Lesbisch_queere Bücherwelten: Ländliche und weitere Trans-Realitäten

29. Januar 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 93 von 93 der Serie Die Feministische Bibliothek

Zwiespältig: Rose Tremains Gesellschaftsportrait „Die Verwandlung der Mary Ward“.

Mit dem englischsprachigen Original „Sacred Land“ veröffentlichte die (soweit bekannt: Nicht-Trans-)Bestseller­autorin Rose Tremain 1992 einen Roman, der kurz darauf ins Deutsche übersetzt wurde. In queerer Forschung fand das Buch Anerkennung für die Repräsentation queerer Männlichkeit. Nun wurde das Buch erneut auf Deutsch verlegt, unter dem Titel Die Verwandlung der Mary Ward.

Der Buchtitel täuscht in mehrerer Hinsicht: Denn Mary Ward versteht sich seit ihrem_seinem sechsten Lebensjahr, und hier setzt die Erzählung an, als Martin. Erste Zeugin dieser Selbst­erkenntnis ist Martins Perlhuhn Marguerite, das Martins zunehmend gewalt­tätiger und alkoholisierter Vater später töten wird. Es ist Martins – oder zu Beginn vielleicht: Mary_Martins – Geschichte, die der Roman erzählt. Zudem, das ist die zweite Täuschung des Buchtitels, ist seine_ihre Geschichte nur eine von vielen. Darin liegt durchaus eine Stärke des Buches: Tremain zeichnet anhand mehrerer Charaktere ein kleinstädtisch-weißes Gesellschafts­portrait Großbritanniens seit den 1950er Jahren. Sie liefert Einblicke in Lebens­konzepte und Alltag zwischen gesellschaftlichen Zwängen, Resignation, Emanzipation und Auflehnung. Martin Ward wird nicht zum ‚Anderem‘ stilisiert, sondern als eine von mehreren Personen und Männlich­keiten repräsentiert, die darum kämpfen, zu überleben, Zwängen zu entfliehen und ein selbstgewähltes Leben zu führen.

Die Überzeugung, dass eine Zukunft als Martin auf sie_ihn wartet, verleiht ihr_ihm die Kraft, einem einengenden und zunehmend gewaltvollen Herkunfts­umfeld zu entfliehen. Martin findet UnterstützerInnen, zieht in eine Großstadt, lebt und zeigt sich mehr und mehr als Martin. Dem Medizin­system, das auf geschlechtliche Vereindeutigung aus ist – im Sinne einer zu vollendenden Männlichkeit –, wird er mit einer guten Portion Skepsis, Einfalls­reichtum und Wider­ständigkeit begegnen.

Neben Mary_Martins Leben erzählt Tremain die Geschichten weiterer Personen aus ihrer_seiner Heimatstadt. Da wäre etwa Estelle, Mary_Martins Mutter, die dem Leben mit ihrem alkohol­abhängigen und zunehmend gewalttätigen Ehemann Sonny durch Aufenthalte in einer psychiatrischen Einrichtung zu entfliehen versucht. Oder Walter, dessen Familien­tradition vorsieht, dass er die Metzgerei seiner Eltern übernimmt – der aber am liebsten mit seinem Onkel Pete Country Music hört und vom Auswandern in die USA träumt. Oder der Zahnarzt Gilbert, der mit seiner Mutter zusammen in einem Haus lebt, das immer näher an die Klippen rückt, und der eine Affäre mit Walter beginnt …

Die meisten Biografien sind über weite Strecken bedrückend: Die Protagonist_innen sind eingezwängt in ein Leben und Umfeld, das ihnen nicht behagt und nicht bekommt. Doch einige von ihnen werden ihren Wünschen und Träumen doch noch folgen, mal radikal, mal ein Stückweit und in kleinen Schritten.

Politische Schwachstellen verstecken sich in vereinzelten Sätzen oder Halbsätzen, die deshalb so ärgerlich sind, weil es ein Leichtes gewesen wäre, sie auszuräumen. Da ist das Klischee vom lispelnden schwulen Zahnarzt, der bei sämtlichen (!) männlichen Patienten die Behandlung länger ausdehnt als nötig; da ist die Andeutung einer sexistischen Blickweise Martins auf Frauen und von gewaltvoll-sexualisierter Grenz­verletzung; da sind die rassistischen und kolonialistischen Denkmuster einzelner Protagonisten. Manches davon mag im Sinne eines realistischen Gesellschafts­portraits Sinn machen. Das Wohlwollen jedoch, mit dem Rose Tremain ihre Figuren zeichnet – über weite Strecken eine Stärke des Romans –, droht hier bisweilen in eine Verharmlosung gewaltvoller Realitäten zu kippen.

Tremains Erzählweise ist detailliert, ihre Charaktere sind originell, es gelingt ihr offenbar mühelos, viel­schichtige und sich fort­entwickelnde Biografien zu erzählen. Was der Roman indes nur bedingt bietet, sind Identifikation und emotionales Berührt­werden. Das muss nicht zwangsläufig schlecht und kann durchaus so gewollt sein. In diesem Fall aber verlor ich beim Lesen zunehmend das Interesse – anstatt mich in den Geschichten der Protagonist_innen zu verlieren. Es bleibt ein distanziertes Verhältnis zwischen den Leser_innen und den Protagonist_innen des Buches: Gleichwohl er ohne Pathologisierungen und Voyeurismus auskommt, ist es ein Blick von außen, ein beobachtender Blick, kein identifikatorischer.

