Blick zurück für den Blick nach vorn – Frauen im Mittleren Osten

23. Januar 2012 von Helga
Dieser Text ist Teil 58 von 58 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rotes Buchcover mit einem Bild auf dem ca. 20 Mädchen und junge Frauen zu sehen sind.Mit den Revolutionen in Tunesien und Ägypten vor knapp einem Jahr ist auch eine weitere Frage immer wieder aufgetaucht: Wie steht es um die Frauen in Nordafrika, bzw. dem Mittleren Osten? Das Buch “Women and the Family in the Middle East” beleuchtet historische Entwicklungen, von den zwanziger Jahren bis in die Achtziger. Betrachtet werden zehn Länder, vom Irak über Ägypten bis zum Sudan, sowie die Palästinensischen Autonomiegebiete. Außen vor bleiben die Länder “ohne westlichen Einfluß” und Kolonialzeit, der Jemen und Saudi-Arabien, trotzdem ist dies schon ein weites Feld. Darüberhinaus werden die Themen Familie, Arbeit, Religion, Krieg & Revolutionen, Identität und Gesundheit & Erziehung betrachtet – eine umfassende Analyse gibt es daher nicht.

Stattdessen gleicht das Buch einem Puzzle, in dem sich wissenschaftliche Abhandlungen, persönliche Berichte und Fiktion in Form von Gedichten und Geschichten abwechseln. Die einzelnen Texte sind, so verschieden sie auch sind, stets gut zu lesen und verständlich. Der Versuch, das Buch in einem Rutsch zu lesen, muss an der Vielfalt der Themen allerdings scheitern. Umso mehr Sinn macht es, sich einzelne Texte herauszusuchen und mit dem heutigen Stand zu vergleichen. So wurde etwa in Libyen die radikale Gleichstellung von Männern und Frauen geplant. Dass es dazu niemals kam, zeigt nicht zuletzt die aktuelle Situation.

The problem with “starting from reality” is that, without a clear policy of change, one tends to get stuck there. (Das Problem mit dem „Beginn in der Realität“ ist, dass man ohne klare Vorgaben zur Veränderung stecken bleibt.) (weiterlesen …)


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Einsteigen in feministische Theorie

13. Januar 2012 von Verschiedenen
Dieser Text ist Teil 57 von 58 der Serie Die Feministische Bibliothek

Ulli Koch ist extensive Leserin, Feministin und Fragenstellerin. Auf “unregelmäßige Gedankensplitter” lässt die Studentin unter anderem germanistische und feministische Perspektiven zusammenfließen. Zur Zeit schreibt sie an ihrer Diplomarbeit über die patriarchalen Dimensionen der Bibliothek. Ihre Rezension zu “Feministische Theorien zur Einführung” von Gudrun Axeli-Knapp und Regina Becker-Schmidt veröffentlichen wir hier mit freundlicher Genehmigung.

Feministische Theorien zur Einführung Im Bereich der feministischen Theorie den Überblick zu behalten fällt manchmal recht schwer. Zu groß ist die Fülle an Denkmöglichkeiten, Ansichten, Weiterentwicklungen und mehr. Empfehlenswert ist daher sich mit Einführungsbänden auseinanderzusetzen und anhand dieser die Zusammenhänge feministischer Strömungen durch zu denken und das eigene Wissen zu vertiefen. Schwierig ist jedoch das richtige Werk zu finden, soll die Einführung doch weder zu überblickshaft noch zu genau sein. Das bereits in fünfter und immer wieder revidierter Auflage bei Junius erschienene Standardwerk von Regina Becker-Schmidt und Gudrun-Axeli Knapp schafft diesen Spagat zwischen notwendiger Vereinfachung und vertiefender Analyse recht gut. Auf 140 Seiten diskutieren die beiden Autorinnen, die jeweils zwei Kapitel des Buches geschrieben haben, die feministischen Strömungen vom Beginn der ersten Frauenbewegung bis zur heutigen Zeit und erklären Zusammenhänge und Unterschiede. Der Fokus liegt dabei auf dem deutschsprachigen und us-amerikanischen Raum.

