Hat jemand „Knutschverbot“ gesagt?! – Critical Hetness 101

von Anna-Sarah

Im folgenden Text wird viel von Hetero-Pärchen die Rede sein. Paar heißt in diesem Fall: zwei Menschen, die in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten mit einander austauschen.  Es geht um Menschen, die in der Regel jeweils als weiblich und männlich gelesen werden und sich selbst auch so verorten, und von denen widerum vor allem um jene, die keine Sanktionen und kein Othering erfahren, wenn sie sich außerhalb des eigenen Privatbereichs als Paar zeigen. Dass diese Menschen individuelle Geschichten haben können, in denen (nicht nur gegendertes, sondern z.B auch rassifiziertes) Gelesenwerden, Passing und Selbstverortung keine unhinterfragten Selbstverständlichkeiten darstellen, bleibt bei einer solchen Einordnung schwierigerweise außen vor. Der Widerspruch, dass für individuelle Personen angesichts eigener biografischer Erfahrungen das öffentliche Paar-Sein ein Akt des widerständigen Empowerments sein kann, nach außen aber trotzdem auch oder vor allem als normbestätigend wirkt, lässt sich wohl unter den gegebenen Bedingungen nicht auflösen.

Die Perspektive, mit der ich selbst mich auskenne und von der aus dieser Text geschrieben ist, ist allerdings die einer Person, die es zeitlebens ganz überwiegend als selbstverständlich erlebt hat, ihr Begehren auch in die Öffentlichkeit tragen zu können, ohne dass darauf  über den üblichen Sexismus hinaus merkbar reagiert würde – weder mit spezieller Neugier, die sich in distanzlos-übergriffigem „Interesse“ äußert, noch mit Kommentaren (seien sie abwertend oder vermeintlich anerkennend), noch mit verbalen oder körperlichen Angriffen. Dieses default setting gilt hierzulande für viele Menschen. An diese, an euch, richtet sich dieser Text.

Nachdem ich begonnen hatte ihn zu schreiben, stieß ich auf diesen Blogeintrag und musste feststellen, dass der Titel, den ich für meinen Text spontan ersonnen hatte, quasi 1:1 schonmal da war und der  Begriff  „Critical Hetness“, eine augenzwinkernde Anspielung an Critical Whiteness, offensichtlich nicht erst in einer informellen Konversation zwischen Mädchenmannschafstsautorinnen das Licht der Welt erblickt hat. Ich lass das jetzt aber so, weil ich die Begrifflichkeiten einfach passend finde, und danke Sanczny für die uns beiden unbewusste Inspiration :)

Die eigene Praxis zu reflektieren und gar zu ändern ist immer schwieriger als abstrakt „gegen Sexismus“ oder „gegen Homophobie“ zu sein – geschenkt. Wie schwer es auch innerhalb von Zusammenhängen ist, die sich selbst als progressiv, „links“, als explizit anti*istisch verorten, wurde kürzlich wieder anhand der neu entflammten Online-Debatte um fiktive „Knutschverbote“ deutlich. (Ob und wie in anderen Zusammenhängen darüber gesprochen wird, ist mir erstmal egal, da diese Kontexte für mich keinen Bezugsrahmen darstellen.)

Was war los? In verschiedenen Blogposts und Twitterkommentaren hatten vor allem Menschen, die nicht hetero begehren und_oder leben  – nein, keine Knutschverbote verhängt. Wie könnten sie das auch tun, wie sollten sie ein solches Verbot gar durchsetzen [CW: rassistische Begriffe ausgeschrieben]? Nein, um Verbote ging es nie, und etwas nicht toll zu finden ist nicht das gleiche wie etwas zu verbieten: Sie haben sich darüber geäußert, dass das Unterlassen von Hetero-Pärchenperformances ein solidarischer Akt sein kann.  Zur Paar-Performance gehören jene Handlungen, die – auch unbewusst, ganz unbeabsichtigt und nebenbei – dafür sorgen, dass bei anderen der Eindruck „Aha, ein Pärchen“ entsteht, also Küssen, Händchenhalten u.ä., egal wie gut die Beteiligten einander kennen oder ob und wie sie eine Beziehung zwischen sich definieren.

Kusspause aus Rücksichtnahme? Knutschverzicht aus Solidarität?

Das nachzuvollziehen oder einfach nur zu akzeptieren, fällt vielen Menschen – naheliegenderweise anscheinend vor allem solchen, die sich selbst als heterosexuell begehrend und_oder lebend verorten – offensichtlich ziemlich schwer. Zweifelnde bis entrüstete Meinungsäußerungen sind schnell bei der Hand, Fragen werden aufgeworfen: Ist der Ausdruck von Zuneigung nicht etwas schönes, und die Möglichkeit, das nicht nur innerhalb der eigenen vier Wände unsanktioniert zu tun, eine kulturelle Errungenschaft, die von Offenheit, von Fortschritt und Freiheit zeugt? Brauchen wir angesichts der um sich greifenden neoliberalen Sozialkälte nicht all die Liebe(sbekundungen), die wir kriegen können? Ist jegliche Regung, das einzuschränken, nicht repressiv, lustfeindlich, atmet den Geist von überwunden geglaubter Prüderie und Tugendwächter_innentum? Sollten wir nicht, anstatt uns selbst Einschränkungen aufzuerlegen, dafür sorgen, dass alle diese Freiheiten genießen können? Wem ist damit geholfen, wenn ich meinen Boyfriend auf der Straße nicht mehr küsse – dadurch bekommen  lesbische oder  schwule Paare doch nicht automatisch mehr Rechte? Wer hat denn da was von?

Ich möchte versuchen, klar zu machen, wie sich diese Debatte aus meiner Perspektive darstellt. Dafür möchte ich zunächst nochmal ein paar Punkte festhalten:

  • Unsere Gesellschaft ist u.a. heterosexistisch strukturiert. Das bedeutet nicht „Alle Heten sind böse“. Es bedeutet: Das gegenseitige v.a. erotische Auf-einander-bezogen-Sein von Männern* und Frauen* wird als selbstverständlich, als wichtig, als identitätsstiftend, oftmals auch als  wünschenswert, vorausgesetzt. „Abweichungen“ davon werden – gesamtgesellschaftlich betrachtet – bestenfalls „toleriert„, schlimmstenfalls kosten sie die körperliche Unversehrtheit. Das zeigt sich nicht nur in der deutschen Familienpolitik, im Gesundheitswesen oder im Recht, sondern auch in Alltagssprache, Medienrhetorik, in Popsongs, auf Werbeplakaten und sicher auch noch in vielen anderen Settings. Hetero lebende kriegen das meist gar nicht mal mit – natürlich nicht, denn sie werden ja nicht permanent in Frage gestellt, unsichtbar gemacht und abgewertet, sondern in ihrer Lebensweise und_oder Gefühlswelt bestätigt. Von Nicht-Heteros jedoch weiß auch ich: Jeder Spruch, mag er auf die (selbst)kritische Hete noch so abgedroschen und unwahrscheinlich wirken, jede Frage, mag sie noch so distanzlos sein, jede gewaltvolle Beleidigung und  bei Frauen*paaren jede sexistische Anzüglichkeit, die das pornifizierte Male-Gaze-Vokabular hergibt – sie sind Alltag.
  • Die heterosexistische Struktur kommt nicht ausschließlich von irgendeiner ominösen höheren Kraft auf uns herab – wir sind die Struktur™, wir alle basteln daran mit (und oftmals gleichzeitig dagegen an), und wir alle tragen  mit unserem Handeln dazu bei, wie sich diese Struktur in unserem kleinen Mikrokosmos – der sich, und das ist hier der Punkt,  mit den Mikro- und Makrokosmen anderer Menschen überschneidet –  ganz konkret niederschlägt. Und tragen dafür die Verantwortung.
  • Wir – also ihr, an die sich dieser Text richtet, siehe oben, und ich, die ihn schreibe – finden das nicht gut mit diesem Heterosexismus und wollen was dagegen tun.

[kleiner Einschub zum Wort „Hete“:  Es mag sich doof anfühlen so bezeichnet zu werden, irgendwie abfällig. Ein diskriminierender Ausdruck ist „Hete“ allerdings nicht – Heterophobie gibt es nicht, so wenig wie es „umgekehrten Rassismus“ gibt. Warum nicht? Weil die strukturelle Machtkomponente fehlt, die eine individuelle Benachteiligung oder Abwertung zum Ausdruck eines *ismus macht. Angesichts der Tatsache, wie sorglos in der deutschen Sprache mit dem Prefix „Homo“ hantiert wird (Homo-Ehe, anyone?),  sollte das bisschen Spieß-Umdrehen, was die Markierung angeht, zu verschmerzen sein. Womöglich wird es einigen Menschen aber dennoch aufstoßen, hier permanent als „hetero“ gelabelt zu werden, wo sie selbst doch ganz andere Merkmale viel wichtiger und aussagekräftiger fänden, um sich selbst zu charakterisieren. Die Frage, wer wen markiert, was benannt wird und was unbenannt bleibt und damit normalisiert wird, und wer daran gewöhnt ist, unmarkiert zu bleiben, spielt hier eine wichtige Rolle. Ich persönlich benutze „Hete“ einfach deswegen ganz gern, weil es kurz ist und sich einigermaßen geschlechtsneutral verwenden lässt.]

So weit, so einig? Schön. Denn wer diese  Grundvoraussetzungen bestreitet, wird wohl auch die folgenden Schlüsse daraus nicht mitgehen.

Wenn ich in der Öffentlichkeit meinen Boyfriend küsse, führe ich damit  anderen Menschen demonstrativ vor Augen, was ihnen versagt bleibt – zum Beispiel jenen, die einander jetzt auch gern küssen würden, es aber nicht tun, um Sanktionen zu vermeiden. Darauf Rücksicht zu nehmen fände ich als Argument für einen sensiblen Umgang mit der eigenen Paarsituation eigentlich schon ausreichend. Das ist aber gar nicht der Hauptpunkt, denn erstens geht es beim heteronormativen Normalzustand (und der Kritik daran) bei weitem nicht nur um öffentliches Knutschen, und zweitens wissen Nichtheten auch ohne meine kleine aber wirkungsvolle Demonstration von straight privilege bestens über diesen Normalzustand Bescheid.

