Worte schöpfen, Alternativen lesbar machen

15. Mai 2013 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 72 von 72 der Serie Die Feministische Bibliothek

Wissen wir immer was wir sagen? Welche Normalitäten stellt unsere Sprache her…

…und wie kann jede_r Einzelne diese verändern?

Welche_r tagtäglich versucht, sich selbst solche Fragen zu stellen, nach Möglichkeit vielleicht sogar Antworten zu finden und sie auch Kindern nahe zu bringen, sieht sich oft vor Herausforderungen. Ich bin daher sicher, dass sich viele Kinder-Bezugspersonen begierig auf Bücher wie machtWORTE!, das “gesellschaftskritische ABC-Buch für Kinder”, stürzen – so wie auch ich es getan habe.

Buchcover, Quelle: machtWORTE!-Website

Das Ende 2012 im Berliner Jaja Verlag erschienene Buch machtWORTE! 26 und mehr Anregungen Sprache immer wieder neu zu erleben ist hervor gegangen aus einem Uni-Seminar zu sprachlichen Diskriminierungen. Dort hatten sich die Autorinnen Cindy Ballaschk, Maria Elsner, Claudia Johann und Elisabeth Weber kennengelernt und gemeinsam mit Illustratorin Ka Schmitz ihr Buchprojekt auf den Weg gebracht. Das Buch, zu dem es auch eine informative Website gibt, ist folgendermaßen aufgebaut:

Wir kombinieren zu jedem Buchstaben des deutschen Alphabets Worte und Illustrationen, in der Art und Weise, dass Alternativen zum vermeintlich Normalen lesbar und sichtbar werden. So folgen die Bilder den ver_rückten Assoziationsketten und lösen viele verschiedene Gedanken aus.

Damit eröffnet sich die Möglichkeit, den eigenen Sprachgebrauch zu überdenken und als machtvolle Handlung bewusst zu machen. Es soll ermutigen, aktiv am Wortschöpfungsprozess teilzunehmen. (weiterlesen …)


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Feministische Medien als Motor sozialen Wandels

29. April 2013 von Magda
Dieser Text ist Teil 71 von 72 der Serie Die Feministische Bibliothek

Das 2012 im transcript Verlag erschienene Buch “Feminist Media. Participatory Spaces, Networks and Cultural Citizenship” von Elke Zobl und Ricarda Drüeke entstand aus einem wissen­schaftlichen Projekt, welches sich mit feministischen Medien in Europa befasste, die als wichtiger Motor neuer sozialer Bewegungen charakterisiert werden.

DasUMS2157.indd englisch­sprachige Folge­projekt in Form dieses Buches be­schäftigt sich mit den Fragen, welche Inhalte, Formen, Prozesse und Funktionen feministische Medien­erzeugnisse in Europa heut­zutage aus­machen. Wie werden sie politisch genutzt und welche Potentiale für sozialen Wandel tragen sich in sich?

In der Einleitung erklären die Heraus­geberinnen, dass sie mittels eines Aufrufs nach unter­schiedlichen Beiträgen für das Buch suchten. Wegen diverser Schwierig­keiten einen passenden Verlag zu finden, entschieden sie sich dafür, die im Buch erschienenen Beiträge auf wissen­schaftliche Essays zu beschränken. Das erklärt, warum ich es trotz der lebendigen Thematiken und der Vielzahl an informativen, klugen und kritischen Beiträgen als recht trocken empfand. Viele Beiträge beginnen mit einem seiten­langen Theorie­überblick in das jeweilige wissen­schaftliche Teil­gebiet (was Liebhaber_innenvon Media Studies durchaus beglücken kann), aber wohl nicht immer spannend für alle Interessierten ist, die bisher noch keinen Zugang zu diesen Feldern hatten.

Nachdem ich die ersten Seiten immer öfter über­sprang und mich den einzelnen Fallstudien, Interviews und Analysen zu feministischen Medien wie Blogs, Fotoseiten wie flickr.com, Magazine, Zines und Comics widmete, wurde das Buch zu einem Lesevergnügen. Geholfen haben auch einzelne Comics, Bilder und ein paar ver­bildlichte Statistiken, um die wissen­schaftlichen Essays zu visualisieren. Alle Beiträge habe ich nicht gelesen, sondern nur die, die mich inhalt­lich auch ansprachen. Dies ist glücklicher­weise kein Problem, denn ein von-vorne-nach-hinten Durchlesen ist bei Essay-Sammlungen ja nicht nötig, um einen Ein­blick zu bekommen.