Gelungen ist der Übergang von den Anfängen der feministischen Bewegung hin zu den Gender Studies, den Becker-Schmidt geschrieben hat. Weitergeführt wird diese Thematik in Knapps Darstellung von der Konstruktion und Dekonstruktion von Geschlecht. Leider bezieht sich Knapp in ihren Überlegungen nur auf Judith Butler und Donna Haraway, doch dank der zuvor durchgeführten Diskussion über konstruktivistische Perspektiven bleibt das Bild nicht auf diese zweidimensionale Sichtweise beschränkt. (weiterlesen …)


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Revolutionäre Mädchen

5. September 2011 von Magda
Dieser Text ist Teil 56 von 58 der Serie Die Feministische Bibliothek

Zwanzig Jahre nachdem Bikini Kill Frontfrau Kathleen Hanna sich das Wort ‘Slut’ quer über den Bauch schrieb und das Riot Grrrl Manifest in einer Ausgabe eines Zines erschien, blicken wir zurück auf eine Bewegung, die ausgehend vom Nordwesten der USA weltweit neue Diskussionen zu Feminismus, weiblicher Selbst­bestimmung und Frauen in männer­dominierten Sphären wie Punk oder Rock Musik entfachte.

Ein Buch aus dem Mainzer Ventil Verlag wagt nun den ersten deutsch­sprachigen Rück­blick auf diese pop­kulturelle Jugend­bewegung, die erst­malig fast aus­schließlich von Mädchen und jungen Frauen ins Leben gerufen wurde: “Riot Grrrl Revisited. Geschichte und Gegen­wart einer feministischen Bewegung”.

Die Herausgeber_innen Katja Peglow und Jonas Engelmann haben eine Reihe an spannenden Interviews, Essays und Kurz­porträts zu­sammen­ge­tragen und teil­weise übersetzt. Aus­ge­stattet mit wunderbaren Illustrationen mutet das Buch selbst streckenweise wie ein liebevoll-selbst­gestaltetes Zine an.

Symphatisch beginnt das Buch mit einer Einleitung, in der sich die Heraus­geber_innen von vermeint­licher Objektivität distanzieren, da sie sich nicht ganz von einer “Nineties-Nostalgie” befreien können. Vielmehr wollen Peglow und Engelmann sich der Bewegung, die nach Europa meist nur in Form eines niedlich-gezähmten Mädchenkults oder als kapitalistisch verwertbare Girl Power rüber­schwappte, mit den Fragen nähren:

Was ist von der Revolution übrig geblieben? Wo sind die Rebel Girls von heute? Denn: Geblieben ist einiges, verändert hat sich für Frauen im Musik­geschäft eher weniger.

Das Buch skizziert die Entstehungs­ge­schichte der Riot Grrrl Bewegung und beleuchtet diese in ihren ver­schiedenen Facetten kritisch: Wer waren die Akteur_innen und wo lebten sie, was waren ihre Ziele und Bot­schaften, welcher Ästhetik bedienten sie sich? Das Themen­spektrum ist viel­fältig und beleuchtet Musik, die Lyrics und die Filme der Riot Grrrls, befasst sich mit Körper­politik, lesbischer Kultur und race/Rassismus innerhalb der Bewegung bis hin zu aktuellen feministischen Aktivitäten wie Ladyfeste oder das Girls Rock Camp. Am Ende haben die Herausgeber_innen noch ein “Who is Who” und ein Riot-Grrrl-ABC zusammengetragen, in denen mensch stöbern kann und erfährt, was ‘Backlash’, ‘Queercore’ oder ‘Zines’ sind.

Einen fetten Minuspunkt gibt es für die in den Übersetzungen verwendete Sprache: Wieder­holt finden sich dort diskriminierende Wörter – selbst im Kapitel “Race & Riot”, das sich kritisch mit den Rassismen innerhalb der Community auseinandersetzt. Es ist schade, dass in einem Buch über Feminismus und Selbst­ermächtigung so wenig Wert auf diskriminierungs­freie Sprache und Selbstbe­zeichnungen gelegt wird.

