Sex gleich Fastfood?

11. Mai 2010 von Verena
Dieser Text ist Teil 44 von 44 der Serie Die Feministische Bibliothek

Wer von zunehmender Sexualisierung und Pornofizierung der Gesellschaft spricht, muss sich oft den Vorwurf gefallen lassen, prüde zu sein.

Die Niederländerin Myrthe Hilkens hat es trotzdem gemacht. In „McSex. Die Pornofizierung unserer Gesellschaft“, klagt sie den zunehmenden Sexismus in Werbung und Popkultur sowie seinen gesellschaftlichen Nachwirkungen an. Und dabei geht es der Autorin keineswegs um den moralischen Zeigefinger, sondern um einen genaueren und verantwortungsvolleren Blick hinter das Motto „Ich vögel also bin ich“, das heute zu einseitig zur Identifikationsfindung genutzt werde.

Aufgeschlossen aber nicht mit sperrangelweit geöffneten Türen nähert sich die Autorin ihrer These der pornofizierten Gesellschaft, zu der es schon im Vorwort der wunderbaren Mithu Sanyal heißt, Problem sei nicht, dass Sexualität gezeigt werde, sondern wie.

Selber als Musikjournalistin mit dem täglichen Gepimpe und Gehoe im HipHop-Videos konfrontiert, ist Myrthe Hilkens einerseits müde ob des Mangels an Kreativität und Erneuerungsdrang in der Populärkultur, andererseits attestiert sie Jugendlichen den immensen Druck, all dem entsprechen zu wollen. Die Jugendlichen nicht dumm zu halten, aber auch nicht mit einem – dem individuellen Entwicklungstempo unangemessenem – Angebot zu überfüttern, das ist Hilkens’ Ansatz.

Hilkens wechselt zwischen gesellschaftlicher Historie und ihrer eigenen Familiengeschichte, persönlichen Eindrücken und Anekdoten sowie jüngere Studien und Veröffentlichungen zum Thema. Dazwischen finden sich Gesprächsprotokolle oder Emails von überwiegend Jugendlichen, die ihre sexuellen oder pornographischen Erfahrungen schildern. Dadurch wirkt „McSex“ locker und umgänglich geschrieben, entbehrt aber nicht das theoretische Fundament, auf das emotional geführte Diskussionen nun mal besser aufbauen.

Angreifbar macht sich Hilkens trotzdem. Denn zum einen bewegt sich sich doch recht stark in dem ihr bekannten Umfeld der Musik- und Videoclipkultur und spannt den Bogen kaum über Jugendkulturphänomene wie Pornoflatrateparties oder den Internetpornokonsum hinaus. Zum anderen vermitteln vor allem die ausgewählten Emails und Berichte der Jugendlichen eine start auf Betroffenheit ausgelegte Auswahl – ein Versuch, auch mal einen Blick auf die andere Seite der Medaille zu werfen und positive Aussagen aufzugreifen, wäre wünschenswert gewesen. Immerhin widmet sich die Autorin in einem Kapitel auch den Möglichkeiten „guter“ Pornos, der PorYes-Bewegung und unterstreicht darin noch mal in Anliegen, keinesfalls die Spielverderberin sein zu wollen. Aber der Rest scheint einfach von dieser aufgestauten Wut der Autorin geprägt, die sich nun endlich mal all das von der Seele geschrieben hat, was sie seit Jahren ankotzt. Das muss kein Fehler sein, trübt aber bisweilen die klare Sicht.

Denn solange Hilkens es mit „McSex“ nicht darauf angelegt hat, ein Grundlagenwerk zum Thema „Pornofizierung und Gesellschaft“ zu schreiben, ist ihr Buch trotzdem eine Bereicherung. Und auch wenn man manche Ansichten oder Forderungen Hilkens’ anders sehen sehen kann, ist sie so gut wie nie besserwisserisch oder rechthaberisch, aber kämpferisch für ihre Sache eintretend. Und das steckt zweifellos an.

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Differenz, Dekonstruktion oder Gleichheit?