Der springende Punkt ist: Ob ich will oder nicht – durch meine Hetero(pärchen)performance demonstriere ich nicht nur den Normalzustand und erinnere (schmerzhaft) an ihn, ich stelle ihn auch aktiv her und re_produziere ihn. Heteronormativität ist keine Einbahnstraße: Weil hetero  „normal“ ist, stelle ich mein Hetendasein unhinterfragt zur Schau (nicht im Sinne von „seht alle her, ich bin hetero und finde das ganz toll!“, sondern im Sinne von „ich muss nicht verstecken, was selbstverständlich für mich ist“) und ermutige andere, dies auch zu tun – und weil so viele ihr Hetendasein unhinterfragt und selbstverständlich zur Schau stellen, ist hetero sein „normal“. Ich inszeniere mich – möglicherweise ungewollt – als einen Teil der „Normalität“ und schaffe sie damit erst. Ich trage aktiv dazu bei, ein Klima aufrecht zu erhalten, einen Raum zu schaffen, in welchem lesbische, schwule, queere Zärtlichkeit deutlich als „Abweichung“ sicht- und fühlbar ist.  Selbst, wenn in der konkreten Situation vielleicht keine konkrete Gefährdung, aktive Ausgrenzung oder exotisiertende Kommentierung befürchtet wird – aber Diskriminierung ist mehr als verbale oder physische Gewalt. Mit meiner Hetero- und Paarperformance nehme ich anderen Ausdrucksformen und Beziehungsweisen den Raum. Auch wenn ich das gar nicht will. Auch, wenn ich „alternative“ Beziehungsformen gut finde oder gar lebe, ich mich selbst gar nicht als hetero verorte, Paarsein mir doch gar nicht so wichtig ist und_oder ich mich  gegen Homophobie und Heterosexismus engagiere. Und auch, wenn ich das nicht hören will.

Um es also nochmal kurz zusammen zu fassen: Es ging nie um ein Verbot, sondern um die Aufforderung, dass Hetero-Personen, zumal wenn sie sich als Verbündete von Nichtheteros verstehen, sich die Frage stellen sollten, wie sie mit ihrem eigenen persönlichen Handeln dazu beitragen, bestimmte Räume zu schaffen, bestimmte Strukturen zu unterstützen, bestimmten Normen zu bestätigen und festzuschreiben – selbst wenn sie diese „eigentlich“ ablehnen und an anderer Stelle bekämpfen. Das Argument „Ich mache xyz aber doch auch, also kann das nicht so schlimm sein, weil ich ja zu den ‚Guten‘ gehöre“ ist halt keines, sondern vielmehr ein emotionaler Impuls, um Kritik abzuwehren.

Und vielleicht noch kurz, was die Sache mit der sozialen Kälte angeht: Nicht alle freuen sich darüber, wenn sie Zeug_innen von Liebesbekundungen werden – ganz unabhängig vom eigenen Begehren. Höflichkeit, Freundlichkeit, gegenseitige Aufmerksamkeit und ja, eben Rücksichtnahme – das sind für mich Faktoren, die ein angenehmes soziales Klima ausmachen. Jederzeit und überall meinen erotischen Impulsen nachgehen zu können und ungefragt anderer Leute Intimitäten beizuwohnen hingegen nicht – und das kann unterschiedliche Gründe haben und ganz unabhängig davon sein, ob ich selbst gerade glücklich verliebt bin, gerne knutsche(n würde), mich als „sexpositiv“ verorte, die Beteiligten attraktiv oder sympathisch finde oder nicht. Turtelnde Pärchen haben keinen Default-Anspruch auf Bewunderung, Mitfreude oder anderweitige Anerkennung – auch wenn es zugegebenrmaßen angesichts der ominipräsenten Pärchenpropaganda vielleicht manchmal etwas schwer fallen mag, derartiges nicht zu erwarten…

„Na ja gut, aber irgendwen stört doch immer irgendwas, so ist es im öffentlichen Raum nunmal – darf ich jetzt deswegen meinen Freund nicht mehr küssen, weil es irgendwie irgendwen stören könnte?!“

Klar darfst du – wer sollte dich davon abhalten können? Aber: musst du unbedingt? Immer, überall? Oder möchtest du vielleicht einfach mal kurz innehalten und überlegen, wie du mit deinem eigenen, deinem ganz persönlichen Verhalten zum allgemeinen Klima beiträgst? Und dich dann entscheiden, ob du diesen Beitrag aktiv gestalten möchtest oder nicht? Du hast das Privileg: Du musst nicht, aber du kannst. Wenn du dich dagegen entscheidest, wird dir nichts, aber auch gar nichts passieren – im Gegensatz zu homophoben Attacken sind diese queer_feministischen Terrorsquads, die die Mehrheitsgesellschaft wegen deren angenommener Privilegien gewaltvoll drangsalieren, nämlich nichts als propagandistische Legende.

Eigentlich ist es logisch: Die Welt verändern, solidarisch sein und alles so machen wie ich es gewohnt bin oder es mir selbst am besten passt – manchmal geht das nicht alles gleichzeitig. Auch die sophisticatedste Argumentation, warum es jetzt gerade speziell in meinem Fall alles ganz anders ist,  führt da nicht dran vorbei. Auch wenn’s keinen Spaß macht. So fühlen sich Machtstrukturen an. Und immer noch habe ich die Wahl, wieviel Critical Hetness ich in meinen Alltag lasse – immer noch bin ich auf der privilegierten Seite. Deshalb: bitte nicht über Knutschverbote lamentieren.

„Soll ich denn wirklich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich in der Öffentlichkeit meine Zuneigung bekunde?“

Nein, denn mit deinem Gewissen, ob gut oder schlecht,  kann niemand was anfangen.  Tu es oder lass es, aber erwarte weder für das eine noch für das andere Applaus.

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Edit: Helga hat heute auch nochmal dazu geschrieben.

 




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Eintrag geschrieben: Montag, 8. April 2013 um 17:18 Uhr unter Ideen - Theorien, Sex_ualität. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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32 Kommentare

  1. RiotNrrrd sagt:

    Hallo,

    danke für diesen Artikel! Er schreibt mir in vielen Punkten aus der Seele, auch wenn ich anmerken möchte, dass mensch Pärchenperformances nicht nur aus einer antiheteronormativen Perspektive betrachten kann, sondern auch aus einer anti-ableistischen.

    Es ist für keinen Menschen eine Selbstverständlichkeit, überhaupt erst als „sexuelles Wesen“ wahrgenommen werden zu können. Entsprechend anstrengend bis verletzend kann es sein, als Person, die selbst nur die Erfahrungen gemacht hat, aufgrund eines verkindlichten und als „behindert“ gelesenen Körpers, als sexuelles Neutrum wahrgenommen zu werden, von Menschen umgeben zu sein, die ihre anerkannte Sexualität zur Schau stellen.

    Solidarische Grüße!

  2. Tina sagt:

    hey anna-sarah, danke für deinen text!
    er hat mich zum nachdenken angeregt…ich bin jederzeit und immer dafür, über meine priviliegien nachzudenken. aber bin ich auch konsequent genug? ich weiß es nicht…mein freund und ich knutschen nie in der öffentlichkeit rum. aber ab und an mal eine kleine umarmung…wie weit geht dieses „verbot“? so viele fragen…noch eine: wie setzt du es um? ich würde mich freuen, wenn du meine persönliche frage beantworten magst. wenn nicht, dann eben nicht. ich finde deinen text wirklich gut und versuche, ihn zu (be-)greifen. danke!

  3. qwertzu sagt:

    Das Prinzip dieser Argumentation lautet wie ich es verstehe: Da ich mit meinem normgerechten Verhalten dafür sorge, daß es auch Norm bleibt, unterlasse ich es mal. Dazu fallen mir allerdings mehr Beispiele ein:

    Wenn ich nach meinem Bus renne, verhalte ich mich rücksichtslos der Person gegenüber, die aufgrund einer zugeschriebenen Behinderung eben *behindert* wird und diesen Bus nicht erreichen wird, z.B. im Rollstuhl sitzt. Ich demonstriere ihr meine Überlegenheit, über die ich zufällig qua meiner positiv konnotierten Köpernorm verfüge. Ich könnte mir überlegen, nicht zu laufen.

    Als Inhaberin eines deutschen Passes genieße ich weltweit große Reisefreiheit. Person Y hat eine Duldung und darf somit nichtmal ihren Landkreis verlassen. Diese strukturelle, rassistische Ungleichbehandlung erfordert, daß ich mein Reiseverhalten überdenke, um nicht weiter die Norm festzuschreiben, daß Reisefreiheit sich an den Papieren festmachen darf.

    Mit einem dicken Eis in der Hand an einer um Geld bettelnden Person vorbeizugehen, ist dekadent. Was ich in meinen Genuß investiert habe, wird sie in mehreren Stunden vielleicht nicht zusammenbekommen, und auch dann evtl fürs nackte Überleben ausgeben müssen.

    Als Frau, die gängigen Schönheitsidealen entspricht („schlank“, „lange Haare“, „figurbetont gekleidet“ etc), mich auf der Straße zu bewegen ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die den Idealen nicht entsprechen und dementsprechende bittere Erfahrungen machen müssen. Ich sollte mein Privileg, normschön zu sein überdenken und auf…………..verzichten. Ja, was eigentlich?

