Von Adébáyọ̀ bis Owuor: Aktuelle Bücher afrikanischer Autorinnen

Dieser Text ist Teil 135 von 138 der Serie Die Feministische Bibliothek

Vom 26. bis 28. April gibt es in Berlin eine Veranstaltung, die das Literaturherz höher schlagen lässt: Writing in Migration, die erste Durchführung des African Book Festival Berlin dieses Mal kuratiert von Olumide Popoola. Für alle, die nicht dabei sein können, stelle ich heute einige Bücher involvierter Autorinnen vor.

Ayọ̀bámi Adébáyọ̀
Adébáyọ̀s Debutroman Stay With Me erschien im letzten Jahr und katapultierte die Autorin ins Spotlight. Der Roman landete auf der Shortlist für den renomierten Women’s Prize for Fiction. Zwei Jahre zuvor war das Manuskript bereits auf der Shortlist des Kwani? Manuskript Projekts. Man kann nur sagen: zu recht! Der Roman erzählt die Geschichte eines Paares in den 1980er Jahren in Nigeria und ihre verzweifelten Versuche Kinder zu bekommen. Vor dem Hintergrund von Militärputschs und einer insgesamt unsicheren politischen Lage fragt Adébáyọ̀, was eigentlich Familie bedeutet, was Elternschaft und wie eine Verhandlung von eigenen Wünschen und sozialen Vorstellungen aussehen kann oder wie sie auch scheitert. Sie verhandelt Themen wie Trauer (und gerade auch Trauer für die gesellschaftlich wenig Platz eingeräumt wird), Krankheit und an Erwartungen zerbröselnde Beziehungen.

Lesley Nneka Arimah
„Girls with fire in their bellies will be forced to drink from a well of correction till the flames die out“, heißt es in einer der Kurzgeschichten in Lesley Nneka Arimahs Debut-Sammlung What It Means When a Man Falls from the Sky, die ebenfalls im letzten Jahr erschien. Arimah hatte 2015 den Commonwealth Short Story Prize gewonnen und war 2016 sowie 2017 für den Cain Prize nominiert. Ihre frauenzentrierten Geschichten, die alle ein präziser, wundervoller Schreibstil eint, varieren von sehr realistischen Darstellungen, über magischen Realismus und Allegorien hin zu SciFi. In „Wild“ treffen zwei Cousinen aufeinander, als die eine aus den USA als Strafe für ihr Verhalten zur Familie der anderen in Lagos geschickt wird. Da ist die junge Frau in „Second Chances“, deren verstorbene Mutter plötzlich wieder den Alltag mitgestaltet. In der für den Caine Preis nominierten Geschichte „Who Will Greet You At Home“ kreieren Frauen ihre Babys, in dem sie sie aus Materialien, die ihnen zugänglich sind bauen und sie (im besten Fall) von ihren Müttern segnen lassen. Doch die Protagonistin der Geschichte, die ein zerrüttetes Verhältnis zu ihrer Mutter hat, scheitert immer wieder. Und in „What It Means When a Man Falls From the Sky“ gibt es Mathematiker_innen, die Schmerz/Verlust/Trauer von Menschen wegnehmen können, doch die Kosten dieser Rechnung erfahren die Protagonistin und ihre (Ex)Partnerin nach und nach.

Jennifer Nansubuga Makumbi
Jennifer Nansubuga Makumbis Debutroman Kintu erschien bereits vor vier Jahren bei dem kenianischen Verlag Kwani (nachdem das Manuskript 2013 den ersten Platz des Kwani? Manuskript Projekts gewonnen hatte). Bis es Verleger in Europa und Nordamerika fand, dauerte es hingegen: Als „zu afrikanisch“ wurde es abgelehnt. Kintu ist eine epische Familiengeschichte im Gebiet des heutigen Ugandas, die von 1750 bis in die frühen 2000er führt. Ein Fluch scheint auf der weitverzweigten Familie zu liegen, nach dem ein Vorfahre im 18. Jahrhundert einen Jungen getötet und an einem unpassenden Ort begraben hat. Doch wie zeigt sich dieser Fluch? Wie verhalten sich die einzelnen Fmilienmitglieder dazu? Was ist Schicksal, was eigenes Tun? Es geht um Familienkonstellationen, Männlichkeiten, Religion, Krankheiten – und ist so spannend geschrieben, dass man das Buch kaum aus den Händen legen kann, auch wenn es weit über 400 Seiten hat.