3. Mai 2010 von Nadine
Dieser Text ist Teil 43 von 44 der Serie Die Feministische Bibliothek

Welche der drei wesentlichen Paradigmen der Frauen- und Geschlechterforschung können substanzielle Chancengleichheit garantieren und verwirklichen? Wie funktionieren die drei Konzepte in ihrer praktischen Umsetzung? Wo liegen Stärken und Schwächen der Konzepte und wo schlagen sie sich in aktuellen Gleichstellungspolitiken nieder?

Gudrun-Axeli Knapp* versucht in ihrem Text “Gleichheit, Differenz, Dekonstruktion: Vom Nutzen theoretischer Ansätze der Frauen- und Geschlechterforschung für die Praxis” Antworten auf diese Fragen zu finden, und kommt zunächst zu sehr nüchternen Ergebnissen: Noch immer dienen Erfahrungswissen und pragmatische Herangehensweisen als Grundlage von Gleichstellungspolitik für Frauen und Männer. Zu selten, und wenn überhaupt stark verkürzt, wird auf fundiertes Wissen der Frauen- und Geschlechterforschung bei der Gleichstellungsarbeit zurückgegriffen. Das führt nicht selten dazu, dass Gleichstellungspolitik in einer Sackgasse landet, nicht zielführend ist und zum Teil das Gegenteil erreicht: Eine Festschreibung von Geschlechterdifferenzen.

Sie plädiert für eine „theoretisch reflektierte Praxis“, die Wissenschaft und Politik nicht einander entgegenstellt, sondern beide als einander inkludierende und interdependente Vorgehensweisen betrachtet. Dabei genügt es nicht, aktuelle Erkenntnisse der Wissenschaft für Gleichstellungsarbeit zu operationalisieren: Für Knapp sind Erkenntnisse der Frauen- und Geschlechterforschung keine starren Patentrezepte für die Umsetzung von Chancengleichheit und Gleichbehandlung.

Diese können je nach Kontext, in den sie eingebettet sind, variieren und je nach (Anwendungs-)erfahrung und Betrachtungsweise eine gewisse Eigendynamik entwickeln. Auch Geschlechter- verhältnisse sind immer wieder im Wandel begriffen und Differenzen zwischen den Geschlechtern historisch gewachsen. Und können sich trotzdem in verschiedenen Gesellschaften und Gruppen unterschiedlich repräsentieren. Praxiserfahrungen von Gleichstellungspolitiken und wissenschaftliche Erkenntnisse beziehen sich also wechselseitig aufeinander, während sie sich selbst verändern und verändert werden.

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schaffe, schaffe häusle baue

2. April 2010 von Verena
Dieser Text ist Teil 42 von 44 der Serie Die Feministische Bibliothek

Verdammt erschreckende Tatsachen legen Helma Sick und Renate Fritz in ihrem Finanzratgeber auf den Tisch: In den letzten 20 Jahren hat sich bei Frauen in Sachen Altersvorsorge nicht viel verändert. Dabei glauben fast 94 Prozent der Frauen, die staatliche Rente reiche nicht für das Alter und müsse mit privater Vorsorge aufgepolstert werden. Geld zur Seite legen trotzdem nur die Hälfte. Zu wenig Geld, Keine Zeit oder Lust sind genauso gängige Ausreden wie der Satz, der Partner sei für die Altersvorsorge zuständig. Pustekuchen!, wissen die Autorinnen, denn nicht nur aufgrund jeder zweiten geschiedenen Ehe sollten Frauen ihre Geldgeschäfte in die eigene Hand nehmen. Und klar, je früher desto besser.

Helma Sick arbeitet zusammen mit ihrer Kollegin Renate Fritz als selbständige Finanzberaterin und berät außerdem seit Jahren die Brigitte-Leserinnen mit ihrer Finanzkolumne. Von daher ist anzunehmen, dass sich „Schöne Aussichten. Wie Frauen am besten vorsorgen“ leicht und verständlich lesen lässt. Auch für so Zahlen-Legasthenikerinnen wie mich.

Denn mit der Ausrede, mir ist das alles zu kompliziert, bin ich besonders eng befreundet. Also Scheuklappen ab und aufsitzen für den Ritt durch den Vorsorge-Dschungel. Dabei machen es einem die Autorinnen leicht, zuerst für die Notwendigkeit des Themas aufzurütteln, um dann individuelle Spar- und Anlagekonzepte vorzustellen – jeweils mit dem Tipp, was von dem einzelnen Modell zu halten ist oder eben nicht.

