Blau ist eine warme Farbe

23. April 2014 von Magda
Dieser Text ist Teil 78 von 78 der Serie Die Feministische Bibliothek

Eine Begegnung, ein Lächeln – um die Schülerin Clementine ist es geschehen. Doch wer eine kitschige Liebes­geschichte mit flatternden rosa Herzen erwartet, wird von “Blau ist eine warme Farbe” auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

blau ist eine warme farbe

Die Graphic Novel der französischen Zeichnerin Julie Maroh ist düster und beklemmend. Nur ab und zu sticht das Blau durch die sonst farblich gedeckten Zeichnungen – die blauen Haare von Emma, das blaue Tage­buch von Clementine. Die Kunst­studentin Emma wird zu Clementines großer, einziger Liebe; die Tage­buch­einträge führen durch ihre Geschichte, die rück­blickend erzählt wird. Als Emma am Anfang der Erzählung Clementines Tage­buch in der Hand hält, sind bereits viele Jahre seit der ersten Begegnung ver­gangen und Clementine bereits gestorben.

Das Original “Le Bleu est une couleur chaude” wurde 2010 ver­öffentlicht und seitdem in elf Sprachen übersetzt. Es ist eine einfühlsame, ehrliche Erzählung über zwei junge Frauen, die ohne beschönigende Schnörkel auskommt: Unsicher­heiten, Verzweiflung, kurze Momente des Glücks, Verletzungen, Erwachsen­werden und Homofeindlichkeit. Im Mittelpunkt steht der Alltag junger Menschen, die jenseits von hetero begehren, inklusive der harten Realität des Verstoßen­werdens von den eigenen Eltern, Mobbing in der Schule. Aber da sind auch die wichtigen Momente des Zusammen­halts, der Freund­schaft.

Ich habe die englisch­sprachige Version des Buches in wenigen Stunden verschlungen. Es ist ein bedrückendes Buch, weil der Tod und der Schmerz so dominieren. Aber es berührt, gerade weil Zuneigung in diesem Buch so komplex, so ehrlich beschrieben wird.

Die Graphic Novel unterscheidet sich im übrigen sehr vom gleich­namigen Film, der im letzten Jahr in Cannes die goldene Palme gewann. Julie Maroh, die in ihrem knapp 160-seitigem Werk nur auf wenigen Seiten explizite sexuelle Handlungen darstellt, kritisiert auf ihrem Blog die heteronormative Ästhetik der wohl an ein hetero-Publikum gerichteten langen und ausgiebigen lesbischen Sex­szenen im Film.


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Heutigen Kolonialismus im Blick: Indigene Feminismen

11. März 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 77 von 78 der Serie Die Feministische Bibliothek

Erst gestern twitterte Lauren Chief Elk mal wieder eine Erinnerung, dass “Dekolonisation” (Und auch “Kolonisation”) nicht einfach eine Metapher sei, vor allem keine, die vorwiegend weiße Menschen verwenden sollten in ihren Reden gegen Gentrifikation oder zu anderen sozialen Themen. Das ist kein Phänomen allein im englischsprachigen Raum. Als im letzten Sommer Angela Merkel das Internet als “Neuland” bezeichnete, dauertes es auch nicht lang bis entsprechende Metaphern folgten. Damals schrieb ich:

Neuland (also das Internet) wurde mit Amerika gleichgesetzt. Einige Internet-User_innen (was ich gesehen habe vor allem weiße Typen) sehen sich als Native Americans, wobei natürlich immer der rassistische Begriff verwendet wird, und vergleichen in das Internet eingreifende Politken mit Jahrhunderten kolonialer Gewalt_Unterdrückung. Mit diesem Vergleich wird bis heute andauernde Gewalt verharmlost und das Erleben von rassistischer Gewalt affirmiert. Mit eigenem, hier oftmals auch besonders privilegiertem, Leid gleichgesetzt. Soll das die Ebene sein auf der Netzpolitiken verhandelt werden?