 

 

 

 

 

 

 

Im vergangenen Jahr sind viele weitere und überzeugendere Trans-Bücher Bücher erschienen, die unterschiedliche Lebenswelten von Trans-Menschen thematisieren (*siehe Kommentar von yori) – und das heißt auch: aus Trans-Perspektive. Zum Beispiel: die auf der Mädchenmannschaft bereits vorgestellte Auto­biografie „Redefining Realness. My Path To Womanhood, Identity, Love & So Much More“ von Janet Mock (hier findet ihr eine Paneldiskussion mit Schwarzen Künstler_innen und Aktivist_innen inklusive Janet Mock und bell hooks zu Rassismus, Feminismus, Ökonomie …); der ebenfalls bereits rezensierte Sammelband „Begegnungen auf der Trans*fläche“, mit 76 Zeichnungen und Kurzgeschichten aus einem transnormalen Alltag; oder der sehr umfangreiche und thematisch breite Informationsband „Trans Bodies, Trans Selves. A Resource for the Transgender Community von und für Trans-Personen.

Im frischen neuen Jahr 2015 wird das autobiografische Buch Goodbye Gender (Vorschau) der kanadischen Trans-Künstler_innen Rae Spoon und Ivan E. Coyote erscheinen. Im Moment ist Rae Spoon übrigens auf Europatournee und performt dabei auch in verschiedenen Städten der BRD (Website von Rae Spoon mit Tourdaten).


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Nudeldicke Deern. Free your mind and your fat ass will follow

19. Januar 2015 von Magda
Dieser Text ist Teil 92 von 93 der Serie Die Feministische Bibliothek

Anke Gröner ist ein bisschen so wie die große Schwester, die ich mir immer gewünscht habe (aber leider nie hatte). Nachdem die Bloggerin an einem fünftägigen Food-Coching teilnahm, hatte sie viele Erkenntnisse – und verarbeitete diese 2011 zu einem Buch. Mit „Nudeldicke Deern. Free your mind and your fat ass will follow“ hat Anke ein über 200-seitiges Manifest für das gute Leben verfasst, in dem sie grundlegend drei Tipps an die Hand gibt: „Mach keine Diät, iss gutes Zeug (…) Hör auf, andere Frauen zu beurteilen“ (S. 187).

Nudeldicke Deern CoverUnd wie es bei Schwestern so ist, würden wir uns sicherlich auch mal so richtig zoffen. Mal malte ich dicke Herzen an den Rand des Buches, zum Beispiel als Anke beschreibt, wie sie nachts im engen Glitzerkleid und mit wehendem Armfett als Fat Wonderwoman über Deutschland fliegt und dicken Frauen im Schlaf Komplimente macht (vielleicht ist das eine Phantasie, aber was tut das schon zur Sache!!).

Mal schnaubte ich beim Lesen genervt, z.B. wenn irgendwelche Mutmaßungen darüber angestellt werden, warum Menschen dick werden (Ursachenforschung wird ja immer nur dann betrieben, wenn mensch das vermeintlich „Anormale“ erklären möchte). Ärgerlich ist auch, wenn einerseits mit Ernährungsmythen aufgeräumt wird (yeah!) und im nächsten Moment doch wieder die alte Mär des „guten“ und „schlechten“ Essens wiederholt wird: Fertigprodukte immer doof. Teurer Biowein, teurer Fisch oder ausgefallenes Öl immer toll. In einem Brief, den Anke Gröner meinem Rezensionsexemplar beilegte, schreibt sie reflektierend: „Inzwischen bin ich deutlich gelassener geworden, was Lebensmittel angeht. Beim Thema Diäten und Dickenhass bin ich allerdings noch genau da, wo ich 2011 war, als ich das Buch schrieb“.

Und genau da liegt die absolute Stärke des Buches, der den zweiten und weitaus größeren Teil von „Nudeldicke Deern“ ausmacht: Anke diskutiert, wem Diäten nützen (nämlich der milliardenschweren Diätindustrie und deinem erhöhten Stresspegel), welche Gesundheitsmythen existieren und was Selbstakzeptanz für sie im Alltag bedeutet. Sie gibt hilfreiche Tipps für Kleidungsgeschäfte, Rezepte und Blogs zu Essen und Körperakzeptanz. Und genau deshalb mag ich das Buch so gerne. Anke lässt uns teilhaben an ihrem persönlichen Prozess, in dem sie lernt ihren Körper und sich selbst besser anzunehmen und eine Ernährungsweise findet, mit der sie sich wohl fühlt. Sie gibt dabei sehr viel preis von sich, stilisiert sich aber nicht zum Maß aller Dinge. Das macht sie und das Buch sehr sympathisch. Passenderweise schreibt Anke am Ende des Buches: „Hör nicht auf mich. (…) Hör nur auf dich, denn du weißt am besten, was dir guttut.“ (S. 212).

Anke Gröner (2011): Nudeldicke Deern. Free your mind and your fat ass will follow. Rowohlt Taschenbuch Verlag.


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Lesbisch_queere Bücherwelten: Lesbengeschichte(n)

13. Januar 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 91 von 93 der Serie Die Feministische Bibliothek

Heute lege ich euch einige biografische Bücher ans Herz, die (vergangenes) lesbisches Leben und/oder das politische Engagement von Lesben würdigen.

Johanna Elberskirchen (1864-1943) war proletarisch-kleinbürgerlicher Herkunft, politisch klar links und äußerst aktiv: Sie war in der Sozialdemokratie engagiert, im radikalen linken Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung und als offen lebende ‚Homosexuale‘. Das detailreiche und zugleich fesselnd geschriebene Sachbuch Keine Tochter aus gutem Hause: Johanna Elberskirchen (1864 – 1943) von Christiane Leidinger lässt nicht nur Leben und politisches Wirken Elberskirchens, sondern umfassend auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und politischen Kämpfe der Zeit greifbar werden: von den Anfängen des ‚Frauenstudiums‘ über Sozialdemokratie, ArbeiterInnenbewegung und die bürgerliche und proletarische Frauenbewegung bis hin zum Nationalsozialismus.

