verstärkt Ausgrenzung und Stigmatisierung erleben, weil der Suizid der Person manchmal dafür genutzt wird, Vorurteile über bestimmte gesellschaftliche Gruppen zu stärken (z.B., dass Depression automatisch Suizid nach sich zieht). Hier wäre mein einziger Kritikpunkt, dass das Thema sehr kurz kommt und ich gerne mehr dazu gelesen hätte. (mehr …)


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Lesbische Fundstücke zum Thema Klasse

4. Juni 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 101 von 106 der Serie Die Feministische Bibliothek

Nadine Kegeles Roman Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause ist gespickt mit großartigen – analytisch scharfen, Nadine Kegele_Eidechsenwütenden, humorvollen – Sätzen, die Klassismus und Klassenunterschiede zwischen Freundinnen auf den Punkt bringen. Eine ausführliche Rezension dazu habe ich bereits in der Feministischen Bibliothek abgelegt. Heute will ich einige weitere und zwar lesbische Romane vorstellen, die aus Working-Class-Perspektive geschrieben sind und/oder die sonst wie kritisch mit Geldfragen, Lohnarbeit, Klassenherkunft oder Klassismus umgehen.

Der Roman Camille im Oktober der bereits verstorbenen Autorin Mireille Best dreht sich um die jugendliche Hauptprotagonistin Camille. Diese wächst in einem proletarischen, kleinstädtischen Umfeld in Südfrankreich auf, das stark durch materiellen Mangel geprägt ist. Camille verliebt sich in die Frau des Zahnarztes, die nicht nur älter ist als sie, sondern auch – und das ist das Entscheidende – einer anderen Klasse angehört. Was das bedeutet für Camilles Begehren und für das Aufeinandertreffen der beiden, das beschreibt Mireille Best auf treffende, berührende und zudem sprachlich originelle Art und Weise. Dasselbe gilt für das Leben der Müttergeneration, das mit erzählt wird: wenn die Mütter beisammen sitzen und miteinander reden, ohne viel zu wollen; wenn sie ausharren, ohne Veränderungsperspektive …

Camille im Oktober hat mich berührt wie wenige andere Bücher, es ist schmerzhaft traurig, ohne hoffnungslos zu sein.

Wanderurlaub von Regina Nössler ist ein lesbischer Krimi – und mehr als das. Die Autorin entführt die Leser_innen in eine Reisegesellschaft, die sich die Schönheit der kanarischen Inseln erwandern will, angeführt von einem urlaubsreifen Wanderführer. Was die Beteiligten vereint, sind Ängste und Unsicherheiten rund um Klasse(nherkunft), Jobs und Geld.
Einen Mord gibt es natürlich auch …

Nössler verknüpft die Spannung eines Krimis gekonnt mit den Themen Arbeitsverhältnisse und Klassenherkunft, und all dies vor einer schön-bedrohlichen Urlaubskulisse.

Aufhänger des Romans Eine Milliarde für Süderlenau von Astrid Wenke ist der Vorschlag einer maßlos reich gewordenen Süderlenauerin, sämtlichen EinwohnerInnen ‚ihrer‘ Kleinstadt ein Grundeinkommen zu finanzieren. Die Idee politisiert, weckt die Begeisterung und die Träume der SüderlenauerInnen, sie stößt aber auch auf Gegenwind: von Seiten der lokalen Wirtschaftselite.

Der Roman verbindet alltägliches und authentisches Kleinstadtleben, das Thema Grundeinkommen, Fragen familiärer Herkunft und eine lesbische Liebesgeschichte miteinander, auf unaufgeregte und amüsante Weise.

Auch für Science-Fiction-Fans habe ich eine Empfehlung: Gefährliche Sehnsucht von Toni Lucas. Gefährliche SehnsuchtKlingt nach Liebesschmonzette, und das ist es auch und zwar gekonnt. Obendrauf gibts ein durchaus interessantes Zukunftsszenario: Nach einer weltweiten Seuche fristen die überlebenden Erdenbewohner_innen ihr Dasein in streng nach Klassen separierten Gebieten. Die Hauptprotagonistin Anais entstammt einer zuhöchst stigmatisierten Gruppe, den Omegas, die ihre Herkunft in der Regel geheim halten (müssen). Ihre Überlebenschancen sind gering und ein ökonomischer Aufstieg ist kaum möglich, da gute Jobs ein Vermögen kosten. Anais entschließt sich zur Arbeit als Katze in einem der superreichen Haushalte der reichen Städte der Zukunft, gekleidet in einen Catsuit mit allerhand technischen Raffinessen. Zwischen Anais als Katze und ihrer Katzenbesitzerin auf Zeit entspinnt sich eine – strengstens verbotene – Liebesgeschichte …

