Ein Buch nach dem anderen: Schwierige Frauen

31. Januar 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 125 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

Kurzrezensionen

Der Januar hat einige großartige neue Bücher toller Autor_innen mit sich gebracht. Ich möchte heute vier besprechen, die mich zum Denken angeregt und unterhalten haben, und die ich euch gern ans Herz legen möchte. Alle vier Bücher sind auf Englisch publiziert und da sie erst innerhalb der letzten Wochen herauskamen noch nicht in Übersetzung erhältlich. Ich hoffe aber, dass sich das noch ändern wird.

03. Januar: Roxane Gay: Difficult Women
Schnell werden Frauen als „schwierig“ abgestempelt, sobald sie etwas lauter sind, Meinungen haben und vertreten, als zu kühl gelten, als Menschen mit zu vielen Problemen, einfach zu viel. Gay wertschätzt genau diese Frauen und gibt ihren „schwierigen“ Protagonistinnen Geschichten, die sie als komplexe Persönlichkeiten auftreten lassen. Ihre Charaktere versuchen in einer rassistischen patriarchalen Welt zu Recht zu kommen und werden dabei häufig verletzt, Themen wie sexualisierte Gewalt und der Tod von Kindern sowie Fehlgeburten tauchen wiederholt auf, aber Gays Frauen erkunden auch unterschiedlichste Umgangsmechanismen (einige davon sicher nicht unschuldig an ihrem Label als „schwierig“), Solidarität und Liebe. Und obwohl viele der Geschichten erst einmal trostlos scheinen, so gibt es doch immer einen Hoffnungsschimmer. Gays distinkte Erzählstimme verbindet die unterschiedlichen Kurzgeschichten – die zwischen realistisch und phantastisch chargieren.
Die einzelnen Geschichten sind jeweils sehr gut, wenn eine die Sammlung allerdings direkt hintereinander liest fallen einige Wiederholungen auf (vor allem bei den – häufigen – Beschreibungen von (vor allem hetero) Sex.

05. Januar: Chibundu Onuzo: Welcome to Lagos
Chibundu Onuzo wurde 1991 geboren und „Welcome to Lagos“ ist bereits ihr zweiter Roman. Nicht nur hat das Buch eines der schönsten Cover des Jahres (ja, ich lege mich da gern schon jetzt fest), sondern auch ein Roman geschrieben mit überbordener Erzählfreude voller Spaß und wundervoller Charaktere. Die Geschichte beginnt im Niger Delta, wo der Armee-Offizier Chike Ameobi gemeinsam mit dem Gefreiten Yemi desertiert. Auf ihrer Flucht treffen sie zunächst auf Fineboy, der den Rebellen angehört aber eigentlich nur davon träumt ein berühmter Radiomoderator zu werden und dann auf Isokan, eine junge Frau, die bei einer Attacke von ihren Eltern getrennt wurde. Auf ihrer gemeinsamen Reise gen Lagos begegnen sie noch Oma, die aus einer wohlhabenderen Familie kommt, aber vor ihrem gewalttätigen Ehemann flieht.
Mit der Ankunft in Lagos werden aber nicht alle Probleme der Charaktere gelöst, eher im Gegenteil, denn die Stadt ist groß und auf die Füße zu kommen ist nicht einfach. Die fünf einander Fremden aber halten zusammen, unterstützen sich und lernen mit ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen umzugehen. Und dann gibt es da ja noch Chief Sandayo, Bildungsminister, der mit 10 Millionen durch gebrannt ist und Ahmed Bakare, dem Gründer einer Tageszeitung, die zwar kritisch berichtet aber täglich Abonennt_innen verliert. In dem Roman werden Themen wie sexualisierte Gewalt, Gewalt in Beziehungen, Gewalt durch Militär, Korruption, koloniale Geschichte, Armut aufgegriffen, doch unterscheidet sich Onuzos Ton und die Art der Geschichte, die sie erzählen möchte, von vielen Büchern, die ähnliche Themen abdecken. Welcome to Lagos ist kein Buch, was schwer im Magen liegt, durchgehend bleibt die Hoffnung, dass es für unsere Protagonist_innen gut ausgehen wird – und sie vielleicht auf dem Weg sogar noch schaffen etwas Gutes zu tun.

26. Januar: Malika Booker, Sharon Olds, Warsan Shire: Your Family, Your Body (Penguin Modern Poets)
Die Penguin Modern Poets Reihe wurde im letzten Jahr neu belebt. Alle drei Monate erscheint ein neues Buch in der Reihe, welches Einblick gibt in die Werke von drei zeitgenössischen Dichter_innen. Das nun dritte Buch in der Reihe bringt die Autor_innen Malika Booker, Sharon Olds und Warsan Shire zusammen und präsentiert Gedichte aus verschiedenen bereits veröffentlichten Sammlungen, aber auch bisher unveröffentlichtes zusammen. Ich bin großer Fan von Warsan Shires Gedichtband Teaching My Mother How to Give Birth und Malika Bookers wunderbarem Band Pepper Seeds. Dieses kleine Penguin-Buch ermöglicht ein Kennenlernen des Schaffens aller drei Dichterinnen. Gleichzeitig ist es aber auch einfach nur ein sehr guter Gedichtband, in dem Themenkomplexe um Familie, Körper, Sexualität, Zugehörigkeit poetisch verarbeitet werden.