 

In einer Mischung aus Sachbuch und Fiktion erzählt Die Geschichte der Sidonie C. (1900-1999) von Ines Rieder und Diana Voigt die fast 100-jährige Lebensgeschichte von Sidonie C., einer berühmten lesbischen Patientin Sigmund Freuds. Nach den Freud’schen Therapiesitzungen trifft sich die aus dem Großbürgertum stammende Lesbe heimlich mit ihrer Angebeteten – um über Freud zu lästern. An Klassenerhalt orientiert, aber vor allem politisch desinteressiert, flüchtet sie – katholisch getauft, aber mit jüdischen Wurzeln – erst sehr spät aus dem nationalsozialistischen Wien. Packend geschrieben und lehrreich obendrein, lässt die zwei Weltkriege umfassende Biografie (nicht nur) lesbisches Begehren zwischen Heimlichkeit, Selbstverständlichkeit und Sanktionen lebendig werden.

 

Keine lesbische Biografie im engeren Sinne, aber ein wunderbares Bewegungsbuch, das eben auch Leben und Engagement Audre Lordes (1934-1992) würdigt: Euer Schweigen schützt euch nicht. Audre Lorde und die Schwarze Frauenbewegung in Deutschland, herausgegeben von Peggy Piesche. Der Sammelband präsentiert eine schöne Auswahl an Gedichten, Aufsätzen und Gesprächen von und mit Audre Lorde, die durch ihre Berlin-Aufenthalte, ihre Lesungen in ost- wie westdeutschen Städten, ihre Vorträge und Workshops, ihren Aktivismus und ihr Schreiben eng verbunden ist mit der Entstehung der hiesigen Schwarzen (Frauen-)Bewegung. Zugleich zeichnet der Band die Anfänge und die Entwicklung der Schwarzen Frauen-/Lesbenbewegung in der BRD auf sehr lebendige Weise nach: in Gesprächen, Prosatexten und Gedichten. Zu Wort kommen damalige und gegenwärtige Aktivistinnen, Denkerinnen und Dichterinnen of Color, viele davon lesbisch.

Zum Schluss will ich euch noch rasch aufmerksam machen auf Von-mir-noch-nicht-Gelesenes-aber-Vielversprechendes. Erstens: Pregnant Butch. Nine Long Month Spent in Drag, eine neue autobiografische Graphic Novel zum Thema queere Elternschaft. Die Zeichnungen von A.K. Summers sind inspiriert durch ihre eigenen Erfahrungen als schwangere Butch. Diesen einmaligen und vielversprechenden Fund will ich euch nicht vorenthalten, Leseproben sind hier zu finden.

Und zweitens: Die erste Programmvorschau des neu gegründeten Verlags w_orten & meer. verlag für antidiskriminierendes handeln ist raus. Sie verspricht Analytisches und Kritisches, Empowerndes, Persönliches und Poetisches: zu Kämpfen, Glück und Leben jenseits, nach, zwischen, ohne Gender und zu Rassismus an deutschen Hochschulen. Im Frühjahr ist es soweit. Bis dahin: gespannt sein und vorfreuen.


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Ein Buch nach dem anderen: 2014, das Jahr der Essays

9. Januar 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 90 von 93 der Serie Die Feministische Bibliothek

Auf Papier gelesen

Wenn es an einem im letzten Jahr nicht mangelte, dann an Essay-Bänden von Autorinnen. Und vor allem auch Essaybände, die in den Literaturspalten (der englischsprachigen) Medien rauf- und runterbesprochen wurden und nicht nur verstaubt in der hintersten Ecke kleiner spezialisierter Bücherläden verblieben. Welche ich las:

Am 19. März erschien You Feel So Mortal: Essays on the Body von Peggy Shinner. In ihren zwölf Essays wendet Shinner in vielen Vignetten ihren Blick auf den eigenen Körper – und den Körpern anderer und wie diese alle in kulturellen Kontexten eingelesen, bewertet und gefasst werden. In einem Beitrag beginnt sie von ihrem komplizierten Verhältnis zu ihren Füßen aus eine Geschichte der Zuschreibungen bestimmter körperlicher Merkmale zu Jüd_innen und die einhergehende Abwertung. In anderen Texten widmet sich sich BHs, Schönheitsoperationen, Haaren und Autopsien. Sicher gibt es in dem Band auch Leerstellen zu Körperwahrnehmungen und Vorstellungen (schon allein, da Shinner ihr Erleben immer als Ausgangspunkt wählt), doch ist ihre dezidiert weiblich_jüdische_lesbische Perspektive auch ihre Stärke.

Nur zwei Woche später, erschien am 01. April The Empathy Exams von Lelsie Jamison, eine der schönsten Essay-Sammlungen, die ich bisher las. Jamison nähert sich in allen Texten auf ganz unterschiedliche Weise Fragen nach Empathie und der Un_Möglichkeit des Nachfühlens. Im titelgebenden und auch erstem Essay schreibt sie über ihre Erfahrungen als “medical actor”, als Schauspielerin, die für angehende Ärtz_innen in Examen Patientin mit allerhand Krankheiten und Schmerzen spielte. Im abschließenden (und vielleicht herausragensten) Essay schreibt sie dann über ‘tatsächlichen’ Schmerz und zwar Schmerz von Frauen, dabei fragt sie, wie es möglich ist über Schmerzen zu sprechen ohne immer wieder in die kulturellen Tropen der “schwachen, leidenden Frau” zu verfallen – und wenn das nur so schwer möglich ist, darf das ein Grund sein gar nicht über Frauen und Schmerz zu sprechen? (Jamison hat zu mindestens auf die letzte Frage eine klare Antwort: Nein.)

