Ein Buch nach dem anderen: Angela Davis, Toni Morrison, Roxanne Gay

14. November 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 87 von 87 der Serie Die Feministische Bibliothek

Auf Papier gelesen

Wo es immer grauer wird, passte die im August dieses Jahres erschienene Erzählung “Synchronicity” von Sharon Dodua Otoo eigentlich perfekt. In dieser geht es um Cee, eine Grafikdesignerin, die beginnt ihre Farben zu verlieren. Erst kann sie sie nach und nach nicht mehr sehen – und dann kommen sie ganz anders wieder. Doch geht es in den wenigen Seiten nicht allein um Sinneswarnehmungen, sondern auch um Beziehungen, Traditionen und Entscheidungen. Die Geschichte war ursprünglich in 24 Teilen per Email an Freund_innen in der Vorweihnachtszeit verschickt worden – und das ist doch eigentlich eine hübsche Idee: Das Buch, welches auch noch durch die hübschen Illustrationen von Sita Ngoumou glänzt, anstatt eines Weihnachtskalenders zu verschenken mit 24 wunderbaren Kapiteln für die Dezembertage.

Ebenfalls im August erschien Sarah Waters neuster Roman “The Paying Guests“. Waters hat zuvor bereits fünf Romane veröffentlicht, wovon “Tipping the Velvet” und “Fingersmith” als Mehrteiler verfilmt wurden. Bekannt wurde Waters für ihre mitreißenden historischen Romane, in denen queere Frauenfiguren im Mittelpunkt stehen. So auch in ihrem neusten Werk, welches in London in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg spielt. Frances Wray und ihre Mutter können das Haus nach dem Tod des Vaters und beider Brüder nicht mehr allein halten, sie nehmen ein junges Paar als Untermieter – the paying guests – auf. Weiter kann eine kaum über den Plot reden, ohne nicht alles zu verraten. Wer neugierig ist, kann aber zum Beispiel das Interview mit Sarah Waters bei Lambda Literary lesen.

Im Netz gelesen

Feministing hat die neue Biographie zu Vivienne Westwood gelesen. (Englisch)

“To understand the feminist novel we must first understand feminism. Or perhaps we must understand the nature of the novel. Or perhaps we must ask the questions, “What is feminism?” and “What is the novel?” Or perhaps, these questions are not at all relevant. The answers could never be wholly satisfying.”, die großartige Roxanne Gray denkt bei Dissent darüber nach, was einen feministischen Roman ausmachen könnte. Hint: Es reicht nicht allein, dass es im Roman um Frauen geht. (Englisch)

Is This a Golden Age for Women Essayists?” diskutieren Cheryl Strayed und Benjamin Moser bei der New York Times.

Auf Africa in Words wurde Chantal Zabus Buch “Out in Africa: Same-sex desire in sub saharan literatures and cultures” besprochen. (Englisch)

Susan Sontags digitale Daten sind nun bei der UCLA’s Research Library auf einem Laptop zugänglich. Jacquelyn Ardam und Jeremy Schmidt haben sich durch die Dokumente gewühlt, Wortliste mit Adjektiven gelesen und nach Begriffen gesucht. Die Frage: Welche Gefahren birgt dieser Zugang und welche Chancen? Der Artikel erschien bei der Los Angeles Review of Books. (Englisch)

Die UC Santa Cruz Review interviewte Angela Davis und Toni Morrison. Davis erzählt von ihrer Zusammenarbeit mit Morrison, Morrison beschreibt ihren Ansatz über Themen wir Sklaverei zu erzählen und beide sprechen von ihren Schreiberfahrungen. (Englisch)

A Midsummer Night’s Press hat ein neues Imprint “Periscope“, bei welchem ausschließlich Übersetzungen ins Englishe von Gedichten von Frauen erscheinen werden. Die ersten drei Bände Arabic Literature (in English) interviewte aus diesem Anlass Übersetzer und Herausgeber Lawrence Schimel.

Neuerscheinungen

Am 30. September erschien auf Englisch “The Penguin Book of Witches“. Besprochen wurde es bereits zB bei NPR.

Ebenfalls im September erschien von Ika Elvau “Inter*Trans*Express. Eine Reise an und über Geschlechtergrenzen” bei Edition Assemblage. Groß gelobt wurde das Buch Anfang des Monas auf der FB-Seite von TROUBLE X.

Am 06. November erschien in deutscher Übersetzung “Die Botschaft von Kambodscha” von Zadie Smith bei KiWi.


“Ein Buch nach dem Anderen” ist quasi mein Anti-Lese-Motto. Meistens lese ich viele Bücher parallel, aber ich stelle sie der Reihe nach vor. Was lest ihr denn gerade? Erscheinen demnächst Bücher, auf die ihr euch ganz besonders freut?


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Ein Buch nach dem Anderen: Literatur aus Sri Lanka sowie Bücherclubs, das FBI und gebannte Werke

7. Oktober 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 86 von 87 der Serie Die Feministische Bibliothek

Gelesen auf Papier

Vor einiger Zeit habe ich mir angewöhnt, wenn ich reise auch gleich die “passende” Literatur mitzunehmen, nämlich jene von Autor_innen aus dem betreffenden Land/Region/Stadt oder die über diese schreiben. Dementsprechend regionaleinseitig gestaltet sich auch mein Lesestappel vom September: Im Mittelpunkt stehen englischschreibende Autor_innen aus Sri Lanka.