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Wir sind kein Mädchenverein

29. März 2010 von Magda
Dieser Text ist Teil 41 von 44 der Serie Die Feministische Bibliothek

Liebe zartbesaitete Seelen, Kriegsdienstverweigerer oder Pazifist_innen: Dieses Buch ist keine zerschmetternde Kritik an der Institution Bundeswehr. Dem Reflex, die Bundeswehr als Ganzes zu kritisieren oder gar deren Abschaffung zu fordern, wird hier nicht nachgegeben. Es ist vielmehr eine gute Mischung aus persönlichen Erlebnisberichten, Hintergrundfakten und in gewisser Weise auch ein Plädoyer an die Männer und Frauen, die “nicht nur von Gerechtigkeit reden, sondern auch handeln”.

Mit ihrem Buch Wir sind kein Mädchenverein – Frauen in der Bundeswehr stellt Andrea Jeske die erste Generation der Frauen vor, die in der Bundeswehr einen lukrativen Arbeitsplatz fanden, nachdem der Europäische Gerichtshof vor zehn Jahren beschloss, alle Laufbahnen der Bundeswehr uneingeschränkt für Frauen zu öffnen. Mittels Interviews und gründlicher Hintergrundrecherche erforscht Jeske, was Frauen dazu bringt, den Dienst an der Waffe aufzunehmen und welche Rollen die Soldatinnen in der Bundeswehr spielen.

Zum einen wird deutlich, dass die Entscheidung, Frauen in alle Bereiche der Bundeswehr zuzulassen, zwar einerseits aus der Erkenntnis erwuchs, sie sollten gleichberechtigt neben Männern kämpfen dürfen (dürfen, nicht müssen). Andererseits wurden Frauen aber auch als neue Zielgruppe entdeckt, um die Nachwuchsprobleme der Bundeswehr zu lösen. Wenn die jungen Männer ausgemustert werden oder sich in den sozialen Dienst retten, kommen die in diesem Buch dargestellten Frauen gerade recht: Auf der Suche nach Gemeinschaftsgefühl, Disziplin, Abenteuer und nicht zuletzt einen sicheren Arbeitsplatz nehmen Soldatinnen ihren Platz in der Bundeswehr ein – als Stabsärztin, im ABC-Abwehrregiment, bei der Marine, in der elektronischen Kampfführung, beim Transporthubschrauberregiment oder gar als Kompaniechefin. Viele von ihnen waren oder sind im Ausland stationiert – in Afghanistan, Djibouti oder im Kosovo.

Die interviewten Frauen verdeutlichen, dass der Stereotyp der friedfertigen Frau begraben gehört. „Typisch weibliche“ Eigenschaften oder Attribute sind hier nicht erwünscht, wie die meisten der Soldatinnen betonen. Sie stellen klar, dass “aufgetakelte Tussis“ mit Lippenstift und Handtasche nichts in dieser rauen Welt verloren haben. Frauen haben die patriarchalen Bundeswehrstrukturen also wenig verändert. Ganz im Gegenteil: Gerade diese Strukturen lockten die Soldatinnen in den Dienst. Das Recht des Stärkeren bleibt bewahrt, nur dass Frauen nun an diesen Kämpfen teilnehmen dürfen. Laut Jeske pflegen viele der Soldatinnen einen „männlichen Habitus“ und bejahen die Härte der Ausbildung in der Bundeswehr – vielleicht auch, um gegen die Vorurteile anzukämpfen, die auch heute noch herrschen: Frauen seien generell körperlich ungeeignet und zu weich; sie nehmen Männern nur „ihre“ Jobs weg und können unmöglich dann auch noch ihre Vorgesetzte sein!