Obwohl die sprachlichen Fehlleistungen das Lese­vergnügen einschränken, ist das Buch empfehlens­wert. Es bietet einen leicht ver­ständlichen und bilder­reichen Einstieg in die feministische pop­kulturelle Bewegung, die Musiker_innen und Aktivist_innen bis heute prägt und hält auch für all diejenigen unzählige Anekdoten und Insider-Berichte parat, die sich schon jahrelang mit den Grrrls be­schäftigen.

So gilt damals wie heute: Revolution Girl Style Now!

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Das Buch über diesen Link zu bestellen, unterstützt die Mädchenmannschaft.
libri “Riot Grrrl Revisited. Geschichte und Gegenwart einer feministischen Bewegung” jetzt bestellen


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Unter der Gürtellinie, aber abseits des Mainstreams

25. August 2011 von Verena
Dieser Text ist Teil 55 von 58 der Serie Die Feministische Bibliothek

Titelbild des Buches „Sex und Subversion - Pornofilme jenseits des Mainstreams“ mit 2 Szenen aus PornofilmenWie toll ist es eigentlich, sich durch ein Buch über Pornofilme zu lesen, während es nebenan die Nachbarn lautstark bei geöffnetem Fenster treiben? Aber das nur so nebenbei. Oliver Demny, der dieses Buch zusammen mit Martin Richling herausgegeben hat, stellt seinem Vorwort zwei Literaturbeispiele zur Seite: Norman Mailers „Der Mann, der Joga studierte“ und Boris Vians „Liebe ist Blind“. Hier geht es um mehr, hier geht es um „Pornofilme jenseits des Mainstreams“, wie der Untertitel dieser Anthologie verrät. Beim ersten Durchblättern fühlt man sich an die Testcard-Ausgaben des Ventil-Verlags erinnert.

Dieser Eindruck verliert sich aber schnell wieder. „Sex und Subversion“ ist zum großen Teil aus der Perspektive von FilmwissenschaftlerInnen geschrieben, die zwar auch den historischen und soziologischen Seitenblick riskieren, aber trotzdem oft zu nah am Zelluloid bleiben. So kommt der ein oder andere Beitrag nicht über die bloße Zusammenfassung einzelner Pornos und detaillierter Szenebeschreibungen hinaus. Es ist durchaus interessant, über die Verquickung von Mensch und Maschine zu lesen, wenn aber nur die Titel mit kurzen Inhhaltsangaben aneinander gereiht werden, wünscht man sich expliziteres Porno-Nerd-Wissen im Hinterkopf oder eine andere Art von Annäherung an den Gegenstand. Ein Vorteil ist diese Szenenbeschreibung nur dann, wenn es darum geht, die Subversivität der „Indie-Pornos“ zu verdeutlichen – alles andere liest sich einfach nur langweilig. Vor allem dann, wenn das Konkrete von einfältiger Wortwahl begleitet wird.

Sie hat langes gewelltes, schwarzes Haar, schwarz nachgezogene Augenbrauen, große, durch dunkle Wimpern umrahmte Augen und dunkelrot geschminkte sinnliche Lippen. Ihre weiße Bluse ist vorne offen, wird aber unter ihren drallen Brüsten von einem schwarzen Kostüm ähnlich einem Korsett zusammen gehalten, das durch einen Push-Up Effekt deren Fülle weiter betont. […] Ihre langen durchtrainierten, schlanken Beine sind nackt und enden in schwarzen High Heels.