In Writing Sri Lanka: Literature, Resitance and the Politics of Place (2007, Routledge) analysiert Minoli Salgado das Schaffen von acht Autor_innen, die alle auf Englisch publizieren. Als roter Faden ziehen sich durch die Kapitel Fragen rund um Grenzziehungen. Wer wird als zugehörig konzeptionalisiert? Wer ausgeschlossen? Wie werden Grenzen zwischen “in Sri Lanka lebend” und “Diaspora” gezogen? Welchen Einfluss hat dies auf die Rezeption? Aber auch: Welche Grenzen werden in den Werken überschritten, aufgeweicht oder doch neu gezogen? Das Buch gibt einen spannenden Einblick in die betrachteten Literaturen (vor allem auch der zweier AutorINNEN: Jean Arasanayagam und Punyakante Wijenaike)  und das Umfeld, in welchem sie publiziert und rezepiert werden. Es ist aber eine wissenschaftliche Studie, die ohne Voriwssen zu literaturwissenschaftlichen Theorien (und insbesondere postkolonialen Theoretiker_innen) schwer zu lesen ist.

Glücklichweise veröffentlicht Salgado just in diesem Monat (morgen ist die Vorstellung in London) ihren eigenen Debut-Roman A Little Dust On The Eyes, in dem sie viele der Themen, die sie in Writing Sri Lanka herausgearbeitet hat, selbst literarisch aufgreift.

Da ich selbst erst kurz vor Abreise mich erinnerte, dass ich noch Romane besorgen muss_wollte, war meine Leseliste dann abgesehen von Salgado eine männlichdominierte – denn leider ist es ja bei den meisten Literaturen schneller möglich Autoren und deren Werke ausfindig zu machen, als die von Autorinnen. Ich las Reef (2011 (erstveröffentlicht 1994), Penguin Books) und Noontide Toll: Stories (2014, Penguin Books) von Romesh Gunesekera. Ersteres gibt es auch als “Riff” in deutscher Übersetzung. Außerdem las ich Running in the Family (1993 (erstveröffentlicht 1982), Vintage) von Michael Ondaatje, besser bekannt als der Autor von “Ein englischer Patient”. Auch sein Buch wurde übersetzt (“Es liegt in der Familie”), ist zwar literarisch nicht uninteressant, da es zwischen überwiegend prosaischen und poetischen Teilen wechselt, teilweise aber fehlen die tieferen Analysen der ihn umgebenden Gesellschaft. Nicht zu Unrecht wurde dem Buch Exotismus vorgeworfen. Spannend zu lesen ist es aber in Kombination mit dem entsprechenden Kapitel in Salgados Werk, in dem sie die Feinheiten des Texts auseinandernimmt. Zuletzt wandte ich mich Funny Boy: A Novel in Six Stories (1994, Vintage) von Shyam Selvadurai zu. Selvadurai schreibt eine fesselnde Familiengeschichte, in der es um so große Themen wie Identitäten und Zugehörigkeiten, Konstruktion von ethnischen Unterschieden, politische und_oder bewaffnette Konflikte und dem Coming-of-Age eines schwulen Jungen im Colombo der 1980iger geht. Leider bisher nicht ins Deutsche übersetzt.

 

Mitbringsel von der Buddhist Publication Society

Mitbringsel von der Buddhist Publication Society

Gelesen im Internet

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Unsägliche Wahrheiten

17. September 2014 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 85 von 87 der Serie Die Feministische Bibliothek

Heng ist freie Autorin, bloggt auf Tea-Riffic und twittert unter @sassyheng. Und wird künftig öfter für uns schreiben! Juchhu! Zuletzt erschien hier ein Crosspost ihres Beitrags zu #schauhin.

Weg von den Alphamädchen, hin zu den Unsichtbargemachten: Die britische Journalistin und Autorin Laurie Penny distanziert sich in ihrem neuen Buch „Unspeakable Things“ von ausgelutschten Feminismus-Diskursen, die vornehmlich weiße, heterosexuelle Cis-Frauen aus der Mittelschicht betreffen.

„This is a feminist book. It is not a cheery instruction manual for how to negotiate modern patriarchy, with a sassy wink and a thumbs-up. It is not a charming, comforting book about sex and shopping and shoes. I am unable to write any such thing. I cannot force a smile for you. As a handbook for happiness in a fucked-up world, this book cannot be trusted.“

(Freie Übersetzung: „Dies ist ein feministisches Buch. Es ist keine aufmunternde Anleitung zur Verhandlung des modernen Patriarchats, mit einem frechen Zwinkern und erhobenem Daumen. Es ist kein entzückendes, beruhigendes Buch über Sex und Shopping und Schuhe. Ich bin nicht in der Lage ein solches Buch zu schreiben. Ich kann für euch kein Lächeln erzwingen. Als ein Leitfaden für Glück in einer abgefuckten Welt kann sich dieses Buch nicht bewähren.“)

Bereits in der Einleitung macht Penny klar, dass sie sich vom neoliberalen Feminismus distanziert, zumal er von Klassismus betroffene Frauen*, Schwarze Frauen* und Women* of Color, Sexarbeiterinnen* und alleinerziehende Mütter* nicht nur ausschließt, sondern auch weiterhin unterdrückt.

