Blau ist eine warme Farbe

von Magda
Dieser Text ist Teil 78 von 118 der Serie Die Feministische Bibliothek

Eine Begegnung, ein Lächeln – um die Schülerin Clementine ist es geschehen. Doch wer eine kitschige Liebes­geschichte mit flatternden rosa Herzen erwartet, wird von „Blau ist eine warme Farbe“ auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

blau ist eine warme farbe

Die Graphic Novel der französischen Zeichnerin Julie Maroh ist düster und beklemmend. Nur ab und zu sticht das Blau durch die sonst farblich gedeckten Zeichnungen – die blauen Haare von Emma, das blaue Tage­buch von Clementine. Die Kunst­studentin Emma wird zu Clementines großer, einziger Liebe; die Tage­buch­einträge führen durch ihre Geschichte, die rück­blickend erzählt wird. Als Emma am Anfang der Erzählung Clementines Tage­buch in der Hand hält, sind bereits viele Jahre seit der ersten Begegnung ver­gangen und Clementine bereits gestorben.

Das Original „Le Bleu est une couleur chaude“ wurde 2010 ver­öffentlicht und seitdem in elf Sprachen übersetzt. Es ist eine einfühlsame, ehrliche Erzählung über zwei junge Frauen, die ohne beschönigende Schnörkel auskommt: Unsicher­heiten, Verzweiflung, kurze Momente des Glücks, Verletzungen, Erwachsen­werden und Homofeindlichkeit. Im Mittelpunkt steht der Alltag junger Menschen, die jenseits von hetero begehren, inklusive der harten Realität des Verstoßen­werdens von den eigenen Eltern, Mobbing in der Schule. Aber da sind auch die wichtigen Momente des Zusammen­halts, der Freund­schaft.

Ich habe die englisch­sprachige Version des Buches in wenigen Stunden verschlungen. Es ist ein bedrückendes Buch, weil der Tod und der Schmerz so dominieren. Aber es berührt, gerade weil Zuneigung in diesem Buch so komplex, so ehrlich beschrieben wird.

Die Graphic Novel unterscheidet sich im übrigen sehr vom gleich­namigen Film, der im letzten Jahr in Cannes die goldene Palme gewann. Julie Maroh, die in ihrem knapp 160-seitigem Werk nur auf wenigen Seiten explizite sexuelle Handlungen darstellt, kritisiert auf ihrem Blog die heteronormative Ästhetik der wohl an ein hetero-Publikum gerichteten langen und ausgiebigen lesbischen Sex­szenen im Film.




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 23. April 2014 um 9:00 Uhr unter Kultur, Sex_ualität. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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9 Kommentare

  1. Sarah sagt:

    Ich wollte nur zu dem Kommentar „Julie Maroh […] kritisiert auf ihrem Blog die heteronormative Ästhetik der wohl an ein hetero-Publikum gerichteten langen und ausgiebigen lesbischen Sex­szenen im Film.“ etwas sagen.

    Als Lesbe fand ich dass das eines der wenigen Male war, in denen Sex, so wie er (für viele) ist, dargestellt wird. Ging übrigens auch meinen lesbischen Freundinnen die ich gefragt habe, wie sie die Szenen fanden, so. Ich fand keineswegs dass es irgendwie an heteros gerichtet war, was wahrscheinlich auch der Grund ist wieso, laut Maroh’s blog, die Leute im Kino gekichert haben. Es hat sie wahrscheinlich nervös gemacht, so realitätsnahen Sex zu sehen. Ich habe den Film in einem kleinen Kino das nur Filme abseits des Mainstream zeigt gesehen, und das Publikum bestand zum größten Teil aus Lesben… Während der Sexszenen wurde hauptsächlich alles sehr ruhig, und manche sind auch ein bisschen rot geworden, ob der doch ziemlich realistischen Darstellung ihrer eigenen Sexualität? Ging zumindest mir und ein paar anderen die in meiner Nähe saßen so. Ich denke wir sind in den Medien so wenig echt aussehenden, dafür hochästhetischen Plastiksex gewohnt, dass vielen die Szenen in dem Film fast pornographisch rüberkamen, aber ehrlich gesagt fand ich L-Word da WEIT mehr an einen hetero-Blickwinkel gerichtet…

