Einträge mit dem Tag ‘Lesben’


born to center cis dudes oder: lesbische politiken sind uncool 

29. September 2017 von Nadine

in vielen aktivistischen kontexten herrscht die überzeugung vor, dass die gesellschaft, in der wir leben, durch machtverhältnisse sozial konstruiert wird. kurz: durch verschiedene formen von diskriminierung geformt wird. strukturen, institutionen, weltbilder, handlungen, denkweisen, medien, kulturelle normen, wie menschen miteinander umgehen (oder sich so gut wie nie begegnen), wissen über die eigene geschichte, wissen über diskriminierung und machtverhältnisse allgemein. es wird sich (richtigerweise, denn ich teile diese überzeugung aus vollstem herzen) gegen jeden versuch gewehrt diese sozialen konstruktionen als etwas natürliches, biologisches, unschuldig-ursprüngliches, war schon immer so – wird immer so sein, unveränderbares, unhinterfragbares vorzustellen, denn: menschen haben die welt geschaffen in der wir leben, gestalten sie täglich und tragen verantwortung für ihr handeln. der versuch, das als etwas wertfreies, folgen- und harmloses oder unpolitisches zu interpretieren, macht, dass diskriminierung (wenn überhaupt) irgendwo herrührt, aber sicher nicht von menschen. maximal wurden „natürliche gegebenheiten“ merkwürdig gedeutet. überholter scheiß eben diese diskriminierung.

die welt auch als kontinuierliche soziale konstruktion von machtverhältnissen zu begreifen und die eigenen entscheidungsmöglichkeiten und handlungsspielräume darin wahrzunehmen, sich die eigenen zugänge zum leben bewusst zu machen und ggf. zu erweitern, für andere zu nutzen oder gegen ihr versperrt sein anzukämpfen ist teil (nicht nur explizit) feministischer politiken.

bis typen ins spiel kommen.

es gibt grenzen, die zu übertreten nach wie vor ein no-go zu sein scheint, nicht nur, aber vor allem in explizit feministischen kontexten: begehren von typen zu politisieren.

es ist natürlich okay, dass LGBT gegen diskriminierung ankämpfen. nicht okay ist es auch im eigenen alltag zu schauen, in der eigenen praxis, mit wem ich mein leben gestalte, wem und damit oft verbunden welchen themen ich aufmerksamkeit widme, mit wem ich beziehungen (jeglicher art) knüpfe, wie wir fürweneinander da sind, schlicht: welchen einfluss haben meine politischen perspektiven und haltungen auf meinen alltag, aktivistisch oder auch nicht. das private ist politisch eben. schon gar nicht okay ist es, zu hinterfragen, warum ich eigentlich – obwohl feminist_in – mein handeln (auch) auf typen ausrichte. im bett, im plenum, im job, im freund_innenkreis.

die dezentrierung von cis typen scheint nach wie vor eine ziemlich radikale forderung zu sein, auch wenn immerzu mit begriffen wie patriarchat und heteronormativität um sich geschmissen wird. dies als lesbische politik zu rahmen, auch. besonders wenn’s dann mal auch nicht um menschen geht, die typen begehren. sofort wird mensch oder die eigenen politiken wahlweise als bifeindlich, monosexistisch, (wahrnehmungs)gestört, transfeindlich, unrealistisch, männerfeindlich, gewaltvoll, verkürzt, altbacken oder abwertend als lesbe/lesbisch/dyke bezeichnet. in diesen vorwürfen in diesem kontext stecken so viele lesbenfeindliche und insgesamt hetero_cis_sexistische wie pathologisierende annahmen, die vollkommen geschichtslos, kontextbefreit und kritiklos durch den raum schwirren dürfen.

klassiker in der diskussion: darauf reduziert werden, wen mensch datet oder vögelt oder dass es einem_einer ja eigentlich nur darum gehen würde (eine bestimmte sexualität als „moralisch besser“ zu definieren). weil begehren mit sexueller orientierung gleichgesetzt wird (sexuelle orientierung ist als konzept enorm problematisch, da es nix mit machtverhältnissen oder wie begehren hergestellt wird zu tun hat, teilweise als „harmloser“ nachfolger von eugenischen konzepten zu gender- und sexualitätsidentitäten, die von der hetero_cis_norm abweichen, unhinterfragt übernommen). die entpolitisierung / reduzierung von begehren ist deshalb so daneben, weil sie a) lesbische politiken und lesbische bewegungs-/geschichte komplett negiert und b) der vorstellung auf den leim geht, nach dem alle nicht-heten hypersexualisiert anderen ihre sexualität oder „lebensweise“ grenzüberschreitend (oh gays als predatory – the next trope) auf die nase binden und ihren „lifestyle“ ausbreiten wollen (oh gays als spreading disease – hello fellows!). offenbar ist es nicht nur unvorstellbar, sondern auch richtig ängstigend, typen nicht (auch) attraktiv zu finden. hetero_cis_sexismus und lesben/biphobie 101.

