Einträge mit dem Tag ‘LGBTQI’


Inklusion, Voyeurismus und grauenvolle Ärzt_innenbesuche – kurz verlinkt

2. August 2017 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 357 von 364 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Artikel

Joscha Röder ist 13 Jahre alt, Autistin und körperlich behindert. Sie schreibt in der ZEIT über ihre bisherigen Erfahrungen mit Inklusionsbemühungen bzw. deren (enge) Grenzen.

Der WDR hat eine Dokumentation über trans Kinder und junge Erwachsene ausgestrahlt. Unpacking my gender box hat diese angeschaut und stellt fest: „Auch wenn die Respektlosigkeit und der Voyeurismus hier auf leiseren Pfoten daherkommt als vielleicht anderswo. Das macht es für mein Empfinden aber eher schlimmer als besser, weil es für weniger informierte Personen schwieriger wird zu erkennen, das etwas in der Darstellung problematisch ist.“

Moses jenseits des Regenbogens – LSBT-Geflüchtete in München“ heißt eine kurze Dokumentation, die das Mediennetzwerk queerelations gemeinsam mit anderen Partner_innen erstellt hat.

Englischsprachige Artikel

150 Records by Amazing African Women You Should Listen To“ – Großartige Liste von okayafrica. zum (Wieder)Entdecken alter und neuer Lieblinge.

Auf TheNib zeichnet Aubrey Hirsch in einem Comic ihre Ärtz_innen-Odyssee nach und wie lange sie als junge Frau nicht Ernst genommen wurde.

Inspirerende Wendung der Woche: „Reclaiming my time“!

Termine in Berlin, Bremen, Gersdorf, Halle, Merseburg, Würzburg:

2. bis 9. August in Gersdorf: Das Wer lebt mit wem? Camp lädt zu Diskussionen und Austausch rund um verschiedenste Zusammenlebensformen.

23. August in Berlin: Anlässlich des Internationalen Tages zur Erinnerung an den Versklavungshandel und an seine Abschaffung wird nun schon zum vierten Mal die (noch immer ausstehende) Umbenennung der kolonialrassistischen M*straße (fb-Link) in Berlin gefeiert.

7. bis 25. August in Bremen: Im August finden gleichzeitig die 20. Informatica Feminale und 9. Ingenieurinnen-Sommeruni statt.

21. September in Merseburg: Veranstaltung mit Mithu Sanyal: „Rape revisited. Warum wir über sexualisierte Gewalt sprechen, wie wir darüber sprechen„. (FB-Link)

29. September in Halle: Tagung zu „Was ist das für 1 Männlichkeit? Männlichkeiten zwischen Selbst- und Fremdbildern„. Anmeldung bis zum 11. September möglich.

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?


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Rabenmütter, Meerjungfrauen, (keine) Lichterketten – kurz verlinkt

14. Oktober 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 297 von 364 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Links

Wenn eine Mutter nicht mehr mit Kind(ern) leben möchte: Im ZDF gibt es einen Bericht über die Gründerin von Rabenmütter e.V.

Bei ZeitOnline schreibt Simone Dede Ayivi über Hilfe für Geflüchtete und Rassismus: „Hilfsbereitschaft schafft es leider nicht, unsere Köpfe von exotisierenden Bildern vom „Orient“, Vorurteilen über „die Araber“ und Ängsten vor „dem Islam“ zu befreien. Kuscheltiere zu überreichen und im Chor Ärzte-Lieder zu singen ist kein besseres Austreibungsritual als eine Lichterkette.“

Unterstützt die Kampagne zur Finanzierung des Drucks von Sharon Dodua Otoos Buch Synchronicity im englischen Original.

Der zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierung ist online.

Englischsprachige Links

Bald ist Halloween. Und anstatt diskriminierender Kostüme empfehlen wir ein Meerjungfrauen-Makeup!

Eine der bekanntesten Trans*-Aktivist_innen Ecuadors, Diane Rodriguez, gab bekannt, dass ihr Freund schwanger ist und beide ihr erstes Kind erwarten.

Eine lesenswerte Liste bei Autostraddle: „12 Incredible Indigenous LGBTQ Women and Two-Spirit People You Should Know„.