Zum Nachdenken regen die konkreten Beschreibungen der auf den ersten Blick abstrus erscheinenden Jobsituation als menschliche Katze an. – Vieles davon ist auf den zweiten Blick eben doch recht vertraut, unheimlich vertraut: Lohnarbeit in Privathaushalten etwa oder Ansprüche an eine möglichst vollständige Identifizierung mit dem eigenen Job. Unterschiede zur fiktiven Live-in-Katze der Zukunft sind fraglos da, aber irgendwie scheinen sie doch eher gradueller Natur zu sein. Und was das Bezahlenmüssen für Jobs anbelangt: In Großbritannien verlangt eine Zeitungsgruppe nun Geld von ihren Praktikant_innen. Dafür erhalten sie ein schönes Empfehlungsschreiben zum Abschluss. Miau.


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Die Definition von Krawall, Trolle verfüttern und Kristen Stewarts neue Kumpeline – kurz verlinkt

30. April 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 3 von 288 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

queer.de berichtet über eine neue Resolution des Europarats, in der dieser fordert gegen Trans*-Diskriminierung vorzugehen. So sollte beispielsweise die Änderung des Geschlechtseintrags und des Namens in amtlichen Dokumenten ohne den Zwang zu medizinischen Behandlungen oder psychologischen Begutachtungen erfolgen könnnen.

Anlässlich von 200 Verhandlungstagen und fast zwei Jahren im NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, André Eminger, Holger Gerlach und Carsten Schultze vor dem OLG München zieht NSU Watch eine kurze Zwischenbilanz zum Prozess und stellt unter anderem heraus: „Die These vom NSU als isolierter Zelle mit nur einem kleinem Umfeld an Unterstützer/innen ist so nicht haltbar.“

Von der Broschüre „Was tun? Sprachhandeln – aber wie? W_Ortungen statt Tatenlosigkeit.“ ist die zweite, überarbeite Auflage erschienen. Die Druckvorlage kann kostenfrei per Mail bestellt werden und auf der Seite feministisch-sprachhandeln.org lässt sie sich als PDF herunterladen.

englischsprachige Links

Pajiba nimmt die heterosexistische Beharrlichkeit aufs Korn, mit der Kristen Stewarts aktuelle offensichtliche/vermeintliche Liebesbeziehung von den Medien als „Mädchenfreundschaft“ gelabelt wird.

Ragen Chastain fast auf Dances With Fat noch mal kompakt ein paar Dinge zusammen, die du niemandem schuldest – wie Schönheit, Gesundheit oder Sexiness.

Die siebenjährige Natalie McGriff hat für ihr Comicbuch The Adventures of Moxie Girl, einer Superheldinnengeschichte über ein Schwarzes Mädchen, einen Crowdfundingpreis gewonnen, berichtet Feministing.

Loretta Lynch wurde zur ersten Schwarzen Generalstaatsanwältin der USA ernannt. For Harriet berichtet.

„Do Feed the Trolls—to People Who Will Hold Them Accountable“: Andrea Grimes teilt bei RH Reality Check ihre Erfahrungen mit der Praxis, bei Angriffen, die sie in sozialen Medien erlebt,  Leute aus dem Umfeld des „Trolls“ in die Konversation einzubeziehen.

Medien vermitteln ein ganz bestimmtes Bild von Menschen, die sogenannte Essstörungen haben: schlanke, weiße, wohlhabende Frauen, die wie Models in Magazinen aussehen wollen. Raquel Reichard erklärt, warum das irreführend ist.

Derzeitig wird ein neuer Film für Netflix gedreht: „The Ridiculous Six“. In der letzten Woche verließen eine Reihe von Native American Schauspieler_innen das Set aufgrund der im Film dargestellten rassistischen Stereotype. Racialicious berichtet über den Protest. Außerdem interviewten sie die Aktivistin Megan Red-Shirt Shaw zur #NotYourHollywoodIndian- Kampagne.

Egal wie viele Schwarze Menschen von Polizist_innen getötet werden, die Proteste, die darauf aufmerksam machen, sollen doch bitte ‚friedlich‘ bleiben. Beim Atlantic schreibt Ta-Nehisi Coates über diese Forderung: „When nonviolence begins halfway through the war with the aggressor calling time out, it exposes itself as a ruse. When nonviolence is preached by the representatives of the state, while the state doles out heaps of violence to its citizens, it reveals itself to be a con.“

Elle South Africa interviewt die südafrikanische Performance-Künstlerin Sethembile Msezane über The Public Holiday Series, Post-Apartheid und Frauenkörper.