Ihr Buch ist keine Anleitung für weiße Karrierefrauen, die Ehe, Job und Kinder unter einen Hut bekommen und für ihre Leistungen als Gute Frau(tm) belohnt werden wollen. Von vermeintlich feministischen Positionen gegen Pornographie und Sexarbeit distanziert sie sich auch. Vielmehr geht es um Wut. Wut auf die verbreitete Lüge, die besagt, dass Frauen* mittlerweile alles im Leben haben können. Gemeint sind damit natürlich nur jene privilegierte Frauen. All diejenigen, die nicht in das Bild passen, werden zum Schweigen gebracht, sollen ihre Wut schlucken und an ihr ersticken. (mehr …)


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Künstlerinnen des neuen Jahrtausends

5. September 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 84 von 87 der Serie Die Feministische Bibliothek

The-Reckoning-Cover-JPG_335WMit The Reckoning – der Abrechnung – ist ein Sammelband überschrieben, der einen Blick in das Schaffen zeitgenössischer Künstlerinnen wirft. Und nicht nur der Titel gibt sich kämpferisch: Als Illustration des Covers wurde ein Standbild aus Pipilotti Rists Video-Installation Ever Is Over All aus dem Jahr 1997 gewählt. In dieser schlägt Rist mit einer blumenförmigen Metal-Stange auf Autos ein. Die Zerstörung des männlich konnotierten Statussymbols durch die Frau mit der Blume in der Hand im blauen Sommerkleid, rote Schuhe.

Im Jahr 2007 hatten die Autorinnen Eleanor Heartney, Helaine Posner, Nancy Princenthal und Sue Scott bereits den Band After the Revolution: Women Who Transformed Contemporary Art veröffentlicht. In diesem betrachteten sie (us-amerikanische) Künstlerinnen, die seit den 1960igern aktiv waren und als wegweisend mit ihren Arbeiten gelten können. Fünf Jahre später nun wollten die vier Antworten auf die Frage der Kunsthistorikerin Linda Nochlin suchen: “Nach der Revolution kommt die Abrechnung. […] Was genau wurde erreicht, was hat sich verändert?”

Insgesamt präsentieren sie dafür 25 Künstlerinnen, die sie in vier Kategorien eingeordnet haben: Bad Girls (“Schlechte Mädchen”, thematisiert werden hier vor allem Sexualität, Begehren, Objektifizierung), Spellbound (“Verzaubert”, das subversive Unterlaufen von weiblich (negativ) konnotiertem Verträumtsein, “Passiv”sein), Domestic Disturbances (“Häusliche Aufruhr/ Störungen”, Blicke in die häusliche Pshäre ) und History Lessons (“Geschichtsstunden”).

Dabei merken die Autorinnen auch bereits in der Einleitung an, dass ihnen bewusst ist, dass sich die einzelnen Künstlerinnen nicht immer ganz fein säuberlich so katalogisieren lassen, viel mehr ginge es ihnen darum (thematische) Eckpunkte aktueller feministischer Kunst aufzuzeigen. So wird jede dieser vier Sektionen mit einem Einleitungstext eingeführt, der wichtige Themen diskutiert und Verbindungen zu den künstlerischen Vorgänger_innen aufbaut. Anschließend werden die einzelnen Künstlerinnen jeweils reich bebildert vorgestellt. Die Texte sind gut verständlich geschrieben, geben Kontext, erklären Herangehensweisen und erlauben auch Kunst-Neulingen einen spannenden Einstieg in das jeweilige künstlerische Schaffen.  Sicher wäre bei einigen Porträts eine etwas kritischere Auseinandersetung wünschenswert gewesen, aber definitv ist das Buch ein super Ausgangspunkt für die Auseinandersetzungen mit aktueller feministischer Kunst, werden doch Künstlerinnen verschiedener Herkünfte, Positionierungen und künstlerischen Verortungen mit ihren unterschiedlichen Medien präsentiert und in Bezug zueinander gesetzt.

Und wenn das Buch zugeklappt wird, weiß eine auf jeden Fall mehr über: Ghada Amer. Cecily Brown. Tracey Emin. Katarzyna Kozyra. Wangechi Mutu. Mika Rottenberg. Janine Antoni. Cao Fei. Nathalie Djurberg. Pipilotti Rist. Jane und Louise Wilson. Lisa Yuskavage. Kate Gilmore. Justine Kurland. Klara Liden. Liza Lou. Catherine Opie. Andrea Zittel. Yael Bartana. Tania Bruguera. Sharon Hayes. Teresa Margolles. Julie Mehretu. Kara Walker. Und zu mindestens was diese Künstlerinnen bisher erreicht haben und wie sie weiterhin Kunst ver_ändern.

Eleanor Heartney, Helaine Posner, Nancy Princenthal, Sue Scott. 2013. The Reckoning. Women Artists of the New Millennium. Prestel. 256 Seiten.