Auseinandersetzungen mit Kolonialismus/Dekolonisation sollten nicht nur als Quelle für Metaphern herhalten, sondern Bestandteil feministischer Gesellschaftschaftsanalysen sein. Indigener Feminismus (oder auch hier gleich besser im Plural “indigene Feminismen”), der dies selbstverständlich tut und Ansätze bietet, ist im deutschsprachigen Raum allerdings kaum Thema. Häufig wird die Relevanz nicht erkannt, die bis heute andauernden kolonialen Strukturen ignoriert oder höchstens weit weg (lies nach Amerika) geschoben (als wäre es dann weniger schlimm und als gäbe es keine Verknüpfungen). Ausgeblendet werden dabei beispielsweise auch die Kämpfe der Sami in Nordeuropa um ihre Rechte. Letzte Woche wurde der @sweden-Twitteraccount, in dem jede Woche eine andere schwedische Person schreibt, von Ylva Maria Pavval befüllt, die diese Möglichkeit nutze um eben über dieses Thema zu berichten.

Auf Deutsch habe ich leider noch keine guten Bücher gefunden, die sich mit feministischem Aktivismus und_oder feministischen Theorien indigener Frauen auseinandersetzen, aber in den letzten Jahren erschienen im englischsprachigen Raum zunehmend solche Werke, vor allem in Kanada. Drei Sammelbände möchte ich heute kurz vorstellen.

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In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben

9. Januar 2014 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 76 von 78 der Serie Die Feministische Bibliothek

Julia Roßhart lektoriert und gärtnert, publiziert und fotografiert in Berlin. Zur Zeit forscht sie zu anti-klassistischen Interventionen in der FrauenLesben-Bewegung der BRD. Sie recherchiert und schreibt für die feministische Inter­net­buch­handlung FEMBooks und liest am liebsten politische Lesbenkrimis und lesbische/queere Literatur, die in der Provinz spielt. Die Re­zen­sion zu “In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben” von Gabriele Dennert, Christiane Leidinger, Franziska Rauchut (Hrsg.) erschien auch auf FEMBooks.

Gabriele-Dennert-Christiane-Leidinger-Franziska-Rauchut-Hrsg-In-Bewegung-bleiben-100-Jahre-Politik-Kultur-und-Geschichte-von-Lesben

Kein an­der­es Buch habe ich so oft ver­schenkt wie dieses. Ein ab­so­lu­tes “must have” für Fe­mi­ni­st_in­nen, für Les­ben, für Be­we­gungs­for­scher_in­nen, Ak­ti­vist_in­nen, Ge­schlech­ter­for­scher_in­nen – zum Schmö­kern und For­schen, Nach­schla­gen, Quer­le­sen und Ein­tau­chen.

Das Herausgeberinnen-Trio versammelt nahezu einhundert Beiträge zur lesbischen Bewegung und Kultur. Angefangen im Kaiserreich bis in die Gegenwart. Der Schwerpunkt liegt deutlich auf den 1970er, 1980er und 1990er Jahren – lesbenbewegte bis queere Jahrzehnte, die es in sich hatten: Von den Anfängen lesbischer Organisierung in BRD und DDR über deren Vervielfältigung und die intensiven Diskussionen um Herrschaftsverhältnisse in den 1980er Jahren – bis hin zu queeren Perspektiven und der Suche nach Bündnissen in den 1990ern. Das Schöne an dem Sammelband: Der Großteil der Beiträge wurde verfasst von Zeitzeuginnen, die ihrerseits auf die eine oder andere Weise in die Lesben-Bewegung involviert waren: als lesbische Aktivistinnen und Organisatorinnen, in Polit-Gruppen oder bei lesbischen Zeitschriftenprojekten, als Künstlerinnen oder in der Wissenschaft. Geschichtsschreibung „von innen“ also.