Rebecca Solnit wird häufig als die Erfinderin des Begriffs “mansplainer” benannt. Am 20. Mai erschien der Band Men Explain Things To Me, inklusive eben jenes Essays, welcher zu der Zuschreibung führt – und stellt auch noch einmal klar: Nein, den Begriff habe sie nicht erfunden. Aber ihr Essay ist natürlich trotzdem ein perfektes Paradebeispiel für’s mansplainen. In den anderen Texten schreibt sie über Gewalt gegen Frauen, Virgina Woolf und die Öffnung der Ehe. Das ist mal spannender, kreativer (Woolf) und mal leider eher oberfächlich (Ehe).

Und für alle die Popkultur und feministische Theorien gleichermaßen lieben, veröffentlichte am 05. August Roxane Gay endlich Bad Feminist. Gay hat beschlossen eine “schlechte Feministin” zu sein, damit meint sie in erster Linie Ambivalenzen auch einmal hinzunehmen. Von einem Podest, auf welches in größerer Öffentlichkeit agierende Feministinnen, könne eine eh nur schnell herunterfallen, darum steht sie nicht nur zum Unperfekten, sondern schließt dieses gleich in die Arme. Das Buch chargiert zwischen Rezensionen, Essays und Memoiren, zwischen viel Humor und Ernsthaftigkeit. Gay schreibt wie sie als Schwarze queere dicke Frau, als Kind haitianischer MigrantInnen in den USA, aufwuchs und durch den Alltag navigiert. Sie berichtet von ihren Erfahrungen im fat camp als Kind, sexualisierter Gewalt und warum sie auch mal zu Songs tanzt, von denen sie weiß, dass sie sie aus feministischer Perspektive ganz und gar nicht gut finden kann. Ein Buch, welches sich vor allem auch aufgrund der Schreibweise, für Einsteiger_innen in all diese Themen eignet.

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Lesbisch_queere Bücherwelten: Heteronormativität, Weltraum und Gentrifizierung

15. Dezember 2014 von Julia
Dieser Text ist Teil 89 von 93 der Serie Die Feministische Bibliothek

Julia Roßhart ist Lektorin für feministischen, lesbischen und queeren Text und promoviert zu anti-klassistischen Interventionen in der Frauen-/Lesben­bewegung der BRD. Zur Erholung liest sie Fiktionales. Und gärtnert. Julia verschlingt lesbisch_trans_queere Neu­erscheinungen – Belletristik! – und schreibt bereits Empfehlungen und Rezensionen unter der Überschrift Lesbisch_queere Bücherwelten für die feministische Online­buch­handlung FEMBooks. Auch für die Mädchenmannschaft stellt sie von nun an Empfehlens­wertes zusammen.

In wissenschaftlichen Neuerscheinungen der Gender und Queer Studies taucht der Begriff Lesbe nur randständig auf. Gilt wohl als zu identitäts­politisch. Oder zu alltäglich, ‚gewöhnlich‘? Vielleicht auch zu 80er oder – naja, zu lesbisch halt. Ausnahme aus 2014: Perverse Bürgerinnen. Staatsbürger­schaft und lesbische Existenz von Christine M. Klapeer (Ich habe es noch nicht gelesen, deshalb kann ich nicht mehr dazu sagen als: klingt vielversprechend!).

In der Belletristik sieht es etwas anders aus, was lesbische Präsenz angeht. (Das haben wir vor allem den alten und neuen lesbischen und queeren Verlagen zu verdanken.)

Acker auf den SchuhenEinen sehr berührenden und politisch überzeugenden Lesben­roman hat im vergangenen Jahr Peggy Wolf geschrieben: Acker auf den Schuhen, vom Berliner Querverlag veröffentlicht. Die einzige lesbische Protagonistin, Susann, taucht in Persona allerdings nie auf, sondern lediglich in den Erinnerungen der anderen ProtagonistInnen. Susann ist nämlich tot – sie hat ihr Leben beendet. Warum, darüber schweigt das familiäre und dörfliche Umfeld beharrlich. Wie einst Susann, findet sich die_der Leser_in in eine Umgebung gebannt, die geprägt ist durch alltägliche, still­schweigende, kaum gebrochene Hetero­normativität – alleine. Die Geschichte, die Peggy Wolf überzeugend erzählt, ist ein fiktional umgesetztes, schmerzhaftes Stück lesbischer Geschichte und auch Gegenwart.

Die wundersamen Weltraumabenteuer von Helen Hayer und Christine de CastelbaraqueEher spaßig kommen indessen Die wundersamen Weltraum­abenteuer von Helen Hayer und Christine de Castelbaraque daher, von der Autorin Judith Jennewein, 2013 beim jungen, queeren Wiener Verlag zaglossus erschienen. Eine zweifellos (mehr als) unterhaltsame lesbische Science-Fiction-Geschichte. Besondere queer-feministische Schmankerl sind: varianten­reiche Formen von Geschlecht­lichkeit – je nach Zeit­dimension und Planet!– , die sprach­politisch ebenso viel­fältig umgesetzt werden; feministische ‚Ur-Themen‘ wie Reproduktions­technologien; dazu eine Portion Kapitalismus­kritik. Verpackt ist das Ganze in ein Weltall-Reise­abenteuer, das zugleich eine Liebes­geschichte ist, und dabei: voller origineller Ideen mit Witz, die eine_n zum Schmunzeln, manchmal sogar zum Lachen bringen.