zweiter klassiker in der diskussion, nachdem diese darauf reduziert wurde, mit wem ich vögele oder wen ich date: DAS KANN MAN SICH DOCH NICHT AUSSUCHEN!!1!1 zunächst wäre hier noch einmal anzumerken, dass es bei begehren nicht nur ums anhimmeln, knutschen und ficken geht, sondern in erster linie, wem ich meine aufmerksamkeit und zuwendung in allen lebensbereichen schenke, welche gesellschaftsanalyse für mich passt, welche utopie ich vorstelle und mit wem ich dafür kämpfen möchte. dann: hatten wir das mit der sozialen konstruktion nicht geklärt? warum die eigene sexualität davon ausklammern? klar, wer möchte schon zugeben, dass er_sie im herzen dabei ist (literally), welche körper und identitäten als begehrenswert vorgestellt und hergestellt werden oder welche menschen objekte deines creepy fetischs sind?! wer möchte schon gerne zugeben, sich berechtigterweise über typen von mansplainer bis mörder und vergewaltiger und die normalität von patriarchalen gewalt/verhältnissen aufzuregen, aber kein problem damit zu haben typen in unserem leben raum zu geben und ihre existenz in unserem leben mit kackscheiße als feministisch zu verteidigen. aber die rechtfertigung „ich bin halt so“??? wow, stell dir vor, du bist so ignorant, dass deine kognitive dissonanz dir nix anhaben kann.

drittens wäre an dieser stelle auch noch einmal anzumerken, dass die haltung typen zu begehren etwas wäre, was unveränderbar sei, schlichtweg auf hetero_cis_sexistischen, eugenischen, völkisch-rassistischen und biologistischen konzepten von menschsein und beziehung zu anderen beruht. wir alle werden in einer welt sozialisiert, die diese konzepte unhinterfragt als norm setzt und durchsetzt. wir internalisieren diese konzepte. unsere „begehrensbiografie“ erleben wir trotzdem sehr unterschiedlich. manchmal scheint das eigene begehren als etwas, das lange zeit so war. manchmal sind wir unsicher, welche haltung wir dazu einnehmen. manchmal schämen wir uns oder entwickeln gepflegten selbsthass, weil wir begehren, wie wir es gerade tun. manchmal wissen wir nicht, wie und wen wir begehren. manchmal stehen wir nicht zu unserem begehren, weil wir diskriminierung fürchten oder erstmal die innere zwangsheterosexualität auseinander klamüsern müssen. manchmal verändern sich dinge gefühlt ohne unser eigenes zutun. manchmal merken wir, dass wir bestimmte dinge nicht (mehr) wollen. manchmal treten diese dinge gemeinsam in unterschiedlichen nuancen zu unterschiedlichen zeiten in unserem leben auf. ungeachtet dessen treffen wir immer wieder entscheidungen in diesem kontext und finden umgänge damit. handlungsmacht. agency. verantwortung. „i was born this way“ rhetoriken zu bemühen, negiert das.

in einer hetero_cis_sexistischen und patriarchalen gesellschaft zu leben und keine cis typen zu begehren, sich aktiv dagegen zu entscheiden, den raum von cis typen im eigenen leben auf das mir momentan mögliche minimum zu reduzieren und auch mein sprechen darüber zu verändern, ist ein akt des widerstands. in dieser gesellschaft mein begehren auf marginalisierte identitäten zu richten oder stärker auszurichten ist ein akt des widerstands. denn diese menschen sind die einzigen potentiellen mitstreiter_innen, die ein ehrliches und aufrichtiges interesse am ende dieser zustände haben (abgesehen von den heteras, die es schon als errungenschaft feiern, wenn ihr BF mal keine scheiße erzählt oder das kind kurz hält, während sie den abwasch macht). das alles ist teil lesbischer politiken und lesbischer identitäten, nicht exklusiv, aber eben auch.

kann mensch selbstverständlich nicht teilen diese perspektive, aber dann bitte: werft nicht bei jeder sich (nicht) bietenden gelegenheit ein, dass typen auch noch da sind. wissen wir alle, die wir atmen.


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Mehr lesbische Perspektiven bitte!

16. August 2017 von Nadine

seit drei jahren ungefähr beobachte ich in der deutschsprachigen feministischen blogosphäre einen massiven rückgang an posts und debattenbeiträgen. das hat viele gründe, u.a. die veränderung von gesprächs- und debattenkultur durch technologische veränderungen und veränderungen des mediennutzungsverhaltens. viel hat sich in schland auf twitter verlagert, das wohl „unpraktischste“ medium für auseinandersetzung. nichts gegen kurz und prägnant statt ausgedehnte mit substantiven überbordende essays. dennoch haben sich bestimmte dogmen etabliert, was in frage gestellt werden kann und wie. der umgangston ist meistens rotzig, belehrend, selbstgerecht. die haltung häufig wenig zugänglich für andere perspektiven und widersprüche zu eigenen glaubenssätzen und wissensarchiven – und das obwohl wir in einer feministischen bubble agieren, also „unter uns“, und es nicht darum geht, ignoranten kackbratzen selbstverständlichkeiten des zwischenmenschlichen beizupulen ohne aussicht auf erfolg – sondern miteinander ins gespräch zu kommen, inspiration, lernen, bestärkung, veränderung. das ist nichts twitter-spezifisches, jedoch dort offensichtlicher aufgrund der formalen gegebenheiten des mediums.