26. Januar: Xiaolu Guo: Once Upon A Time in the East: A Story of Growing Up
Xiaolu Guo ist eine chinesische Filmemacherin und Schriftstellerin, die mittlerweile in England lebt. Ihr Roman A Concise Chinese-English Dictionary For Lovers war 2007 für Orange Prize for Fiction nominiert. Nun hat sie ihre Memoiren vorgelegt.
Guo wurde Anfang der 1970er als zweites Kind im ländlichen China geboren und von ihren Eltern an ein kinderloses Bauernpaar gegeben. Als sie fast zwei Jahre alt war brachte dieses Paar sie zu ihren Großeltern väterlichseits, weil sie sich die Ernährung des Kinds nicht mehr leisten konnten. Sie lebte fortan in einem kleinen Fischerdorf in armen Verhältnissen, ihr Großvater ist gewalttätig, ihre Großmutter, die mit dreizehn Jahren verheiratet worden war, weint sehr häufig. Trotzdem ist Guo schockiert als plötzlich ihre Eltern wieder auftauchen und sie am nächsten Tag mitnehmen in eine andere Stadt. Da ist sie gerade einmal sechs Jahre alt.
In ihrem Buch verbindet Guo Beschreibungen ihres Werdegangs (der sie dann noch nach Peking in die Filmschule und dann nach Großbritannien bringt) mit Nacherzählungen von Mythen und sozialen Analysen. Sie schreibt über den erlebten und beobachteten Sexismus und patriarchale Gewalt in unterschiedlichsten Formen und zeigt wie die chinesischen Politiken tief in ihre Familienstrukturen einbrennen. Dabei versucht Guo in einer Annäherung verschiedene Motive zu verstehen und komplexe Lebenssituationen zu beschreiben. Sie fragt, wie Menschen zu dem werden, was sie sind – oder ob sie überhaupt immer so sind, wie sie auf der Oberfläche wirken.

Buchnews und -debatten

Milo Yiannopoulous wurde im letzten Jahr von der FAZ als „Zeremonienmeister des Hasses“ beschrieben. Mit dem Verlag Simon&Schuster hat er einen 250.000$ Buchdeal ausgehandelt. Roxane Gay hat als Reaktion eines ihrer Bücher, welches bei einem Imprint von Simon&Schuster erscheinen sollte, zurückgezogen.

Bücher, auf die man sich 2017 freuen kann? Bei Buzzfeed stellt Jarry Lee 32 Bücher vor und freut sich zum Beispiel auf Neuerscheinungen von Jesmyn Ward und Scaachi Koul. Besonders gut auch die Liste auf WOCreads, die Bücher von Autorinnen of Colour und indigenen Autorinnen aufgelistet hat, angefangen von Sara Ahmeds neusten Werk „Living a Feminist Life“ hinzu Roxane Gays „Hunger: A Memoir of (My) Body“.

Size Acceptance in YA hat eine Zusammenstellung mit 2017-erscheinende Jugendbüchern, die dicke_fette Charaktere haben, veröffentlicht.

Alisha Acquaye beschreibt auf Elle ihre Erfahrung damit gezielt ausschließlich Bücher von Schwarzen Autorinnen zu lesen.

Bustle feiert neun aktuelle Sci-Fi-Autorinnen.

fembooks hat eine Reihe von Rezensionen zu Kinder- und Jugendbüchern versammelt.


Facebook | |


Nicht in der Bequemlichkeit der Mehrheitsmeinungen verblassen

26. Januar 2017 von Magda
Dieser Text ist Teil 124 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek
Sie begann den nächsten Versuch, etwas Neues zu erzählen, mit einer Sprache, die all dem gerecht werden müsste. Oder zumindest versuchen sollte, nicht in der Bequemlichkeit der Mehrheitsmeinungen zu verblassen. (S. 199)

„Biskaya“ ist ein afropolitaner Roman der Berliner Aktivist*in, Performer*in und Autor*in SchwarzRund über das Leben von Schwarzen Menschen in Berlin.

Musik steht im Mittelpunkt der Hauptprotagonistin Tue, eine dreißigjährige queere Schwarze Musikerin, die mit drei Elternteilen aufgewachsen und Sängerin einer deutschsprachigen Indie-Band ist. Mit dieser verbindet sie eine konfliktreiche Hass-Liebe: Die Liebe zur Musik trifft auf unsensible Bandkollegen, die Tue zwar gerne als Aushängeschild sehen, aber ihre politischen Botschaften lieber nicht hören wollen. Zu Schwarz, zu queer darf ein Aushängeschild nicht sein.

Dann ist da noch der fürsorgliche, unendlich sympathische und super-stylische Matthew sowie später auch die jugendliche Sarah (Pronomen: sie oder gar nichts), die Tue stets liebevoll einen Spiegel vor die Augen hält und ihren eigenen Rucksack an Familiengeschichte zu tragen hat. Die beiden stellen die engsten Verbündeten oder Freund_innen oder so etwas wie eine Familie für Tue dar. Genau kann mensch das nicht sagen, denn Tue ist viel für sich allein und hat zuweilen Mühe, zwischen Panikattacken, einem schwierigen Verhältnis zum Essen, einem Klinikaufenthalt, das absehbare Ende der Band sowie erlebter rassistischer und sexualisierter Gewalt Verbindungen zu ihrem sozialen Umfeld aufzubauen. Ihre wichtigste Beziehung pflegt Tue weiterhin zur Musik, zu ihren immer politischer werdenden Texten und ihren vollgekritzelten Zetteln, die sie säckeweise sammelt und wochenlang sortiert, bis sich der Staub zwischen ihren Zehen sammelt.

Ihre Herkunftsfamilie existiert in ihrem Leben nur in Form von Rückblenden, Briefen und Erinnerungen. Referenzpunkt ist das kleine Biskaya, eine eigenständige Schwarze europäische Insel vor der Küste Europas. Blicke in die Vergangenheit geben dem Roman die historische Tiefe und einen Twist am Ende, der die Widersprüchlichkeiten und Tragiken des Lebens aufzeigt. Deutscher Kolonialismus und heteronormative Familienkonstellationen spielen im Roman genau so eine Rolle wie Krisen und Ängste, wobei die Protagonist_innen nur selten belehrend oder moralisierend erscheinen. Es ist Platz für Imperfektion und für gegenseitigen kritischen Austausch.