    Ich möchte verschiedene Unterdrückungsstrukturen als gleichwertig betrachten. Sich auf Heterosexismus zu beschränken, bildet nur einen Teil unserer von Unterdrückung geprägten Welt ab.
    Daher stelle ich mir ernsthaft diese Szenarien vor: Privilegiencheck, ja bitte, und zwar konsequent.
    Und wohin führt uns das? Für mich ist das jedenfalls eine Form der Solidarität und des politischen Kampfes, die deutliche Grenzen hat, immer wieder überdacht werden muß, und für viele Fälle nicht paßt.

  4. Wachkatze sagt:

    Auch aus anderer Sicht, keine so unangenehme Idee.

    Es sind ja auch Menschen im öffentlichen Raum unterwegs, die entweder gerade von ihrem Partner/in getrennt leben müssen.
    Oder auch gerade Beziehungslos sind.
    Da ist das glückliche Pärchen oft ein Anblick der Weh tut.
    Klar, mensch gönnt es ihnen.
    Trotzdem.
    Das Autsch, bleibt.

  5. Anna-Sarah sagt:

    @RiotNrrrd: Danke für die wichtige Ergänzung!

    @Tina: Auch dir danke für dein Feedback! „Konsequent genug“, hm, das ist eine schwierige Frage – oder vielleicht würde ich sagen: nicht unbedingt die Kategorie, in der ich denken würde. Zumal sich das ja objektiv ohnehin nicht beantworten lassen wird, sondern davon abhängt, wen du in welchem Kontext fragst. Ich glaube sogar, dass es in unserer Gesellschaft fast schon schwierig ist, nicht erstmal per default als (potentielles) Pärchen gelesen zu werden, wenn 1 „weiblich“ und 1 „männlich“ & als erwachsen und abled gelesene Person, die vertraut miteinander wirken, gemeinsam in Erscheinung treten – zumal wenn (ein) Kind(er) dabei ist/sind. Das meine ich jetzt gar nicht larmoyant, sondern um nochmal zu unterstreichen, wie ominipräsent Paar- und Heteronormativität sind. In sofern könnte man vielleicht auch argumentieren, dass zwischen „sich vertraut miteinander benehmen“ und „knutschen“ in Sachen Normativitätsre_produktion gar nicht mal soo der Unterschied ist. Was widerum nicht implizieren sollte, dass es dann auch egal ist, ob ich mich an öffentlichem Hetenknutschen beteilige oder nicht. Denn offenbar ist es das aus verschiedenen Gründen, von denen ich einige versucht habe zu umreißen, nicht.

    Persönlich habe ich bisher kein Patentrezept – je nach Kontext, je nach Geistesgegenwart, je nach emotionaler Verfassung oder nach Lage meiner Beziehung entscheide ich von Fall zu Fall und mehr oder weniger bewusst: welchem Impuls ich nachgebe, welche Prioritäten ich setze bezüglich Rücksichtnahme vs. Eigennutz, welche Geste oder Berührung ich vollführe oder zurückweise, wo ich dementprechend in Kauf nehme, dass mein Partner sich abgewiesen oder womöglich verleugnet fühlt…

    Ich fürchte, den richtigen(tm) Weg, sich als Hete solidarisch zu verhalten, gibt es nicht. Die perfekte Solidarhete (Wortschöpfung courtesy of Leah :) ) kann es nicht geben, so lange Heteronormativität herrscht, weil Heteromenschen diese allein durch ihre Existenz perpetuieren. Ich glaube allerdings, dass die aus dieser Erkenntnis resultierende Verunsicherung, die sich in gefühlten oder gedachten Fragen wie: „Was darf ich als Hete in der Öffentlichkeit machen, ohne heterosexistisch zu sein?“ ausdrückt, gut und wichtig ist. Denn erst dieses Abweichen von den eigenen Selbstverständlichkeiten ermöglicht – neben mehr Empathie durch wenigstens ansatzweises Verständnis, wie sich Lebensrealität für nicht normgerecht begehrende anfühlen muss – eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Normalität und regt zum Erproben von Handlungsalternativen an. Und darum geht’s hier ja letztendlich.

  6. Anna-Sarah sagt:

    @qwertzu: Mit Verlaub, aber das ist Derailing, deshalb möchte ich jetzt auch nicht jedes deiner Beispiele durchgehen und kommentieren, wie ich das jeweils einordnen würde. Es geht mir nicht um irgend ein Prinzip, um „viele Fälle“ oder eine allgemeingültige Anleitung zum politischen Kampf per se, sondern um ein konkretes Setting, das ich auch benannt habe.

    Zu deinem letzten Absatz:

    Ich möchte verschiedene Unterdrückungsstrukturen als gleichwertig betrachten. Sich auf Heterosexismus zu beschränken, bildet nur einen Teil unserer von Unterdrückung geprägten Welt ab.

    Absolut d’accord – uns nicht auf ein einzelnes Unterdrückungsverhältnis zu beschränken, versuchen wir hier nach Kräften, wie du wahrscheinlich weißt, wenn du hier öfter mal mitliest. Das bedeutet aber nicht, dass jeder verfasste Artikel zu jedem Thema jede Perspektive miterörtern kann, muss oder sollte. Hier in diesem Text geht es darum, welche Normen Heteropaare re_produzieren, wenn sie ihre Hetness in der Öffentlichkeit demonstrieren – ein Thema, das seine eigene Legitimation besitzt. In diesem Rahmen würde ich mich deiner Forderung nach konsequentem Privilegiencheck anschließen. Dass sowohl Selbstreflektion als auch politische Praktiken ihre Grenzen haben, dass jede politische Praxis immer wieder überdacht werden muss, bestreitet ja niemand, und ich habe auch nirgends geschrieben, dass Knutschverzicht Heterosexismus hinfortweht. Darüber hinaus teile ich deine Schlussfolgerung, so wie ich sie verstehe, nicht – ich werfe ja auch nicht meinen Müll auf die Straße, weil ich ab und zu fliege. Sich hinter dem Verweis auf mangelnde „Konsequenz“ zu verstecken, kann auch ganz bequem sein, weil die eigene Praxis unangefochten bleibt…

  7. RiotNrrrd sagt:

    Ich möchte dennoch auf eines der Beispiele kurz eingehen, da das Beispiel wie aus meinem Leben gegriffen scheint. Nur so als kleiner Input am Rande, sozusagen:

    Du könntest nämlich nach dem Bus rennen und solidarischerweise den_die Busfahrer_in darauf hinweisen, dass da gerade eine Person im Rollstuhl etwas länger braucht, aber auch gerne mit möchte. So manches Mal war das schon ein Versuch wert. ;-)

  8. a light sneeze sagt:

    vorweg: danke! ich fand das grad sehr hilfreich.

    @anna-sarah + @tina:
    mir geht es auch so – dieses gefühl von „was genau mache ich jetzt am besten?“. unsicherheit usw. wir bestätigen ja durch so vieles die normen, in/nach denen wir leben. das zu merken macht (mir jedenfalls) auch angst. aber allein, auf solche art darüber nachzudenken, ist, soweit ich es verstehe, schon mal ein wichtiger schritt.
    ich halte gern händchen mit freund_innen/berühre sie_ihn in der öffentlichkeit, drücke darüber zuneigung aus. bin mir noch nicht schlüssig darüber, wie ich damit umgehen möchte. trotzdem fühle ich mich nicht angefeindet oder habe den eindruck, es soll mir etwas verboten werden – letztendlich kann jede_r nur für sich entscheiden, wo die innere komfortzone anfängt und aufhört. für falsch halte ich persönlich es nur, gar nicht darüber nachzudenken, was dann „nicht getroffene entscheidung“ bedeutet.

    anbei…da es ja schlagwortmäßig immer wieder um knutschen geht – ich sah neulich ein (het.)paar ganz versunken rumknutschen und nahm es aufgrund meiner zunehmenden sensibilisierung für das thema ganz bewusst wahr. und fand es einen unattraktiven anblick. hatte den gedanken: aha, so sieht das also aus. ups.

    was mich mal interessieren würde: wie gehen eigentlich die besagten typen damit um? müsst ihr innerhalb der beziehung eure reflektion rechtfertigen? ist das dann ein „nee, schatz, jetzt nicht?“ mir fiel beim lesen auf, dass männer als knutschobjekt auftauchen, aber frauen angesprochen werden, die denkarbeit zu leisten. hm, ich finde das grad schwer zu formulieren, hoffe, es ist verständlich. plus: sorry, wenn das zu weit vom thema weggeht…

    @qwertzu:
    mir entsteht beim lesen deines comments automatisch die frage, ob du, statt „verschiedene Unterdrückungsstrukturen als gleichwertig [zu] betrachten“, nicht vielmehr sagst, dass es ja so viel repression gebe, dass es eh nichts bringt, ein persönliches privileg zu überdenken.
    ich unterstelle jetzt mal haltlos, dass dir der text unbequem ist. dass es dir „zu viel“ ist, jetzt auch noch auf „so etwas“ rücksicht nehmen zu sollen. dies schließt die unterstellung mit ein, dass du dich unter „hete“ einordnest/einordnen lässt (weil du in ich-form schreibst).

    gedanken dazu:
    .mir als meist hetero gelesene person (und da ist es egal, als was ich mich selbst betrachte) ist dieser text unbequem. macht ein komisches gefühl. was glaubst du, wie vielen nicht-hetero-personen wird der text/die überlegung dahinter ein komisches gefühl machen? stichwort „benennung“!
    ->so called privilegien reflektieren ist für diejenigen unbequem, die diese privilegien inne haben. auf andere kann derselbe text ganz anders wirken.
    .du setzt heteroperformance mit eis-essen-performance gleich. die bettelnde person wird aber nicht dafür angefeindet, wenn sie auch ein eis isst. dein argument greift höchstens bei dem soligedanken, dass knutschen für grad einsame/sich einsam fühlende/traurige/vermissende/whatever personen ein unangenehmer anblick sein kann. es geht hier aber um mehr.
    .du schreibst: „Ich sollte mein Privileg, normschön zu sein überdenken und auf…………..verzichten. Ja, was eigentlich?“
    ->überdenken ungleich verzicht/verbot. niemand verbietet dir normschönheit oder heterosexualität. das geht am thema vorbei.
    ->ja, es gibt eine menge, was bedacht werden kann/soll (auch die beispiele, die du aufzählst), und du hast noch so einiges unerwähnt gelassen, was m.e. reflektiert werden muss. aber: es geht hier um heteroperformance und solidarität und missverständnisse zum thema knutschen und warum das alles wichtig ist. nicht um „aber dann darf man ja gar nichts mehr“.