Schön ist, dass alle Informationen, die im Rechercheprozess gesammelt wurden, auf grassrootsfeminism.net zu finden und jeder­zeit nach­zustöbern sind. Ich glaube, dass sich mit den Daten noch viel anfangen ließe, auch wenn es eine eingeschränkte Sammlung ist (in der Daten­sammlung befinden sich z.B. lediglich 25 feministische Blogs für Deutschland. Allerdings kann eine Studie wohl nie komplett die stetig wachsende Blogo­sphäre abbilden).

Auch die Mädchenmannschaft war Teil der Studie und so einige Statements, die damals getätigt und in die Analysen auf­genommen wurden, würden wir heute stark kritisieren. Es bleibt jedoch ein Zeit­zeugnis und zeigt umso mehr auf, wie aktuell Fragen bleiben, die sich damit beschäftigen, wer inner­halb feministischer Zusammen­hänge spricht, gehört wird und Wissen produziert – Fragen, die auch in einzelnen Beiträgen des Buches deutlicher hätten thematisiert werden können.

Elke Zobl, Ricarda Drüeke (eds.): Feminist Media. Participatory Spaces, Networks and Cultural Citizenship. Transcript Verlag, 2012.


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‘Wir sind die Früchte des Zorns’ – eine weibliche Genealogie

24. April 2013 von Lisa
Dieser Text ist Teil 70 von 72 der Serie Die Feministische Bibliothek

“Als Odysseus die Unterwelt aufsucht, zählen für ihn nur die Helden. Über die Töchter und Mütter der heroischen Helden weiß er nicht viel. Leerstellen hinter der bloßen Nennung ihrer Namen. Mehr ist nicht bekannt. Die Frauen sind Trägerkörper, Wirtsmenschen, Geburts- und Stillgeräte, die ausleiern, schadhaft sind und entsorgt werden. Ich schlüpfe in Odysseus’ Haut, um ihre Geschichten zu entdecken. Sonst kann ich nichts ausrichten gegen das Verschwinden und die Angst davor. Ich fülle blinde Flecken.” (S. 61)

Sabine Scholl: Wir sind die Früchte des Zorns (Foto: Fuckermothers)

“Ich lasse meiner Zunge freien Lauf. Ich stehe die Worte der anderen, um zu überleben. Ich nähe sie zusammen, stopfe die Lücken. (…) Aber die Schrift ist der Tod. Und Kinder sind das Gegenteil. Und deshalb bin ich froh. Für die Kinder habe ich leben gelernt. Fingern und fädeln. Wort ist Faden und Faden macht Welt.” (S. 182)

Sabine Scholl hat ein neues Buch geschrieben. ‘Wir sind die Früchte des Zorns’ heißt es. Das Buch handelt von vier Frauengenerationen: der Schwiegermutter, den zwei Großmüttern, der Mutter und der Tochter der Ich-Erzählerin (die große Nähe zur Autorin selbst aufweist). Wie einen Flickenteppich näht sie dabei kurze Szenen aus den jeweiligen Leben aneinander. Von der Vergangenheit in die Gegenwart geht es, vom Aufwachsen als Bauernmagdt in Österreich über das Wohnen im Glanz des herrschaftlichen Versailles, das problemreiche Stillen der ersten Tochter, bis zum nächtlichen Schwimmen in französischen Pools. Das Buch handelt vom Sammeln von Waldfrüchten gegen den Hunger, dem Leben in einem Haus, das nah an für Tiere und Kinder tödlichen Bahngleisen liegt, über Kindergeburtstage in Chicago, nächtliche Einbrüche und den silber lackierten Fingernägeln der ‘Germanys next Topmodel’-schauenden Tochter.