Termine in Berlin und Linz

2. Mai, Berlin: Far, far away? Podiumsdiskussion zu Kolonialrassismus im Unterricht.

6. Mai, Berlin: Vortrag von Magda Albrecht: “(Mein) Fett ist Politisch” um 16:30 Uhr an der ASH Berlin (Alice-Salomon-Platz 5, 12627 Berlin), Raum 225.

6. bis 8. Mai, Linz (Österreich): Die Tagung „Kicking Images. Bilderpolitiken/sexualisierte Gewalt/Interventionen“ vereint zum Thema Wissenschaftler_innen, Künstler_innen und Aktivist_innen.

7. Mai, Berlin: „Themenabend zu Intersektionalität“ mit Emilia Roig und der Initiative intersektionale Pädagogik(i-Päd) und 9. Mai: Die dritte Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Widerstandsbewegungen von geflüchtetenFrauen* in Berlin und Deutschland„.


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Wanda Walfisch – dick und rund

19. Februar 2015 von Magda
Dieser Text ist Teil 95 von 106 der Serie Die Feministische Bibliothek

Immer wenn Wanda ins Wasser springt, lachen die anderen Kinder sie aus. So erzählt die entmutigte Wanda ihrem ebenfalls dicken Schwimm­lehrer, dass sie nicht schwimmen und springen kann, da sie dick sei. »Ach was! Nur weil du das denkst. Wir sind das, was wir denken.« antwortet dieser. Wanda probiert es aus, und der Trick funktioniert.

Wanda Walfisch Buchcover

Sie taucht in ihre Phantasiewelt ab, findet sich im Dschungel wieder, wird zum Känguru oder springt ganz hoch beim Turnen. Und beim nächsten Schwimm­unterricht zeigt Wanda den fiesen Kindern, wie mutig und gewitzt sie ist.

Davide Calìs anfangs traurige und dann herz­erwärmende Geschichte verdeutlicht, wie Kinder durch Diskriminierung eingeschränkt werden und wie dies dazu führen kann, dass sie sich selbst nichts mehr zutrauen. Durch die Unter­stützung des Schwimm­lehrers fasst Wanda wieder Selbst­vertrauen und nutzt ihre Vorstellungs­kraft, um das zu schaffen, was sie erreichen möchte. Die Zeichnungen von Sonja Bougaeva begleiten Wanda farbenfroh und lebhaft auf ihrem Weg und machen diese Geschichte besonders: Dicke Protagonist_innen in Kinder­büchern, die lernen, ein positiveres Gefühl zu ihrem Körper aufzubauen (obwohl es ihnen nicht leichtgemacht wird) sind selten.

Zwar liegt die Verantwortung, mit den gehässigen Kommentaren der Mit­schülerinnen umzugehen, auf den Schultern von Wanda (und das ist ziemlich gemein, weil Wanda super stark und phantasie­reich sein muss, um das auszuhalten). Dafür hat die Geschichte ein schönes Ende, bei dem die anderen Kinder letztendlich verdutzt am Becken­rand stehen.

Davide Calì (Text), Sonja Bougaeva (Bild): Wanda Walfisch – dick und rund. Atlantis-Verlag, Zürich 2010Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. 32 Seiten, gebunden. Empfohlenes Lesealter: ab fünf Jahre.


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Lesbisch_queere Bücherwelten: Ländliche und weitere Trans-Realitäten

29. Januar 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 93 von 106 der Serie Die Feministische Bibliothek

Zwiespältig: Rose Tremains Gesellschaftsportrait „Die Verwandlung der Mary Ward“.

Mit dem englischsprachigen Original „Sacred Land“ veröffentlichte die (soweit bekannt: Nicht-Trans-)Bestseller­autorin Rose Tremain 1992 einen Roman, der kurz darauf ins Deutsche übersetzt wurde. In queerer Forschung fand das Buch Anerkennung für die Repräsentation queerer Männlichkeit. Nun wurde das Buch erneut auf Deutsch verlegt, unter dem Titel Die Verwandlung der Mary Ward.

Der Buchtitel täuscht in mehrerer Hinsicht: Denn Mary Ward versteht sich seit ihrem_seinem sechsten Lebensjahr, und hier setzt die Erzählung an, als Martin. Erste Zeugin dieser Selbst­erkenntnis ist Martins Perlhuhn Marguerite, das Martins zunehmend gewalt­tätiger und alkoholisierter Vater später töten wird. Es ist Martins – oder zu Beginn vielleicht: Mary_Martins – Geschichte, die der Roman erzählt. Zudem, das ist die zweite Täuschung des Buchtitels, ist seine_ihre Geschichte nur eine von vielen. Darin liegt durchaus eine Stärke des Buches: Tremain zeichnet anhand mehrerer Charaktere ein kleinstädtisch-weißes Gesellschafts­portrait Großbritanniens seit den 1950er Jahren. Sie liefert Einblicke in Lebens­konzepte und Alltag zwischen gesellschaftlichen Zwängen, Resignation, Emanzipation und Auflehnung. Martin Ward wird nicht zum ‚Anderem‘ stilisiert, sondern als eine von mehreren Personen und Männlich­keiten repräsentiert, die darum kämpfen, zu überleben, Zwängen zu entfliehen und ein selbstgewähltes Leben zu führen.