  9. Anna-Sarah sagt:

    @a light sneeze:

    was mich mal interessieren würde: wie gehen eigentlich die besagten typen damit um? müsst ihr innerhalb der beziehung eure reflektion rechtfertigen? ist das dann ein “nee, schatz, jetzt nicht?” mir fiel beim lesen auf, dass männer als knutschobjekt auftauchen, aber frauen angesprochen werden, die denkarbeit zu leisten.

    Ich finde, da sprichst du etwas wichtiges an, danke dafür. Ganz konkret ist es hier so, dass ich mich auf einen Mann* als Knutschpartner beziehe, weil das meiner aktuellen Perspektive entspricht, die den Text durchzieht – und hier geht es ja um Selbstpositionierung und -kritik. Generell finde ich es aber wichtig, zu bedenken, dass
    – in Paarbeziehungen zwischen Männern* und Frauen* die Verantwortlichkeit für Beziehungsarbeit (dazu zähle ich auch das „managen“ der Beziehung „nach außen“ hin) oft ungleich verteilt ist, und zwar in der Regel zulasten der Frau*
    – von Frauen* selbstverständlicher als von Männern* generelle Empathie und Rücksichtnahme erwartet wird – sowie ein hohes Maß an Ausrichtung auf den Partner und dessen Bedürfnisse
    – Formen von „Slut Shaming“ Männer* nicht betreffen
    – im Kontext von Paar-Performance oft auch das Markieren von Besitzansprüchen in verschiedenen Formen zum Repertoire gehört.

    Alles Faktoren, die eine Rolle spielen/zum tragen kommen sollten, wenn es um das Erarbeiten einer Praxis der „Critical Hetness“ geht.

  10. Tisch sagt:

    @qwertzu

    Was Anna-Sarah zuletzt schrieb, scheint mir das Entscheidende: Konsequenz wird generell überbewertet. Ausnahmen sollte es immer geben können. Viele hervorragende weltverbessernde Vorhaben scheitern an Ganz-oder-Garnicht-Einstellungen.

    Der ganze Artikel (den ich unheimlich deutlich und überzeugend fand) plädiert für ein Bewusster-Sein und hat deswegen nur diese argumentative Struktur: Sei dir bewusst, dass das was du tust eine normative Wirkung hat, die auch ausgrenzen kann. Wenn ich mir bewusst bin, dass ich andere damit verletzen kann, habe ich doch gleich viel weniger Freude daran in der Öffentlichkeit zu knutschen. Und auch: Wenn ich mir der Armut bewusst bin, habe ich doch gleich viel weniger Lust ein dickes Eis zu essen und gebe mein Geld sinnvoller aus.

    Das Stichwort ist (zwar gerade ziemlich in Mode, aber tatsächlich wahnsinnig bedeutend) Achtsamkeit.

  11. gelb sagt:

    Ich weiß nicht ob ich das jetzt richtig verstanden habe, aber woher weiß denn der Mitmensch, dass ich gerade aus Solidarität nicht knutsche und nicht aus einem beliebigen anderen Grund (keine Lust)?

  12. Anna-Sarah sagt:

    @gelb: Ich bin überzeugt, dass dem Mitmenschen das gar nicht sonderlich wichtig ist, aus welchen Gründen ich mein Knutschprivileg jetzt im einzelnen nicht vorführe. Es geht ja nicht darum, dass sich jemand besonders drüber freuen soll oder mir irgendwie Anerkennung zollen, wenn ich nicht knutsche – es geht um die Frage, ob und wie ich an der Herstellung eines bestimmten Klimas, an der Re_produktion von Normen mitwirke(n möchte). Der Sinn der Übung ist eine Veränderung dieses Klimas, nicht ein Soli-Pokal für Nichtknutscher_innen :)

    Mal ein anderes Beispiel zur Veranschaulichung: Wenn sich in meiner Gegenwart ein Mann* aufhält und währenddessen keinen sexistischen Witz macht oder anderweitig dominant auftritt, empfinde ich das als angenehm. Egal ob er sich da nun „besondere Mühe“ gegeben hat, nicht mackerhaft aufzutreten; ob er sexismuskritisch sensibilisiert ist; ob er müder war als sonst und deshalb zurückhaltend agiert hat; oder ob er einfach „so ist“ und das an den Tag gelegte Verhalten einfach seinem üblichen Repertoire entspricht. Im Ergebnis kommt dabei raus: Weniger Sexismus wurde reproduziert, weniger männliche* Raumnahme wurde ausgeübt, und ich habe mich deutlich wohler gefühlt als es oftmals der Fall ist (und die Vorstellung, dass dieser Mann* erwarten könnte, dass ich ihn für jeden ausgebliebenen blöden Spruch, für jeden nicht von ihm unterbrochenen Satz, für jede nicht auf meinen Straßenbahnsitz ausgebreitete Körperhälfte loben würde, mutet für mich einigermaßen absurd an). Ist doch prima!

  13. Tina sagt:

    @ anna-sarah, @ a light sneeze: danke für eure ausführlichen Antworten!!!
    hmmm. ich weiß, der folgende vergleich hinkt (ziemlich!), aber vllt veranschaulicht er, was ich mit konsequenz meinte. ich bin seit fast 15 jahren vegetarierin. und wie das eben so ist, je mehr ich drüber nachdachte, desto mehr unterließ ich. erst hab ich das reine fleisch weggelassen, jetzt trag ich zu allem anderen kein leder mehr. [hmm.wirklich ein doofer vergleich, aber ich weiß grad nix anderes.] und für mich gibt es kein zurück mehr. und mir persönlich stellt sich nun die frage, ob ich diese konsequenz, die für mich aus einem mehr an wissen resultiert, auch auf das knutsch“verbot“ anwenden könnte…argh…nun gut, das muss ich jetzt für mich entscheiden. ich bin aber definitiv dabei, wenn es um handlungsalternativen ausprobieren geht/ um nachdenken über eigene privilegien, um den ’stein zum rollen zu bekommen‘!!! jupp! definitiv!
    hach, ich hoffe, dass wird mir jetzt nicht als arroganz ausgelegt, aber für mich klingt das alles nach einer recht logischen schlußfolgerung: mein verhalten könnte andere verletzen. ich werde darauf hingewisen. ich denke drüber nach. ich ändere mein verhalten. funktioniert für mich ganz gut…egal in welchem -ismen-bereich ich mich da befinde!

  14. a light sneeze sagt:

    @anna-sarah

    oh, thx, genau das meinte ich.

    und den sexismusvergleich in sachen „das ist doch gar nicht sichtbar“ finde ich ebenfalls hilfreich. ich registriere inzwischen sehr genau, wenn gewisse aussagen (im realen kontakt sowie in diversen medien) NICHT kommen.

  15. t.e. sagt:

    Eigene Privilegien zu überdenken ist wirklich wichtig, und ich bedanke mich aufjedenfall für die für mich bisher auch neue Perspektive, die Du in deinem Text darlegst. Definitiv ist es sehr gut sich darüber bewusst zu werden inwiefern Verhalten, das durch eigene Privilegien bedingt ist, von anderen wahrgenommen wird/werden kann.
    Doch ist es nicht so, dass, wie du ja in deinem Kommentar auch schreibst, bereits vertrautes Verhalten zwischen „männlich“ und „weiblich“ gelesenen Personen i.d.R. zu Paarverhalten umgedeutet wird?
    Komplett unabhängig von sexueller Orientierung? Wenn ich als „männlich heterosexuell“ gelesene Person mit meiner besten, homosexuellen, aber i.d.R. „heterosexuell“ gelesenen, Freundin unterwegs bin werden wir konsequent immer wieder für ein Paar gehalten.
    In gewissem Maße findet hier sicherlich eine Reproduktion der Heteronormativität statt, allerdings eben durch die sozialisierte Assoziation im Kopf der anwesenden Personen. Sobald die „Päärchen“-Frage aber aufkommt und eindeutig beantwortet wird (selbst wenn das oftmals nicht sofort ernst genommen wird) wird aber genau diese heteronormative Assoziation durchkreuzt. Allerdings nur für Leute, die nachfragen und dies ernst nehmen oder eben bereits bei dem Beobachten der Situation eine andere Assoziation hatten, bei (fast) allen anderen Menschen bleibt sie eben bestehen und reproduziert eben den heterosexistischen Alltag.
    Daran wird meiner Meinung nach klar wie schwer es ist aus dem Bewusstsein der eigenen Privilegien eine Handlungsanleitung (mir ist bewusst, dass Du nicht beanspruchst so eine zu geben) zu geben.
    Es kommt einfach sehr stark auf das Hinterfragen der eigenen Assoziationen an und genau die ausgelösten Assoziationen bei_m der Rezipient_in können sich bereits bei zwei rezipierenden Personen antagonistisch verhalten.
    Während bei Person A. durch das Knutschen zweier als homosexuell gelesener Personen die eigene Sicherheit gestärkt wird sich ebenso zu verhalten, reproduziert das Knutschen bei der rezipierenden Person B. genau die homophoben Klischees des Öffentlichzurschaustellens.

