Lesbisch_queere Bücherwelten: aktivistisch altern, lesbisch lieben – und einen Entführungsfall lösen

2. September 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 107 von 107 der Serie Die Feministische Bibliothek

Reichhaltig. Wenn ich nur einen Begriff hätte, um Anne Bax’ Roman HerzKammerSpiel, zu beschreiben, wäre es dieser. Er ist Liebesgeschichte und Krimi in einem und mehr als das; er ist spannend, lustig und ernst zugleich.

DAnne-Bax-HerzKammerSpiela ist einmal die Liebesgeschichte zwischen Charlotte und Irene, ganz neu und doch schon auf dem Wege, sich zu verkomplizieren. Charlottes Ex spielt dabei eine Rolle, ein Unbekannter, der sich Schlager hörend in fremden Häusern herumtreibt, und vor allem der Mangel an Mitteilungsfreudigkeit auf beiden Seiten, der zu Missverständnissen und Misstrauen führt.

Dann ist da der „harte Kern“, so nennt sich ein Freundinnenkreis im Rentenalter, an dem auch Charlottes Mutter, Luise, beteiligt ist. Die internetaffine Gruppe mischt Gemeindeveranstaltungen auf, treibt sich in sozialen Netzwerken im Internet herum, plant eine kollektives Wohnprojekt, gibt Tipps in Liebesdingen – und löst einen Entführungsfall. Im Alleingang versteht sich. Und dann wäre da noch eine zweite Liebesgeschichte: jene zwischen Rose-Lotte, die zum harte Kern gehört, und Edda. Die beiden lernen sich auf dem Friedhof kennen, wo Eddas verstorbene Partnerin begraben liegt.

Die Geschichte um den „harten Kern“ ist wunderbar komisch, etwa, wenn die eingeschworene Gruppe sich aufmacht, einem homofeindlichen Hassprediger die Show zu stehlen. Klischees zum Thema Alter tauchen auf – um gebrochen zu werden: etwa, wenn die beliebten Kaffekränzchen zum Austausch von Kuchenrezepten, aber eben auch zum körperlichen Training für politische Aktionen, zur Koordinierung in Sachen Verbrechensbekämpfung oder zur Planung des gemeinsamen Wohnprojektes genutzt werden. Der Krimi wird im Laufe der Geschichte zum spannenden Thriller. Originellerweise mutiert dabei das Hetero-Kleinfamilien-Ideal zur Horrorshow (mehr kann nicht verraten werden). Die beiden lesbischen Liebesgeschichten sind berührend, mit Dialogen, die realistisch sind und ungestelzt.

Mit der Frauengruppe im Rentenalter schuf die Autorin zudem eine schöne Vision des Alterns: ein Freundinnenkreis, der zusammenhält und Unterstützung bietet; gemeinsames Wohnen; politische Aktivitäten; und selbstverständliches lesbisches L(i)eben. Bei allem Witz werden dabei auch schwere Themen berührt. Beeindruckt hat mich, wie das Thema Tod und Trauern – in Zusammenhang mit Eddas verstorbener Partnerin – Eingang in die Erzählung gefunden hat: mit einer angenehmen Selbstverständlichkeit, ernsthaft und würdevoll, und doch auch mit Humor.


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Ganz viel Feminismus in einem kleinen Comic

20. Juli 2015 von Magda
Dieser Text ist Teil 106 von 107 der Serie Die Feministische Bibliothek

Ich liebe bilderreiche Darstellungen und ich liebe es, wenn komplexe Dinge möglichst verständlich erklärt werden. Und so konnte ich auch viel Liebe für das erst kürzlich im Unrast-Verlag erschienene Büchlein „Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext“ der Künstlerin Patu und der Politikwissenschaftlerin und Autorin Antje Schrupp entwickeln.

Feminsmus_Patu_SchruppDas knapp 80-seitige Büchlein stellt die politischen Ideen und Botschaften einiger Feminist_innen von der Antike bis in die Gegenwart vor. Die damals zu größten Teilen weitaus bekannteren Männer bilden zwar den patriarchalen Kontext, nehmen allerdings meist den Platz in der zweiten Reihe ein. Gespickt mit absurden Zitaten („Die Frau ist eigens dafür geschaffen, dem Mann zu gefallen“ – Jean-Jacques Rousseau) wirken sie lediglich wie karikaturähnliche Laiendarsteller der Geschichte. Die Bilder sind nie bloßes Beiwerk, im Gegenteil: Ohne sie würden die einzelnen Anekdoten nicht funktionieren. Die Zeichnungen sind sehr intelligente, kreative und mitunter witzige Geschichten für sich. Es lohnt sich genau hinzuschauen: die Mimiken, die kleinen aussagekräftigen Details im Hintergrund, und die eingebauten „Hacks“. Auf die Darstellung von Gott dürft ihr auf jeden Fall gespannt sein!

Die Inhalte des Buches sind in europäischen und US-amerikanischen Feminismen verortet, obwohl europäisch überwiegend bedeutet: Deutschland, Frankreich und England (zumindest ab der so genannten Moderne). Angefangen von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit, gefolgt von der so genannten „Aufklärung“ bis zu den frühsozialistischen Feminismen: Im Galopp reiten wir durch die Geschichte der politischen Ideen und lernen viele Feminist_innen sowie ihre Ideen und Kämpfe kennen. Schon einmal von der Mathematikern Hypatia gehört? Oder von den Saint-Simonistinnen? Oder von Sojourner Truth? Oder von der Sozialistin und Gegnerin der Sklaverei Flora Tristan, die bereits fünf Jahre vor dem „Kommunistischen Manifest“ mit ihrem Werk „Arbeiterunion“ (1843) für ein Bündnis von Arbeiter_innen über Zünfte und Berufszweige hinweg eintrat? Ihr werdet sie kennenlernen!

