Vor dem Tod sind alle gleich?

Wenn wir über Machtverhältnisse oder Diskriminierung nachdenken, geht es meist darum, wie gesellschaftliche Verhältnisse Einfluss auf Menschen und ihre Lebens­wege nehmen. Selten denkt mensch an den Tod. Wahrschein­lich gilt die Annahme: „Vor dem Tod sind alle gleich.“ Francis Seeck hat sich dem Thema auf wissen­schaftlicher, persön­licher und künstlerischer Weise gewidmet und resümiert im Buch „Recht auf Trauer. Bestattungen aus machtkritischer Perspektive“ (Edition Assemblage):

Ausgrenzung und Marginalisierung hören auch nach dem Tod nicht auf.

Francis Seeck, Kulturanthropolog_in und Antidiskriminierungs­trainer_in geht der Frage nach, welche Folgen Macht­ver­hältnisse auf die Bestattungs­praxis in Deutschland haben. Mit einem Fokus auf ordnungsbehördliche Bestattungen, die in der Regel durchgeführt werden, wenn keine Angehörigen ausfindig gemacht werden können, arbeitet Seeck schwerpunktmäßig die klassistischen und heteronormativen Strukturen von Bestattungspraktiken heraus. Es ist ein außergewöhnliches Buch, weil es neben wissenschaftlichen Erkenntnissen auch aktivistischen Interventionen, der eigenen Trauer, Gedichten und Spoken Words Platz einräumt sowie den Lebens­geschichten ordnungs­behördlich bestatteter Menschen.

Das Thema hat traurige Brisanz und wird in den kommenden Jahren noch verstärkter ins Bewusstsein treten (müssen): Mit steigender Alters­armut und steigenden Zahlen prekär Beschäftigter betrifft ein mögliches einsames Sterben – bedingt zum Beispiel durch Isolation  – immer mehr Menschen. Zurück bleiben Angehörige, die teilweise erst viel später vom Tod eines Verwandten erfahren; die bei der vom Amt angeordneten ordnungs­behördlichen Beerdigung nicht dabei sein konnten und/oder keinen Zugriff auf persönliche Gegenstände des_der Verstorbenen haben, weil das Amt deren Vernichtung schon in Auftrag gegeben hatte.

Im Tod wird deutlich, dass das Glücks­versprechen des Kapitalismus nicht für jede_n erfüllt wird. Die Verdrängung bzw. der Vorwurf, die Betroffenen hätten nicht vorgesorgt, ist leichter, als ein System zu kritisieren, dem jede Person selbst zum Opfer fallen könnte.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten auf diesen Umstand zu reagieren. Einen Trend beschreibt Seeck ausführlich, nämlich das „Projekt Lebensende“. Menschen mit Klassen- beziehungsweise Geld­privilegien können sich bereits zu Lebzeiten die letzte Ruhestätte kaufen und auch gestalten. Für die meisten Menschen ist das allerdings schon allein aus finanziellen Gründen nicht möglich. Aus diesem Grund haben sich verschiedene Zusammen­schlüsse wie zum Beispiel das Grab mit vielen Namen in Berlin oder das Grab für Wohnungs­lose in Bremen gebildet, die sich gegen klassistische Bestattungen und für die Namens­nennung der Verstorbenen einsetzen. Seeck beschreibt nicht nur die Initiativen, sondern auch die kleinen und großen Interventionen der Friedhofs­mitarbeiter_innen oder der (wenigen) Trauer­gäste, die bei ordnungs­behördlichen Bestattungen anwesend sind.

Die Grundforderung des Buches steht schon im Titel: Menschen sollten ein Recht auf Trauer haben – und auch das Recht, betrauert zu werden. Die Bestattungs­kultur ist als Spiegel gesellschaft­licher Verhältnisse zu verstehen, in denen das Trauern und betrauert werden auch davon abhängt, wie viel Geld, (familiäre) Beziehungen und Vor­sorge man hat. Francis Seeck schließt das Buch mit Wünschen und einer deutlichen Forderung ab:

Neben dem Kampf für ein gutes Leben sollten auch die Bedingungen, unter denen Menschen sterben und trauern, politische Themen sein.

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