  16. Anna-Sarah sagt:

    @t.e. Dass „Critical Hetness“, dass politische Praxis, dass gelebte Solidarität immer einfach ist oder einfach sein kann (oder muss), behauptet ja auch niemand ;) Und dass die Sache mit der Rezeption angesichts der fortwährenden Genderung und Begehrensschubladisierung, mit der das Leben in unserer Gesellschaft einher geht, komplex ist, habe ich in der Vorbemerkung zum Artikel (und ich hoffe auch stellenweise in diesem) versucht deutlich zu machen. Was aber, wie ich ja mehrfach geschrieben habe, wenig an dem Ergebnis ändert, dass das permanente unbekümmerte Zurschaustellen von Hetero-Selbstverständlichkeiten für nicht wenige Menschen eine deutlich fühlbare Einschränkung darstellt. Ich habe glaube ich nicht ganz verstanden, worauf du hinaus willst. Vielleicht kannst du deinen Einwand – falls es einer ist – nochmal etwas mehr auf den Punkt bringen? Danke.

  17. Anna-Sarah sagt:

    Vielleicht nochmal zum Re-Fokussieren: Angesichts einiger Kommentare, die inzwischen eingegangen sind (und z.T. nicht freigeschaltet, vor allem weil alles was darin angebracht wird, bereits im Text oder im Kommentarthread behandelt wurde), habe ich den Eindruck, dass in der Diskussion bzw. in einigen Kommentaren ein ganz zentraler Punkt aus dem Blick zu geraten scheint: Es geht hier nicht um individuelle Vorlieben und deren individuelle Beurteilung, sondern um Machtstrukturen. Die nicht irgendwie abstrakt von irgendwem – im Zweifelsfall: von „den anderen“ – gemacht werden, sondern von uns allen hier jeden Tag auf der Mikroebene hergestellt und_oder dekonstruiert werden. Es steht genauso schon im Text, daher bin ich mal so frei, mich selbst zu zitieren:

    Die Welt verändern, solidarisch sein und alles so machen wie ich es gewohnt bin oder es mir selbst am besten passt – manchmal geht das nicht alles gleichzeitig. Auch die sophisticatedste Argumentation, warum es jetzt gerade speziell in meinem Fall alles ganz anders ist, führt da nicht dran vorbei.

    Immer & überall knutschen UND Heteronorm in Frage stellen? Klappt nicht. „Die Struktur“ kritisieren, aber keine Lust haben, das eigene Handeln dazu in Beziehung zu setzen? Bequem, aber wirkungsarm. So tun, als müsse mensch sich entscheiden zwischen „bei Homophobie intervenieren“ und „eigenes Handeln reflektieren“? Strohpuppe deluxe.

    Keine Hete hierzulande muss was an ihrem Knutschverhalten ändern – that’s the point of privilege. Macht doch einfach – aber verkauft es nicht mit vielen Worten (die Teilweise von Privilegienblindheit und Othering nur so strotzen) als subversiv oder normativitätskritisch.

    Während wir hier mit vielen Worten unsere eigene Hetenperformance-Legitimationen in die Tasten hauen, sind Leute ganz reell hier & heute, in unserer ach so liberalen Hauptsache-alle-sind-glücklich-und-Liebe-ist-doch-so-schön-anzuschauen-Gesellschaft von faktischen Knutschverboten betroffen. Aber ein schlechtes Heterogewissen ist natürlich schlimmer…

  18. Jane sagt:

    „Während wir hier mit vielen Worten unsere eigene Hetenperformance-Legitimationen in die Tasten hauen, sind Leute ganz reell hier & heute, in unserer ach so liberalen Hauptsache-alle-sind-glücklich-und-Liebe-ist-doch-so-schön-anzuschauen-Gesellschaft von faktischen Knutschverboten betroffen. Aber ein schlechtes Heterogewissen ist natürlich schlimmer…“

    ja, danke! Endlich macht sich mal jemand von der Heteroseite (no Offence, wirklich!) die Gedanken, die ich mir ganz UNWILLKÜRLICH DAUERND mache. Ich kann gar nciht anders. Das hemmt mich ungemein, und das ist manchmal auch schlimm. Ich fühle mich nicht bei jedem knutschenden Pärchen an den Unterschied erninnert, aber ich wünschte ich könnte das genauso. Kann ich leider nicht. Man kann zu dem Schluss wie @qwertzu kommen, und ein „ja, sorry halt, ich kann mir eben nicht dauernd über alles Gedanken machen.“ raushauen. -> lass es halt und schönes unbeschwertes Leben noch. Schön, dass aber wenigstens einige mal versuchen, sich mal eine andere Perspektive anzutun.

  19. RiotNrrrd sagt:

    „Immer & überall knutschen UND Heteronorm [naja, oder ähnliche Beziehungs- und Sexualitätsnormen] in Frage stellen? Klappt nicht. “Die Struktur” kritisieren, aber keine Lust haben, das eigene Handeln dazu in Beziehung zu setzen? Bequem, aber wirkungsarm. So tun, als müsse mensch sich entscheiden zwischen “bei Homophobie intervenieren” und “eigenes Handeln reflektieren”? Strohpuppe deluxe.“

    Anna-Sarah, sorry, wenn das jetzt Kommentarspam ist und dir unnötigen Moderationsaufwand bringt, das nicht freizuschalten, aber: Danke dafür!

  20. Nadine sagt:

    @t.e. ich antworte mal länger auf deinen kommentar, um nochmal ein paar punkte deutlich zu machen.

    ich finde es interessant, dass du die perspektiven im text für dich als „neu“ deklarierst, dich bedankst für die denkanstöße und dennoch sofort kritik daran üben kannst.

    ich finde es interessant, wie du das ganze so verdrehst, dass nun wieder die personen, die andere als hetero einlesen das problem sind. warum glaubst du, dass das beispiel aus deinem alltag nun repräsentativ die sollbruchstelle von anna-sarahs artikel ist?! verstehe ich nicht. auch verstehe ich nicht, dass du unerwähnt lässt, dass es auch heten sind, die andere als heten einlesen und nicht nur die „geanderten“, die freilich selbst jede menge heterosexistische sozialisation mitbekommen. zumal in den verlinkten artikeln steht, dass ein fremd gelesen werden als hetero durchaus mit einer situativen und kontextabhängigen privilegierung einhergehen kann, die das bewegen in öffentlichen räumen zum teil erleichtert.

    es kommt darauf an, wer einliest und wer performt. anna-sarah spricht in ihrem artikel ausschließlich heten(pärchen) an, die sich auch selbst so einsortieren würden. handlungsanleitung ist hier lediglich: lieber zwei mal drüber nachdenken als einmal zu viel reproduzieren. auf der grundlage, dass es eben auch die mikroebene der interaktion ist, die heterosexistische diskurse und strukturen festigt. dass das eine nicht vom anderen getrennt werden kann. ich weiß ehrlich gesagt nicht, was daran so schwer zu verstehen ist. es sind überlegungen, wie solidarische praxis von self proclaimed heten, die im öffentlichen raum als paar durch ihr verhalten so eingelesen werden, aussehen kann. nicht mehr, nicht weniger.

    dein beispiel suggeriert, dass wir nur alle weniger assoziationsketten laufen haben müssten, quasi nach post-race, post-gender nun auch post-desire/sexuality, dann gäbe es weniger ismen. dann könnten alle tun und lassen was sie wollen und keine_r hätte ein problem. schöne welt. bis es soweit ist, sollte es aber zunächst auch darum gehen, awareness/aufmerksamkeit für diskriminierung zu schaffen. und die fängt nun mal nicht nur bei körperlicher und verbaler gewalt an, es gibt auch eine grundlage, auf der diese stattfinden kann. und diese grundlage reproduziert sich genauso im (paar)verhalten derjenigen, die von einem bestimmten ismus eben nicht betroffen sind und mit selbstverständlichkeiten durch’s leben laufen, von denen andere noch nicht mal den hauch einer ahnung haben, wie sich das anfühlt. diese selbstverständlichkeit. es geht um rücksichtnahme, sich selbst mehr bewusst zu machen, sich selbst als teil von gesellschaft zu begreifen, die durch machtverhältnisse konstituiert ist und soziale positionen hervorbringt, die nun leider auch mit privilegien einhergehen. es ist schön, diese zu haben. sie erleichtern ein leben unglaublich. privileg bedeutet in vielen zusammenhängen vom über_leben ins leben hineinzugleiten. ich bin froh über alle privilegien, die mir zuerdacht werden, gleichzeitig weiß ich, dass andere für mein halbwegs gutes leben diskriminierungen ausgesetzt sind. und zwar nicht nur von feindlichen, istischen menschen und ihrem gebahren, sondern fundamental in jeder lebenslange durch institutionen, strukturen und einer gewaltförmigkeit, die in viele köpfe einfach nicht hineinwill: dem ausgesetztsein einer normalität, die nicht die eigene ist und niemals sein wird, und trotzdem die eigene zu sein hat, und wie diese normalität eben das machtverhältnis am leben erhält.

