Die Frauenquote findet ja immer mehr AngängerInnen, wie es gerade so scheint. Auch meine Arbeitgeberin hat dieses Thema als etwas entdeckt, worüber man mal reden sollte und sich das Ziel gesteckt, bis 2015 30% Frauen in Führungspositionen zu beschäftigen. Erreicht werden soll dieses Ziel mit mehr Kinderbetreuungsmöglichkeiten, flexibleren Arbeitszeiten und Heimarbeitsplätzen. Klingt erstmal toll und modern. Allerdings merkt man an den Maßnahmen sehr deutlich, wer sich das ausgedacht hat: weiße verheiratete Männer Mitte 50 mit durchschnittlich 2.1 Kindern, die davon ausgehen, dass Frauen diejenigen sind, die Familie und Beruf vereinbaren müssen.
(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
Wegen der Wohnsitzproblematik blieb für uns letztendlich nur die Option „Betriebskindergarten“. Aber auch dort sind die Plätze heiß begehrt und es bedurfte eines Wutausbruchs im Büro meines Chefs und mehrerer emotional sehr aufgeladener Gespräche mit oberen Führungskräften, um nach einem Jahr Wartezeit nun endlich ab Sommer das Kind an meinem Arbeitsort in den Kindergarten schicken zu können und damit den Status „Wochenendmama zu beenden.
Jetzt haben diese Männer also erkannt, dass sie das Potential ihres Führungsnachwuchses nicht voll ausschöpfen, weil ein Teil des Potentials ganz offensichtlich nicht beachtet wird. Und woran liegt das? Daran, dass die weiblichen High Potentials mit Kindern Beruf und Familie vereinbaren müssen. Da helfen wir denen doch mal ein bisschen und spendieren denen Kindergärten, flexible Arbeitszeiten und Heimarbeitsplätze. Nur: Die außertariflich Angestellten werden schon heute nicht nach Anwesenheitszeit bezahlt. Die somit bereits realisierten flexiblen Arbeitszeiten bedeuten in dem Zusammenhang hauptsächlich „Überstunden sind mit dem Lohn bereits abgegolten“. Und auch der Laptop, Zugang von einem externen Internetanschluss via VPN zum Firmennetzwerk und der Blackberry gehören zum Standard, so dass das Arbeiten von zu Hause aus bereits jetzt schon problemlos möglich ist. Diese vollmundig versprochenen Maßnahmen, größtenteils bereits etabliert, werden wahrscheinlich einfach nicht reichen, solange die männlichen Konkurrenten eben nicht das Problem haben, Karriere und Familie zu vereinbaren.
Die übernehmen nämlich das Modell der derzeitigen Führungskräfte und müssen sich deshalb keine Gedanken darüber machen, ob sie es schaffen, das Kind um 17:30 Uhr aus dem Kindergarten abzuholen, wie der Füllstand des Kühlschrankes ist, ob man als nächstes besser die Hemden oder die Unterwäsche wäscht. In den Gesprächen mit den oberen Führungskräften ist mir immer wieder bewusst geworden, wie wenig Problembewusstsein auf dieser Seite vorhanden ist, weil diese Männer einfach in ihrer Biographie die Erfahrung gemacht haben: Meine Frau kümmert sich um das Thema. Die Kinder seien mit 3 Jahren für 5 Stunden in den Kindergarten gegangen, und es war überhaupt kein Problem, den Kindergartenplatz zu bekommen. Wo jetzt genau mein Problem liege? Das Problem ist, dass das Kind noch keine 3 Jahre alt ist und bis zu 10 Stunden am Tag betreut werden muss.
Den männlichen Talenten wird durch die Verknüpfung von Frauenförderung und Kinderbetreuung wieder einmal signalisiert: Um Vereinbarkeit von Beruf und Familie braucht ihr euch nicht zu scheren, diese Problematik haben wir als Karrierehemmnis für die Frauen identifiziert. Das Problem sind nicht starre Anwesenheitszeiten oder dass man nur arbeiten kann, wenn man im Büro ist. Das Problem ambitionierter Frauen ist, dass sie eine gleichberechtigte Partnerschaft leben, in der beide Seiten für 50 % des Einkommens, aber auch für 50 % der Familienorganisation zuständig sind. Im karrieretechnischen Sinne belohnt wird nach wie vor das Lebensmodell, in dem der/die eine PartnerIn dem/der anderen PartnerIn den Rücken frei hält.
Ehrlich gesagt bin ich etwas ratlos, wie man diesen Mechanismus aus mangelndem Problembewusstsein und Belohnen des Replizierens des eigenen Lebensmodells durchbrechen kann. Und dennoch bin ich hoffnungsvoll, dass dadurch, dass dieses Thema gerade sehr heiß diskutiert wird im KollegInnenkreis, überhaupt erst einmal konkret darüber nachgedacht wird, warum es denn erstrebenswert sein kann für das Unternehmen, dass die Führungskräfteriege diverser besetzt ist. Und dass es vielleicht durch die angekündigten Maßnahmen auch den beruflich ambitionierten Männern, die eine gleichberechtigte Partnerschaft leben möchten, zugute kommt und so schlussendlich für alle ArbeitnehmerInnen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie vereinfacht und echtes Problembewusstsein mit der Beförderung nach oben transportiert wird.


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