Die Überzeugung, dass eine Zukunft als Martin auf sie_ihn wartet, verleiht ihr_ihm die Kraft, einem einengenden und zunehmend gewaltvollen Herkunfts­umfeld zu entfliehen. Martin findet UnterstützerInnen, zieht in eine Großstadt, lebt und zeigt sich mehr und mehr als Martin. Dem Medizin­system, das auf geschlechtliche Vereindeutigung aus ist – im Sinne einer zu vollendenden Männlichkeit –, wird er mit einer guten Portion Skepsis, Einfalls­reichtum und Wider­ständigkeit begegnen.

Neben Mary_Martins Leben erzählt Tremain die Geschichten weiterer Personen aus ihrer_seiner Heimatstadt. Da wäre etwa Estelle, Mary_Martins Mutter, die dem Leben mit ihrem alkohol­abhängigen und zunehmend gewalttätigen Ehemann Sonny durch Aufenthalte in einer psychiatrischen Einrichtung zu entfliehen versucht. Oder Walter, dessen Familien­tradition vorsieht, dass er die Metzgerei seiner Eltern übernimmt – der aber am liebsten mit seinem Onkel Pete Country Music hört und vom Auswandern in die USA träumt. Oder der Zahnarzt Gilbert, der mit seiner Mutter zusammen in einem Haus lebt, das immer näher an die Klippen rückt, und der eine Affäre mit Walter beginnt …

Die meisten Biografien sind über weite Strecken bedrückend: Die Protagonist_innen sind eingezwängt in ein Leben und Umfeld, das ihnen nicht behagt und nicht bekommt. Doch einige von ihnen werden ihren Wünschen und Träumen doch noch folgen, mal radikal, mal ein Stückweit und in kleinen Schritten.

Politische Schwachstellen verstecken sich in vereinzelten Sätzen oder Halbsätzen, die deshalb so ärgerlich sind, weil es ein Leichtes gewesen wäre, sie auszuräumen. Da ist das Klischee vom lispelnden schwulen Zahnarzt, der bei sämtlichen (!) männlichen Patienten die Behandlung länger ausdehnt als nötig; da ist die Andeutung einer sexistischen Blickweise Martins auf Frauen und von gewaltvoll-sexualisierter Grenz­verletzung; da sind die rassistischen und kolonialistischen Denkmuster einzelner Protagonisten. Manches davon mag im Sinne eines realistischen Gesellschafts­portraits Sinn machen. Das Wohlwollen jedoch, mit dem Rose Tremain ihre Figuren zeichnet – über weite Strecken eine Stärke des Romans –, droht hier bisweilen in eine Verharmlosung gewaltvoller Realitäten zu kippen.

Tremains Erzählweise ist detailliert, ihre Charaktere sind originell, es gelingt ihr offenbar mühelos, viel­schichtige und sich fort­entwickelnde Biografien zu erzählen. Was der Roman indes nur bedingt bietet, sind Identifikation und emotionales Berührt­werden. Das muss nicht zwangsläufig schlecht und kann durchaus so gewollt sein. In diesem Fall aber verlor ich beim Lesen zunehmend das Interesse – anstatt mich in den Geschichten der Protagonist_innen zu verlieren. Es bleibt ein distanziertes Verhältnis zwischen den Leser_innen und den Protagonist_innen des Buches: Gleichwohl er ohne Pathologisierungen und Voyeurismus auskommt, ist es ein Blick von außen, ein beobachtender Blick, kein identifikatorischer.

 

 

 

 

 

 

 

Im vergangenen Jahr sind viele weitere und überzeugendere Trans-Bücher Bücher erschienen, die unterschiedliche Lebenswelten von Trans-Menschen thematisieren (*siehe Kommentar von yori) – und das heißt auch: aus Trans-Perspektive. Zum Beispiel: die auf der Mädchenmannschaft bereits vorgestellte Auto­biografie „Redefining Realness. My Path To Womanhood, Identity, Love & So Much More“ von Janet Mock (hier findet ihr eine Paneldiskussion mit Schwarzen Künstler_innen und Aktivist_innen inklusive Janet Mock und bell hooks zu Rassismus, Feminismus, Ökonomie …); der ebenfalls bereits rezensierte Sammelband „Begegnungen auf der Trans*fläche“, mit 76 Zeichnungen und Kurzgeschichten aus einem transnormalen Alltag; oder der sehr umfangreiche und thematisch breite Informationsband „Trans Bodies, Trans Selves. A Resource for the Transgender Community von und für Trans-Personen.