Anlässlich des #NationalComingOutDay verlinkte die Aktivistin und Filmemacherin („NO! The Rape Documentary“) Aishah Shahidah Simmons ein Video von 1996: „In My Father’s House„. Im Video kommen Familie und Freund_innen zu Wort und Simmons bespricht (internalisierte) Homofeindlichkeit, Sexismus, sexualisierte Gewalt und ihre Abtreibung.

Why intersectionality can’t wait“ argumentiert Kimberlé Crenshaw bei der Washington Post fast dreißig Jahre, nachdem sie erstmals über das Konzept schrieb.

Termine in Frankfurt a.M. und bundesweit

Am 30. Oktober 2015 findet ALICE – Die LGBTI Karrieremesse für Juristen & Juristinnen in Frankfurt/Main statt.

Vom 26.10. bis 30.10.15 findet eine bundesweite Aktionswoche statt, in der an möglichst vielen Hochschulen und anderen öffentlichen Einrichtungen die öffentlichen Toiletten in all gender welcome Toiletten umgelabelt werden sollen.


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Demo in Münster, fette Fotoprojekte und Hetze gegen LGBT – kurz notiert

5. März 2014 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 232 von 364 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

Die Wissenschaft hat mal wieder festgestellt: Gewalt gegen Frauen ist ein endemisches Problem, schreibt die Süddeutsche Zeitung – gerade/auch in Europa, überdurchschnittlich in Deutschland. Leider gehen Berichte über die Studie kaum auf die unterschiedliche Betroffenheit unterschiedlicher Gruppen von Frauen ein.

Homo- und trans*feindliche Demos gibt’s nur in Frankreich und Spanien? Weit gefehlt: In Stuttgart gingen AnhängerInnen der CDU, AfD, katholischen Kirche, NPD und von PI sowie Evangelikale, Russisch-Orthodoxe und Piusbrüder auf die Straße, um gegen alles und jede_n zu hetzen, der_die nicht ihren Vorstellung von hetero und cis entspricht, wie queer.de berichtet.

Eine Gruppe Betroffener von sexualisierter Gewalt in der Kindheit möchte mit anderen Betroffenen diskutieren und sich zusammentun: Gegen sexuelle Gewalt.

Die Überparteiliche Fraueninitiative hat einen Neujahrsempfang gefeiert. Die Festrede von Frau Prof. Dr. Nivedita Prasad zum Thema Gewalt gegen Frauen könnt ihr online nachlesen.

Die Video-Dokumentationen zum No-Humboldt 21!-Kampagnenauftakt ist jetzt online.

Der Verein AfricAvenir International e.V. möchte eine neue Auflage der aufwändig gestalteten und informativen Publikation „50 Jahre Afrikanische Un-Abhängigkeiten – Eine (selbst)kritische BIlanz“ herausgeben. Ihr könnt sie dabei unterstützen und spenden.

AfricAvenir veröffentlichte außerdem folgende Pressemitteilung des internationalen NGO-Bündnisses „Völkermord verjährt nicht!“: „Deutschland muss eine würdige Rückgabe von entführten Gebeinen an Namibia vornehmen und sich für den kolonialen Genozid von 1904-08 entschuldigen. Alle Gebeine kolonisierter Menschen müssen den Nachfahren zurückgegeben werden.“

englischsprachige Links

100 Schwarze lesbische, bisexuelle, queere und/oder Trans*frauen, die du kennen solltest!

Schlank heißt gesund? Das ist Quatsch. Ein Comic stellt das eindrucksvoll dar.

Du möchtest bei einem fett-positiven Fotoprojekt mitmachen? Schick einfach ein Foto an Fat Body Politics.

Lupita Nyong’o hat einen Oscar als beste Nebendarstellerin für ihre Performance in „12 Years a Slave“ gewonnen (Charlott berichtete). Vor wenigen Wochen hielt Nyong’o auf dem 7. Black Women in Hollywood Luncheon eine beeindruckende Rede über Rassismus und Schönheit.

1940 gewann Hattie McDaniel einen Oscar für die beste Nebenrolle als Mammy in „Vom Winde verweht“ – als erste Afro-Amerikanerin überhaupt. Wegen den rassistischen Segregationspolitiken durfte McDaniel nicht mit den anderen weißen Schauspieler_innen an einem Tisch sitzen.