Aber dieses Buch hat auch jede Menge Gutes. Unter drei Schwerpunkten widmen sich die AutorInnnen den Porno-Pionieren genauso wie Kapiteln zu “Porno & Gesellschaft” und der zeitgenössischen Porno-Kunst. Sowohl Josefine Mutzenbacher als auch Bruce la Bruce finden Erwähnung und auch Feminismus und Queerness tummeln sich auf der Spielwiese des Subversiven. So untersucht Julia Frankenberger das feministische Potential von der Verfilmung des ‘Skandalromans’ „Baise-Moi“ und den Schluss des Buchs bildet die Podiumsdiskussion von sechs Porno­regisseurinnen während des Berliner Pornfilmfestivals 2009. Aber auch hier schläfert die Langatmigkeit zwangläufig ein. Wer sich dennoch wach halten kann, wird mit solchen Aussagen wie der von Shine Louise Houston belohnt:

Es gibt traditionell viele Diskussionen darüber, ob man das Wort Porno benutzen sollte, oder nicht. Solange nicht ein neues Wort für diese Sachen gefunden wird, ziehe ich es vor, das Wort Porno zu benutzen. Vor allem, weil es bei Pornos im Grunde genommen um sexuelle Stimulanz geht. Und meine Filme zeichnen sich definitiv durch sexuelle Stimulation aus. Darum benutze ich das Wort Porno – aber auch um die Filmgeschichte nicht zu missachten, denn ich baue auf einem Genre auf, das seit Anbeginn des Kinos existiert. Auch wenn es mit seinem eigenen Stigma besetzt ist: Wir transformieren es von Grund auf, besetzen es erfolgreich neu. Deshalb passt das Wort Porno auch für uns. (weiterlesen …)


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Schön Blöd

22. Juli 2011 von Verena
Dieser Text ist Teil 54 von 58 der Serie Die Feministische Bibliothek

Als Natasha Walter Ende der 90er ihr Buch „The New Feminism“ veröffentlichte, war sie optimistisch, dass die sexistischen Kämpfe der Frauenbewegung gewonnen seien und sich nun auf die politische und soziale Gleichstellung konzentriert werden könne. Ein Irrtum, wie die Britin einräumt: „Living Dolls“ beschreibt eine Generation von Frauen, die von Kindesbeinen an in eine rosa Puppenwelt gedrängt werden, die sie auch als Erwachsene nicht loslässt. Walter nennt es die „steckengebliebene Revolution“ und zeigt anhand zahlloser Beispiele auf, wie erstrebenswert es für junge Frauen heute offenbar ist, ein Leben als Puppe zu führen oder auf die erotische Ausstrahlung reduziert zu werden.

Noch folgenreicher ist jedoch, dass das Idealbild weiblicher Schönheit, dem Frauen nacheifern sollen, in einem Großteil unserer Gesellschaft in immer höherem Maße durch Sexualität und erotische Ausstrahlung definiert wird

Als „Living Dolls“ im vergangenen Jahr in England erschien, erzeugten Walters Thesen auch hierzulande ein Echo. Dass nun mit der deutschen Übersetzung eher wenig in den Medien passiert verwundert. Denn auch wenn Walter mit Glamour Modeling für Billo-Zeitschriften wie Nuts oder die aus dem Boden schießenden Table Dance Bars  auf britische Verhältnisse konzentriert, ihrer Beobachtungen gelten auch für uns. Und Walter wühlt ordentlich mit dem Zeigefinger in der sexuellen Pseudo-Befreiung unserer Zeit:

Meines Erachtens ist es an der Zeit, die übertriebene Weiblichkeit, die den Frauen dieser Generation als Ideal vermittelt wird, in Frage zu stellen. Das muss einerseits durch eine Kritik am Wiederaufleben des biologischen Determinismus geschehen, der uns einredet, Gene und Hormone legten und unausweichlich auf die traditionellen Geschlechterrollen fest. Zum anderen müssen wir die klaustrophobische Kultur, die vielen jungen Frauen weismacht, sie könnten nur durch Ausnutzen ihres Sex-Appeals Macht erlangen, auf den Prüfstand stellen.