Eingebettet werden die kurzen, meist zwei bis vier Seiten langen Beiträge durch ausführliche Texte der Herausgeberinnen. Diese vermitteln einen Ein- und Überblick über jeweils ein Jahrzehnt lesbischer Politik. Damit funktioniert der Sammelband gut auch für jene, die sich einen systematischen Zugang wünschen. Zum Schmökern und Blättern wiederum laden zahlreiche Schwarz-Weiß-Abbildungen ein, die lesbisch-feministische Aktionen, Flyer und Zeitschriften, Konzerte und Demos dokumentieren.

Ein großes Verdienst der Herausgeberinnen ist es, sich mit diesem Buchprojekt einer vereinheitlichenden Geschichtsschreibung zu widersetzen. Hier wird keine Geschichte „der Lesbenbewegung“ erzählt: Stattdessen finden wir eine Vielfalt an Erzählungen, in denen sich nicht zuletzt auch Unterschiede und Konflikte widerspiegeln, die in den 1980ern und 1990ern verstärkt adressiert und bearbeitet wurden. Im Zuge detaillierter Berichte, kritischer Analysen und persönlicher Erinnerungen entsteht ein äußerst lebendiges Mosaik lesbischer Bewegungsgeschichte.

So berichten Aktivistinnen beispielsweise von Selbstorganisierungen als Schwarze Lesben, lesbische Migrantinnen oder Prolo-Lesben. Dazu kommen persönliche Erinnerungen und umfassende Berichte zu lesbisch-feministischen Treffen und Räumen: angefangen bei den großen Lesbentreffen auf der dänischen Insel Femø über die Kneipe Blocksberg in Berlin bis hin zu den bundesweiten Lesbenfrühlingstreffen. Und außerdem: lesbische Zeitschriften und Verlage, Bands, Theaterprojekte… Auch Konflikte werden nicht ausgespart, etwa um den Ein-/Ausschluss von Trans*, um Rassismus und Antisemitismus in lesbischen Zusammenhängen, um die Homo-Ehe oder SM. Zentrale und sich wandelnde Perspektiven und Themen wie Selbsterfahrung und Frauenidentifikation, Kritik an Herrschaft und Staat, queere Perspektiven und Bündnisfragen werden greifbar gemacht.

Es ist ein Blick zurück in die lesbische Geschichte, der zum Nachdenken anregt, Mut macht und inspiriert: Hier gibt es etwas zu lernen, mitzunehmen, nachzumachen, anders zu machen, zu überdenken und weiterzudenken – Fäden in die Vergangenheit, an die wir anknüpfen können, auf die eine oder andere Art und Weise.

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In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben.
Hrsg. von Dennert, Gabriele / Leidinger, Christiane / Rauchut, Franziska. Unter Mitarbeit von Stefanie Soine.
Berlin: Querverlag 2007
456 Seiten, 325 Abbildungen
ISBN 978-3-89656-148-0
EUR 24,90

Weitere Infos gibts bei FEMbooks.
Inhaltsverzeichnis, Vorwort und Einleitung findet ihr hier.


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Worte schöpfen, Alternativen lesbar machen

15. Mai 2013 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 75 von 78 der Serie Die Feministische Bibliothek

Wissen wir immer was wir sagen? Welche Normalitäten stellt unsere Sprache her…

…und wie kann jede_r Einzelne diese verändern?

Welche_r tagtäglich versucht, sich selbst solche Fragen zu stellen, nach Möglichkeit vielleicht sogar Antworten zu finden und sie auch Kindern nahe zu bringen, sieht sich oft vor Herausforderungen. Ich bin daher sicher, dass sich viele Kinder-Bezugspersonen begierig auf Bücher wie machtWORTE!, das “gesellschaftskritische ABC-Buch für Kinder”, stürzen – so wie auch ich es getan habe.