    zu wissen: da muss ich mich anpassen, wenn ich dazugehören will. wenn ich es überhaupt schaffe, mich anzupassen, wenn mich wer anpassen lässt und vielleicht werde ich auch nie an_passen, weil die lücken für mich nicht vorgesehen sind. ich bin immer damit konfrontiert einem leben beizuwohnen, das mir selbst verwehrt bleibt, dieses leben mitzuleben, gutzuheißen, zu akzeptieren, zu tolerieren, fürzusprechen, weil ich sonst noch mehr repressionen erfahre. u.a. von menschen, die meinen, sie seien kritisch, aber ihr eigener lebensentwurf, der „zufällig“ genau das widerspiegelt, was das machtverhältnis für lebens- und erstrebenswert hält, der darf bitte schön nicht zur debatte stehen, weil der hat mit diskriminierung ja nichts zu tun. ich diskriminiere ja nicht. ich lebe ja nur. ich sage ja nicht: „schwuchtel, ich prügel dich tot!“ oder „ey, mädels, ihr braucht ’nen schwanz, wie wär’s mit meinem?“, ich schreibe ja keine hassmails, in der ich meine gewaltfantasien an ihr und ihrer partnerin auslebe. nein, ich lebe einfach nur mit meiner/m partner/in so vor mich hin. und stehe wie angewurzelt daneben, drehe mich weg, übersehe, überhöre, überrede, bleibe stumm, wenn diese situationen passieren. wenn der staat wieder mal nicht die gesetze lockern will, dann sage ich 1x „buuh“ (oder auch 3x) und wende mich dann wieder dem abendessen mit schatzi zu oder erzähle beim nächsten elternabend, dass kind sowieso es mit zwei müttern bestimmt auch nicht so leicht hat und guck mal wie die eigentlich ganz normal aussieht, die frau sowieso, aber ihre freundin, naja…vielleicht braucht das kind ja eine vaterfigur, überhaupt brauchen kinder mutter und vater. und kennt kind sowieso überhaupt ihren richtigen vater? ich finde das unverantwortlich, dass frau sowieso ihr das vorenthält. nicht, dass die beiden ihr auch noch ihr lesbischsein so aufdrängen, sie soll sich ja frei entscheiden können. und wenn ich nicht ganz so hart über frau sowieso und frau sowieso urteile, dann wundere ich mich auch nicht, warum sich in meinem sozialen umfeld eigentlich nur menschen aufhalten, die so sind wie ich, mit den gleichen vorstellungen vom leben, den gleichen wünschen, obwohl das auto sollte dann schon eine andere farbe haben und das kind bitte nicht friedrich heißen, sondern jasper. homophobe gewaltausbrüche finde ich als kritische hete total verachtenswert, ich würde ja nie auf die idee kommen, ich weiß überhaupt nicht, was mensch dagegen haben kann, dass alle so leben können wollen sollen wie ich es tue als kritische hete. meine privilegien für alle. mein lebensentwurf bitteschön für jedermann(!).

    ich brauche keine heteroprivilegien um glücklich zu sein. sicher würde es viele dinge leichter machen, aber im grunde ist das auch unrealistisch, weil dieser zustand sowieso nie eintreten wird (siehe diskussion unter diesem artikel zur homo-ehe: http://maedchenmannschaft.net/homo-ehe-ja-heteronormativitaet-hinterfragen-nee/ ) dass dieser zustand nicht eintreten wird, liegt neben vielen anderen dingen u.a. daran, dass menschen sich nie fragen, auf welcher grundlage ihr leben, ihr arbeiten, ihr wissen, ihre bildung, ihre meinungen und ihre selbstverständlichkeiten stattfinden und wie dieses leben untrennbar verknüpft ist mit den leben derer, die nicht mal so eben gutmütig „meine privilegien für alle“ fordern können, weil sie die gar nicht haben. und sich vielleicht auch ein anderes leben vorstellen als das der norm. soll es ja auch geben. wunder. ich wäre glücklich, wenn ich mehr heten in meinem umfeld hätte, die sich als teil von meinem leben begreifen, so wie ich mich seit jahren jeden tag als teil einer heterowelt begreifen muss, die ich zu akzeptieren habe, obwohl ich mir das so nicht ausgesucht habe. also: 50/50 ganz im liberalen sinne. gar nicht zu viel gefordert. wäre das nicht fair? so ein bisschen wenigstens?

    vielleicht hätte ich dann mehr lust mit heten politik zu machen, weil wir gemeinsam politik machen, statt wie so oft, ich ihre politiken unterstütze, obwohl die mich selten mitmeinen oder betreffen. nicht nicht betreffen, weil ich was ganz anderes bin als die, sondern weil sie nicht um dinge kämpfen müssen, die sie sowieso schon haben/in anspruch nehmen können. wo bleibt die unterstützung von forderungen von positionen, die nicht die eigenen sind? wo bleibt die rücksichtnahme auf lebensrealitäten, die nicht die eigenen sind? was ist so schwer daran, bestimmte verhaltensweisen wenigstens mal zu überdenken? dinge mal nicht zu tun und zu gucken, was das mit mir macht? ist es einbuße? verminderung der lebensqualität? lebe ich es sowieso nicht schon, weil ich eh nicht so viel wert auf paarperformance in der öffentlichkeit lege?

    warum wird darüber fabuliert, dass ohne hetenkussibussi die zuneigung/liebe/sexuellen dinge aus der öffentlichkeit verschwinden? warum wird liebe/zuneigung/sexualität mit hetenperformance gleichgesetzt? warum wird davon ausgegangen, dass menschen „von natur aus“ das verlangen haben ihre_n partner_in körperlich nahe oder „sexuell an sich“ zu sein? können heten nicht anders auch zuneigung und verbundenheit für partner_in ausdrücken als zunge im hals und hand am po? hat eigentlich schon mal hete jemensch gefragt, wie es sich für leute anfühlt, die heten_paar_performance in öffentlichen räumen unangenehm finden, wieso? und ob es ihnen etwas besser gehen würde, wenn nicht ständig der öffentliche raum hetero_sexualisiert und hetero_paar_normalisiert würde? stattdessen wird über knutschverbote sinniert, ein klima der angst herbeifantasiert und soziale kälte vorhergesehen, ohne zu merken, dass es knutschverbote, klimata der ängste und soziale kälte schon längst gibt: für alle anderen.

    warum wird die verantwortung wieder bei denen gesucht, die überall heten sehen, wo angeblich erstmal nur menschen sind, die „zufällig“ hetero sind? wenn jede kleinste geste des queerens, des anderns / des handelns gegen die norm mit menschen, die eins mag, sofort begafft, kommentiert, lächerlich gemacht wird, gewalt nach sich zieht? geht es wirklich (nur) um küsse, händchen halten, umarmungen, statt nicht viel mehr um die aufforderung, verantwortung zu übernehmen, statt sie ständig den betroffenen zuzuschieben, sie mögen sich bitte nicht so anstellen, das nicht schlimm finden, für ihre rechte eintreten (danke für die erlaubnis!), usw usf. ich finde hetenperformance nicht scheiße, weil sich zwei menschen sich berühren, sondern die selbstverständlichkeit / selbstvergessenheit, mit der sie das tun/handeln. die schlichte ignoranz offenbart. und sogar dann, wenn sie sich in räumen /kontexten befinden, in denen sie gar nicht angesprochen werden (und sich trotzdem so fühlen!). wer braucht bitte ein fummelndes und sabberndes hetenpaar inmitten einer lesbenparty?! ist das ein leben nach dem prinzip occupy all the spaces oder wie?

    wenn heten glauben, sie seien nicht diese homophoben arschlöcher, dann sollten sie sich auch so verhalten. dazu gehört, anderen raum zu geben und raum zu über_lassen. ich glaube, dass sich ein heterosexistisches klima schneller wandelt, wenn der heterosexistische und heteronormative normalzustand nicht ständig wiederholt wird. eigene alltagspraxis zu überdenken mag angst machen, weil selbstverständlichkeiten ins wanken kommen. und ja, weil die verhältnisse ins wanken kommen, die sich nun mal im eigenen leben wiederfinden. und ist das ziel von emanzipation nicht auch das: verhältnisse ins wanken zu bringen? sich aus ihnen zu befreien?, so ganz pathetisch gesagt. ich weiß wirklich nicht, was eine re-inszenierung von eines machtverhältnisses mit emanzipation zu tun hat. aber wie anna-sarah bereits schrieb: hetenperfomances unterliegen keiner zensur. alles kann so weitergehen wie bisher. und alles wird so bleiben, wie es ist.

  21. Betti sagt:

    @ Autorinnen & Moderatorinnen (und Mädchenmannschaft in general)

    Hach, Ihr seid so toll!

    <3

  22. Katze sagt:

    Vielen Dank fuer diesen Artikel! Ich wuerde den Aspekt der Heteronormativitaet aber gerne noch um die Paarnormativitaet generell erweitern. Dazu schliesse ich mich Wachkatzes Kommentar weiter oben an. Ich finde oeffentliches (Hetero-)Paerchenauftreten foerdert auch den gesellschaftlichen Druck selbst Teil eines (Hetero-)Paerchens sein zu muessen und erschwert es einer_einem auch als Single wirklich gluecklich sein zu koennen.
    Eine Lehrerin hatte zu uns damals in der siebten Klasse mal gesagt, wir sollen doch bitte nicht auf dem Schulhof rumknutschen, das koennte Menschen verletzen, die gerade Liebeskummer o.ae. haben. Damals haben wir ueber sie gelacht, heute kann ich es sehr gut nachvollziehen.
    Auch wenn man vielleicht nicht direkt weiss, wie man es konkret in die Tat umsetzen soll, so ist finde ich, allein schon der Schritt des Reflektierens, Hinterfragens und darueber Nachdenkens ein sehr wichtiger. Privilegien sollten immer hinterfragt werden!