Im frischen neuen Jahr 2015 wird das autobiografische Buch Goodbye Gender (Vorschau) der kanadischen Trans-Künstler_innen Rae Spoon und Ivan E. Coyote erscheinen. Im Moment ist Rae Spoon übrigens auf Europatournee und performt dabei auch in verschiedenen Städten der BRD (Website von Rae Spoon mit Tourdaten).


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Lesbisch_queere Bücherwelten: Heteronormativität, Weltraum und Gentrifizierung

15. Dezember 2014 von Julia
Dieser Text ist Teil 89 von 106 der Serie Die Feministische Bibliothek

Julia Roßhart ist Lektorin für feministischen, lesbischen und queeren Text und promoviert zu anti-klassistischen Interventionen in der Frauen-/Lesben­bewegung der BRD. Zur Erholung liest sie Fiktionales. Und gärtnert. Julia verschlingt lesbisch_trans_queere Neu­erscheinungen – Belletristik! – und schreibt bereits Empfehlungen und Rezensionen unter der Überschrift Lesbisch_queere Bücherwelten für die feministische Online­buch­handlung FEMBooks. Auch für die Mädchenmannschaft stellt sie von nun an Empfehlens­wertes zusammen.

In wissenschaftlichen Neuerscheinungen der Gender und Queer Studies taucht der Begriff Lesbe nur randständig auf. Gilt wohl als zu identitäts­politisch. Oder zu alltäglich, ‚gewöhnlich‘? Vielleicht auch zu 80er oder – naja, zu lesbisch halt. Ausnahme aus 2014: Perverse Bürgerinnen. Staatsbürger­schaft und lesbische Existenz von Christine M. Klapeer (Ich habe es noch nicht gelesen, deshalb kann ich nicht mehr dazu sagen als: klingt vielversprechend!).

In der Belletristik sieht es etwas anders aus, was lesbische Präsenz angeht. (Das haben wir vor allem den alten und neuen lesbischen und queeren Verlagen zu verdanken.)

Acker auf den SchuhenEinen sehr berührenden und politisch überzeugenden Lesben­roman hat im vergangenen Jahr Peggy Wolf geschrieben: Acker auf den Schuhen, vom Berliner Querverlag veröffentlicht. Die einzige lesbische Protagonistin, Susann, taucht in Persona allerdings nie auf, sondern lediglich in den Erinnerungen der anderen ProtagonistInnen. Susann ist nämlich tot – sie hat ihr Leben beendet. Warum, darüber schweigt das familiäre und dörfliche Umfeld beharrlich. Wie einst Susann, findet sich die_der Leser_in in eine Umgebung gebannt, die geprägt ist durch alltägliche, still­schweigende, kaum gebrochene Hetero­normativität – alleine. Die Geschichte, die Peggy Wolf überzeugend erzählt, ist ein fiktional umgesetztes, schmerzhaftes Stück lesbischer Geschichte und auch Gegenwart.

Die wundersamen Weltraumabenteuer von Helen Hayer und Christine de CastelbaraqueEher spaßig kommen indessen Die wundersamen Weltraum­abenteuer von Helen Hayer und Christine de Castelbaraque daher, von der Autorin Judith Jennewein, 2013 beim jungen, queeren Wiener Verlag zaglossus erschienen. Eine zweifellos (mehr als) unterhaltsame lesbische Science-Fiction-Geschichte. Besondere queer-feministische Schmankerl sind: varianten­reiche Formen von Geschlecht­lichkeit – je nach Zeit­dimension und Planet!– , die sprach­politisch ebenso viel­fältig umgesetzt werden; feministische ‚Ur-Themen‘ wie Reproduktions­technologien; dazu eine Portion Kapitalismus­kritik. Verpackt ist das Ganze in ein Weltall-Reise­abenteuer, das zugleich eine Liebes­geschichte ist, und dabei: voller origineller Ideen mit Witz, die eine_n zum Schmunzeln, manchmal sogar zum Lachen bringen.