Buchcover, Quelle: machtWORTE!-Website

Das Ende 2012 im Berliner Jaja Verlag erschienene Buch machtWORTE! 26 und mehr Anregungen Sprache immer wieder neu zu erleben ist hervor gegangen aus einem Uni-Seminar zu sprachlichen Diskriminierungen. Dort hatten sich die Autorinnen Cindy Ballaschk, Maria Elsner, Claudia Johann und Elisabeth Weber kennengelernt und gemeinsam mit Illustratorin Ka Schmitz ihr Buchprojekt auf den Weg gebracht. Das Buch, zu dem es auch eine informative Website gibt, ist folgendermaßen aufgebaut:

Wir kombinieren zu jedem Buchstaben des deutschen Alphabets Worte und Illustrationen, in der Art und Weise, dass Alternativen zum vermeintlich Normalen lesbar und sichtbar werden. So folgen die Bilder den ver_rückten Assoziationsketten und lösen viele verschiedene Gedanken aus.

Damit eröffnet sich die Möglichkeit, den eigenen Sprachgebrauch zu überdenken und als machtvolle Handlung bewusst zu machen. Es soll ermutigen, aktiv am Wortschöpfungsprozess teilzunehmen. (mehr …)


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Kinder reden über Sex – vielleicht sogar mit Erwachsenen

21. Januar 2013 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 74 von 78 der Serie Die Feministische Bibliothek

Bücher zum Thema Sexualität, die sich an Kinder richten, gibt es inzwischen einige.  Ein Buch wie DAS machen?, das vierte gemeinsame Bilderbuch von Christine Aebi (Illustrationen) und Lilly Axster (Text), ist mir bisher allerdings noch nicht begegnet. Das liegt vor allem hieran: Das Buch erzählt über von Kindern gesetzte Themen und stellt in erster Linie Fragen – und zwar Fragen, die real existierende Kinder zu verschiedenen Aspekten von Sexualität tatsächlich hatten – anstatt Fragen zu beantworten, von denen erwachsene Büchermacher_innen glauben, dass Kinder sie spannend finden oder weil man meint, dass Kinder diese oder jene Auskunft benötigen:

“[Die meisten Bücher zum Thema] stellen nach unserem Wissen ausnahmslos den Informationsaspekt ins Zentrum. Das bedeutet immer auch einen Gestus des Erklärens und Vermittelns von erwachsenen ExpertInnen an mehr oder weniger unwissende kindliche LeserInnen. Wir sprechen die Kinder als ExpertInnen in Sachen kindliche Sexualität an”

Im Interview mit diestandard sagt Autorin Lilly Axster, die auch als Mitarbeiterin der Wiener Beratungsstelle “Selbstlaut” gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche tätig ist:

“Fast alle Aufklärungsbücher gehen von zwei Themen aus: erstens Geschlechtsverkehr und Kinderkriegen – das ist natürlich auch sehr interessant, aber trotzdem weit weg von der eigenen kindlichen Sexualität. Und zweitens wollen sie den Kindern sagen, wie aus ihrer Sicht Sexualität für die Kinder später, wenn sie erwachsen sind, sein wird. Es gibt wenige Bücher, die sich damit auseinandersetzen, was Kinder in ihrer Sexualität tatsächlich beschäftigt: Von Neugierde, Intimität, Schamgrenzen, Geschlechterrollen und Sich-Selbst-Berühren bis hin zur Frage, welche Kleidung und Frisur ich trage.”

Zum Aspekt des Ernst nehmens gehört auch, dass Sexualität hier nicht pseudo-locker mit anbiederndem Hey-wir-können-doch-ganz-easy-über-alles-reden!-Gestus “verkauft” wird. (mehr …)


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Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren

21. November 2013 von Magda
Dieser Text ist Teil 73 von 78 der Serie Die Feministische Bibliothek

Das Buch “Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren”, welches die Diskussionen im Rahmen der gleich­namigen Tagung vor ziemlich genau einem Jahr in Berlin nun in einem Buch versammelt, ist nun erschienen.

schneewittchen-rechnet-abAuf der Tagung befassten sich über 100 Teilnehmer_innen mit den Fragen: Was kann (queer-)feministische Ökonomie leisten? Wo stößt sie an Grenzen und wie kann eine sinn­volle Weiter­entwicklung gedacht werden? Welche Alter­nativen der Arbeit und der Produktion gibt es? Ganz grund­sätzlich fragten wir uns: Wie wollen wir eigentlich leben?