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Ein Buch nach dem Anderen: Trauerspiele zum Deutschen Buchpreis und Poesie

1. September 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 83 von 87 der Serie Die Feministische Bibliothek

Ich könnte den ganzen Tag über Bücher, Autor_innen und Bibliotheken reden, aber leider ist das ja nicht immer möglich. Zu mindestens einmal im Monat werde ich jetzt hier mit euch teilen, welche Bücher ich aktuell gelesen habe (und ob ich sie euch weiterempfehlen würde), welche spannenden Texte im Netz rund um Literatur erschienen und auf welche Neuerscheinungen sich gefreut werden könnte.

Gelesen auf Papier

“Nach der Revolution kommt die Abrechnung. […] Was genau wurde erreicht, was hat sich verändert?” Dieser Frage – mit einem weiten Blick in die Kunstszene(n) – widmet sich der Band The Reckoning: Women Artists of the New Millenium von Eleanor Heartney, Helaine Posner, Nancy Princenthal, Sue Scott. Die vorgestellten Künstlerinnen hinterfragen weiblich-konnotierte Passivität, setzen sich mit Sexualität,  dem häuslichen Alltag und weiteren aktuellen politischen Fragen auseinander. Die Autorinnen schaffen es auch für Einsteiger_innen fesselnd die unterschiedlichen Strömungen und Herangehensweisen aufzuzeigen und zu illustrieren. (Das  Buch werde ich demnächst hier noch ausführlicher besprechen.)

Vor ein paar Jahren habe ich wieder angefangen vermehrt Poesie zu lesen – und siehe da, es gibt vieles, was mich so viel mehr anspricht als jene Verse,  durch die wir im Schulunterricht gequält wurden. Den Tod von Maya Angelou habe ich zum Anlass genommen, wieder einmal Veröffentlichungen von ihr in die Hand zu nehmen.  And Still I Rise (Virago, erstmals 1986 publiziert) beinhaltet die Bände And Still  I Rise (1976) und Shaker, Why Don’t You Sing (1983). Mit Phenomenal Woman, Life Doesn’t Frighten Me und dem titelgebenden Gedicht eigentlich die perfekte Lektüre für jeden Tag wieder und wieder. Außerdem gelesen und weiter empfehlenswert: Mural von Mahmoud Darwish mit einem Vorwort von Rema Hammami und Illustrationen von John Berger (Verso) und sowie Proxy von R. Erica Doyle (Belladonna).

Wie entscheidet sich eigentlich ob eine Kurzgeschichte von Alice Munro im New Yorker gedruckt wird? Und wie werden die Vorschüsse für Autor_innen in Verlagen berechnet? Das und mehr erzählt Daniel Menaker sehr unterhaltsam in seiner Autobiographie My Mistake (Houghton Mifflin Harcourt). Als ehemalige Faktenchecker und (Literatur-)Redakteuer des New Yorkers und leitender Angestellter verschiedener Verlage bietet er einen guten Einblick in den (us-amerikanischen) Literaturbetrieb der letzten Jahrzehnte und wirft zu mindestens auch hin und wieder einen (sicher sehr ausbaufähigen) kritischen Blick auf die weiß-männliche Dominanz.

Land is the only thing that lasts life to life. Money burns like tinder, flows off like water. And as for government promises, the wind is steadier. (Tracks, S. 33)

Land ist das einzige, was von Leben zu Leben bleibt. Geld verbrennt wie Zundholz, fließt weg wie Wasser. Und zu Regierungsversprechen – der Wind ist beständiger.

Louise Erdrich (die ich hier schon einmal ausführlicher vorstellte) schreibt in ihrem dritten Roman Tracks (Harper Perennial) von 1988 auch zum dritten Mal über die gleiche Gegend in North Dakota: die kleine Stadt Argus und das in der Nähe liegende Reservat. Zwischen 1912 und 1924 verstrickt sie tragische Familiengeschichten, magischen Realismus und den Konflikt um Land zu einer fesselnden Erzählung. Im August gewann Erdrich den Dayton Literary Peace Prize.

The Long Room (In der Bibliothek des Trinity Colleges, Dublin). Funfact: Der Raum war vielleicht oder auch nicht die Vorlage für das Jedi-Archiv in Star Wars Episode II: Attack of the Clones.

The Long Room (in der Bibliothek des Trinity Colleges, Dublin). Funfact: Der Raum war vielleicht oder auch nicht die Vorlage für das Jedi-Archiv in Star Wars Episode II: Attack of the Clones.

Gelesen im Netz

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Wenn ich dieses Jahr nur ein Buch lesen dürfte: Es wäre die Autobiographie von Janet Mock

10. Juli 2014 von Magda
Dieser Text ist Teil 82 von 87 der Serie Die Feministische Bibliothek

„Viele beschreiben den Weg einer Trans*-Person als Übergang von einem zum anderen Geschlecht, von Männlichkeit zu Weiblichkeit, vom Mann zur Frau, vom Jungen zum Mädchen. Dies stellt die komplexe Reise der Selbstentdeckung, die jenseits von Gender und Genitalien verläuft, allerdings vereinfacht dar. Mein Weg war eine Entwicklung von mir zu einem mir-noch-näher-kommen. Es ist eine Reise der Selbstoffenbarung.“ (Meine Übersetzung, Original-Zitat am Ende des Textes)

– Janet Mock (2014): Redefining Realness. Atria Books/Simon & Schuster; S. 227.