Erschienen ist das Buch im linken Unrast-Verlag. So sind sozialistische, anarchistische und linke feministische Ideen zentral, oder wie Antje Schrupp bei der Buchvorstellung in Berlin klarstellte: „Hier geht es nicht um Gleichstellung“. Interessant finde ich, dass sozialistische Frauen und ihre Ideen oftmals Ausgangspunkt sind, und die Ideen der bürgerlichen Frauen dem gegenüber gestellt werden, was für eine dominante feministische Geschichtsschreibung einen Perspektivwechsel bedeutet.

So finde ich es konsequent, dass die sehr verbreitete Einordnung von feministischen Kämpfen in Wellen nicht unnötig wiederholt wird, sondern von Anfang an klar ist: Auch jenseits der großen feministischen Wellen gab es immer Feminist_innen, die ganz unterschiedliche Ideen von „Frauenbefreiung“ oder Gesellschaftswandel hatten: Während die bürgerliche Frauenbewegung in Frankreich und England Mitte des 19. Jahrhundert z.B. einen Fokus auf die Reformierung der Ehe- und Scheidungsgesetze legte, war dies für viele Frauen aus der Arbeiter_innenschicht weniger zentral, da diese auch häufig unverheiratet zusammenlebten (es gab ja eh nichts zu vererben!). So sind die Kapitel ab „Anfänge der organisierten Frauenbewegung“ eher thematisch geordnet, z.B: „Freie Liebe / Kritik an der Ehe“, „Hausarbeit / Care“, „Womanism / Intersektionalität“ oder „Queer-Feminismus“, wobei anti-rassistische Positionen bei vielen Querschnittsthemen immer wieder thematisiert werden.

Auf der Buchvorstellung in Berlin diskutierten wir auch die Leerstellen des Buches: Angemerkt wurde der fehlende Bezug auf osteuropäische feministische Kämpfe und speziell auf Ost/West-Feminismus in Deutschland. Auch fehle die Darstellung der zentralen Rolle von Lesben in der so genannten „2. Frauenbewegung“, worauf Patu und Antje Schrupp bereits reagiert haben: In der bald erscheinenden 2. Auflage wird es zwei weitere Seiten dazu geben. Es gibt weitere Leerstellen, über die wir sprechen können, aber wie es auf den letzten Seiten so schön heißt: to be continued!

Das Büchlein ist eine gute Erinnerung daran, dass manche Themen wie z.B. (fehlende) Solidarität von weißen, bürgerlichen Feminist_innen oder der Rassismus unter weißen Feminist_innen keine neuen, aktuellen Erscheinungen sind, sondern historisch gewachsen. Es zeigt auf, dass die komplexen feministischen Geschichten niemals in ein Büchlein passen werden. Dieses Buch ist ein schöner, niedrigschwelliger Versuch, einige dieser Geschichten ohne lange, komplizierte Texte zu erzählen. Daumen hoch!

Bestellen könnt ihr das Buch zum Beispiel bei Fembooks.


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Ein Buch nach dem anderen: Maskulisten in Frankreich und lesbisches Leben in Südafrika

17. Juli 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 105 von 107 der Serie Die Feministische Bibliothek

Auf Papier gelesen
Das Collectif Stop Masculinisme analysiert in Contre le masculinisme. Guide d’autodéfense intellectuelle (2013, Bambule) die aktuelle Maskulisten-Szene Frankreichs (mit Bezügen auf Franko-Kanada), deren Argumentationen und wie sie Einfluss nehmen. Dabei gibt es einen Überblick über die entscheidenen Akteure und eben jene Themenfelder, die diese fokussieren: Väterrechte, sexualisierte Gewalt, Gewalt gegen Männer, Männlichkeitskrise. Das Kollektiv versucht dabei jeweils die Mythen der Maskulisten zu entlarven und Gegenargumente bereitzustellen. So lässt sich das Buch auch einerseits als Information zur Situation in Frankreich lesen, aber auch als Argumentationsbuch für Diskussionen, die im deutschsprachigen Raum äußerst ähnlich verlaufen.

Passend zum Internationalen Zine Monat: Zines! Volume 1 (1996, Re/Search Publications) von V. Vale bietet einen historischen Blick auf die Entstehung von Zines, um dann in ausführlichen Interviews Zine-Macher_innen und ihre Projekte vorzustellen. Zu dem ist das Buch selbst, nun fast 20 Jahre alt, ein Stück Geschichte. Letzteres zeigt sich besonders eindrücklich an der Thematisierung von Computern und diesem Internet, wie beispielsweise in der Etiquette, die besagt, dass Zines bitte immer mit hanschriftlichen und nicht etwa Computer-verfassten Briefen zu bestellen sind. Spannend ist das Buch aber vor allem auch aufgrund der tiefgehenden Interviews über Ideen, Beweggründe, aber auch die praktischen Umsetzungen beim Zine-Erstellen und Vertreiben. Dabei fand ich nicht alle Zine-Macher_innen gleich interessant (um genau zu sein habe ich zwei dann letzten Endes ganz überblättert), aber viele sind verankert in feministischen, queeren, anti-rassistischen, fat_empowerenden aktivistischen und künstlerischen Strukturen. Allein für die ebenfalls abgedruckten Ausschnitte dieser Zines lohnt es sich reinzugucken.