Schön finde ich, wie die Heraus­geberinnen des Buches produktiv mit den Kritiken an der Tagung umgingen: Die auf der Konferenz diskutierten Ideen, einige der im Nachhinein verfassten Blog­beiträge und weiter­führende Texte mit Perspektiven, die auf der Tagung kaum ihren Raum fanden, finden sich nun in diesem Buch zusammen. Ergänzt wurden zum Beispiel Texte wie “Klassismus­kritik und gelebte Umverteilung – Die Geschichte einer Prolo-Lesbengruppe” oder ein Interview mit Llanquiray Painemal “Deutsche Feministinnen müssen sich mit ihren Privilegien beschäftigen, sonst werden sie Komplizinnen bei der Ausbeutung von Migrant_innen”. So stellt das Buch keine bloße Zusammen­fassung der Konferenz dar, sondern dient der Sicht­barmachung von Prozessen und ist als (selbst-)kritischen Anstoß zu verstehen, im (Nach-)Denken und Dazu­lernen niemals stehen zu bleiben.

Eine weitere Besonder­heit des Buches besteht darin, dass verschiedene Formen von Wissens­produktionen neben­einander stehen: Theoretische Texte wechseln sich ab mit Bildern, aktivistischen Beiträgen, Interviews, Fotos, Blogbeiträgen und einem Spoken Word, in denen Künstler_innen, Wissenschaftler_innen, Aktivist_innen (oder alles in einem) gemeinsam feministische Alternativen erarbeiten, reflektieren und kritisieren.

Autorinnen der Mädchenmannschaft nahmen ebenfalls an der Tagung teil und be­gleiteten diese mit Blog­beiträgen, die ihr in unserer Serie “Ökonomie_Kritik” nachlesen könnt.

Das Buch kann zum Beispiel bei FEMBooks bestellt werden. Eine Leseprobe gibt es auch. Die Buchparty findet am 26. November 2013 um 19 Uhr im Café Blume statt.


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Über das Nicht-Kinder-Haben

29. Oktober 2013 von Charlott
Dieser Text ist Teil 72 von 78 der Serie Die Feministische Bibliothek

“Niemals.” [...]

“Du glaubst nicht, dass du irgendwann mal deine Meinung änderst? Da ist keine Möglichkeit, dass das JEMALS passiert?”

Erschöpft wurde ich schwächer. “Naja, ich schätze theoretisch ist es schon möglich, dass ich eines Tages meine Meinung ändere, aber —”

“—Siehst du? Ich wusste, dass du Kinder möchtest!”* (Bonnie Datt, What to Expect When You’re Never Expecting)

In dem Sammelband No Kidding. Women Writers On Bypassing Parenthood schreiben neben Bonnie Datt noch 36 weitere Autorinnen (die meisten aus dem Comedy-/Stand-Up-Bereich) über das Nicht-Kinder-Haben, wobei es noch konkreter vor allem darum geht keine Kinder geboren zu haben oder_und dies nicht vorzuhaben. In kurzen Beiträgen schreiben diese Frauen über Erfahrungen mit Kindern, von den unterschiedlichen Gründen ein “kinderloses” Leben zu führen und wie diese Entscheidung_Tatsache von ihrem sozialen Umfeld aufgenommen wird.

no kiddingSo weit, so die Prämisse. Nur leider ist das Buch nicht empfehlenswert. Das größte Problem: Zwar gibt es hier eine Ansammlung unterschiedlicher (in einem engen Rahmen, aber dazu gleich mehr) Geschichten, doch gibt es fast nie eine Verortung in gesellschaftlichen Strukturen. Viele der Autorinnen versuchen sich abzugrenzen von einer gesellschaftlichen Anrufung als (potentielle) Mutter, sie thematisieren aber nie an welche Personen sich diese Anrufung überhaupt in welchem Maße richtet und dass die Möglichkeit sich zwischen “Kinder bekommen” und “nicht Kinder bekommen” zu entscheiden auch nicht für alle Menschen gleich möglich ist.