Zwei Dinge habe ich mich beim Lesen gefragt; zum einen, warum der Titel sich so prominent auf ein anderes Werk bezieht, nämlich auf John Steinbecks ‘Die Früchte des Zorns‘, das ich nie gelesen habe. Eine klare Antwort fand ich nicht. An einer Stelle liest die Protagonistin als junges Mädchen dieses neben vielen anderen Büchern. Wie Steinbecks Roman handelt es sich um eine Familiengeschichte und es kann wohl ebenfalls als Parabel verstanden werden – in diesem Fall als Parabel auf das Mutter-Sein in westlichen Gesellschaften, auf Lebensmöglichkeiten und auf weibliche Kreativität. Sabine Scholl setzt sich dabei klar mit feministische Positionen auseinander. Eine ‘Parabel’ allerdings hört sich nach trockenen Lehrstück an und wird dieser fesselndem, in kurzer, kraftvoller Sprache geschriebenen Geschichte nicht ganz gerecht.

Zum anderen habe ich mich gefragt, ob eine Geschichte aus rein weiblicher Perspektive, die so sehr sich mit Familienverbindungen und Mutterschaft befasst, nicht Gefahr läuft, eine spezifische ‘Wesenhaftigkeit der Frau’ zu bestimmen. Und ob die Gleichsetzung von Kindern mit Leben nicht schnell konventionelle Positionen bestätigt. Das Buch tappt jedoch nicht in diese Falle. Es entwirft keinem Familienstammbaum mit festen Ursprüngen und klaren Identitäten, sondern eine lose Genealogie der Überschneidungen, Vermischungen und Wiederhohlungen. Statt einen zeitübergreifenden ‘Geschlechtscharakter’ zu formulieren beschäftigt es sich mit verschiedenen weiblichen Lebensrealitäten. Es schreibt seine Protagonistinnen nicht fest, sondern lässt ihnen ihre Ambivalenz. Und stellt mehr Fragen als es beantwortet.

(Dieser Text erschien bereits auf Fuckermothers)

Scholl, S. (2013). Wir sind die Früchte des Zorns. Zürich: Secession.


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Keine Rezension, sondern eine Liebeserklärung: Beth Ditto’s Autobiographie

24. Januar 2013 von Magda
Dieser Text ist Teil 69 von 72 der Serie Die Feministische Bibliothek

Dies ist keine Rezension, sondern eine Liebeserklärung. Kann Spuren von grenzen­loser Bewunderung ent­halten.

Beth Ditto AutobiographieBeth Ditto hat gemeinsam mit  Michelle Tea ihr Leben auf­ge­schrieben. Als Gossip und Beth Ditto Fan-Grrrl habe ich selbst­ver­ständlich jede Zeile dieses Buches in mein Herz tätowiert und plädiere stark dafür, dieses Werk zur Pflicht­lektüre für alle Acht­klässler_innen zu machen.

Leichte locker-flockige Lektüre ist es allerdings nicht. Beth Ditto nimmt uns mit auf ihre teils schmerz­hafte Reise in die Vergangen­heit. Wir befinden uns in den Südstaaten, dem so genannten „Bibelgürtel“ der USA: irgendein christlich-konservatives Kaff im Bundes­staat Arkansas, mitten im gefühlten und real­existierenden Nirgendwo. 1970? 1980? Egal. Die Unter­schiede merkt mensch nicht, laut Ditto.

Auf ziemlich bedrückende Weise schildert Ditto ihr Leben als junges Mädchen und Teenager in einer Gesell­schaft, in der Gewalt weg­geschwiegen und jede Abweichung von der Norm aufs Brutalste geahndet wird. 1981 wurde Ditto in diese Welt hinein­geboren. Armut, körperliche und sexualisierte Gewalt, Sexismen und Homo­feind­lichkeit gehören zu Dittos Alltag. Die klaren Worte, mit denen diese Grausam­keiten beschrieben werden, sind einge­bettet in knall­harte Analysen: Ditto individualisiert nicht, sondern benennt klar Diskriminierung und gesell­schaftliche Strukturen.