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Reclaiming the L-Word. Sappho’s Daughters Out in Africa (2011, Modjaji Books) trägt herausgegeben von Alleyn Diesel Erzählungen, Fotografien, Gedichte und Essays von südafrikanischen Lesben zusammen. Die hier wahrscheinlich am bekanntesten von den Beitragenden ist Zanele Muholi, deren Fotografien in den letzten Jahren auch im deutschsprachigen Raum gezeigt wurde. Insgesamt gelingt es dem Buch einer ganzen Reihe von Lebensrealitäten Raum zu geben und Thematiken wie race, Klasse, unterschiedliche Geschlechterperformances u.s.w. in den Blick zu nehmen. Dabei geschieht dies nicht ausschließlich in den Texten, sondern kann (muss) auch durch die Leser_innen geschehen, die diese durchaus sehr disparaten Texte nebeneinander vorliegen hat.

Lee Maracle ist eine wichtige First Nation Aktivistin und Autorin. In ihrem Buch I Am Woman: A Native Perspective on Sociology and Feminism (überarbeitete Auflage 2002, Raincoast Books, Press Gang Publishers) liefert sie eine Analyse und Annäherung an Fragen der Mehrfachdiskriminierungen und spezifischen Lebensrealitäten von First Nation Frauen. Auf weniger als 150 Seiten, wo sie zwischen Erzählungen, Lyrik und Analysen wechselt, schneidet sie so umfangreiche Themengebiete wie Begehren(sformen), Liebe, sexualisierte und andere physische Gewalt, Landfragen, Spiritualität, Kommunismus und Ökologie. Verbunden wird dies alles durch ihren sehr lyrischen Erzählstil, ihre klare Perspektive und dem Rückgriff auf (Lebens)Erzählungen anderer Frauen in ihrem Leben.

Zu guter Letzt habe ich den großartigen Lyrikband Hold Your Own von Kate Tempest gelesen. Aufmerksamen Mädchenmannschafts-Leser_innen könnte sie aus einem Samstagabendbeat bekannt sein, doch macht sie nicht ausschließlich Musik, sondern schreibt auch Lyrik und Theaterstücke. ‚Hold Your Own‘ ist ihr zweiter Lyrikband und besteht aus einer Vielzahl von Gedichten, die sich zum einen einzeln lesen lassen, zum anderen aber auch eingewoben sind in ein größeres Narrativ, welches griechische Mythen und zeitgenössisches britisches Leben; Götter und Geschlechterspiele verbindet.

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Über Verlust und Trauer – Bücher und Zines zu Trauer, Suizid und Unterstützung für Trauernde

23. Juni 2015 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 104 von 107 der Serie Die Feministische Bibliothek

Die Autorin ist Mitte der 1980er geboren, lebt in Berlin und hat sich mit Literatur rund um Trauer, Suizid und Unterstützung für Trauernde befasst. Im ersten Teil, der gestern erschien, beschrieb sie Gefühle und Erfahrungen mit dem Tod von Eltern. In diesem Teil geht es um konkrete Empfehlungen für Bücher, Blogartikel, Zines und Videos zum Thema Trauer, Suizid und Unterstützung für Trauernde.

Gestern schrieb ich, dass es gerade in Trauerphasen sehr wichtig ist, genau in sich hinein zu fühlen, welche Unterstützung (z.B. in Form von Büchern, Freund_innen, Trauergruppen, Therapie…) sich gut anfühlt oder nicht. Es ist total OK, die Trauergruppe nach zwei Sitzungen zu verlassen, weil du dich nicht wohl fühlst. Oder den Kontakt mit einigen Mitmenschen zu verringern, die deinen Schmerz nicht verstehen. Gerade in so einer schweren Zeit ist es enorm wichtig auf sich zu hören. In diesem Text stelle ich zwei Bücher und zwei Zines vor, die mir sehr geholfen haben. Es kann sein, dass diese für dich wenig hilfreich sind. Deshalb liste ich weiter unten weitere Bücher, (Blog)Artikel und Videos auf, die mich begleitet haben, auch wenn ich persönlich nicht alles empfehlen würde – vielleicht ist es für dich kraftspendend.

Zwei Bücher von Chris Paul möchte ich vorstellen, weil sie sehr viele Ressourcen beinhalten, zum Beispiel Übungen und Listen mit Beratungsangeboten. Chris Paul, die selbst ihre Partnerin durch Suizid verloren hat, ist Trauerbegleiterin und Autorin. Sie hat viele Bücher und Aufsätze geschrieben und bietet Seminare und Fortbildungen an.