Dass dies kein Thema wird, macht schon die Einleitung klar, in der postuliert wird, dass Kinder bekommen ja so einfach wäre. Die Autorinnen sind mehrheitlich weiß, überwiegend hetero, soweit ich das richtig gelesen habe ausschließlich Cis-Frauen, fast alle sind nicht-behindert und zum großen Teil in der Mittelklasse und aufwärts zu verorten. Und da sich alle Essays um das ganz eigene Erleben drehen, bleibt der Fokus äußerst begrenzt.

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Buchvorstellung: queer_feminismus – label & lebensrealität

18. September 2013 von Nadine
Dieser Text ist Teil 71 von 78 der Serie Die Feministische Bibliothek

Ende März ist im Unrast-Verlag queer_feminismus – label & lebensrealität erschienen, das ich zusammen mit Leah Bretz verfasst habe. Mittlerweile hatten wir einige Gelegenheiten das Buch vorzustellen und mit Interessierten über Thesen und Themen aus dem Buch zu diskutieren. Uns erreichte über Mails, in Gesprächen mit Freund_innen und auf den Veranstaltungen selbst viel positives Feedback und konstruktive Kritik. Wir arbeiten in dem Buch mit Interventionen auch auf schriftsprachlicher Ebene, um auszuprobieren, wie sich Bedeutungen von Inhalten verschieben oder andere Bedeutungsebenen wahrnehmbar werden. Wir rücken Themen in den Fokus, die vielleicht nicht jede_r beim Lesen eines Buches zu Queer_Feminismus erwarten würde. Lassen allerdings auch Umgänge außen vor, die für andere ganz selbstverständlich zu ihrer queer_feministischen Praxis dazugehören.

978-3-89771-123-5

Obwohl es toll wäre, wenn Leah und ich die Gelegenheit bekämen, in einer neuen Auflage Anmerkungen und Kritikpunkte einzuarbeiten, kann es doch nie ein einziges Buch geben, das alles in Sachen Queer_Feminismus mitdenkt oder bespricht/analysiert (mal unabhängig von der Frage, ob sowas überhaupt innerhalb einer schriftsprachlichen Publikation passieren muss). Uns war es wichtig, von unserer eigenen Praxis ausgehend zu schreiben, unsere Verantwortlichkeiten zu w_orten und hier und da Sachen einfach lückenhaft stehen zu lassen, um Räume zu eröffnen für weiterführende Diskussionen, die ein einziges Buch gar nicht leisten kann.

Der Austausch über unsere Texte mit vielen Menschen und meine eigene politische Arbeit seit der Veröffentlichung hat mich darüber hinaus nochmal an ganz andere Punkte gebracht oder Bestehendes überdenken lassen, neue Perspektiven kamen dazu, andere wurden verkompliziert, so dass ich heute, knapp ein Jahr nach Textproduktion gar nicht mehr in der Lage ware, deckungsgleiche Perspektiven in deckungsgleiche Worte zu packen. So ist das Buch auch als Momentaufnahme von Prozessen zu verstehen, nicht im Sinne von: Heute sind wir viel weiter, sondern im Sinne von: Ein Versuch zu beschreiben, was uns zu dem Zeitpunkt des Schreibens wichtig und wertvoll an und mit unserer politischen Praxis war.