hinzu kommt, dass viele themen kaum bis gar nicht vorkommen. wieso? liegts allein an den dominanten erfahrungswelten? bestehen hemmungen über bestimmte themen zu schreiben? was mich wieder zu den dogmen bringt. ich überlege seit vielen jahren, wie ich über ursachen von gewalt in lesbischen/queeren beziehungen schreiben kann ohne einen shitstorm loszutreten oder selbst vollumfänglich zeugnis meiner beziehungsbiografie abzulegen sowie öffentlich meine eigene identität zu analysieren und zu rechtfertigen. mir fällt seit beginn meiner blogger_innenzeit auf, dass lesbische perspektiven randerscheinungen sind und fast ausschließlich nicht-lesben darüber schreiben, was lesben sind (und was nicht), wie (ausschließend/diskriminierend) ihre politiken waren und sind.

sich von lesben abzugrenzen ist ja nichts neues, dies jedoch so ungebrochen im feministischen kontext immer wieder mitzubekommen, ist gelinde gesagt: tragisch. bezeichnend, dass ich mich unter clueless heten häufig genauso alienated fühle wie unter aktivist_innen, die sich LGBT* / queer verorten. die gründe vielfältig, jedoch auch: dogmen. mir fehlen lesbische deutschsprachige perspektiven sehr. ich finde sie bei älteren aktivist_innen, die schon in den 80ern an den verhältnissen gerüttelt haben und sage: danke. danke. danke. ich vermisse sie bei menschen in meinem alter. das hat auch damit zu tun, dass menschen sich nicht eingestehen können, wieviel lesbenfeindlichkeit und unwissen über lesbe als politische, feministische identität und lesbische bewegungsgeschichte auch bei ihnen selbst ist.

gründe, warum ich vor ein paar monaten meinen alten tumblr account reaktiviert und mich in die welt der serien fandoms begeben habe – für eine wohltuende mischung aus repräsentation, spaß, positiven bezügen. zugegeben finde ich dort kaum leute in meinem alter (die meisten fandom tumblr user sind zwischen 15 und 22 jahre alt), aber die selbstverständlichkeit, mit der in diesen spezifischen räumen dezentrierung von typen und heten und solidarität unter LGBT* unterschiedlichster herkunft stattfindet, ist beeindruckend. ich stoße auf debatten zu sexualität und begehren, die ich aus deutschland kenne und muss schmunzeln, weil diese völlig gegensätzlich zu den hiesigen verlaufen (#“monosexismus“ #fetischisierungvonLGBT #identitätenbingo #oppressionolympics). ich stoße auf debatten, die nicht typisch deutsch sind (#verweigerungvonagencyundverantwortung). ich stoße auf debatten, bei denen ich mir denke: realität (siehe zitat). aber wieso lese ich davon eigentlich nichts in meinen feministischen bubbles?

„so much of the media that is meant to be for women made by other women and just bonding between women in general revolves around talking about guys and relationships with men and so much of the concept of female empowerment is still centered around making guys want you and rejecting them or [whatever] and im glad you all have that but it isolates lesbians so entirely from womanhood and is often what makes it so hard for lesbians to relate and connect with other women“

(dt.) ein großer teil der medien, die für frauen gedacht und von frauen gemacht sind, und die verbundenheit von frauen im allgemeinen dreht sich um typen und beziehungen mit männern. und ein großer teil des konzeptes von weiblicher bestärkung fokussiert sich noch immer darauf, wie du es schaffen kannst, dass typen dich wollen und du sie zurückweist oder was auch immer. ich bin froh, dass du das alles hast, aber es isoliert lesben so komplett von frauen und deshalb ist es oft so schwer für lesben sich mit anderen frauen zu identifizieren und verbindungen mit ihnen herzustellen.


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Leidige Leitkulturdebatten, Forderungen von Lesben mit Behinderungen und Chelsea Manning kommt heute frei- kurz verlinkt

17. Mai 2017 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 349 von 364 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Links

Die Leipziger Bloggerin Nhi Le gab der Leipziger Volkszeitung ein lesenswertes Interview über Alltagsrassismus auf dem Campus. Nun wurde in der gleichen Zeitung ein sich darauf beziehender rassistischer und völkischer Kommentare abgedruckt.

„Ich rocke meine Schwangerschaftsstreifen mit Fakelashes“, schreibt Schwarzrund in ihrem Beitrag über Femmes.

Wieder mal Leitkulturdebatte? Lea Wohl von Haselberg, Max Czollek und Hannah Peaceman, Mitherausgeber_innen der neuen Zeitschrift Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart, verwahren sich dagegen.

Anlässlich des heutigen Internationalen Tags gegen Homo-, Trans- und Bifeindlichkeit fordert der Verein Weibernetz mehr Berücksichtigung von Lesben mit Behinderung und aller LSBTIQ* mit Behinderung im politischen Handeln. Bei kobinet finden sich einige der konkreten Forderungen.

neues deutschland berichtet über den F_Antifa-Kongress (feministische Antifa) in Potsdam.

Im ersten Video der neuen Staffel vom The Queer L-Vlog dreht sich alles um Verknüpfungen von Sexismus und Homofeindlichkeit.

Englischsprachige Links

Why I’m Helping to Bail Out Black Mamas„, Nnennaya Amuchie schreibt über die National Mama’s Bail Out Kampagne zum diesjährigen Muttertag in den USA.

Die Niederlande gilt häufig als ‚tolerant‘. Flavia Dzodan schreibt hingegen über Solidarität, die auch in den Niederlanden wohl nur für weiße Frauen gilt.