  23. Renée sagt:

    Danke für den Artikel, die Geduld/die Mühe zur Diskussion (da bewundere ich dich/euch sehr), und auch besonders Nadines Kommentar. Eine Super Ergänzung. Danke :-)
    Es ist ein total schönes Gefühl, zu sehen, dass es Heten gibt die sich damit/mit ihrem Privileg so schön und tiefgehend auseinandersetzen. Wirklich, das tut gut zu lesen. Und gibt mir auch Denkstoff, auch wenn ich auf der „anderen Seite“ stehe. Da wünsch ich mir doch nur, meine HetenfreundInnen würden das lesen…;-) *träum*
    <3

  24. MetallKopp sagt:

    Hallo Anna-Sarah,

    vielen Dank für Deinen Artikel. In der Tat stimme ich Dir zu, dass mensch, um rassistische, sexistische und sonstwie -istische Normative zu durchbrechen, immer zuerst das eigene Handeln hinterfragen sollte. Ob sich das jetzt im Einzelnen in Knutschverboten ausdrücken mag oder wie auch immer, sei mal dahin gestellt. „Knutschverbot“ finde ich dabei als Wort richtig ekelhaft angelehnt an das angebliche „Denkverbot“ oder „Sprechverbot“, das von PC-Gegnern gern bedient wird. Viel besser finde ich das Wort „Knutschverzicht“, weil es die Freiwilligkeit unterstreicht. „Knutschverbot“ impliziert, dass es ein von jemand Anderem auferlegtes Verbot gebe, was ja so nicht stimmt. Das aber nur am Rande.
    Was mir sofort in den Kopf geschossen ist, ist eigentlich Folgendes, und gleichzeitig imho die einzig berechtigte Kritik am Knutschverzicht: Der Ansatz greift am falschen Ende an.
    Anstatt heterosexuelles Paarverhalten aus der Öffentlichkeit zu verbannen, sollte viel mehr dafür getan werden, homosexuelles / queeres Paarverhalten in der Öffentlichkeit zu normalisieren. Ich weiß, dass das schwierig ist, wenn man mit Anfeindungen, Repression und Marginalisierung zu kämpfen hat. Ein breites Heten-Bündnis zu einer „Knutsch-Aufforderung“ von queeren Paaren hätte trotzdem den viel richtigeren Ansatz.
    Denn die Knutschverzichte heben die Verbannung queeren Verhaltens aus dem öffentlichen Raum nicht auf. Es hilft nicht. Das ist so ähnlich, wie gegen pinke Barbie-Windmühlen zu bashen, ohne den Mädchen die Wahlfreiheit zu ermöglichen, wenn Du verstehst.
    Wie gesagt, die Situation für queere Paare ist schwer, von daher ist der Knutschverzicht vor dem Hintergrund der heutigen Situation sicher richtig. Das ultimative Ziel muss aber sein, dass queere Paare ihre Zuneigung offen zeigen dürfen.
    Deshalb würde ich persönlich einem knutschenden Queer-Pärchen auf offener Straße begegnen, in dem Sinne: „Schön, dass Ihr glücklich seid. Ich freue mich für Euch.“ Und wenn sich das auch nur in einem freundlichen Blick und einem Lächeln ausdrückt.

    Ich find’s übrigens voll okay, als Hete bezeichnet zu werden.
    Vielen Dank für die vielen reflektierten Artikel!

  25. Nadine sagt:

    Hey Metallkopp,

    danke für deinen Kommentar.

    Zwei Dinge: Das Wort Knutschverbot haben wir uns nicht ausgedacht. Knutschverzicht habe ich im Zuge der Debatte auch schon irgendwo gelesen, ich denke, das trifft es besser, obwohl es um’s küssen geht’s ja nicht (allein) geht – siehe die Kommentare zu diesem Thread, die hier bereits geschrieben wurden.

    Du unterstellst dem Text ein entweder-oder, was so ja gar nicht bestehen kann: Weniger Hetenperformance vs. mehr „queere“ (was auch immer das jetzt in dem speziellen Fall eigentlich heißen soll) Performance. Sicherlich sind Anerkennung und Repräsentation fundamental und es ist nicht so, als kämpften Aktvist_innen und Verbände, NGOs und Polit-Gruppen nicht schon seit mehreren Jahrzehnten genau dafür. Und noch immer ist der heterosexistische Normalzustand ähnlich repressiv, der öffentliche Raum für viele Menschen ein Gefahren- und Angstraum, ein Raum des Nichtseindürfens, der Nichtselbstverständlichkeiten. Noch immer usw usw usw. Ich hatte das ja weiter oben bereits ausgeführt.

    Was in dieser Debatte völlig untergeht ist der Zusammenhang zwischen beidem: Die Normalisierung und Bestätigung von Heterosexualität als „Hierarchisch ganz oben“ durch Reproduktion. Das sind nicht zwei (oder mehrere) Menschen, die sich gern haben, sondern zwei Menschen, die in einem u.a. heterosexistischen System mit ihrem Verhalten normbestätigend unterwegs sind. Ich kann verstehen, dass viele die Verantwortung dafür nicht tragen wollen, weil sie ja nichts für ein heterosexistisches System können. Nur: das behauptet keine_r. Ein heterosexistisches System ist nun mal da, es ist real und bisher müssen in erster Linie alle damit umgehen, die davon betroffen sind, nicht die, die dieses System stützen und als Norm dieses Systems hergestellt und bestätigt werden und das wiederum selbst auch tun. Das kann vom transphoben Gewaltakt bis zu Blicken/Wertungen alles mögliche sein. Mit alles mögliche ist hier auch das unreflektierte, selbstvergessene und raumeinnehmende Verhalten im öffentlichen Raum gemeint. Wenn ich das erlebe, dann denke ich nicht: Oaaah wie gemein, ich will auch!!! Und wenn ich nicht darf, darf keine_r, sondern dieses Verhalten nervt mich aus zwei Gründen: Einerseits wird da Privates entpolitisiert, weil es ja zwei Menschen sind, die sich lieben, einself!!! ich habe die Möglichkeit nicht, mein „Privatkram“ wird immer als Politikum betrachtet („Ich mag Homos ja, aber müssen die immer so öffentlich sein? Mimimi“) oder als Erlaubnis für Übergriffe. Andererseits wird niemals die Frage gestellt: Ist das gerade ok, wie (nicht was) ich tue? Trete ich damit wem zu nahe? (Und ja, es gibt auch Heten, die was gegen überbordendes Pärchenverhalten in der Öffentlichkeit haben). Warum hat Liebe so oft nichts Politik zu tun? Da sind neben Heterosexismus ganz viel andere problematische Dinge drin, doch das würde jetzt hier zu weit führen. Warum muss ich in einem Raum, der angeblich allen vorbehalten sein soll, mit meinem Verhalten wieder klar machen, wer sich hier wie verhalten kann/darf? Und ja, das bringt sehr viele Menschen dazu, sich unwohl zu fühlen. Das ist für viele Menschen kein Empowerment nach dem Motto: Was die Heten können, kann ich schon lange. Niemand würde je die Frage stellen, warum Heten ihre Sexualität immer so öffentlich leben müssen. Und für viele Heten scheint das eben kein Widerspruch darzustellen. Homophobie und Heterosexismus hat mit ihnen nichts zu tun. Wie sie durch ihr Verhalten anderen Raum wegnehmen, daran wird selten ein Gedanke verschwendet. (neben den gaaaanz vielen furchtbar unhinterfragten Paarnormativitäten)

    Das eine bedingt das andere und umgedreht. Je homo/transfeindlicher eine Gesellschaft, desto größer der Raum für Heteronormalisierung, Heteropraxen, weil Hetero- und Cis-Sexismus ja irgendwie ihre Legitimation benötigen, u.a. mit Mehrheit-Minderheit-Rhetoriken, die naheliegen, wenn Leute durch den öffentlichen Raum gehen und fast ausschließlich Heten wahrnehmen oder Heten als Norm immer wieder vorgeführt werden.
    http://dontdegradedebsdarling.wordpress.com/2013/04/10/in-love-with-critical-hetness/

  26. Anna-Sarah sagt:

    @MetallKopp: Nadine hat ja schon auf deinen Kommentar geantwortet (danke dafür!), aber weil du mich direkt ansprichst, wollte ich auch noch kurz was dazu schreiben.

    Du schreibst von „berechtigte(r) Kritik am Knutschverzicht“, und da frage ich mich: Warum möchte man einen Verzicht überhaupt kritisieren? Es geht doch nicht um einen Verzicht um des Verzichtes willen (was ja im übrigen auch niemandem weh tun würde außer maximal mir selbst und meiner Partnerin/meinem Partner) , sondern der Verzicht kann ein Ergebnis eines Prozesses der Selbstreflektion sein – und um diesen Prozess geht es mir hier, nämlich um das Hinterfragen der eigenen Selbstverständlichkeiten.

    Wenn du sagst

    Anstatt heterosexuelles Paarverhalten aus der Öffentlichkeit zu verbannen, sollte viel mehr dafür getan werden, homosexuelles / queeres Paarverhalten in der Öffentlichkeit zu normalisieren.

    würde ich zwei Punkte erwidern wollen, auch wenn das in vorherigen Kommentaren schon gesagt wurde: 1) Wieso „anstatt“, ich kann als Hete doch mehrere Formen der Intervention erproben? 2) Wie ich im Text versucht habe zu schreiben und wie auch in den Kommentaren schon gesagt wurde, bin ich ziemlich davon überzeugt, dass ersteres zu zweiterem beitragen könnte: dass ein Zurückfahren von Hetenperformance genau den Effekt hätte, den du beschreibst, nämlich bis dato nicht normkonformes Verhalten erst zu ermöglichen und zu „normalisieren“ – weil die so dominante, machtvolle Heteronorm dann eben nicht mehr so machtvoll wäre, wenn sie nicht ständig auf verschiedenen Ebenen re_produziert würde. (Ach so, und noch ein dritter Punkt vielleicht: Wie aus dem Text hoffentich deutlich wird, teile ich deine Kritik am Wort „Knutschverbot“ – es iritiert mich deshalb etwas, dass du selbst von „Verbannung heterosexuellen Paarverhaltens aus der Öffentlichkeit“ sprichst. Ich denke auch, davon wird bis auf absehbare Zeit nicht die Rede sein können…)

    Nirgends im Text steht: Wenn Heten in der Öffentlichkeit nicht mehr knutschen, ist Schluss mit Heteronormativität und Homophobie. Und auch nicht: Wenn Heten öffentlich nicht mehr knutschen, ist alles gut.

    Ich persönlich hätte übrigens Schwierigkeiten mit einem „Queer-Ermutigungs-Verhalten“ in der Form, wie du es beschreibst, das sich direkt an die betreffenden Personen wenden würde, weil es mir maternalistisch, distanzlos und übegriffig vorkäme, z.B. ein turtelndes Frauenpärchen „ermutigend“ anzulächeln. So wie ich es verstanden habe, hätten Nichthetenpärchen im öffentlichen Raum vor allem gerne mal ihre Ruhe vor Hetenkommentierung… Und überhaupt vor ständigem In-Bezug-gesetzt-werden zur Heteronorm.

