Tradition ist nun mal Tradition

von Susanne

In Pakistans Parlament wird momentan über die „Tradition“ der so genannten Ehrenmorde gestritten. Anlass dafür ist ein schrecklicher Vorfall in der südwestpakistanischen Provinz Belutschistan. Die Süddeutsche Zeitung schreibt:

In einem abgelegenen Dorf des Bezirks sind fünf junge Frauen bei lebendigem Leib begraben worden, weil sie angeblich Schande über ihre Familien gebracht hätten. Drei von ihnen waren noch nicht einmal volljährig, zwischen 16 und 18 Jahre alt. Alle fünf hatten ihren Wunsch kundgetan, einen anderen Mann zu heiraten als jeweils jenen, den ihre Familien für sie ausgewählt hatten.

Bewaffnete Männer führten sie auf ein Feld vor dem Dorf, stellten sie in eine Reihe und schossen auf sie. Dann wurden sie in einen Graben geworfen. Sie atmeten noch, als die Männer sie mit Steinen und Erde zudeckten.

Nun wird im Parlament gestritten, denn in Pakistan werden Hunderte Frauen jährlich getötet, weil sie sich gegen eine arrangierte Ehe wehrten oder vergewaltigt wurden, weil sie sich scheiden lassen wollten oder fremdgegangen sind. Die genaue Zahl der getöteten Frauen kennt niemand, denn viele Morde werden nicht gemeldet. Gleich zu Beginn der Parlamentsdebatte meldete sich ein Senator aus Belutschistan zu Wort und sagte:

„Wir sollten dieses Ereignis nicht politisieren und negativ bewerten, das sind jahrhundertealte Traditionen, und ich werde sie auch künftig verteidigen.“ Zehri fügte noch an: „Nur wer sich unmoralisch aufführt, braucht sich zu fürchten.“ Es brandete Protest auf im Senat. Eine pakistanische Zeitung schrieb danach in ihrem Kommentar: „Die pakistanische Gesellschaft wird noch immer von Männern dominiert; Frauen werden nicht wie Menschen behandelt.“

Der Bericht in der Süddeutschen endet mit dem traurigen, aber vermutlich leider wahren Satz: „In aller Regel aber ebbt die Aufregung über solche Taten nach kurzer Zeit wieder ab.“




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Eintrag geschrieben: Montag, 1. September 2008 um 14:52 Uhr unter Gewalt, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. aries sagt:

    Ich frage mich immer …

    Was passiert mit männern, die sich der arrangierten ehe widersetzen. Oder trauen die sich das gar nicht erst?

    Und warum haben sich diese traditionen überhaupt erst herausgebildet und durchgesetzt? Welchen überlebensvorteil hat es?

  2. Steffie sagt:

    Ich glaube, mit den Männern passiert nicht viel. Sie können die Familienehre scheinbar nicht beschmutzen, höchstens mit Diebstahl oder so (hab ich kürzlich gelesen). Männliche Ehebrecher werden eben nicht gesteinigt, höchstens augepeitscht, was auch nicht toll ist, aber sie sterben dadurch keinen qualvollen Tod. Außerdem wird der Bedarf der Männer am Fremdgehen nicht so hoch sein, weil sie dürfen sich – sofern sie es sich leisten können – bis zu vier Ehefrauen nehmen. Für Männer ist auch vorehelicher Geschlechtsverkehr gestattet, den müssen sie aber mit irgendwelchen Frauen praktizieren können. Ich bin nicht informiert, inwiefern es Prostitution in islamischen Kulturen gibt (vielleicht kann mich jemand aufklären), aber wenn über unverheiratete Frauen noch strenger gewacht wird als über verheiratete (deren blutbeflecktes Laken in der Hochzeitsnacht als Beweis der Jungfräulichkeit gilt – bleibt solchen als Ausweichmöglichkeit nur Oral- oder Analverkehr) würde ich tippen, werden es eher die verheirateten Frauen sein, die für den Sex der Männer vor der Ehe in Betracht kommen.

    Mit Überlebensvorteil hat das nichts zu tun, sondern einfach mit der Aufrechterhaltung patriarchaler Machtstrukturen. Nicht immer ist die Ehe für beide Seiten arrangiert – natürlich gibt es auch das – oft sucht sich der Mann allerdings die wesentlich jüngere Frau (durchaus noch im Kindesalter) aus.