A propos (spärlich gesäte) Oscars für schwarze Schauspielerinnen: Anita Little schreibt beim Ms. Magazine über die unterschiedliche mediale Repräsentation von Lupita Nyong’o und Gabourey Sidibe.

Termine in Berlin, Frankfurt/Main, Küsten (Niedersachsen) und Münster (mehr …)


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Reproduktive Rechte im Kontext – der Winterpodcast

4. Februar 2014 von der Mädchenmannschaft

Winterzeit, Podcastzeit: Diesmal geht es um reproduktive Rechte und feministsche Debatten um jene.  Dazu gehören zum Beispiel Fragen wie: Für wen sind die „Pille danach“ oder Abtreibung relevante Themen? Nicht nur Frauen können schwanger werden, und nicht für alle Frauen ist schwanger werden können ein großes Thema – aus verschiedenen Gründen. An welche Personen werden überhaupt Anrufungen „eine Familie zu gründen“ gerichtet? Wem wird es eigentlich verunmöglicht?

Vor einer Woche haben sich accalmie, Anna-Sarah, Charlott und Nadia zusammengefunden und überlegt, was uns an dem Thema Reprorechte wichtig ist und welche Leerstellen sich in Debatten darum oft ausmachen lassen. Spoiler alert: Reproduktionsrechte betreffen den gesamten Lebenszyklus (na, wer hätte das gedacht ;) ).

Unten findet ihr einige vertiefende Links zu Dingen, über die wir gesprochen haben; mehr noch, wenn ihr zum Beispiel „reproduktive Rechte“ ins Suchfeld hier auf der Seite eingebt. Wie immer freuen wir uns über Feedback und besonders über Hinweise auf eigene Beiträge und auf Facetten, die wir nicht im Blick hatten.

Die Weltbevölkerungskonferenz Kairo 1994:

Abtreibung(srechte):

„Pille danach“:

Familienpolitik in der BRD:

Cissexistische Rechtslagen in Deutschland:

Behinderung und Sexualität:

Familienbilder und -mythen:

 


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Lesben und Schwule in Ostberlin, Rassismus zu Halloween, Klage gegen Karl Lagerfeld – kurz verlinkt

30. Oktober 2013 von der Mädchenmannschaft

Beiträge auf Deutsch

Jeder sechste Mensch in Deutschland ist armutsgefährdet. Besonders betroffen sind Frauen und Alleinerziehende.

Filiz Demirova, eine Romni, berichtet bei radioeins über ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus.

Auch ein Leben mit einer schweren Erkrankung kann glücklich, lebenswert sein. Ein besonderes Beispiel hierfür ist Hannelore Setter gewesen, die am 10. Oktober im Alter von 79 Jahren in ihrem Krankenhausbett gestorben ist. 60 Jahre hatte sie dort verbracht.

Wie viel zählt das Leben eines geflüchteten Kindes in einem Asylbewerber*innenheim in Deutschland? Für viele anscheinend erschütternd wenig, wie Familie Petrovic auf bittere weise feststellen musste. Ihr Sohn Leonardo wäre vor zwei Jahren aufgrund der unterlassenen Hilfeleistung mehrerer Personen beinahe gestorben. Nun hat die Staatsanwaltschaft Anklage eingereicht.

In der Schweiz wird gerade ein diskriminierender Rückschritt diskutiert: ein explizites Ehe-Verbot für homosexuelle Paare.

Ein Mann zeigt Angestellten der Deutschen Bahn gegenüber Zivilcourage – und wird dafür von ihnen rassistisch beleidigt, weil er Schwarz ist. Später stellt sich heraus: Der Mann ist der Landtagsabgeordnete Daniel Mack. Und plötzlich tut der DB alles furchtbar leid.

„Out in Eastberlin“ – ein neuer Kinofilm berichtet über das Leben homosexueller Personen in der DDR. Hier findet ihr den Trailer.

Ein blondes Kind lebt bei einer Roma-Familie – und sofort schreiben große europäische Medien von Kindesraub. Keno Verseck berichtet auf SPON von der Geschichte dieses antiromaistischen Ressentiments (siehe auch die englischsprachigen Links weiter unten).

Karl Lagerfeld äußerte sich mal wieder diskriminierend über dicke Menschen und insbesondere dicke Models und hat dafür nun – yeah! – eine Klage am Hals.