Messerscharfe Witze, die gleichzeitig Situationen aufdecken und verstörend wirken. Sarkastische Kommentare, die den Nagel auf den Kopf treffen, und oft genug auch zielgenau in die Wunde. Ich weiß nicht, ob ich alle Zwischentöne dieses komplexen Zusammenspiels menschlicher Höhen und Tiefen und allem, was dazwischen liegt, einfangen oder begreifen konnte (das muss mensch auch nicht, um gefesselt zu sein). Ich weiß nur, dass mir in den letzten Jahren oftmals die Konzentration dafür fehlte, ein Buch von vorne bis nach hinten zu verschlingen, und dieses gehörte sicherlich zu denen, die ich ungern aus den Händen legte.

Schwarzrund: „Biskaya,“ erschienen 2016 im zaglossus Verlag.


Facebook | |


Neu erschienen: „Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag“

19. Januar 2017 von Julia
Dieser Text ist Teil 123 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

Meistens schreibe ich hier ja Rezensionen zu lesbisch_queeren Büchern, am liebsten zu solchen, die eine anti-klassistischen Dimension haben. Heute will ich euch stattdessen mein eigenes Buch ans Herz legen, das eben erschienen ist:

Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag. Anti-klassistische Interventionen in der Frauen- und Lesbenbewegung der 80er und 90er Jahre in der BRD.

Ich habe mich dafür auf die Suche nach verschiedenen Formen des Eingreifens gemacht, die darauf abzielten, den Umgang mit Klassenunterschieden im feministischen Miteinander zu verändern. Es ging den Akteurinnen* dabei also um den je eigenen Bewegungsalltag. Sie verteilten Geld um. Sie gründeten eigene Gruppen. Sie verfassten Texte. Sie boten Workshops an. Sie tauschten sich mündlich über Diskriminierungserfahrungen aus. Sie formulierten Kritik, stellten Forderungen und entwarfen Visionen. Sie verteilten Flyer … Auf verschiedenen Wegen widmeten sie sich so Themen wie Geld, Armut und Umverteilung, feministische Projektarbeit und Ziele, klassistische Sprachnormen, Rassismus und Kapitalismus, Anerkennung und Identität – um nur einige Stichworte zu nennen.

Die intervenierenden Akteurinnen selbst entstammten meist der Arbeiter_innen- oder Armutsklasse und nicht-akademischen Herkunftskontexten – oder aber es handelte sich um klassengemischte Gruppen. Ausgangspunkt ist häufig die eigene Klassenherkunft.

Klassistische Normen und Dominanzen im feministischen Bewegungsalltag wurden problematisiert: von Partizipationsfragen über die politische Kultur und Organisierungsweisen bis hin zu feministischen Zielen. Ein großes Thema ist das unmittelbare bewegungsalltägliche Miteinander zwischen Feministinnen unterschiedlicher Klassenherkunft. Bestimmte Denk- und Handlungsweisen vonseiten bürgerlicher oder Mittelschichtsfeministinnen werden in ihrer Klassenspezifik aufgezeigt – und kritisiert, zum Beispiel: Rededominanz; Desinteresse an den Lebensrealitäten von Frauen aus der ArbeiterInnenklasse; die Verschleierung von Reichtum; die Tabuisierung des Themas; abwertendes Verhalten. Gefordert wurden stattdessen Anerkennung und Solidarität.

Ich möchte allen Akteurinnen*, mit denen ich für die Entstehung dieses Buches gesprochen habe, danken: für ihre anti-klassistisches Eingreifen damals und für ihre Bereitschaft, ihre Erinnerungen mit mir zu teilen, heute. Ich bin überzeugt davon, dass ihre Interventionen dazu beitragen können, den Umgang mit Klassenunterschieden in aktivistischen Räumen und in sozialen Bewegungen auch heute zu verbessern: indem sie auf Klassismus aufmerksam machen und Inspirationen für Wege der Veränderung liefern.


Facebook | |


Sexualisierte Gewalt: Wer wird gesehen?

10. Januar 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 122 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek


Das Bild davon, wie ein Opfer sexualisierter Gewalt aussieht, wer als Täter in Frage kommt und welche Wege des Umgangs mit der erfahrenen Gewalt akzeptabel sind, kennt nur wenige Nuancen. Opfer sind zumeist cis-weiblich, hetero, weiß und able. Täter sind männlich (und häufig rassifiziert, wie auch die aktuellen Debatten in Deutschland zeigen). Diese Vorannahmen gerade auch in (Mainstream) feministischen Diskursen, haben Auswirkungen darauf, wie Hilfsangebote strukturiert sind, wer Zugang hat, welchen Erzählungen Raum gegeben wird, welche als schädlich gelten und was als „heilende“ Ansätze akzeptiert werden kann. Obwohl LGBTQ Personen von Beginn an elementar waren im „anti-violence movement“ und sich vehement gegen sexualisierte Gewalt einsetzen und Betroffene unterstüzen, sind es oft ihre Erfahrungen, die marginalisiert werden. Die im letzten Jahr erschienene Anthologie Queering Sexual Violence: Radical Voices from Within the Anti-Violence Movement herausgegeben von Jennifer Patterson möchte dem etwas entgegensetzen.

Eröffnet wird die Sammlung von River Willow Fagans Essay „Fluctuations in Voice: A Genderqueer Response to Traumatic Violence“. Fagans beginnt:

My voice is probably husky, as I have been crying; either way, my voice sounds like a man’s voice. Her voice, emanating from the phone, is cold. „This number is only for survivors of sexual violence,“ she tells me.
„I know,“ I say. „I’m a survivor.“
„I’m sorry but this number is for people in crisis only,“ she say. „You’ll have to call the business line.“ She sounds angry, as if by calling I have invaded her space […].*

Bereits in diesen ersten Sätzen spiegeln sich einige der fundamentalen Problemfelder wider, die in den folgenden Texten in Variationen aufgegriffen werden: Wer gilt als potentiell betroffen? Wem wird geglaubt? Wer hat Zugang zu Unterstützung?