Windmühlen auf dem WeddingEin kluger Lesbenroman zum Thema Gentrifizierung erschien 2014 beim Berliner Lesben­verlag Krug und Schadenberg: Windmühlen auf dem Wedding von Astrid Wenke. Das Haus im Berliner Stadtteil Wedding, in dem Sybilla Kischotta wohnt, wird gerade verkauft, Eigen­tumswohnungen sollen es werden; und die Betreiberinnen der nahe­gelegenen Stamm­kneipe haben eine saftige Mieterhöhung im Briefkasten – Berliner Verdrängungs­alltag und Weddinger Kiezgeschichte.

Es ist nicht die ganz schlimme Verdrängungs­realität – Entmietung um jeden Preis, Zwangs­räumung, Obdachlosigkeit –, die Astrid Wenke hier erzählt. Die Haupt­figuren können der Verdrängung widerstehen: mal aufgrund von Geld­privilegien, mal aus purem Glück, mal durch gegenseitige Unter­stützung und Organisierung. Es ist eben nur eine Geschichte.

Eine große Stärke des Romans liegt im Nachspüren von alltäglichen Klassen­beziehungen und damit verbundenen Wider­sprüchen. Da ist einmal Kischotta selbst: mit kleinem Einkommen und kleiner Wohnung, aber bildungs­bürgerlicher Herkunft. Da ist die Tango tanzende Amalia, in die sich Sybilla verliebt – und das, obwohl sie für Sybilla das Bürgerlich­werden des Weddings verkörpert (Tango! Im Wedding!). Da ist die Haus­bewohnerin Martha, proletarisch und inzwischen Rentnerin, die Sybilla mehr als einmal mit deren inneren (Klassen-)Wider­sprüchen konfrontiert. Und da ist Jutta, langjährige Freundin Sybillas und Anwältin, die proletarischer Herkunft ist und auch deshalb andere Strategien rund um Wohnen und Wedding verfolgt als Sybilla …


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Unsägliche Wahrheiten

17. September 2014 von Hengameh
Dieser Text ist Teil 85 von 106 der Serie Die Feministische Bibliothek

Heng ist freie Autorin, bloggt auf Tea-Riffic und twittert unter @sassyheng. Und wird künftig öfter für uns schreiben! Juchhu! Zuletzt erschien hier ein Crosspost ihres Beitrags zu #schauhin.

Weg von den Alphamädchen, hin zu den Unsichtbargemachten: Die britische Journalistin und Autorin Laurie Penny distanziert sich in ihrem neuen Buch „Unspeakable Things“ von ausgelutschten Feminismus-Diskursen, die vornehmlich weiße, heterosexuelle Cis-Frauen aus der Mittelschicht betreffen.

„This is a feminist book. It is not a cheery instruction manual for how to negotiate modern patriarchy, with a sassy wink and a thumbs-up. It is not a charming, comforting book about sex and shopping and shoes. I am unable to write any such thing. I cannot force a smile for you. As a handbook for happiness in a fucked-up world, this book cannot be trusted.“

(Freie Übersetzung: „Dies ist ein feministisches Buch. Es ist keine aufmunternde Anleitung zur Verhandlung des modernen Patriarchats, mit einem frechen Zwinkern und erhobenem Daumen. Es ist kein entzückendes, beruhigendes Buch über Sex und Shopping und Schuhe. Ich bin nicht in der Lage ein solches Buch zu schreiben. Ich kann für euch kein Lächeln erzwingen. Als ein Leitfaden für Glück in einer abgefuckten Welt kann sich dieses Buch nicht bewähren.“)

Bereits in der Einleitung macht Penny klar, dass sie sich vom neoliberalen Feminismus distanziert, zumal er von Klassismus betroffene Frauen*, Schwarze Frauen* und Women* of Color, Sexarbeiterinnen* und alleinerziehende Mütter* nicht nur ausschließt, sondern auch weiterhin unterdrückt.

Ihr Buch ist keine Anleitung für weiße Karrierefrauen, die Ehe, Job und Kinder unter einen Hut bekommen und für ihre Leistungen als Gute Frau(tm) belohnt werden wollen. Von vermeintlich feministischen Positionen gegen Pornographie und Sexarbeit distanziert sie sich auch. Vielmehr geht es um Wut. Wut auf die verbreitete Lüge, die besagt, dass Frauen* mittlerweile alles im Leben haben können. Gemeint sind damit natürlich nur jene privilegierte Frauen. All diejenigen, die nicht in das Bild passen, werden zum Schweigen gebracht, sollen ihre Wut schlucken und an ihr ersticken. (mehr …)


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#feministsarehot, #schauhin, Breaking Bad – die Blogschau

6. September 2014 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 255 von 280 der Serie Die Blogschau

Eine ausführliche Besprechung von Marlene Streeruwitz´ Roman „Nachkommen“ hat Melusine Barby für Gleisbauarbeiten verfasst.