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Queere Tracks

10. März 2010 von Verena
Dieser Text ist Teil 40 von 44 der Serie Die Feministische Bibliothek

Neulich las ich im Missy Magazine in einer Filmkritik das Stichwort Camp. Tiefes Wühlen in meinem popkulturellen Gedächtnis: 60er Jahre, Andy Warhol, Susan Sontag fielen mir ein. Nicht besonders viel. Doris Leibetseder weiß da mehr. In „Queere Tracks. Subversive Strategien in der Rock- und Popmusik“ folgt die Gender-Wissenschaftlerin queeren Spuren in der Rock- und Popmusik, die mit Ironie, Mimikry oder eben auch mit Camp Pfade jenseits der heterosexuellen Orientierung schaffen.
Dabei setzt die Autorin den Ansatz voraus, dass queere Elemente in der Rock- und Popmusik kaum existieren und wenn, dann im Mainstream oft aus medial aufmerksamkeitsgenerierendem Interesse eingesetzt werden. Leibetseder will aber Beispiele nennen, in denen queere Elemente politische Relevanz besitzen.

Da Leibetseder ihre Untersuchungen als Dissertation veröffentlicht, ist die Lektüre entsprechend weniger unterhaltungs- als analyseorientiert. Die Österreicherin bedient sich sowohl der Methoden der gender als auch cultural studies und bröselt ihre Vorgehensweise in etymologische und philosophisch-kulturelle Bedeutungszusammenhänge auf. Damit folgt sie unter anderem Judith Halberstams Methodik der „queeren Methodologie“. Popkulturell interessierte LeserInnen, denen das Editorial in der Spex schon zu bedeutungsschwanger erscheint, werden in „Queere Tracks“ keine unterhaltende Befriedigung finden.  (weiterlesen…)


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Lust für Frauen

2. Februar 2010 von Verena
Dieser Text ist Teil 39 von 44 der Serie Die Feministische Bibliothek

Weißes Titelbild des Buches X (prangt groß in pink in der Mitte) - Lust für Frauen von Erika Lust (klein, ebenfalls in pink über dem X) Diese Buch lässt man sich besser vorlesen. Weil man beide Hände braucht, um entweder an sich herum zu spielen, oder um schon mal die Kamera in Stellung zu bringen. Denn „X – Lust für Frauen“ liefert nicht nur eine umfangreiche Anleitung zum Pornokonsum, auch macht es schlicht Lust auf Sex, Begehren und Sinnlichkeit.

Die eigene Vorstellung von Sex im Porno zu verarbeiten, das ist das Ziel der Autorin und Produzentin Erika Lust. Weil sich die Schwedin selbst im herkömmlichen Porno kaum repräsentiert fühlte – zu stereotyp, mit billiger Deko, schlechter Musik und unfreiwilliger Komik – folgt sie nun ihrer eigenen visuellen Vorstellung, ohne dabei den Weichzeichner zu bemühen. Stattdessen: Weg vom Mainstream-Gerammel, in denen Frauen auf die Rollen der lüsternen Lolita oder aufs Fieberthermometer geilen Krankenschwestern reduziert werden. Weg von den auch auf Männer projizierten Klischees der Zuhälter, Multimillionäre oder „megamuskulösen Sexmaschinen“. Hin zu mehr Vielfalt und weiblicher Definitionsmacht darüber, wie Pornographie aussehen kann. Denn das ist bei einer aktuell mehrheitlich von weißen heterosexuellen Männern dominierten Branche auch dringend notwendig.

„Informierte Masturbatorinnen“ nennt Lust ihre Zielgruppe; Frauen, die herausfinden wollen, was sie sexuell anspricht und erregt. Schlapplachen ist nicht. „Wir werden ihn schöner“ machen, verspricht Lust zu Beginn und das klingt gefährlich nach weiblicher Stereotypisierung, immer alles hübsch und schön anzusehen haben zu wollen.
Aber keine Sorge, die Autorin lässt eigentlich alles gelten und will keinerlei Beschränkungen auferlegen. Was zählt ist das, was jede_r Einzelne_r für sich entdecken will. Lust liefert dafür nur die theoretisch reichhaltigen Grundlagen. (weiterlesen…)


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Handlungsräume für Feminismus

6. Januar 2010 von Helga
Dieser Text ist Teil 38 von 44 der Serie Die Feministische Bibliothek

Weißes Cover mit lila-roter Aufschrift: Anne Lenz · Laura Paetau - Feminismen und »Neue Politische Generation«Mit „Feminismen und »Neue Politische Generation«” bringen die Autorinnen Anne Lenz und Laura Paetau ihre gemeinsame Abschlussarbeit als Buch heraus, statt sie im Bibliothekskatalog verstauben zu lassen. Ihnen geht es um die Erforschung aktueller feministischer, politischer Praxis, herauskommen soll dabei ein Handbuch zur Organisierung.