"Redefining Realness. My Path to Womanhood, Identity, Love & So Much More" - Janet Mock

Janet Mock, Aktivistin und Autorin, nimmt uns in ihrem eindrucks­vollen Buch mit auf eine Reise in ihre Vergangen­heit. Es ist ein weiter Weg des Sich-Bewusst-Werdens und des Über-sich-Hinaus-Wachsens in einer Welt, die für die Lebens­realitäten von Frauen wie Mock kaum Vorstellung besitzt und meist nur abwertende Worte übrig hat. 2011 wurde ihre Geschichte das erste Mal öffentlich erzählt – in der Marie Claire, einer Mode­zeit­schrift mit Zielgruppe „Frau“, die Mock’s Geschichte mit einem einfachen und dennoch falschen Satz betitelte „Ich wurde als Junge geboren“. Mock entschied daraufhin ihre eigene Geschichte zu erzählen, die ohne publikums­heischende Titel und ohne verein­fachte Narrative über Trans*Menschen auskommen soll.

Mit Redefining Realness hat sie dieses Buch geschrieben, das weit mehr ist als eine Aneinander­reihung von Anekdoten aus ihrem Leben: Es ist eine knall-ehrliche, überaus sympathische und analytisch brilliante Auto­biographie, in der sie „ihren Weg zu Weiblich­keit, Identität, Liebe und so viel mehr“ beschreibt.

Mock’s Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, die sie auf Hawaii, in Kalifornien und in Texas verbrachte, sind maß­geblich geprägt von Armut, Rassismus und Trans*­feindlichkeit; von sexualisierten Übergriffen, Missbrauch und der stetigen Glorifizierung von hegemonialer Männlich­keit; von ihren Erfahrungen in der Sex­arbeit und von der Präsenz starker Frauen mit unbändigem (Überlebens-)Willen, engen Freund_innenschaften und Kopf-durch-die-Wand-Entscheidungen. Steter Ausgangs­punkt: Der eigene Körper, die eigenen Kämpfe.

Auf etwas mehr als 250 Seiten präsentiert Mock eng verknüpft mit ihrer Lebens­geschichte eine Gesellschafts­analyse, die die mit­einander verwobenen Macht­verhältnisse leicht verständlich erklärt und diskutiert, ohne die individuelle Handlungs­fähigkeit aus dem Blick zu verlieren. Mock verschmilzt ihre bisherige Lebens­geschichte und ihre Visionen mit Schwarzen feministischen Theorien und nimmt immer wieder Bezug auf Autor_innen und Aktivist_innen wie zum Beispiel Audre Lorde oder Zora Neal Hurston. Und Jugend-Freund_innen wie Wendi Miyake, Make-Up-Artistin und Inspiration für Mock.

Mock stellt ihre Erfahrungen in einen gesellschaftlichen Kontext und verweist stets auf die Situation von queeren Jugendlichen (of Color) in den USA, deren Leben nicht selten geprägt sind von Obdach­losigkeit, Diskriminierung, Suizid, wenig Unter­stützung von der Herkunfts­familie oder unzureichender Gesundheits­vorsorge. Mock zentriert ihre und die Erfahrungen anderer (Ressourcen-)armen Trans*-Frauen of Color und bietet unentwegt Perspektiv­wechsel an. So wirft sie viele Frage auf: Wie kann es sein, dass Frausein an bestimmte Genitalien geknüpft wird? Wie strukturiert Gesellschaft Lebens­realitäten und Entscheidungen, die Menschen machen (müssen)? Was und wer gilt als “real” und warum?

Janet Mock ist einfach verdammt gut darin, den Dingen auf den Grund zu gehen. Als Autorin und als Aktivistin. Nach dutzenden Interviews anlässlich ihrer sensationellen Buch­erscheinung, in denen sie ständig mit (privaten und grenz­über­schreitenden) Fragen zu ihrem Körper und ihrem “Outing” konfrontiert war, drehte sie einmal den Spieß um und fragte eine Reporterin, wann sie sich eigentlich als cis*-Person geoutet hatte.

Das Buch ist ein Geschenk, und zwar nicht nur für Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Es ist eine berührende Geschichte, ein beein­druckendes Bildungs­angebot. Wenn ich dieses Jahr nur ein Buch lesen dürfte – es wäre dies.

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„People often describe the journey of transsexual people as a passage through the sexes, from manhood to womanhood, from male to female, from boy to girl. That simplifies a complicated journey of self-discovery that goes beyond gender and genitalia. My passage was an evolution from me to closer-to-me-ness. It’s a journey of self-revelation.“


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Louise Erdrich – Einer Schriftstellerin zum 60. Geburtstag

13. Juni 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 81 von 87 der Serie Die Feministische Bibliothek

The only time I see the truth is when I cross my eyes. (The Last Report on the Miracles at Little No Horse)

Am letzte Wochenende konnte die Schrifstellerin Louise Erdrich ihren 60. Geburtstag feiern – ein guter Anlass um sie auch hier als Teil unserer “Feministischen Bibliothek” vorzustellen. Erdrich wurde am 07. Juni 1954 in Little Falls, Minnesota, geboren und wuchs in North Dakota auf, wo beide ihrer Eltern als LehrerInnen arbeiteten. Sie ist eingetragenes Mitglied der Turtle Mountain Band of Chippewa Indians. Als sie 1972 am Dartmouth College Englisch anfing zu studieren, gehörte sie zu den ersten zugelassenen Studentinnen. Im gleichen Jahr wurde außerdem am College ein Native American Studies Programm neueingerichtet, in dem sie Kurse besuchte. Im Jahr 1979 schloss sie dann einen Master im kreativen Schreiben an der Johns Hopkins Universität ab.