Harmonia Rosales malt Gemälde inspiriert von kalssischen Werken, aber mit einem Twist: Afro-Latinx painter Harmonia re–imagines art history.

Heute kommt endlich Chelsea Manning aus dem Gefängnis frei.

Termine u.a. in Berlin, Kiel, Leipzig, Hannover, Heidelberg

Heute anlässlich zum IDAHOT* hat queer.de eine Liste mit Demos, Diskussionen und Infoveranstaltungen in rund 60 Städten in Deutschland zusammengestellt.

24. Mai in Berlin: Endlich wieder eine Aufführung von Simone Dede Ayivis „First Black Woman in Space„! Eine zweite Vorstellung gibt es am 25. Mai.

1. Juni in Hannover: Simone Dede Ayivi bringt ihr Stück „First Black Woman in Space“ nach Hannover. Weitere Vorstellungen folgen direkt am 02. und 03. Juni.

2. – 5. Juni in Kiel: Lesbenfrühlingstreffen 2017.

9. – 11. Juni in Kiel: Save the Date! LaDIYfest Kiel.

13. Juni in Leipzig: Alle im Blick?! lgbtiq* Lebenswirklichkeiten in der Jugendhilfe. Der Fachtag richtet sich an interessierte Pädagog*innen, die in der Kinder- und Jugendhilfe arbeiten und ein Klima vermitteln wollen, welches alle Jugendlichen anspricht und Diskriminierung vermeidet.

15. – 18. Juni in Heidelberg: Das Lady*fest Heidelberg findet statt!

14. bis 16. Juli in Berlin: Festival für ein offenes und solidarisches Neukölln. (Es werden noch Leute zum Mitmachen gesucht!)

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?


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Feministischer Humor, sexistische Jurist_innenausbildung und Älterwerden

27. April 2017 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 346 von 364 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

„Die Linke müsste meine Eltern ansprechen, ohne soziorassistisch zu sein“, sagt Édouard Louis in der Süddeutschen Zeitung mit Blick auf die aktuellen Wahlen in Frankreich.

Was ist los mit den feministischen Blogs?, fragt Melanie bei den Femgeeks und überlegt, aus welche Gründen vielleicht weniger geschrieben und interagiert wird und was darauß Konsequenzen sein könnten.

Darauf antwortend geht es bei Ein Blog von Vielen um Eskapismus, das Ausloten der eigenen Politiken und den Entscheidungen in welchem Umfeld man wie agieren kann/ möchte/ muss.

Dieses Jahr findet wieder das Campaign Boostcamp statt. Das wird geboten: „Während des fünftägigen Trainings lernst Du, wie man erfolgreiche Kampagnenstrategien entwickelt und atemberaubende Aktionen plant, die viele Menschen erreichen. Danach beginnt ein einjähriges Unterstützungsprogramm mit mehreren Folgetreffen am Wochenende.“ Bewerbungsschluss ist der 01. Mai. Es gibt jeweils ein Stipendium für eine_n Aktivist_in of Colour/ Schwarze_r Aktivist_in und eine_n trans Aktivist_in.

In der Jurist_innenausbildung wird viel Sexismus und Rassismus reproduziert. Auf dem Tumblr Juristenausbildung wird sich jetzt damit auseinandergesetzt. Im Interview mit Armaghan Naghipour beim Missy Magazine sprechen die Macherinnen der Seite über ihre Ideen und eigenen Erfahrungen.

Das neue an.schläge-Magazin ist da und widmet sich im Dossier dem Thema Macht & Humor. Da schreibt beispielsweise Denice Bourbon über queer-feministische Comedy, die nach oben tritt und Brigitte Theißl argumentiert, warum es kritische Satire braucht.

Eine Initiative fordert Erinnerung an verfolgte Lesben in der Gedenkstätte des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück. Im Interview mit junge Welt spricht Susanne Kuntz über die historischen Hintergründe.

Die Bundestagswahl in Deutschland rückt auch langsam näher. Der LSVD hat schon einmal seine Wahlprüfsteine vorgestellt.

englischsprachige Links

„While Jewish victims and their organizational representatives have, over the years, processed claims for real estate, businesses and works of art seized by the Nazis, Jews’ more mundane Holocaust-era property may still be circulating in antique shops and households, unbeknownst to the current buyers or owners“, schreibt der Jewish News Service.

Im Fi2W Podcast geht es ums Altwerden als migrierte Person und besondere Strategien des Umgangs.

Emma Morano ist im Alter von 117 Jahren verstorben (ihr langes Leben hat sie unter anderen darauf zurückgeführt, dass sie nicht mit einem Mann verheiratet war). Die New York Times blickt anhand ihrer zurückgelassenen Objekte auf Moranos Leben zurück.

„Our culture frames illness as a battle to be won, but sometimes it’s just a thing you live with“, schreibt Caira Conner bei Buzzfeed über das Leben mit chronischen, nicht-heilbaren Krankheiten.

Termine

27. bis 30. April in Wiesbaden: Symposium mit dem Titel: Feministisch wider Willen – Filmemacherinnen aus Mittel- und Osteuropa. (fb-Link)

27. bis 30. April in Freiburg: SeminarWorkshop: „Der gefährliche Wind in der Rede – Wie umgehen mit Hassreden in den Medien

5.-7. Mai in Halle: Konferenz junger politischer Frauen mit Workshops und Diskussionen.