#feministsarehot? Fallstricke lauern bei verkürzendem Hashtag-Aktivismus hier und da. Einen greift Heng bei Tea-riffic auf: „Als eine dieser berüchtigten haarigen, dicken, lesbischen_typenhassenden, nicht-weißen, veganen Feministinnen, vor denen seit Jahrzehnten in den Medien gewarnt wird, habe ich es endlos satt, dass sich von “Menschen wie mir” abgegrenzt werden muss.“

Ebenfalls bei Tea-riffic, aber ein anderes Hashtag: Angesichts von rassistischen Übernahmeversuchen des Hashtags #schauhin fordern die Aktivist_innen der Kampagne dazu auf, das Hashtag zurück zu erobern. Sie haben einen Film gedreht, der noch einmal zeigt, was es mit dem sogenannten „umgekehrten Rassismus“ auf sich hat.

Nadia stellt bei Shehadistan den Film „The Women of The Assad Opposition“ vor und verlinkt ihn netterweise auch direkt zum Anschauen.

Viele Links und Infos rund ums Thema „Nähen für große Größen“ hat Ringelmiez zusammen getragen.

Im Mai sollte Simran Sodhi aus Berlin ausgewiesen werden, was zum Glück verhindert werden konnte. In einem Interview mit ihrem Team von With Wings and Roots erzählt sie von ihren Erfahrungen in diesem Prozess, vom Kampf gegen die Ausweisung und von ihrer Arbeit.

Es gibt ein neues Blog zu den Verschränkungen von Rassismus, Fat Shaming und Heterosexismus: Hier ist Schwarz Rund.

Platt sexistische Werbung und kein Ende – diesmal proudly presented von Borco, Herstellerfirma von Sierra Tequila und Paloma Lemonade. Genderfail kauft das nicht.

Einen Videobeitrag zum Thema „Haare, menschliche Grenzen und mixed People“ hat Wurzelfrau für uns bereit gestellt.  Schwarz Rund hat diesen Beitrag aufgegriffen und dazu noch etwas aus ihrer Perspektive geschrieben.

Kontextfrei und Spaß dabei? Steinmädchen kritisiert die selbsterklärte Anti-Stigma-Kampagne Ich bin in Therapie, weil sie den Kontext ausblendet, in dem psychiatrische Diagnosen und das Reden von psychischer Krankheit stehen.

Welche Serienheld_innen geliebt und welche gehasst werden, hat auch mit Sexismus zu tun. Auch bei der weit und breit gefeierten Serie „Breaking Bad“, wie Antiprodukt zeigt.

Jayrôme hat auf seinem Blog eine neue Rubrik gestartet: „In Ein Hoch auf …! möchte ich Trans* und gender queer Menschen aus dem deutschsprachigen Raum, die meine Bewunderung hervorrufen, jeden Monat mit einem Text würdigen.“ Den Anfang macht seine schöne Freundschaftserklärung an den Musiker MSOKE.

Habt ihr diese Woche was geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Jede Woche verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


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Nationalsozialismus im TV, Freiwilligkeit in Behörden – die Blogschau

5. Juli 2014 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 251 von 280 der Serie Die Blogschau

In der vergangenen Woche waren viele von uns viel außerhalb des Internets beschäftigt, daher heute nur eine kleine Blogschau – falls ihr mehr Blogfundstücke habt, gern in die Kommentare!

Renée Winter befasst sich in ihrem Buch Geschichtspolitiken und Fernsehen mit der frühen Geschichte des ORF und untersucht, wie der Nationalsozialismus von 1955 bis 1970 in unterschiedlichen Fernsehformaten verhandelt wurde. Fernseher kaputt berichtet.

Christel T. schreibt bei Jobcenteraktivistin über „Freiwilligkeit“ im Kontext von Jobcenter, Ausländerbehörden und #ohlauer.

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Büchertipps für den nächsten Parkbesuch

29. April 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 79 von 106 der Serie Die Feministische Bibliothek

Eigentlich findet ihr an dieser Stelle eher Besprechungen von Büchern. Heute aber werfe ich einfach mal fünf Titel in den Raum, die ich bisher auch noch nicht (vollständig) gelesen habe, die es sich aber entweder schon auf meinem Lese-ich-aktuell-Stapel gemütlich eingerichtet haben, oder die ganz oben auf meiner sonstigen Leseliste stehen. Schließlich schreit das Wetter danach sich ein paar Bücher zu schnappen und in den Park/ ans Wasser zu legen. Jedenfalls in meiner idealen Welt.

Die Romane an sich sind nicht unbedingt explizit feministisch. Diese Auflistung hier möchte aber einen Teil dazu beitragen Schriftstellerinnen in den Fokus zu rücken; den Kanon etwas aufzurütteln, der bis heute ja vorangig aus weißen europäischen und nord-amerikanischen Männern besteht.