Zu schreiben hatte sie aber schon viel früher begonnen. Bereits als Kind verfasste sie Geschichten und wurde gerade durch ihren Vater dazu angehalten: Für jede Geschichte ‘zahlte’ er ihr einen Nickel. Seit 1984 hat sie neben Gedichtbänden, Kurzgeschichten und Non Fiction ganze 14 Romane veröffentlicht. In einem (sehr lesenswerten) Interview mit The Paris Review sagte Erdrich im Jahr 2010:

It didn’t occur to me that my books would be widely read at all, and that enabled me to write anything I wanted to. And even once I realized that they were being read, I still wrote as if I were writing in secret. That’s how one has to write anyway—in secret.

(Meine Übersetzung: Ich kam gar nicht darauf, dass meine Bücher von vielen gelesen würden, und das hat es mir ermöglicht alles zu schreiben, was ich wollte. Und als ich dann realisierte, dass sie gelesen werden, habe ich einfach weitergeschrieben, als würde ich im Geheimen schreiben. So sollte man überhaupt schreiben – im Geheimen.)

In ihren Büchern schafft es Erdrich Geschichten zu erzählen, die politisch und poetisch sind. Es gibt Figuren, die immer wieder in den Romanen auftauchen – mal im Zentrum stehend, mal als Nebenfiguren, mal nur ganz aus der Ferme – und so fühlt sich das Aufschlagen eines Buchs von ihr oft so als, als kehre man als Leser_in zurück. Besonders eindrücklich auch ist Erdrichs Erzählweise, die eine Reihe von Perspektiven eröffnet und wo sich häufig erst aus dem Kollektiv der Erzählstimmen nach und nach ein Bild zusammensetzt. So erhalten bei ihr gerade auch Figuren Stimmen, über die sonst aus kolonialisierter Perspektive gesprochen und geschrieben wird. Dabei schafft sie komplexe Charaktere, die vielgestaltig sind und Stereotype aufbrechen. Gerade ihre vielen Frauenfiguren vergisst eine nicht so schnell.

Und auch wenn sie diese Romane immer noch wie “im Geheimen” schreibt, so sind sie doch im englischsprachigen Raum mittlerweile kein Geheimnis mehr. Im November 2012 gewann sie für ihren Roman The Round House, in dem es zentral um sexualiserte Gewalt gegen Native American Frauen geht, den National Book Award for Fiction. Nicht nur haben diesen bisher kaum Autorinnen erhalten, auch war sie die erste Native American Autorin, die den Preis zugesprochen bekam.

Louise Erdrich richtet sich nicht nur an erwachsene Leser_innen, sondern verfasste bis heute auch sechs Kinderbücher, in denen sie ebenfalls Native American Figuren in den Mittelpunkt zu stellen und deren Geschichten zu erzählen. In Minneapolis besitzt Erdrich darüber hinaus einen Buchladen, der spezialisiert ist auf Native American Bücher sowie Kunst und Schmuck.

What happens when you let an unsatisfactory present go on long enough? It becomes your entire history. (The Plague of Doves)

Einstiegstipp: Ich empfehle hier bei den Romanen einfach chronologisch vorzugehen und mit The Love Medicine zu beginnen.


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“We are many, they are few!” – Von Percy Shelley zu Pauline Newman

1. Mai 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 80 von 87 der Serie Die Feministische Bibliothek

Verso_978_1_78168_098_8_Masks_of_Anarchy_300dpi_CMYK_SiteAnlässlich des 1. Mai möchte ich das Buch Masks of Anarchy. The History of a RADICAL POEM, from Percy Shelley to the Triangle Factory Fire vorstellen, welches zwei Lebensgeschichten verbindet und dabei politische Kämpfe verschiedener Jahrhunderte (und an verschiedenen Orten) verknüpft. In dem von Michael Demson geschriebenen und von Summer McClinton illustriertem Comic  wird in wechselnden Kapiteln zu Percy Shelley und Pauline Newman erzählt.

Shelley (4. August 1792 – 8. Juli 1822) war ein bedeutender englischer Dichter, der zu Lebzeiten immer wieder aufgrund seiner radikalen politischen Äußerungen verfolgt wurde, und dessen schrifstellerisches Werk tatsächlich erst nach seinem Tod wirkliche Bedeutung erlangte. Im Jahr 1819 schrieb er das titelinspierende Gedicht “The Masque of Anarchy“. Dieses war eine Reaktion auf das sogenannte Antwort Peterloo Massaker in Manchester. Dort hatten sich am 16. August 1819 zehntausende von Protestierende zusammengefunden um eine Repräsentation im politischen System einzuforden. Auslöser dafür waren auch die verherrenden ökonomischen Umstände, eklatante Lohnkürzungen in den Webereien, Arbeitslosigkeit und der Anstieg von Essens-Preisen. Kurz nach dem Beginn der Kundgebung auf dem St Peter’s Field stürmte das Militär mit gezückten Waffen in die Masse. Es starben 15 Menschen, mehrere Hundert wurden verletzt. Shelley befand sich zu dieser Zeit außer Landes, die Ereignisse bestürzten ihn und inspirierten ihm zu seinem Gedicht. Dieses wurde aber zunächst veröffentlicht: Zu radikal, zu aufrührend. Es erschien 1832.