In acht Kapiteln beschreiben sie Handlungsoptionen und Wirkungsfelder verschiedener Aktivist_innen, sowie die dahinter stehenden Theorien. Für das Buch haben Lenz und Paetau Aktivist_innen aus sechs linken Berliner Gruppierungen interviewt, sowie eine Hacktivistin und mit Sabine Hark eine Expertin für feministische Theorie. Die Interviews werden auf verschiedene Aspekte untersucht, u.a.: was bedeutet „feministisch”, was ist die Abgrenzung zu Sexismus und wo greifen Intersektionalitäten? Drei der Interviews werden im Rahmen einer Typologisierung näher ausgewertet, die politischen Stratgien herausgearbeitet und beispielhaft dargestellt.

Neben der Erklärung des Forschungsaufbaus wird auch der theoretische Hintergrund der Neuen Politschen Generation erläutert und auf den Einfluss der Neuen Deutschen Frauenbewegung, der zweiten Welle, eingegangen. Die Kapitel zur Forschung wechseln sich dabei mit denen zur Theorie ab. Ein Leser_innenguide erleichtert die Orientierung und zeigt Möglichkeiten zum Querlesen auf.
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Plädoyer für die emanzipierte Familie

7. Dezember 2009 von Susanne
Dieser Text ist Teil 37 von 44 der Serie Die Feministische Bibliothek

ortgies_heimspielWarum halten wir privat immer noch an einem überkommenen Lebensmodell fest, das nicht nur für Frauen direkt in Frust und Altersarmut führt, sondern auch Männer zum Ernährer-und-sonst-Zuschauer degradiert? Dieser Frage geht die Journalistin und Fernsehmoderatorin Lisa Ortgies in ihrem Buch “Heimspiel. Plädoyer für die emanzipierte Familie” nach.

Am auffälligsten an diesem Buch ist die Gliederung der Themen, die sie wählt: Väter, Haushalt, Mütter, Kinder. Richtig gelesen: Haushalt. Was soll man dazu schon schreiben?, fragt sich da vielleicht die Leserschaft, aber nach der Lektüre von Ortgies’ Haushaltskapitel ist klar: Unendlich viel. Denn der Haushalt ist Quell von Frustration, gescheiterten Emanzipations-Anstrengungen, er zementiert alte Rollen, ist ein Schutzschild vor anderweitigen Ambitionen und und und.

Das Wichtigste vielleicht gleich zuerst:

“Nach wie vor spricht man dem [...] Ideal der romantischen Liebe eine uneingeschränkte Macht über die Banalitäten des Alltags zu.”

Soll heißen: Verliebte, und das sind ja meistens diejenigen, die sich entschließen, ihre Leben zusammenzulegen, zu heiraten oder Kinder zu kriegen oder alles zusammen, genau die verschließen gern die Augen vor den Problemen, die der Alltag so mit sich bringt. Über den Alltag, vor allem den Haushalt redet man nicht. Das wäre der Liebe nicht angemessen. Oder so. Und deswegen erwischen die meisten Paare die entsprechenden Widrigkeiten dann eiskalt:

“[...] Experten kommen zu dem Schluss, dass die Frauen schon vor der Ehe mutmaßten, mehr Aufhaben übernehmen zu müssen, während die Männer umgekehrt damit rechnen, entlastet zu werden. Und genauso ergibt es sich dann auch – womit wir wieder bei der selffulfilling prophecy wären.”

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Liebe im Kopf

26. Oktober 2009 von Verena
Dieser Text ist Teil 36 von 44 der Serie Die Feministische Bibliothek

LovemeorLeavemeLove me or leave me – was wäre das Leben einfach, wenn sich solche Pauschalregeln durchsetzen ließen. Doris Guth und Heide Hammer haben aber mit der gleichnamigen Aufsatzsammlung niemandem ein Ultimatum stellen wollen. Vielmehr geben sie elf AutorInnen die Gelegenheit „Liebeskonstrukte in der Populärkultur“ aufzudecken. In der Einleitung schreiben die Herausgeberinnen:

In der Perspektive des Cultural Studies verfolgen wir die changierenden Bewegungen zwischen dem überaus intimen, persönlichen Bereich der Liebesbeziehungen und ihren gesellschaftlichen wie medial vermittelten Faktoren.