Chris Paul: „Warum hast du uns das angetan? Ein Begleitbuch für Trauernde, wenn sich jemand das Leben genommen hat“, Goldmann, 2012, 3. Auflage

Chris Paul: „Warum hast du uns das angetan? Ein Begleitbuch für Trauernde, wenn sich jemand das Leben genommen hat“In diesem Buch thematisiert Chris Paul die Vielfalt der Gefühle und Trauerreaktionen von Menschen, die einen nahen Menschen durch Suizid verloren haben. Suizid – oder wie Paul es nennt: Selbsttötung – sei die „am stärksten tabuisierte Todesursache in unserer Gesellschaft“. Während in der Trauerforschung noch häufig Bezug auf recht starre und linear gedachte Trauerphasen-Modelle genommen wird, spricht Paul eher von „Aufgaben des Trauerns“, die sie anhand von Zeitabschnitten („Die ersten Stunden“, „Die ersten Tage und Wochen“, „Das erste Jahr“ und „Trauerjahre/Lebensjahre“) vorstellt. Paul geht also nicht davon aus, dass in bestimmten Zeitabschnitten ganz bestimmte Gefühle stattfinden oder es ein klares Ende von Trauerprozessen gibt, wenn bestimmte Phasen durchlaufen sind. Vielmehr glaubt sie, dass jeder Zeitabschnitt eine Vielzahl an Gefühlen mit sich bringen kann und folgende vier Aufgaben immer wieder bewältigt werden (mal schneller, mal langsamer): 1. Die Wirklichkeit des Todes begreifen; 2. Die Vielfalt der Gefühle durchleben; 3. Veränderungen in der Umwelt wahrnehmen und gestalten und 4. Der oder dem Toten einen neuen Platz zuweisen. Ein Extrakapitel befasst sich außerdem mit Kindern und Jugendlichen als Trauernde nach einem Suizid. Zwischendrin finden sich immer wieder Übungen, die mensch relativ leicht in den Alltag einbauen kann und die helfen können, sich zu entspannen, zu erinnern oder zu reflektieren.

Ich finde das Buch unglaublich gut, weil es ehrlich und leicht verständlich auf viele Themen eingeht, die überlebende Angehörige oftmals beschäftigen: Trauer, Wut, Schuldgefühle, Angst, Suizidgedanken, körperliche und psychische Beeinträchtigungen, aber auch bürokratische und finanzielle Hürden unmittelbar nach dem Suizid. Besonders das Kapitel zu Schuld (und deren Funktion) war für mich ein wichtiger Perspektivwechsel. Kurz nimmt Paul auch Bezug darauf, wie Angehörige von Menschen, die von gesellschaftlichen Normen abweichen (z.B. in Bezug auf Begehren, Hautfarbe, Gesundheitszustand), häufig verstärkt Ausgrenzung und Stigmatisierung erleben, weil der Suizid der Person manchmal dafür genutzt wird, Vorurteile über bestimmte gesellschaftliche Gruppen zu stärken (z.B., dass Depression automatisch Suizid nach sich zieht). Hier wäre mein einziger Kritikpunkt, dass das Thema sehr kurz kommt und ich gerne mehr dazu gelesen hätte. (mehr …)


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Lesbisch_queere Bücherwelten: Lesbisches Leben vor 100 Jahren, in Männerkleidung

17. Juni 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 103 von 107 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rezension zu Stefanie Zesewitz: Donaunebel

DonaunebelTheo ist eine handwerklich begnadete Bestatterin, und sie liebt Frauen. Das geht im Wien der Jahre 1914 bis 1920 gut, so lange Theos Arbeitgeber, ihre zahlreichen Verehrerinnen und die Polizei sie für einen Mann halten. Theo wurde als Junge großgezogen. Als Erwachsene definiert sie sich tendenziell als Frau – „tendenziell“, da sie sich in Hinblick auf Geschlecht eigentlich wenig mit Selbstdefinitionen befasst. Sie behält ein männliches Erscheinungsbild bei, wohl wissend, dass ihre beruflichen Ambitionen ihr keine andere Wahl lassen. Außerdem fühlt sie sich wohl in Männerkleidung, und praktisch ist sie obendrein. Dazu kommt: Liebesbeziehungen zwischen Frauen stehen unter Strafe.

Die Situation spitzt sich zu, als Theo Aglaja kennen und lieben lernt, eine russische Adlige, deren Eltern in der russischen Revolution ermordet wurden. Aglaja ist verheiratet, und weder ihr Ehemann noch ihr Bruder tolerieren ihr unabhängiges, werktätigen Leben und ihre Beziehung zu Theo. Theo wird schließlich angeklagt „Unzucht wider die Natur“ betrieben zu haben und zu Gefängnishaft verurteilt. Sie kann eine Haftverkürzung erwirken – allerdings unter der Auflage, sich unverzüglich in psychiatrische Behandlung zu begeben …

Einige der interessantesten Aspekte in Zesewitz’ neuem Historienroman Donaunebel werden eher nebensächlich abgehandelt und bleiben auf emotionaler Ebene farblos: was es heißt, im Falle Aglajas, zur Ehe gezwungen zu werden; ebenso Theos Erfahrung, als Kind und Erwachsene Geschlecht entgegen den Konventionen zu leben und aufgrund dessen verurteilt und zwangspsychiatrisiert zu werden. Positiv gewendet ließe sich sagen, dass die Leser_innen gefragt sind, ihre eigenen Erfahrungen und/oder ihre Fantasie zu mobilisieren. Dennoch: Etwas mehr Ausführlichkeit und Tiefe und einige Hinweise mehr hätten der vielversprechenden Story gut getan.