Eine Übersicht über bisher erschienene Rezensionen gibt es auf der Seite des Unrast-Verlags (unter Presse). Eine weitere Rezension ist in der aktuellen Ausgabe von Queerulant_in erschienen (PDF). Mit der taz habe ich vor einer Weile ein Interview über “queer_feminismus. label & lebensrealität geführt”

Das Einführungskapitel könnt ihr auf unserer kleinen, aber feinen Webseite nachlesen. Auf dieser werden wir hoffentlich demnächst die bisherigen Feedbacks sammeln und konkreter besprechen.

Glücklicherweise haben wir auch in der nächsten Zeit viele Gelegenheiten, uns mit anderen über unsere queer_feministischen Perspektiven und Formen von Aktivismus auszutauschen, andere und neue kennenzulernen. Wir freuen uns, wenn ihr vorbeischauen mögt.

21.09. – 20 Uhr, Frauenraum der Reitschule Bern Reitschule Bern (CH)

03.10. – 18 Uhr, im Rahmen von Q. (kju_point), Halle (Saale).

11.10. – 20 Uhr im chicklit Wien (A)

16.10. – 19 Uhr, im Rahmen des Leipziger Lesbentreffen

02.11. – 15 Uhr, im Rahmen des (Pro)Feministischen Theorie-, Kultur- und Praxiswochenendes im Nexus Braunschweig

06.12. – Bochum (Infos folgen)

Falls ihr Interesse an einer Buchpräsentation in eurer Stadt oder Umgebung habt, schreibt uns eine E-Mail an info@queerfeministische-praxis.de


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Zum komplexen Verhältnis von Kapitalismus, Rassismus und Sexismus. Rezension zu »Queer und (Anti-)Kapitalismus«

12. September 2013 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 70 von 78 der Serie Die Feministische Bibliothek

Wir freuen uns über diesen Gastbeitrag von Lisa! Die Autorin hat Gender Studies in Bielefeld studiert und versucht nun Fuß zu fassen im Wissenschaftsbetrieb. Politische Aktionen und Aktionismus dürfen ihr dabei aber nicht zu kurz kommen, denn Lisa ist seit langem in verschiedenen queer-feministischen Projekten aktiv.

Im kürzlich veröffentlichten Band „Queer und (Anti-)Kapitalismus“ knüpfen Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolter an die Debatte über queere Ökonomiekritik und setzen dabei zwei Aspekte zentral: Erstens zeigen sie kontinuierlich anhand verschiedener historischer und politischer Beispiele die Verknüpfung von Kapitalismus, Sexismus und Rassismus auf und betonen zweitens, dass es bereits seit den 1960er Jahren ein Anliegen Schwarzer Queers und Women of Color ist, auf diese Verschränkungen hinzuweisen, sie jedoch bis heute kaum wahrgenommen werden. Das Buch weist eine komplexe Analyse dessen auf, wie sich verschiedene Ausschlussfaktoren (v.a. Klasse, Geschlecht und ‚Rasse‘) gegenseitig bedingen und eine funktionale Rolle im globalen Kapitalismus spielen. Dabei nehmen die Autor_innen Bezug auf marxistische Theorie und postkolonialen Feminismus, betonen aber vor allem weitreichende theoretische Erkenntnisse und politische Erfahrungen von People of Color.

Queer und (Anti-)Kapitalismus

Heinz-Jürgen Voß, Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-)Kapitalismus

Die Leser_innen tauchen direkt ein in die vielschichtigen Zusammenhänge der Entstehung eines globalen Kapitalismus, historischer Kolonialisierung und aktueller Migrationspolitik sowie sich wandelnder Geschlechter- und sexueller Verhältnisse. Auf knappen 158 Seiten – inklusive Literaturverzeichnis, das neben der zitierten Literatur zusätzlich empfohlene Literatur von Schwarzen Personen und Women of Color enthält – gelingt den Autor_innen eine tiefgehende Untersuchung und erkenntnisreiche Abhandlung, die aufgrund ihrer Komplexität und Fülle an Aspekten und Perspektiven ein breites Publikum anspricht und auch ein zweites und drittes Lesen nicht weniger interessant macht.