Als sie sich mit dem späteren Gossip-Gitarristen Nathan und der ersten Gossip-Schlagzeugerin Kathy in der High School an­freundet, entdeckt sie die Liebe zu Riot Grrrl, Musik, Fat Acceptance Zines, Haare färben und Feminismus. Als es nach der High School nach Olympia (Washington) geht, ist das wie eine andere Welt. Dort kämpfen sich die Musiker_innen von einem zum nächsten schlecht bezahlten Job, machen Musik, klauen sich ihr Essen zusammen, spielen oder gehen auf Konzerte. Ditto kämpft mit einer seltenen Krank­heit, entdeckt die femme in sich, erste längere Beziehungen. Irgend­wann wird die erste Platte auf­genommen, die alte Schlag­zeugerin geht, Hannah Blilie steigt ein. Es geht auf Tour mit Sleater Kinney, später Le Tigre. Beim Lesen komme ich öfter durch­einander, weil das Buch nicht chronologisch erzählt. Für mich, die alles wissen will und jede Info aufsaugt, wird das zur echten Konzentrations­arbeit.

Ab 2006 wird es dann weird, also komisch, wie Ditto sagt. Standing in the Way of Control wird zum Hit in Großbritannien, Gossip startet durch und steigt in diverse Charts in Europa ein. Hier endet das Buch dann langsam, nicht ohne noch mal Bezug auf feministischen Aktivismus zu nehmen: Ditto erzählt von den Girls Rock Camps und wie sehr ihr Empowerment von Mädchen und jungen Frauen am Herzen liegt.

Die ersten Entzugs­erscheinungen zeigen sich: es soll schon zu Ende sein? Ich hätte mir sehr ge­wünscht, mehr zu er­fahren. Wie geht die Band mit ihrem Erfolg um? Wieso arbeitet Ditto mit einem wie Karl Lagerfeld zusammen? Wie schreibt die Band Songs? Erfahren tun wir’s nicht, aber ich bin trotz­dem selig. Auf einer Skala von eins bis zehn vergebe ich elf Punkte.

Das Buch ist auf Deutsch, Englisch und Französisch erschienen. Ich las die englische Original­fassung. Die deutsch­sprachige Version hat mehrere Seiten Bilder, die die englisch­sprachige nicht hat. Ich empfehle aller­dings allen, die gut Englisch lesen können, das Original zu lesen. Wer linke Projekte unterstützen möchte, bestellt das Buch einfach über links-lesen.de.


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Lesetipp: Kinder reden über Sex – vielleicht sogar mit Erwachsenen

21. Januar 2013 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 68 von 72 der Serie Die Feministische Bibliothek

Bücher zum Thema Sexualität, die sich an Kinder richten, gibt es inzwischen einige.  Ein Buch wie DAS machen?, das vierte gemeinsame Bilderbuch von Christine Aebi (Illustrationen) und Lilly Axster (Text), ist mir bisher allerdings noch nicht begegnet. Das liegt vor allem hieran: Das Buch erzählt über von Kindern gesetzte Themen und stellt in erster Linie Fragen – und zwar Fragen, die real existierende Kinder zu verschiedenen Aspekten von Sexualität tatsächlich hatten – anstatt Fragen zu beantworten, von denen erwachsene Büchermacher_innen glauben, dass Kinder sie spannend finden oder weil man meint, dass Kinder diese oder jene Auskunft benötigen:

“[Die meisten Bücher zum Thema] stellen nach unserem Wissen ausnahmslos den Informationsaspekt ins Zentrum. Das bedeutet immer auch einen Gestus des Erklärens und Vermittelns von erwachsenen ExpertInnen an mehr oder weniger unwissende kindliche LeserInnen. Wir sprechen die Kinder als ExpertInnen in Sachen kindliche Sexualität an”

Im Interview mit diestandard sagt Autorin Lilly Axster, die auch als Mitarbeiterin der Wiener Beratungsstelle “Selbstlaut” gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche tätig ist:

“Fast alle Aufklärungsbücher gehen von zwei Themen aus: erstens Geschlechtsverkehr und Kinderkriegen – das ist natürlich auch sehr interessant, aber trotzdem weit weg von der eigenen kindlichen Sexualität. Und zweitens wollen sie den Kindern sagen, wie aus ihrer Sicht Sexualität für die Kinder später, wenn sie erwachsen sind, sein wird. Es gibt wenige Bücher, die sich damit auseinandersetzen, was Kinder in ihrer Sexualität tatsächlich beschäftigt: Von Neugierde, Intimität, Schamgrenzen, Geschlechterrollen und Sich-Selbst-Berühren bis hin zur Frage, welche Kleidung und Frisur ich trage.”