Walter unterteilt ihr Buch in zwei Themenblöcke: „Der neue Sexismus“ und „Der neue Determinismus“. Im ersten Teil taucht sie ein in die Szene von Stripparties im herkömmlichen Clubbetrieb, Glamour Modeling und Lapdance-Bars; lässt junge Mädchen zu Wort kommen genauso wie ChefredakteurInnen, HerausgeberInnen und PR-ExpertInnen. Dabei sind es vor allem die zum Teil selbstentlarvenden Sätze der MedienmacherInnen als auch die resignierenden Erkenntnisse junger Mädchen, die mehr sagen als Walter es mit einer Analyse der Gegebenheiten tun könnte. So erklärt eine junge Frau:

Man braucht sich nur die Lapdance-Clubs anzuschauen, das sagt so viel über unsere Kultur aus. Die Männer darin sind ‚seriös’, sie tragen einen Anzug und haben ein Bankkonto, die Frauen sind ‚unseriös’, sie sind nackt und haben Schulden. (weiterlesen …)


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Die sichtbaren und unsichtbaren Frauen der Wissenschaftsgeschichte

5. Juli 2011 von Helga
Dieser Text ist Teil 53 von 58 der Serie Die Feministische Bibliothek

Titelbild von Madame Curie Complex (Überschrift, darunter leere Reagenzgläschen, nur eines ist mit roter Flüssigkeit gefüllt) Die Frage, wieviel Frauen eigentlich für die Wissenschaft geleistet haben und warum soviele unsichtbar blieben, ist schon länger da. Julie Des Jardins hat dazu gleich ein ganzes Buch aus explizit feministischer Perspektive geschrieben. “The Madame Curie Complex” heißt es und teilt die jüngere Naturwissenschaft in drei Phasen auf:

  • 1880-1940 Assistentinnen, Hausfrauen, austauschbar
  • 1941-1962 Kult der Männlichkeit in Zeiten heldenhafter Wissenschaft
  • 1962- Amerikanische Frauen und Wissenschaft im Umbruch
  • Zu jeder Ära stellt sie verschiedene berühmte, aber auch weniger bekannte Frauen vor. Wie bereits angedeutet, bezieht sich das Buch vor allem auf amerikanische Wissenschaftlerinnen, auch wenn viele aus Europa stammten. Wie vom Titel “Madame Curie Complex” zu vermuten, beginnt sie mit Marie Curie. Der im Titel angesprochene Komplex bezieht sich auf das Bild der Übermutter und Überwissenschaftlerin, als die Marie Curie in den USA in die Geschichte eingegangen ist und das jungen Frauen ein schwieriges Vorbild lieferte – dabei ist das Phänomen, das sie damit beschreibt, sicher international anzutreffen. Tatsächlich gaben viele der weiteren Wissenschaftlerinnen Marie Curie als Vorbild an, oft verbunden mit dem Wissen, selbst mehr als doppelt so gut sein zu müssen wie Wissenschaftler, um wenigstens halb so anerkannt zu werden.

    Eindrücklich beschreibt Des Jardins die vielfältigen Hürden, die Wissen­schaftlerinnen immer wieder zu überwinden hatten: den Zugang zu Universitäten und Forschungseinrichtungen an sich und das Abschieben auf schlecht oder oft sogar unbezahlte Lehrtätigkeiten an Frauencolleges. Ambivalent bleibt meist die Rolle der Männer. Der Unterstützung von Ehemännern und Vätern stellt sich der massive Widerstand von Kollegen entgegen. Nach großem Zulauf von Frauen in die Wissenschaften, brachen die Zahlen nach dem zweiten Weltkrieg wieder ein. Mit dem Kalten Krieg kam es außerdem zu einer extremen Zuschreibung von Wissenschaft und Technik als männlich – vorangetrieben auch von einer Psychologin, nämlich Anne Roe im Jahr 1953. (weiterlesen …)


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    Neuer Lesestoff aus den Cultural Studies

    7. Juni 2011 von Verena
    Dieser Text ist Teil 52 von 58 der Serie Die Feministische Bibliothek

    Für die Anthologie „Dekonstruktion und Evidenz“ haben sich Kulturwissenschaftlerinnen der Universität Lüneburg zusammen getan, um soziale Kategorien wie „Geschlecht“, „Rasse“ und „Nation“ in ihrer medialen Darstellung zu untersuchen.