Newman (18. October 1887 – 8. April 1986) floh als Kind mit ihrer Familie in die USA, nachdem ihr Vater, ein Rabbi, 1896 im heutigen Litauen umgebracht wurde. Ab ihrem 9. Lebensjahr arbeitete sie in Fabriken in New York. Mit 11 kam sie in die “Triangle Shirtwaist Factory”, wo sie nach und nach politisch aktiver wird und beginnt Frauen zu organisieren. Sie liest die Jewish Daily Forward, eine sozialistische Zeitung auf Yiddisch, und kommt der Sozialistischen Partei nah. Im Jahr 1907 ist sie kein unbeschriebenes Blatt mehr, die New York Times betitelt sie gar als neue Joan of Arc.  Immer ist sie an den Grenzen und Überschneidungen der – männlich dominierten – Arbeiter(_innen)bewegung und einer feministischen Bewegung, die Arbeiterinnen kaum mit betrachtet, unterwegs. Oft dabei: Das Gedicht von Percy Shelley, welches sie wieder und wieder vorträgt, sich durch dieses inspirieren lässt und mit anderen diskutiert. All ihre Aktionen und Verknüpfungen allein könnten Stoff für eine vielbändige Comic-Reihe geben, hier wird sich auf einen kleineren Ausschnitt begrenzt, der seinen “Höhepunkt” findet beim Brand in der Triangle Shirtwaist Factory am 25. März 1911 bei dem 146 Arbeiter_innen ums Leben kamen – unter anderem weil die Türen zu den Produktionsräumen von außen verschlossen waren. (Wie aktuell dieses Thema bis heute ist und wie wichtig weiterhin diese Kämpfe erschließt sich schon bei einem einfachen Gedanken an das “Rana-Plaza-Unglück” vor gut einem Jahr.) Newman, die eben gerade für die Verbesserung der Arbeitsbedingen in diesen Fabriken kämpfte, verlor bei dem Brand viele Freund_innen und Mitstreiter_innen.

“Miners of Kalamazoo! We are many… they are few!”

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Büchertipps für den nächsten Parkbesuch

29. April 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 79 von 87 der Serie Die Feministische Bibliothek

Eigentlich findet ihr an dieser Stelle eher Besprechungen von Büchern. Heute aber werfe ich einfach mal fünf Titel in den Raum, die ich bisher auch noch nicht (vollständig) gelesen habe, die es sich aber entweder schon auf meinem Lese-ich-aktuell-Stapel gemütlich eingerichtet haben, oder die ganz oben auf meiner sonstigen Leseliste stehen. Schließlich schreit das Wetter danach sich ein paar Bücher zu schnappen und in den Park/ ans Wasser zu legen. Jedenfalls in meiner idealen Welt.

Die Romane an sich sind nicht unbedingt explizit feministisch. Diese Auflistung hier möchte aber einen Teil dazu beitragen Schriftstellerinnen in den Fokus zu rücken; den Kanon etwas aufzurütteln, der bis heute ja vorangig aus weißen europäischen und nord-amerikanischen Männern besteht.

Helen Oyeyemi – Mr Fox (2011) Oyeyemi ist erst 1984 geboren – Mr. Fox allerdings schon ihr vierter veröffentlichter Roman. Das Buch dreht sich um einen Autor, der seinen Heldinnen meist kein “Happy End” verpasst, sich dann aber in eine seiner Figuren verliebt. Klassische Liebesgeschichten interessieren mich meistens weniger, Bücher über Bücher mit Buchfiguren, die zu Leben erweckt werden, haben aber immer gleich mal mein Interesse. Ich bin gespannt, wie Oyeyemi diesen Stoff verarbeitet hat und ob sie an den gefährlich nahenden Klischees vorbeischiffen kann.

Noch nicht auf deutsch erschienen. Aber es gibt die Vorgänger-Romane “Das Ikarus-Mädchen” und “Das Irgendwo-Haus”.

Maaza Mengiste – Beneath the Lion’s Gaze (2010) Der Roman setzt ein im Jahr 1974. Kurz vor der äthiopischen Revolution. Die Brüder Yonas und Dawit reagieren ganz unterschiedlich auf diese Ereignisse – der eine sitzt im Gebetsraum und bettet für Frieden und ein Ende der Gewalt, der andere hat sich der Widerstandsbewegung angeschlossen. Und dann ist da auch noch der Vater, der einem Opfer staatlicher Folter hilft und dafür ins Gefängnis soll. Mengiste spinnt eine Familiengeschichte, die mich bereits auf den ersten Seiten aufgrund der Anlage vieler spannender Figuren begeisterte.

Auf deutsch als “Unter den Augen des Löwen” 2013 im Verlag das Wunderhorn erschienen.