  2. Magda sagt:

    Hey Sarah,

    Danke für deinen Eindruck! Mir hatten einige Freund_innen erzählt, dass sie Julie Marohs Eindruck teilen, auch gerade, weil der Film von einem Regisseur mit zwei Heteras als Hauptdarstellerinnen gedreht wurde. Ich selbst habe den Film auch deshalb nicht gesehen, weil mich die Erzählungen abgeschreckt haben, aber ich freue mich, dass es da unterschiedliche Blickwinkel gibt.

  3. Danke liebe Magda für diesen Beitrag über einen großartigen Comic! Ich war auch erst im Kino und dache ohje, was für ein schrecklicher Film, zack, kleider auf dem Boden, null Kommunikation, null Unsicherheiten. Ich habe mich darin gar nicht wiederfinden können in diesem: Hey, läuft alles von selbst! Und der Rest: Stereotype, wie Rollenverteilungen so sind. Ich spürte nur Distanz zu den Figuren.
    Das mochte ich dann an dem Comic echt gerne wie genau in den Zeichnungen zu sehen wie unsicher Blicke sind. Was die beiden aneinander fasziniert und wie sie auf die Welt eingehen. Ich habe mich an dem französischen Orginal versucht und sicher nicht allen Text verstanden, aber die Bilder waren echt wunderschön gezeichnet und der ganze Comic hat sehr viele Gefühle von Freude und Schmerz Trauer Verletztheit hervorgerufen. Der Comic hat tief in die Welt von Clementine geführt und ich war echt schwer begeistert!

  4. Anastasia sagt:

    Ich bin froh, dass die Sexszenen auch anders/positiver gelesen werden! Aus meiner Perspektive waren sie vor allem voyeuristisch und an ein hetero-männliches Publikum gerichtet – ich hatte eher Mainstream-Hetero-Softporno-Assoziationen.

    Allerdings hatte ich zuvor auch gelesen, dass die beiden Hauptdarstellerinnen 10 Tage am Stück die Sexszenen drehen mussten mit zwei oder drei Kameratypen in einem kleinen Raum. Eine der beiden Schauspielerinnen sagte, sie habe sich am Set phasenweise „wie eine Prostituierte“ gefühlt. Der Regisseur gab auch keine Anweisungen, Choreographie oder so, was sonst oft gemacht wird, um Sexszenen für Schauspieler_innen zu de-sexualisieren. Die beiden sahen sich daraufhin „Lesben“-Pornos im Internet an (ich nehme an, dass es sich um solche handelt, die vor allem von Männer für Männer gemacht werden), um eine Ahnung zu bekommen, was sie spielen könnten.
    Der Regisseur verlangte des Weiteren von ihnen, „alles zu geben“, was bedeutet, dass sie Sex nicht spielen, sondern vor der Kamera haben sollten…
    Eine von beiden Schauspielerinnen sagte, sie wolle nie wieder mit dem Regisseur arbeiten, dass er ein Tyrann und Manipulator sei. Manche Szenen (allgemein, nicht unbedingt nur die Sex-Szenen) wurden bis zu 100 Mal gedreht.

    Ich hatte also all das im Kopf, als ich den Film sah und weiß nicht, wie er auch mich gewirkt hätte, wenn ich diese Infos nicht gehabt hätte. Eigentlich hatte ich mich (vor den Infos) auf den Film gefreut, weil ich als Lesbe die Darstellung von lesbischen Geschichten im Kino vermisse. Wenn es Filme abseits der heteronormativen Narrative gibt, dann mehrheitlich über schwule Männer.