    Die Einsicht, dass in medialen, wissenschaftliche und politischen Diskursen produziertes Wissen gesellschaftliche Wirklichkeit nicht abbildet, sondern ‚Wahrheit’ durch bestimmte Diskursregeln erst hergestellt wird und zudem immer mit Machtwirkungen verknüpft ist, zieht sich als roter Faden durch die Texte der Autor_innen dieses Bandes

    Dieser Satz, den die vier Herausgeber_innen, Irina Hennig, Merle-Marie Kruse, Steffi Hobuß und Tanja Thomas ihrer Einleitung voranstellen, wird für die meisten ihrer Leser_innen nicht bahnbrechend neu sein, gibt aber den Hinweis, dass sich hier auch nicht Gender-Initiierte  zurecht finden können. Unter dem Stichwort „Ausgangspunkte“ folgen zwei Kapitel, die Grundsätzliches über poststrukturalistische Theorien vorstellen und auch wenn ich persönlich die Theorie nonchalant überblättert habe, ein Seitenblick zeigt mir, dass die grundlegenden Ideen und Prinzipien dekonstruktiver Theorie greifbar vermittelt wird.

    Diesem Prinzip – anschaulich den theoretischen Ansatz darlegen und dann die Analyse mit gut dokumentierten Beispielen vorstellen – folgen auch die Aufsätze dieses Sammelbands. Egal ob Miriam Stehling die neoliberalen Prinzipien geschlechtsspezifisch verlangter Handlungen anhand von „Germany’s next Topmodel“ analysiert oder Wera Mohns Patten den „Konstruktionen von Mutterschaft und Gender in den Filmen Juno und Knocked Up“ nachspürt, die Autor_innen bleiben nah am Forschungsgegenstand und nutzen den popkulturellen Bezug alltagsnah.

    Überhaupt liegt hier die große Stärke der Anthologie: Sie stellt die Verunsicherung der Autor_innen anhand der Beschäftigung von (De)Konstruktionen in Medienkulturen genauso bewusst heraus, wie das Positive der Weiterentwicklung von Gedanken und Wissen:

    Wie wichtig ihnen in diesem Rahmen auch die Gelegenheit für die Reflexion über Denkbewegungen, der Austausch über Verstörung und Verunsicherung wie über Freude an Erkenntnisfortschritten war, haben die Autor_innen beschrieben. […] Die Beschäftigung mit Rassismus- und Nationalismustheorien oder Critical Whiteness Studies produziert häufig Phasen der Sprachlosigkeit angesichts der Anstrengung der Vermeidung, aber auch angesichts der Unvermeidlichkeit des Wiederholens von Verallgemeinerungen, kollektivierenden und differenzstiftenden Formulierungen. (weiterlesen …)


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    Eine Replik auf „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“

    20. April 2011 von Helga
    Dieser Text ist Teil 51 von 58 der Serie Die Feministische Bibliothek

    Gelber Buchtitel von: Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken – und Männer ihnen Recht geben (der Titel ist in rot) darunter: Über Schwächen, die gar keine sind | darunter ein Comicbild von einem Mann am Steuer eines Wagens, mit einer blonden Frau im Pelzmantel als Beifahrerin Frauen können nicht einparken, Männer finden sogar ohne Karte noch ihr Auto in einer fremden Stadt wieder. Frauen orientieren sich an Gebäuden, Männer an Himmelsrichtungen – dass in diesen Klischees auch wissenschaftliche Wahrheit stecke, behaupteten besonders erfolgreich Barbara und Allen Pease. Zum Ärger der Psychologin Prof. Dr. Claudia Quaiser-Pohl und der Neurobiologin Dr. Kirsten Jordan. Beide erforschen in ihrer täglichen Arbeit, wie Männer und Frauen Informationen verarbeiten, vor allem, wenn es um die Orientierung geht. Zusammen mit 15 weiteren Wissenschaftler_innen stellen sie in „Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken – und Männer ihnen Recht geben“ die Ergebnisse ihrer Arbeit vor und setzen sich dezidiert mit den Thesen der Peases auseinander.