Insgesamt 36 sehr unterschiedlich positionierte Menschen schreiben in Essay- oder (seltener) Gedichtform über sexualisierte Gewalt. Die Texte sind vier Kapitel untergeordnet: Redefining (Neudefinieren), Reclaiming (Wieder Aneignen), Resisting (Widerstand), Reimaging (Neuvorstellen). Die Kapitelabgrenzungen sind teils etwas wage, aber sie machen deutlich, was das Ziel des Buchs ist: Gewaltformen, zu denen es dominante Vorstellungen gibt, sollen neudefiniert werden, der Blick für Betroffene geschärft werden und genau hingesehen werden, wer Gewalt erfährt, wer Gewalt ausübt, mit welchen Folgen. Die Autor_innen bekommen den Raum ihre diversen Erfahrungen offen zulegen, Fragen zu stellen und Vorschläge zu unterbreiten.

Das Buch versucht dabei nicht dem dominanten Diskurs einen in sich kohärenten Gegendiskurs gegenüber zustellen, sondern Vorannahmen aufzubrechen und Widersprüche stehen zu lassen. So kann in einem Text dargelegt werden, wie die schreibende Person ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt auch dazu beigetragen hat, wie sie ihr Geschlecht und ihre Sexualität wahrnimmt und lebt, und in einem späteren Text der_die Autor_in gegen die Vorannahme, dass sexualisierte Gewalt „Ursache“ für Queerness sei argumentieren. Die Anthologie legt nahe, dass beide – auf der Oberfläche konträr wirkende Aussagen – gleichermaßen wahr sein können. Autor_innen fragen auch, wie mit Täter_innen in der eigenen Community umgehen, die auch mal Opfer waren, wie selbst anerkennen, dass die eigene Erfahrung sexualisierter Gewalt nicht davor schützt selbst gewalttätig zu agieren. Die Sammlung in ihrer Gänze deutlich, dass es nicht immer einfache Antworten gibt, nicht immer eine Lösung, die für alle passend ist. Das zu akzeptieren wird zu einer wichtigen Grundlage, um gegen sexualisierte Gewalt und für Betroffene von dieser Gewalt zu arbeiten.

Queering Sexual Violence: Radical Voices from Within the Anti-Violence Movement ist ein wichtiges Buch: Es repräsentiert marginalisierte Erfahrungen, regt zum immer weiter kritisch hinterfragen ein. Die Vielfalt der Texte ist ein großer Gewinn, auch wenn eine etwas klarere Gliederung im Buch – gerade langfristig zum Nachschlagen – schön gewesen wäre. Viele Autor_innen beschreiben konkret (und teils relativ graphisch) ihre Gewalterfahrungen. Ich zu mindestens musste immer mal wieder Pausen machen beim Lesen – aber das Buch ist es wert.

Zum Weiterlesen:

________

* Übersetzung Zitat: Meine Stimme ist wahrscheinlich heiser, da ich geweint habe. In jedem Fall klingt meine Stimme wie eine Männerstimme. Ihre Stimme, die aus dem Telefon klingt, ist kalt. „Diese Nummer ist nur für Überlebende von sexualisierte Gewalt,“ sagt sie mir.
„Ich weiß,“ sage ich. „Ich bin Überlebende_r.“
„Tut mir Leid, aber diese Nummer ist nur für Menschen in einer Krise,“ sagt sie. „Sie müssen unsere Geschäftsnummer anrufen.“ Sie klingt wütend, als wäre ich durch meinen Anruf in ihren persönlichen Raum eingedrungen […].


Facebook | |


„Statt behinderte Kinder ‚abzuschaffen‘, würde ich gern unsere behindertenfeindliche Gesellschaft abschaffen.“

5. Dezember 2016 von Magda
Dieser Text ist Teil 121 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

Buchvover von "Alles inklusive" von Mareice KaiserEin Kind wird geboren und benötigt mehr Aufmerksamkeit als die meisten Kinder, eine intensive Betreuung und spezielle Hilfsmittel zum Leben, ja, Überleben. Und damit nicht genug: Die Ärzt_innen, die Therapeut_innen und auch engste Familienmitglieder runzeln die Stirn, ignorieren permanent persönliche Grenzen und sagen: „Ich könnte das ja nicht.“ Die Rede ist von Greta, einem mehrfachbehindertem kleinen Mädchen, dass seine Eltern ab Geburt an auf Trab halten wird. Die vielen Tränen, die andauernden Streits mit der Krankenkasse oder die Geldknappheit gehen allerdings nicht auf das Konto von Greta, sondern sind einer Gesellschaft zuzuschreiben, die „Inklusion“ höchstens auf schöne Broschüren schreibt, aber nicht allumfassend verankern mag.

Die Journalistin Mareice Kaiser erzählt in ihrem vor wenigen Wochen erschienenen Buch „Alles Inklusive“ (Fischer, 2016) ohne Beschönigung aus dem Familienalltag mit ihrem Partner Thorben und ihrer ersten Tochter, Greta, später auch mit der Zweitgeborenen, Momo. Es ist ein Alltag, der aus Krankenhausaufenthalten, piepsenden Sauerstoffgeräten und Darmproblemen besteht. Mareice Kaiser lässt uns teilhaben an den Ängsten, Erschöpfungen und psychischen Krisen ihrer Familie und stellt doch immer wieder klar: Das Problem ist nicht Greta. Ab und zu blitzt der Wunsch nach einem „normalen“ Leben durch. Schwer verdaulich sind diese Sätze, weil sie verdeutlichen: Viele Menschen ohne (Mehrfach-)Behinderungen definieren „normal“ immer noch als Abwesenheit von Krankheiten und Behinderungen. Es gibt wenige gesellschaftliche Strukturen, die Eltern unterstützt, die mit Kindern leben, die (mehrfach-)behindet sind. Im Gegenteil: Krankenkassen lehnen regelmäßig lebensnotwendige Hilfsmittel ab. Und teilweise fremde Menschen teilen ohne Skrupel ihre behindertenverachtenden Überzeugungen. Andere wiederum nehmen aus einem liberalen Verständnis von Gleichheit heraus die besonderen Bedürfnisse von Greta nicht wahr und verharmlosen ihre Situation. Ein Schnupfen stecken andere Kinder vielleicht gut weg, kann aber für Greta lebensgefährlich sein.