Gelungen sind indessen diese kleinen Irritationen, die ganz nebenbei entstehen, wenn männliche und weibliche Ansprachen an Theo sich ablösen: je nachdem, wo und mit wem Theo gerade kommuniziert, ob mit ihrer Liebsten, einem Psychiater oder ihrem Arbeitskollegen. Donaunebel überzeugt zudem durch eine fast kriminalistische Spannung, detail- und stimmungsreiche Alltagsbeschreibungen und eine fraglos originelle historische Geschichte lesbischen Lebens, voller unerwarteter Wendungen.


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Ein Buch nach dem anderen: Gelungene und weniger gelungene Jugendbücher

12. Juni 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 102 von 107 der Serie Die Feministische Bibliothek

Auf Papier gelesen

Poisoned Apples: Poems for You, My Pretty (2014, Greenwillow Books) von Christine Heppermann versprach eigentlich eine interessante Prämisse: Gedichte, die feministische Ideen und fantastische, märchenhafte Stoffe miteinanderverweben und direkt an Teenager-Mädchen gerichtet sind. Doch wirklich weiter empfehlen kann ich es leider nicht, denn letzten Endes wiederholen sich die Inhalte sehr, manche Gedichte sind kaum unterscheidbar und (der wichtigere Aspekt) Heppermanns zugrundeliegenden Analysen von Körperbildern und Essgewohnheiten sind sehr stark simplifizierend. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass Heppermann beim Schreiben eine ganz konkrete Gruppe von Mädchen im Kopf hatte: weiß, hetero (Hallo, Mächenprinzbezug) und konventionell hübsch, die sich aber auch mit den dominanten Vorstellungen von guten, schönen Körpern herumschlagen.

Wenn etwas aus der Jugendbuch-Ecke, dann doch lieber das großartige Akata Witch (2011, Viking Children’s) von Nnedi Okorafor. In diesem dreht sich alles um die zwölf-jährige Sunny. Geboren wurde sie in den USA, aber seit drei Jahren lebt sie mit ihrer Familie in Nigeria. Sie ist eine herausragende Fußballerin, da sie aber Albinismus hat, kann sie meist nur abends mit ihren Brüdern kicken. Als sie dann eines Tages eine dystopische Szene im Licht einer Kerze sieht, ist dies nur das erste Zeichen, dass sich für Sunny bald eine magische Welt eröffnen wird. Das Buch ist nicht nur spannend und voller großartiger Einfälle, sondern immer auch gesellschaftskritisch, so werden Themen wie Stigmatisierung von Menschen mit Behinderungen und rassistische Polizeigewalt gegen Schwarze Jugendliche thematisiert und gleichzeitig gezeigt, dass auch die magische Welt keine ohne Machtgefälle ist. Besonders gut: Nächstes Jahr wird der zweite Teil erscheinen.

Schon länger wollte ich mal etwas ausführlicheres zum Thema Impfen lesen. Letztes Jahr auf vielen us-amerikanischen Bestenliste landete On Immunity: An Inoculation (2014, Graywolf Press) von Eula Biss und ich habe es nun gelesen. Biss hatte sich vor der Geburt ihres ersten Kinds angefangen intensiver mit der Thematik zu beschäftigen und entstanden ist ein Buch, welches differenziert und tiefgehend ist, Ängste und Gefühle ernst nimmt, aber vor allem auch Diskursen rund um Impfungen nachspürt. Sie zeigt, wie Impfungen entstanden und durchgesetzt wurden (und wer dabei – in einer Zeit, wo Impfungen noch wesentlich gefährlicher waren als heute – die Bevölkerungsgruppen waren, die zwangsgeimpft wurden), geht verschiedenen Studien nach, spricht mit Wissenschaftler_innen und verknüpft dies mit eigenen Erfahrungen (so z.B. der Aussage ihres Arztes, dass eine bestimmte Impfung für „Leute wie sie“ nicht nötig sei – und ihre Erkenntnis, dass er damit nur weiß und Mittelklasse gemeint haben kann). Zum Ende hin verliert das Buch etwas den Fokus und sicher werden nicht alle Aspekte beleuchtet, aber ein interessanter Einstieg ist es auf jeden Fall.

Noch ziemlich neu ist Das Licht ist weder gerecht noch ungerecht (2015, w_orten und meer) von Jayrôme C. Robinet, der auch Mädchenmannschafts-Autor ist und hier bereits das Buch vorstellte. In dem Buch (und auf der dazugehörigen CD) sind kurze Geschichten, Gedichte, ein Theatermonolog und Spoken Word Stücke versammelt, die nachdenklich, humorvoll, präzise und poetisch ganz schnell ins Herz gehen.

Außerdem habe ich endlich auch Janet Mocks Redefining Realness: My Path to Womanhood, Identity, Love & So Much More (2014, Atria Books) gelesen und möchte die Chance nutzen, allen nochmals Magdas Rezension ans Herz zu legen.

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Lesbische Fundstücke zum Thema Klasse

4. Juni 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 101 von 107 der Serie Die Feministische Bibliothek

Nadine Kegeles Roman Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause ist gespickt mit großartigen – analytisch scharfen, Nadine Kegele_Eidechsenwütenden, humorvollen – Sätzen, die Klassismus und Klassenunterschiede zwischen Freundinnen auf den Punkt bringen. Eine ausführliche Rezension dazu habe ich bereits in der Feministischen Bibliothek abgelegt. Heute will ich einige weitere und zwar lesbische Romane vorstellen, die aus Working-Class-Perspektive geschrieben sind und/oder die sonst wie kritisch mit Geldfragen, Lohnarbeit, Klassenherkunft oder Klassismus umgehen.