    In den ersten Kapiteln geht es um Aufbau und Funktionsweise des Gehirns und damit einige populäre Weisheiten: Bei Frauen kommunizierten die beiden Gehirnhälften besser miteinander, Männern fehlte dagegen ein eigenes Sprachzentrum im Gehirn. Für die erste Annahme gibt es bis heute nur uneindeutige und widersprüchliche Ergebnisse, die zweite Annahme ist lange widerlegt: Auch Männer haben ein Gehirnareal für Sprachen.

    Auch Untersuchungen zum Einfluss der Sexualhormone stellen sie vor. So korrespondierten Schwankungen im Monatszyklus mit Schwankungen in einigen Testergebnissen. Vom Hormonspiegel auf die Berufseignung oder -neigung zu schließen ist den Autor_innen zufolge aber ein Fehler. Je nach Zyklusphase erreichten die untersuchten Frauen bessere Ergebnisse in Tests, die sie auch ansonsten gut bewältigten, aber auch in Tests, in denen sonst Männer die besseren Leistungen zeigten. Auch Männer sind vor Leistungsänderungen übrigens nicht gefeit – und inzwischen ist klar, dass ihr Testosteronspiegel ebenfalls deutlich schwankt, von tages- bis jahreszeitlichen Veränderungen.

    In den weiteren Kapiteln werden verschiedene Studien zur räumlichen Orientierung und der Fähigkeit, Gegenstände mental zu rotieren, erläutert. Ausgewählte Testaufgaben zum selbst testen und die grafisch aufbereiteten Ergebnisse erleichtern dabei das Nachvollziehen. Tatsächlich gibt es verschiedene Strategien im räumlichen Denken, die auch von Männern und Frauen verschieden häufig genutzt werden. Allerdings gibt es keine ausschließlich weiblichen oder männlichen Strategien, oft werden sie auch kombiniert – von beiden Geschlechtern.

    Hinter den Ergebnissen steht immer noch die Frage „Nature or Nurture“ (naturgegeben oder anerzogen). Handelt es sich wirklich um Unterschiede weil Mann und Frau verschieden sind oder werden wir verschieden gemacht? Abschließend beantworten lässt sich die Frage nicht. So erkunden Jungen ihre Nachbarschaft genauer als Mädchen und trainieren entsprechend ihren Orientierungssinn; Mädchen dagegen bewegen sich seltener alleine und meist auf denselben Wegen. Ob sie damit natürlichen Begabungen folgen oder von ihren Eltern sozialisiert werden, ist bisher ungeklärt. Ein spannendes Indiz ergab sich aus einer anderen Studie. Dort wurde nach der Motivation teilzunehmen gefragt: Die Teilnehmerinnen meldeten sich öfter, weil sie sich schlecht einschätzten und ihre Fähigkeiten verbessern wollten. Die Teilnehmer gingen bereits davon aus, dass sie gut abschneiden würden. Am Ende schnitten fast alle Teilnehmer_innen gleich ab.

    Insgesamt bietet das Buch fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse statt populärer Weisheiten, verständlich beschrieben und ein ausführliches Literaturverzeichnis mit Originalartikeln und Wissenschaftsbüchern zum Weiterlesen. Damit ist mensch für die nächste „aber Frauen können einfach nicht einparken“-Diskussion bestens gewappnet.

    Erschienen bei dtv, 192 Seiten, 9,50 €

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    “Seitenwechsel”: Der Vorzeige-Homo ist nicht die Lösung

    9. März 2011 von Nicole
    Dieser Text ist Teil 50 von 58 der Serie Die Feministische Bibliothek


    Schwarzer Buchtitel mit weißem Fußball und pinker Schrift: Seitenwechsel. Coming-out im FußballEs stehen viele wichtige Dinge drin in Tanja Walther-Ahrens‘ Buch Seitenwechsel. Coming-out im Fußball. Auf 176 Seiten geht es hier ein­mal durch die schwul-lesbische, queere Sport- und Lebenswelt, durch die homophoben und sexistischen Strukturen insbesondere des Fuß­balls, persönliche Erfahrungen von Sportler­_innen, Schiedsrichter_innen und Journalisten, garniert mit kleinen Crashkursen zu Judith Butler oder den europäischen Anti­dis­krimi­nie­rungs­richt­linien und eingeleitet mit einem Vor­wort von Theo Zwanziger, Präsident des Deut­schen Fußball-Bundes.