13. Mai in Berlin: Das Queer Zine Fest Berlin steht wieder an. Table können noch angemeldet werden.

2. – 5. Juni in Kiel: Lesbenfrühlingstreffen 2017.

9. – 11. Juni in Kiel: Save the Date! LaDIYfest Kiel.

15. – 18. Juni in Heidelberg: Das Lady*fest Heidelberg findet statt!

14. bis 16. Juli in Berlin: Festival für ein offenes und solidarisches Neukölln. (Es werden noch Leute zum Mitmachen gesucht!)

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?


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Deutscher Antisemitismus, Anti-Abtreibungs-Gewalt, „behindert“ als Schimpfwort – die Blogschau

19. Dezember 2015 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 290 von 295 der Serie Die Blogschau

„Viele in Deutschland halten alltäglichen Antisemitismus für kein Problem mehr – Levi sieht das ein bisschen anders“ – und beschreibt bei kleinerdrei, warum.

Beim Feministische Studien Blog gibt es einen Artikel über die Hintergründe von Robert Lewis Dears Anschlag auf Planned Parenthood in Colorado Springs und die Geschichte von Anti-Abtreibungs-Gewalt in den USA.

Auf bento: Ein Rant von Ninia LaGrande in Videoform, und zwar gegen die Verwendung von „behindert“ als Schimpfwort.

Rock Camp München ist „ein gemeinnütziger Verein, der das Selbstbewusstsein junger Mädchen und Frauen durch Musik und begleitende Workshops fördert“. Für das nächste Camp brauchen die Veranstalterinnen noch Geld.

Anlässlich eines Artikels von Andrea Roedig, der kürzlich in der Zeit erschien, klamüsert Teile des Ganzen so einiges  „Über Butches, Transmänner und (nicht nur) lesbische Verlustgefühle“ auseinander.

Habt ihr diese Woche etwas geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blogs etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Regelmäßig verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


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Bet Debora – Facetten jüdischer Frauenidentitäten

14. Dezember 2015 von Magda

Bet Debora ist eine Initiative, die 1998 von jüdischen Frauen in Berlin ins Leben gerufen wurde. Neben Tagungen und Publikationen organisieren die Aktivistinnen auch Veranstaltungen wie die diesjährige Veranstaltungsreihe „Facetten jüdischer Frauenidentitäten.“

Bet Debora LogoAm kommenden Dienstag, 15. Dezember 2015, findet die letzte Veranstaltung der Reihe in Berlin statt: Ein Zeitzeuginnengespräch mit Jessica Jacoby, Initiatorin des lesbisch-feministischen Schabbeskreises, moderiert von Debora Antmann.

In der Veranstaltungsbeschreibung heisst es: „Als Ausstellungsmacherin in Museen, Bildungsreferentin in Frauenprojekten, Interpretin jiddischer Lieder, Herausgeberin eines Buches über jüdische Frauen der zweiten Generation (1994), Filmjournalistin und zuletzt Dokumentarfilmautorin hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, kreativ kulturelles Erbe und Erinnerung lebendig zu erhalten.“ 1984 gründete Jacoby zusammen mit anderen Frauen den „Schabbeskreis“, eine lesbisch-feministische politische Gruppe, die sich bis 1989 aktiv für die Präsenz und Wahrnehmung jüdischer Frauen in der neuen Frauenbewegung und mit Antisemitismus in feministischen Zusammenhängen auseinandersetzte.

Zwei Mitstreiterinnen von Bet Debora haben mir im Vorfeld einige Fragen zur Arbeit von Bet Debora und zu weiteren anstehenden Projekten beantwortet.

Lara Dämmig hat Bibliothekswissenschaft und Management von Kultur- und Non-Profit-Organisationen studiert. Sie arbeitet bei einer jüdischen Organisation in Berlin und ist Mitbegründerin der jüdischen Fraueninitiative Bet Debora.

Tanja Berg hat Politische Wissenschaften studiert und arbeitet in der historisch-politischen Bildung und Projektentwicklung u.a. zu den Themen Demokratie, Geschichte und Diversity.

Bet Debora wurde 1998 ins Leben gerufen wurde. Lara, kannst du etwas zur Entstehungsgeschichte von Bet Debora erzählen? (mehr …)


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Ein Stolperstein für Elli Smula

17. November 2015 von Magda

Von Elli Smula gibt es keine Fotos, keine Tagebucheinträge, keine Briefe. Dank der Historikerin Dr. Claudia Schoppmann bleiben die wenigen Informationen zum Leben von Elli Smula nicht verborgen (oder in alten Nazi-Akten), sondern wurden von ihr recherchiert, genauso wie die Leben von anderen von NationalsozialistInnen verfolgten und ermordeten Lesben.

Smula wurde 1914 geboren und ist ein Jahr nach Kriegsbeginn, 1940, von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) dienstverpflichtet worden. Nur einige Wochen arbeitet sie als Schaffnerin, dann wird sie vom eigenen Arbeitgeber denunziert und von der Gestapo festgenommen. Als Haftgrund sind „politisch“ und „lesbisch“ vermerkt. „Wir wissen nach wie vor wenig über die damalige Lage lesbischer Frauen. Sie wurden zwar nicht wie männliche Homosexuelle nach Paragraf 175 des Strafgesetzbuches verfolgt. Aber Beziehungen unter Frauen waren nicht erwünscht“, sagt Schoppmann im Tagesspiegel. Über die braune Vergangenheit der BVG hören wir heute kaum noch etwas.