    Mir geht es hier drum, Überlegungen anzustellen, welcher Mittel ich mich bediene(n kann), um die Heteronorm zu destabilisieren. Dazu sind sicherlich mehr als eine Ansatzweise nötig. Ein selbst_kritischer Umgang mit den eigenen Selbstverständlichkeiten gehört m. E. aber in jedem Fall dazu.

    Viele Grüße!

  27. Iris sagt:

    Danke für den Denkanstoß!

    Ich bin weiblich, bi(pan?)-sexuell, in einer offenen Hetero-Beziehung – dein Artikel ist für mich deshalb auf mehreren Ebenen interessant und aufschlussreich.

  28. […] haben und aufeinander aufpassen. Hier ein paar Sachen zum Nachlesen, etwas für weiße Leute, was für Heten, was für Cis-menschen. Bitte ergänzt Sachen, die ihr wichtig […]

  29. MetallKopp sagt:

    Hallo nochmal Nadine und Anna-Sarah,

    vielen Dank auch hier für Eure Antworten. Da sieht mensch mal, was alles ÜBERsehen werden kann, wenn mensch denkt, mal eben einen „kurzen“ Denkanstoß zu geben.
    Ich habe im Grunde unbeabsichtigt das gemacht, was eigentlich richtige „Critical Hetness“, um die es ja hier geht, vermeiden sollte. Ich habe von eigenen Verhaltensweisen („Ich mache nicht“) weggelenkt zu Verhaltensweisen der Benachteiligten („Jetzt macht mal“). Das wird mir auch erst richtig klar, wenn ich da zweimal drüber nachdenke. Für die Formulierung mit der „Verbannung“ entschuldige ich mich, ich hatte das nicht so aufgefasst, dass hier irgendwer was verbannen will, sondern den Begriff einfach plakativ für Entfernen verwendet. War vielleicht so nicht richtig. Ich habe den Gedanken, den ich dabei hatte, eben weitergesponnen, aufgeschrieben und als er so dastand, kam er mir selbst dann unsinnig vor. Ich wollte eigentlich darauf hinaus, dass das Unterlassen von Paar-Intimitäten irgendwann selbst eine Norm darstellen könnte und Abweichler_innen davon wieder als solche diskriminiert würden. Da diese Vorstellung einfach nur unrealistisch wird, verwerfe ich das mal.
    Ihr habt hingegen beide Recht, wenn Ihr sagt, an einem freiwilligen Verzicht und an einem Überdenken des eigenen Handelns kann es gar keine Kritik geben.

    Auch, dass mein eigenes „Ermutigungsverhalten“ problematisch sein kann, hatte ich so garnicht auf dem Zeiger. Wenn ich das richtig verstehe, scheint es so zu sein, dass eine egal wie geartete Fixierung auf das Paarverhalten, gleich ob positiv oder negativ, nicht unbedingt zu einem besseren Gefühl der Betroffenen beitragen muss, sondern sogar negativ sein kann in dem Sinne, dass das schon ein Drängen zur Performance darstellt. Im Grunde sind Intimitäten auch jedermenschs Privatsache, und die Ermutigung dazu, das verstehe ich jetzt, könnte auch so aufgefasst werden, dass die tollen queeren Pärchen doch mal performen sollen, damit sich die angeblich kritischen Heten an dem Anblick selbst auf die Schulter klopfen können nach dem Motto: „Guck mal, dass sie DAS jetzt können, haben sie Leuten wie uns zu verdanken!“ Das ist selbstverständlich völlig daneben (also von den Heten). Also ist das Überdenken der eigenen Verhaltensweisen im Grunde die einzige Möglichkeit, die Normalisierung queerer Menschen zu unterstützen, ohne gleichzeitig etwas von ihnen einzufordern (abgesehen davon, bei homophoben Übergriffen das Maul aufzumachen und zu helfen, wenn es wirklich nötig ist).

    Ich verstehe, dass der Beitrag der Knutschverzichte struktureller Natur ist und darauf abzielt, auf lange Sicht gesehen die Etablierung einer Hetero-Norm zu schwächen und so Menschen, die aus dieser Norm herausfallen, zu diskriminieren. Man muss als Hete auch nicht immer gleich laut für Homo-Rechte demonstrieren und gleichzeitig seine althergebrachten heteronormativen Verhaltensweisen weiter pflegen, nur um sich selbst und anderen Menschen darzustellen „ich bin okay“.

    Wo ich eigentlich damit hin wollte, war darüber zu diskutieren, wie man gemeinsam mit allen Menschen, gleich welche Vorlieben oder welche Herkunft sie haben, zu einem „wir alle sind okay“ kommen kann.

  30. Anna-Sarah sagt:

    Hey MetallKopp,

    schön dass wir uns offenbar verständlich machen konnten :)

    Ich möchte deinen letzten Satz nochmal aufgreifen, weil ich ihn ganz bezeichnend finde für ziemlich viel, was hier in dieser Diskussion & in diesem Thread meines Erachtens bisher abgelaufen ist. Ich beobachte, dass es offenbar bei vielen Heteromenschen, die meinen Text gelesen haben (und erst Recht bei vielen, die ihn – geschweigedenn die Kommentare dazu – offenbar nicht gelesen haben sondern anscheinend nur ihren Reflexen auf die Überschrift freien Lauf lassen – hallo Leute, das wird nicht freigeschaltet), ganz viel Drang zur Legitimation (bis hin zur Absolution) zu geben scheint. Ich finde das ziemlich bemerkenswert: Unter einem Text, der Hetero-Raumnahme problematisiert, wird von Heteropersonen viel Raum dafür aufgewendet, sich zu erklären, zu bezichtigen, zu rechtfertigen… Um eben dieses „Wir sind alle okay“ zu affirmieren (so jedenfalls mein Eindruck). Es steht dir natürlich zu, mit dem Fokus, den du am Ende nennst, diskutieren zu wollen – meiner war es hier in diesem Moment jedoch gerade nicht: „Wir“ Heten (die wir uns hier in dieser Debatte tummeln – und ich betone nochmal, dass ich hier nicht über Identitäten, sondern über Lebensweisen/Praxen spreche) finden ja bereits, dass alle ok sind – wir haben nichts gegen Nichtheten, warum auch, wir finden Gleichberechtigung ganz prima und müssen nicht davon überzeugt werden, dass „die“ nicht diskriminiert werden sollten. Und unsere eigene Hetness finden wir auch ok. Mein Punkt war eher „Es ist nicht okay meine eigenen Selbstverständlichkeiten unbedacht allen überzustülpen“. Und ob nichthetero Personen „uns“ Heten angesichts unserer penetranten Nichtbereitschaft zum Perspektivwechsel immer so okay finden, sei mal dahin gestellt.

    Natürlich geht es bei all diesen Überlegungen, die wir hier und anderswo anstellen, darum, dass letzendlich eine bessere gerechtere Gesellschaft ohne gewaltvolle Dominanzstrukturen dabei heraus kommen soll, also auch um das was du beschreibst, klaro. Bis auf weiteres gilt aber eben: Wir mögen alle okay sein, aber wir sind nicht alle gleich (positioniert). Leider. Und daher sind auch die Verantwortlichkeiten für das „dafür sorgen, dass es für alle okay ist“ unterschiedlich verteilt. Ein „gemeinsam mit allen Menschen“-Ansatz läuft meines Erachtens Gefahr, das zu verschleiern. Hier zumindest ging es mir ganz klar darum, den Blick auf eine konkrete „Seite“ der Gleichung zu richten – auch wenn das bei einigen Leuten offenbar ganz schön Unbehagen erzeugt.

    Gute Nacht!

  31. […] tage wurde mal wieder viel darüber diskutiert, wie sich heten solidarisch verhalten können. es folgten seitenweise abhandlungen_absolutionen_rechtfertigungen darüber, dass doch […]

  32. MetallKopp sagt:

    Hi, Anna-Sarah,

    ein später Nachklapp. Liegt an wenig Zeit, die in den letzten Tagen zur Verfügung stand.
    100% d’accord mit Deinem letzten Post. Ich erwische mich selbst in letzter Zeit immer häufiger, mich zu hinterfragen, ob ich jetzt eine bestimmte Sache auf Facebook teile, oder sonst wie meine Unterstützung dafür ausdrücke, ob jetzt wirklich die gute Sache im Vordergrund steht, oder nicht vielmehr das Bedürfnis, anderen mein Engagement zu zeigen. Mensch muss normalerweise für sich selbst das Ziel haben, voll und ganz hinter einer Sache zu stehen. Was das bedeutet und wie weit das in die persönliche Lebenswelt hineingeht, übersieht manch eine_r vielleicht.
    Da ist es hilfreich, wenn mensch ab und an mal mit der Nase hineingestupst wird und wieder lernt, was es heißt, vor der eigenen Tür zu kehren.

    Letztlich – und das muss jede_r erkennen – muss die Entmarginalisierung Realität werden, wenn wir zu einem gleich positionierten „alle okay“ kommen wollen. Entmarginalisierung einer bis dato benachteiligten Gruppe von Menschen bedeutet aber auch, dass Überprivilegierung abgebaut wird. Das ist nicht nur bei der Hetness so, sondern gilt generell. Die Privilegien der Mehrheit sind in diesem Fall ja eben das Ausleben können von Partnerschaft in der Öffentlichkeit, gewisse sprachliche Ausfälle, die mit einer „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“-Mentalität daherkommen, usw. usw.
    Mag sein, dass diese Art von diskriminierungsfreier Gesellschaft als besser wahrgenommen wird – faktisch wird sie gleichzeitig bedingen, dass überprivilegierte Menschen ihre Privilegien abgeben müssen, und das macht sie für diese Menschen zunächst subjektiv schlechter.

    Sorry, das nimmt schon wieder so viel Raum ein hier – weißer, biodeutscher Hetero-Mann, der sich hier auslässt. Meh. Nun ist aber gut gewesen.