Helen Oyeyemi – Mr Fox (2011) Oyeyemi ist erst 1984 geboren – Mr. Fox allerdings schon ihr vierter veröffentlichter Roman. Das Buch dreht sich um einen Autor, der seinen Heldinnen meist kein “Happy End” verpasst, sich dann aber in eine seiner Figuren verliebt. Klassische Liebesgeschichten interessieren mich meistens weniger, Bücher über Bücher mit Buchfiguren, die zu Leben erweckt werden, haben aber immer gleich mal mein Interesse. Ich bin gespannt, wie Oyeyemi diesen Stoff verarbeitet hat und ob sie an den gefährlich nahenden Klischees vorbeischiffen kann.

Noch nicht auf deutsch erschienen. Aber es gibt die Vorgänger-Romane „Das Ikarus-Mädchen“ und „Das Irgendwo-Haus“.

Maaza Mengiste – Beneath the Lion’s Gaze (2010) Der Roman setzt ein im Jahr 1974. Kurz vor der äthiopischen Revolution. Die Brüder Yonas und Dawit reagieren ganz unterschiedlich auf diese Ereignisse – der eine sitzt im Gebetsraum und bettet für Frieden und ein Ende der Gewalt, der andere hat sich der Widerstandsbewegung angeschlossen. Und dann ist da auch noch der Vater, der einem Opfer staatlicher Folter hilft und dafür ins Gefängnis soll. Mengiste spinnt eine Familiengeschichte, die mich bereits auf den ersten Seiten aufgrund der Anlage vieler spannender Figuren begeisterte.

Auf deutsch als „Unter den Augen des Löwen“ 2013 im Verlag das Wunderhorn erschienen.

Tayie Selasi – Ghana Must Go (2013) Stefanie hat auf Afrika Wissen Schaft bereits eine Rezension zu dem Buch veröffentlicht und war ziemlich begeistert. Auch hier handelt es sich um eine Familiengeschichte, in der der Vater, wie in Mengistes Roman, Arzt ist. Selasi beschreibt das Auseinanderbrechen und Zusammenfinden einer Familie, Fragen von Migration und Anerkennung.  Ich bin mit dem Beginn zu mindestens noch nicht ganz warm geworden: Einerseits will ich – wenn ich am Buch sitze – wirklich gern wissen, was passiert und finde die Schreibweise interessant. Aber wenn ich das Buch nicht in der Hand habe, reizt mich auch nicht so viel es wieder in die Hand zu nehmen. Es steht trotz allem oben auf meiner Liste.

Auf deutsch als „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ 2013 bei Fischer erschienen.

NoViolet Bulawayo – We Need New Names (2013) Shortlist beim Man Booker Prize, Shortlist beim Guardian First Book Award und dann Gewinner des Etisalat Prize for Literature. Das sind nur einige der Auszeichnungen, die die simbabwische Autorin Bulawayo mit ihrem Debüt-Roman bisher sammeln konnte. Eine Coming-of-Age-Geschichte im Kontext von Migration, die ich schon seit Monaten auf meinem Lesestappel liegen habe: “We hid our real names, gave false ones when asked. We built mountains between us and them, we dug rivers, we planted thorns- we had paid so much to be in America and we did not want to lose it all.“ [„Wir haben unsere echten Namen versteckt, gaben falsche an, wenn wir gefragt wurden. Wir haben Berge zwischen uns und sie gebaut, wir haben Flüsse gegraben, wir haben Dornen gepflanzt – Wir hatten soviel bezahlt, um in Amerika zu sein und wir wollten nicht alles verlieren.“]

Bisher leider noch nichts in deutscher Übersetzung erschienen.

Adaobi Tricia Nwaubani – I Do Not Come To You By Chance (2009) Eine Thema, welches ich bisher kaum in der Literatur behandelt gesehen habe: Scam Emails. Spontan fällt mir nur Petina Gappahs Kurzgeschichte “Our Man in Geneva” ein, aber dort ging es um einen Protagonisten, der auf eine Scam-Mail reinfiel. In dem Roman von Nwaubani wird die andere Seite beleuchtet: Eine junger Nigerianer mit Problemen seine Familie finanziell zu unterstützen ruscht in das Scam-Mail-Geschäft. Der Roman wurde 2010 als bester afrikanischer Debüt-Roman mit dem Commenwealth Writers‘ Prize ausgezeichnet.

Auf deutsch als „Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy“ 2011 beim dtv erschienen.

Der Text wurde bereits in etwas anderer Form bei Afrika Wissen Schaft veröffentlicht.


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