Nach ihrer Verhaftung wird Smula ins Gefängnis am Alexanderplatz gebracht und dann nach Ravensbrück deportiert, wo sie 1943 ermordet wurde. Elli Smula wurde 28 Jahre alt.

Am Montag, den 16. November 2015, 101 Jahre nach Smulas Geburt, wurde in der Singerstr. 120 in Berlin-Mitte ein Stolperstein zum Gedenken an Elli Smula verlegt. Stolpersteine gibt es heute bereits europaweit. Sie gedenken den Opfern des Nationalsozialismus und sollen im wahrsten Sinne des Wortes Menschen im Alltag zum Stolpern, Nachdenken und Erinnern anregen. Verlegt werden sie vor dem letzten selbstgewählten Wohnort der Opfer. Auf der Veranstaltung sprachen die Stolperstein-Patin Claudia Schoppmann und Monika Wissel, Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg a.D.

Zum Weiterlesen:


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Happy Birthday! 10 Jahre Lesbengeschichte.org

3. November 2015 von Gastautor_in

10 Jahre Lesbengeschichte.org, ein mehrsprachiges Online-Portal zur Geschichte und Filmgeschichte lesbischer Frauen_Trans. Die Mädchenmannschaft gratuliert! Hier veröffentlichen wir die Pressemitteilung der beiden Gründerinnen Ingeborg Boxhammer und Christiane Leidinger.

Postkarte: lesbengeschichte.org.

Zum 10-jährigen Jubiläum des mehrsprachigen Online-Portals lesbengeschichte.org im November 2015 zieht Ingeborg Boxhammer, Historikerin und eine der beiden Gründerinnen, eine positive Bilanz über das Webprojekt, das in dieser Form einzigartig ist: „Von Anfang an wurde das Portal, das kostenlos und werbefrei mehrsprachige Inhalte zu Lebensgeschichte und zu Lesbenfilmgeschichte anbietet, mit wohlwollender Aufmerksamkeit und Interesse begleitet. Wir freuen uns, dass unsere Seiten aus allen Teilen der Welt angeklickt werden.“

Die Politikwissenschaftlerin Christiane Leidinger erläutert zum Ziel des Projekts: „Historische Entwicklungen werden nach wie vor dominant aus einer heterosexuellen Perspektive gedacht. Auch Persönlichkeiten in der Geschichte wird stets Heterosexualität unterstellt. Mit dem Portal schreiben wir Lesben kritisch in die Geschichte ein und machen sie sichtbar. Die Texte beschreiben individuelle Lebensgeschichten und kollektive Zusammenhänge frauenliebender Frauen und Trans* und betten diese in gesellschaftliche Entwicklungen ein.“

Dabei betont Leidinger zur kritischen Perspektive auf Geschichte: „Problematische Aspekte in Biografien von Lesben, beispielsweise koloniales Engagement, rassistische, behindertenfeindliche sowie klassistische oder antifeministische Denkweisen und Publikationen, müssen genauso benannt werden wie homosexuellen-emanzipatorische oder feministische Aktivitäten. Nur so lässt sich aus Geschichte lernen und gemeinsam für eine bessere Zukunft streiten.“

Das Portal umfasst rund 100 Texte in teilweise bis zu elf Sprachen (Schwerpunkt: Deutsch, Eng- lisch, Spanisch, außerdem: Französisch, Niederländisch, Russisch, Finnisch, Türkisch, Portugiesisch, Rumänisch und Slowakisch) und bietet weitere lesben(film)historische Informationen.

Das No-Budget-Projekt lebt ausschließlich vom freiwilligen Engagement der anfänglich vier, inzwischen 17 AutorInnen, 35 ÜbersetzerInnen, der Unterstützenden und der beiden Heraus- geberinnen. Unter „biografischen Skizzen“, einem Herzstück des Portals, können rund 50 Porträts von Frauen/Trans* entdeckt werden, die frauen*bezogen lebten. Teilweise waren sie gesellschafts- politisch oder subkulturell, manche – wie Johanna Elberskirchen (1864-1943) – feministisch und homo-sexuellen-emanzipatorisch engagiert. Außerdem bietet der Internetauftritt Hintergrundbeiträge zu „Politik & Subkultur“, zu „Regionalgeschichte“ (inkl. Ausflugstipps) sowie zu „erinnern & gedenken“: Informationen über Gedenktafeln und Dokumentationen von Gedenkfeiern für lesbische Frauen. Geografische und zeitliche Schwerpunkte der Beiträge liegen auf Deutschland und der Schweiz Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Weitere Rubriken ermöglichen das Stöbern in einer einschlägigen Zitatesammlung und in einer Bildergalerie mit Porträts und anderen Fundstücken. Unter „Aktuelles“ sind Termine, Neuerscheinungen und erinnerungspolitische Debatten nachverfolgbar.