Zum Aspekt des Ernst nehmens gehört auch, dass Sexualität hier nicht pseudo-locker mit anbiederndem Hey-wir-können-doch-ganz-easy-über-alles-reden!-Gestus “verkauft” wird. (weiterlesen …)


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The Little Book Of Big Visions

14. Dezember 2012 von Charlott
Dieser Text ist Teil 67 von 72 der Serie Die Feministische Bibliothek

Im Oktober erschien “The Little Book of Big Visions. How to be an Artist and Revolutionize the World”, zu deutsch etwa Das kleine Buch von großen Visionen. Wie Künstler_in sein und die Welt revolutionieren. Das von Sandrine Micossé-Aikins und Sharon Dodua Otoo herausgegebene Buch ist das erste in der neuen Reihe “Witnessed” bei edition assemblage. Ein Anteil des Buches wurde über so genanntes crowdfunding, also der Unterstützung potentieller Leser_innen, bei startnext.de finanziert. Dort beschrieb Sharon Dodua Otoo auch die Zielsetzung der Buchreihe:

In dieser Kollektion fiktionaler und nichtfiktionaler Arbeiten geben Autor_innen der afrikanischen Diaspora, die in Deutschland leben (oder gelebt haben) und in englisch-sprachigen Ländern lebten (oder leben) Zeugnis über die Erfahrung in Deutschland Schwarz zu sein. Somit wird englischsprachigen Leser_innen ein Einblick in die Lebensrealität dieser Schwarzen Autor_innen gewährt.

Wer_welche noch ein Weihnachtsgeschenk sucht, oder selbst noch einen Wunsch offen hat: Ich möchte dieses Buch allen, die Englisch können, schwer ans Herz legen.

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Pussy Riot! Ein Punkgebet für Freiheit

7. Dezember 2012 von Charlott
Dieser Text ist Teil 66 von 72 der Serie Die Feministische Bibliothek

NADJA: Ist das Wort Feministin obzön?

ZEUGIN: Wenn es in der Kirche genannt wird, schon.

Am 17. August wurden Nadezhda Tolokonnikova, Maria Alekhina und Yekaterina Samutsevich, feministische Künstlerinnen des Kollektivs Pussy Riot, zu jeweils zwei Jahren Straflager verurteilt. Im Oktober bei den Berufungsverhandlungen wurde das Urteil gegen Samutsevich in Bewährungsstrafe umgewandelt – die anderen beiden Urteile wurden bestättigt. Bereits seit Januar haben wir über die Künstlerinnen und dann später über das Verfahren berichtet. Ihr könnt das in unserem Dossier nachlesen.

Ende November erschien nun im Nautilus Verlag “Pussy Riot! Ein Punkgebet für Freiheit”, wobei es sich um eine Übersetzung eines im August auf Englisch erschienen Werkes handelt. Das Buch versammelt Liedtexte und Gedichte, die Eingangserkärungen vor Gericht von Tolokonnikova und Alekhina, Auszüge aus dem Gerichtsprotokoll, die Plädoyers der Anwälte und der drei Angeklagten, Briefe und  außerdem Solidaritäts-Bekundungen unter anderem von Yoko Ono und Johanna Fateman (Le Tigre).

Fast das gesammte Jahr habe ich mich mit Pussy Riot auseinandergesetzt, eine solche Materialsammlung bereits jetzt in den Händen halten zu können, hat mich wirklich gefreut. Viel wurde bisher über das Kollektiv und das Verfahren geschrieben, die Orginaltexte waren aber nur selten auf deutsch zugänglich. Das Buch bietet also auch für all jene einen neuen Zugang, die bisher aufgrund von sprachlichen Barrieren zurückgehalten wurden.