Der Roman Camille im Oktober der bereits verstorbenen Autorin Mireille Best dreht sich um die jugendliche Hauptprotagonistin Camille. Diese wächst in einem proletarischen, kleinstädtischen Umfeld in Südfrankreich auf, das stark durch materiellen Mangel geprägt ist. Camille verliebt sich in die Frau des Zahnarztes, die nicht nur älter ist als sie, sondern auch – und das ist das Entscheidende – einer anderen Klasse angehört. Was das bedeutet für Camilles Begehren und für das Aufeinandertreffen der beiden, das beschreibt Mireille Best auf treffende, berührende und zudem sprachlich originelle Art und Weise. Dasselbe gilt für das Leben der Müttergeneration, das mit erzählt wird: wenn die Mütter beisammen sitzen und miteinander reden, ohne viel zu wollen; wenn sie ausharren, ohne Veränderungsperspektive …

Camille im Oktober hat mich berührt wie wenige andere Bücher, es ist schmerzhaft traurig, ohne hoffnungslos zu sein.

Wanderurlaub von Regina Nössler ist ein lesbischer Krimi – und mehr als das. Die Autorin entführt die Leser_innen in eine Reisegesellschaft, die sich die Schönheit der kanarischen Inseln erwandern will, angeführt von einem urlaubsreifen Wanderführer. Was die Beteiligten vereint, sind Ängste und Unsicherheiten rund um Klasse(nherkunft), Jobs und Geld.
Einen Mord gibt es natürlich auch …

Nössler verknüpft die Spannung eines Krimis gekonnt mit den Themen Arbeitsverhältnisse und Klassenherkunft, und all dies vor einer schön-bedrohlichen Urlaubskulisse.

Aufhänger des Romans Eine Milliarde für Süderlenau von Astrid Wenke ist der Vorschlag einer maßlos reich gewordenen Süderlenauerin, sämtlichen EinwohnerInnen ‚ihrer‘ Kleinstadt ein Grundeinkommen zu finanzieren. Die Idee politisiert, weckt die Begeisterung und die Träume der SüderlenauerInnen, sie stößt aber auch auf Gegenwind: von Seiten der lokalen Wirtschaftselite.

Der Roman verbindet alltägliches und authentisches Kleinstadtleben, das Thema Grundeinkommen, Fragen familiärer Herkunft und eine lesbische Liebesgeschichte miteinander, auf unaufgeregte und amüsante Weise.

Auch für Science-Fiction-Fans habe ich eine Empfehlung: Gefährliche Sehnsucht von Toni Lucas. Gefährliche SehnsuchtKlingt nach Liebesschmonzette, und das ist es auch und zwar gekonnt. Obendrauf gibts ein durchaus interessantes Zukunftsszenario: Nach einer weltweiten Seuche fristen die überlebenden Erdenbewohner_innen ihr Dasein in streng nach Klassen separierten Gebieten. Die Hauptprotagonistin Anais entstammt einer zuhöchst stigmatisierten Gruppe, den Omegas, die ihre Herkunft in der Regel geheim halten (müssen). Ihre Überlebenschancen sind gering und ein ökonomischer Aufstieg ist kaum möglich, da gute Jobs ein Vermögen kosten. Anais entschließt sich zur Arbeit als Katze in einem der superreichen Haushalte der reichen Städte der Zukunft, gekleidet in einen Catsuit mit allerhand technischen Raffinessen. Zwischen Anais als Katze und ihrer Katzenbesitzerin auf Zeit entspinnt sich eine – strengstens verbotene – Liebesgeschichte …

Zum Nachdenken regen die konkreten Beschreibungen der auf den ersten Blick abstrus erscheinenden Jobsituation als menschliche Katze an. – Vieles davon ist auf den zweiten Blick eben doch recht vertraut, unheimlich vertraut: Lohnarbeit in Privathaushalten etwa oder Ansprüche an eine möglichst vollständige Identifizierung mit dem eigenen Job. Unterschiede zur fiktiven Live-in-Katze der Zukunft sind fraglos da, aber irgendwie scheinen sie doch eher gradueller Natur zu sein. Und was das Bezahlenmüssen für Jobs anbelangt: In Großbritannien verlangt eine Zeitungsgruppe nun Geld von ihren Praktikant_innen. Dafür erhalten sie ein schönes Empfehlungsschreiben zum Abschluss. Miau.


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Den Nagel auf den Kopf getroffen: Klassismus und Klassenunterschiede

29. Mai 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 100 von 107 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rezension zu Nadine Kegele: Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause

Ich habeNadine Kegele_Eidechsen den Roman Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause bestellt, nachdem ich Interviews mit der Autorin Nadine Kegele gelesen hatte. Darin tritt sie nicht nur als überzeugte Feministin auf, sondern bezieht zudem anti-klassistisch Position – dies auf persönliche Weise, indem sie ihre eigene Arbeiter_innenherkunft zum Ausgangspunkt nimmt. Und tatsächlich: Dass die Wienerin Feministin ist und klassenbewusst, daran lässt ihr Roman keinen Zweifel. Buchseiten mit besonders lustigen oder den-Nagel-auf-den-Kopf-treffenden Sätzen habe ich eingeknickt – als Erinnerungsstütze für mich, zum Nachlesen für später. Nun ist das ganze Buch voller Eselsohren, ein Drittel aller Seiten eingeknickt, manche doppelt. Denn es ist eine wahre Fundgrube an wunderbaren Sätzen, die in ihrer Knappheit Herrschaftsverhältnisse aufdecken, wütend, analytisch, auch mit Humor.