Zu den Portalinhalten führt Christiane Leidinger aus: „Kritische Geschichtsbetrachtung heißt auch, mit Mythenbildung aufzuräumen: Seit 2009 bauen wir den Bereich zu ‚Lesben und Nationalsozialismus’ aus. Damit wollen wir einerseits der Vorstellung entgegenarbeiten, Lesben seien systematisch mit einem entsprechenden Haftgrund in Konzentrationslagern interniert worden. Dieser Mythos hält sich ebenso hartnäckig wie andererseits die von schwuler und heterosexueller Seite vertretene Ansicht, Lesben seien in keiner Weise verfolgt worden. Deshalb fassen wir die zahlreich bestehenden Forschungslücken und zentralen Erkenntnisse zusammen, um eine differenzierte Sicht zu ermöglichen.“

Für den Filmbereich ergänzt Ingeborg Boxhammer: „Die Website bietet seit Bestehen eine Lesbenfilmchronik, eine 440 Filme umfassende Liste deutschsprachiger (Ko-)Produktionen sowie Statistiken zur Quantität der Repräsentation im Film. Bislang gibt es keine vergleichbar umfassende Auflistung von Spielfilmen, mit der die explizit oder implizit dargestellte Anziehung zwischen Frauen* berücksichtigt wird.“

Die beiden Portal-Bereiche Film und Geschichte sind durch zahlreiche interne Links miteinander verbunden – mögliche Ansatzpunkte, um sich auf den Seiten treiben zu lassen.

Als wichtigstes Ziel für die Zukunft nennen die beiden Gründerinnen Ingeborg Boxhammer und Christiane Leidinger die aufwändige webseiten-technische Anpassung für mobile, aber auch weitgehend barrierefreie Nutzung und laden zur Mitarbeit ein: „Wir freuen uns über weitere Mitstreitende: Autor*innen, Übersetzer*innen, Webdesigner*innen, Kontaktvermittler*innen – und über Spenden in jedweder Höhe genauso wie über Anregungen und Hinweise.

Berlin und Bonn im September 2015, Ingeborg Boxhammer und Christiane Leidinger


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Ein Buch nach dem anderen: Kurzgeschichten aus Nigeria; Coming-of-Age in Portland

30. Oktober 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 112 von 131 der Serie Die Feministische Bibliothek

Auf Papier gelesen

IMG_20150921_175406-1Fates and Furies (Riverhead Books, 2015) von Lauren Groff war sicher eines der heiß-erwartesten Bücher der Herbstsaison – und wurde kurz nach der Veröffentlichung auch direkt belohnt mit einem Platz auf der Shortlist für den (us-amerikanischen) National Book Award. Der Roman seziert die Ehe zwischen Lotto und Mathilde, dem Traumpaar auf jeder Party, er erst Schauspieler, dann erfolgreicher Dramatiker, sie erst in einer Gallerie arbeitend, dann ihn unterstützend. Zwischen Anspielungen auf griechische Mythologie erzählt der erste Teil zunächst die Geschichte aus Lottos Perspektive, um dann im zweiten Teil Mathildes – weitaus andere – Sichtweise und Erleben nachzutragen. Bereits im ersten Teil, in dem lange das perfekte Bild entworfen wird, zebröselt dieses auch schon wieder langsam. So sitzt Lotto auf einer Podiumsdiskussion zur „Zukunft der Literatur“ und führt – zum Erschrecken seiner Mit-Diskutant_innen – bräsig aus, dass Männer Literatur schaffen und Frauen ihren Kreativität ins Kindergebären stecken. Das Publikum ist aufgebracht, Mathilde verlässt den Raum. Genau in diesen Aspekten fand ich den Roman, in den ich ich erst nicht wirklich reinkam, am stärksten, wenn die Vorstellung des „männlichen Genies“ langsam entblößt wurde und stattdessen Groff die weibliche Arbeit hinter diesem offenbarte. Doch das Ende, welches stark auf eine Beziehungsebene zurückfällt, enttäuschte mich.

IMG_20150918_031443Weitaus mehr gefiehl mir das ebenfalls im September erschienene Dryland (Tin House Books, 2015) von Sara Jaffe (die auch in der Band Erase Errata spielt). Es ist das Jahr 1992 und die fünfzehn-jährige Julie Winter lebt im Portland. Regelmäßig geht sie in Zeitungsgeschäfte und blättert sich durch Schwimm-Magazine – nicht etwa, weil sie Schwimmerin ist, sondern weil sie immer auf der Suche nach Informationen über ihren ältern Bruder ist, der einmal sogar Teil des olympischen Teams war, nun aber in Berlin lebt und über den in ihrer Familie nicht gesprochen wird. Das Buch ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die ihren ganz eigenen Charme und gleich eine Reihe queerer Charaktere mit sich bringt.

IMG_20151014_082600 Ein Buch, welches ich in nächster Zeit sicher häufig empfehlen werde, ist die Debut-Kurzgeschichten-Sammlung Happiness, Like Water (Mariner Books, 2013) von Chinelo Okparanto. Die meisten der Geschichten drehen sich um weibliche Charaktere in Nigeria oder der Diaspora (hier USA). Ihre Geschichte „America“ war bereits nominiert für den Caine Prize for African Writing, aber auch die anderen sind allesamt preiswürdig. Okparanta ist eine wundervolle Erzählerin, ihre Sprache ist gleichermaßen zugänglich und poetisch. In den Geschichten widmet sie sich einer ganzen Reihe großer „Themen“ (wie häusliche Gewalt, Reliogion, lesbisches Begehren, Schönheitsstandards), ohne dass sie ins Didaktische abruscht. Stattdessen schafft sie glaubhafte Charaktere und nicht jede Geschichte endet mit einer sauberen, einfachen Lösung – ganz so wie im Leben.

