Kristina Schröder, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, hat dem Spiegel ein Interview gegeben. Dieser wiederum hat eine Vorankündigung dieses Interviews online gestellt und seitdem die draußen ist, überschlagen sich die Kommentatorinnen und Kommentatoren auf Twitter und in Blogs geradezu.
Inzwischen ist das Interview in gesamter Länge bekannt und die Reaktionen schwanken zwischen „noch schlimmer als erwartet“ und „kein mann dieses landes hätte solch ein perverses interview über sich ergehen lassen müssen.“.
Aber um was geht es nun eigentlich in dem Interview? Es geht um Schröders Verhältnis zum Feminismus, um Jungsförderung, darum, dass sie bei der Hochzeit ihren Namen abgegeben hat, um Helmut Kohl … alles keine überraschenden Fragen und auch bei den Antworten ist keine dabei, die wirklich überrascht. Das hat man alles so oder so ähnlich von der Ministerin schon mal gehört.
Gehen wir also gleich in die Vollen und beginnen mit dem Teil, der durch die Vorankündigung viel Aufmerksamkeit und Widerspruch hervorrief. Schröder sagt ziemlich zu Anfang des Interviews:
SPIEGEL: Wie finden Sie Alice Schwarzer?
Schröder: Ich habe viel von ihr gelesen – „Der kleine Unterschied“, später dann „Der große Unterschied“ und „Die Antwort“. Diese Bücher fand ich alle sehr pointiert und lesenswert. Etliche Thesen gingen mir dann aber doch zu weit: zum Beispiel, dass der heterosexuelle Geschlechtsverkehr kaum möglich sei ohne die Unterwerfung der Frau. Da kann ich nur sagen: Sorry, das ist falsch.
SPIEGEL: Warum?
Schröder: Es ist absurd, wenn etwas, das für die Menschheit und deren Fortbestand grundlegend ist, per se als Unterwerfung definiert wird. Das würde bedeuten, dass die Gesellschaft ohne die Unterwerfung der Frau nicht fortbestehen könnte.
SPIEGEL: Dachten Sie, Feministinnen würden Beziehungen zwischen Männern und Frauen grundsätzlich ablehnen?
Schröder: Es gab in der Tat eine radikale Strömung, die in diese Richtung argumentiert hat und die die Lösung darin sah, lesbisch zu sein. Dass Homosexualität jetzt aber die Lösung der Benachteiligung der Frau sein soll, fand ich nicht wirklich überzeugend.
„Bei ihrer Kritik machte die jüngste Ministerin der schwarz-gelben Bundesregierung auch vor der Ikone der deutschen Frauenbewegung, Alice Schwarzer, nicht Halt.“ schrieb Spon dazu.
Nein, so was. Eine Frau, die es wagt, Schwarzer zu kritisieren. Bitte, damit sollte doch auch Der Spiegel niemand mehr hinter dem Ofen hervor locken können. Das Problem liegt doch an einer ganz anderen Stelle, nämlich an der völligen Gleichsetzung von der Figur Schwarzer und „dem Feminismus“, sowohl von Seiten der Interviewer als auch durch Schröder.
Darüber hinaus lässt Schröder jeden Bezug zur Entstehungsgeschichte dieser Texte und ihrer „radikalen Thesen“ vermissen. Im Kern ist ihr diese Distanzierung an sich erstmal nicht vorzuwerfen (siehe auch hier). Aber, und hier verschließt Schröder wohl wirklich die Augen vor der Wahrheit, denn was nicht sein kann, darf auch nicht sein: Ja, der Fortbestand der Gesellschaft wie sie sich damals darstellte war tatsächlich ohne die „Unterwerfung der Frau“ nicht gesichert, sei es nun im Bett oder außerhalb dessen.
Das wirklich erschreckende ist jedoch, dass Schröders Vorstellung vom Feminismus an dieser Stelle verharrt. Sie distanziert sich – aus heutiger Sicht nachvollziehbar – von einigen Statements der „zweiten Welle“, aber schafft es im Anschluss nicht, zu bemerken, dass es weder „den Feminismus“ gibt, noch dass die Themen, Theorien und auch die Rhetorik der Feminist_innen sich verändert haben.