Sarah Ladipo Manyika
Manyikas zweiter Roman (oder eher Novelle) Like a Mule Bringing Ice Cream to the Sun hat zwar nur knapp 120 Seiten, bleibt dafür aber um so mehr in Erinnerung. Das Buch folgt der Mitsiebzigerin Morayo Da Silva, einer nigerianischen ehemaligen Literaturprofessorin, die allein in ihrer Wohnung in San Fransico lebt. Sie liebt ihren Vintage Porsche und die Buchsammlung, die alltäglichen Begegnungen mit den Menschen ihrer Nachbarschaft. Nachdem sie unglücklich fällt und einige Zeit im Krankenhaus verbringen muss, ist Morayao gezwungen über Altern, Beziehungen und ihre Zukunftspläne nachzudenken. Das Buch aber erzählt nicht nur aus ihrer Perspektive, sondern auch auch aus denen der Personen, denen sie begegnet und schafft so ganz nebenbei einen Blick darauf, wie Leben ineinander verwoben sind. Der Roman war unter anderem für den Goldsmiths Prize 2016 nominiert.

Chinelo Okparanta
Chinelo Okparanta hat für ihre beiden Bücher, der Kurzgeschichtensammlung Happiness, Like Water und den Roman Under the Udala Trees, haben einiges an Preisen einesammelt. So gewann Okparanta bereits zwei Lambda Literary Awards, einen LGBTQ-Literaturpreis, und wurde vom Literaturmagazi Granta zu einer der wichtigsten neuen Stimmen gekürt. In ihrem Roman verlieben sich zwei Mädchen während des Biafrakriegs und durchkreuzen damit nicht nur heternormative Vorstellungen, sondern auch noch ethnische und religiöse Grenzen. Okparanta folgt einem dieser Mädchen durch die folgenden Jahrzehnte und portraitiert, wie sie versucht sich ein Leben zu schaffen, welches ihren Wünschen und Bedürfnissen entspricht. Ausführlich habe ich das Buch bereits vor einiger Zeit hier besprochen.

Olumide Popoola
Olumide Popoola hat das fantastische Programmm für das diesjährige Festival kuratiert, wenn das nicht Grund genug ist in ihre eigenen Werke zu gucken… Ihr erstes Buch this is not about sadness über Trauma, Begehren und Community erschien beim Unrast-Verlag, der Nachfolger Also by Mail über deutsch-nigerianische Geschwister in der Reihe Witnessed bei edition assemblage. Ihr aktuellster Roman erschien nun bei Cassava Republic. In diesem geht es um Karl und Abu, beide 17, beste Freunde und in London lebend. Karl wohnt bei seiner chronisch kranken Mutter, kommt aber auch häufig bei Abus Familie unter. Es ist 2011 und politische / soziale Spannungen liegen in der Luft. Als Karl plötzlich die Möglichkeit hat, seinen Vater in Nigeria zu treffen, nutzt er die Chance und lässt Abu zurück. Popoola schreibt einen wunderschönen Roman über das Erwachsenwerden, das Treffen von Entscheidungen, Freundschaft und Männlichkeit. In diesem Buch werden alle Möglichkeiten aufgezeigt, wie Kommunikation gestört oder kompliziert werden kann – sogar zwischen Menschen, die sich wichtig sind. Sie berührt Themen wie Öl-Abbau und Umwelt, Aufwachsen und Sein als trans Junge, die „London Riots“. Aber im Kern bleibt dies die Geschichte von Karl und Abu, die lernen müssen, ihre Freundschaft und andere Beziehungen in ihrem Leben zu navigeren und sich fragen, welche Art von Menschen sie werden wollen. Popoola erfindet eine wunderbare Erzählstimme, indem sie Esu, die Yoruba-Gottheit, Hüter der Kreuzungen, und den konstanten Austausch von Textnachrichten gleichermaßen einsetzt. Inhalt und Form ergeben ein wunderbares vielschichtiges Werk, absolut lohnenswert.

Yvonne Adhiambo Owuor
Im Jahr 2003 gewann die kenianische Schriftstellerin Yvonne Owuor den Caine Prize für ihre Kurzgeschichte „The Weight of Whispers“. Zehn Jahre später erschien ihr Debutroman Dust – und das Warten hatte sich gelohnt. Ein junger Mann wird in Nairobi erschossen. Sein Vater und seine Schwester machen sich auf den Weg, den Körper nach Hause zu bringen. Der Roman verbindet die Familiengeschichte mit der Darstellung politischer und sozialer KOnfliktlinien, getragen von absolut poetischer Sprache.
Der Roman ist auch auf Deutsch erschienen unter dem Titel Der Ort, an dem die Reise endet.

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