Dabei können die Konstruktionen so leicht enttarnbar sein wie in deutschen Lifystylezeitschriften oder der us-amerikanischen Serie „The L-Word“, in deren Mittelpunkt eine lesbische FreundInnen-Community“ steht. Oder sie stellen feministische Grundthesen in Frage, wie die Annahme, Frauen in liberalen Gesellschaftssystemen wären durch die Schaffung „privater“ (weiblicher) und „öffentlicher“ (männlicher) Räume stärker benachteiligt als Frauen eines kommunitaristischen Gemeinwesens. Die Anthropologen Eva Illouz und Eitan Wilf belegen ihre Thesen anhand einer vergleichenden Studie us-amerikanischer und israelischer Frauenzeitschriften. Andere AutorInnnen konzentrieren sich auf den eigenen Kulturkreis und untersuchen zum Beispiel die Liebesdiskurse im deutschsprachigen Rap.

Was als rein wissenschaftliche Lektüre beginnt, erweitert sich im weiteren Verlauf des Sammelbandes zur populärkulturtypischen Diskursanalyse eines Diedrich Diederichsen. Wen das in seinem auf Stringenz gepolten akademischen Denken verunsichert, den dürfte Stephanie Kiesslings Beitrag auflächeln lassen. In „These foolish things remind me of you – eine kleine Verschwörungstheorie der Dinge“ gibt sie – begleitet von wunderbaren Illustrationen – dem Begehren des Sammelns einen emotionalen Fetisch-Anstrich als Zeichen romantischer Liebessehnsüchte.

Ähnlich unkonventionell nähert sich Sissi Szabó literarischen Liebeskonstrukte. Ihr „automatischer copy-paste-Schreibworkshop“ zeigt in der ihr eigenen Sprache alltägliche Kommunikationskanäle von Liebenden auf.

Mit „Love me or leave me“ setzen die Herausgeberinnen Guth und Hammer ganz bewusst auf die individuellen Formate ihrer AutorInnen. Dadurch entsteht ein vielseitiger Blick auf die unterschiedlichen Herangehensweisen, die von der Populärkultur begünstigten Konstruktionen zu hinterfragen. Die gleiche Wirkung erzielt die Wahl der behandelten Medien, die von Zeitschriften und Musik, über Fernsehen und Film bis hin zur Literatur reicht. Dass auch internationale Perspektiven – nicht zuletzt in Ruby Sicars Beitrag über die Queerness in südasiatischen Filmen – eine Rolle spielen, ist ein weitere Pluspunkt für die Sammlung.
„Love me or leave me“ wird auch diejenigen ansprechen, die bisher eher wenig Berührung mit dem Hinterfragen gängiger „Liebes-Codes“ in der Populärkultur hatten, oder gerade erst anfangen, sich damit zu beschäftigen. Für alle anderen halten die teilweise originellen Forschungsansätze sicher trotzdem neue Erkenntnisse bereit.

Erschienen bei Campus, 231 Seiten, 24,90 Euro

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Vom Leben im Patriarchat

5. Oktober 2009 von Verena
Dieser Text ist Teil 35 von 44 der Serie Die Feministische Bibliothek

Titelbild HerrschaftszeitenAls wir uns entschlossen, „Herrschaftszeiten!“ in der feministischen Bibliothek zu besprechen, lautete der Untertitel des Sammelbands noch: „Vom Leben im Patriarchat“. Nun steht „Vom Leben unter Männern“ auf dem lilafarbenen Einband – hm, na sowas…

Dabei geht es in den Berichten der 85 Frauen aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport genau darum: Um ihre Erfahrungen im patriarchalisch gefärbten Alltag. Das sind kurzweilige und unterhaltsame Anekdoten wie die der ehemaligen Nachrichtensprecherin Dagmar Berghoff, die der ständigen „Fräulein“-Anrede ihres Chefs ein trotziges „Pascha“ entgegen setzte. Oder Schwimmweltmeisterin Petra Dallmann, die eine Diskobekanntschaft aufgrund ihrer sportlichen und akademischen Erfolge in die Flucht schlug. Aber auch nachdenkliche Beiträge, wie die von Moderatorin Dunja Haylali oder Ingrid Mühlhauser, Professorin für Gesundheitswirtschaft, die die Unterdrückung der Frau im medizinischen Diskurs darstellt.
Und dann sind da die zahlreichen Frauen aus Politik und Wirtschaft, die die bekannten Fakten aufzählen: Frauen verdienen 23 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen; Frauen haben die besseren Schul- und Uniabschlüsse, machen aber trotzdem weniger Karriere; Frauen sind in Führungspositionen sämtlicher Branchen unterrepräsentiert.