Tayie Selasi – Ghana Must Go (2013) Stefanie hat auf Afrika Wissen Schaft bereits eine Rezension zu dem Buch veröffentlicht und war ziemlich begeistert. Auch hier handelt es sich um eine Familiengeschichte, in der der Vater, wie in Mengistes Roman, Arzt ist. Selasi beschreibt das Auseinanderbrechen und Zusammenfinden einer Familie, Fragen von Migration und Anerkennung.  Ich bin mit dem Beginn zu mindestens noch nicht ganz warm geworden: Einerseits will ich – wenn ich am Buch sitze – wirklich gern wissen, was passiert und finde die Schreibweise interessant. Aber wenn ich das Buch nicht in der Hand habe, reizt mich auch nicht so viel es wieder in die Hand zu nehmen. Es steht trotz allem oben auf meiner Liste.

Auf deutsch als “Diese Dinge geschehen nicht einfach so” 2013 bei Fischer erschienen.

NoViolet Bulawayo – We Need New Names (2013) Shortlist beim Man Booker Prize, Shortlist beim Guardian First Book Award und dann Gewinner des Etisalat Prize for Literature. Das sind nur einige der Auszeichnungen, die die simbabwische Autorin Bulawayo mit ihrem Debüt-Roman bisher sammeln konnte. Eine Coming-of-Age-Geschichte im Kontext von Migration, die ich schon seit Monaten auf meinem Lesestappel liegen habe: “We hid our real names, gave false ones when asked. We built mountains between us and them, we dug rivers, we planted thorns- we had paid so much to be in America and we did not want to lose it all.“ [“Wir haben unsere echten Namen versteckt, gaben falsche an, wenn wir gefragt wurden. Wir haben Berge zwischen uns und sie gebaut, wir haben Flüsse gegraben, wir haben Dornen gepflanzt – Wir hatten soviel bezahlt, um in Amerika zu sein und wir wollten nicht alles verlieren.”]

Bisher leider noch nichts in deutscher Übersetzung erschienen.

Adaobi Tricia Nwaubani – I Do Not Come To You By Chance (2009) Eine Thema, welches ich bisher kaum in der Literatur behandelt gesehen habe: Scam Emails. Spontan fällt mir nur Petina Gappahs Kurzgeschichte “Our Man in Geneva” ein, aber dort ging es um einen Protagonisten, der auf eine Scam-Mail reinfiel. In dem Roman von Nwaubani wird die andere Seite beleuchtet: Eine junger Nigerianer mit Problemen seine Familie finanziell zu unterstützen ruscht in das Scam-Mail-Geschäft. Der Roman wurde 2010 als bester afrikanischer Debüt-Roman mit dem Commenwealth Writers’ Prize ausgezeichnet.

Auf deutsch als “Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy” 2011 beim dtv erschienen.

Der Text wurde bereits in etwas anderer Form bei Afrika Wissen Schaft veröffentlicht.


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Blau ist eine warme Farbe

23. April 2014 von Magda
Dieser Text ist Teil 78 von 87 der Serie Die Feministische Bibliothek

Eine Begegnung, ein Lächeln – um die Schülerin Clementine ist es geschehen. Doch wer eine kitschige Liebes­geschichte mit flatternden rosa Herzen erwartet, wird von “Blau ist eine warme Farbe” auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

blau ist eine warme farbe

Die Graphic Novel der französischen Zeichnerin Julie Maroh ist düster und beklemmend. Nur ab und zu sticht das Blau durch die sonst farblich gedeckten Zeichnungen – die blauen Haare von Emma, das blaue Tage­buch von Clementine. Die Kunst­studentin Emma wird zu Clementines großer, einziger Liebe; die Tage­buch­einträge führen durch ihre Geschichte, die rück­blickend erzählt wird. Als Emma am Anfang der Erzählung Clementines Tage­buch in der Hand hält, sind bereits viele Jahre seit der ersten Begegnung ver­gangen und Clementine bereits gestorben.

Das Original “Le Bleu est une couleur chaude” wurde 2010 ver­öffentlicht und seitdem in elf Sprachen übersetzt. Es ist eine einfühlsame, ehrliche Erzählung über zwei junge Frauen, die ohne beschönigende Schnörkel auskommt: Unsicher­heiten, Verzweiflung, kurze Momente des Glücks, Verletzungen, Erwachsen­werden und Homofeindlichkeit. Im Mittelpunkt steht der Alltag junger Menschen, die jenseits von hetero begehren, inklusive der harten Realität des Verstoßen­werdens von den eigenen Eltern, Mobbing in der Schule. Aber da sind auch die wichtigen Momente des Zusammen­halts, der Freund­schaft.

Ich habe die englisch­sprachige Version des Buches in wenigen Stunden verschlungen. Es ist ein bedrückendes Buch, weil der Tod und der Schmerz so dominieren. Aber es berührt, gerade weil Zuneigung in diesem Buch so komplex, so ehrlich beschrieben wird.

Die Graphic Novel unterscheidet sich im übrigen sehr vom gleich­namigen Film, der im letzten Jahr in Cannes die goldene Palme gewann. Julie Maroh, die in ihrem knapp 160-seitigem Werk nur auf wenigen Seiten explizite sexuelle Handlungen darstellt, kritisiert auf ihrem Blog die heteronormative Ästhetik der wohl an ein hetero-Publikum gerichteten langen und ausgiebigen lesbischen Sex­szenen im Film.


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