Hier könnt ihr für die Kampagne „Dritte Option“ spenden.

Beiträge auf Englisch

Eine vermeintliche Kindesentführung durch ein Roma-Paar fand medial große Beachtung und Anteilnahme – anders als die  Fälle, in denen Kinder aus rassistischen Gründen gewaltsam von ihren Familien getrennt werden. Discipline and Anarchy schreibt über den rassistischen Bias in Entführungsdiskursen (siehe auch die deutschsprachigen Links weiter oben).

Sexualisierte Ausbeutung und Gewalt stellten einen Grundpfeiler des Systems der Sklaverei in den Staaten der heutigen USA (und sicher genauso anderswo) dar. Akiba Solomon bespricht für Colorlines, in wiefern der Film „12 Years A Slave“  einen wichtigen, oftmals vernachlässigten Teil der Geschichte der  rape culture offen legt.

Wäre es nicht so ernst im echten Leben, könnte man inzwischen von einem regelrechten Krimi sprechen:  Ein Gericht hat das geradezu gewaltsam durchgesetze Anti-Abtreibungsrechte-Gesetz in Texas für verfassungswidrig erklärt.

Vitamin W berichtet über das Fotoprojekt „Alone Time“ von JJ Levine: Indem gezeigt wird, dass ein und derselbe Körper jegliches Geschlecht überzeugend verkörpern kann,  sollen herrschende Normvorstellungen über die zweigeschlechtliche Rollenverteilung in Frage gestellt werden.

Halloween steht vor der Tür und damit leider auch immer wieder Leute in Blackface oder Redface – wer nach wie vor nicht mitbekommen hat, das sowas rassistische Kackscheiße ist, geht ziemlich ignorant durchs Leben, hält Awesomely Luvvy fest. Inklusive praktischer Entscheidungsgrafik!

Queer-Gerechtigkeit bedeutet mehr als schwule weiße Männer, die mit ihren Beziehungen an die Öffentlichkeit gehen, erklärt Audrey bei Autostraddle.

Termine in Berlin, Mülheim an der Ruhr, Bochum und Bielefeld (mehr …)


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Speak up or walk out? (Teil 2 von 2)

10. September 2013 von Gastautor_in

Dieser Beitrag ist Teil 2 unseres Gastbeitrags von Claudus , der erste Teil ist gestern hier erschienen. Der Autor (cis, hetero, weiß, disabled) wohnt derzeit in Bayern, ist seit einigen Jahren queer-feministisch aktiv, schreibt gelegentlich Texte oder hält Vorträge zu Themen rund um Gender und Social Justice.

Sich mit den LGBT-Aktivist*Innen in Russland verbünden – nur wie?

[Hinweis: Ich werde im weiteren Verlauf dieses Beitrags die inklusivere Abkürzung LGBTQI verwenden, in den meisten Artikeln ist jedoch entweder von Lesbian and Gay, homosexual oder LGBT die Rede.]

Was wäre also zu tun und was bedeutet es auf die Betroffenen so zu hören, dass man nicht das eigene Verständnis aufdrückt, aber auch nicht inaktiv zusieht? Hier gibt es durchaus russische Aktivist*Innen, die sich offen für einen Boykott der Winterolympiade oder „alles Russischen“ aussprechen, so bspw. eine Gruppe in einem bei Queernations veröffentlichten Brief oder in einem Beitrag von Nancy Goldstein zusammengefasst. Allerdings widersprechen anderem wie das Russian LGBT Network, einer der größten Interessenverbände dieser Art, deutlich den Boykottvorhaben. Sie veröffentlichten unlängst ein ausführliches Statement zu dieser Frage. Neben dem Verweis auf den Fakt, dass Olympiaboykott in der Vergangenheit selten von Erfolg gekrönt war und weder die Boykotte der 1980er Olympiade in Moskau, noch derer 1984 in Los Angeles oder 1968 in Mexiko City groß etwas bewegt hätte, geschweige denn als relevant erinnert würden, sprechen sie sich deutlich gegen einen Boykott aus. Anstatt die Spiele zu boykottieren, so das Statement, wäre es eine einmalige Chance nach Sochi zu kommen und dort, vor Ort deutlich Stellung zu beziehen. Anstelle von Nicht-Olympia also die Hoffnung, die Spiele in eine große Pride Parade zu verwandeln oder zumindest die internationale Aufmerksamkeit zu nutzen, um russische LGBTQI-Aktivist*Innen sichtbarer zu machen.