Windmühlen auf dem WeddingEin kluger Lesbenroman zum Thema Gentrifizierung erschien 2014 beim Berliner Lesben­verlag Krug und Schadenberg: Windmühlen auf dem Wedding von Astrid Wenke. Das Haus im Berliner Stadtteil Wedding, in dem Sybilla Kischotta wohnt, wird gerade verkauft, Eigen­tumswohnungen sollen es werden; und die Betreiberinnen der nahe­gelegenen Stamm­kneipe haben eine saftige Mieterhöhung im Briefkasten – Berliner Verdrängungs­alltag und Weddinger Kiezgeschichte.

Es ist nicht die ganz schlimme Verdrängungs­realität – Entmietung um jeden Preis, Zwangs­räumung, Obdachlosigkeit –, die Astrid Wenke hier erzählt. Die Haupt­figuren können der Verdrängung widerstehen: mal aufgrund von Geld­privilegien, mal aus purem Glück, mal durch gegenseitige Unter­stützung und Organisierung. Es ist eben nur eine Geschichte.

Eine große Stärke des Romans liegt im Nachspüren von alltäglichen Klassen­beziehungen und damit verbundenen Wider­sprüchen. Da ist einmal Kischotta selbst: mit kleinem Einkommen und kleiner Wohnung, aber bildungs­bürgerlicher Herkunft. Da ist die Tango tanzende Amalia, in die sich Sybilla verliebt – und das, obwohl sie für Sybilla das Bürgerlich­werden des Weddings verkörpert (Tango! Im Wedding!). Da ist die Haus­bewohnerin Martha, proletarisch und inzwischen Rentnerin, die Sybilla mehr als einmal mit deren inneren (Klassen-)Wider­sprüchen konfrontiert. Und da ist Jutta, langjährige Freundin Sybillas und Anwältin, die proletarischer Herkunft ist und auch deshalb andere Strategien rund um Wohnen und Wedding verfolgt als Sybilla …


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Ein Buch nach dem anderen: Gelangweilte Frauen und Schreiben mit Margaret Atwood

5. Dezember 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 88 von 93 der Serie Die Feministische Bibliothek

Auf Papier gelesen

Crazy Brave von Joy Harjo (2012, Norton) ist eine der besten Memoiren, die ich jemals gelesen habe. Harjo, eine bekannte Native American Dichterin, Künstlerin, Musikerin und Aktivistin, beschreibt in diesem Buch die Zeit von ihrer Geburt bis ins junge Erwachsenenalter. Dabei verbindet sie poetische Bilder, spirituelle Vorstellungen, Träume, Naturbeschreibungen, über Generationen gesponnene Familiengeschichte mit den gewaltvollen Wirklichkeiten ihres Aufwachsens und gesellschaftskritischen, einordnenden Analysen. Harjo macht immer wieder deutlich, was es für sie bedeutet hat, als Native American und als Frau in den USA aufzuwachsen, welchen Barrieren sie sich auf den verschiedenen Ebenen gegenüber sah/ sieht und wie sie durch Kunst, Aktvismus und community building widerständig agiert(e). (Englisch)

Außerdem las ich zwei Gedichtbände. Flicker and Spark: A Contemporary Queer Anthology of Spoken Word and Poetry (2013) ist eine Zusammenstellung englischsprachiger Gedichte vor allem aus den USA. Das Buch hat über 400 Seiten und wie es solch große Auswahlen meistens mit sich bringen, ist die Qualität schwankend, allerdings sprechen unterschiedliche Menschen ja auch unterschiedliche Texte an und hier gibt es in jedem Fall sehr viel zu entdecken. Es gibt drei Kapitel: “Pre-Stonewall Poets (Pre-1970)”, “Stonewall-First Diagnosis of AIDS Poets (1970-1981)” und “AIDS Diagnosis – Brandon Teena’s Death Poets (1982-1993)”. Ich habe zu mindestens habe eine Weile gebraucht, dass diese Einteilung sich alleinig auf die Geburtsjahre der Poet_innen bezieht, die abgedruckten Gedichte aber beispielsweise auch im ersten Kapitel zum Teil aus den 2000ern kommen. Ich denke, eine Sortierung nach Erscheinung der Gedichte in solch programmatische Abschnitte wäre etwas sinnvoller. Als zweites habe ich Sidereal von Rachel Boast (2011) gelesen, ein kleines Band mit Gedichten, die Sterne, Landschaften, Mythologien und Literaturverweise in den Mittelpunkt rücken. (Beides Englisch)

Im Netz gelesen

Auf den Tag drei Jahre nach dem Tod von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos erschien das Buch “Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen. Was der NSU-Terror für die Opfer und Angehörigen bedeutet”, in dem unter anderen einige der Angehörige von NSU-Opfern erzählen. Die Süddeutsche berichtet von dem Buch und der Pressekonferenz zur Erscheinung. (Deutsch)

Autostraddle schaut auf Leslie Feinbergs Bücher, von Stone Butch Blues über Trans Liberation: Beyond Pink or Blue hinzu Drag King Dreams, und Leben zurück. (Englisch) Bei der Mächenmannschaft schrieb Nadine “Zum Tod von “Transgender Warrior” Leslie Feinberg“. (Deutsch)

Am 18. November konnte die Autorin Margaret Atwood ihren 75. Geburtstag feiern. Flavorwire veröffentliche aus diesem Anlass Zitate von Atwood rund ums Thema Schreiben. (Englisch)

Anlässlich des “Day of the Imprisoned Writer” brachte The Guardian öffentliche Briefe von prominenten Schrifsteller_innen wie Elif Şafak und Alain Mabanckou an derzeitig in Gefängnissen einsitzende Schrifststeller_innen/ Journalist_innen wie Gao Yu und Dieudonné Enoh Meyomesse. (Englisch)