Die ehemalige Artdirektorin und heutige Professorin für Visuelle Kommunikation Friederike Girst hat ein Buch herausgegeben, das ein Sammelsurium an Meinungen, Erfahrungen und Strategien bereit hält. Egal ob als zynische Fiktion, informative Analyse oder grundsätzlicher Rundumschlag, gemein ist allen Portraitierten die Auffassung, egal wie sehr die Emanzipation der Frau das Patriarchat bereits zurück gedrängt hat, nach wie vor besteht Handlungsbedarf. Neben Texten der Portraitierten gibt es zahlreiche Bilder und Collagen diverser Künstlerinnen, in denen das Thema des Buches visuell verarbeitet wird.

(Geschlechts)-Uhren umstellen, zum Kuckuck! - Die Künstlerin Rosalie hat eine eindeutige Bildsprache

(Geschlechts)-Uhren umstellen, zum Kuckuck! - Die Künstlerin Rosalie hat eine eindeutige Bildsprache

Das Spannende an Girsts Buch: Die Portraitierten stammen aus unterschiedlichen Altersklassen und Berufen – und sind keineswegs überzeugte Feministinnen. Viel eher finden sich Texte, in denen die Urheberin anfangs erklärt, sie hätte eigentlich nie eine Benachteiligung erfahren, bis auf, ja vielleicht… und dann springt der Gedankenmotor an und es finden sich doch noch einige Belege patriarchaler Alltagsstrukturen. Herrschaftszeiten“ erfordert Offenheit und Toleranz beim Lesen. Denn jede Frau wird sich hier angesprochen, dort widersprochen fühlen. Aber so vielseitig weibliche Lebensentwürfe und -Realitäten sind, so vielfältig sind auch die feministischen Ansätze. Neben den „üblichen Verdächtigen“ Thea Dorn, Iris Radisch oder Silvana Koch-Mehrin kommen auch Frauen zu Wort, die in den aktuellen Feminismus-Diskussionen sonst keine Rolle spielen.

Diese zeitweilige Unvoreingenommenheit macht die Lektüre ungemein abwechslungsreich und spannend. Gleichzeitig stellt sie aber auch die Frage, was tun mit all diesen Eindrücken? Und lohnt es sich, dieses Buch von vorne bis hinten „durchzuackern“, oder reicht der ein oder andere unverbindliche Blick auf diese oder jene Episode. Und wo die LeserIn gerade noch herzhaft über den absurden Witz Katja Kullmanns lachen musste, fordert der nächste Beitrag schon wieder stirnrunzelnde Betroffenheit. Denn bei der allgemeinen Kurzweiligkeit der Portraits, ein Text wie der von Jutta Ditfurth über die Biografieverfälschung Ulrike Meinhofs, liest sich in diesem Sammelsurium irgendwie fehl am Platze. Und das zeigt eine mögliche Schwäche des Buches, der Kritik am Ungleichgewicht von Frauen und Männern nicht genügend Kanonenfutter zu liefern: Denn in der Fülle aus Humor und Fakten, Anspruch und Schulterzucken geht die inspirierende Konsequenz schon mal unter.

Wer das aber im Hinterkopf behält, der wird ein gut durchmischtes Buch lesen können, das viele unterschiedliche Gesichtspunkte und Herangehensweisen aufzeichnet und sich vor allem für diejenigen eignet, die bei den Begriffen „Feminismus“ und „Patriarchat“ sonst dankend abwinken. Nach einigen Seiten aus diesem Buch dürfte sich manche voreingenommne Meinung ändern.

Erschienen bei DuMont, 312 Seiten, 16,95 Euro

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