Das Leben mit Greta, und später auch mit ihrer nicht-behinderten Schwester Momo, lässt Mareice und Thorben wachsen. Mareice thematisiert zunehmend die behindertenfeindlichen Verhältnisse, den Sexismus, der hinter der Annahme steckt, dass sie sich voll und ganz für ihre Tochter aufgeben müsse (während im Alltag Thorben die meisten Pflegetätigkeiten übernimmt) und reflektiert ihre eigenen Annahmen, wie ein Familienleben zu sein hat. Letztendlich bringt sie es auf den Punkt: „Statt behinderte Kinder ‚abzuschaffen‘, würde ich gern unsere behindertenfeindliche Gesellschaft abschaffen.“


Facebook | |


Ein Buch nach dem anderen: Indigene LGBT Sci Fi, Mädchenfreundinnenschaft und Reportagen afrikanischer Autor_innen

29. November 2016 von Charlott
Dieser Text ist Teil 120 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

Kurzrezensionen

swing-timeZadie Smith gehört seit Jahren zu meinen liebsten Schriftsteller_innen. Mit entsprechender Vorfreude habe ich somit auf diesen November hingefiebert, da nun endlich ihr neuster Roman Swing Time (Hamish Hamilton, 2016) erschien. Das Buch dreht sich um die Freundinnenschaft von Tracey und der Erzählerin, deren Namen wir nicht erfahren. Beide wachsen in der gleichen Nachbarschaft auf und sie verbindet (neben dem Fakt, dass sie beide ein weißes und ein Schwarzes Elternteil haben) ihre Liebe zum Tanz. Wirkliches Talent für die im Unterricht verlangten Bewegungen zeigt nur Tracey, die Erzählerin aber hat Ideen und Vorstellungen. Die Kapitel fokussieren im Wechsel auf die Kindheit und Jugend der Erzählerin und ihre späteren Karriere als persönliche Assistentin für eine international berühmte Sängerin, die sich in den Kopf setzt eine Mädchenschule „in Afrika“ zu gründen. Swing Time in wenigen Sätzen inhaltlich zusammenzufassen, kann dem Roman nur Unrecht tun: So vieles schafft es Smith in den etwas mehr als vierhundert Seiten unterzubringen, dabei bleiben Betrachtungen zu race und Klasse zentral und gerade Smiths pointierte Beobachtungen und Beschreibungen sind das Herz des Werks. (Ihre bisherigen Romane sind alle auch ins Deutsche übersetzt erschienen. Swing Time wird also mit Sicherheit folgen.)

what-is-not-yours-is-not-yours Bereits Helen Oyeyemis erster Roman (Das Ikarus Mädchen, welchen sie mit gerade einmal 19 Jahren schrieb) fuhr viel Lob und Anerkennung ein. Nun, eine ganz Reihe weiterer gefeierter Romane später, hat Oyeyemi in diesem Jahr ihren ersten Kurzgeschichtenband vorgelegt. What Is Not Yours Is Not Yours (Picador, 2016) spielt – wie viele Texte von Oyeyemi – mit Märchenelementen und Symbolen. Und genau wie beim Lesen eines Märchens ist es von Beginn an von Nöten jeglichen „Unglauben“ abzulegen und sich einfach von den Geschichten treiben zu lassen und Dinge als gegeben hinnehmen. In der (vielleicht am konventionell erzähltesten) Einstiegsgeschichte „Books and Roses“ öffnet ein Schlüssel den Zugang zu einer Bibliothek und einen Garten und zur Liebesgeschichte um eine Diebin und eine Künstlerin, „Is Your Blood as Red as This?“ folgt den Schüler_innen einer Marionetten-Schule und einer lebensgroßen Marionette, die je nach Betrachter_in männlich oder weiblich gelesen wird, und in „Drownings“ regiert ein Tyrann, dessen Methoden zu seinem Untergang beitragen. Die Geschichten unterscheidet sich sehr vom Stil und Setting, verbunden sind sie durch die Wiederkehr von Schlüsseln als bedeutendes Symbol und Charaktere, die in unterschiedlichen Geschichten wieder auftauchen. In meiner liebsten Geschichte „‘Sorry’ Doesn’t Sweeten Her Tea“ verehrt ein junges Mädchen einen Sänger – bis dieser beschuldigt wird Täter sexualisierter Gewalt zu sein. Im Gegensatz zur weiteren Öffentlichkeit glaubt das Mädchen der Frau, die über die Tat berichtet, und sucht Rache (etwas was ihr Vater und sein Partner nur ansatzweise verstehen können). Etwas Magie später scheint der Sänger in einer Spirale von Entschuldigungsversuchen gefangen.

love-beyond-body-space-time Eine weitere Kurzgeschichtensammlung, die dieses Jahr erschienen ist: Love Beyond Body, Space, and Time: An Indigenous LGBT Sci-Fi Anthology (Bedside Press, 2016) herausgegeben von Hope Nicholson. Diese Anthologie bringt Geschichten von Native American Autor_innen zusammen, die einerseits als speculative fiction kategorisiert werden können (entgegen des Titels ist nicht alles in diesem Band SciFi) und die Haupt-Protagonist_innen lesbisch, schwul, queer, trans und_oder Two Spirits sind. In den Geschichten geht es unter anderem um eine Tierärztin, die sich unerwartet auf einem Raumschiff um eine Gruppe Hunde kümmern muss, die den Flug eigentlich hätten schlafend verbrinden sollen, eine trans Frau, die versucht auszuloten was Frausein für sie als indigene Frau bedeutet, zwei Jungen, die zu Kolibris werden und Aliens, die sichtbar über dem Planeten in ihrem Raumschiff schweben, aber nicht landen.
Auf LGBTQReads beschreiben einige der Autor_innen ihre Motivationen hinter den Texten.