Außerdem interviewte The Guardian Mallory Ortberg, die Gründerin von The Toast – “a general interest site for women of a literary bent”. Die Seite, auf der es auch einen Artikel gibt, in dem phantasiert wird, wie anders das Leben einiger fiktionaler Charactere gelaufen wäre, hätten sie abgetrieben, ist unter anderem für ihre wunderbaren Zusammenstellungen von “klassischen” Gemälden bekannt, zum Beispiel zum Thema “gelangweilte” Frauen. Dazu Ortberg im Interview:

You’re clearly meant to see this as a pleasant interaction, but the look on the woman’s face is so clearly, “Someone, please, for the love of God, get me out of here. I wish I were dead.” I don’t want to make sweeping generalisations, but I love the idea that basically for 600 years of Western European art, male artists were thinking, ‘That’s the look women always have on their face when you talk to them. That’s not boredom, that’s just their listening face.’

Victoria Law vom Bitch Magazine nahm sich für dieses Jahr vor 50 Bücher von Autor_innen of Color zu lesen. Nun stellt sie ihre Leseliste vor und fragt nach Tips für’s nächste Jahr, wo sie das gleiche wieder machen will.

“Ein Buch nach dem Anderen” ist quasi mein Anti-Lese-Motto. Meistens lese ich viele Bücher parallel, aber ich stelle sie der Reihe nach vor. Was lest ihr denn gerade? Erscheinen demnächst Bücher, auf die ihr euch ganz besonders freut?


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Ein Buch nach dem anderen: Angela Davis, Toni Morrison, Roxanne Gay

14. November 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 87 von 93 der Serie Die Feministische Bibliothek

Auf Papier gelesen

Wo es immer grauer wird, passte die im August dieses Jahres erschienene Erzählung “Synchronicity” von Sharon Dodua Otoo eigentlich perfekt. In dieser geht es um Cee, eine Grafikdesignerin, die beginnt ihre Farben zu verlieren. Erst kann sie sie nach und nach nicht mehr sehen – und dann kommen sie ganz anders wieder. Doch geht es in den wenigen Seiten nicht allein um Sinneswarnehmungen, sondern auch um Beziehungen, Traditionen und Entscheidungen. Die Geschichte war ursprünglich in 24 Teilen per Email an Freund_innen in der Vorweihnachtszeit verschickt worden – und das ist doch eigentlich eine hübsche Idee: Das Buch, welches auch noch durch die hübschen Illustrationen von Sita Ngoumou glänzt, anstatt eines Weihnachtskalenders zu verschenken mit 24 wunderbaren Kapiteln für die Dezembertage.

Ebenfalls im August erschien Sarah Waters neuster Roman “The Paying Guests“. Waters hat zuvor bereits fünf Romane veröffentlicht, wovon “Tipping the Velvet” und “Fingersmith” als Mehrteiler verfilmt wurden. Bekannt wurde Waters für ihre mitreißenden historischen Romane, in denen queere Frauenfiguren im Mittelpunkt stehen. So auch in ihrem neusten Werk, welches in London in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg spielt. Frances Wray und ihre Mutter können das Haus nach dem Tod des Vaters und beider Brüder nicht mehr allein halten, sie nehmen ein junges Paar als Untermieter – the paying guests – auf. Weiter kann eine kaum über den Plot reden, ohne nicht alles zu verraten. Wer neugierig ist, kann aber zum Beispiel das Interview mit Sarah Waters bei Lambda Literary lesen.

Im Netz gelesen

Feministing hat die neue Biographie zu Vivienne Westwood gelesen. (Englisch)

“To understand the feminist novel we must first understand feminism. Or perhaps we must understand the nature of the novel. Or perhaps we must ask the questions, “What is feminism?” and “What is the novel?” Or perhaps, these questions are not at all relevant. The answers could never be wholly satisfying.”, die großartige Roxanne Gray denkt bei Dissent darüber nach, was einen feministischen Roman ausmachen könnte. Hint: Es reicht nicht allein, dass es im Roman um Frauen geht. (Englisch)

Is This a Golden Age for Women Essayists?” diskutieren Cheryl Strayed und Benjamin Moser bei der New York Times.

Auf Africa in Words wurde Chantal Zabus Buch “Out in Africa: Same-sex desire in sub saharan literatures and cultures” besprochen. (Englisch)

Susan Sontags digitale Daten sind nun bei der UCLA’s Research Library auf einem Laptop zugänglich. Jacquelyn Ardam und Jeremy Schmidt haben sich durch die Dokumente gewühlt, Wortliste mit Adjektiven gelesen und nach Begriffen gesucht. Die Frage: Welche Gefahren birgt dieser Zugang und welche Chancen? Der Artikel erschien bei der Los Angeles Review of Books. (Englisch)

Die UC Santa Cruz Review interviewte Angela Davis und Toni Morrison. Davis erzählt von ihrer Zusammenarbeit mit Morrison, Morrison beschreibt ihren Ansatz über Themen wir Sklaverei zu erzählen und beide sprechen von ihren Schreiberfahrungen. (Englisch)

A Midsummer Night’s Press hat ein neues Imprint “Periscope“, bei welchem ausschließlich Übersetzungen ins Englishe von Gedichten von Frauen erscheinen werden. Die ersten drei Bände Arabic Literature (in English) interviewte aus diesem Anlass Übersetzer und Herausgeber Lawrence Schimel.

Neuerscheinungen

Am 30. September erschien auf Englisch “The Penguin Book of Witches“. Besprochen wurde es bereits zB bei NPR.