Einige besonders tolle Sätze stammen von Ruth, meist als Stimme in Noras Kopf. Ruth ist eine Freundin von Nora und die einzige lesbische Akteurin des Romans – keine Hauptperson, dafür eine, die es in sich hat. In Diskussionen haut sie ordentlich auf den Putz und macht auf Heterosexismus aufmerksam. Ihre kritischen Analysen begleiten Nora. Andere Sätze, die Eselsohren nach sich zogen, stammen von „der Kaiserin“, auch sie bevölkern Noras Gedankenwelt. „Die Kaiserin“, das ist Noras Therapeutin und sie taucht immer unter genau dieser Bezeichnung auf. Das klingt nach einer guten Portion Sprachwitz und liest sich lustig – und ändert doch nichts daran, dass „die Kaiserin“ kluge therapeutische Sachen von sich gibt.

Und dann sind da diese Sätze zum Thema Klasse: Sätze, die Nora durch den Kopf gehen, wenn sie mit ihren Freundinnen zusammen ist, die allesamt reicher, bürgerlicher oder akademischer sind – womit die Betreffenden durchaus unterschiedlich umgehen, mal selbstkritisch, mal ignorant, mal ahnungslos. Bei diesen Sätzen handelt es sich um Noras eigene Gedanken, die sie manchmal ausspricht, oft nicht, dabei häufig wütend. Dazu kommen Diskussionen zwischen den Freundinnen rund um Arbeit, Geld oder Klassenherkunft. Diese Passagen bringen analytisch auf den Punkt, was Klassenunterschiede im Alltag und für das Miteinander bedeuten. Wenn Nora sich bei ihrer Therapeutin darüber beklagt, dass sich die anderen, ihre Freundinnen, immer so wichtig nehmen; wenn die Freundinnen darüber diskutieren, warum die eine viel Geld hat und die andere nicht; wenn der Besuch bei der Mutter einer Freundin ansteht, der ein Sektimperium gehört.

Manchmal mischen sich Sätze „der Kaiserin“ in Noras Klassen-Wut. Dann wird Klasse als verinnerlichte Realität greifbar, als etwas, womit es umzugehen gilt – im Zweifelsfall auch therapeutisch. Das heißt aber nie, dass Klassenverhältnisse individualisiert würden in Kegels Erzählung, ganz und gar nicht – dafür sorgen die analytisch treffsicheren, scharfen, wütenden Beobachtungen Noras.

Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause ist nicht leicht zu lesen, weil die Protagonistinnen es nicht leicht haben: als vernachlässigte Tochter, die ihre im Koma liegende Mutter nicht sehen will; als Mutter, die ihre eigene Vernachlässigung und Misshandlung als Kind weitergibt an ihre eigenen Kinder; als Frauen, die destruktive Muster wiederholen und sich auf Männer einlassen, die im besten Fall keine Hilfe sind. Es geht um gewaltvolle Strukturen in Kleinfamilien und um die Folgen.

Da ist aber auNadine Kegele Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hausech dieser Freund_innenkreis, der nie reine Harmonie ist, der aber ein Zuhause bietet und Zusammenhalt. Da sind die Stimmen der Freundinnen, „der Kaiserin“ und der Hauptprotagonistin selbst – Stimmen, die sich im Verlauf des Geschehens verändern und die persönliches Wachstum bedeuten und begleiten. Und da sind eben auch diese großartigen Sätze, durch die es Nadine Kegele gelingt, dem Roman bei aller Schwere eine Spur Leichtigkeit und Humor beizumischen.


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Ein Buch nach dem anderen: Frauen und Kleidung; Genitalien und Meinungen

21. April 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 99 von 107 der Serie Die Feministische Bibliothek

Auf Papier gelesen

Women in Clothes (Blue Rider Press/ Penguin UK, 2014) wird von Sheila Heti, Heidi Julavits and Leanne Shapton herausgegben und zunächst ist festzustellen: Dieses Buch ist wunderschön, das Cover ist sehr ansprechend, das Papier fässt sich toll an und das gesammte Layout ist überzeugend. In dem Buch soll nicht eine einzige These zur Beziehung von „Frauen“ und „Kleidung“ verfolgt werden, stattdessen lassen die Herausgeberinnen mehr als 600 Personen zu Wort kommen bzw. graphisch etwas beitragen. Es werden mögliche Beziehungen ausgelotet – durch eine Umfrage, Fotoessays, kurze Geschichten und Inteviews. Unter den Beteiligten finden sich auch so prominente Namen wie Roxane Gay, Tavi Gevinson, Cindy Sherman, Kim Gordon, Rachel Kushner, Elif Batuman und Miranda July. Doch besonders lang hängen bleiben Beiträge, wie das Interview mit Reba Skider, einer der Arbeiter_innen, die den Zusammensturz der Rana Plaza Fabrik in Bangladesh überlebte oder das Gespräch mit Juliet Jacques, die über Weiblichkeits-Doppel-Standards für trans Frauen spricht. Einige der weiteren Themen: Religion und Kleidung, ‚unnatürliches‘ Make-up, Erinnerungen, Einkauferlebnisse, Düfte, Politik und Style. Das Buch lässt sich kaum zusammenfassen, aber es lohnt sich auf jedenfall durchzublättern.