Okparantas Debut-Roman Under the Udala Trees, in welchem sich zwei Mädchen während des Biafra-Kriegs verlieben, erschien jetzt im September.

Im Netz gelesen

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Persönlich, lebendig – und streitbar. Perincioli über die Westberliner Frauenbewegung

26. Oktober 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 111 von 131 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rezension zu: Cristina Perincioli: „Berlin wird feministisch. Das Beste, was von der 68er Bewegung blieb

Fünf Jahre, die es in sich hatten: Christina Perincioli, Filmemacherin, lesbisch-feministische Aktivistin der ersten Stunde, rollt in ihrer Buchveröffentlichung die ersten Jahre der Westberliner Frauen- und Lesbenbewegung auf, von 1968 bis zur Gründung des Berliner Frauenzentrums 1973. Es ist ein persönlicher, spannender und durchaus streitbarer Ritt durch die bewegten Anfangsjahre. Was in diesen Jahren geschah, ermöglichte oder prägte die kommenden Bewegungsjahrzehnte: erste Politisierungen im Umfeld der Linken und die massiven Konflikte mit linken Männern; die Entstehung autonomer Frauen- und Lesbengruppen; die Entwicklung neuer Politik-, Lebens- und Aktionsformen; Diskussionen um das Verhältnis von Theorie und Praxis, von Klassenkampf und Feminismus, von lesbischen und heterosexuellen Feministinnen.

Zentrale Thesen, wichtige Informationen und detaillierte Einblicke liefert das Buch vor allem in Bezug auf zwei Aspekte. Zum einen ist es die zentrale Rolle von Lesben bei der Entstehung der Berliner Frauenbewegung. Früh haben sie sich in ersten Gruppen organisiert und Vorstellungen und Formen der Politik entwickelt, die für die Frauenbewegung typisch werden sollten. Zum anderen sind es die Unterschiede und Konflikte zwischen feministisch-autonomen Feministinnen einerseits, sozialistisch organisierten Frauengruppen andererseits, auf die Perincioli vielfach zu sprechen kommt. Es ist kein versöhnlicher oder vermittelnder Ton, den die Autorin den Sozialistinnen gegenüber rückblickend anschlägt: Kritiken von damals – an Theorie-Schulungen, hierarchischen Organisationsformen, Erfahrungsferne – werden mit Verve vorgetragen. Von Ausgewogenheit keine Spur. Dies ist insofern unbefriedigend, als die Gründe für die Organisierung in sozialistischen Gruppen, die Anliegen der beteiligten FrauenLesben, die stattgefundenen Diskussionen und Konflikte hinter einer Pauschalkritik verschwinden, die weder Verstehen noch Ambivalenzen zulässt.

Das reich bebilderte Buch changiert zwischen autobiografischer Erzählung, Sachbuch, Fachbuch und Quellensammlung. Diese Genrevielfalt führt zu einem durchaus lebendigen und authentischen Leseerlebnis. Als eher problematisch erweist sich jedoch die Art und Weise, wie mit dieser Vielfalt umgegangen wird. Grundlegende Analysen und starke Thesen, autobiografische Erinnerungen, Zeitdokumente und ausführliche Zitate feministischer Aktivistinnen stehen häufig eher unvermittelt und ohne Erläuterungen nebeneinander. Insbesondere Leser_innen ohne Vorwissen dürften sich hier und da eher ratlos denn informiert fühlen: Ist diese oder jene Erfahrung bewegungs-, zeit- oder etwa berlintypisch, oder stellt sie eher eine Ausnahme dar? Gilt diese oder jene These in der Forschung oder unter Aktivistinnen als unstrittig, ist vielfach bestätigt – oder ist sie ganz im Gegenteil heftig umkämpft? Was dem Buch gutgetan hätte, wäre eine stärkere bewegungsgeschichtliche Einbettung, die den Leser_innen Werkzeuge an die Hand gegeben hätte, das Gelesene einzuordnen – oder aber eine konsequente Umsetzung einer autobiographischen und persönlichen Perspektive.

Dass es sich um ein sehr persönliches Buch handelt, genau darin liegt seine Stärke. Perincioli beschreibt ihre Politisierung und ihren Weg in die Frauenbewegung, angetrieben durch ihre Wut auf eine lesbenverachtende Gesellschaft, ebenfalls durch den massive Sexismus, den sie von Seiten linker Männer erfuhr. Sie beschreibt den Bewegungsalltag, den Umgangston, die Konflikte und Zerwürfnisse in Gruppen und Strömungen, sie selbst mittendrin. Die damalige Begeisterung und Aufbruchstimmung, aber auch Konflikte, Abgrenzungen und Wut werden nachfühlbar.

So ist »Berlin wird feministisch« den erwähnten Schwachstellen zum Trotz ein durchaus lohnenswertes Leseerlebnis, das dazu einlädt, in die turbulenten Anfangsjahre der feministischen Bewegung nach 1968 einzutauchen.

Erstmalig erschienen in der Jungen Welt. Zum Weiterlesen und -gucken: Ein Generationendialog von Cristina Perincioli und Magda Albrecht.


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