Ebenfalls im September erschien von Ika Elvau “Inter*Trans*Express. Eine Reise an und über Geschlechtergrenzen” bei Edition Assemblage. Groß gelobt wurde das Buch Anfang des Monas auf der FB-Seite von TROUBLE X.

Am 06. November erschien in deutscher Übersetzung “Die Botschaft von Kambodscha” von Zadie Smith bei KiWi.


“Ein Buch nach dem Anderen” ist quasi mein Anti-Lese-Motto. Meistens lese ich viele Bücher parallel, aber ich stelle sie der Reihe nach vor. Was lest ihr denn gerade? Erscheinen demnächst Bücher, auf die ihr euch ganz besonders freut?


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Ein Buch nach dem Anderen: Literatur aus Sri Lanka sowie Bücherclubs, das FBI und gebannte Werke

7. Oktober 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 86 von 93 der Serie Die Feministische Bibliothek

Gelesen auf Papier

Vor einiger Zeit habe ich mir angewöhnt, wenn ich reise auch gleich die “passende” Literatur mitzunehmen, nämlich jene von Autor_innen aus dem betreffenden Land/Region/Stadt oder die über diese schreiben. Dementsprechend regionaleinseitig gestaltet sich auch mein Lesestappel vom September: Im Mittelpunkt stehen englischschreibende Autor_innen aus Sri Lanka.

In Writing Sri Lanka: Literature, Resitance and the Politics of Place (2007, Routledge) analysiert Minoli Salgado das Schaffen von acht Autor_innen, die alle auf Englisch publizieren. Als roter Faden ziehen sich durch die Kapitel Fragen rund um Grenzziehungen. Wer wird als zugehörig konzeptionalisiert? Wer ausgeschlossen? Wie werden Grenzen zwischen “in Sri Lanka lebend” und “Diaspora” gezogen? Welchen Einfluss hat dies auf die Rezeption? Aber auch: Welche Grenzen werden in den Werken überschritten, aufgeweicht oder doch neu gezogen? Das Buch gibt einen spannenden Einblick in die betrachteten Literaturen (vor allem auch der zweier AutorINNEN: Jean Arasanayagam und Punyakante Wijenaike)  und das Umfeld, in welchem sie publiziert und rezepiert werden. Es ist aber eine wissenschaftliche Studie, die ohne Voriwssen zu literaturwissenschaftlichen Theorien (und insbesondere postkolonialen Theoretiker_innen) schwer zu lesen ist.

Glücklichweise veröffentlicht Salgado just in diesem Monat (morgen ist die Vorstellung in London) ihren eigenen Debut-Roman A Little Dust On The Eyes, in dem sie viele der Themen, die sie in Writing Sri Lanka herausgearbeitet hat, selbst literarisch aufgreift.

Da ich selbst erst kurz vor Abreise mich erinnerte, dass ich noch Romane besorgen muss_wollte, war meine Leseliste dann abgesehen von Salgado eine männlichdominierte – denn leider ist es ja bei den meisten Literaturen schneller möglich Autoren und deren Werke ausfindig zu machen, als die von Autorinnen. Ich las Reef (2011 (erstveröffentlicht 1994), Penguin Books) und Noontide Toll: Stories (2014, Penguin Books) von Romesh Gunesekera. Ersteres gibt es auch als “Riff” in deutscher Übersetzung. Außerdem las ich Running in the Family (1993 (erstveröffentlicht 1982), Vintage) von Michael Ondaatje, besser bekannt als der Autor von “Ein englischer Patient”. Auch sein Buch wurde übersetzt (“Es liegt in der Familie”), ist zwar literarisch nicht uninteressant, da es zwischen überwiegend prosaischen und poetischen Teilen wechselt, teilweise aber fehlen die tieferen Analysen der ihn umgebenden Gesellschaft. Nicht zu Unrecht wurde dem Buch Exotismus vorgeworfen. Spannend zu lesen ist es aber in Kombination mit dem entsprechenden Kapitel in Salgados Werk, in dem sie die Feinheiten des Texts auseinandernimmt. Zuletzt wandte ich mich Funny Boy: A Novel in Six Stories (1994, Vintage) von Shyam Selvadurai zu. Selvadurai schreibt eine fesselnde Familiengeschichte, in der es um so große Themen wie Identitäten und Zugehörigkeiten, Konstruktion von ethnischen Unterschieden, politische und_oder bewaffnette Konflikte und dem Coming-of-Age eines schwulen Jungen im Colombo der 1980iger geht. Leider bisher nicht ins Deutsche übersetzt.

 

Mitbringsel von der Buddhist Publication Society

Mitbringsel von der Buddhist Publication Society

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Unsägliche Wahrheiten

17. September 2014 von Heng
Dieser Text ist Teil 85 von 93 der Serie Die Feministische Bibliothek

Heng ist freie Autorin, bloggt auf Tea-Riffic und twittert unter @sassyheng. Und wird künftig öfter für uns schreiben! Juchhu! Zuletzt erschien hier ein Crosspost ihres Beitrags zu #schauhin.

Weg von den Alphamädchen, hin zu den Unsichtbargemachten: Die britische Journalistin und Autorin Laurie Penny distanziert sich in ihrem neuen Buch „Unspeakable Things“ von ausgelutschten Feminismus-Diskursen, die vornehmlich weiße, heterosexuelle Cis-Frauen aus der Mittelschicht betreffen.