    Leider habe ich die Links nicht mehr parat, aber ich habe vor ein paar Wochen verschiedene Artikel dazu gelesen und was die Schauspielerinnen über ihre Erfahrungen und Gefühle dabei berichteten. Kann mit wenigen Schlagworten wahrscheinlich auch relativ leicht im Internet gefunden werden mit Namen der Schauspielerinnen, Streit mit (Name des Regisseurs)…

    Nur so als Hintergrund über die Dreharbeiten…

  5. Sarah2 sagt:

    Neben der eventuell übertriebenen Sexualisierung (ich habe weder den Film gesehen noch das Buch gelesen) war wohl auch die Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur und den beiden Hauptdarstellerinnen extrem problematisch. In einem Interview äußern beide kein Interesse, je wieder mit ihm zu arbeiten und alles, was sie von den Dreharbeiten berichten und wozu sie gebracht wurden, klingt nach Gewalt.

  6. Heng sagt:

    Danke für die schöne Rezension, mir ging es beim Lesen des Graphic Novels genauso, ich liebe es.

    Den Film fand ich hingegen nur enttäuschend, auch was die Sexszenen anging. Natürlich will ich keiner* die Erfahrungen absprechen, aber beim ersten lesbischen Sex ausgiebigen Ass-Play und dann beim zweiten Mal dem Scissoring-Mythos nachzugehen, fand ich schon sehr Male-Gaze-ig. Insbesondere in den 90ern, in denen nicht alle mit 15 schon sämtliche (vermeintlich) queere Pornos geschaut haben und sich das dort abgeschaut hätten.

    Die dritte Sexszene bei ihren Eltern fand ich hingegen ästhetisch viel ansprechender und fand die Darstellung auch viel „““realisistischer“““.

  7. […] aber diese Graphic Novel möchte ich sehr gerne lesen. Passenderweise wurde sie heute bei der Mädchenmannschaft rezensiert, sodass ich gar nix weiter dazu sagen […]

  8. Jane sagt:

    mich irritiert die Diskussion (nicht nur hier), wie „realistisch“ jetzt lesbische Sexszenen in diesem Film sind. Das fragt man sich doch bei „heterofilmen“ auch nciht ständig oder? Ich habe das Gefühl, dass vile sich nicht vorstellen können, dass auch Lesben auf sehr unterschiedliche Weise miteinander Sex haben. Warum wird versucht zu bewerten, ob die Szenen jetzt „realistischen lesbischen Sex“ zeigen. Wie sollte „der lesbische Sex“ denn aussehen? Ich kann mich nciht an solch eine Diskussion im Zusammenhang mit einem Hetenfilm erinnern.

  9. Magda sagt:

    Liebe Alle,

    Danke für eure Einschätzungen zum Film, ich denke, dass ich mir den Film nicht anschauen werde; das Buch werde ich aber weiterhin empfehlen, ich mag’s so gerne.

    @Jane

    Mir geht es nicht darum, zu bewerten, ob Sexszenen „realistisch“ sind. Es lohnt sich aber bei den wenigen Filmen, die es nun mal mit lesbischen Sex gibt, zu fragen, wer diese Szenen aus welcher Perspektive mit welchen Schauspieler_innen und auf welche Weise gestaltet und welche impliziten Annahmen über lesbischen Sex somit in einen (oftmals) hetero-dominierten Kinosaal gestreut werden. Wie du an der Diskussion gesehen hast, sind die Perspektiven da unterschiedlich. Ich würde dir auch nicht zustimmen, wenn du sagst, dass es diese Diskussionen bei Hetenfilmen nicht gibt. Klar wird in feministischen Kreisen kritisch angemerkt, dass immer wieder die gleich normschönen, schlanken, oftmals weißen und ableisierten Personen Sex miteinander haben. Ich finde da einen kritischen Blick wichtig.