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Mach’s Selbst – Do it Yourself für Mädchen

7. September 2012 von Magda
Dieser Text ist Teil 65 von 72 der Serie Die Feministische Bibliothek

Beim Lesen des Buches habe ich eine Menge Beiß­reflexe ent­wickelt: Als ich es bestellte, dachte ich mir, dass das ja ein tolles Buch zum Weiter­ver­schenken sei. Nun muss ich leider sagen: Nee, das gebe ich nicht mehr her!

Das gerade bei Beltz erschienene Buch „Mach’s Selbst – Do it Yourself für Mädchen“ der Missy Magazine-Macherinnen Sonja Eismann und Chris Köver gibt nicht nur die Grund­lagen für’s Selber­machen zur Hand, sondern be­sticht auch durch die liebe­volle Ge­staltung der Grafikerin Daniela Burger.

Die neun Kategorien „Musik Machen“, „Senden und Schreiben“, „Crafting“, „Protestieren und Organisieren”, „Ver­­kabeln und Sichern“,  „Kochen”, „Reparieren und Bauen“, „Pflanzen“ und „Reagieren und Analysieren“ be­handeln die ganze Band­breite des Selber­machens. Ob mit grünem Daumen aus­ge­stattet, technisch interessiert oder politische en­gagiert, in diesem Buch ist für fast jede etwas dabei: Hier lernst du, wie du ein WLAN sicher machst, eine Milch­karton-Vase bastelt, im Alltag gegen Rassismus kämpfst oder Ohrringe aus Computer­teilen baust. Dahinter steckt die einfache Idee, durch das Selber­machen ein Stückchen Autonomie zu be­wahren.

In ihrer Rezension fasst Anna von different needs diese Idee sehr schön zusammen:

Die DIY-Kultur wird hier wieder in einen politischen Zusammen­hang gerückt, der bei bloßen Etsy- und DaWanda-Einkäufen wohl eher außen vor bleibt, wenn auch da oft mit einem DIY-Begriff hantiert wird. Chris Köver und Sonja Eismann ver­suchen, gemeinsam mit Daniela Burger und all den Beiträger_innen, ein Bewusst­sein für gestalterische und letzt­lich eben auch politische Autonomie zu schaffen. All das nie mit dem berühmten er­hobenen Zeige­finger, sondern ermutigend und kooperativ.

Auch wenn der Titel es suggeriert: Für dieses Buch gibt es weder eine Altersbeschränkung noch eine Eingrenzung hinsichtlich des Genders. Strengstens empfohlen zum Selberschmökern und Verschenken.


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Fleischmarkt – Weibliche Körper im Kapitalismus

31. Juli 2012 von Magda
Dieser Text ist Teil 64 von 72 der Serie Die Feministische Bibliothek

„Dressiert von der umfassenden Propaganda der Mode-, Diät, Schönheits-, Musik-, Medien- und Porno­industrie, haben die Frauen im früheren 21. Jahr­hundert gelernt, ihr eigenes Fleisch zu ver­achten.“

Graues Titelbild von Fleischmarkt

Schon seit einer Weile wollte ich das in diesem Jahr auch auf deutsch erschienene Buch des „Stars der englischen Blogger­szene“ lesen. Die Kritiken waren viel­­ver­sprechend: Schnungs­­los, polemisch und gut recherchiert sei „Fleischmarkt – Weibliche Körper im Kapitalismus“ von Laurie Penny, der be­kannten feministischen Bloggerin, so Deutschland­radio.

Wie die kapitalistische Kontrolle über den als weiblich klassifizierten Körper wirkt, ver­­an­­schau­licht Penny in insgesamt vier Kapiteln zu Sexualität, Ess­­störungen, Sex­­arbeit und (Re­pro­duk­tions-)Arbeit / Konsum. In jedem Kapitel ana­ly­siert Penny die kapi­ta­listischen und patriar­chalischen Zu­richtungen an Frauen*­Körpern mit einer bewunderns­­werten analytischen Schärfe und einer er­­frischenden Sprache.

Ich muss gestehen, dass ich beim Lesen eines Buches selten so oft auf ein und der selben Seiten „Ja, so ist’s!“ und „Nein, nein, neiiiin!“ an den Rand gekritzelt habe. Die Stärke des Buches ist sicher­lich der Tatsache geschuldet, dass Penny kein Blatt vor den Mund nimmt und sich nicht vor starken Thesen scheut. Empfehlen würde ich das Buch auf jeden Fall, denn die Ver­bindungen von Patriarchat, Körpernormen, Konsum und Kapitalismus wurden für mich nachvollziehbar dar­gestellt.