Natalia Anatova, eine Bloggerin aus Russland, zeichnet sogar ein wesentlich düsteres Bild. Neben dem Hinweis, dass scheinbar in Russland „sexuelle Minoritäten“ der gebräuchlichere Begriff ist, setzt sie sich offen mit der Frage auseinander, inwiefern die russische Regierung wirklich als homophob zu bezeichnen ist, bzw. ob und wie westliche Interventionen wirksam sind bzw. sein können. Russland, so ihr Argument, hat keineswegs eine dezidiert homophobe Regierung, vielmehr ginge es Putin und Konsorten darum, zum einen innere Missstände zu übertünchen, zum anderen im Wesentlichen darum, sich als starke, das Zepter in der Hand haltende Macht zu präsentieren. Der „Westen“ wird hierbei von vielen Menschen in Russland als Feindbild beschworen, nachdem die wirtschaftliche Entwicklung nach dem Ende der Sowjetunion nicht die erhoffte allgemeine Verbesserung nach sich zog. Homophobie ist hierbei nicht ausschließlich ein Kurs der Regierung, sondern weit Bestandteil eines Alltagsverständnisses. Offen Widerstand zu zeigen gefährdet die prekäre Sicherheit des „Zumindest wissen wir, wie unsere Gesellschaft funktioniert“, wohingegen sich in Gesellschaft „normal“ zu verhalten bedeutet staatlichen Sanktionen zu entgehen. Aktivismus, wie etwa Pride Parades, stellen diesen „normalen“ Status Quo in Frage und wird daher als bedrohlich empfunden, so die Analyse Anna Arutunyans:

Und das zeigt einen zugrundeliegenden Konservatismus, dem es nicht um Gott und Waffen geht, sondern um etas tieferes, einzigartigeres: das tief-sitzende, vermutlich erlernte, Mistrauen gegenüber Provokationen und Konflikt innerhalb der russischen Bevölkerung. Es gibt einen Grund für dieses Mistrauen: Die Russ*Innen wissen, wie ihre Gesellschaft und ihre Regierung funktioniert und das man durch Kopf zu hoch zu halten und Krawall anfangen riskiert zerstört zu werden.

Wenn die Regierung diese dann als „westliche Intervention“ stigmatisieren kann und sich über homophobe Gesetzgebung noch deutlicher als starke Kraft ins Bild setzen kann und damit zumindest bei den 42% der russischen Bevölkerung, die Homosexualität gerne bestraft sähe, Sympathie sammeln kann, dann wird ein Boykott daran nichts ändern. Bedauerlicherweise, so Anatovas Fazit, können Menschen im Westen vor diesem Hintergrund wenig tun, außer die Geschehnisse in Russland weiter verfolgen und sie ermahnt Verbündete, nicht zu sehr auf symbolische Politiken zu setzen, wenn russische Aktivist*Innen selbst in der Form des Widerstands sehr divers sind und nicht geschlossen hinter offen inszenierten Veranstaltungen stehen.

Die eine, gute und richtige Lösung bieten diese Perspektiven für aussenstehende Aktivist*Innen nicht. Will man sich nach den verschiedenen Stimmen der russischen Aktivist*Innen richten, bleibt – ähnlich wie zuvor – die Bandbreite von Nichtintervention bis zum Boykott erhalten. Was allerdings all diesen Beiträgen gemein ist, ist die eine zugrunde liegende Bitte: Handelt gegen Homophobie, seid solidarisch, aber bleibt aufmerksam denjenigen Forderungen der Betroffenen gegenüber. Wer also aktiv werden möchte, sollte eventuell den direkten Kontakt zu entsprechenden Aktivist*Innen suchen und mit diesen klären, ob und wie ein Kiss-In, ein Boykott, eine Soliparty oder andere Formen des Protestes gestaltet sein sollten. Ein erstes Feedback zu einigen Kampagnen gab es unlängst in Form der Kampagne „From Russia With Love“, bei der sich russische LGBTQI für Solidarität aus aller Welt bedankten.


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