safe-house Safe House: Explorations in Creative Nonfiction (Cassava Republic, 2016) ist eine von Ellah Wakatama Allfrey herausgegebene Anthologie von Essays afrikanischer Autor_innen. Allfrey bringt Reiseerzählungen, Memoiren, Reportagen, True Crime Stories und allerhand anderer Genres zusammen und schafft durch die geschickte Reihung der Texte einen echten zusätzlichen Gewinn, wenn eine das Buch chronologisch liest. Auf Kofi Akpablis Text “Made in Nima”, in dem er über seinen Heimatort schreibt, an dem lange Zeit viele unterschiedliche Menschen zusammen lebten, folgt so zum Beispiel Kevin Ezes Beobachtungen zur chinesischen Community in Dakar, Senegal, deren Träume und Vorstellungen und die Gewalt gegen sie. Isaac Otidi Amukes „Safe House“, tagebuchähnlichen Aufzeichnungen zu seinen Erlebnissen als politischer Flüchtling aus Kenia ind Uganda, folgt Mark Gevissers Reportage über LGBTI-Geflüchtete aus Uganda, die in einem Limbo in Kenya leben („Walking Girly in Nairobi“). Und außerdem? Hawa Jande Golakai schreibt über ihre Erfahrungen während der Ebola-Krise in Liberia, Sarita Ranchod erinnert sich an ihre Kindheit in der indischen Community am Kap, zwischen Gujarati-Unterricht, leckerem Essen und Protest, Barbara Wanjala fliegt in den Senegal, um sich mit der Leiterin der dort einzigen NGO, die sich gezielt für lesbische Frauen einsetzt, zu treffen und Neema Komba besucht einen magischen Berg nahe des Dorfes, aus dem ihre Familie kommt. (Und ja, noch viele spannende Texte mehr.)

Literaturnews und -debatten

Voller Vorfreude: Am 16.März 2017 erscheinen Sharon Dodua Otoos beiden Novellen die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle … und Synchronicity als ein Band im Fischer Verlag. (Einzeln kann man sie natürlich jetzt immer noch bei edition assemblage erwerben.)

Ebenfalls beim Fischer Verlag (bzw. dem Imprint TOR) erschien im Oktober endlich Becky Chambers Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten. Das englische Orginal habe ich bereits im Sommer kurz besprochen.

Bei CrossCult erschien auch im Oktober Nnedi Okorafors Lagune. Wer fürchtet den Tod und Das Buch des Phönix sollen folgen. Die englischen Orginale zu Lagune und Wer fürchtet den Tod habe ich im letzten Jahr besprochen.

Gabrielle Bellot beschreibt in The Atlantic die (Interventions)Möglichkeiten queerer Literatur unter Trump.

Emily Temple empfiehlt bei LitHub40 New Feminist Classics You Should Read“ – eine Liste voller Non-Fiction, Poesie und Romanen.

Im Guardian schreibt Zadie Smith über die Tänzer_innen, die sie inspirieren, von Fred Astaire zu Beyoncé und den Zusammenhang von Literatur und Tanz.

Roxane Gay und Yona Harvey schreiben als erste Schwarze Frauen für den Comic-Giganten Marvel. Im Interview mit Entertaiment Weekly spricht Gay über „World of Wakanda“.


Facebook | |


Das literarische Jahr 2016 – deutschsprachig aus Schwarzer Perspektive

14. November 2016 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 119 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

SchwarzRund kam als Schwarze Deutsche Dominikaner*in mit drei Jahren nach Bremen, lebt seit fast zehn Jahren in Berlin. Seit 2013 publiziert sie auf ihrem Blog schwarzrund.de und in diversen Magazinen. Mehrdimensionale Lebensrealitäten inner- und außerhalb von Communitys verhandelt sie in Performance-Texten, Vorträgen und Veranstaltungsreihen. Gerade erschienen ist ihr Roman „Biskaya“, ein afropolitaner Roman über das Leben von Schwarzen Menschen in Berlin. Folgende Büchersammlung erschien zuerst auf SchwarzRund:

2016 ist, wie jedes Jahr, ein Jahr, in dem weiße Vorherrschaft viel politischen Mist produziert, aber eben auch künstlerisch Schwarze Perspektiven nicht mitverhandelt. Doch wie immer gilt: Schwarze Menschen schaffen es deswegen/daraus/trotz allem und weiterhin ihre Perspektiven selbst in die Welt zu bringen. Außerdem gewinnen Schwarze Menschen auch den Bachmannpreis 2016, Sharon Dodua Otoo übertraf mit Ihrem Text „Herr Gröttrup setzt sich hin Maßstäbe, die die Jury sich nichtmal hätte erdenken können. Hier die Veröffentlichungen, von denen ich mitbekommen habe, bitte kommentiert damit ich die Liste ergänzen kann! Ich habe nicht alle Bücher gelesen, daher kann ich für nichts garantieren.


Talking Back – Strategien Schwarzer österreichischer Geschichtsschreibung
Claudia Unterweger, 19,95€ kaufen

Lese ich gerade, es folgt dann mein Eindruck.

 

 

 

 


gummiband-familien – rubberband families D/engl

Familienbuch von WoMANtís RANDom, 18€ kaufen.
Ein Familienbuch mit großartigen Illustrationen, Suchspielen, neuen Worten und Details zum verlieben!

 

 

(mehr …)


Facebook | |


10 Bücher für die Freibad-Tasche

15. August 2016 von Charlott
Dieser Text ist Teil 118 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

Die Sonne scheint. Das Freibad ist geöffnet. Auf der Decke liegen und feministisch inspiriert lesen. Das klingt doch ziemlich super, oder? Um zu mindestens den letzten Teil dieses Bildes erfolgreich zu erfüllen, gibt es heute diese Liste. Und ob ihr dann mit dem Buch einfach im Bett liegen bleibt, sei natürlich ganz euch überlassen.