Wenn unser Finanzminister sagen würde, er kann mit Feminismus nichts anfangen, weil er Schwarzer blöd findet, dann ist das bedauerlich. Wenn unsere Frauen- und Familienministerin so etwas sagt, dann ist das ein Armutszeugnis. Auch die Frage danach, ob der Feminismus Frauen „unterm Strich glücklicher“ gemacht habe, beantwortet sie ausweichend und wieder mit Bezug auf „den frühen Feminismus“. Dieser habe übersehen, „dass Partnerschaft und Kinder Glück spenden“. Dass wir hier natürlich ausschließlich von heterosexuellen Partnerschaften sprechen, muss wahrscheinlich nicht näher erwähnt werden.
Darüber hinaus führt dieses Statement nahtlos zum zweiten, großen Lücke in Schröders Weltbild: Wenn es nach ihr ginge, so könnte das „Frauen-“ im Titel wohl gegen ein „Mütter“ ersetzt werden. Denn Frauen sind immer Mütter oder anders gesagt, die Frauen, um die „wir“ uns kümmern müssen, die „unsere Unterstützung“ brauchen, das sind die Mütter. Nicht die kinderlosen Frauen, nicht die Migrantinnen, nicht die Lesben (außer vielleicht, sie haben Kinder), nicht die …. Nein, es geht nur um die Mütter. Frauenpolitik erschöpft sich darin, sich irgendwo im Dunstkreis „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ zu positionieren. So ist es auch nur konsequent, wenn Schröder zum Thema Quote unter anderem folgendes sagt:
Schröder: Sie müssen sich auch einmal fragen, welche Frauen von einer Quote profitieren würden: wahrscheinlich jene, die keinerlei familiäre Verpflichtungen haben. Aber wollen wir nicht genau den Frauen mit Familie helfen? Deswegen müsste man, wenn überhaupt, theoretisch eine Mütterquote einführen, was praktisch aber unmöglich ist.
Das ist also das Frauenbild unserer Ministerin. Erstmal schön den Auftrag der Gesellschaft erfüllen und brav reproduzieren und dann sehen wir mal weiter. Was wäre das auch für eine Welt, in der Frauen ohne familiäre Verpflichtungen von einer Quote (oder gar anderer Frauenförderung) profitieren würden?
Was uns gleich zum nächsten Punkt bringt, der Gender Pay Gap. Auch hier zeigt sich Schröder völlig unbeirrt: Wirklich strukturell benachteiligt sind – natürlich – nur die Frauen mit den familiären Verpflichtungen aka Mütter:
„Erstens wird Frauen oft noch jahrelang nachgetragen, wenn sie für die Familie eine berufliche Auszeit genommen haben. Zweitens bekommen Frauen, die Teilzeit arbeiten, dafür im Schnitt rund 6,5 Prozent weniger Lohn als Männer.“
Und sonst? Nun, Frauen studierten eben Germanistik und Männer Elektrotechnik und
„Wir können den Unternehmen nicht verbieten, Elektrotechniker besser zu bezahlen als Germanisten.“
Aber warum studieren Frauen Germanistik? Vielleicht, weil es einfach zu viele Menschen wie Schröder gibt, die unterschiedliche Interessen von Jungen und Mädchen schon im Kindesalter als zementiert und biologisch gegeben erachten (denn dass auch de Beauvoir sie nicht überzeuge, wurde ebenfalls gleich zu Beginn des Interviews klar gestellt). So sagt sie im Zusammenhang mit einem ihrer Lieblingsthemen, der Jungenförderung:
Schröder: Wir müssen auch die pädagogischen Inhalte in Kitas und Schulen daraufhin prüfen, ob sie die Bedürfnisse von Jungs angemessen berücksichtigen. Mal überspitzt ausgedrückt: Schreiben wir genug Diktate mit Fußballgeschichten? Dafür interessieren sich auch die Jungs. Oder geht es immer nur um Schmetterlinge und Ponys?
