das Problem an „Sei doch lauter“

von Hannah C.
Dieser Text ist Teil 1 von 59 der Serie Meine Meinung

Immer wieder mal wird das an mich herangetragen. “Sei doch lauter”, während es eigentlich darum geht auszudrücken, dass man sich mehr von mir wünscht. Mehr (von dieser Person als so wahrnehmbar) Aktivismus. Mehr Aktion. Mehr Bäng. Mehr Pow. Mehr KRWÄÄÄÄM. With the Faust in the Gesicht of Patriarchy, Racism und überhaupt aller Kackscheiße.
Ich lese solche Ansprüche und halte mir dabei die Ohren zu. Weil diese Ansprüche für mich laut sind. Sie stehen vor mir und brüllen mich an. Schreien mich nieder und machen die Begegnung zum Schlachtfeld.

Es ist mir gegenüber ein ableistischer bis schlicht ignoranter Anspruch. Obwohl – ich mag es nicht so individualisieren – vielleicht gibt es noch mehr Menschen, die einfach nicht als laut wahrgenommen werden, obwohl sie sich selbst als sehr laut und aktiv(istisch) erleben und merken, dass es ihnen viel Kraft und viele Verluste bedeutet, überhaupt von anderen Personen ganz allgemein bemerkt zu werden. Und sei es als leises Stimmchen ohne Bäng ohne Pow ohne KRWÄÄÄM.

Ich verstehe, dass bestimmte Bemühungen mehr erfordern als Twitternachrichten zu formulieren oder Blogposts zu schreiben. Anastasia Umrik beschreibt das in ihrem letzten Blogpost und kaum eine andere Schrift, die sich mit “dem Feminismus ™” in “diesem Internet” befasst, kommt ohne diese Spitze aus.
“Nänänä n Tweet schreiben kann ja jede_r – (aber mich zu überzeugen (“die Massen ™” bewegen), DAS ist doch das, worum es geht = gehen muss … ODER?”)”

Ganz ehrlich? Nein.
Kann eben nicht jede_r. Kann sich eben nicht jede_r erlauben. Kann eben nicht jede_r schaffen.

Ich erlebe es auch nicht so, dass laut sein alles ist. Ich erlebe es auch nicht (mehr) so, dass es aktivistischer oder auch selbstvertretender Anspruch sein muss, möglichst viele Menschen für oder gegen etwas zu mobilisieren. Für mich ist das zwar ein tolles Gefühl zu mehreren in einem Thema vereint zu sein – ich weiß aber auch, warum es sich so toll anfühlt.
Weil man sich überlegen oder mindestens weniger schwach fühlen kann. Heimlich. Ein bisschen für sich allein.

Für mich persönlich ist genau das aber nicht, wie ich Menschen begegnen will. Ich will mich niemandem gegenüber unter- oder überlegen fühlen. Ganz generell nicht. Weil ich das als ganz großen Anteil der ganz alltäglich passierenden Gewalten erlebe zum Einen und zum Anderen, weil ich weder Kraftreserven noch Fähigkeiten habe, solche Dynamiken lange durchzuhalten.

Ich mag es nicht, wie es gelesen wird, wenn ich schreibe: “Mein Leben ist schon schwer genug” – aber mehr kann ich nicht anführen, wenn ich begründen will, warum es nicht mein oberstes Ziel ist, für alle und immer gleich “laut” oder “aktiv(istisch)” vernehmbar zu sein.
Hier ne Demo, da ne Veranstaltung – hier ein Scharmützel bei Twitter, da eine Kommentarschlacht und im Backend noch schnell die Schultern der Verbündeten klopfen und während all dem nicht vergessen, wer mit wem wann mal welchen Streit warum hatte und welche Positionen von wem warum gar nicht gehen und überhaupt gar keine Beachtung mehr ever verdienen … – sorry kann ich nicht. Will ich nicht. Ist nicht, was ich mir wünsche für später, wenn …

Ich alleine atme mit jedem Tweet durch. Beruhige mich nach jedem Blogpost. Für mich ist jedes Rausgehen und vor Menschen sprechen ein BÄNGPOWKRWÄÄÄÄNMEGADING – auch dann, wenn “die Massen ™” es für etwas halten, dass angeblich jede_r (und natürlich auch besser, lauter, krawalliger) kann und deshalb als beliebig und wenig relevant, wahrnehmen.