    Tanja Walther-Ahrens weiß, wovon sie schreibt. Sie ist selbst ehemalige Bundesligaspielerin, arbeitet heute hauptberuflich als Lehrerin, ist „neben­bei“ als Aktivistin bei der EGLSF (Euro­pean Gay and Lesbian Sports Federation) unter­wegs. Dass Homophobie nicht nur beim DFB, sondern auch in der Fanszene und in den Medien inzwischen ein Thema und nicht mehr nur ein Tabu ist, ist zu einem nicht geringen Teil ihr Verdienst. Irgend­wann dazwischen hat sie dann noch Zeit gefunden, dieses Buch zu schreiben, das sich nicht nur an ein Nischenpublikum richtet, wie sie selbst im Interview sagt:

    Ich habe das Buch für eine breitere Masse geschrieben: für diejenigen aus der Community, die selbst mit Sport zu tun haben, und für die, die sagen „Nee, Sport, damit kannst du mich jagen.“ Aber eben auch für Leute, die aus dem Sportbereich kommen und denen das Thema Homo­sexualität nur wegen Martina Navratilova über den Weg gelaufen ist.

    (weiterlesen …)


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    Überflüssige Orgasmen und Hysterie – über die Erforschung der Frau

    30. Dezember 2010 von Helga
    Dieser Text ist Teil 49 von 58 der Serie Die Feministische Bibliothek

    Weißes Buchumschlagbild mit goldener Schrift: Woman - Darunter klein und schwarz: An Intimate Geography – Ein aus 3 Strichen stilisierter weiblicher Intimbereich – NATALIE ANGIER Winner of the Pulitzer PrizeAls „eine wissenschaftliche Fantasie des Frauseins“ versteht Autorin Natalie Angier ihr Werk “Woman: An Intimate Geography”. Tatsächlich dreht sich alles um den Teil der Menschheit, der von der Wissenschaft bis heute noch zu oft vernachlässigt wird: Die Frau und alles, was sie ausmacht.

    Warum gibt es einen weiblichen Orgasmus und warum wird die Durchschnittsbrust seit Jahrzehnten immer umfangreicher? Nur einige von zahlreichen Fragen, deren Antwort noch immer ausstehen. Hier fasst Angier die verschiedenen Theorien und Beweise zusammen, gibt Einblicke in die (männlich geprägte) Wissenschaftsgeschichte und zeigt die komplexen Verwicklungen mit Alltagskultur und Politik auf. Auch die Geschichte der weiblichen Hysterie, ausgehend von der Gebärmutter (griech. ὑστέρα/hystera) darf da nicht fehlen. Dabei geht es nicht nur um die harten Fakten von Gebärmutter und Genetik, sondern auch die gesellschaftliche Einordnung. Die Frau als schwaches, passives und weiches Wesen – naturgegeben sei das nicht.

    Als Mutter, die sich für ihre eigene Tochter ein noch besseres und gerechteres Leben wünscht, zeigt sich Angier auch als ausgesprochene Feministin, die unter den tausenden Jahren patriachaler Traditionen die Möglichkeit zu mehr globaler, weiblicher Solidarität sieht. Ausgehend von Naturvölkern oder unseren nächsten Verwandten, die Affen, leht sie sich hier etwas aus dem Fenster. Aber schließlich soll das Buch auch mehr sein, als nur das Vorstellen wissenschaftlicher Erkenntnisse, eben eine „Fantasie“. Und: viele populäre Annahmen stehen auf wissenschaftlich wackligeren Füßen. Die Verbindung von Aggression und Testosteron ist so wenig bewiesen, wie evolutionäre Psychologie sich auf historische Fakten berufen kann. (weiterlesen …)


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