EdA_Sharon_Die_Dinge2

Die Preisträgerin

Dass Sharon Dodua Otoo den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat, ist nun wahrscheinlich die Standardeinleitung, aber habt ihr auch alle ihre 2011 erschienene Novelle „die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle…“ gelesen? In diesem Buch seziert Otoo das Ende der Liebesbeziehung einer Schwarzen Frau in Berlin. Das ist mal berührend, mal komisch; ganz nah an einer Figur, ohne gesamtgesellschaftliche Kontexte auszublenden.

Und wer lieber zu einer Lesung als an den Schwimmbeckenrand möchte, kann sich zum Beispiel auf den 19.08. freuen, denn da liest sie im Kino Babylon in Berlin. (FB-Link)

Sharon Dodou Otoo. 2011. die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle… (edition assemblage)

BN-OC968_GYASI__JV_20160520165430
Der historische Roman

Yaa Gyasi hat mit „Homegoing“ eine epische Familiensaga erschaffen, die zwar über 300 Jahre umspannt aber gerade einmal etwas mehr als 300 Seiten einnimmt. Ihr Debut-Roman erzählt die Geschichte der beiden Halbschwestern Effia und Esia und ihrer Nachkomm_innen. Beide Frauen werden im 18. Jahrhundert im heutigen Ghana geboren, sie treffen sich nie direkt und ihre Leben könnten kaum unterschiedlicher verlaufen: Effia wird mit einem britischen Offizier verheiratet, der in den Versklavungshandel involviert ist, und bleibt ihn Ghana. Esi hingegen wird nach einem Konflikt gefangen genommen, versklavt und nach Amerika verschifft. In wechselnden Kapiteln wendet sich Gysasi jeweils einem Familienmitglied einer der Familienlinien zu, alle zwei Kapitel wird zu einer neuen Generation gesprungen. Themen wie Sklaverei, Kolonialismus, Jim Crow, Civil Rights Bewegung, sexualisierte Gewalt, den Gefängniskomplex und vieles mehr anschneidend, zeigt sie wie sich Trauma durch die Familien zieht und sich in weiter bestehenden rassistischen Systemen addiert. Sie gibt den Leser_innen aber auch Charaktere, die tief für einander empfinden, sich um einander sorgen, die aufsässig und widerständig sind. Das Romanende mag etwas zweckmäßig, „einfach“, erscheinen, doch nimmt es nichts von der Schlagkraft dieses wunderbaren Erstlings. In deutscher Übersetzung ist es leider noch nicht erschienen.

Yaa Gyasi. 2016. Homegoing. (Knopf)

Hinweis: Um so schöner, dass dafür Chimamanda Ngozi Adichie’s historischer Roman über den Biafrakrieg, „Die Hälfte der Sonne“, nun wieder auf deutsch erhältlich ist. Der Fischer-Verlag hat vor zwei Wochen die Übersetzung herausgebracht.

(mehr …)


Facebook | |


California Dreamin‘. Eine Graphic Novel über Cass Elliot: „Ich werde die berühmteste Dicke der Welt“

18. April 2016 von Magda
Dieser Text ist Teil 117 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

Wer kennt es nicht oder hat es sogar schon selbst am Lagerfeuer gesungen?

„All the leaves are brown / And the sky is gray /
I’ve been for a walk / On a winter’s day…“

California Dreamin' - CoverDer Klassiker von The Mamas & the Papas pflanzt sich freiwillig oder unfreiwillig ins Ohr und ruft melancholische Assoziationen von Hippies, Blümchen & Weltfrieden hervor. Die KünstlerInnen hinter dem Song sind weniger bekannt, am ehesten noch die grandiose Sängerin Cass Elliot („Mama Cass“), die bereits mit 32 Jahren verstarb. Ihrem Leben und ihrem musikalischen Erbe ist ein im März auf Deutsch erschienener Graphic Novel gewidmet: „California Dreamin‘. Cass Elliot und The Mamas & the Papas“ (Carlsen) von der französischen Comic-Zeichnerin Pénélope Bagieu.

Cass Elliot wurde 1941 als Ellen Cohen in Baltiore (Maryland, USA) in eine aus Russland emigrierte jüdische Familie geboren. Gesang, Schauspiel und Unterhaltung werden früh zu ihren Leidenschaften. Schnell wird im Buch das Spannungsfeld Selbstbild und gesellschaftliche Anrufungen thematisiert: Die junge Ellen liebt den großen Auftritt und weiß ganz genau „Ich werde ein Star“. Das Selbstbewusstsein eines jungen Mädchen mit musikalischen Ambitionen trifft dann auf Sexismus und Dickenfeindlichkeit, was Cass zwar den geraden Weg ins Showbiz verunmöglicht, ihre Entschlossenheit aber kaum trübt.

„Ich werde die berühmteste Dicke der Welt“

Mit 19 bricht sie die Schule ab und geht nach New York City. Die nächsten Jahre sind von kleineren Schauspiel- und Musik-Jobs bestimmt und von Managern, die von Cass verlangen, dass sie abnehmen soll. Drogen, Alkohol, Dauer-Diäten bei gleichzeitigem Hass auf Diäten, eine unerwiderte Liebe, chronischer Geldmangel, aber viele schöne, maßgeschneiderte Kleider (♥) sind die Begleiterinnen ihrer anfänglichen Karriere. Obwohl Cass so viel Abwertung entgegenschlägt, scheint sie nie an ihren gesanglichen Qualitäten zu zweifeln (glücklicherweise). Die selbstherrlichen Hippie-Macker, die zwar gerne Cass‘ Ideen klauen, aber ihr keine Credits geben wollen, haben mich beim Lesen einige Nerven gekostet.

Es entschädigen die lebendigen, oftmals schnörkelig-skizzenhaften Bilder und die coole Darstellung von Cass. Beschrieben wird ihre Person und ihr Leben aus den jeweiligen Perspektiven der Menschen, die mit ihr aufgewachsen, befreundet oder sie verehrt haben und oft frage ich mich: Was hätte Cass dazu gesagt?