Meine Begeisterung durchlief in diesem Buch aller­dings eine schwindel­­erregende Achter­­bahn­­fahrt. (weiterlesen …)


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Begegnungen auf der Trans*fläche

17. Juli 2012 von Magda
Dieser Text ist Teil 63 von 72 der Serie Die Feministische Bibliothek

Ich muss ja gestehen, dass mich nicht nur der kreative Titel „Begegnungen auf der Trans*fläche” ansprach, sondern auch das tolle Coverbild des aktuell im edition assemblage-Verlag erschienenen Buches: Eine Glitzerkugel!

In einem kurzen kurzen Vorwort des Herausgeber_innen-Kollektivs Titelbild des Buches: Begegnungen auf der Trans*flächekollektiv sternchen & steine, welches aus Trans*­Leuten und Freund­_innen aus autonomen, anarchistischen und_oder queer-feministischen Zusammenhängen besteht, heißt es, dass die „Begegnungen in unserem Trans*Alltag oft echt absurd [sind]. Reale Begebenheiten bilden daher die Grundlage zu den Kurzgeschichten in diesem Buch.“

Echt absurd ist eine treffende Beschreibung für die „76 queere[n] Momente des transnormalen All­tags“, über die die Autor­_innen berichten. In kurzen Essays, Anekdoten oder Comics berichten sie, wie es ist als Trans*person in einer hetero­nor­ma­tiven Gesellschaft zu leben, die als Geschlechter nur „Mann“ und „Frau“ kennt und wenig Platz und Phantasie hat für geschlechtliche Uneindeutigen und Ambivalenzen. Oder was es bedeutet, immer wieder pathologisiert und in komische Schubladen gesteckt zu werden – von Ärzt_innen, Bekannten und auch von der eigenen Familie.

Für mich als cis-Frau boten viele der Geschichten die Möglichkeit, eigene Selbst­ver­ständl­ich­keiten zu hinterfragen. (“Cis“ bedeutet, dass mein mir bei der Geburt zugeschriebenes Geschlecht mit meinem sozialen Geschlecht übereinstimmt. Ich fühle mich als Frau und werde auch von anderen als Frau erkannt).

Beim Lesen habe ich gemerkt, dass ich mir um viele Dinge im Alltag keine Ge­danken machen muss: Ich werde nie gefragt, ob ich denn nun eine „Sie“ oder ein „Er“ bin (als gäbe es nur diese beiden Kategorien). In der Dusche im Schwimm­bad bin ich zwar auch ungern, aber immerhin werde ich nicht von anderen angestarrt oder belästigt, weil Leute denken, dass ich z.B. in der falschen Umkleidekabine bin.

Insgesamt war dieses Buch für mich eine echte Bereicherung, weil das ver­meint­lich „Normale“ konsequent hinterfragt wird und es mir die Gelegenheit bot, selbst­kritisch auf mein eigenes Verhalten zu gucken: Wie oft ist es mir schon passiert, dass ich das falsche Pro­nomen für eine Person verwendet habe? Wie oft habe ich Menschen schon vorschnell in die Schubladen „männlich“ und „weiblich“ ein­ge­ordnet und nach welchen Kriterien habe ich das ent­schieden?

Lediglich ein Beitrag hat mich etwas befremdet, weil er für meinen Geschmack Herr­schafts­kritik mit einem Rund­um­schlag gegen „die Akademie“ und „die queere Szene“ ver­wechselt.

Nichtsdesotrotz lege ich dieses Buch allen Menschen ans Herz, die einen leicht verständlichen Einblick in queere Trans*perspektiven möchten. Neben der leicht zugänglichen Sprache hilft auch ein Glossar mit Begriffen wie „Anarchie“, „Passing“ oder „Zwei­ge­schlecht­lich­keit“.

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Das Buch über diesen Link zu bestellen, unterstützt die Mädchenmannschaft.
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