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Feministische Medien als Motor sozialen Wandels

29. April 2013 von Magda
Dieser Text ist Teil 69 von 78 der Serie Die Feministische Bibliothek

Das 2012 im transcript Verlag erschienene Buch “Feminist Media. Participatory Spaces, Networks and Cultural Citizenship” von Elke Zobl und Ricarda Drüeke entstand aus einem wissen­schaftlichen Projekt, welches sich mit feministischen Medien in Europa befasste, die als wichtiger Motor neuer sozialer Bewegungen charakterisiert werden.

DasUMS2157.indd englisch­sprachige Folge­projekt in Form dieses Buches be­schäftigt sich mit den Fragen, welche Inhalte, Formen, Prozesse und Funktionen feministische Medien­erzeugnisse in Europa heut­zutage aus­machen. Wie werden sie politisch genutzt und welche Potentiale für sozialen Wandel tragen sich in sich?

In der Einleitung erklären die Heraus­geberinnen, dass sie mittels eines Aufrufs nach unter­schiedlichen Beiträgen für das Buch suchten. Wegen diverser Schwierig­keiten einen passenden Verlag zu finden, entschieden sie sich dafür, die im Buch erschienenen Beiträge auf wissen­schaftliche Essays zu beschränken. Das erklärt, warum ich es trotz der lebendigen Thematiken und der Vielzahl an informativen, klugen und kritischen Beiträgen als recht trocken empfand. Viele Beiträge beginnen mit einem seiten­langen Theorie­überblick in das jeweilige wissen­schaftliche Teil­gebiet (was Liebhaber_innen der Media Studies durchaus beglücken kann), aber wohl nicht immer spannend für alle Interessierten ist, die bisher noch keinen Zugang zu diesen Feldern hatten.

Nachdem ich die ersten Seiten immer öfter über­sprang und mich den einzelnen Fallstudien, Interviews und Analysen zu feministischen Medien wie Blogs, Fotoseiten wie flickr.com, Magazine, Zines und Comics widmete, wurde das Buch zu einem Lesevergnügen. Geholfen haben auch einzelne Comics, Bilder und ein paar ver­bildlichte Statistiken, um die wissen­schaftlichen Essays zu visualisieren. Alle Beiträge habe ich nicht gelesen, sondern nur die, die mich inhalt­lich auch ansprachen. Dies ist glücklicher­weise kein Problem, denn ein von-vorne-nach-hinten Durchlesen ist bei Essay-Sammlungen ja nicht nötig, um einen Ein­blick zu bekommen.

Schön ist, dass alle Informationen, die im Rechercheprozess gesammelt wurden, auf grassrootsfeminism.net zu finden und jeder­zeit nach­zustöbern sind. Ich glaube, dass sich mit den Daten noch viel anfangen ließe, auch wenn es eine eingeschränkte Sammlung ist (in der Daten­sammlung befinden sich z.B. lediglich 25 feministische Blogs für Deutschland. Allerdings kann eine Studie wohl nie komplett die stetig wachsende Blogo­sphäre abbilden).

Auch die Mädchenmannschaft war Teil der Studie und so einige Statements, die damals getätigt und in die Analysen auf­genommen wurden, würden wir heute stark kritisieren. Es bleibt jedoch ein Zeit­zeugnis und zeigt umso mehr auf, wie aktuell Fragen bleiben, die sich damit beschäftigen, wer inner­halb feministischer Zusammen­hänge spricht, gehört wird und Wissen produziert – Fragen, die auch in einzelnen Beiträgen des Buches deutlicher hätten thematisiert werden können.

Elke Zobl, Ricarda Drüeke (eds.): Feminist Media. Participatory Spaces, Networks and Cultural Citizenship. Transcript Verlag, 2012.


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