Schmetterlinge und Ponys sind also die Germanistik der Grundschule und es ist anzunehmen, dass Artikel wie der aus dem Tagesspiegel von letzter Woche („…weil ich im stehen Pinkeln kann“, wir berichteten) für Schröder keinerlei Anlass sind, etwas an ihrer Einstellung oder Politik zu ändern.
Apropos Tagesspiegel. Dort war zu lesen, dass weibliche Jugendliche über ein weniger positives Selbstbild als männliche Jugendliche verfügen und weniger in ihre eigene Leistungsfähigkeit vertrauen. Sie wählten „in der großen Mehrheit geschlechterstereotype Berufe mit geringen Aufstiegschancen“. Und weiter heißt es:
„Wie stark Rollenstereotype Mädchen beim Lernen behindern, ist unlängst in der OECD-Studie „Equally prepared for life?“ beschrieben worden. Trotzdem ist es in konservativen Kreisen heute üblich, die Jungen als Opfer des Schulsystems zu betrachten und zu beklagen. Wenn man aber nicht nur auf die Schulabbrecher und die Haupt- und Sonderschüler schaut (unter ihnen übrigens auch ein sehr hoher Anteil an Migrantinnen), sondern auf die Persönlichkeitsentwicklung allgemein, ist festzustellen, dass weibliche und männliche Jugendliche am Ende der Schulzeit nicht gleichermaßen gut auf das Leben vorbereitet sind.“
Schröder hingegen sagt:
Schröder: […] Ich fand schon immer, dass wir das Thema Jungen- und Männerpolitik sträflich vernachlässigen. Es ist doch so: Früher hatte das katholische Arbeitermädchen vom Land die größten Probleme in der Schule. Heute sind es die Jungs aus bildungsfernen Schichten.
und
SPIEGEL: Wie würden Sie uns Jungs denn gern helfen?
Schröder: Ich will zum Beispiel dafür sorgen, dass es mehr männliche Erzieher in Kitas und Grundschulen gibt. […]
Es ist wirklich ein Jammer, dass „der Feminismus“ für Schröder vor Jahrzehnten stehen geblieben ist. Sonst wüsste sie, dass sie mit so einer Forderung bei vielen Feminist_innen wirklich offene Türen einrennt. Aber, liebe Frau Schröder, da schließt sich der Kreis zur Gender Pay Gap: Der Beruf der Erzieherin ist leider einfach zu schlecht bezahlt, das wollen nur wenige Männer machen. Die sind eben klüger als wir Frauen und studieren lieber Elektrotechnik.
Wie kommt nun angesichts all dieser Abgründe aber unter anderem Nele Tabler zu folgender Einschätzung:
„Dieses Interview und die Vorabmeldung sind auch ein Paradebeispiel dafür, wie zwei eingebildete arrogante Gockel versuchen, eine Frau zu diskreditieren, lächerlich zu machen, ihr das Wort im Mund herumzudrehen …“
Nun, sie hat Recht. Das gesamte Interview hinterlässt an vielen Stellen einen faden Beigeschmack, der sicher nicht nur durch die Antworten Schröders entsteht. Die Spiegel-Interviewer geben sich jovial-überheblich, finden sich selber wohl ziemlich lustig (das „Referat für Jungs“ wird da zum „Referat für die Opfer des Feminismus“), stellen übergriffige Fragen zu Schröders Privatleben und gefallen sich insgesamt sehr in der „jetzt führen wir die junge Dame aber echt mal vor“ Rolle. Über die Gründe dafür, sich angesichts der sich wirklich selbst entlarvenden Ansichten und Antworten Schröders für diese Art der Interviewführung zu entscheiden, könnte viel spekuliert werden. Das Mitleid mit Schröder hält sich allerdings im Hinblick auf ihrer klaren Distanzierung von allem, was nach Feminismus auch nur riechen könnte, trotzdem in Grenzen. Und ich hoffe wirklich, dass Nele Tablers Satz „Ach, Frau Schröder, ich denke ja, dass Sie in Ihrem Innersten doch eine Feministin sind!“ ihr nicht doch noch eine Verleumdungsklage einbringt.

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