Ein von @half_book_and_co gepostetes Foto am

In Love and In War

To my daughter I will say,
‚when the men come, set yourself on fire‘.

In teaching my mother to give birth (Flipped Eye, 2011) schreibt die Dichterin Warsan Shire über Trauma, Liebe, Körper, Gewalt, girlhood und Exil. Die Gedichte sind gleichermaßen direkt und komplex, auf der Oberfläche simpel, unter dieser mit noch vielen Bedeutungsebenen und zu entdeckenden Momenten gespickt.

Im Gegensatz dazu sind die Gedichte von Patricia Lockwood in Motherland Fatherland Homelandsexuals (Penguin Books, 2014) selten direkt, sondern verstricken sich erst einmal in sexuell aufgeladenen mythischen Schilderungen von Animorphen, Rehen und Hornissen. In ihrem direktestem (und bekanntesten) Gedicht „Rape Joke“ heißt es „The rape joke is that if you write a poem called Rape Joke, you’re asking/ for it to become the only thing people remember about you.“ – und würde eine diese Vorhersage wahr werden lassen, wäre das definitiv nicht gerechtfertigt, trotzdem aber sollte auch betont werden, dass „Rape Joke“ tatsächlich eines der stärksten Gedichte in dem Band ist, tief berührend und roh und clever zugleich.

Außerdem las ich endlich Let them talk! What genitals have to say about gender. A graphic survey von Yori Gagarim (edition assemblage, 2014). In diesem kleinen Buch im Hosentaschenformat werden wundervoll, diverse, humorvolle Zeichnungen von Genitalien mit Kommentaren zum Komplex ‚Gender‘ kombiniert. Diese Genitalien haben viele Meinungen und hier bekommen sie eine Stimme, sie stellen fest „The story is great, but it’s completely made up“, fragen „What’s that got to do with me?“ und die Leser_innen können auf jeder Seite neu innehalten. Das Buch ist auf Englisch, am Ende werden aber alle Aussagen und das Nachwort ins Deutsche übersetzt.

Im Netz gelesen

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Mode in Zeiten des Kapitalismus

31. März 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 98 von 107 der Serie Die Feministische Bibliothek

41GOemmRtiL._SY344_BO1,204,203,200_ Am 24. April vor zwei Jahren stürzte Rana Plaza ein, ein Gebäude, in welchem viele internationale Firmen Textilien hatten herstellen lassen. Bereits am Tag zuvor waren Risse in den Wänden entdeckt worden, doch als sich am Morgen des 24. Arbeiter_innen weigerten in das Haus zu gehen, wurde ihnen mit dem Abzug eines Monatsgehalts gedroht. Bei dem Einsturz starben 1127 Menschen und 2438 weitere wurden verletzt – mit oftmals lebenslangen Folgen. Rana Plaza ist sicher das bekannteste aktuelle Beispiel dafür unter welchen Bedingungen Mode produziert wird. Und für Konsument_innen schlossen sich Fragen an, wie ob eine_r nun weiter bei Firmen kaufen würde, von denen bekannt ist, dass sie bei Rana Plaza produziert hatten oder was überhaupt gekauft werden sollte? Und ist ‚richtiger‘ Konsum eigentlich möglich und überhaupt der beste Fokus?

Vor ein paar Wochen hatte ich die Chance die britische Autorin und Aktivistin Tansy E. Hoskins zu hören, wie sie über ihr aktuelles Buch „Stitched Up. The Anti-Capitalist Book of Fashion“ (2014, Pluto Press) sprach – welches ich danach sofort erwarb und an einem Wochenende weglas. Auf gerade einmal 200 Seiten wirft Hoskins einen komplexen Blick auf die Modeindustrie, Verschränkungen von Kapitalismus, Rassismus und Sexismus, sowie auf Möglichkeiten das System zu verändern.

Im ersten Kapitel, welches wie die übrigen mit einer wunderschönen Illustration beginnt, zeigt Hoskins zunächst auf, welche Konglomerate hinter welchen Modefirmen stehen (und wie häufig sehr viele Modekonzerne eigentlich zu einem übergeordneten Konzern gehören) und welche Personen dort agieren – obwohl sie auch immer wieder deutlich macht, dass es ihr weniger um ’schlechte‘ Menschen und deren Taten geht (obwohl es diese auch gebe), sondern um Strukturen. Im darauffolgenden Kapitel fragt sie nach der Rolle von Mode-Zeitschriften und stellt fest, dass, wo es bei anderen Kunstformen tatsächlich so etwas wie Kunstkritik gibt, dies bei Mode kaum existiert, denn sind die Magazine quasi vollständig von den Werbungen der Modekonzerne abhängig (und diese fordern ein ‚gutes Umfeld‘ zur Publikation ihrer Anzeigen) und auch würden Kritiker_innen einfach aus dem Modezirkel ausgeschlossen – lebenslange Sperren für die Modeschauen bestimmter Designer_innen kommen durch aus vor. Und wo Filmkritiker_innen sich einfach die nächste Kinokarte kaufen können, bedeutet das für Mode-Journalist_innen schon einmal das Aus.

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