Am Ende spreche ich hier nicht nur von Wertschätzung dessen, was andere Menschen zu einem Thema beitragen, sondern auch davon, dass Aktivismus letztlich vor allem Aktivität meint, die für sich als Spektrum anerkannt werden muss.

Auch ein leiser Widerspruch ist ein Widerspruch.




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 28. Januar 2016 um 10:00 Uhr unter Aktivismus, Gewalt. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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5 Kommentare

  1. bluespunk sagt:

    erinnert mich an die male in linken plena, wo dominanzen angesprochen wurden und am ende die dominierenden das problem bei denen festmachten, die sich kaum was zu sagen trauten. *epic eyeroll*

    plus, marginalisierung ist ein ding, ey szene! menschen lernen, dass ihnen nicht zugehört wird, dass ihre anliegen & bedürfnisse nicht ernst genommen werden, dass es objektive(tm) gründe dafür gibt – das zu leugnen heißt auch so ein bisschen, die gesamtscheiße zu verharmlosen.

    danke für den text.

  2. Kana Kistan sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel!! Spricht viele Gedanken aus die ich mir auch in meinem politischen Alltag machen muss. Ich finde es zu all dem was du geschrieben hast auch sehr auffällig, aus welchen Positionen die Menschen sprechen die wünschen andere wären „lauter“. Also inwiefern auch unter Anderem partriarchale Vorstellungen dieses normative Bild von Aktivismus prägen. Meistens sind es weiße, heterosexuelle, ablebodied cis-Männer die diese Kommenatre abgeben und meistens sind es nicht cis-Männer und nicht weiße oder heterosexuelle oder ablebodied usw. Personen die diesen Vorwurft zu hören kriegen.

  3. Jacob Kanev sagt:

    Ein sehr angenehmer Text. Das mag vielleicht persönlich sein, aber auf mich wirken die Lauten immer sehr viel weniger überzeugend als die, die sich leise und differenziert ausdrücken.
    Und: Ein gut formulierter Artikel hat doch deutlich mehr Durchschlagkraft als eine Demo, zu der sich ausschließlich Leute einfinden, die sowieso schon überzeugt sind, um dann vom Rest der Bevölkerung ignoriert zu werden, oder?

  4. Hannah C. sagt:

    Ich denke, dass ein Text andere Menschen erreicht als eine Demo – der Vergleich ist daher an ein paar Stellen schief.
    Zu einer Demo können vielleicht gar nicht erst alle die sich interessieren oder möchten – einen Text können vielleicht nicht alle erfassen, die interessiert sind und Veränderungen möchten. Letztlich ist das Zusammenspiel wichtig denke ich.

  5. Helen sagt:

    Hallo Hannah,
    ich lese regelmäßig hier bei Mädchenmannschaft. Ich lese ganz unspektakulär old-school allein im stillen Kämmerlein, ohne Kommentar, Twitter, Facebook. Aber es ist für mich sehr wichtig, dass es diesen Blog gibt und ich hier verschiedene Perspektiven kennenlernen kann. Ich nehme hier viele Impulse mit und kann ein bisschen mehr kapieren, was Menschsein bedeutet.
    Warum solltest du etwas anderes/größeres/lauteres machen, wenn du so gute Texte schreiben kannst? Ich habe keinen Blog, ich gehe dafür auf Demos. Jeder macht seins. Ich hoffe dass wir uns am Ende irgendwie gegenseitig unterstützen.

    Was ich eigentlich sagen wollte: Danke für die Texte und die Offenheit. Ich lese im Stillen weiter.
    Viele Grüße von Helen