„This is a feminist book. It is not a cheery instruction manual for how to negotiate modern patriarchy, with a sassy wink and a thumbs-up. It is not a charming, comforting book about sex and shopping and shoes. I am unable to write any such thing. I cannot force a smile for you. As a handbook for happiness in a fucked-up world, this book cannot be trusted.“

(Freie Übersetzung: „Dies ist ein feministisches Buch. Es ist keine aufmunternde Anleitung zur Verhandlung des modernen Patriarchats, mit einem frechen Zwinkern und erhobenem Daumen. Es ist kein entzückendes, beruhigendes Buch über Sex und Shopping und Schuhe. Ich bin nicht in der Lage ein solches Buch zu schreiben. Ich kann für euch kein Lächeln erzwingen. Als ein Leitfaden für Glück in einer abgefuckten Welt kann sich dieses Buch nicht bewähren.“)

Bereits in der Einleitung macht Penny klar, dass sie sich vom neoliberalen Feminismus distanziert, zumal er von Klassismus betroffene Frauen*, Schwarze Frauen* und Women* of Color, Sexarbeiterinnen* und alleinerziehende Mütter* nicht nur ausschließt, sondern auch weiterhin unterdrückt.

Ihr Buch ist keine Anleitung für weiße Karrierefrauen, die Ehe, Job und Kinder unter einen Hut bekommen und für ihre Leistungen als Gute Frau(tm) belohnt werden wollen. Von vermeintlich feministischen Positionen gegen Pornographie und Sexarbeit distanziert sie sich auch. Vielmehr geht es um Wut. Wut auf die verbreitete Lüge, die besagt, dass Frauen* mittlerweile alles im Leben haben können. Gemeint sind damit natürlich nur jene privilegierte Frauen. All diejenigen, die nicht in das Bild passen, werden zum Schweigen gebracht, sollen ihre Wut schlucken und an ihr ersticken. (mehr …)


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Künstlerinnen des neuen Jahrtausends

5. September 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 84 von 93 der Serie Die Feministische Bibliothek

The-Reckoning-Cover-JPG_335WMit The Reckoning – der Abrechnung – ist ein Sammelband überschrieben, der einen Blick in das Schaffen zeitgenössischer Künstlerinnen wirft. Und nicht nur der Titel gibt sich kämpferisch: Als Illustration des Covers wurde ein Standbild aus Pipilotti Rists Video-Installation Ever Is Over All aus dem Jahr 1997 gewählt. In dieser schlägt Rist mit einer blumenförmigen Metal-Stange auf Autos ein. Die Zerstörung des männlich konnotierten Statussymbols durch die Frau mit der Blume in der Hand im blauen Sommerkleid, rote Schuhe.

Im Jahr 2007 hatten die Autorinnen Eleanor Heartney, Helaine Posner, Nancy Princenthal und Sue Scott bereits den Band After the Revolution: Women Who Transformed Contemporary Art veröffentlicht. In diesem betrachteten sie (us-amerikanische) Künstlerinnen, die seit den 1960igern aktiv waren und als wegweisend mit ihren Arbeiten gelten können. Fünf Jahre später nun wollten die vier Antworten auf die Frage der Kunsthistorikerin Linda Nochlin suchen: “Nach der Revolution kommt die Abrechnung. […] Was genau wurde erreicht, was hat sich verändert?”

Insgesamt präsentieren sie dafür 25 Künstlerinnen, die sie in vier Kategorien eingeordnet haben: Bad Girls (“Schlechte Mädchen”, thematisiert werden hier vor allem Sexualität, Begehren, Objektifizierung), Spellbound (“Verzaubert”, das subversive Unterlaufen von weiblich (negativ) konnotiertem Verträumtsein, “Passiv”sein), Domestic Disturbances (“Häusliche Aufruhr/ Störungen”, Blicke in die häusliche Pshäre ) und History Lessons (“Geschichtsstunden”).

Dabei merken die Autorinnen auch bereits in der Einleitung an, dass ihnen bewusst ist, dass sich die einzelnen Künstlerinnen nicht immer ganz fein säuberlich so katalogisieren lassen, viel mehr ginge es ihnen darum (thematische) Eckpunkte aktueller feministischer Kunst aufzuzeigen. So wird jede dieser vier Sektionen mit einem Einleitungstext eingeführt, der wichtige Themen diskutiert und Verbindungen zu den künstlerischen Vorgänger_innen aufbaut. Anschließend werden die einzelnen Künstlerinnen jeweils reich bebildert vorgestellt. Die Texte sind gut verständlich geschrieben, geben Kontext, erklären Herangehensweisen und erlauben auch Kunst-Neulingen einen spannenden Einstieg in das jeweilige künstlerische Schaffen.  Sicher wäre bei einigen Porträts eine etwas kritischere Auseinandersetung wünschenswert gewesen, aber definitv ist das Buch ein super Ausgangspunkt für die Auseinandersetzungen mit aktueller feministischer Kunst, werden doch Künstlerinnen verschiedener Herkünfte, Positionierungen und künstlerischen Verortungen mit ihren unterschiedlichen Medien präsentiert und in Bezug zueinander gesetzt.

Und wenn das Buch zugeklappt wird, weiß eine auf jeden Fall mehr über: Ghada Amer. Cecily Brown. Tracey Emin. Katarzyna Kozyra. Wangechi Mutu. Mika Rottenberg. Janine Antoni. Cao Fei. Nathalie Djurberg. Pipilotti Rist. Jane und Louise Wilson. Lisa Yuskavage. Kate Gilmore. Justine Kurland. Klara Liden. Liza Lou. Catherine Opie. Andrea Zittel. Yael Bartana. Tania Bruguera. Sharon Hayes. Teresa Margolles. Julie Mehretu. Kara Walker. Und zu mindestens was diese Künstlerinnen bisher erreicht haben und wie sie weiterhin Kunst ver_ändern.

Eleanor Heartney, Helaine Posner, Nancy Princenthal, Sue Scott. 2013. The Reckoning. Women Artists of the New Millennium. Prestel. 256 Seiten.


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