In den Monaten vor ihrem Tod hatte sie durch Hungern 80 Pfund abgenommen. Ihr früher Tod durch Herzinfarkt kurz nach einem Konzert in England wird auf die vielen Crash-Diäten zurückgeführt. Dass sofort Gerüchte die Runde machten, dass sie an einem Schinken-Sandwich erstickt sein soll, zeigt, wie respektlos auch nach ihrem Tode über sie gesprochen wurde. Dagegen formierte sich aber auch Widerstand: Fat Aktivist_innen organisierten kurze Zeit später in Los Angeles eine Gedenkveranstaltung. Auch dieses Buch ist ein Lichtblick und ein tolles Werk für diejenigen, die sich für das Leben und das musikalische Vermächtnis von Cass Elliott und für Musikgeschichte im Allgemeinen interessieren.

Zwei Wochen vor ihrem Tod gab Cass Elliot ein wunderbares Interview:


Facebook | |


„Und was sagen die Kinder dazu?“ Kinder lesbischer, schwuler und trans-Eltern kommen zu Wort

8. Februar 2016 von Magda
Dieser Text ist Teil 116 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

Normalerweise reagiere ich eher gereizt, wenn über Lesben_Trans_Schwule gesprochen wird, so nach dem Motto: „Ist das eigentlich normal, kann mensch das Kindern antun, Familie ist Mutter-Vater-Kind, Untergang des Abendlandes, bla bla bla…“.

Buchcover von: "Und was sagen die Kinder dazu? Zehn Jahre später! Neue Gespräche mit Töchtern und Söhne lesbischer, schwuler und trans* Eltern.Das Buch „Und was sagen die Kinder dazu? Zehn Jahre später! Neue Gespräche mit Töchtern und Söhnen lesbischer, schwuler und trans* Eltern“ (Querverlag, 2015) nimmt Bezug auf diesen Diskurs, bietet alternatives Wissen (besonders für diejenigen, die mit dem Thema bisher weniger zu tun hatten) und lässt in erster Linie die Kinder zu Wort kommen: Es ist eine kluge Idee der Autorinnen Uli Streib-Brzic und Stephanie Gerlach, mal diejenigen zu befragen, um deren Wohl sich deutsche Konservative stets sorgen: jene Kinder und Jugendliche, die in Elternhäusern aufwachsen bzw. aufgewachsen sind, die nicht der heternormativen Norm entsprechen.

2005 erschien die erste Version des Buches, damals mit Erfahrungsberichten von Kindern schwuler und lesbischer Eltern. Vor wenigen Monaten – zehn Jahre später – erschien das Nachfolgebuch. Die Kinder von damals wurden erneut interviewt, hinzugekommen sind neue Gespräche mit Kindern von trans-Eltern. Insgesamt 34 Kinder vom Grundschulalter bis ins junge Erwachsenenalter berichten über ihr Aufwachsen, eigene Lernprozesse, über Kämpfe in Schulen und im Freund_innenkreis, erzählen von Krisen sowie von schönen, stärkenden Momenten. Die größte Gruppe der interviewten Kinder sind in Deutschland geboren und haben lesbischen Eltern. Besonders spannend finde ich das Buch, weil die aktuellen sowie die damaligen Interviews abgedruckt sind. Das gibt den Kindern und jungen Erwachsenen die Möglichkeit, auf ihre damaligen Aussagen Bezug zu nehmen und zu reflektieren.

Beeindruckt war ich von der Ehrlichkeit und dem Reflexionsvermögen vieler Kinder (vielleicht bin ich aber auch zu selten mit Kindern zusammen, um zu wissen, dass viele Kinder diese Eigenschaften pflegen und dann im Prozess der Älterwerdens verlieren…?). Viele der Kinder können die Kommentare ihrer (cis-hetero-) Lehrer_innen, Mitschüler_innen, Verwandten oder der Eltern anderer Kinder sehr gut als das einordnen, was sie sind: diskriminierend, verletzend, ungerecht. Auffällig ist, dass viele Kinder sensibilisiert sind für unterschiedliche gesellschaftliche Normen: „Was heißt denn schon ’normal‘?“ ist keine seltene Frage. Und doch wird ab und zu die eine oder andere normative Aussage mit Vehemenz vertreten. Widersprüchlichkeiten bleiben.

Einige der Kinder machen sich viele Gedanken um ihr eigenes Begehren, möchten sich nicht festlegen und erkennen es als selbstverständlich an, dass Menschen unterschiedliche Partner_innen verschiedener Geschlechter in ihrem Leben lieben können. In den einzelnen Interviews werden Strategien sichtbar, wie Kinder mit der Tatsache umgehen, dass ihre Eltern stets als „anders“ oder „besonders“ betrachtet werden. Manche sind sehr offensiv und wehren sich gegen nervige Kommentare, andere sprechen ungern mit Außenstehenden über ihre Familie, wobei deutlich wird, dass dies weniger mit Scham, sondern mehr mit der Unlust zu tun hat, sich ständig mit den diskriminierenden Kommentaren der Umwelt zu befassen. Nur wenige richten ihren Zorn gegen ihre Eltern und machen deren Begehren dafür verantwortlich. Die meisten sind dankbar, von ihren Eltern sehr früh gelernt zu haben, dass die Welt komplexer ist, als das Durchschnittskinderbuch mit Mutti-Vati-Kind vermuten lässt. Abgerundet wird das Buch mit einem kurzen Überblick zum wissenschaftlichen Diskurs zum Thema LGBTQ-Elternschaft und einer Literaturliste, u.a. mit Büchern für Kinder und Jugendliche.

Die Lektüre des Buches macht Mut. Deutsche Konservative sollten sich weniger um das Wohl der Kinder sorgen, sondern sich eher darauf gefasst machen, dass mehr und mehr pfiffige Kids heranwachsen werden, die traditionelle Ideen vom Miteinander leben und lieben in Frage stellen.


Facebook | |



Anzeige